Drei Jahre später: ~...
Narzissa war nicht wohl bei dem Gedanken, sich mit Lucius in der Nocturngasse zu treffen. Eine so zwielichtige Gegend wollte sie normalerweise um jeden Preis meiden. Aber sie hatte längst aufgegeben, solche abstrusen Anwandlungen bei ihrem Verlobten zu hinterfragen.
Verlobter. Wie seltsam das klang. Narzissa hatte sich immer noch nicht daran gewöhnt. Sie würde in zwei Monaten Mrs. Narzissa Malfoy sein und nicht mehr Narzissa Black. Das hatte irgendwie etwas endgültiges und sie mochte keine endgültigen Sachen. Ebenso konnte sie sich nicht an den ungewohnten Ring an ihrer linken Hand gewöhnen: Ein Erbstück der Malfoys. Und an Lucius selbst würde sie sich wohl nie gewöhnen. Mehr als einmal hatte er sie zu Tode geängstigt mit seinem seltsamen Benehmen und an manchen Tagen glaubte sie, dass er sie mehr hasste, als liebte. Wie hatte sie es so weit kommen lassen? Sie wusste es nicht.
Eines Nachts war er sturzbetrunken bei ihr aufgekreuzt, trug den Ring bei sich und lallte ihr Etwas von heiraten vor. Nicht gerade der Heiratsantrag, bei dem das Herz einer Frau höher schlug. Aber nicht nur das. An manchen Abenden war er so grob zu ihr, dass seine Hände Striemen auf ihrer Haut hinterließen. Etwas mehr als drei Jahre war sie jetzt mit ihm zusammen, doch irgendwie war in ihrer Beziehung alles anders, als bei den anderen Pärchen die sie so kannte. Lucius machte ihr selten Komplimente und wenn dann klangen sie spöttisch. Er hatte ihr verboten, sich beim Zaubereiministerium zu bewerben und es war ihm absolut ernst gewesen, als er sagte, er würde die Verlobung augenblicklich auflösen, wenn es ihr damit ernst wäre.
Doch das Seltsamste an ihm waren seine Freunde. Zwielichtige Gestalten betraten Malfoy Manor und Narzissa fühlte sich unter ihnen unwohl. Allesamt grobe Kerle, ein paar kannte sie noch aus Hogwarts. Und manchmal kam auch dieser furchtbare Lestrange, der Freund ihrer Schwester Bella. Sie hatte Bella bestimmt schon ein Jahr nicht mehr gesehen und sie hatte auch kein Bedürfnis danach, mit ihrer Mutter pflegte sie auch nur sporadischen Kontakt, weil es sich eben so gehörte. Und weil Lucius es ihr gesagt hatte. Wenn man es genau nahm, dann tat sie alles, was Lucius ihr befahl. Und das seit dem ersten Tag.
Sie sah auf ihre kleine Taschenuhr. Wann war Lucius das letzte Mal pünktlich gewesen? Sie wusste es nicht.
Narzissa erkannte ihn schon von weitem an seinem Gang. Lucius hatte einen selbstsicheren Schritt und die anderen Hexen und Zauberer machten ihm bereitwillig Platz. Die Haare fielen ihm ins Gesicht, er hatte sie wachsen lassen und wirkte mehr denn je wie ein gefährliches Raubtier.
„Du kommst spät." tadelte sie ihn.
Er ergriff ihre Hand, was für sie eine ungewohnte Reaktion war, denn das hatte er schon lange nicht mehr getan. „Ich weiß." Leichthin, ich weiß. Wie immer keine Entschuldigung. Immer war es Narzissa, die sich entschuldigte.
„Wieso treffen wir uns hier?"
„Weil ich noch etwas zu erledigen hatte. Ich wollte danach mit dir Essen gehen."
Narzissa hatte es die Sprache verschlagen. Er war noch nie mit ihr Essen gegangen. So vermutete sie einen Haken an der Sache und schwieg.
Er schlenderte mit ihr die Straße hinunter und plauderte, ganz entgegen seiner sonstigen Art, mit ihr über Dies und Jenes. Narzissa taumelte ihm hinterher wie eine Schlafwandlerin.
„Ich nehme an, wir gehen nicht einfach so Essen?" fragte sie schließlich.
„Nein." gestand er. „Ich treffe mich mit ein paar wichtigen Männern."
„Ich möchte mich aber nicht mit wichtigen Männern treffen. Ich möchte gerne Zeit mit meinem verlobten Verbringen, den ich in den letzten Wochen kaum mehr als eine Stunde gesehen habe." sagte sie bestimmt.
Warum lehnte sie sich eigentlich noch gegen ihn auf? Es nützte doch nichts. So wie jetzt.
„Gut, bitte, kein Essen für dich. Sieh zu, wie du nach Hause kommst." Damit ließ er sie am Übergang zur Winkelgasse einfach stehen.
