Disclaimer: Die Charaktere in der folgenden Geschichte gehören nicht mir. Sie gehören Roman Polanski und dem Stage Management...
Zum ewigen Leben verflucht
- Die wahre Geschichte des Grafen von Krolock -
by Alarda
Kapitel 11: Niemals mehr allein...
Dunkelheit umfing ihn als Herbert wieder zu sich kam. Der Geruch trockenen, alten Steins und der schwache, leicht Feuchte Geruch unterirdischer Gewölbe, vermischt mit einem Geruch, der ihm seit frühster Kindheit vertraut war. Ein Geruch in dem sich Sandelholz und Lavendel mischten. Ein Geruch der keinen Zweifel über denjenigen zu ließ, zu dem er gehörte.
Er wusste, dass er nicht allein war, noch bevor er sich des Gefühls von langen Haaren und Brokat unter seiner Wange bewusst wurde. All das vermischte sich zu einem einzigen Eindruck, bekannt, tröstlich, und von Kindesbeinen an vertraut... Vater...!
Gütiger Himmel, waren sie immer noch in diesem feuchten alten Keller?! Seine Erinnerungen der letzten Nacht waren nicht sehr klar. Er konnte sich nur noch Bruchstückhaft an die letzten Ereignisse entsinnen. Der Angriff... der Mann, oder die Kreatur die ihn angegriffen hatte... Die letzte klare Erinnerung war sein Vater, wie er diesen Bastard von ihm weg zerrte. Danach - nur noch nicht zusammenpassende Eindrücke.
Herbert öffnete die Augen und hob den Kopf.
Es war dunkel- stockdunkel! - und er lag neben seinem Vater ausgestreckt in einem engen Raum. Moment, das war kein Traum! Gütiger Himmel, war das die Innenseite eines Sargs!?
Sein Vater lag scheinbar entspannt ihm gegenüber, ausgestreckt auf der Seite und sah ihn ruhig und ernst an. Vielleicht ein wenig traurig. Aber nicht so als sei diese ganze makabere Geschichte weiter ungewöhnlich...
Herbert ließ den Kopf wieder gegen die Brust seines Vaters zurück fallen.
„Ich träume das hier nur. Wenn ich später aufwache sitzt du neben mir an meinem Bett, und erzählst mir, wie töricht ich gewesen bin...
Oder ich wache auf und stelle fest, dass ich auch das, an das ich mich zu erinnern glaube, geträumt habe, und du wirst mich ermahnen, dass ich mich ernsthaft um eine geeignete Partie kümmern soll..."
„Ich fürchte weder noch, mein Sohn. Du bist wach. Und was du um dich herum gesehen hast ist kein Traum, sondern die Realität."
Herbert hob den Kopf und sah seinen Vater verwirrt und fragend an.
Statt ihm zu antworten hob sein Vater einen Arm und mit einem Knirschen glitt der schwere Granit des Sarkophag-Deckels zurück. Frische Luft strömte herein. Ehe Herbert sich versah war sein Vater auf den Beinen und zog ihn mit sich. Sie standen in der stockdunklen Gruft des Schlosses. Neben ihnen der offene Sarkophag neben dem seiner Mutter.
Herbert schüttelte den Kopf.
„Das wird immer makaberer..."
Graf von Krolock seufzte und schüttele traurig den Kopf.
„Hast du es noch nicht begriffen? Du bist tot, Herbert. Du bist letzte Nacht gestorben."
„Jetzt weiß ich ganz sicher das dass ein Traum ist! Wenn ich gestorben bin, wie kommt es das wir uns hier unterhalten?! Das muss der größte Unsinn sein, den ich jemals von dir gehört habe, Vater!"
„Weil ich auch tot bin." Eine weitere ruhige und völlig unsinnige Antwort, und doch blieb der Ausdruck trauriger Ernsthaftigkeit auf dem Gesicht seines Vaters der selbe.
„Du meinst wir sind beide tot und das ist das Jenseits?!" Herbert sah sich spöttisch um, immer noch außer Stande die Worte des Älteren zu akzeptieren. „Ein seltsamer Anfang, oder?! Außerdem: ich kann mich daran erinnern das du, als ich dich das letzte Mal gesehen habe durchaus lebendig und keinesfalls begraben oder in der Gruft beigesetzt warst!"
„Du hast geglaubt das ich lebendig war, Herbert. Das ist ein Unterschied. Du hast geglaubt, was du glauben solltest. So wie der Rest dieser Grafschaft."
„Was... was meinst du damit?" Herbert schluckte. Die Vorstellung das er doch nicht träumte begann sich zu festigen. „Ich verstehe das alles nicht, Vater."
Graf von Krolock schloss mit einem tiefen Seufzer für einen Moment die Augen, ehe er leise, mit gesenktem Kopf antwortete.
„Mein Angreifer in jener Nacht im Wald war ein Vampir, Herbert. Ebenso wie der deine letzte Nacht."
Graf von Krolock hob den Kopf und sah seinen Sohn traurig an.
„Nur im Gegensatz zu dir wollte mein... Schöpfer nicht das ich gleich sterbe. Er hat zugelassen, dass ich noch ein wenig Kraft zum Kämpfen hatte, aber innerhalb der nächsten Tage sterben würde. Wohl wissend was mein Schicksal sein würde und unfähig es zu verhindern...
Du warst für deinen Angreifer ein Racheakt – und eine Mahlzeit..."
„Was... wie?"
Der Gesichtsausdruck seines Vaters wurde plötzlich kalt und hart.
„Es gibt andere als nur dich und mich. Sie hausen in einer verfallenden Ruine in Wald. Ich kann nicht zulassen, dass sie unkontrolliert alles und jeden angreifen, wie sie das offensichtlich für wer weiß wie lange getan haben. Ich bin der Herr dieser Grafschaft. Ich kann nicht dulden das sich jemand über mich stellt.
Und das stößt nicht bei allen auf Zustimmung. Tatsächlich sind wir beide jünger als die anderen. Aber die Notwendigkeit auch weiterhin als Graf zu fungieren, erfordert, dass ich sie wie alle anderen Bewohner die mir ihre Lehnstreue schulden, unter meine Obhut nehmen muss – zum Wohle aller, wie du verstehen wirst.
Doch ich fürchte mein Anspruch wird... angefochten."
Sein Gesicht entspannte sich wieder doch der Eindruck von Trauer und Wehmut blieb. Er sprach stockend und sehr leise weiter, beinahe wie ein kleiner Junge, der sich davor fürchtet ausgescholten und übers Knie gelegt zu werden.
„Du warst letzte Nacht dem Tod sehr nahe, mein Sohn. Vergib mir, wenn ich das nicht zulassen konnte... Ich hatte nur zwei Möglichkeiten: dich sterben zu lassen oder dich zu dem zu machen, was ich bin... Du bist letzte Nacht gestorben. Du bist kein Mensch mehr. Du bist ein Vampir. Du bist tot, aber du lebst..."
Herbert betrachtete seinen Vater mit großen Augen, wie ein Kind, das versucht etwas zu begreifen, dass nur halb innerhalb seiner Fähigkeit zu verstehen liegt.
„Und …. Mutter?" Es war kaum mehr als ein Flüstern.
Graf von Krolock schloss die Augen und presste die Lieder einen Moment lang fest zusammen.
Elisabeths Gesicht stand ihm schmerzlich deutlich vor Augen, ihr Lächeln... Verloren... Durch seine Schuld.
„Es war meine Schuld... Ich hätte sie genauso von mir fern halten müssen wie dich... Ich hätte es wissen müssen..."
Einen Moment lang trafen sich sein und Herberts Blick. In den Augen seines Sohnes lag Unglauben, eine störrische Weigerung die schreckliche Wahrheit zu akzeptieren.
Einige Augenblicke noch und er würde ihn mit dem Hass ansehen, den er verdiente – und von dem er dennoch wusste, dass er ihn nicht ertragen konnte.
Graf von Krolock zog den Dolch hervor, den er stets versteckt bei sich trug und presste ihn in Herberts Hand.
Dann riss er mit wenigen fließenden Bewegungen Wams und Hemd auf und entblößte seine Brust.
Mit gesenktem Kopf und ausgebreiteten Armen sank er vor Herbert auf die seine Stimme war gefasst und ruhig und verriet nichts von dem, was in seinem Inneren vorging.
„Wenn du meiner Existenz ein Ende machen willst, dann tue es. Ich werde es dir nicht verübeln. Es ist dein gutes Recht - und ich habe es verdient."
„Bist du von Sinnen?!" Der Dolch schlug heftig auf dem Steinboden auf.
„Dich töten?! Wie kannst du so etwas auch nur denken?"
Beim Klang der plötzlich schrillen Stimme hob Graf von Krolock den Kopf und begegnete dem Blick seines Sohnes.
„Du kannst mir nicht verzeihen was ich getan habe!" Blaue Augen, plötzlich so groß wie die eines Kindes, sahen zu dem jüngeren Man auf. Seine Stimme war ausdruckslos und trocken, wie die eines alten Mannes. „Ich kann es selbst nicht... Wie solltest also du dazu im Stande sein..."
„Das musst du schon mir überlassen... Vielleicht ist das ein Punkt, in dem ich wahrhaftig der Sohn meiner Mutter bin, wie du es immer gesagt hast... Aber auch deiner. Wie viel hast du mir in meinem Leben schon verziehen, Vater?"
„Du hast niemals eine solche Schuld auf dich geladen, Herbert. Deine Taten hatten niemals ein solch schreckliches Ausmaß..."
„Ich bin nicht dazu im Stande dir nicht zu verzeihen. Wenn du es nicht kannst, dann sollte es wenigstens einer von uns beiden tun. Und wenn du dich dadurch besser fühlst - vielleicht liegt das nicht so sehr meine Fähigkeit dir zu verzeihen, sondern meine Unfähigkeit mich von dem Mann los zusagen, der mich großgezogen hat."
