Disclaimer: Harry Potter gehört natürlich nach wie vor Joanne K. Rowling... und daran wird sich auch so schnell nichts ändern!

Mittwoch, 4.09.1991. Vormittags

Der gestrige Tag war weitgehend ereignislos verlaufen, wenn man davon absah, dass die Erstklässler sich in Hogwarts eingewöhnen mussten. Blaise hatte tatsächlich eine Wasserdusche abbekommen, weil er seinen Monsterwecker wieder einmal überhört hatte, aber es war ja auch nicht so, dass seine Schlafraummitbewohner etwas anderes erwartete hätten.

Danach schmollte er bis zum Mittag, wo ihm ein Drittklässler von einem Weckzauber erzählte, den Blaise am Abend ausprobieren wollte.

Auch hatten sie Briefe von Zuhause bekommen, in denen ihre Familien ihren Stolz verkündeten, dass die Kinder nach Slytherin eingeteilt wurden.

Zudem war Dudley Dursley wieder beim Mittagessen aufgetaucht, wie es schien, putzmunter und wieder er selbst, denn er schlang sein Essen wieder in Rekordzeit und in Riesenportionen hinunter wobei er wie üblich eine Sauerei veranstaltete.

Professor Sprout hatte die Slytherins zwar mit einem bei ihr selten gesehenden strengen Gesichtsausdruck und einem barschen Ton gefragt, ob sie mit dem Vorfall am See etwas zu tun gehabt hätten, konnte ihnen jedoch nichts nachweisen. Sie mochte Dudley Dursley zwar nicht, aber er war ein Hufflepuff, und somit ihr Schützling. Und wenn einem ihrer Schützlingen etwas geschah, konnte die sonst so herzlich-fröhliche Professorin sehr ungemütlich werden.

Sie musste ihr Verhör jedoch aufgeben, nachdem Professor Snape ihr sagte, dass Dudley mit seinem Muggelgerät allen auf die Nerven gegangen sei, selbst den Professoren, nicht nur den Slytherinschülern.

Dudley erzählte den Hufflepuffs unüberhörbar in der Großen Halle, dass Hagrid ihn gefunden und zur Krankenstation gebracht hatte, und ließ sich in horrenden Geschichten über den Geschmack der Heiltränke aus, was die Slytherins sehr amüsierte. Diese bedachte er mit den mörderischsten Blicken, die er aufbringen konnte, ging ihnen aber nach dem Essen weiträumig aus dem Weg.

Im diesem Moment standen die Slytherins vor dem Klassenraum für Zaubertränke in den Kerkern und warteten auf ihren Hauslehrer Professor Snape, bei dem sie gleich Unterricht haben würden. Die Gryffindors standen in einiger Entfernung eng beieinander und beide Gruppen musterten sich misstrauisch. Während die Gryffindors ständig zu Harry hinübersahen und tuschelten, (nur Hermine Granger hatte ihre Nase in ein Buch vergraben) erzählte Draco, was er von seinem Vater über die Weasleys erfahren hatte.

„Er hat erzählt, dass die nicht mal genug Geld haben, um die vielen Kinder satt zu kriegen, und sie haben alle nur gebrauchte Schulsachen, sogar die Zauberstäbe sind alt! Nicht mal vernünftige Haustiere haben sie, der da hat nur eine alte Ratte, die so aussieht, als hätte er sie aus dem Müll gezogen. Ich hab sie im Sommer in der Winkelgasse gesehen."

Harry rümpfte angewidert die Nase. Eine stinkende, dreckige Ratte als Haustier? Uäääh. Da war ihm seine Eule Freya tausend mal lieber. Er könnte seine Ratte wenigstens baden und sauber halten, wenn es denn schon ein Nager sein musste. Warum sagte denn Weasley Senior nichts dazu? Und wenn er schon an diesen dachte...

„Wieso ist sein Vater eigentlich so Muggelbesessen? Bryan meinte, das wäre vielleicht ein Fluch oder so was.", flüsterte Harry zurück.

Draco unterdrückte schnaubend ein Lachen.

„Wenns nur das wäre....nee, Vater meinte, der wäre schon immer so gewesen. Der hat sich nie um das Blut geschert. Vater hat gesagt, dass er sogar ein Schlammblut eingeladen hat, als Freund für den da." Er zeigte auf Ron.

Harry sah Draco ungläubig an.

„Was?!"

„Ja, wirklich!", beharrte Draco.

