Disclaimer: Wenn ich JKR wäre, hätte ich Kohle. Ich schreibe, weil es mir Riesenspaß macht. Bitte nicht klagen!
Dies ist die gebetate Version.
Minitinka: es tut mir echt leid, dass ich mich erst jetzt melde. Vielen Dank! Stell ruhig Fragen, wenn du welche hast. :)
Cassie
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Kapitel 10 – Der Fluch der Blacks/Blacks Sicht
Früher hätten mich Sachen wie ein paar Kratzer und Kälte gar nicht gestört. Früher war alles, was zählte, die Freiheit. Langsam werde ich verwöhnt... Oder einfach zu alt...
Dicke Nebelschleier schweben über die nasse Erde und die nächtliche Kälte scheint auch bis zu meinen Knochen durchdringen zu können. Die Berge in der Ferne sind kaum sichtbar im Nebel, der sich vollkommen um die Wälder gewickelt hat. Ich eile die enge, mit Kopfstein gepflasterte Straße, entlang, mit meinem Blick nach dem Haus suchend, das ich im Voraus für meinen Zweck ausgewählt habe.
Das Haus ist der Wohnort von Nymphadora Tonks, die einzige aus dem neuen Orden des Phönix, die erreichbar schien. Und außerdem habe ich keine Ahnung, wo Minerva wohnt. Kingsley Shacklebolt, einer der Mitglieder des Ordens, ist schon tot also bliebt nur Tonks übrig. Harry hat schon ein paar Namen der Ordensmitglieder von den Spionen aus dem Ministerium gekriegt, aber er hat nicht alle.
In Nachhinein scheint die Wahl ziemlich logisch. Noch eine Idee von dem genialen dunklen Prinzen. Tonks ist eine gutherzige und etwas naive Hexe, die, laut dem Prinzen, perfekt für meinen Zweck sei. Es tat weh, ihm so reden hören zu müssen, aber da ich keinen verletzen will, habe ich zugestimmt. Schließlich wird Tonks nicht schuld sein, wenn ich sie dafür benutze, mich in den Orden einzuschleusen. Dann wird jemand anderer schuld sein und das wäre Dumbledore.
In Ordnung, Black, du hast schon deinen Teil des Nachgrübelns gehabt. Du hast darüber tagein und tagaus nachgedacht und du bist immer wieder zum selben Schluss gekommen. Du kannst die dunkle Seite nicht verraten. Vielleicht hast du dafür keinen Schneid. Und außerdem möchte ich zurückkehren. Ich freue mich nicht auf das Kämpfen und bestimmt nicht auf das Töten und Harrys schwarzen Humor. Aber ich möchte Harry wiedersehen; ich möchte, dass Remus frei wird; und ich freue mich auf das Wiedertreffen mit Narzissa. Hermine auch. Sie ist eine schlaue und mächtige Hexe geworden.
Ich klopfe an der Tür, versuchend, das Klappern meiner Zähne zu ignorieren. Natürlich hilft es nicht, dass ich nur ein zerrissenes Hemd und Hosen trage, aber das ist alles ein Teil meines Plans. Keine Zauberstäbe, keine Magie und schäbige Klamotten, die meine Geschichte bestätigen werden.
Die Tür öffnet sich einen Spalt und ein Stab erscheint aus dem Nichts.
„Ich bin es," flüstere ich mit einer vor der Kälte heiseren Stimme. „Sirius. Tonks – mach die Tür auf."
„Sirius?" fragt eine zittrige Stimme.
„Beweise es," meldet sich eine männliche Stimme zu Wort.
Sein wann wohnt Tonks mit jemandem zusammen? Ist sie verheiratet oder was?
„In deinem dritten Jahr wolltest du dich mit einem Jungen im Tränkeklassenzimmer treffen und du hast unabsichtlich ein paar Phiolen zerbrochen," sage ich schnell. Denn ich habe schon darüber nachgedacht, da ich vermutete, dass sie mir solch eine Frage bestimmt stellen wird.
Die Tür wird aufgestoßen und das blasse Gesicht von Tonks erscheint im Türrahmen. Ein Zauberer, der den Stab in der Hand hält, zischt wütend und packt sie am Oberarm.
„Sei nicht lächerlich, Tonks, er könnte ein Spion sein!" sagt er.
„Nein," sagt Tonks mit einer schwachen Stimme und schaut mich dabei so an, als wäre ich ein Gespenst. „Nein, keiner weiß so was über mich. Das ist Sirius. Sirius!"
Sie wirft sich auf mich und zieht mich hinein. Merlin sei Dank, dass es Tonks gibt.
„Wo warst du?" flüstert sie, meinen Rücken reibend. „Wir dachten, du seist schon längst tot."
„Es ist nicht so leicht, einen Black umzubringen," scherze ich.
Sie gurgelt, was eigentlich Gelächter hätte sein sollen, und zieht sich zurück, um mich zu mustern. Sie schnappt nach Luft.
„Dir geht es nicht gut! Du siehst halbtot aus!" flüstert sie erschrocken.
„Nur ein paar Kratzer," sage ich, mich umschauend. „Ist das Haus sicher? Denn wenn jemand mich verfolgt..."
„Das Haus ist sicher," sagt der Zauberer, der mich noch immer argwöhnisch betrachtet.
„Komm, wir müssen dich heilen! Du solltest es tun, ich bin ein Vollidiot wenn es um so was geht," sagt sie, mich ins Wohnzimmer ziehend.
„Wo warst du all diese Jahre?" fragt sie als ich mich auf das Sofa setze und kurz die Augen schließe. Ihr Blick fällt auf meinen Unterarm und sie gibt einen gedämpften Schrei von sich.
„Ich hab dir gesagt!" schreit der Zauberer wütend, auf mein dunkles Mal deutend. „Er ist ein Todesser!"
„Ich bin genauso wenig ein Todesser wie du," erwidere ich etwas knapp.
Wer ist er überhaupt? Er kommt mir vage bekannt vor.
„Erkläre es also," sagt er, mit dem Stab noch immer auf mich deutend.
„Ich... habe einen ernsten Fehler begangen," sage ich kopfschüttelnd. „Ich habe Harry vertraut. Ich habe nur ihm vertraut und keinem anderen. Er hat mir Geschichten über Dumbledore erzählt und mir gesagt, er fürchte um mein Leben und wolle nicht, dass ich mich jemandem melde. Dass ich ihm vertrauen solle. Die ganze Zeit aber war er..."
„Ein Todesser?" flüstert die erschrockene Tonks.
Ich nicke nur und stöhne, mir die Schläfen reibend.
„Als er aus Hogwarts geflohen ist, bin ich mitgekommen. Aber bald ist mir klargeworden, dass er sich nicht vor dem dunklen Lord versteckt. Denn er war auch da."
Tonks wird blass wie der Tod und die Hand des Zauberers, der mich genau im Blick und seinen Zauberstab bereit hält, zittert heftig.
„Am Anfang habe ich natürlich gedacht, Harry gehe es nicht gut. Dass man ihn irgendwie verzaubert hat oder sonst was. Aber bald ist mir klargeworden, wie sehr ich mich geirrt habe. Sie haben mich in eine Zelle gesperrt... Dort war ich ein leichtes Ziel für die blutrünstigen Todesser, die in einer Laune für etwas Folter waren," erzähle ich ihnen.
