Hermine kam mit Herzrasen unten an; sie war früher dran als geplant, überall standen noch Grüppchen von Leuten umher, die sich unterhielten. Zu ihrem Glück jedoch weder Ron noch diese Kröte von einer Ravenclaw. Dafür kam aber Ginny besorgt auf sie zugelaufen und zog sie in eine ruhige Ecke. „Sag mal, was ist denn gestern zwischen dir und Ron passiert? Ich dachte, ihr wolltet euch einen schönen Abend machen, und da tauchte er auf einmal viel früher als erwartet im Turm auf. Keinen Ton hat er gesagt, ist mit einem Gesicht, als hätte er Flubberwürmer essen müssen nach oben gerannt." fragte sie besorgt. Hermines Augen waren bei ihren Worten immer größer geworden. „Mit MIR? Hat er dir das erzählt?" stellte sie entrüstet eine Gegenfrage. Als ihre Freundin nickte, sah sie rot. „Hat dieser Dreckskerl dir also gesagt, er würde sich mit MIR treffen?" Sie sprach zwar leise, aber mit einer solchen Wut in der Stimme, dass Ginny erschrocken zurückwich. „Ich hab dein sauberes Bruderherz gestern tatsächlich getroffen." fuhr Hermine mit sarkasmustriefender Stimme fort. „Er war gerade dabei, Sally an die Wäsche zu gehen, als ich sie in flagranti erwischt hab. Noch Fragen?" zischte sie. Ginny machte ein betroffenes Gesicht. „Er hat WAS?" hauchte sie. „Du hast es schon richtig verstanden." Mitfühlend wollte Ginny sie in die Arme ziehen, doch Hermine wehrte ab. „Laß! Fehlt noch, dass ich vor aller Augen in Tränen ausbreche."

Ihre Freundin zog sich wieder zurück. „Warum bist du denn nicht noch zu mir gekommen gestern? Dir muss es doch schrecklich gegangen sein." Hermine seufzte. „Und das Risiko eingehen, ihm noch mal über den Weg zu laufen? Nein, danke. Ich hab mich lieber in meinem Zimmer verkrochen." Daß sie durchaus getröstet worden war, verschwieg sie wohlweislich. Sie hätte Ginny nie begreiflich machen können, dass Draco es war, der in diesem Moment für sie da gewesen war, und dass er seinen Job verdammt gut gemacht hatte, wie sie zugeben musste.

In dem Moment sah sie Ron die Halle betreten und sich umsehen. Als er sie erblickte, kam er mit säuerlicher Miene auf sie zu. „Ich mach mich vom Acker." sagte Hermine mit einem Blick auf ihren Ex. „Das pack ich jetzt noch nicht." Sie warf sich ihre Tasche über die Schulter und ging mit großen Schritten auf den Tisch der Schulsprecher zu. Als sie sich gesetzt hatte und zurück schaute, sah sie eine wild gestikulierende und heftig auf Ron einredende Ginny. Ihr Bruder machte den Eindruck, als suche er ein Mauseloch, in das er sich verkriechen könnte. „Geschieht ihm recht, dem Wiesel!"

Hermine sah auf. „Besser bekäm ich´s selbst nicht hin. Er kann einem fast Leid tun." antwortete sie und beobachtete Draco, als er sich hinsetzte. „Wenn Ginny ihre Krallen ausfährt, kann selbst ich noch was lernen."

Die Augen des Slytherins blitzten amüsiert auf. „Von dir soll´s eine Steigerung geben? Dann hast du dich selber noch nie in Action erlebt." entgegnete er. Wider Willen musste sie grinsen. Sie würde es zwar nie laut aussprechen, aber er tat ihr gut. Seine Ungezwungenheit trotz des peinlichen Zwischenfalls am Morgen war das, was sie gerade brauchte; wäre es nach Ginny gegangen, würde diese sie jetzt mit Mitleid und gut gemeinten, tröstenden Worten zu schmeißen. Das wiederum hätte zur Folge, dass Hermine sich in Selbstmitleid suhlen und einen Weinkrampf nach dem anderen bekommen würde.

Draco tat zwar nicht so, als wüsste er nicht, was los sei, aber er machteauch kein Staatsdrama draus und schlug geschickt den Bogen zu einem weniger brisanten Thema.

„Wie sollte ich? Muss ich mir jetzt einen Zeitumkehrer besorgen um raus finden zu können, was du damit andeuten willst?" ging Hermine auf seine kleine Stichelei ein, und daraus entspann sich mal wieder ein kleiner Schlagabtausch, den beide im Stillen genossen.