Sind dreckige Ratten aus dem Müll schon nicht schlimm genug? Aber wenn wir schon beim Thema Dreck und Abfall sind....dachte Harry.

„Onkel Magnus hat mal erzählt, dass er sogar einen richtigen Schrotthaufen hinter seinem Haus haben soll, alles alte Muggelsachen. Er soll den Ramsch regelrecht sammeln und untersuchen!", setzte Harry noch einen drauf.

Das zu viel für Draco, er brach in schallendes Gelächter aus.

Amanda und Andrew, die sich mit Blaise und Theodore unterhalten hatten, sahen sie fragend an.

„Ich habe ihm nur von dem Muggelmüll bei den Weasleys erzählt.", erklärte Harry diesesmal etwas lauter, was ein heftiges Kichern bei den Slytherins auslöste.

Ron Weasley wurde puterrot und fauchte: „ Das nimmst du zurück, du Verräter!"

„Ach, war das ein Geheimnis von dir? Tut mir ja sehr leid...", säuselte Harry schulterzuckend, und die wütenden Blicke der Gryffindors ignorierend. Einzig allein Hermine schien eher genervt, dass sie lautstark beim Lesen unterbrochen wurde.

Ron sah Harry erst ziemlich entgeistert an, als habe Harry ihm gerade erzählt, dass der Weihnachtsmann tatsächlich existiere. Doch dann explodierte er.

„WIR HABEN KEINEN MÜLL BEI UNS!!", brüllte Ron.

„Komisch, mein Onkel und andere vom Ministerium sagen etwas anderes. ", gab Harry zurück.

Ron knurrte und schüttelte wild die Fäuste, als plötzlich Snape mit wogendem Umhang um die Ecke gefegt kam.

„Was ist los, Weasley? Nervöse Zuckungen?", fragte Snape mit spöttischem Unterton.

Ron schnaubte wütend, sagte aber nichts.

Snape schloss das Klassenzimmer auf und deutete ihnen mit einer herrischen Handbewegung an, ihm zu folgen. Die Klasse strömte herein und die Schüler suchten sich jeder einen Platz. Ron Weasley ließ sich auf seinen Platz fallen und knallte sein Tasche auf den Tisch, was ihm einen warnenden Blick von Snape einbrachte. Als endlich Ruhe eingekehrt war, zog Snape eine Pergamentrolle aus seinem Umhang und begann die obligatorische Anwesenheitskontrolle. Als diese beendet war, hielt Snape ihnen mit leiser, bedrohlicher Stimme einen Vortrag darüber, was sie in diesem Unterricht erwarten würde.

„Ihr seid hier, um die schwierige Wissenschaft und exakte Kunst der Zauberertrankbrauerei zu lernen. Da es bei mir nur wenig albernes Zauberstabgefuchtel gibt, werden viele von euch kaum glauben, dass es sich hierbei um Zauberei handelt. Ich erwarte nicht, dass ihr wirklich die Schönheit des leise brodelnden Kessels mit seinen schimmernden Dämpfen zu sehen lernt, die zarte Macht der Flüssigkeiten, die durch die menschlichen Venen kriechen, den Kopf verhexen und die Sinne betören... Ich kann euch lehren, wie man Ruhm in Flaschen füllt, Ansehen zusammenbraut, sogar den Tod verkorkt – sofern ihr kein großer Haufen Dummköpfe seid, wie ich sie sonst immer in der Klasse habe."

Die Klasse war totenstill und sah Snape nur gebannt an. Hermine Granger saß angespannt und stocksteif auf dem Stuhl uns sah so aus, als könnte sie es nicht erwarten, sich zu beweisen. Harry und Andrew rollten die Augen über ihre Hibbeligkeit, und sahen wieder nach vorn. Snape sah Harry einen Augenblick lang an, der von Snapes Rede völlig fasziniert war, er war besonders gespannt darauf, etwas über tödliche Gifte zu hören.

Doch dann wandte Snape sich Ron Weasley zu.

„Weasley! Was erhält man, wenn man einem Wermutaufguss geriebene Affodillwurzel zufügt?"

Hermines Arm schnellte in die Höhe, was Snape nicht beachtete.

Ron antwortete mit zitternder Stimme:

„Keine Ahnung…"

Snapes Lippen kräuselten sich spöttisch.

„Wo würdest du suchen, wenn du mir einen Bezoar beschaffen müsstest?"

Wieder war Hermines Arm blitzschnell in der Luft.