„Bis ich einen Plan geschmiedet habe, zu fliehen," fahre ich fort. „Ich habe Harry überredet, ich wolle ein Todesser werden. Er hat mich freigelassen und ich habe das dunkle Mal bekommen. Ich habe Aufträge bekommen und auf meine Chance gewartet, zu fliehen. Das ist mir erst vor kurzem gelungen. Aber natürlich ging es nicht ohne Kampf. Meine liebe Cousine Bellatrix hat mich schön zugerichtet."
„Natürlich suchen sie jetzt mich, weil ich viel über ihre Pläne weiß," sage ich müde.
Die zwei wechseln Blicke und Tonks schluckt.
„Ich soll jemanden anrufen," sagt sie mit einer schwachen Stimme. „Dich zu einem sichereren Ort bringen."
„Tonks," sagt der Zauberer, nach ihrer Hand greifend. „Hör mal, das alles hört sich glaubhaft an, aber was wenn..."
„Du bist wirklich ein Idiot, Percy, weißt du das?" zischt sie wütend und entreißt sich seinem Griff.
Ach ja. Einer der Söhne von Arthur und Molly. Von Arthur, der jetzt tot ist, und von Molly, die in einer Zelle im Hauptquartier steckt. Und zu denken, dass das Ganze Hermines Werk ist...
Sie eilt davon und Percy und ich bleiben alleine im Wohnzimmer. Er mustert mich argwöhnisch mit dem Stab in Hand.
„Wenn du soeben geflohen bist," sagt er leise, „dann weißt du sicher was mit meinem Bruder passiert ist."
Leider ja. Oder um genauer zu sein, ich habe eine ziemlich gute Vorstellung, was mit ihm passieren wird.
Ich nicke und schaue zu Boden. Percy schnaubt und schüttelt den Kopf. Zu meiner Überraschung, als ich aufschaue, gleiten ihm Tränen über die Wangen und er wischt sich hastig das Gesicht.
„Hätte ich mir denken können," flüstert er bitterlich. „Mein Bruder war vielleicht der einzige, der die Wahrheit gewusst hat. Aber keiner hat ihm zugehört, ich eingeschlossen. Ich habe natürlich geglaubt, es sei Schwachsinn. Harry Potter, ein Schwarzmagier? Welch ein Unsinn. Ich habe nur gedacht, Ron sei auf ihn neidisch und deswegen verbreite er Lügen über ihn. Aber als ich erfahren habe, dass er Ron in der Schule angegriffen und ihm gedroht hat, habe ich meine Meinung geändert. Meine Mutter wurde auch langsam argwöhnisch."
„Meine Mutter..." flüstert er und schaut mich fragend an. „Ist sie auch...?"
„Nein," sage ich kopfschüttelnd. „Sie ist noch immer am Leben."
„Hast du sie gesehen?" fragt er mit einem Schimmer von Hoffnung.
„Sie ist in einer Zelle und Harry hat mir nicht erlaubt, sie zu sehen," sage ich traurig.
Erst jetzt wird mir klar, wie viel Schaden die dunkle Seite angerichtet hat. Zu viel Schaden. Sie hat eine gute Familie zerstört und auch tausende von Leben genommen, gute Menschen getötet und gefoltert. Kinder auch. Ich weiß sehr wohl, dass Harry an solchen Massakern teilgenommen hat. Und das sollen die Menschen sein, zu denen ich zurückkehren möchte? Menschen, für die ich lügen und betrügen werde?
Tonks ist zurück und sie lächelt mich schwach an.
„Ich habe soeben mit Aberforth gesprochen," sagt sie. „Er kommt. Percy, hast du ihn geheilt? Worauf wartest du nur? Dem Mann geht es nicht gut!"
Percy zückt seinen Stab und beginnt wortlos mein Bein zu heilen. Bellatrix hat es Spaß gemacht, mir dabei zu 'helfen', meine Verletzungen so real wie möglich zu machen. Und sie hat ein wenig übertrieben, wie immer. Und sie hat sich wie üblich nicht entschuldigt.
„Du wirst uns alles genauer erzählen wenn Aberforth kommt," sagt sie. „Hast du Hunger? Durst?"
„Mir ist übel, ich kann nicht essen," antworte ich. „Aber Wasser wäre sehr willkommen."
Als sie mir ein Glas Wasser bringt, leere ich es in einem Zug aus. In jenem Moment gibt es einen Wusch und wir hören Schritte.
Ich habe Aberforth Dumbledore nur auf Fotos gesehen, aber die Ähnlichkeit mit seinem Bruder ist beinah unheimlich. Das einzige, was fehlt, ist ein langer, weißer Bart.
Die blauen Augen fixieren gleich mich und er macht einen Schritt vorwärts. Der Leiter der hellen Seite in Person. Harry wäre in diesem Moment nur allzu gerne in meinen Schuhen. Aber ich weiß, was Harry tun würde also ist es vielleicht besser, dass ich hier bin.
Er zückt seinen Stab und wedelt damit. Ich spüre eine Welle Magie, die durch mich geht. Weißmagie... Ich habe schon vergessen, wie die Weißmagie sich anfühlt. Aber irgendwie entspricht dieses Gefühl nicht meinen Erinnerungen daran. Was hat sich geändert? Liegt es an der Tatsache, dass ich die ganze Zeit von Schwarzmagiern umgeben bin und meistens die dunkle Magie benutze? Natürlich gibt es keinen Zweifel, dass die Magie, die Aberforth Dumbledore soeben benutzt hat, Weißmagie ist. Aber warum fühlt sie sich so seltsam an?
„Das ist in der Tat Sirius Black," stellt er leise fest und mustert mich.
Aberforth Dumbledore ist etwas kleiner als sein Bruder es war, aber die gut bekannten blauen, schlauen Augen sind da. Sein faltiges Gesicht ist von grauweißen Haaren umrahmt aber es ist eigentlich sein ernster Ausdruck, der ihm das Aussehen von einer viel älteren Person verleiht, als er eigentlich ist. Seine Kleidung ist einfach und bequem, aber trotzdem kann man gleich erkennen, dass er ein Zauberer ist.
Sein Blick fällt auf mein dunkles Mal und er seufzt.
Wortlos setzt er sich und schaut mich an. In jenem Moment verspüre ich den Wunsch, ihm alles zu sagen, was ich weiß. Ihm zu sagen, dass ich ein Spion bin. Dass Harry und der dunkle Lord auf meine Nachrichten warten. Dass ich ein jämmerlicher Verräter bin, der sich von der dunklen Magie anlocken lässt.
„Ist dir jemand gefolgt?" fragt er einfach.
„Ich habe mich mit Bellatrix duelliert," sage ich. „Aber das geschah noch als ich auf dem Festland war."
„Also gibt es einen Ort, wo Voldemort sich niedergelassen hat?" fragt er.
Wir drei zucken zusammen aber die blauen Augen schauen mich weiter ernst an.
„Ja," sage ich leise, den Blick senkend.
