Sie waren noch lange, sehr lange auf dem unbequemen Sofa gesessen, hatten sich die Lippen wund geküsst, mal zärtlich, mal mehr leidenschaftlich, hatten den Mund des anderen erkundet, hatten ihre Zungen sich immer und immer wieder finden lassen, hatten ihre Hände über ihr Körper wandern lassen, endlich, endlich uneingeschränkt erkunden können. Sie hatten sich komplett in ihrer kleinen Welt verloren, es gab nur sie beide, nur die Lippen, die Haut, den Atem des anderen, auf diesem kleinen Sofa, dass sie kaum mehr wahrnahmen, in dem heruntergekommenen kleinen Motel Zimmer. Es gab nur sie beide, der Rest der Welt stand still, existierte gar nicht. Es gab keine Dämonentafel, es gab kein Crowley, kein Sammy, keine Engel, kein Himmel, keine Hölle. Nur sie beide, genau hier und jetzt.
Nach einer Weile hatte sich eine sehr warme Hand langsam unter Deans T-Shirt geschoben und Dean war erstarrt, ein Schauer war ihm über den Rücken gelaufen, und seine Haut prickelte unter der Berührung, er hatte die Augen geschlossen und ein Stöhnen unterdrückt. Er war schon seit längerem sehr … erregt, doch das ging jetzt zu weit, er war voll und ganz hart.
„Ähm … Cas."
„Dean?" murmelte Cas, die Lieder halb geschlossen, die Lippen wund und rosig und die Haare noch mehr durcheinander als sonst. Er sah zu perfekt aus.
„Ich… Wir sollten vielleicht mal eine Pause einlegen" Dean war heiß, auf eine angenehme Art und Weise, jedoch wollte er das nicht aus dem Ruder laufen lassen. Außerdem … Er hatte zwar schon darüber nachgedacht, über das, was nach dem Küssen kommen würde, hatte aber das Gefühl er hatte noch nicht so ganz das Vertrauen in sich selbst das richtig hinzubekommen, er fühlte sich noch nicht wirklich bereit zu … ja. Dazu.
„Oh. Ok, Dean."
Cas richtete sich etwas auf. Sie waren mittlerweile eher in einer halb liegenden Position auf dem Sofa, Cas lag praktisch auf Dean, das eine Knie zwischen Deans Beinen, Arme umeinander geschlungen.
Dean errötete etwas verlegen als Cas sich aufsetzte und sein Blick auf seinen Schritt viel, wo eine deutliche Ausdellung in seiner Jeans verriet, wie sehr er die letzte Stunde genossen hatte.
Dean richtete sich auch wieder her, zog das T-Shirt, das unweigerlich hochgerutscht war, wieder herunter und fuhr sich durch die Haare.
„Uhmm…"
Cas schaute ihn an, liebevoll, aber auch sehr verlangend, die Pupillen von Lust geweitet, die Wangen gerötet, die Lippen feucht und wund.
Dean hätte ihn einfach nur anschauen können, für den Rest des Abends, es hätte ihm vollkommen gereicht. Die langen Wimpern überschatteten mit halb geschlossenen Liedern die blauen Augen, dunkel vor Lust, die leicht geröteten Wangen. Diese Lippen, die förmlich verlangten, wieder geküsst zu werden.
„Ähm. Dean?"
„Huh?" Dean riss sich von Cas' Lippen los und schaute ihm in die Augen.
„Ist das… Ist das in Ordnung für dich?"
„Was?"
„Dass … dass wir uns küssen?"
„Oh…"
Dean schaute Cas an, als er darüber nachdachte. War er ok damit? Offensichtlich verstand Cas dass er so etwas eigentlich nicht mit einem Kerl machen würde. Aber war Cas ein Kerl? Naja. Ja, eigentlich ja schon. Seine Vessel war es. Dean war sich sicher, dass bei jedem anderen Menschen, jeder anderen Existenz zwischen Himmel und Hölle, er sich daran gestört hätte. Klar, es war … merkwürdig. Wenn er darüber nachdachte. Aber dann … es fühlte sich so gut an, es machte ihn so wohlig warm. Und die Bartstoppeln beim Küssen fand er eher anturnend, was er niemals gedacht hätte. Hier und jetzt, beschloss Dean, war er vollkommen ok damit.
„Ähm … um ehrlich zu sein wollte ich das … schon seit einiger Zeit … naja. Du weißt schon. Ja. Ich bin ok damit. Naja. Jetzt grad. Verdammt, ich will dich … küssen. Ja. Und ich will das wieder tun. Also. Ja … Ich bin mehr als ok damit."
Dean konnte förmlich Cas' Erleichterung sehen. Cas entspannte sich, die Spannung in seinen Schultern löste sich, seine Augen glänzten wieder.