Für einen Moment, der sich ewig auszudehnen schien, sahen sich die beiden an. Diesmal trug Herbert den gleichen störrischen Gesichtsausdruck zur Schau, der so oft auf dem Gesicht seines Vaters lag und sprach mit der gleichen, ruhigen Gelassenheit, die so schnell niemand erschüttern würde.
Er meinte es ernst. Jedes Wort.
Vielleicht waren die verzweifelten Gebete der letzten Nacht doch erhört worden...
„Gesegnet seist du, Herbert..." Es war kaum mehr als ein Flüstern. Dann streckte er die Arme nach ihm aus. „Komm zu mir."
Herbert lies sich das nicht zweimal sagen. Mit wenigen langen Schritten stand er neben seinem Vater. Doch bevor er sich zu ihm hin knien oder ihn auf die Füße ziehen konnte, lehnte Victor von Krolock mit einem schweren Seufzen die Stirn gegen seine Rippen, einen Arm um Herberts Taille geschlungen.
Verwirrt und unsicher was er tun sollte, legte ihm Herbert einen Arm um die Schultern und tätschelte mit der anderen unbeholfen den Kopf seines Vaters.
Der Mann, den er zu kennen glaubte, verlor nicht derart die Fassung – er lies sich nicht so einfach gehen...
Doch was immer die Zukunft bringen würde, und was auch immer nun aus ihnen beiden geworden war – es vereinte sie umso mehr.
'Er wird sich wieder fangen... Er wird wieder auf die Beine kommen...'
Kaum hatte er das gedacht, erhob sich Graf von Krolock unvermittelt. Herbert sah ihn leicht von der Seite an, bereit ihn für dieses höchst ungewöhnliche Schauspiel aufzuziehen.
Doch die spöttisch scherzhaften Worte erstarben noch bevor sie seine Lippen erreichten.
In den ruhelosen Augen seines Vaters stand kalter Zorn und sein Gesicht war angespannt und grimmig. Er hätte den Leibhaftigen zu Tode erschrecken können, so wie er Herbert jetzt ansah.
„Vater, was...?"
„Es gibt eine Rechnung zu begleichen," antwortete Graf von Krolock, seine Stimme kalt und hart wie Stahl. „Und genau das gedenke ich zu tun! Sie werden für ihren Ungehorsam und diesen Frevel bezahlen, das schwöre ich!"
Herbert runzelte verwirrt die Stirn. Er begriff nur unvollständig. Die wenigen, knapp zusammengefassten Tatsachen, die ihm genannt worden waren, verbanden sich nur sehr langsam zu einem sinnvollen Gesamtbild... Außerdem fühlte er sich schwach und hungrig, was ihn zusätzlich etwas benommen machte.
Für einen Moment entspannte sich Graf von Krolock. Und seine Stimme war so sanft und aufmunternd, wie so oft, als Herbert noch klein gewesen, oder wenn er etwas ausgefressen hatte und nach der wohl verdienten Standpauke vollkommen zerknirscht vor seinem Vater saß...
„Dein sterbliches Leben haben sie dir genommen, Herbert. Und dafür werde ich sie zur Rechenschaft ziehen. Was für ein Vater wäre ich dir, wenn ich das ungesühnt auf sich beruhen ließe? Du bist völlig verwirrt, armer Junge, ich weiß. Aber deine Fragen müssen warten. Noch. Ich kann das hier nicht einfach auf sich beruhen lassen. Und ich werde keine Ruhe haben, ehe getan ist, was getan werden muss. Du würdest mich vorher nicht als einen zumutbaren Gesprächspartner finden... Du hast Fragen, du hast Hunger... Ich weiß. Glaub mir, ich weiß was ich von dir verlange, aber kannst du geduldig sein, bis ich wieder zurück bin?"
Herbert nickte. Ein simples 'Ja, Vater' wäre ihm im höchsten Maße unpassend erschienen.
Sein Lohn war das viel zu selten gewordene Lächeln seines Vaters, so offen und voller Wärme, wie er es von Kindesbeinen an kannte. Die beiden langen Eckzähne, die er dabei entblößte, taten dem keinen Abbruch. Sein Vater war stolz auf ihn, er konnte es fühlen.
Eine lange, magere Hand drückte einen Moment lang Herberts Schulter.
„Warte hier auf mich. Verlasse dieses Gewölbe unter gar keinen Umständen. Und tue nichts, was das Gesinde auf dich aufmerksam machen könnte. In deinem jetzigen Zustand darfst du ihnen nicht nahe kommen. Um deiner und ihrer Sicherheit willen gleichermaß du mir dich daran zu halten?" Sein Vater sah ihn durchdringend an und er klang seltsam eindringlich.
„Ich verspreche es, Vater."
Mit einem leichten Nicken wandte er sich um, und an der Art und Weise wie der Graf davon ging wusste Herbert nur all zu gut, dass jemand in dieser Nacht seinem schlimmsten Alptraum begegnen würde...
„Hauptmann, Hauptmann!" ohne zu klopfen kam der junge Bursche, der erst seit einigen Wochen zur Wachmannschaft des Schlosses gehörte, in das Wohnzimmer Hauptmann Alberts gestürmt.
Milde lächelnd wandte sich der alte Soldat ihm zu und achtete nicht auf seine Frau, die dem Burschen über ihrer Näharbeit beim Feuer hinweg viel sagende Blicke zuwarf.
„Ja, Wladislaw, was gibt es?" Sagte er milde zu dem kaum 15 Sommer alten Burschen. Er war gekleidet in die Uniform der Schlosswache, also hatte ihn wohl jemand hergeschickt und es war nicht wieder eine übereifrige Idee, die ihn hierher brachte. Auch wenn es nicht das erste Mal gewesen wäre, das der junge Wladislaw die Zeit und die Tatsache, dass der Hauptmann gerade nicht auf Wache war, vergessen hätte...
In diesem Schloss war eigentlich nur Graf von Krolock jederzeit ansprechbar wenn es dringend war, ohne dass der Herr deshalb ungehalten geworden oder sich gestört gefühlt hätte – nun ja, bis vor einigen Wochen jedenfalls. Seither hatte er Anweisung gegeben, sich bei Tage an den jungen Herren zu wenden, wenn es Angelegenheiten gab, die der Aufmerksamkeit seiner Exzellenz bedurften...
„Leutnant Jaromir hat mich angewiesen sofort zu berichten, dass der Graf Anweisung gegeben hat, sein Pferd satteln zu lassen. Aber es ist nicht angeordnet worden, eine Eskorte für ihn bereit zu halten! Hauptmann, er will das Schloss allein verlassen! Und ihr hattet Weisung gegeben, euch zu benachrichtigen, sollte er das tun!" Der junge klang außer Atem und holte kaum Luft ehe er ausgesprochen hatte.
Fluchend kam Albert auf die Beine.
„Teufel auch! Gut gemacht Wladislaw! Jaro hätte keinen zuverlässigeren Boten schicken können. Bestelle ihm mein Kompliment für seine Loyalität. Und nun beeile dich! Erstatte deinem Leutnant Bericht und dann fort auf deinen Posten mit dir!"
„Ja wohl Hauptmann!"
Und ohne einen weiteren Gruß oder eine Entschuldigung für die Störung hastete er wieder hinaus und schloss die Tür viel zu laut und zu heftig.
Seine Frau schüttelte missbilligend den Kopf. Doch Albert machte nur eine wegwerfende Handbewegung.
„Ich sollte mir wohl Seine Exzellenz vornehmen, Katka. Irgend jemand muss ihn dieser Tage zur Vernunft bringen. Und Jaromir hat leider keine Chance gegen diesen Dickschädel," sagte Albert bedauernd zu seiner Frau. „Ich schwöre, er ist der schlimmste Sturkopf, den diese Familie je hervorgebracht hat! Auf mich wird er hören, du wirst sehen... Man kann ihm schlechterdings verübeln, dass er in de letzten Zeit etwas neben sich hergeht, nach allem was der Mann durchgemacht hat..."
Er verabschiedete sich mit einem schnellen Kuss auf die Stirn von seiner Frau und hastete, ohne sich lange damit aufzuhalten, dass er gerade nicht seinen Waffenrock trug, davon.
Aber innerlich fluchte Albert.
'Dieser Mann wird immer schlimmer! Was ist denn nur wieder in ihn gefahren! Ich schwöre, seit die Herrin nicht mehr da ist um ihm den Kopf zurecht zu setzen wird er von Tag zu Tag exzentrischer! Und die Jungs kommen immer weniger mit seinen plötzlichen Launen zurecht!'
Er erreichte ihn gerade noch als Seine Exzellenz sich anmutig wie eh und je in den Sattel schwang, während ein Stallbursche den Rappen am Zügel hielt.
Er trug Reitstiefel und einen schlichten dunklen Mantel. Aber der Schein der Fackeln enthüllte ein besticktes Wams mit einem breiten Ziergürtel unter dem offenen Mantel, mit dem niemand, der ihn so gut kannte wie Hauptmann Albert, ihn je zu Pferd gesehen hätte.
Er hatte sich offensichtlich in aller Hast und nicht vollständig umgekleidet.
„Herr! Ihr wollt doch wohl nicht zu dieser späten Stunde ohne Eskorte ausreiten!"
„Wie ihr seht habe ich es eilig, Hauptmann," entgegnete Graf von Krolock kühl, während er die Zügel von dem Stallburschen entgegen nahm und ein bestimmter Ton in seiner Stimme warnte Albert, das er besser vorsichtig sein sollte.
„Ich kann mich nicht damit aufhalten zu warten, während eure Männer ihre Pferde satteln."
'Verdammter Dickschädel! Als hättet Ihr nicht gleich Anweisung geben können eine Eskorte zusammen zustellen als ihr danach schicktet euer Pferd zu satteln, wenn Ihr nur gewollt hättet!' dachte der Hauptmann bei sich, aber er antwortete bestimmt und mit dem seinem Lehnsherrn gebührenden Respekt.
