Ich muss mich heute noch ein Mal so für alle Reviews bedanken - *knuddelt eine Runde* - genießt euer Türchen 11 ;)
Türchen 11
Das brachte wieder Leben in mich. Ich schreckte aus der Starre hoch, die mich gefangen genommen hatte und überwand die Meter zu schnell, um noch rechtzeitig zu bremsen. Meine Knie knallten gegen die Couch und ich schob Maggie bestimmt zur Seite, die immer noch ungläubig auf Sam hinunter stierte.
Ich hätte es ihr liebend gerne gleichgetan, denn was ich in dem kurzen Moment sah, den ich mir nahm, um seinen Zustand zu checken, machte mir Angst. Höllische Angst.
‚Du passt auf deinen kleinen Bruder auf? Du würdest … alles für ihn tun?' ‚Ja, das würde ich.'
Warum kamen mir Michaels Worte jetzt in den Sinn?
Die Gestalt, die sich unter meinen Fingern immer wieder aufbäumte, war Sam. Ein Sam, voller Alpträume. Jemand, der die Hölle nicht verstehen konnte, obwohl er so viel mehr Zeit dort verbracht hatte als ich. Jedenfalls nahm ich das an.
„Sam", sagte ich leise, presste meine Hände auf die Wunde und fragte mich, ob Crowley ihn verbluten lassen wollte, nachdem er nun offensichtlich den einen Teil seines Deals eingehalten hatte. Ich traute dem Bastard nicht weiter, als ich spucken konnte.
‚Solange ich da bin, wird dir nichts Schlimmes passieren.'
Scheiße …!
Meine Finger konnten die Blutung kaum aufhalten. Ich zog mir das Hemd von den Schultern und presste es auf die Stelle, direkt über Sams Herzen. Das durfte doch wohl nicht wahr sein – erst überlebte er die Hölle, bekam seine Seele wieder, nur, um mir dann unter den Händen wegzusterben?
„Maggie?", fragte ich, ohne Sams Gesicht aus den Augen zu lassen, obwohl das schwierig war, denn inzwischen hatte Sam seine Hände genau dort. Er zerrte an seinen Haaren, kratzte sich über die Schläfen, die Wangen. „Maggie! Drück das verdammte Hemd auf die Wunde!"
Zwei Hände tauchten unter meinen Armen auf und mir blieb nichts anderes übrig, als ihr Platz zu machen, indem ich halb über Sam zum Sitzen kam. Ein Gutes hatte die Sache: Ich konnte ihn besser in Schach halten.
Keine Ahnung, wo meine Abneigung und Panik hin verschwunden waren. Es interessierte mich auch nicht wirklich. Ich musste Sam helfen.
„Sam", wiederholte ich und packte ihn an den Handgelenken. Die wahnsinnige Kraft, die ihm die Angst verlieh, brockte mir mehrere Versuche ein, bis ich endlich einen Weg gefunden hatte, das unstete Schlagen und Zucken unter Kontrolle zu bringen. „SAM!"
Reaktion gleich Null.
„Sam, hör mir zu", versuchte ich es weiter, wieder umgreifend, weil sein Arm mir gerade mit geballter Faust voran zu entkommen drohte. „Sam. Sammy … - es ist alles okay. Es ist vorbei. Du bist nicht mehr dort."
Nicht einmal eine Sekunde hielt das Zögern an, der ganze Körper versteift, wie in Stein gemeißelt – aber es war unleugbar da.
„Es ist okay. Du bist in Sicherheit. Egal, was du gerade siehst, es – ist – nicht – real!"
Die Erkenntnis, dass seine Seele wieder da war … die Fragen und all die anderen Dinge – sie mussten warten, bis das hier vorüber war. Wir würden uns dort durcharbeiten, wie immer. Herausfinden, wie es funktionierte.
„Du bist nicht mehr in der Hölle, okay? Ich weiß, es ist … es tut weh. Ich weiß es, Sammy. Das geht vorbei. Es ist vorbei. Es wird besser."
Irgendwie schaffte ich es, eine seiner Hände unter seinen Körper zu klemmen und meine eigene frei zu bekommen, mit der ich sein Gesicht zu mir drehte. Seine Augen waren zusammengepresst, die Lippe blutig gebissen. Ich hinterließ dunkelrote Striemen an seiner Schläfe.
„Das wird aufhören, ich verspreche es. Aber jetzt bist du dran, du musst dort raus. Egal, wie müde du bist, schau dich um."
Sam war schon immer ein luzider Träumer gewesen. Damals als Kind schon hatte er Alpträume kaum von der Realität unterscheiden können und erst später, als sein Leben schon Teil dieses Alptraumes war, weil er wusste, dass es Monster gab … erst da hatte er gelernt, seine Träume bewusst zu steuern.
Wenn dort drin wirklich Sam war, dann mussten wir nur den richtigen Trigger finden.
„Irgendwo sind die Schreie leiser, hörst du?"
Er wollte den Kopf zurück in die Kissen pressen, doch ich hinderte ihn mit einer kurzen Bewegung daran. Wenn er jetzt auswich und zurück in die Fänge der Hölle stolperte, dann wusste ich nicht, was ich tun sollte.