Er lehnte sich vor und presste einen Kuss auf Deans Lippen, und Dean schloss die Augen, wollte es nicht enden lassen, aber der Kuss war viel zu schnell wieder vorüber.
Sie waren noch lange auf dem Sofa gesessen, hatten so getan, als würden sie fernsehen, während sie nicht die Hände von sich lassen konnten, und sich immer wieder in lange, zärtliche Küsse verloren, von „ich brauche das" und „Ich brauche dich" und „Bitte, bleib hier bei mir" getrieben; Dean unheimlich vorsichtig, als würde Cas es sich jeden Moment wieder anders überlegen und ins Nichts verschwinden. Was nicht geschah, Cas blieb in Deans Armen, auf seinen Lippen, er löste sich nicht auf. Und mit jedem Moment, der verstrich, mit jedem Kuss, verfestigte sich etwas in Dean, etwas solides, tief in seinem Inneren, etwas, dass ihn mit einer tiefen, ruhigen, beständigen Freude erfüllte.
Dean hatte gerade die eine Hand in Cas wirrem, weichem Haar, die andere Hand auf seiner Hüfte, Cas in seinem Schoß, und die Lippen auf denen von seinen, als sie den Schlüssel im Schloss hörten.
Dean erstarrte erst, ein kalter Schock durchfuhr ihn, und sein Herz war von einem Moment auf den anderen auf 180, er hatte Sammy komplett vergessen, ausgeblendet. Doch dann kam er in Bewegung.
Er schob den ebenfalls erstarrten Cas von seinem Schoß, weit weg ans andere Ende der Couch, zog sich das T-Shirt wieder zurecht und fuhr sich hastig durch die Haare um sie einigermaßen annehmbar und nicht nach Rummach-Session aussehen zu lassen. Er bewegte sich etwas unwohl auf seinem Platz hin und her, um seine Hose mehr angenehm zu positionieren, und blickte schnell und nervös zu Cas, der immer noch erstarrt an seinem Ende der Couch saß und aussah, als wäre er ausgesetzt worden, mit einem verwirrten und etwas verletzten Ausdruck in den großen Augen, die Krawatte lose um den Hals, das Hemd halb aufgeknöpft und aus der Hose gezogen, die Lippen immer noch feucht und rosig.
Dean wurde abwechselnd heiß und kalt als Sam endlich den Raum betrat. Er betete inständig, dass seine eigenen Lippen wenigstens nicht ganz so wundgeküsst aussahen wie die von Cas. Er räusperte sich.
„Hey Sammy. Alles klar? Wie war die Bibliothek? Geht's dem Bauch besser?"
Verdammt, seine Stimme klang viel zu kratzig, viel zu tief. Sie klang eindeutig nach stundenlangem rummachen. Sammy würde es wissen, nach einem Blick. Es war doch so offensichtlich, dachte Dean panisch.
Doch wenn dem so war, ließ Sam sich nichts davon anmerken.
„War ganz ok, hab ein paar interessante Bücher gefunden. Und, ja, hat sich gelegt, danke der Nachfrage."
Cas starrte immer noch nur Dean an, mit großen Augen.
Dean bewegte sich unwohl auf seinem Platz hin und her, er mochte den Ausdruck in Cas Gesicht nicht.
„Irgendwas Interessantes passiert, während ich weg war?" witzelte Sam, beobachtete Dean jedoch genau.
„Ähem … Nee, nicht wirklich. Haben ferngeschaut." Dean mied Sams Blick, er war sich sicher, dass seine Augen ihm alles sofort offenbart hätten.
„Ah, ok. Klingt spannend" Sam gähnte laut und streckte sich.
„Man, bin ich müde. Ich mach mich mal fertig und hau mich dann auch gleich auf's Ohr" sagte Sam, ging ins Badezimmer und schloss die Tür hinter sich.
Cas schaute Dean nur fragend an, doch Dean traute sich nicht wirklich etwas zu sagen, die Wände waren zu dünn.
Also blickte er nur entschuldigend und streckte die Hand aus, strich vorsichtig über Cas' Handrücken.
Bald war Sam zurück und Dean stand umständlich auf, darauf bedacht, seine immer noch nicht abgeklungene Erektion zu vertuschen, und ging schnell ins Bad, um sich fertig zu machen.
„Cas, bist du ok?" Sam schaute ein wenig besorgt auf Cas, der etwas verloren auf die Badezimmertür starrte. Er schaute zu Sam auf und sah ehrliche Sorge. Er nickte nur und stand auf, zog sich seinen Trench Coat an.
Dean kam zurück, und schaute missbilligend auf die zusätzliche Kleidungsschicht an Cas' Körper.
„Wohin gehst du?"