Siehst du nicht, wie geschickt er dich dazu zwingt, die Geheimnisse der dunklen Seite preiszugeben? Das ist der entscheidende Moment, Black. Entscheide dich endlich.
„In Rumänien," höre ich meine eigene Stimme.
Ich kann es einfach nicht tun. Ich bin ein Schwächling und ein Idiot. Aber ich kann Harry nicht verraten. Das ist mir erst jetzt klargeworden. Was auch immer passiert, was auch immer ich von dem halte, was er macht und was er ist, eben was er darstellt, werde ich ihn nie verraten können. Er ist das einzige in meinem Leben, das mir bekannt und lieb ist.
„Warum Rumänien?" fragt Tonks überrascht.
„Keine Ahnung," sage ich achselzuckend. „Der Ort ist ziemlich isoliert und der dunkle Lord hat es unortbar gemacht."
„Verstehe," sagt Aberforth.
Schau mich nicht so an. Ist er ein Legilimentiker wie sein Bruder? Nicht einmal Harry oder der dunkle Lord wissen, ob dass der Fall ist. Nun... ich habe schon früh genug Oklumentik gelernt, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass ich einen direkten Angriff nicht abwehren könnte. Harry könnte es tun...
„Was ist passiert, seit du aus Azkaban geflohen bist? Wie es dir überhaupt gelungen?" fragt er einfach.
Ich beginne ihm zu erzählen, wie ich über Harry gelesen habe. Wie ich mich in meine Tierform verwandelt und den verdammten Ort verlassen habe. Wie ich Harry gefunden habe. Wie er mir erzählt hat, er vertraue Dumbledore nicht und ich solle mich keinem melden, keinem vertrauen, außer ihm. Wie ich bei den Malfoys gewohnt habe. Wie ich ihn gesucht habe, als ich einen Brief von ihm erhalten habe, er sei auf der Flucht, etwas schreckliches sei passiert und ich solle kommen. Wie mir allmählich klargeworden ist, wer er eigentlich ist. Dass er nicht verzaubert wurde und dass er ehrlich auf der dunklen Seite steht. Dass man mich in den Kerker geschmissen und mich nach Belieben gefoltert hat. Dass ich Harry überzeugt habe, ich wolle dem dunklen Lord dienen, denn mir sei klargeworden, dass ich doch ein dunkler Magier sei. Wie ich endlich während einer Mission geflohen und direkt hergekommen bin.
Nach meiner langen Geschichte verfällt der Raum in Stille und für eine Weile ist das Knistern des Feuers das einzige, was man hören kann. Dann –
„Dir ist zweifelsohne klar, dass man dich ermorden wird, falls die dunkle Seite dich je wieder in den Fingern kriegt?" fragt Aberforth ernst.
„Natürlich," sage ich. „Aber... mir ist es egal."
Aberforth hebt den Blick und richtet sich auf, offensichtlich eine Erklärung erwartend.
„Was ich da gesehen habe... Was ich gezwungen war, zu tun... und schließlich Harry zu sehen, so von dem Bösen verzehrt und verloren... Er ist ein Fremder, der meinem Patenkind nicht ähnelt..."
Ich muss ja nicht lügen, denn obwohl ich Harry noch immer liebe und vermisse, jagt mir seine dunkle Seite Angst ein. Wenn wir reden ist er sarkastisch und normalerweise spricht er mich wie einen Diener an. Es gibt auch sehr seltene Momente, wenn er doch etwas menschliches sagt, was mich daran erinnert, dass Harry Potter noch immer da drin ist, trotz dem, was er sagt. Sowie das, was er mir zuletzt gesagt hat, ehe ich das Hauptquartier verlassen habe. 'Die Liebe alleine genügt'. Ich möchte glauben, dass er es wirklich gemeint hat. Es gibt aber auch Momente, in denen mir klar wird, dass ein kaltblütiges, blutrünstiges Monster in ihm lebt, das ihm keine Ruhe lässt, sondern ihn zum Kämpfen und Töten antreibt.
„Ich habe einen ernsten Fehler begangen, als ich ihm geglaubt habe," sage ich zu Aberforth Dumbledore. „Vielleicht verdiene ich es, zu sterben, dafür und für all das, was ich unter dem Deckmantel eines Todessers getan habe."
Die blauen Augen schauen mich ernst an und Tonks wischt sich das Gesicht.
„Vielleicht ist dies deine Chance, dich rein zu waschen," sagt er leise.
„Das möchte ich glauben, obwohl ich nie vergessen werde, was ich getan und gesehen habe," sage ich kopfschüttelnd.
Auch dieser Teil ist wahr. Wenn ich ganz nüchtern bin, habe ich Albträume. All diese Leichen und die Schreie... ich werde sie nie aus meinem Kopf vertreiben können.
„Erzähle uns von Harry," sagt Aberforth.
Ich seufze. Harry... Die grünen Augen huschen an meinem geistigen Auge vorbei und ich erschaudere.
„Er ist der Zauberer, der unter der goldenen Maske steckt," sage ich langsam. „Er ist der Lehrling von dem dunklen Lord und sein Schützling. Aber wir nennen ihn den dunklen Prinzen."
Aberforth sieht gar nicht überrascht aus; Tonks wiederum weitet die Augen und starrt mich wortlos an.
„Aber natürlich," murmelt Aberforth. „Ich habe natürlich vermutet, dass er unter der Maske steckt. Und ich habe auch vermutet, dass Voldemort ihn unterrichtet. Und wenn der dunkle Lord einen Lehrling aufnimmt, heißt das, er hat ihn zu seinem Erben ernannt. Daher sein Titel. Bitte fahre fort, Sirius."
„Er führt Todessertruppen an und die Mehrheit seiner Freizeit verbringt er mit dem dunklen Lord. Er hat mir gesagt, dass er ihn unterrichtet."
„War er derjenige, der meinen Bruder getötet hat?" fragt Aberforth.
Wie kommt es, dass er es nicht früher gefragt hat? Wie ein echter Leiter der hellen Seite, stellt er immer die anderen vor sich selbst und seinen eigenen Sorgen und Problemen. Ist dem wirklich so oder hat er es einfach unter den Umständen vergessen?
„Ja," erwidere ich kurz.
Aberforth nickt nur und wirkt nicht überrascht.
„Aber... damals war er, was, dreizehn?" platzt es aus Percy.
„Wieso überrascht dich so was?" fragt Aberforth grimmig. „Voldemort selbst hat schon als Teenager zum ersten Mal getötet. Und allem Anschein nach folgt Harry in seine Fußstapfen."
Sein Ton deutet darauf hin, dass er Harry natürlich als seinen Feind betrachtet. Aber hasst er ihn, weil er seinen Bruder getötet hat? Ich höre Bitterkeit in seiner Stimme und auch einen Hauch von Wut, aber ich weiß nicht ob das genug für Hass ist. Ein echter, guter Weißmagier ist nicht imstande, wirklich jemanden zu hassen. Er vergibt und vergisst, weil er glaubt, es gebe etwas Gutes in jedem Mensch. Was gut ist, liegt wohl im Auge des Betrachters, erinnere ich mich an Harrys Worte. Man braucht natürlich Kraft, um den Mörder seines Bruders nicht zu hassen.