Ron stammelte:

„Äh, weiß ich nicht!"

„Was ist der Unterschied zwischen Eisenhut und Wolfswurz?"

Abermals meldete sich Hermine, bevor Ron antworten konnte:

„Ich weiß es nicht."

Snape sagte überheblich:

„Schwache Vorstellung, Mr. Weasley. Sie hatten wohl nicht die Güte in ihre Bücher zu schauen, was?"

Rons Ohren verfärbten sich feuerrot, aber er schwieg verbissen. Die Slytherins kicherten.

Snape erklärte, was die richtigen Antworten hätten sein sollen und fragte barsch:

„Warum schreibt ihr euch das denn nicht auf?"

Die Schüler notierten sich hastig, was Snape ihnen gesagt hatte, und mehrere Minuten lang war nur das Kratzen der Federn auf Pergament zu hören.

Plötzlich sagte Snape in die Stille hinein: „Nun wollen wir mal sehen, wer in dieser Klasse hier es Wert ist, in der Kunst des Zaubertrankbrauens unterrichtet zu werden."

Es schwang seinen Zauberstab in Richtung Tafel, und ein Rezept erschien.

„Sie werden diesen Trank zur Heilung von Furunkeln brauen, und zwar paarweise. Die Zutaten sind in diesem Schrank."

Er zeigte schräg hinter sich.

„Fangt an."

Lautes Stühlerücken erfüllte die Klasse, und die Schüler drängten zum Schrank, wobei sich die Gryffindors und Slytherins finstere Blicke zuwarfen.

Harry arbeitete mit Andrew zusammen. Sie wogen getrocknete Nesseln ab, schmorten Wellhornschnecken und zermahlten Giftzähne von Schlangen.

Andrew nahm den Kessel vom Feuer und Harry wollte gerade Stachelschweinpastillen hinzufügen, als plötzlich ein lautes Zischen ertönte und sich grüne, nach faulen Eiern stinkende Rauchwolken im Kerker ausbreiteten. Alle wandten sich der Geräuschquelle zu und sahen einen völlig zusammengeschmolzenen Kessel, aus dem ätzendes Gebräu sickerte. Der Junge, der auf der Hinfahrt seine Kröte verloren hatte, und den Snape mit Neville Longbottom aufgerufen hatte, stand neben dem Kessel, völlig vollgespritzt mit dem danebengegangenen Trank, der überall auf seinem Körper rote Furunkel bildete und sich auf dem Boden ausbreitete. Harry war mit einem Satz auf dem Stuhl, während Andrew vorsichtig auf den Tisch kletterte, um ihren Kessel nicht umzuwerfen. Neben sich hörten sie Draco und Amanda fluchen.

„Dieser Volltrottel! Die Schuhe waren neu! Jetzt seht euch mal die Löcher an!"

„Mein Vater wird ausrasten, wenn er das sieht! Die Hose war teuer!"

„Du Idiot!", fauchte Snape dazwischen und ließ das Gebräu mit einem Zauberstabschwenker verschwinden.

„Ich nehme an, du hast die Stachelschweinpastillen hinzugegeben, bevor du den Kessel vom Feuer genommen hast? 10 Punkte Abzug von Gryffindor wegen unnötiger Dummheit und Gefährdung der Mitschüler! Bring ihn hoch in den Krankenflügel!", zischte Snape bedrohlich einem Gryffindor zu, und ein rotblonder Junge brachte den wimmernden Unglücksraben aus dem Kerker.

Als sie fort waren, herrschte Snape die Klasse an, dass sie fortfahren sollten. Leise und eingeschüchtert von Snapes mörderischer Laune (die, wie sie bald feststellen würden, in den folgenden Zaubertrankstunden nicht viel besser war) stellten sie ihre Tränke fertig und füllte auf eine barsche Anweisung Snapes hin eine Probe in eine kleine Phiole, die sie mit Namen beschriftet abgeben mussten.

Am Ende der Stunde flohen die Gryffindors regelrecht aus dem Kerker, während die Slytherins sich etwas mehr Zeit ließen.

Snape sah ihnen nach, sein Blick fiel besonders auf Harry.