Mit offenem Mund starrte Narzissa ihm hinterher. Wie konnte er es wagen? Sie kochte vor Zorn. Keine Nacht länger würde sie bei ihm bleiben, das beschloss sie in diesem Moment und zog sich wutentbrannt den Ring vom Finger. Mrs Malfoy. Dass sie das überhaupt in Erwägung gezogen hatte. Lieber würde sie ihre Mutter weiter ertragen, als ihn. Wütend stapfte sie hinüber zum Tropfenden Kessel, um das Flohpulver Netzwerk zu benutzen.
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Ihr Koffer stand gepackt in der Eingangshalle von Malfoy Manor, ihre Kleidung lag verstreut im Schlafzimmer und Dobby, der Hauself, saß verschreckt über den Zorn seiner neuen Herrin in der Küche und traute sich nicht mehr hervor.
Narzissa hatte sich auf den Stufen niedergelassen, in der Rechten ein Glas Rotwein (das Fünfte an diesem Abend) und in der Linken ihren Zauberstab. Seitdem Lucius der neue Herr über Malfoy Manor war, war es nicht mehr Zuhause. Eigentlich war es niemals ihr Zuhause gewesen, das wurde ihr an diesem Abend klar. An dem Abend, an dem sein Vater Abraxas gestorben war, da hatte sich Lucius verändert. Vielleicht hatte er auch nur sein wahres Gesicht gezeigt. Sie wusste es nicht.
Das große Portal öffnete sich und der Grund für all ihre Sorgen trat ein. Er erfasste die Situation mit einem Blick und lachte sein spöttisches, überlegenes Lachen. „Versuch es gar nicht erst. Du kannst es ja doch nicht."
Narzissa fluchte ziemlich unfein und warf ihr Glas nach ihm, doch er wich dem Geschoss leicht aus und sein Gesicht verfinsterte sich. „Hast du gerade das Glas nach mir geworfen?"
„Siehst du doch." antwortete sie schnippisch.
„Vorsicht, mein Fräulein." sagte er mit blitzenden Augen und trat an sie heran.
„Vor was? Vor dir? Ich wüsste nicht, was du mir noch antun könntest."
„Eine ganze Menge, meine Liebe. Doch die Tür steht offen. Geh nur. Ich habe mich offenbar in dir geirrt."
Das Stimmte, er hatte das Portal nicht geschlossen, doch Narzissa konnte sich nicht dazu zwingen, es zu durchschreiten. Was war sie nur für eine Heuchlerin. Eben noch hatte sie nichts lieber gewollt, als endlich zu verschwinden und jetzt suchte sie hastig in ihrer Manteltasche nach ihrem Verlobungsring, damit er nicht sah, dass sie ihn abgenommen hatte.
„Du kannst es nicht. Habe ich recht?"
Sie nickte stumm und plötzlich fühlte sie sich, als müsse sie in Tränen zerfließen. Was tat er ihr nur an? Sie wandte ihr Gesicht ab, damit er nicht sehen konnte, dass sie weinte.
Er nahm ihr das Glas aus der Hand und beugte sich über sie. „Sieh mich an, Narzissa." sagte er mit strenger Stimme.
Sie gehorchte. Was blieb ihr auch Anderes übrig? Sie war an ihn gebunden und sie wusste nicht warum.
„Warum weinst du jetzt?"
„Ich weiß es nicht." gestand sie. „Du gibst mir das Gefühl hilflos zu sein." Plötzlich sprudelten die Worte nur so aus ihr heraus. „Du triffst dich mit diesen zwielichtigen Gestalten, du ignorierst mich die meiste Zeit und wenn du es nicht tust, dann bist du grob zu mir."
Er seufzte und wirkte nun wesentlich menschlicher, als sie es jemals für möglich gehalten hätte.
„Ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich nicht so bin, wie die anderen Trottel mit denen du dich bisher abgegeben hast. Steck den Ring wieder an und sei Mrs. Malfoy."
Sie gehorchte abermals und sah ihn fragend an. Dieses Mal war sein Kuss zärtlicher als sonst. Als er sich aufrichtete schien eine Last von ihm gefallen zu sein, denn er wirkte fröhlicher als noch vorhin. „Erschreck mich nie wieder so."
Sie schüttelte den Kopf.
„Ich werde Dobby sagen, dass er deine Koffer nach oben bringen soll." Damit verschwand er im Salon und schloss die Türe hinter sich.
Narzissa blieb verwirrt auf den Stufen sitzen. Wie konnte dieser Mann sie nur zu solchen Gefühlsausbrüchen treiben? Eben hatte sie geweint, wie ein kleines Mädchen, davor hatte sie sich wie eine rasende Irre aufgeführt und jetzt war ihr nach Tanzen zumute.
Sie strich ihre Kleidung glatt und folgte ihrem Verlobten in den Salon. Die Lampen dort drinnen brannten nur spärlich und es war düster. Der Ring der Malfoys glitzerte an ihrem Finger, überflüssig zu erwähnen, dass es sich bei dem Stein um einen grünen Saphir handelte. Die Malfoys waren Slytherinfanatiker und sicherlich auch irgendwie mit den Slytherins verwandt.
Irgendetwas veränderte sich in Narzissa, als sie sich auf dem großen Sessel gegenüber von Lucius sinken ließ: Sie wurde Mrs Narzissa Malfoy, Herrin von Malfoy Manor.