„Was ist mit seinen ehemaligen Freunden? Sind sie am Leben? Miss Granger zum Beispiel?" fragt Aberforth.
Du erwähnst Hermine als wäre es eine Nebensache und doch hast du ihren Brief ausgenutzt, um an sie ranzukommen. Wenn er mir wirklich vertraut, wird er mir sagen, was er getan hat. Wird er das tun?
„Ihr geht es gut," sage ich vorsichtig. „Den anderen auch. Sie stehen unter dem Schutz des Prinzen."
Er fragt nicht nach Lupin. Wahrscheinlich denkt er, er sei auch tot. Aber vielleicht wäre es das beste, dass ich ihn nicht erleuchte.
„Was heißt das, sind sie auch Gefangene? Oder etwa Todesser?" fragt Percy scharf.
Sie haben dein Haus angegriffen...
„Nein, sie wohnen mit dem Prinzen," sage ich.
Schon vor ein paar Wochen hatte ich ein langes Gespräch mit Harry. Das heißt, er hat gesprochen und ich habe alle zwei Minuten genickt. Er hat mir genau gesagt, was ich ihnen sagen darf und was nicht. Aus irgendeinem Grund möchte er, dass die Welt seinen Namen kennt und dass sie endlich erfährt, wer er ist. Er hat mir auch gesagt, ich solle ihnen enthüllen, er habe seine eigenen Anhänger und dass ich den Hellmagiern ihre Namen sagen darf. Offensichtlich hat er über seine Freunde hinweg entschieden. Er gibt sich dieses Recht.
„Aber sie sind eher Anhänger als Freunde," sage ich.
„Die schwarze Sonne," murmelt Aberforth.
„Sein dunkles Mal," nicke ich.
Aberforth steht auf und geht zum Kamin hinüber. Er starrt gedankenverloren in die Flammen und Tonks schaut zwischen mir und ihm.
„Also haben sie meinen Vater getötet," murmelt Percy.
„Aber wie kann das nur sein? Sie sind, was, fünfzehn? Sechzehn?" fragt Tonks verzweifelt. „In ihrem Alter hatte ich keine Ahnung von gar nichts. Alles, woran ich denken konnte waren Jungs und wie man abnehmen kann."
Ich werfe ihr einen belustigten Blick zu aber keiner außer Tonks lächelt.
„Miss Granger ist wohl kaum eine Schwarzmagierin," murmelt Aberforth. „Wie kommt es, dass sie daran teilnimmt? Dass sie es überhaupt billigt? Hat er sie gezwungen, die dunkle Magie zu benutzen?"
„Eigentlich hat sie einen grauen magischen Kern," sage ich ernst. „Und so wie sie in allem anderen gut ist, ist sie auch gut in den dunklen Künsten."
Ich musste das sagen, ich weiß nicht warum. Aberforth Dumbledore dreht sich um und mustert mich. Er seufzt.
„Es wird ihren Eltern das Herz brechen, das zu erfahren," sagt er leise.
„Dann sagen Sie es ihnen nicht," sage ich etwas überrascht.
Was kümmern ihn zwei Muggel? Warum muss er überhaupt mit ihnen über Hermine reden? Aberforth schüttelt den Kopf.
„Ich habe es ihnen versprochen," sagt er grimmig. „Mich ihnen sofort zu melden, wenn ich Neuigkeiten über ihre Tochter habe."
„Sie sind Muggel," sage ich etwas genervt. „Ihr solltet sie in Ruhe lassen."
Ein seltsamer Ausdruck huscht an dem Gesicht von Aberforth Dumbledore vorbei.
„Bedeutet die Tatsache etwas, dass sie Muggel sind?" fragt er in die Stille. „Heißt das, dass sie weniger wert als Zauberer sind?"
„Das habe ich nicht gesagt," sage ich schnell. Du legst mir Worte in den Mund! „Was ich gemeint habe, ist, dass es hier um den Krieg in der Zauberwelt geht. Das ist nicht ihr Krieg und man soll sie nicht hineinziehen."
„Sie sind schon hineingezogen worden, da ihre Tochter ein Todesser ist und Grausamkeiten begeht," antwortet Aberforth leise.
Wer hat etwas über Grausamkeiten gesagt? Ich habe nur gesagt, dass Hermine gut in dunklen Künsten ist. Heißt das automatisch, dass man Grausamkeiten begehen muss?
Nun ja. Hermine weiß sehr wohl, sie solle sich nicht bei ihnen melden oder ihnen einen Brief schicken. Sie ist eine schlaue, erwachsene Hexe, der der Ernst der Situation wohl bewusst ist.
„Esse was," sagt Aberforth todernst. „Wir werden uns später unterhalten."
Aberforth ist kein Ebenbild seines Bruders, was die Persönlichkeit angeht, obwohl ich schon ein paar Ähnlichkeiten bemerkt habe. Er verbirgt etwas, das ist offensichtlich. Er vertraut mir nicht genug, um ehrlich mit mir zu sprechen. Ich habe ja schon so was erwartet. Schließlich tauche ich nach ein paar Jahren wieder auf, nachdem ich eine lange Zeit mit den Todessern verbracht habe und zudem an Angriffen teilgenommen habe. Natürlich ist er argwöhnisch, aber seine Denkweise gefällt mir nicht.
Ich habe natürlich erwartet, dass er Harry hasst, weil er seinen Bruder getötet hat und weil er das ist, was er ist. Aber dass er bereit ist, so schnell auch Hermine zu verurteilen, obwohl er nicht genau weiß, welche Rolle sie in den Angriffen spielt, das habe ich nicht erwartet. Für ihn scheint die bloße Tatsache, dass sie einen grauen Kern hat, genug zu sein. Und ich werde nicht seinen Ton vergessen, als er das Wort 'Todesser' ausgesprochen hat. Er hat es ausgesprochen, als wäre es etwas dreckiges, was nur verabscheut und gehasst werden kann. Aber ihm scheint auch die Tatsache, dass Hermine zum Beispiel so viel in solcher kurzen Zeit gelernt hat, nichts zu bedeuten. Wäre sie eine Hellmagierin, wäre sie zweifelsohne als eine begabte Hexe betrachtet worden, deren Platz im Ministerium ist. So aber nicht.
Ich kann nachvollziehen, warum die dunklen Magier die Hellmagier als sich unterlegen betrachten. Wenn ich mir Hermine anschaue, sehe ich eine mächtige und schlaue Hexe, mit der sich die Hellmagier ihres Alters nicht messen können. Hermine ist nicht nur eine dunkle Magierin. Sie benutzt auch Zauberkunst und Arithmantik und die Mehrheit der Siebtklässler vermögen nicht, was sie vermag. Und doch die bloße Tatsache, dass sie auf der dunklen Seite steht, genügt, dass man sie deswegen verurteilt und ihre Arbeit und ihre Leistungen als wertlos betrachtet. Damit kann ich mich nicht abfinden.