Am liebsten hätte er ihn ein wenig getestet, wie viel tatsächlich von seinem Vater in ihm steckte, konnte das jedoch nicht im Unterricht tun, vor allem nicht im Beisein der Gryffindors. Nicht, wenn Harry Teil des Hauses Slytherin war. Auch waren sowohl die Moores als auch die O'Dwyers sehr alte und einflussreiche Familien mit vielen Beziehungen, die ihm schnell das Leben schwer machen konnten, und zu denen auch ausgerechnet die Malfoys zählten. Was er bisher von Harry gesehen und gehört hatte, ließ erahnen, dass er sich zwar nicht scheute, andere zu erniedrigen, aber Dank seiner Erziehung ein gegenteiliges Weltbild als sein Vater hatte. Unwillkürlich musste er sich eingestehen, dass Lily sich ähnlich stolz wie Linda Moore hätte entwickeln können, wenn sie bei ihrer leiblichen Familie großgeworden wäre. Das Temperament war jedenfalls zu genüge vorhanden gewesen. Snape hatte Linda Moore vor einigen Jahren bei den Malfoys kennengelernt, und sie machte den Eindruck einer stolzen Familienoberhäuptin, die knallhart sein konnte, wenn sie wollte. Auch war ihr Wissen über dunkle Flüche beeindruckend, sie konnte sich durchaus mit Bellatrix Lestrange messen, und das sollte schon etwas heißen, denn die war vom Dunklen Lord persönlich unterrichtet worden. Er konnte sicher sein, dass Harry unter Lindas strengen Hand nicht allzu sehr verwöhnt worden war.

Snape sah auf seinen Lehrplan, und stellte fest, dass er gleich Ravenclaw und Hufflepuff des ersten Jahrgangs quälen durfte, was ihn an den Vorfall mit Dudley Dursley und gewissen Slytherins erinnerte, und an Potter. Dursley und Potter... was für ein Vergleich! Snape hätte fast laut geschnaubt. Er war er seinen Slytherins fast dankbar dafür, dass sie Dursley klargemacht hatten, dass Muggeldinge hier nichts verloren hatten. Der Junge war überaus arrogant und verwöhnt, und es wunderte Snape, wie er ausgerechnet in Hufflepuff landen konnte, die eigentlich eher bodenständig waren und oft nur wenig Selbstbewusstsein hatten. Auch harte Arbeit und Treue, zwei weitere Eigenschaften der Hufflepuffs schienen dem Jungen völlig fremd zu sein. Andererseits wies der Junge auch keine anderen hervorstechenden Eigenschaften der anderen Häuser auf. Lernbereitschaft und Klugheit der Ravenclaws? Fehlanzeige.

Mut, Leichtsinnigkeit und Courage der Gryffindors? Nicht wirklich. Eher ein Hang zur der Feigheit, sich an schwächeren Schülern zu vergreifen, wenn er Sprout richtig gehört hatte.

Gerissenheit, Ehrgeiz und Stolz der Slytherins? Keine Spur, höchstens der Stolz auf seine Muggelsachen, was ihm in Slytherin nur Ärger eingebracht hätte. Davon abgesehen waren Muggelgeborene in Slytherin selten, und diese wenigen hatten Slytherins Eigenschaften stets verkörpert.

Snape fragte sich ernsthaft, was der Hut überhaupt in dem Jungen gesehen hatte.

Donnerstag, 12.09.1991. Nachmittags

An einem Wochenende erschien eine Notiz am schwarzen Brett im Gemeinschaftsraum, die verkündete, dass am kommenden Donnerstagnachmittag die erste Flugstunde bei Madam Hooch stattfinden würde.

„Endlich mal wieder fliegen, das wurde aber auch mal Zeit!", sagte Harry.

Die anderen stimmten ihm zu und konnten die Flugstunde kaum erwarten.

Am Tag der Flugstunde saßen sie hibbelig im Unterricht und konnten sich kaum konzentrieren.

Die einzige Ablenkung brachten die Hufflepuffs, von denen sie mitbekamen, dass Dudley es tatsächlich geschafft hatte, dass Snape ihn zehn Minuten lang anbrüllte, weil er eine Schlägerei mit einem Ravenclaw angezettelt hatte, da dieser ihm nicht seine Zaubertrankzutaten überlassen wollte. Besagter Ravenclaw war durch Dudleys Fausthieb auf seinen Kessel gefallen und hatte schwere Verbrennungen abbekommen, und es war nicht verwunderlich, dass Snapes Reaktion darauf einem Vulkanausbruch Konkurrenz machen konnte. Die heftige Strafarbeit (einen Monat lang jeden Abend gepökelte Kröten ausnehmen und Rattenhirne aus den Ratten entfernen und einlegen) war den den Hufflepuffs egal, die siebzig Punkte, die Snape ihrem Haus abgezogen hatte, jedoch nicht. So kam es, dass Dudley in der Großen Halle abseits seiner Hauskameraden sitzen musste, da diese noch weniger als ohnehin schon mit ihm zu tun haben wollten, und die Ravenclawerstklässler ihn wo es ging beschimpften und niedermachten.