Nach dem Frühstück verließen sie zusammen die Halle. Es war der Mittwoch vor Halloween, das dieses Jahr auf einen Freitag fiel. Um die letzten Vorbereitungen treffen zu können, hatten die Schüler, die an den Planungen beteiligt waren, eine Befreiung vom Unterricht bekommen für diesen Tag. Die beiden Schulsprecher trafen sich mit ihnen in der Eingangshalle und delegierten die Schüler, damit alles reibungslos klappte. Da weiterhin das Zaubern nur bedingt eingesetzt werden sollte, mussten sie bereits heute mit der Dekoration anfangen, Lediglich die Tische durften magisch raus gebracht werden, der Rest sollte auf Muggelart per Hand erfolgen. Hier hatten mal ausnahmsweise die nicht reinblütigen Schüler die Nase vorn, da sie, bis sie zur Schule gingen, und auch jetzt noch während der Ferien, sowieso zu Hause grundsätzlich ohne ihre besonderen Fähigkeiten auskommen mussten. So hörte man allbeständig unflätige Flüche, die meist von den Schülern kamen, die handwerklich noch nie mit ihren Händen hatten arbeiten müssen. Muggelstämmige erklärten `echten` Zauberern, wie man einen Hammer zu benutzen hatte, und Hermine musste herzlich lachen, als Draco auf einer wackeligen Leiter stand, um eine Girlande aufzuhängen, und ganz grün im Gesicht wurde, als er versuchte, gleichzeitig das Teil aufzuhängen und sein Gleichgewicht zu halten. „Das ich das erleben darf!" japste sie und hielt sich den Bauch. „Der große Sucher von Slytherin, der keine Probleme damit hat, hundert Meter über dem Boden dem Schnatz nachzujagen, bekommt weiche Knie auf einer Leiter von 3 Metern." „Klappe, Granger!" presste Draco zwischen den Zähnen hervor. „Halt lieber das blöde Ding ordentlich fest." „Jawoll, mein Herr!" Hermine biss sich auf die Lippe, um nicht wieder loszuprusten, tat aber wie geheißen und hielt die Leiter. „Kann ich ja nicht verantworten, dass du mir hier runter fällst." kicherte sie. Über ihr blieb es still, und als sie nach oben schaute, sah sie einen Malfoy, der verbissen mit der Girlande kämpfte, die schon bedenklich straff gespannt war und sich hartnäckig weigerte, in den Haken zu rutschen. Endlich war es vollbracht. Draco stieg mit wackeligen Beinen von der Leiter und sah stolz hinauf. „Biest!" murmelte er, und Hermine war sich nicht sicher, ob er nun die Girlande meinte oder sie. Sie verbiss sich jeden Kommentar und drückte ihm die nächste in die Hand. „Von da nach da." instruierte sie ihn, mit der Hand zeigend, wo die Girlande hin sollte. Stöhnend verdrehte er die Augen. „Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich meinen, es macht dir Spaß, mich da oben schwitzen zu sehen." Draco schnappte sich die Leiter und brachte sie zu der Stelle, die Hermine ihm gewiesen hatte. „Könntest du Recht haben!" feixte sie.

In diesem Stil ging es weiter. Hermine kam überhaupt nicht dazu, sich über Ron und den Rest Gedanken zu machen. Und da weder er noch Harry in der Halle helfen mussten, wurde sie auch nur selten daran erinnert.

Als es auf den Mittag zuging, nahm Ginny sie zu einem Gespräch zur Seite. „Wie sieht es aus, isst du heute mit uns im Turm?"

Da sie die große Halle schon in Beschlag genommen hatten, mussten die nächsten Mahlzeiten in den Häusern eingenommen werden. Hermine schüttelte den Kopf. „Lieb von dir, aber da bekäm ich keinen Bissen runter. Ich ess bei uns." Ginny nickte verständnisvoll. „Hat er mal mit dir geredet?" fragte sie. „Wann denn?" erwiderte Hermine. „Ich war den ganzen Morgen hier, erinnerst du dich?" Ihre Freundin zuckte mit den Schultern. „Hätte ja sein können."

Draco kam vorbei und lächelte Hermine an, und sie lächelte zurück. „Bis später!" verabschiedete er sich. Ginnys Augen waren zwischen den beiden hin und her gewandert. „Du scheinst dich ja prächtig mit dem Frettchen zu verstehen." stellte sie fest. Hermine zuckte mit den Schultern. "Wir kommen miteinander aus." antwortete sie vage, was Ginny mit einem irritierten „Aha…ahja." quittierte. „Okay, ich mach mich dann mal hoch. Sicher, dass du nicht mitkommen willst?" hakte sie noch mal nach und ging davon, als Hermine wieder den Kopf schüttelte.