„Ich bitte Euch, Exzellenz, denkt bitte an das letzte Mal als ihr ohne Eskorte fort ward! Ihr habt es versprochen, Herr."
Den letzten Satz sprach er leise und mit der Andeutung einer gewissen Intimität, die in den langen Jahren, die er diesem Mann schon diente, zwischen ihnen gewachsen war. Auch wenn sie gewisse Schranken, die ihren unterschiedlichen gesellschaftlichen Stellungen nie überschritten hatte.
Tatsächlich hatte Victor von Krolock in all der Zeit, die sie einander kannten, dergleichen häufig gelobt, ohne es jemals ernsthaft in die Tat umzusetzen.
Hauptmann Albert erinnerte sich all der Geschichten, die sein alter Hauptmann erzählte, als er als junger Bursche bei der Wache in Dienst genommen wurde... Eine Eskorte hatte Seine Exzellenz meist eher als Zugeständnis an seinen Hauptmann – als persönlichen Gefallen, den er dann und wann gnädig gewährte – akzeptiert. Und Albert hatte es immer gewusst.
Das er ihn jetzt darauf festzulegen suchte, sprach für die lange Zeit die sie einander kannten, für die Tatsache, dass es im Schloss zu Recht hieß, Hauptmann Albert 'stehe gut mit dem Grafen' oder 'genieße Graf von Krolocks besonderes Wohlwollen'.
Er hatte sich darauf nie weder etwas eingebildet noch hatte er es je für seine eigenen Zwecke missbraucht oder genutzt, dass seine Exzellenz ihm spürbar gewogen war. Doch diesmal war er bereit es darauf ankommen zu lassen.
'Irgend jemand muss ihn vor seiner eigenen Gott verfluchten Leichtfertigkeit bewahren!'
„Lasst wenigstens mich euch begleiten, Eure Exzellenz."
Der Graf fuhr ungewohnt ungehalten herum. Offensichtlich hatte Hautmann Albert gerade in seinen Augen eine unsichtbare Grenze überschritten. Ungewöhnlich für diesen Mann. Äußerst ungewöhnlich...
Seine Augen hart wie Stahl und das hagere Gesicht – gütiger Herr, er hätte Stein und Bein geschworen, dass er jedes Mal noch dünner war als beim letzten mal, wenn er ihn zu Gesicht bekam! - so angespannt, wie er es nie zuvor gesehen hatte.
„Es schien mir als sei Victor von Krolock - und nicht Hauptmal Albert - Herr dieser Grafschaft!" fauchte er. „Wenn ich eine Eskorte benötige bin ich selbst im Stande zu veranlassen, das eine solche bei meinem Aufbruch bereit steht! Ich brauche weder ein Kindermädchen, noch einen Wachhund!
Wenn Ihr auf Wache seid, dann kehrt gefälligst auf Euren Posten zück – und wenn nicht, dann widmet Eure übertriebene Fürsorge und Aufmerksamkeit Eurer Frau ! Ihr habt der Vorzug eine Gattin zu haben, die noch lebt!"
Damit stieß er dem Rappen unsanft die Versen in die Flanken und jagte im Galopp über den Hof und zum Tor hinaus.
Der Hauptmann blieb wie vom Donner gerührt stehen. In all den Jahren die er Graf von Krolock kannte, hatte sein Lehnsherr ihn nie so behandelt. Er konnte an einer Hand abzählen, wie oft seine Exzellenz in den 30 Jahren, in denen er hier diente die Beherrschung verloren hatte. Und niemals so wie heute Nacht.
Etwas stimmte nicht. Ganz und gar nicht. Sonst würde dieser Mann sich nicht so gehen lassen.
Zu der wie zu Salzsäulen erstarrten Wachmannschaft rief er hinauf: „Habt ihr nichts zu tun! Los, ihr habt es gehört! Zurück auf eure Posten mit euch! Er wird schon zurück kommen, und vermutlich wird er sich bis dahin wieder beruhigt haben. Mag sein er hat von seinen Schwestern Nachricht bekommen. Der Umgang mit dieser Bagage ist ihm noch nie bekommen. Himmel, ihr wisst wie er reagiert hat, als sie das letzte Mal hier waren! Das reicht, um jeden Mann in den Wahnsinn zu treiben! Und jetzt bewegt euch und arbeitet gefälligst für euren Sold!"
Sofort verschwand die angespannte Stille und auf den Wehrgängen kehrten wieder die vertrauten Geräusche der Wachmannschaft in der Nacht ein.
Nun, diese Gefahr war fürs erste gebannt. Er hatte den Männern einen Grund gegeben, den sie glauben würden. Bis morgen früh würde es ein Gerücht sein, das Wurzeln geschlagen hatte.
' Habt ihr es schon gehört? Der Graf hat von seinen Schwestern Nachricht! Und sie haben ihm zugesetzt wie immer! Seine Exzellenz war völlig aufgelöst... bla, bla, bla ….'
Der Hauptmann schüttelte den Kopf. Genau betrachtet war der Graf ihm jetzt sogar eine Gefälligkeit mehr schuldig, als ohnehin...
Nun, er hatte ebenfalls einen Befehl erhalten, nicht wahr? Er war nicht auf Wache heute Nacht. Und er hatte Katka zumindest einiges zu erzählen, sobald er zu ihrem bescheidenen Feuer in seinem Quartier zurückgekehrt war.
Unterdessen jagte seine Exzellenz in halsbrecherischem Tempo durch den Wald. Auf schnellstem Weg zu jener verfallenden Ruine, die sein Ziel darstellte. Und der Zorn, vom dem Hauptmann Albert einen Vorgeschmack erhalten hatte, war alles andere als verraucht.
Wenn überhaupt hatte der Zwischenfall im Schlosshof ihn noch genährt und vermehrt. Und für etwa eine halbe Meile bedachte er den Soldaten im Geiste mit Flüchen und Schmähungen.
In seinem Inneren brannte eine solche Raserei, dass er das Gefühl hatte, sie kaum körperlich enthalten und beherrschen zu können. Vielleicht fühlte sich Schwarzpulver so, kurz bevor es zündete – wenn es denn fühlen könnte! Eine schreckliche, sengende Wut die mit jedem Moment der verging, stärker und stärker wurde. In fast 50 Jahren war er niemals so aufgebracht gewesen.
Es war ein Gefühl, das nicht mehr nur ausschließlich menschlich war.
Er wusste genau das was er Mircea abverlangte war unvernünftig und selbstsüchtig. Aber er fühlte einen Hass in seinen Adern brodeln, der ihn schier erstickte.
Und es war höchste Zeit, dass er jene Ausgeburten der Finsternis in ihre Schranken wies! In dieser Nacht würde untotes Blut fließen für den Frevel der letzten Nacht!
Mircea schien zu fühlen was in ihm vorging, selbst als er dem Hengst in der Nähe des Gemäuers erlaubte, langsamer zu gehen, gehorchte er ohne Zögern, als er ihn von der Straße fort und bis in das verfallene Gebäude selbst lenkte. Sie waren kaum angekommen, als Graf von Krolock vom Pferd sprang.
Dieses mal war es ihm gleich ob er den Hengst später suchen musste. Er überließ ihn ohne weiteren Gedanken seinen eigenen Entscheidungen. Statt dessen stürmte er wie ein zorniger Tiger durch die Kapelle und ihre Ausläufer.
„Ich weiß, dass ihr hier seid. Kommt heraus! Alle! Sofort!"
Es dauerte nur wenige Momente ehe sie alle versammelt waren. Sie kamen aus den Schatten und dem gähnenden Schlund der Gewölbe unter diesem wahrlich gottverlassenen Ort.
Heraus geputzt, in der Pracht vergangener Zeiten, manche sogar passend zu ihrer Kleidung frisiert, sauberer und besser hergerichtet als er sie zuletzt gesehen hatte. Doch nie hatte er diese Geschöpfe mehr gehasst als jetzt!
„Wer von euch ist es gewesen?! Ich schwöre euch, ihr seid alle ein Haufen Asche bevor der Morgen graut, wenn ihr mir nicht antwortet!" Seine Stimme überschlug sich fast vor Zorn und sein Gesichtsausdruck hätte der eines wahren Dämons sein können...
Stille. Und dann...
„Herr, wir wissen nicht einmal wovon Ihr sprecht..." lies sich eine ängstliche, silberhelle Stimmer vernehmen. Es war ein Geschöpf, das ihm vorher kaum aufgefallen war. Sie musste kaum das heiratsfähige Alter erreicht haben. Im Leben musste sie ein hübsches Ding gewesen sein, mit ihren üppigen blonden Locken.
„Wollt ihr mich zum Narren halten? Ich soll euch glauben, das Borislaw in mein Schloss eindringt und meinen Sohn tötet und keiner von euch etwas davon weiß? Ich habe euren Schwur in Blut! Und Blut ist es, was ich von jedem fordern werde, der damit zu tun hatte! Wer mir nicht gehorcht ist des Todes! Ihr alle seid es, wenn ihr mir nicht antwortet!"
„Er... glaubte das ein Gewölbe unter dem alten Turm, das wir kürzlich entdeckten, bis zu eurem Schloss führen könnte..." Die tiefe Stimme war zögerlich und als sie vortrat, in ein graues Atlaskleid gewandet, welches seiner Mutter gehört hatte, hätte Graf von Krolock sie kaum wieder erkannt.
„Und warum hast du ihn nicht aufgehalten?!" Graf von Krolock funkelte die Vampirin mit kaum verhohlener Wut an, seine Stimme fast das fauchen eines gefährlichen Raubtiers.
„Er war... der Älteste unter uns..."