Tonks hat das Gästezimmer für mich vorbereitet. Ich setze mich aufs Bett, vorhabend, alles gut zu bedenken. Ich schaue mich um und mein Blick bleibt auf der Uhr stehen, die leise tickt. Harry hatte Recht. Das hier ist nicht mehr meine Welt und ich gehöre nicht hierher. Ich bin mir auch nicht ganz sicher, dass ich zur dunklen Welt gehöre, aber wenigstens fühle ich mich dort viel besser. Zum ersten Mal wohne ich mit echten Schwarzmagiern zusammen. Mir ist klargeworden, dass meine Familie nicht nur übertrieben hat, sondern auch die schwarzmagischen Prinzipien und ihre Philosophie nicht verstand. Meine Mutter hat ein paar Sachen ausgewählt, die ihr gefielen, und den Rest hat sie vollkommen ignoriert. Sie war stolz auf ihre Herkunft und doch habe ich in den Todesserreihen schon viele halbblütige Schwarzmagier getroffen. Meine Mutter verstand nichts von der schwarzmagischen Philosophie. Im gewissen Sinne hat sie geglaubt, die schwarzmagische Philosophie sei nur eine Verhöhnung der hellmagischen, aber dem ist nicht so. Es ist nicht so einfach. Sie hat, wie jeder Hellmagier, geglaubt, in den dunklen Künsten gehe es nur um das Töten, Foltern und Blutmagie und dass nur die Reinblütigen dafür geeignet sind, sie zu praktizieren. Die dunkle Magie ist so reich und es gibt mehrere Zweige davon, manche von denen einem gar nicht 'dunkel' vorkommen. Es gibt auch feine Nuancen, durch welche die dunkle und die neutrale Magie sich unterscheiden. Zum Beispiel habe ich Hermines Kalkulationen für Harrys neue Ritualkammer gesehen und sie kamen mir wie Arithmantik vor, was eigentlich neutrale Magie ist. Aber Harry hat meine Aufmerksamkeit auf ein paar Details gezogen, die das Ganze eigentlich zu dunkler Magie machen, sowie die subtile Verwendung von Zaubern, die es für einen leichter machen, im besagten Raum dunkle Wesen zu beschwören.
Man weiß einfach nicht genug von der dunklen Magie, um von ihr sprechen zu können und doch haben die Hellmagier es sehr eilig, die dunkle Magie zu verabscheuen und sie zu hassen. Vielleicht verstand Albus Dumbledore doch etwas von dunkler Magie. Wie sonst hätte er Harrys Dämon aufspüren können? Vielleicht verstand er viel mehr, als er die Menschen wissen ließ. Aber das Wissen ist zusammen mit ihm gestorben. Aberforth Dumbledore bemüht sich nicht, die dunkle Seite und ihre Philosophie zu verstehen. Im gewissen Sinne muss man Albus Dumbledore für das bewundern, was er war. Er hat eine Menge über viele Sachen gewusst, und doch hat er es keinem verraten. Er hat aber seine Geheimnisse mit ins Grab genommen.
Seufzend presse ich unter der Decke mein dunkles Mal und schließe die Augen.
'Ich höre zu,' ertönt die gedankliche Stimme des dunklen Lords in meinem Kopf.
'Ich bin drin, mein Lord,' denke ich.
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Als ich am nächsten Tag in die Küche komme, ist nur Tonks da. Sie brät Eier und als sie mich erblickt, fällt ihr der Löffel aus der Hand. Sie dreht sich um und stößt sie die Pfanne mit dem Ellbogen, die durch den Luft fliegt und auf den Boden landet. Typisch Tonks. Ich lächele und schüttele den Kopf.
„Sieh mal, was ich gemacht habe!" sagt sie verzweifelt.
Sie zückt ihren Stab und ich setze mich an den Tisch. Ich kann ihr ja nicht helfen, denn ich habe keinen Stab dabei. Sie nimmt die Pfanne in die Hand und lässt die verdorbenen Eier verschwinden.
„Hast du gut geschlafen?" fragt sie.
„Nicht wirklich," antworte ich gähnend. „Aber ich hab geschlafen. Normalerweise geht das bei mir ziemlich schwierig."
Sie wirft mir einen mitleidsvollen Blick zu, dabei die Tatsche ignorierend, dass sie zwei Eier über das Spülbecken schweben lässt und die schließlich hinein fallen. Ich seufze.
„Oh Scheiße," murmelt sie, neue Eier einfach in die Hand nehmend und sie brechend. Dabei bekommt sie einen Schuss ins Gesicht und flucht.
Nach ein paar Minuten scheint das Frühstück endlich fertig zu sein und sie wendet sich mit zwei Tellern in den Händen mir zu. Die Eier und der Speck sehen den echten gebratenen Eiern und Speck gar nicht ähnlich, aber ich soll mich nicht beklagen. Es ist essbar.
„Ach was soll man machen," sagt sie. „Tut mir leid. Ich bin ein wenig geistesabwesend heute."
„Ist schon in Ordnung," sage ich und beginne zu essen.
„Es tut mir wegen Aberforth leid," sagt sie in die Stille. Ich schaue sie fragend an.
„So viel ist geschehen," flüstert sie. „So viele sind getötet worden. Es gibt so viel Leid auf der Welt und die Welt, zu der du zurückgekommen bist, ähnelt nicht mehr der Welt, an die du gewöhnt warst."
„Ich habe viele Jahre in Azkaban verbracht," sage ich leise. „Und ich habe bei dem dunklen Lord Sachen gesehen, die ich lieber vergessen würde. Aber so einfach ist es nicht."
„Ich verstehe ja, dass Aberforth argwöhnisch ist. Es ist selbstverständlich und du musst dich seinetwegen nicht entschuldigen. Ich habe etwas schlimmeres erwartet. Schließlich bin ich ein Verräter."
„Du hast all das getan, um am Leben zu bleiben," sagt Tonks und legt die Hand auf meine.
Ich schüttele den Kopf.
„Du verstehst nicht," sage ich leise. „Ich war bereit, in dieser verdammten Zelle zu sterben. Aber ich bin zurückgekommen, weil ich euch über die dunkle Seite erzählen wollte."
Warum tue ich all das? Gibt es überhaupt eine gute Ausrede, Menschen anzulügen? Ja, Remus. Und Harry. Ich kann ihn nicht verraten. Es ist, als hätte mich jemand mit irgendeinem Zauber belegt, der so was unmöglich macht. Moment mal... Stehe ich unter dem Imperiusfluch? Nein, so was hätte ich schon gespürt. Aber ich kann den Eindruck nicht loswerden, dass jemand mich doch die ganze Zeit beobachtet...
„Warst du dabei, als Kingsley getötet worden ist?" fragt Tonks.
„Nein," sage ich kopfschüttelnd. „Harry war mit seinen Anhängern dabei."
„Wer hat es getan?" fragt sie leise.
„Ich weiß es nicht," sage ich seufzend. „Denke darüber nicht nach, Tonks. Du treibst dich in den Wahnsinn. Ich sollte was darüber wissen."