Es passte ihr zwar nicht, dass sie alleine essen würde, aber das war allemal besser, als sich mit Ron in einem Raum aufhalten und womöglich mit ihm reden zu müssen, fand Hermine. Sie schlüpfte durch die Tür, nachdem sie den beiden Wappentieren das Passwort genannt hatte, und entledigte sich ihrer Tasche und ihres Umhangs. Missmutig starrte sie auf den Tisch, ergab sich in ihr Schicksal und setzte sich. Sofort erschien ein Teller samt Besteck, und kleine Schüsseln erschienen, daneben eine Platte mit Fleisch. „Dann mal guten Appetit, Hermine!" wünschte sie sich selber. Sie hatte sich gerade aufgeschöpft, als die Tür aufschwang. Überrascht schaute sie auf. „Was machst du denn hier?" Draco ließ sich ihr gegenüber auf den Stuhl fallen. „Ohne deine scharfe Zunge schmeckt es mir nicht." Meinte er lapidar und begann ebenfalls, sich was auf seinen gerade erschienen Teller zu häufen. Erstaunt zog Hermine die Augenbrauen hoch. „Du wusstest doch gar nicht, dass ich hier bin." Daraufhin zuckte er mit den Schultern. „Mir geht das dumme Gekäue im Kerker auf den Sender." antwortete er schließlich. „Muss ich jetzt nicht verstehen, oder?" Draco grinste. „Nicht wirklich. Und warum bist du nicht im Gryff-Turm?" Nun war es an Hermine, die Schultern hochzuziehen. „Dito." sagte sie nur. Er legte den Kopf schief und nickte dann nach einem kurzen Moment. „Verstehe…"

Nun widmeten sich beide ihrem Essen, das ihnen auf die Art um einiges besser schmeckte als in ihren Häusern. Hermine, weil sie keine Bedenken haben musste, auf die Sache mit Ron angesprochen zu werden, Draco, weil er Pansys Gequatsche hatte ausweichen können, die ihn immer mehr bedrängte, mir ihr zum Fest zu gehen.

Dementsprechend gab es einige erstaunte Gesichter, als sie anschließend das erste Mal gemeinsam die große Halle betraten. Bisher hatten sie einen solchen Auftritt tunlichst vermieden.

Auch der Nachmittag gestaltete sich recht lustig, und als die beiden abends in ihre Räume zurückkehrten, waren sie zufrieden und aufgekratzt. Was für den Tag eingeplant gewesen war, war locker geschafft worden. Ohne, dass sie weiter darüber sprachen, aßen sie wieder gemeinsam. Sie hatten gerade den letzten Bissen vertilgt, als eine Eule ans Fenster pickte. Hermine wurde blass, als sie Pigwidgeon erkannte, Ron´s Posteule. Mit zitternden Händen öffnete sie das Fenster, nahm dem Tier seine Nachricht ab und entließ sie mit einem Eulenkeks wieder nach draußen. Draco beobachtete sie, wie sie den Brief unschlüssig in den Händen drehte. „Ich glaub, ich verzieh mich besser mal." meinte er dann und verschwand hinaus. Hermine bekam es nur halb mit und öffnete langsam die Nachricht

Hallo, Mine,

können wir reden?

Ron

In ihrem Hals bildete sich ein dicker Kloß. Reden? Worüber denn? Sie schüttelte traurig den Kopf. Eigentlich war alles gesagt. Sie wollte keine fadenscheinigen Entschuldigungen hören, keine faulen Ausreden. Oder doch? Sie horchte in sich hinein, doch das einzige, was sie fand, war maßlose Enttäuschung. Je länger sie darüber nachdachte, umso sicherer wurde sie sich, dass sie retten wollte, was noch zu retten war. Wenn sie schon nicht als Paar taugten, so wollte sie sich wenigstens Rons Freundschaft erhalten. Ein Gespräch mit ihm wäre allerdings mit Sicherheit kontraproduktiv; sie kannte ihn, er würde dann auch noch den Rest kaputt reden. Traurig, aber entschlossen nahm sie sich Papier und Feder und begann zu schreiben.

Hallo, Ron,

ich denke nicht, dass es noch etwas zu bereden gibt. Es ist aus. Ich bin enttäuscht, wütend und verletzt und muss das alles erst mal verdauen. Was dann wird, weiß ich nicht.

Hermine

Sie steckte den Brief in einen Umschlag, verschloss diesen und wollte sich anschicken, in die Eulerei zu laufen, als es wieder am Fenster klopfte. Verwundert schaute sie hinaus. Da saß die gute Seele von Eule noch und wartete scheinbar auf Antwort. „Du Gute!" Liebevoll streichelte Hermine das Tier, ehe sie ihm den Brief umband. „Zu Ron." flüsterte sie, und die Eule hob ab und flog davon.

Mit schwerem Herzen schloss sie das Fenster und verzog sich auf ihr Zimmer. Dort brach sie in Tränen aus, als sie das prächtige Kleid sah, dass sie sich für das Fest hatte schicken lassen. Ihr war gerade bewusst geworden, dass sie es wohl nie tragen würde. Allein ging sie ganz bestimmt nicht hin. Wehmütig strich sie über den schweren Stoff, schniefte und ging zu Bett.