„Der einzige 'Älteste' den ihr noch habt bin ich! Ich bin euer Graf, der Herr darüber, ob ihr weiter existiert oder der Vernichtung anheim fallt! Ihr habt mir zu antworten für eure Taten und ihr habt keinen Anführer außer mir! Du hast deinen Schwur ebenso gebrochen wie Borislaw, Hildiko. Das ist das Ende deiner Ewigkeit!"
Die Vampirin senkte vor der unbarmherzigen Stimme den Kopf, sagte jedoch nichts mehr.
„Wer wusste noch davon?!" fuhr Graf von Krolock fort, ebenso stahlhart und kalt wie Eis wie zuvor, und mit einer Stimme, die alle Menschlichkeit verloren hatte.
„Wird's bald?! Oder muss ich dafür sorgen, dass meine Bauern ein Freudenfeuer veranstalten, das uns alle verzehrt?!"
Eine Gruppe weiterer Vampire löste sich aus der Menge. Manche freiwillig. Andere wurden gestoßen. Bemerkenswert.
Natürlich kannten sie die Anführer, gleich was sie ihm zuerst hatten vormachen wollen.
Er fixierte die Gruppe. Es waren fünf, Hildiko nicht eingerechnet. Vermutlich der harte Kern Kastors Anhängerschaft. Männer und Frauen gleichermaßen. Als er sprach war seine Stimme voller verachtender Herablassung, als seien sie nicht mehr wehrt als der Dreck unter seinen Stiefeln – das Clichè-Bild des Adels, wie sich kommende Generationen, hunderte von Jahren Später es sich ausmalen würden...
„Eure Gründe interessieren mich nicht. Ihr habt euren Eid gebrochen - ihr habt eurem Grafen nicht gehorcht. Ihr verdient es nicht mehr, weiter zu existieren. Ich kann keine Kreaturen von zweifelhaftem Gehorsam in meiner Grafschaft dulden! Und als geschädigter Vater verlange ich den Ausgleich eurer Schuld – in Blut!"
Aus einer geräumigen Tasche seines Mantels nahm er einige Dutzend Ellen Seils und warf es einem der übrigen Burschen zu.
„Bindet sie an die Bäume entlang des Saums der Lichtung. Vorwärts!"
Sie gehorchten. So oder so, das Exempel das er heute Nacht statuierte würde dafür sorgen, dass sie ihm nie wieder trotzen würden. Es würde keine weitere Warnung mehr geben – nur noch Vernichtung für sie alle.
Nach dem die Anführer wie befohlen fest gebunden waren, jeder an einem kräftigen alten Baum entlang dem Saum der Lichtung, zog er unter seinem Mantel seinen Dolch hervor. Jene gravierte Klinge, die auch Kastor zu Fall gebracht hatte.
Der Reihe nach schnitzte diese Klinge die Kehle des Übeltäters auf um danach das Herz zu durchbohren.
Graf von Krolock scherte sich nicht darum, dass er seine Kleidung ruinierte und Gesicht und Hände von Blut bespritzt und verschmiert wurden. Er tat was getan werden musste – und besänftigte seinen eigenen Durst nach Rache.
Aus einigen Fuß sicherer Entfernung beobachtete ihn die restliche Gruppe der Vampire dabei, wie er seinen 'Blutpreis' einforderte. Die letzte war Hildiko. Und an ihrem Rock wischte er die Klinge des treuen Dolchs ab, bevor er ihn in seine Scheide zurück steckte.
„Bindet sie nicht los! Die aufgehende Sonne soll endgültig ein Ende mit ihnen machen! Und verbrennt was von ihrer Kleidung übrig bleibt! Ich werde das morgen Nacht kontrollieren. Und ihr wisst was euch bevor steht wenn ihr mir nicht gehorcht! Das ist meine letzte Warnung. Ich werde euch keine Schonung mehr gewähren! Habt ihr mich verstanden?"
Undeutliches Gemurmel.
„Ich kann euch nicht hören!" antwortete der Graf kalt.
„Ja, Eure Exzellenz," kam es vielstimmig und deutlicher zurück.
„Diese Tunnel werden verschlossen werden. Ich will niemand von Euch ohne meine ausdrückliche Einladung oder einen direkten Befehl in meinem Schloss haben – ist das ein für alle Mal klar?!"
„Ja, Exzellenz," kam das vielstimmige Murmeln erneut.
„Seht zu, dass ihr euch daran haltet, sonst..."
Er lies den Satz in der Luft hängen ohne ihn zu beenden, doch alle spürten die unausgesprochene wilde und entschlossene Drohung. Der Graf wandte sich ohne ein weiteres Wort von der versammelten Gruppe ab und ging mit entschlossenen Schritten und Stolz erhobenem Kopf davon.
Er musste nur wenige Schritte gehen bevor er Mircea wieder fand. Er Hengst hatte sich nicht weit entfernt. Hätte er einen größeren Vertrauensbeweis fordern können? Wohl kaum.
Dankbar tätschelte er Mirceas Hals ehe er sich wieder in den Sattel schwang und der Hengst war nur allzu bereitwillig damit einverstanden die Umgebung dieses Ortes zu verlassen.
Etwa eine Stunde später kehrte Graf von Krolock in wesentlich vernünftigerem Tempo zurück.
Gesicht und Hände an einem versteckten Bach im Wald von verräterischen Blutspuren gereinigt und die schlimmsten, offensichtlichen Blutflecken so gut es ging von seiner Kleidung entfernt.
Er wusste nur allzu gut, dass er bei seinem Gesinde nicht mehr Aufsehen erregen durfte, als nötig.
Vermutlich sollte er sich morgen Abend Albert kommen lassen, um sich zu entschuldigen...
Er konnte wahrhaftig nicht noch mehr Gerede brauchen.
Im Hof angekommen stieg er würdevoll vom Pferd und warf einem der Torwächter im vorbei gehen die Zügel zu.
„Jaro!"
„Exzellenz?"
Die Gestalt des Unteroffiziers erschien über der Brüstung des Wehrganges nicht weit entfernt.
„Lass mir Igor rufen, ich will ihn in meinem Arbeitszimmer sehen, sobald ich meine Kleidung gewechselt habe."
„Ja wohl, Exzellenz."
„Und bestelle deinem Hauptmann einen Gruß. Ich habe ihm heute Nacht Unrecht getan und will es wieder gut machen. Ich möchte mit ihm sprechen. Morgen Abend, zwei Stunden vor Mitternacht soll er mich in meinen Gemächern erwarten."
„Selbstverständlich, Herr."
Mit einem knappen Nicken lies Graf von Krolock den Offizier stehen und betrat gemessenen Schrittes das Schloss.
Er entledigte sich seiner besudelten Kleidung – kein Stück davon würde je wieder vorzeigbar sein. Er betrachtete einen Moment lang bedauernd den Reitmantel, der ihm ein teures Stück gewesen war. Dann wurden alle Kleidungstücke ohne Umschweife den Flammen im Kamin überantwortet.
Gekleidet in ein dunkles Wams, dessen geschlitzte Ärmel das geringfügig hellere schwarze Leinen darunter zur Geltung brachte, und eine schlichte Hose, die die langen schlanken Beine betonte, betrat er seine Schreibstube, wo ihn Igor bereits erwartete. Der alte Haushofmeister wollte aufstehen, wie es der Brauch verlangte, aber Graf von Krolock gebot ihm mit einer Handbewegung Einhalt. Igor war alt genug um sein Vater sein zu können und führte den Haushalt noch immer mit fester, sicherer Hand. Sein Alter und sein Leistungen die er seit Jahrzehnten vollbrachte – verdienten Respekt.
„Igor, ich habe eine Aufgabe für Euch."
„Natürlich, Herr. Stets zu Diensten", entgegnete der alte Mann freundlich.
Igor fand sich unerwartet als Empfänger dieses so selten gewordenen Lächelns, das vor wenigen Monaten noch so freigiebig verschenkt worden war.
„Igor, Ihr seid vermutlich der Einzige in der gesamten Dienerschaft dem ich das glaube. Der einzige bei dem es keine bloße Höflichkeitsfloskel ist."
Vielleicht lag es an der Art wie er gesprochen hatte, aber plötzlich kam es Igor so vor, als ob der kaum fünfzehn Jahre alte Bursche mit dem ewig zerzausten, schulterlangen Haaren ihm wieder an dem großen geschnitzten Schreibtisch gegenüber saß, wie so oft nach dem Tod seines Vaters. Er war da, in den Augen dieses Mannes, der das strenge schwarz eins Witwers trug.
'Alle Welt behauptet, du bist nicht mehr der selbe wie früher, Victor von Krolock,' dachte Igor. 'Aber sie könnten sich nicht mehr täuschen... Alle die erlebt haben, wie es war als SIE fast starb, müssten es erkennen...'
„Und Ihr seid der einzige Adlige dem ich DAS glauben würde, Herr Graf," erwiderte Igor trocken.
Der Blick voller Wärme und Zuneigung, der einem weiteren kleinen Lächeln folgte, zeigte Igor, dass sich wahrhaftig nichts geändert hatte – zumindest nicht das, worauf es ankam.
Der Alte fühlte, wie ihm wie früher das Herz aufging und ertappte sich bei dem Gedanken 'Armer Junge', wie damals, nach dem Tod seines Vaters. Noch ein halbes Kind und mehr schlecht als recht auf die Bürde der Verantwortung vorbereitet, die ihm gleich einer Last auf die schmalen Schultern geladen wurde – wie damals als die kleine Sophia nicht lange nach ihrer Geburt starb und die Gräfin fast mit ihr... Victor von Krolock war kein halbwüchsiger Bursche mehr. Ihm gegenüber saß ein reifer Mann, der die grauen Strähnen und sonstigen Spuren seines Alters mit stolz trug. Aber das Gefühl blieb dasselbe...