Sie lächelt schwach und ich bemerke, dass Tränen in ihren Augen glitzern. Diese Seite von meiner Mission hätte ich am liebsten ausfallen lassen. Die hellmagische Welt ist in einem totalen Durcheinander und während es die dunkle Seite nicht kümmert, wer lebt und wer stirbt, sind sie alle zutiefst von dem Tode ihrer Freunde und Kollegen getroffen. Wie würde wohl Harry reagieren, falls einer seiner Anhänger getötet werden würde? Ich befürchte, er würde gar nicht reagieren. Aber eins ist sicher. Falls irgendjemand Draco tötet, wäre nichts mehr wie vorher. Ich bin mir nicht ganz sicher, wie der dunkle Prinz auf seinen Tod reagieren würde, aber ich vermute, dass die helle Seite dafür in Blut bezahlen müsste. Ich sollte ihnen also keine Ideen geben.
„Sirius," flüstert sie. „Bitte sag mir etwas. Aber sei ehrlich mit mir."
Ich zucke mit den Achseln, als sei es selbstverständlich.
„Hast du all diese Menschen getötet, weswegen man dich nach Azkaban geschickt hat?" fragt sie.
Ich schaue in die ehrlichen braunen Augen und schüttele den Kopf. Dieses Mal muss ich sie nicht anlügen.
„Nein," sage ich. „Pettigrew hat es getan."
„Pettigrew?" wiederholt sie. „Moment mal... mir ist der Name bekannt."
„Remus hat dir wahrscheinlich von ihm erzählt," sage ich seufzend. „Er war einmal unser Freund. Er war aber die ganze Zeit ein Anhänger des dunklen Lords und er hat uns alle verraten. Eigentlich wollte er mir Mord anhängen, aber sein Zauber ist fehlgeschlagen und er hat die ganze Straße in die Luft gejagt. Danach hat er sich verwandelt – er ist ein Animagus – und ist verschwunden. Man hat mich festgenommen und ich wurde ohne Verhandlung nach Azkaban geschleppt."
„Warum denn?" fragt sie überrascht. „Warum hat man dir keine Chance gegeben, die Wahrheit zu erzählen?"
„Das ist eine lange Geschichte," sage ich mit einem weiteren Seufzer.
„Wir haben Zeit," bemerkt sie.
„Na schön," sage ich resigniert.
„Albus Dumbledore hat einen Zauber auf den kleinen Harry ausgeführt, als er noch ein Baby war," fange ich an. „Er wollte seinen magischen Kern sehen. Aber solch eine magische Aura hat er nur einmal in seinem Leben gesehen. Bei dem jungen dunklen Lord. Also entschied er keinem davon zu erzählen und zu versuchen, Harry vor sich selbst zu schützen. Deshalb hat er ihn zu seinen Muggelverwandten gegeben, weil er dachte, es wäre sicherer für ihn in einer Muggelfamilie aufzuwachsen. Aus diesem Grund hat er sich bemüht, dass keiner von uns sich um Harry kümmern konnte, nicht weil er uns nicht vertraute, sondern weil er befürchtete, dass jeglicher früher Kontakt mit Magie, von welcher Art auch immer, gefährlich wäre. Deshalb hat er nichts gesagt als man mich nach Azkaban geschleppt hat."
„Woher weißt du das?" fragt Tonks, die mich mit weit aufgerissenen Augen angafft.
„Hermine hat ein Gespräch zwischen Albus und seinem Bruder belauscht," sage ich. „Aber bitte erzähle ihm nicht davon."
Tonks öffnet den Mund, um noch eine Frage zu stellen, aber ich unterbreche sie.
„Hör mal, ich sage dir nur, was man mir gesagt hat. Da Albus tot ist, können wir ihn ja nicht fragen, was wirklich passiert ist," sage ich schnell. „Aber du sollst auch Aberforth nicht fragen."
„Warum nicht?" fragt sie überrascht. „Wenn das wahr ist, hat sein Bruder einen unschuldigen Mann ins Gefängnis geschickt."
„Was passiert ist, ist schon passiert," erwidere ich. „Es bringt nichts, jetzt darüber nachzugrübeln."
Tonks senkt den Kopf und starrt ihren Teller an.
„Bist du wirklich hergekommen, um uns zu helfen?" fragt sie leise.
Ich hebe den Blick und schaue ihr in die Augen, wobei mein Herz beginnt zu rasen.
„Ja," sage ich.
Im gewissen Sinne bin ich das auch. Ich werde ihnen das erzählen, was mir Harry gesagt hat und sie werden eine Menge erfahren. Der dunkle Prinz möchte, dass einige Sachen rauskommen, aus welchem Grund auch immer. Schließlich geben sie den Menschen keine ja Chance, um zu fragen. Ich bin so zu sagen ein Bote, welcher der hellen Seite im gewissen Sinne helfen wird. Aber ich bin auch ein Verräter... Vielleicht ist das mein Schicksal, ein Verräter zu sein und nirgendwo hin zu gehören. Vielleicht ist das der Fluch der Blacks.
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„Bitte gib uns die Liste von Harrys Anhängern," sagt Aberforth Dumbledore gerade.
Wir sitzen wieder im Wohnzimmer aber dieses Mal sitze ich mit einem vollen Bauch und frisch geduscht da. Tonks hat etwas Kleidung für mich besorgt und jetzt fühle ich mich viel besser. Wirklich, Sirius – du hast Jahre in Azkaban verbracht und so was hat dich einmal nicht gestört. Du bist verwöhnt. Das Leben mit den reinblütigen Schwarzmagiern hat dich verwöhnt.
Ich nehme die Feder in die Hand und beginne zu schreiben.
„Ich bin mir nicht ganz sicher, wer die anderen sind," sage ich, die Feder ablegend.
„Aber sie sind ehemalige Slytherins?" fragt Aberforth.
„Nein, Harry hat auch Anhänger aus anderen Ländern," sage ich.
Tja, teilweise ist es die Wahrheit. Es gibt dieses seltsame französische Mädchen, mit dem Hermine den ganzen Abend verbracht hat. Aber das waren Harrys Anweisungen. Wahrscheinlich möchte er, dass die Hellmagier glauben, er habe schon Anhänger aus der ganzen Welt. Egomanie? Oder ein verdammt guter Einschüchterungsplan?
Aberforth zieht die Augenbrauen in die Höhe und nimmt die Liste in die Hand.
„Und weißt du, was die dunkle Seite gerade plant?" fragt er.
„So wie ich es verstanden habe, plant der dunkle Lord in Großbritannien gar nichts," sage ich, so wie mich Harry angewiesen hat. Ich komme mir wie ein Grammophon vor, das nur die Worte des anderen wiederholt. „Er wird sich zuerst den Rest der Welt widmen."
„Und was genau hat er vor?" fragt Aberforth scharf.
So habe ich es mir nicht vorgestellt. Das hier ist eine Anhörung und ich werde keine Chance bekommen, um etwas über die helle Seite selbst zu erfahren. Das ist doch der Sinn der Sache, oder?
„Im Großen und Ganzen Menschen dazu zu zwingen, ihm und dem dunklen Orden die Macht in einem bestimmten Land zu übergeben," sage ich. „Manchmal handelt sich um ein paar Politiker, welche die Mehrheit dazu zwingen werden, dass das Land in Frage Kapitulation unterschreibt. Manchmal verwendet er auch Einschüchterungsmethoden."