„Ihr müsst euch ausruhen. Ich wollte euch nicht stören. Wie du es vor einiger Zeit mal formuliert hattest, ist es, in deinen Worten ‚creepy' wenn ich bleibe und euch zuschaue" sagte Cas durch seine Zähne.
Dean schaute ihn irritiert an. Sam hatte sich schon in sein Bett gelegt und tat, als würde er schlafen.
Hatte Cas tatsächlich angepisst geklungen? Oder hatte Dean sich das eingebildet?
„Oh … achso. Ja. Naja. Ich mein … Naja. Wenn du gehen willst …?"
„Du hast deinen Diskomfort gegenüber meiner Präsenz während du schläfst ausgedrückt. Ich möchte dich nicht unkomfortabel machen."
Dean lugte nervös zu Sam, der aber offensichtlich schon eingeschlafen war, und ging ein paar unsichere Schritte rüber zu Cas.
„Cas" flüsterte er, „Cas, du musst nicht gehen" Dean rieb sich verlegen den Nacken.
„Wie bitte, Dean?"
„Hm, ich mein, wenn du willst, klar, ich werde dich kaum aufhalten können … aber wenn du magst …" Dean zuckte mit dem Kopf in Richtung Bett.
„Ich versteh nicht, was du mir sagen möchtest, Dean."
Bildete sich Dean das ein oder war da tatsächlich eine Andeutung eines unterdrückten Grinsens in Cas' Mundwinkeln?
„Ah, Cas. Willst du mich jetzt hier wirklich zum Mädchen machen?" zischte Dean etwas genervt aber eher verlegen.
„Natürlich nicht, Dean." Jetzt sah Dean es deutlich. Dieser Bastard.
„Ich … Ich würde mich freuen … Ich würde gern … Argh, Cas, bitte. Kommst du mit…? In mein Bett?" den Ende des Satzes presste Dean kaum hörbar hervor und blickte überall hin, nur nicht zu Cas, und er fühlte die Hitze in seinem Gesicht, als er am Saum seines T-Shirts herumfingerte.
„Ja, Dean." Jetzt grinste ihn der verdammte Engel doch tatsächlich breit an. Das gibt's nicht.
Trotzdem seufzte Dean erleichtert auf, rollte aber dennoch mit den Augen, als er sich schnell die Hose und T-Shirt auszog und ins Bett kletterte. Cas hatte sich, jetzt schon geübter, aus seinem Mantel und Anzug geschält, hatte komplett lautlos sich seiner Schuhe und Socken entledigt und schlüpfte zu Dean unter die Decke. Zuerst blieb er eine angemessene Entfernung von ihm auf der Matratze liegen, jedoch schon nach ein paar Augenblicken hatten sie ihre Körper aneinander gepresst, die Arme um den anderen geschlungen, leise und heimlich Küsse wurden ausgetauscht, bis sie sich bequem arrangiert hatten. Cas hatte sich an Deans Seite gepresst, den Kopf auf der Brust des Jägers, das Ohr direkt am starken Herzschlag, die Arme um seine Taille geschlungen, ein Bein zwischen Deans. Dean hielt Cas im Arm und wusste sofort, er wollte, konnte nie wieder ohne diesen warmen Körper, der sich so absolut perfekt an den seinen schmiegte, in seinen Armen einschlafen. Er vergrub sein Gesicht in dem wirren, weichen Haar und sog seinen Duft ein. Er drückte Cas noch ein bisschen mehr an sich und seufzte zufrieden. Mit der angenehmen Wärme neben sich, soviel weicher Haut an seiner und Cas' Duft in der Nase, schlief Dean Winchester zufrieden wie noch nie in seinem Leben ein.
Cas verstand Dean. Er wusste, dass Dean die Form seiner Vessel immer noch Probleme bereitete. Dass Dean sich immer noch unsicher war, wieso er sich zu einem ‚Mann' hingezogen fühlte, und dass er damit kämpfte, versuchte, mit sich selbst einig zu werden, damit zurecht zu kommen. Er wusste, dass Dean von sich dachte, er wäre heterosexuell, und zwar voll und ganz, und dass er dadurch um so mehr verwirrt war, dass er Gefühle für Cas hatte. Cas verstand das, er hatte schließlich lange Zeit gehabt, darüber nachzudenken. Und trotzdem hatte es ihn verletzt, als Dean ihn weggeschoben hatte. Trotzdem war er etwas reserviert gewesen, trotzdem hatte er ihn, ja, beleidigt, angeschaut. So unglaublich menschliches Verhalten. Cas wunderte sich, als er in Deans Armen lag, wie es kam, dass er immer mehr und mehr menschliche Gefühle empfinden konnte, dass es ihm immer leichter fiel, Verhalten und Gefühle der Menschen um ihn herum nachzuvollziehen.