„Was würde ich nur ohne Euch anfangen, Igor," schnitt die Stimme des Grafen in seine Gedanken. „Ihr seid wirklich und wahrhaftig die gute Seele dieses Haushalts..."
„Aber deshalb habt ihr mich wohl kaum kommen lassen, Herr, um mir das zu sagen?" entgegnete der Alte wissend und mit einem Schmunzeln.
Ein weiteres Lächeln voller Zuneigung. 'Direkt auf den Punkt, wie immer,' dachte Graf von Krolock. Und tatsächlich war es eine Eigenart, die er immer an seinem Haushofmeister geschätzt hatte.
„Nein. Natürlich nicht. Das wüsstet ihr auch ohne lange Worte. Igor... Ich muss Euch um einen Gefallen bitten."
„Ja, Herr?"
Graf von Krolock lehnte sich in seinem Stuhl zurück und sah den alten Mann eindringlich an.
„Ist Euch bewusst, dass die unteren Kellergewölbe des Schlosses, mit denen unter diesem verfallenden Gemäuer im Wald verbunden sind, Igor?" Seine Exzellenz klang besorgt und sehr ernst.
„Nein, Herr!" Igor sah seinen Herrn entsetzt an.
Natürlich reagierte der Alte schockiert und bestürzt. Normalerweise sprach niemand über diesen Ort...
„Aber es ist so, Igor. Gestern Nacht bin ich in den Gewölben gewesen – und auf jemand gestoßen, der mir versicherte von dort herein gekommen zu sein..."
„Wer, Herr?!" der alte klang aufgebracht und stand halb vom Stuhl auf, als wollte er sich den Übeltäter selbst vornehmen.
Der Graf machte eine wegwerfende Handbewegung.
„Irgendein armer, heimatloser Teufel. Ich habe mich darum gekümmert. Er stellt keine Bedrohung da." Gesprochen in der ruhigsten und gelassensten Stimme, die er meistern konnte. „Aber das ist nicht das Problem, Igor. Dieser Eingang – oder vielleicht auch Eingänge – müssen zugemauert werden. Ich kann nicht verantworten die Sicherheit der Bewohner dieses Schlosses in Frage zu stellen. Und wer weiß was sich sonst noch hier einschleichen könnte... Ich würde meinen Pflicht euch allen gegenüber vernachlässigen, wenn ich anders handeln würde. Ich kann einfach nicht dulden, das sich jeder hergelaufene Fremde Zugang zu meinem Haus verschaffen kann."
„Natürlich, Exzellenz. Ganz wie ihr wünscht, Herr," erwiderte Igor höflich, dienst beflissen wie seit jeher...
„Ich kann, wie Ihr wisst, natürlich nicht selbst alles Nötige in die Wege leiten, und..." hier seufzte Graf von Krolock tief und wie Igor nicht wusste, gespielt. Jetzt kam der Moment wo sich Wahrheit und Lügen unweigerlich vermischen mussten – tiefer und heftiger als die Veränderung einer kleinen Einzelheit.
„Igor, seit ich die Nachfolge meines Vaters angetreten habe, habt Ihr mich stets unterstü so oft in meiner Jugend habe ich ich Euch - im Vertrauen auf Eure Diskretion - anvertraut. Und ihr habt mich nie enttäuscht... Kann ich euch ein weiteres Mal auf ähnliche Weise behelligen – und auf eure Unterstützung hoffen?" Seine Exzellenz klang fast als spräche er zu seinem Vater, nicht zu seinem Haushofmeister.
„Exzellenz, wann konntet Ihr das nicht? Ihr wisst, ich war Euch schon zugetan, als ihr ein frecher, wilder Bub wart und den alten Grafen schier zur Weißglut getrieben habt..."
Ein wehmütiges Lächeln glitt über die Züge des Grafen, als er jener Tage gedachte.
„Was habt ihr auf dem Herzen, mein Herr Graf?"
Diese Aussage erinnerte Victor von Krolock so sehr an seine Jugend und daran warum er den alten Igor immer wie einen zweiten Vater geliebt hatte. Nein – mehr noch als seinen eigenen...
Wie oft hatte er ihn fragen hören ' Was habt Ihr auf dem Herzen, Junger Herr Victor?" Doch seit er selbst den Titel Graf führte, war es ihren Stellungen nicht länger angemessen, das der Haushofmeister seinen Herrn derartig anredete. Es schickte sich nicht...
Und doch schaffte es der Haushofmeister den Geist jener Zeit heraufbeschwören...
„Ihr wisst natürlich von meiner Krankheit..." begann er zögerlich.
„Ja, Herr."
Natürlich – wer wusste es nicht? Er hatte höchst selbst dafür gesorgt, dass diese Geschichte Fuß fasste...
„So unglaubwürdig es scheinen mag, es ist wahr... Und mehr noch, Igor... Mehr noch...
Ich fürchte, mein Sohn zeigt ebenfalls eindeutige, frühe Symptome. Ich fürchte, meine Versuche ihn durch Distanz zu schützen sind gescheitert – oder waren von Anfang an zum scheitern verurteilt, den es mag sein, dass es sich dabei um eine Krankheit handelt, die auch von einer Generation zur nächsten weiter gegeben werden kann..." Graf von Krolock war sehr zufrieden mit dem besorgten Klang seiner Stimme. Vollkommen natürlich und überzeugend. Er hatte sich wirklich selbst übertroffen...
„Ist es schlimm, Herr? Geht es dem jungen Herrn gut?" Besorgnis Sprach aus der Miene des Mannes – und aus seiner Stimme.
„So gut es einem jungen Mann unter diesen Umständen gehen kann, „ erwiderte der Graf mit einem Seufzen. „ Ich habe mich sofort um ihn gekümmert und dafür gesorgt, dass er gewisse Regeln einhält, doch... Es wird natürlich Auswirkungen auf seine weitere Lebensführung haben."
„Gewiss, Herr. Aber er kann damit leben." Seine Exzellenz entging die unverhohlene Hoffnung in Igors Stimme nicht.
'Gütiger Himmel, weiß der Bengel eigentlich, wie sehr ihm das ganze Gesinde eigentlich zugetan ist?!' dachte seine Exzellenz bei sich. Aber er antwortete in ruhigem, gefassten Ton.
„Selbstverständlich... Ich mache mir vielmehr Sorgen über das, was man darüber in der Gesindeküche erzählen wird. Wisst Ihr, Igor, ich bin mir darüber bewusst, was man von mir sagt. Und mir ist bewusst, dass Geschichten wie meine... ah... - Meinungsverschiedenheit – mit Vater Anselm nur dazu beitragen, das Gerede zu verschlimmern... Was wird man sagen, wenn nun auch mein Sohn..."
„Herr, wenn es sich um eine Erbkrankheit handelt, kann man Euch wohl kaum einen Vorwurf machen. Ich werde mich darum kümmern, sollten Eure … Befürchtungen eintreffen," fiel ihm Igor beruhigend ins Wort. Ein Zeichen der Vertrautheit die zwischen ihnen bestand. Und Graf von Krolock tadelte ihn auch nicht, für dieses kleinen Bruch der Etikette.
"Kein unnötiges Aufsehen erregen, Igor... Es muss nicht mehr Aufmerksamkeit darauf gelenkt werden, als es unbedingt sein muss... Ich bin mir jedoch darüber im klaren, dass ich mich um eine Lösung kümmern muss, was Geschäfte betrifft, die bei Tag erledigt werden müssen und es uns beiden nicht möglich ist zugegen zu sein. Ich kann Euch nicht noch mehr belasten. Ihr habt mit dem Haushalt mehr als genug zu tun..."
„Wahrlich, wahr gesprochen, Herr, aber ihr wisst, ich beklage mich nicht. Außerdem – ich bin hier um Euch zu dienen!" wieder klang er so beflissen und diensteifrig, wie ein Jüngling, der begierig ist, sich zu beweisen.
„Das ist nicht was ich sagen wollte, Igor. Diese Dinge müssen zunächst ohnehin warten. Ich werde mich sobald ich kann damit befassen – aber nicht in unserer gegenwärtigen Situation. Nicht, wenn ich mir ohnehin wegen mehrerer Dinge Sorgen muss..." Seine Exzellenz klang müde, und dieses mal war das Gefühl dahinter echt.
„Natürlich nicht, Exzellenz," beeilte sich der Alte, ihm zu versichern, als ob er ihn damit aufheitern könnte.
„Kümmert euch darum, dass die Kellergewölbe versiegelt werden. Niemand kann sich innerhalb der Schlossmauern sicher fühlen, wenn es jedem Wegelagerer gelingen kann sie zu unterwandern. Scheut weder Kosten noch Mühen, um dem Abhilfe zu schaffen, Igor. Ich will dass diese Arbeiten so schnell wie möglich abgeschlossen werden..." Graf von Krolock sah seinen Gegenüber bestimmt an.
„Ganz wie ihr wünscht, Herr." Igor machte einen Bückling, so gut er es im sitzen vermochte.
„Was nun unser... vertrauliches Gespräch betrifft... Ich verlasse mich auf Eure Diskretion. Nicht mehr als nötig, Igor. Und kein unnötiges Aufsehen." Wieder der sanfte, einnehmende Tonfall.. Und er wusste das dem Alten dabei das Herz aufging. Es war so einfach ihnen das zu geben, wonach sie sich sehnten, und sie so dazu zu bringe genau das zu tun, was er wollte... Aber war das nun Heuchelei, weil er ihre Empfindungen spüren und sie für sich benutzen konnte?
„Selbstverständlich, Herr Graf."
„Und Igor?"
„Ja, Exzellenz?" der Alte sah ihn milde erwartungsvoll an.
„Habt Dank. Ich würde niemand sonst darum bitten. Ich könnte mit keinen besseren Haushofmeister wünschen, Igor. Und alle Reichtümer dieser Welt und der nächsten können Eure Dienste nicht aufwiegen..." Er betrachtete ihn voller Wärme. Nein, es ist keine Heuchelei... Ich mag ihn wirklich. Und Freundlichkeit hat noch nie jemandem zum Schaden gereicht...