„Irland," sagt Percy sofort.
Heute gibt es zwölf Menschen, die zusammen mit mir in einem Raum sitzen. Minerva McGonagall und Filius Flitwick sitzen schweigend in einer Ecke und starren mich an. Rufus Scrimgeour, der Zaubererminister, sitzt zusammen mit zwei seiner Kollegen auf dem Sofa. Moody, ein pensionierter Ex-Auror, sitzt auf dem Stuhl bei ihnen. Die anderen kenne ich nicht, aber vermutlich sind sie Mitglieder des neuen Ordens der Phönix.
Sie alle schauen mich todernst an, obwohl McGonagall mir die Schulter gedrückt hat, als sie reingekommen ist.
„Ja, Irland," wiederhole ich leise.
„Warum möchte er nichts im Großbritannien unternehmen?" fragt der Minister.
Er ist sehr skeptisch mir gegenüber, das habe ich schon von Anfang an bemerkt.
„Ich weiß es nicht," sage ich etwas verzweifelt.
Ja, ich bin hergekommen, um ihnen angeblich Informationen über den dunklen Orden preiszugeben, aber ich bin nicht allwissend. Wenn ich mehr Informationen hätte, wäre das schon ein wenig seltsam, oder? Schließlich war ich nur ein Todesser. Man würde kaum erwarten, dass der dunkle Lord seine Kriegspläne mit einem Todesser teilt, oder?
„Erwartet ihr, dass ihr-weißt-schon-wer all seine Pläne mit ihm teilt?" fragt Tonks etwas genervt. Sie wendet sich mir zu. „Sirius, kannst du uns bitte eine Liste der Todesser geben, die du kennst?"
„Ja, klar," sage ich, das Stück Papier von ihr entgegen nehmend.
Keiner glaubt mir, ich sei unschuldig. Keiner glaubt, ich habe all diese Menschen nicht getötet. Denn ich bin ja ein Black und ich habe einen echten dunklen magischen Kern, was sehr selten ist. Deshalb bin ich automatisch als dunkler Magier und Krimineller abgestempelt. Ich habe ja versucht, ihnen zu erklären, was passiert ist, aber keiner wollte zuhören. Ich muss mir etwas ausdenken, wie ich die Informationen, die Harry braucht, kriege, sonst werde ich mit leeren Händen zum Hauptquartier zurückkehren müssen. Und der dunkle Lord und der dunkle Prinz wären davon nicht begeistert, gelinde gesagt.
Ich schreibe die Namen auf, die schon weltweit bekannt sind. Dazu füge ich noch ein paar hinzu, die Harry mir gegeben hat. Ob sie echt sind oder nicht, weiß ich nicht.
Aberforth Dumbledore nimmt die Liste in die Hand und lässt seinen Blick über sie schweifen. Etwas enttäuscht, legt er sie weg.
„Ich würde gerne helfen, Mr Dumbledore," sage ich. Er hebt den Blick und schaut mich durchdringend an. „Deswegen bin ich hier."
„Du kannst nichts tun, außer dem, was du schon getan hast," erwidert er ernst.
„Mr Black," meldet sich der Minister zu Wort. „Mr Dumbledore hat für Sie gebürgt. Ginge es nach mir, wären Sie schon längst im Gefängnis. Sie sind aber unsere einzige Chance, etwas über den dunklen Orden herauszufinden, und deshalb habe ich Ihnen Immunität gegeben. Sie werden hier bleiben und ich werde ein paar Leute als Wächter rund um das Haus stellen. Verstehen Sie mich aber nicht falsch – es würde mich nicht wundern und ich würde keine Träne für Sie vergießen, falls man Sie doch findet. Ich führe diese Sicherheitsmaßnahmen zum größten Teil wegen Miss Tonks ein. Aber ich möchte, dass Sie das Folgende verstehen – nur Mr Dumbledore steht zwischen Ihnen und dem Gefängnis. Ist das klar?"
„Ja," sage ich leise.
Seit wann sind die Menschen so hasserfüllt? Seit wann sind sie so blind? Ich habe natürlich keine Beweise, um meine Geschichte zu bekräftigen, aber ich habe gedacht, sie würden mir eh zuhören. Aber das tun sie nicht. Stattdessen sehen sie nur einen jämmerlichen Schwarzmagier in mir, den sie am liebsten ins Gefängnis stecken würden, wäre ich ihnen von keinem Nutzen. Früher war die Welt nicht so. Ist das eine Folge des Krieges? Gibt es einen Grund, warum die Menschen sich so benehmen?
Vielleicht bin ich doch ein jämmerlicher Schwarzmagier. Wenigstens hören mir die dunklen Magier zu und akzeptieren mich als einen von ihnen. Langsam werde ich alt... Die Welt und die Menschen haben mich schon vielmals enttäuscht. Ich hab ja keine Fanfaren erwartet, als ich aufgetaucht bin, aber ich hab definitiv etwas anderes von diesen Menschen erwartet. Etwas Mitleid und Verständnis. Aber mir wird klar, dass ich das nie von ihnen bekommen werde.
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Ich setze mich ans Fenster und starre in die stille Nacht hinaus. Es ist so friedlich da draußen. Fühlt es sich so an, wenn man stirbt? Findet man endlich seine Ruhe? Ist man endlich glücklich, wenn man tot ist?
Ich habe im Laufe der Jahre schon vielmals an den Tod gedacht. Er kam mir wie eine Erlösung vor; wie ein wartender, guter Freund, der mich in die Arme nehmen und mich endlich das Leid ersparen wird.
Seit ich geboren bin, war meine bloße Existenz ein großer Fehler. Ich habe mein ganzes Leben nach Freuden gesucht, habe sie aber nur kurz gefunden, zu jener Zeit, als ich bei den Potters gepennt habe. Meine Schultage waren nur eine Art Zuflucht und Hogwarts war der einzige Ort, an dem ich mich vor meiner Familie verstecken konnte. Die Welt aber wartete auf mich vor den Mauern von Hogwarts und ich wusste, dass nichts gutes auf mich in dieser Welt wartet. Es war wie ein schöner Traum... aber so wie es mit jedem Traum der Fall ist, muss man irgendwann aufwachen. Die Realität wartet auf einen wie meine Mutter mit einer Peitsche, um einen auf den Kopf zu schlagen, für das, was man ist. Ich habe mich mein ganzes Leben lang fehl am Platz gefühlt und mir ist klargeworden, dass ich vielleicht an manche Ideale geglaubt habe, die es überhaupt nicht gab. Irgendwann wird man aus seinem Traum herausgerissen und erwacht. Vielleicht ist dieser Tag jetzt gekommen. Vielleicht werde ich meine Träume endlich vergessen und Hände mit der Realität schütteln können. Glücklich und zufrieden unter den Schwarzmagiern wohnen, wo ich auch hingehöre.
„Als ich gesagt habe," flüstert eine Stimme hinter mir, „dass du ein Glas trinken sollst, um deine Nerven zu beruhigen, habe ich dabei nicht gedacht, dass du dir vornehmen wirst, die ganze Flasche auszuleeren."