„Such diesen Ort. Geh einfach los und such ihn. Es ist egal, was du siehst. Es ist nicht real. Es ist nur ein Traum. Schau dich um. Nichts kann dich festhalten. Du richtest deine Aufmerksamkeit jetzt nur auf diesen stillen Ort."
Meine Finger wanderten über seine Stirn, seine zerzausten Haare, färbten rote Strähnen hinein. Es fiel mir gar nicht so sehr auf, dass die Deckenbeleuchtung angeschaltet war und ich deswegen alles so klar sehen konnte.
Sams Puls raste, der Schweiß stand in Perlen auf seiner Stirn und ich konnte die Tränen sehen, die sich zwischen den Wimpern aus ihrem Gefängnis hervorstahlen. „Es ist alles gut. Geh weiter."
Mann, ehrlich, wunderte es noch jemanden, dass ich kein Freund von Hypnose und Rückführungen in frühere Leben war? Vor allem, wenn diese Leben in der Hölle stattgefunden hatten?
„Dean?"
Ich hörte Maggie, aber mir fehlte die Zeit, um zu antworten. Wenn sie uns auf die Straße setzen wollte, dann konnte ich das verstehen. Wir brachten allen Menschen nur Unglück oder den Tod. Mom, Jess … Madison oder auch Lisa und Ben. Sich in unserer Nähe zu befinden war nicht sicher. Für niemanden.
Ein leises Wimmern drang zu mir herauf und ich besann mich zurück auf Sam. Die Adern stachen immer noch so grausam hervor und wenn sein Herzschlag noch einen Zahn zulegte, war er nahe am Kammerflimmern dran.
„Sammy, es ist okay. Es wird besser." Ich wiederholte mich. Und ich log. „Irgendwann werden die Alpträume weniger … sie hören auf. Die Erinnerungen werden erträglicher."
Und es war mir egal, solange Sam es durch diesen Mist schaffte.
Es war mir egal, dass Maggie und Cameron das alles sehen konnten. Sie kannten uns nicht. Sollten sie denken, was sie wollten. Wir würden gehen und weitermachen, wie es immer der Fall war.
Die Gegenwehr unter mir wurde schwächer. Ganz bewusst ließ ich Sams Handgelenk los, wartete aber griffbereit keine fünf Zentimeter darüber entfernt, ob das tatsächlich die richtige Idee war.
Er schien zu straucheln, öffnete die Finger, schloss sie wieder, bewegte den Arm.
Als suchte er.
„Die Wunde … - Dean?"
Diesmal horchte ich auf, wagte es sogar, zu Maggie hinüberzusehen. Sie war sichtlich verstört, aber ich rechnete es ihr hoch an, dass sie nicht einfach die Flucht ergriff oder Cameron schießen ließ, denn wie ein paar Stunden vorher auch blickte ich direkt in den Lauf seines Gewehrs.
Mir fehlte die Energie, um Angst zu haben.
„Was ist mit der Verletzung?", fragte ich, möglichst ruhig.
„Sie hat aufgehört zu bluten. Wie ist das möglich?"
„Das ist …" Ich zögerte, schüttelte den Kopf. Was sollte ich sagen? Dämonenmagie? Ein Denkzettel des neuen Höllenfürsten – oh, ja, hatten wir das nicht erwähnt? Das Fegefeuer bekommt wohl auch bald eine neue Führung, sobald sie es finden. Oh, Sarkasmus.
„Wer seid ihr?", fragte Cameron in die entstehende Stille hinein. „Oder besser gesagt: Was?"
Müde hob ich den Kopf, nahm Maggie das Hemd ab und rutschte von der Couch und gleichzeitig auch Sam hinunter. Meine Knie waren wackelig, aber mit dem drohenden Übergriff hatte das nichts zu tun.
„Wir sind Jäger."
„Jäger …"
Ich sah Cameron in die Augen und nickte. Ein Verstehen blitzte in seinen auf, das ich mir erst glaubte, einzubilden, dann wechselte er einen Blick mit Maggie und ich war es, der verstand.
„Wir wollen keine Umstände machen", erklärte ich vorsichtig und deutete auf das Gewehr, das jede Bewegung nachahmte, die ich machte, war sie auch noch so klein. Camerons Finger war um den Abzug gespannt. „Es gibt keinen Grund für uns, Probleme zu machen. Sie müssen keine Angst um ihre Familie haben, Sir. Wir werden …"
Ich musterte Sams jetzt bleiches Gesicht.
‚Wir werden weiterziehen' war ein Satz, den ich so nicht von mir geben sollte. Solange er keinen Muckser tat, war er mehr tot als lebendig - ich driftete innerlich ab - und obwohl er gerade schlief, war er mehr Sam als jede vergangene Sekunde, die er die letzten Monate in meiner Nähe war. Vielleicht sollten wir zu Missouri … nur, um sicherzugehen. Sie würde helfen können, redete ich mir ein.
„Wir sind keine Gefahr", schloss ich relativ harmlos und hob beide Hände zum Zeichen einer kapitulierenden Geste.