Igor lächelte. Ein mildes, fast väterliche Lächeln, dass nicht zu einem Haushofmeister passte. Doch er ahnte recht gut, worauf er Graf andeutet.
„Stets zu Diensten, mein Herr Graf, und wie immer ist es mir eine Ehre."
„Danke, Igor. Das ist alles. Ich werde euch nicht weiter eures viel benötigten Schlafes berauben. Ihr dürft gehen. Gute Nacht."
Igor erhob sich und verbeugte sich so gut es seine steifen Glieder erlaubten, eher er sich mit dem gewohnten Bückling zurück zog und Tür hinter sich schloss.
Als die schweren Schritte in der Ferne verhallten, atmete Graf von Krolock auf. Der erste Schritt war getan. Auf Igor war Verlass. Die Gerüchte würden sich nur langsam verbreiten. Und, so ihm das Glück gewogen war, nur solcher Art, wie Graf von Krolock es wünschte.
Seine Entscheidung war getroffen. Nun galt es sie auszuführen – um seiner und seines Sohnes Sicherheit willen.
Wenig später gesellte sich Graf von Krolock wieder zu seinem Sohn. Herbert ging unruhig in der Gruft auf und ab. Er beruhigte sich jedoch ein wenig als sein Vater ruhig und gefasst die schmale Steintreppe herab stieg.
Erleichterung zeichnete sich auf dem unnatürlich blassen Gesicht. Herberts Gesichtsausdruck war dem Grafen aus der Kindheit des Jungen vertraut, doch an diese Blässe, die das helle Haar und die grün-grauen Augen hervor hoben, würde er sich gewöhnen müssen...
„Da bist du ja endlich," war seien Begrüßung. „Was hast du die ganze Zeit gemacht?" Er klang fast vorwurfsvoll, als wäre sein Vater zu spät zu einer Verabredung erschienen...
„Das was ich dir erklärt habe, bevor ich ging. Gewisse... Kreaturen wurden zur Rechenschaft gezogen. Außerdem habe ich mich um eine Erklärung deines Zustandes bemüht – oder denkst du, es wird niemandem auffallen, dass auch du über Tag nicht mehr zu sehen bist?" Graf von Krolock sah ihn mit einer erhobenen Braue an.
Herbert senkte betreten den Kopf.
'Natürlich, darüber hat er mal wieder nicht nachgedacht...'
„Es gibt Dinge, die du lernen musst, mein Sohn. Tatsachen, deren Kenntnis von nun an wichtig sein werden..." begann Graf von Krolock vorsichtig
„Heißt das, ich habe meinen alten Magister wieder?" fiel ihm Herbert ins Wort und in seinen Augen ein spitzbübisches Blitzen.
„Ja, ich fürchte schon..." ein Hauch von Belustigung lag in seiner Stimme ob Herberts seltsam eifrigem Tonfall.
Ein Lächeln breite sich plötzlich über Herberts Gesicht aus.
„Oh, ich glaube, damit kann ich leben. Ich hätte nie gedacht das ich das einmal sagen würde, aber es ist mir hundert mal lieber, mich von dir schulmeistern zu lassen, als dass du mich am ausgestreckten Arm verhungern lässt, wie man so schön sagt, während du versuchst mich zu verheiraten!" er sah seinen Vater vorwurfsvoll an und seine Stimme sagte nur zu deutlich, was er von all dem hielt.
„Dafür gab es gute Gründe, wie du einsehen wirst..." antwortete Graf von Krolock ein wenig verlegen. „Außerdem dürfte ich dazu nun wirklich keine Chance mehr haben – meinst du nicht auch? Ich werde mich wohl damit abfinden müssen,dass du mich niemals zum Großvater machen wirst..." seine Stimme klang milde amüsiert.
Während Herbert seinem Vater ein breites Grinsen schenkte, verdüsterte sich jedoch der Gesichtsausdruck des Grafen.
„Ich hätte dich nicht in dies Geschichte hinein ziehen dürfen..." die traurige Wehmut hatte sich zurück in seine Stimme geschlichen.
Herberts Hände schlossen sich fest um seine Schultern. „Hör auf damit, Vater. Ich hätte dich auch nicht sterben lassen, wenn ich an deiner Stelle gewesen wäre... Wenn ich dich so niemals hergeben muss, ist es ein geringer Preis." Herbert sprach ruhiger, bestimmter Stimme.
„Du elender, unverbesserlicher Kindskopf! Hast du noch nicht begriffen dass das mehr bedeutet, als das du endlich aufgeben kannst jemals erwachsen zu werden?!" Aufgebracht funkelte Victor von Krolock seinen Sohn an, und sein Tonfall war – wie Herbert erfreut feststellte- genau derjenige, der jedes Mal einer Moralpredigt voraus ging. Gut! Wenn du dich ärgerst kannst du wenigstens nicht Trübsal blasen! Dachte er bei sich.
„Weißt du was, Vater? Es ist mir gleich!" Herbert grinste ihn herausfordernd an.
Ein Ausdruck zorniger Frustration dominierte das Gesicht des älteren von Krolock und er sah seinen Sohn vorwurfsvoll an. Herbert lachte.
„Schon besser, Vater! Nur zu, jetzt folgt meine erste Unterrichtsstunde! Dein Vortrag darüber, warum es mir nicht egal sein darf – und über die Konsequenzen?" er machte eine auffordernde Handbewegung.
Graf von Krolock sah Herbert auf eine Art an, in der sich versteckte Belustigung und Zorn mischten. Herbert brachte ihn schier zur Verzweiflung. Konnte dieser Bengel nie etwas ernst nehmen?!
Seine Antwort war eine Halbherzige Ohrfeige.
„Ich glaube hier ist eine Stunde über Respekt dem Lehrkörper gegenüber von Nöten, ehe ich mich einem solch gewichtigen Thema ansatzweise nähern kann!" doch versteckte Belustigung war deutlich in seiner Stimme zu hören.
Herbert schenkte ihm ein weiteres Grinsen, das seien Fangzähne in all ihrer Länge und Pracht enthüllte. Und Graf von Krolock musste es sich eingestehen. Ja, es war eine Erleichterung einen Gefährten zu haben. Dieses Geheimnis zu teilen, jemand zu haben dem er nichts vormachen musste... Und er wusste nur allzu gut: er hätte diesen Trost in keinem der Geschöpfe im Wald finden können..
Was blieb war ein wehmütiges, nach hallendes Bedauern, dass es seinen gutmütigen, leichtsinnigen Sohn hatte treffen müssen. Wehmut, nicht für seinen eigenen Verlust, sondern für das, was Herbert nie erleben würde. All jene Aspekte und Erfahrungen, die er in seinem viel zu kurzen sterblichen Leben nie hatte kosten dürfen...
Es war vollkommen natürlich als Vater nur das beste für sein Kind zu wollen.
Diesen Fluch an Herbert weiter zu geben mochte eine fragwürdige Handlung gewesen sein, aber die einzige Alternative zu einem stillen Tod in den Armen seines Vaters...
Doch wie konnte er es im Angesicht von Herberts unschuldiger Lebensfreude bedauern – gleich wie dieses 'Leben' aussehen mochte?
„Mein Sohn, mein Schüler – mein Freund... Nein, ich würde dich nie für irgend jemand eintauschen – und wenn es das Musterbild eines Sohnes und zukünftigen Grafen wäre..." Die Worte waren sehr leise, fast eine Liebkosung für die Ohren dessen, an den sie gerichtet waren.
Er erwiderte Herberts Lächeln.
„Komm jetzt. Es gibt viel vorzubereiten – und dein Studium wartet!"
Einige Nächte später sahen Vater und Sohn gemeinsam in der entfernten Stadtresidenz des Grafen. Sie waren allein hierher geritten. Das Gepäck war ihnen vorausgeschickt worden. Unterwegs hatten sie in einigen Gasthäusern entlang der Straßen den Tag verbracht. Bevor sie aufgebrochen waren hatte Herbert die untoten Untertanen seines Vaters kennen gelernt. Eine beeindruckende Erscheinung waren sie gewesen. Der dunkelhaarige Graf auf seinem schwarzen Hengst und sein hell haariger Sohn auf seinem hübschen Fuchs.
„Das, mein Sohn, sind unsere unsterblichen Vasallen. Ja, Unseresgleichen – doch nicht vom gleichen Stand! Das Schicksal unserer Familie, die Schicksalsschläge der vergangenen Monate – hier haben sie ihren Ursprung!" Einmal mehr sprach der Graf mit dieser kalten, harten Stimme, die Herbert in der letzten Zeit allzu oft hörte.
„Wer von ihnen hat..." begann er zögerlich.
„Du wirst ihn hier nicht mehr finden." Sein Vater unterbrach ihn kühl, seine Stimme voller Verachtung – ein Umstand, den Herbert seltenst erlebt hatte. „Er hat für seine Vergehen den Preis bezahlt – so wie jene, die verantwortlich waren für das, was mit dir geschehen ist. Ich nannte sie 'Vasallen', denn wie solche schulden sie mir die Lehnstreue. Aber ihre Stellung entspricht eher der von Leibeigenen."
Die Augen des Grafen waren so kalt und hart, wie Herbert sie selten gesehen hatte.
„Sie stehen unter Eid jedem meiner Befehle zu gehorchen. Jeder Verstoß ist mit der sofortigen Vernichtung des Übeltäters strafbar. In Anbetracht dessen was mit dir selbst geschehen ist, wird dir klar sein, dass ich auf die Belange meiner sterblichen Untertanen achten muss. Alle Bewohner des Schlosses stehen unter meinem besonderen Schutz. Doch abgesehen von jenen, die vom Schloss kommen oder dorthin unterwegs sind, ist es ihnen erlaubt auf Sterbliche Jagd zu machen, die sich in die entlegenen Gebiete dieses Waldes verirren. Denn auch ihre Belange darf ich nicht aus den Augen verlieren. Doch unter keinen Umständen dürfen sie Menschen zu Unseresgleichen machen oder etwas tun, das unsere Existenz enthüllen könnte. Das Recht darüber zu entscheiden steht allein mir als Graf zu."