Ich drehe den Kopf um. Tonks steht im Türrahmen und mustert mich traurig. Ich lächele schwach.
„Tut mir leid," sage ich. „Aber es schmeckt viel zu gut."
„Lügner," verspottet sie mich. „Wenn ich wüsste, dass du ein Trinkproblem hast, hätte ich dir nie Feuerwhiskey gegeben. Jetzt ist es aber Schluss mit dem Saufen."
Zärtlich nimmt sie mir die Flasche aus der Hand und stellt sie ab. Sie setzt sich auf den Sessel zu mir und schaut mich besorgt an.
„Ich bin sehr von ihnen enttäuscht," flüstert sie. „Keiner wollte dir zuhören. Es ist, als müssen sie aus irgendeinem Grund an deine Schuld glauben, sodass sie sich nicht die Frage stellen müssen, ob jemand damals vielleicht einen Fehler begangen hat."
Ich schweige, denn ich weiß nicht, was ich sagen soll.
„Und das nur weil du ein Black bist," fährt sie fort. „Das ist ja abscheulich. Harry war der Auserwählte, der die ganze Welt retten sollte, und sieh dir mal an, was mit ihm passiert ist. Keiner wollte daran glauben, dass er ein Schwarzmagier ist, weil er ja der Auserwählte war. Seit wann sind die Menschen so... dumm?"
„Es spielt keine Rolle mehr," murmele ich. Meine Gedanken sind herrlich langsam. Langsam werde ich davon süchtig. Oder bin ich schon davon süchtig? „Jetzt bin ich ein Krimineller für die beiden Seiten. Irgendwann wird man mich umbringen und ganz ehrlich, freue ich mich darauf."
Tonks schaut mich schockiert an und ich gluckse.
„Ich bin lebensmüde," sage ich seufzend. „Seit ich geboren bin, war ich ein Fehlschlag. Diejenigen, die ich gerne hatte, sind leider tot. Im Laufe meines Lebens habe ich schon viele dumme Sachen angestellt und ich habe immer versucht, etwas zu sein was ich nicht bin. Aber weißt du was? Ich habe keine Ahnung mehr, was ich bin und es spielt eh keine Rolle. Es ist zu spät für mich."
„Red keinen Scheiß," flüstert sie erschrocken. „Du bist ein begabter Magier!"
„Ein begabter dunkler Magier," verbessere ich sie. „Ich habe umsonst versucht, ein Hellmagier zu sein. Als ich dazu gezwungen war, die dunkle Magie zu verwenden, ist mir klargeworden, dass sie mir natürlich kommt. Erschreckend natürlich. Aber das ist es nicht, wer ich sein will. Meine bloße Existenz ist ein schlechter Witz."
„Sirius," sagt sie verzweifelt, sich bei mir niederlassend und meine Hand in ihre nehmend. „Du bist kein Fehlschlag. Das, was du gerade machst, wird uns helfen, die Leben der Unschuldigen zu retten. DU wirst unschuldige Menschen retten! Und dass du trotz der Gefahr und trotz allem hergekommen bist, beweist, dass du tapfer bist und dass du wie ein Hellmagier denkst. Du stellst das Wohl der vielen vor dem Wohl des einen. Du möchtest dich für dieses edle Ziel opfern und für mich macht es dich zu einem Helden."
Ich schaue ihr in die Augen und urplötzlich sehne ich mich danach, wieder mit Narzissa und Lucius zu reden. Harry zu sehen. Das Hauptquartier zu sehen... das mein Heim ist. Ich gehöre nicht hier hin. Ich gehöre zu jener wunderschönen dunklen Welt, die meine Welt ist. Vielleicht war ich zu feige, um es zuzugeben, aber ich bin einer von ihnen. Und das, was ich getan habe, beweist es. Ich kann sie nicht verraten, weil sie die einzige Realität für mich darstellen, die akzeptabel ist. Ich habe zu lange versucht, meine Augen davor zu schließen, aber vielleicht war es notwendig, herzukommen um es endlich zu begreifen.
Vielleicht habe ich mein ganzes Leben die helle Seite anders gesehen, durch rosarote Brillen, die mir nur das zeigten, was ich sehen wollte. Vielleicht war ich ein Idealist und ein Idiot, um an Sachen zu glauben, die nicht wahr waren. Vielleicht hat sich nicht die helle Seite geändert, sondern ich. Vielleicht habe ich sie nie wirklich gesehen so wie sie ist. Jetzt aber da ich sie klar sehen kann, verabscheue ich sie. Ich verabscheue die Hellmagier für ihre Heuchelei, für ihre Dummheit und für ihre Blindheit. Es gibt Schwarzmagier, die Mörder und Verrückte sind, aber wenigstens sind sie sich im Klaren, was sie wirklich sind und müssen sich selbst und die anderen nicht täuschen und anlügen. Und ich würde lieber mein Leben unter solchen Menschen verbringen, als unter Heuchlern, die nicht sehen können, was ihnen direkt vor der Nase steht.
Ich lächele Tonks an und sie umarmt mich. Vielleicht ist sie die einzige, die mir in dieser Welt lieb geblieben ist. Sie ist der Inbegriff des Guten, an das ich einmal geglaubt habe. Aber sie ist kein Teil meiner Welt und wird es nie sein können. Ich bewundere sie für ihre Ehrlichkeit, ihre Tapferkeit und ihre Empathie. Meiner Meinung nach ist sie die einzige echte Hellmagierin unter all diesen Menschen. Ich werde sie peinlich vermissen...
Bevor ich einschlafe, rufe ich wieder den dunklen Lord und erzähle ihm von den heutigen Geschehnissen. Der dunkle Lord, trotz dem, was ich erwartet habe, regt sich nicht auf.
'Versuche es doch für noch ein paar Tage,' ist der Meinung. 'Versuche sie davon zu überzeugen, dass du ehrlich bist. Diese Tonks, sie könnte dir dabei helfen.'
Ich spüre dabei einen Stich vor Schuld in meinem Magen. Ich werde die arme Tonks dafür benutzen müssen, um an Informationen zu gelangen. Schlimmer kann es nicht sein. Aber wenigstens weiß ich jetzt, woran ich glaube und wofür ich kämpfe. Und leider steht Tonks auf der falschen Seite.
'Du sollst aber für den Plan B bereit sein', denkt er weiter.
Plan B heißt nämlich welches Mittel auch immer zu benutzen, um an Informationen zu gelangen. Einen Stab zu stehlen, Dumbledore aufzuspüren und ihn zu belauschen. Ich habe eigentlich gehofft, ich würde den Plan B gar nicht benutzen müssen.
'Der dunkle Prinz ist bei mir,' denkt der dunkle Lord nach einer kurzen Pause. 'Er möchte dich wissen lassen, dass dies deine einzigartige Chance ist, dich zu bewähren. Enttäusche uns nicht.'
'Das werde ich nicht, mein Lord,' denke ich zurück.
Der dunkle Lord bricht den Kontakt ab und ich seufze, die Decke anstarrend. Tonks... na schön. Ich muss mir überlegen, was ich unternehmen soll. Ich habe ja die ganze Nacht dafür.