Herbert nickte zum Zeichen das er gehört hatte. Seit früher Kindheit wusste er Anordnungen seines Vaters nicht anzuzweifeln oder ihnen zu widersprechen – zumindest nicht öffentlich.
Und der stählerne Ausdruck in den Augen Graf von Krolock machte ohnehin deutlich, dass nun nicht die Gelegenheit dafür sein würde.
„Und nun zu euch," redete er die versammelte Gruppe der herbeigeströmten Vampire an und seine Stimme wurde noch frostiger – falls dies überhaupt möglich war.
„Dies ist mein Sohn, Herbert von Krolock! Doch ihr habt ihn nur 'Junger Herr', 'Herr von Krolock' oder 'Eure Exzellenz' zu nennen!"
Herbert warf seinem Vater einen überraschten Blick zu. 'Eure Exzellenz' war streng genommen eine Anrede die einzig seinem Vater ob seines Ranges als Graf zustand. Doch es entging Herbert keineswegs die Andeutung, die sich hinter dieser Eigentümlichkeit verbarg.
„Euer Schwur gilt auch für ihn – und wie ich hat er keine Skrupel und wird die Drohung genauso ausführen, wie ich selbst. Also behandelt ihn gefälligst mit Respekt! Ihr braucht ihn des weiteren gar nicht erst um Milde wegen eurer ach so schlechten Behandlung anzubetteln – also behelligt ihn gar nicht erst. Die Entscheidungsgewalt liegt bei mir allein – und er würde es ebenso erfolgreich finden sich mir gegenüber für euch zu verwenden, wie es das wäre, wenn er desgleichen für seine Vettern und Basen versuchen würde – also seid gewarnt.
Den jungen Herren sprechen zu wollen ist des weiteren kein Grund, mein Schloss zu betreten. Ich bleibe bei meiner Entscheidung; der Zutritt ist euch strengstens verboten!
Ich werde zu jedem neuen Mond hierher kommen. Eure Anliegen können zu dieser Zeit – und nur zu dieser! - vorgebracht werden. Ihr werdet jedoch verstehen, dass ich aus bekanntem Anlass keine Neigung verspüre, mich heute Nacht etwaigen Bittgesuchen zu widmen. Ihr werdet euch bis zum nächsten Monat gedulden müssen.
Haben wir uns verstanden?" Ein grimmiger Ausdruck lag auf dem blassen, dünnen Gesicht des Grafen – und nur ein Tor würde ihm in diesem Moment trotzen.
Gemurmel erhob sich, doch auf eine viel sagend gehobene Braue des Grafen lies sich ein laut vernehmbares einstimmiges ' Ja wohl, Eure Exzellenz' vernehmen.
„Ich habe dem nichts weiter hinzuzufügen. Mein Sohn – es ist Zeit aufzubrechen. Der Morgen wartet nicht!"
Damit hatte er sein Pferd gewendet und sie waren in Richtung Stadt aufgebrochen. Zunächst hatte es Herbert aufgrund der frostigen Stille und der steifen Haltung seines Vaters es nicht für ratsam gehalten, ihn auf sein Verhalten den andren Vampiren gegenüber anzusprechen. Danach hatte sich einfach nie die Möglichkeit oder ein angemessener Augenblick ergeben.
Und nun hatten sie das große, bis auf sie beide vollkommen leere Stadthaus bezogen.
Herbert hatte keine Ahnung, was sein Vater getan und was er Hauptmann Albert versprochen hatte, aber irgendwie hatte er es geschafft, dass sie ohne Eskorte und Diener hierher gekommen waren.
Es hatte auch einigen Vorteil, wenn die eigene Stellung bewirkte, das einem jeder gehorchen musste, überlegte Herbert.
Auch wenn er vermutete, dass der Hauptmann nicht wusste, dass sie allein in der Stadtresidenz logierten... Wusste der Himmel was der Graf dem armen Man erzählt hatte. Herbert wollte es lieber nicht wissen...
Die Residenz war kein Schloss. Viel mehr ein großes, elegantes Herrenhaus. Drei Stockwerke, Mansarden für die Dienerschaft, die hier gar nicht dauerhaft unterhalten wurde, und seiner Herrschaft angemessen große, aber nicht übertrieben weitläufige Kellergewölbe.
Herbert war hier nie besonders häufig gewesen, hatte die Stadtresidenz aber in guter Erinnerung behalten.
Es musste jedoch eingestehen, wenn sie früher hier gewesen waren, war noch nicht alles mit Leintüchern bedeckt, sondern auf ihre Ankunft vorbereitet gewesen, mit einem gewissen Dienerkontingent in Bereitschaft, und fröhlich in den Kaminen brennenden Feuern...
Diesmal war es eine stille, fast heimliche Ankunft.
Ihr Gepäck hatte ein Bursche hierher gebracht, der in einem Gasthof auf sie gewartet hatte und den sie trafen, nachdem sie ihre Pferde in einem der besseren Mietstallungen abgeliefert hatten. Natürlich gehören Stallungen zu ihrem Stadthaus – aber wie sein Vater so treffend bemerkt hatte: sie hatten niemanden mitgebracht, der sich um Mircea und Apoll kümmern könnte...
Ihr Gepäck hatten sie selbst hereingebracht und die einzigen Vorbereitungen bestanden darin, in ihren Gemächern die Leintücher von den Möbeln zu entfernen und ihr Gepäck abzustellen.
„Wirst du mir jetzt endlich sagen, warum wir in aller Eile hierher gekommen sind – und wie es aussieht auch noch heimlich?" fragte Herbert, als er sich in dem kleinen Salon zu ihm gesellte, der Teil der Gemächer für den Hausherren war.
Sein Vater hatte sich auf einer Chaiselonge vor dem leeren Kamin bequem gemacht und starrte gedankenverloren in die leere Schwärze hinter dem Feuerrost.
Herbert ahnte woran er dachte. Zuletzt waren sie hier gewesen, als sein Mutter noch lebte. Doch würde er nicht geduldig warten, während sein Vater seiner Erinnerung nach hing.
Es war Zeit für Antworten.
Doch sein Vater überraschte ihn erneut. Kaum das er ihn angesprochen hatte hob er den Kopf und sah seinen Sohn ernst an.
„Dir ist klar, dass es einen Grund geben muss, aus dem du nur noch bei Nacht zu erreichen bist?
Wenn wir nicht wollen, dass bald die ganze Grafschaft weiß, was wir sind, müssen wir ihnen einen Grund geben, der glaubhaft ist. Wie du dich erinnerst bin ich selbst auch für eine Weile verschwunden – jedoch zu spät, so wie mir scheint, sonst wäre deine Mutter..."
„Nicht, Vater. Bitte."
Graf von Krolock holte tief Luft. Herbert sah wie sich die Sehnen in seinem Hals spannten. Und ihm wurde bewusst, um wie viel dünner sein Vater geworden war, während dieser sich offensichtlich beherrschte.
„Mir ist nichts besseres eingefallen, als alles mit einer Krankheit zu erklären. Die Leute niederen Standes wissen so beklagenswert wenig und es ist so schwierig ihnen neue Erkenntnisse beizubringen..." er klang fast resigniert.
„Und jene die zum gleichen Stand gehören?" erkundigte sich Herbert neugierig.
Es folgte ein bitteres, freudloses Lachen und ein abfälliger Ausdruck legte sich über das Gesicht des Grafen. „Weist du, ich wurde stets getadelt für die Art in der ich dich aufgezogen habe. Du hast deine frühe Kindheit bei uns verbracht, Herbert. Du hattest keine Amme, die ich mit in ihr Dorf genommen hätte. Deine Tanten haben gezetert, ich würde ich verzärteln und verhätscheln, weil ich mit dir in den Gärten gespielt habe, wie ein wilder Junge, weil ich dich auf meinen Schultern reiten lies..."
Ein wehmütiges Lächeln spielte um die Lippen des Grafen.
Einen Moment lang schwelgte auch Herbert in Erinnerungen an seine verwöhnte Kindheit. Das Bild, wie er sich lachend an den Rücken seines Vaters klammerte, die Hände fest in das lange, rabenschwarze Haar geklammert...
„Und du glaubst nicht wie oft dein Kindermädchen sich beschwert hat, wenn du nachts zu mir oder deiner Mutter geschlichen bist und dort nicht abgewiesen und zurückgeschickt wurdest..." fuhr sein Vater heftig fort. „Aber die Tatsache ist, dass du mich, wegen all der Zeit die ich mit dir verbracht habe, viel besser kennst als ich selbst deinen Großvater kannte. Himmel, das was ich wusste war mir schon zu viel! Ich habe meinen Vater nie so geliebt wie du deinen, Herbert. Du bist mir immer mehr als nur ein Sohn gewesen. Ich habe keinen engeren Freund als dich. Im Vergleich mit dir kennen mich meine Jugendfreunde beklagenswert wenig. Sie murmeln Plattitüden, sie sind seicht, halbherzig. Es ist so häufig unter Unseresgleichen, Herbert. Sie lächeln dir ins Gesicht und hinterrücks schärfen sie den Dolch, den sie dir zwischen die Schulterblätter stoßen wollen. Und die, die wir unsere Freunde nennen kennen uns nur so wenig, das sie uns die Dinge einfach glauben müssen, die wir ihnen anvertrauen. Und weil Krankheit, Schande und Ruin eines anderen der beste Klatsch ist, verbreiten sich diese Geschichten schnell und wurzeln tief. Wer könnte, wenn ich vorsichtig bin, herausfinden, das meine Krankheit eine Lüge ist? Du bist der Einzige der die Wahrheit kennt. Aber weil du jetzt dasselbe Schicksal mit mir teilst, musst du mit dem Geheimnis auch die Lüge mit mir teilen. Die einzige glaubhafte Möglichkeit ist eine Erbkrankheit. Die einzigen die ich mit meinem 'Verdacht' ins Vertrauen gezogen habe sind Igor und Hauptmann Albert."
„Was?!" Herbert sah seinen Vater hell auf entsetzt an.
„Ruhig, Herbert. Du solltest mich besser kennen," beruhigte Graf von Krolock gelassen – er sah fast ein wenig selbst zufrieden aus. „Sie glauben beide, ich sei krank. Sie wissen nur dass ich glaube, die ersten Symptome bei dir erkannt zu haben. Wir sind hier um auf einen Spezialisten zu warten. Sobald er hier war, werde ich eine Nachricht senden, denn ich kann nicht wissen, ob du oder ich ansteckend sind. Stellt sich heraus, dass es nicht der Fall ist, wird der Hauptmann mit einer Eskorte und einer kleinen Gruppe ausgewählter Bediensteter hierher kommen - darunter Darius und Romek. Es wird nicht schaden, die Geschichte mit der Krankheit zu festigen.
Wenn sie den Arzt und sein Urteil vor Augen haben, werden sie es umso sicherer glauben! Deshalb sind wir hier, Herbert: wir spielen Scharade!" Er lächelte auf eine Art die Herbert allzu deutlich sagte, das er sich gerade zu seiner eigenen Genialität beglückwünschte.
„Du hast etwas vergessen, scheint mir," Herbert klang wenig beeindruckt.
„Was?" Graf von Krolock klang nur milde interessiert, aber er sah Herbert auffordernd an. „Ich höre, meine Sohn?"
„Du willst einen Arzt kommen lassen der uns untersucht?! Wird er nicht sofort begreifen?!" Herberts Stimme klang ein wenig schrill und er hob beide Brauen um den strittigen Punkt zu verdeutlichen.
„Hat unser letzter Arzt erkannt, was mit mir passiert ist?" Graf von Krolock sah seinen Sohn mit einem traurigen Blick und viel sagend gehobenen Brauen an.
„Außerdem ist es ganz einfach, mein Sohn: ich bezahle einen Scharlatan dafür, dass er so tut als ob und das sagt, was ich ihm befehle. Er verdient sich ein neues Leben und wir haben einen offensichtlichen Beweis! Der Plan ist narrensicher, Herbert."
Er klang wie jemand, der sich gezwungen sah die einfachsten, und logischsten Zusammenhänge zu erklären.
„Wie willst du erklären, das wir nicht altern?" fragte Herbert herausfordernd.
„Nun, mit der Zeit werden wir die Zahl der Dienstboten im Schloss verringern. Ich denke, es ist möglich mit einer geringen Anzahl aus zukommen. Man könnte sie häufig auswechseln. Und bedenke: es gibt immer Sterbliche, die unter Ihresgleichen nicht erwünscht sind, die andere Menschen meiden müssen. Schutz, ein neues Leben, ein neues Zuhaue... Dafür übersieht man gerne so manches. Und ist die eigene Weste nicht mehr weiß, vergisst man gern und stellt nicht allzu viele Fragen..."
Er zuckte elegant die Schultern und lächelte nonchalant.
„Die Zeit wird zeigen ob meine Pläne zu etwas taugen. Verzeih mir, wenn ich kein Nomadendasein möchte, dass ich an meinem zu Hause und meiner Stellung festhalte..."
„Ist das der einzige Grund aus dem wir hier sind?" Herbert sah seinen Vater fragend an
„Nein. Du musst vieles lernen. Und abseits von Dienern die Tratschen und ein ewig wachsames Auge auf ihre Herrschaft haben, ist das leichter. Und in einer Stadt werden – vorausgesetzt wir sind vorsichtig – einige mysteriöse Tote oder Vermisste mehr kein allzu großes Aufsehen erregen, denke ich. Ich gebe an dich weiter, was ich weiß. Vielleicht lernen wir gemeinsam Neues... Und es mag uns dabei helfen auch auf dem Land unentdeckt zu bleiben...
Auf jeden Fall wird es einfach sein, dir beizubringen was du zum Überleben brauchen wirst während wir hier sind und ich nicht ständig meinen Hauptmann übertölpeln muss um allein das Schloss zu verlassen. Ich kann ihm seine Loyalität und Gewissenhaftigkeit nicht zum Vorwurf machen. Und natürlich kann ich ihm auch nicht sagen, dass er mit seiner Vorsicht viel zu spät kommt. Es war zu spät, lange bevor sie mich gefunden und nach Hause zurück gebracht haben..."
Er starrte einige Momente lang versonnen vor sich hin, offensichtlich in Gedanken verloren.
„Wenn ich nicht selbst angegriffen worden wäre hättest du es mir niemals verraten, nicht wahr?"
„Nein." Seine Antwort klang viel zu ruhig und bestimmt.
„Weshalb nicht?" Herberts Tonfall war traurig,verletzt.
Graf von Krolock sah tief in die Augen seines Sohnes, die denen seiner Mutter so ähnlich waren, eher er antwortete.
„Wer könnte etwas derartiges glauben, Herbert? Hättest du deinen alten Vater nicht für verrückt gehalten? Es ist noch gar nicht so lange her, da glaubte ich selbst Vampire sind nichts als Aberglaube und Ammenmärchen. Existent nur in der menschlichen Phantasie... Und selbst wenn du es geglaubt hättest – musstest du mich nicht für ein Monster halten, das vernichtet werden muss, wie alte Traditionen und Bräuche es gebieten?
Sieh mich an Herbert – was bin ich jetzt?! Und dennoch will ich keine Ende dieser Existenz. Nicht, wenn es vielleicht eine Möglichkeit gibt, den Prozess umzukehren..."
„Du bist immer noch mein Vater! Die gleiche Person, die ich mein Leben lang gekannt habe! Die mich geliebt und großgezogen hat!" entgegnete Herbert leidenschaftlich. Sein Vater schenkte ihm ein nachsichtiges Lächeln ehe er leise antwortete.
„Vielleicht... Aber ich bin kein Mensch mehr. Ein Teil von mir ist eine Kreatur der Nacht. Ein Monster, das sich von menschlichem Blut nährt und das die Schuld am Tod deiner Mutter trägt. Und es ist ein Teil der alles durchdringt...
Ich wollte nicht das du es weist. Ich wollte weder dein Mitleid, noch deine Hass.
Ich wollte das Beste für dich. Es ist eine traurige Wahrheit dass ich dich vor mir selbst beschützen musste. Distanz schien der einzige Weg zu sein...
Ich wollte deine Gefühle nicht verletzen...aber mir ist bewusst, dass ich es dennoch getan habe...
Dich dazu zu bringen dich auf die Suche nach einer passenden Gattin zu begeben schien mir die ideale Lösung für alle Probleme zu sein. Bis auf eins... Aber wie hätte ich dir erklären sollen, woher ich Dinge von dir weiß, die du mir niemals anvertraut hast - ja, die die über Jahre hinweg vor mir geheim gehalten hast?!"
Graf von Krolock sah seinem Sohn fest und bestimmt in die Augen.
„Ja, Herbert, ich weiß dass du dich nicht für Frauen, sondern für Männer interessierst. Ich habe es schon lange befürchtet. Du bist nicht so clever wie du denkst, weist du? Und du denkst so schrecklich laut, dass es mich manchmal fast in den Wahnsinn treibt!" in einer lebhaften Geste fasste sich an den Kopf und sah Herbert mit gehobenen Brauen viel sagend an.
„Und ich habe erst in den letzten Wochen gelernt, dich aus meinem Kopf auszuschließen.
Aber wie erklärst du einem Menschen, dass seine Gedanken für dich so offen sind wie ein aufgeschlagenes Buch in einer vertrauten Sprache und du seine größten Geheimnisse kennst?!"
Seine langen Finger glitten fahrig durch das lange grau schwarze Haar.
„In jedem Fall, die Tatsache blieb bestehen..." fuhr er schließlich, zu seinem Ausgangspunkt zurückkehrend, ruhiger fort. „...es war meine Nähe, die deiner Mutter zum Verhängnis wurde. Wie konnte ich das erneut riskieren?"
Er seufzte.
„Es gibt nicht mehr zu erzählen, Herbert. Jetzt weist du alles..."
„Tut es dir leid... dass du mich gerettet hast?" fragte Herbert vorsichtig.
Graf von Krolock zuckte zusammen und richtete sich kerzengerade auf.
„Ich habe dich nicht 'gerettet', Herbert. Wenn ich dich gerettet hätte, dann wärst du noch sterblich. Dann wären wir jetzt nicht hier... Ich säße jetzt an meinem Schreibtisch und du lägst friedlich schlafend in deinem Bett... Ich habe versagt, Herbert. Und ich habe dich nicht sterben lassen, wie es dein gutes Recht gewesen wäre..."
„Tut es dir leid, was du getan hast?" beharrte der jüngere Mann hartnäckig.
„Es tut mir leid, dass ich nicht da war um es zu verhindern..." gestand Graf von Krolock ausweichend. „ Aber bereue ich es, nicht zugelassen zu haben dass du stirbst? Das ist die Frage auf die du eine Antwort haben möchtest, nicht wahr?"
Graf von Krolock schüttelte den Kopf und machte ein schuldbewusstes Gesicht.
„Nein, muss meine größte Schuld schlechthin sein... Das selbstsüchtigste was ich in meinem ganzen Leben getan habe. Es sollte mir leid tun! Aber du bist noch bei mir - und wie könnte mir das leid tun? Nein, ich bereue es nicht!"