Um halb vier fanden sich die die Slytherins und die Gryffindors auf der Wiese vor dem Hauptportal ein, wo Madam Hooch sie schon mit säuberlich aufgereihten Besen erwartete.

Sie forderte die Schüler auf, sich neben den Besen aufzustellen. Dann sollten sie die Hand über den Besen ausstrecken, und ihn mit dem Befehl „Hoch!" dazu bewegen, in ihre Hand zu schnellen. Bei Harry, Andrew, Amanda, Draco und einigen Gryffindors klappte es auf Anhieb, während der Besen bei den anderen nur kurz zuckte oder sich gar nicht bewegte. Es dauerte fast eine Viertelstunde bis alle ihren Besen in ihre Hand hatten hochschnellen lassen. Harry dachte nun, dass es endlich richtig losgehen würde, doch Madam Hooch fing erst einmal an, ihnen zu erklären, wie sie aufsteigen sollten, ohne hinten runterzurutschen. Harry seufzte genervt. Warum dieser Babykram? Er wollte endlich fliegen.

Als alle endlich vernünftig auf ihren Besen saßen, sollten sie auf Madam Hoochs Pfiff hin einige Meter hochsteigen und dann wieder herunterkommen. Doch bevor der Pfiff ihre Ohren erreichen konnte, schnellte Neville auf seinem Besen wie ein geölter Blitz steil nach oben, um dann nach etlichen Metern den Halt zu verlieren und in Begleitung entsetzter Rufe und Schreie der Gryffindors zu Boden zu fallen, während sein Besen schnurstracks über dem Verbotenen Wald verschwand.

Madam Hooch drängte durch die Schülermenge und untersuchte den am Boden sitzenden Neville, der mit tränenden Augen und schmerzverzerrtem Gesicht seinen rechtes Handgelenk umklammerte.

„Also wirklich! Ich dachte der ist bei seiner Oma aufgewachsen und ist reinblütig! Wie kann man da nicht fliegen können?", fragte Amanda verdutzt.

„Der hatte zuviel Angst.", sagte Andrew. „Besen spüren so was."

„Aber seine Oma hätte es ihm beibringe können.", erwiderte Harry stirnrunzelnd.

Bevor Madam Hooch Neville in den Krankenflügel brachte, schärfte sie den anderen Schülern ein:

„Wenn ich nur einen Besen fliegen sehe, ist derjenige schneller aus Hogwarts draußen als er Quidditch sagen kann. Ist das klar?!"

Nachdem sie mit einem schniefenden Neville verschwunden war sah Draco etwas im Gras liegen und hob es auf.

„Seht mal, was die Oma vom Lahmarsch im geschickt hat. Wenn er das hier befragt hätte wäre ihm sicher noch eingefallen auf seinem Wabbelarsch zu landen."

Die Slytherins lachten.

Harry erkannte, was Draco in der Hand hielt und kicherte schnaubend.

„Ein Erinnermich, was für ein nutzloser Ramsch. Was nützt es dir, dass es dir anzeigt, dass du was vergessen hast, wenn es dir nicht sagt was es ist."

„Gib das wieder her, Malfoy. Das gehört Neville!", befahl Ron Weasley.

Draco grinste spöttisch.

„Das Ding ist mehr wert als euer ganzes Haus, Weasley. Willst es wohl verscherbeln, was?"

Rons wütende Antwort ging im schallenden Gelächter der Slytherins unter.

„Haus? Wohl eher eine Schrotthütte!", sagte Harry hämisch grinsend.

Ron, der sich auf Harry stürzen wollte, wurde von Hermine Granger zurückgehalten.

„Bist du bescheuert? Wir kriegen noch Ärger, wenn du eine Schlägerei anfängst! Das wird Gryffindor nur Punkte kosten!", fauchte sie ihn an.

„Lass mich gefälligst los! Es ist mir egal, was meine Mutter mir gesagt hat, aber du hast mir nichts zu sagen und Potter hat uns verraten!"

Hermine sah ihn völlig irritiert an.

„Ron, ich habe dir schon mal erklärt, dass man das nicht beeinflussen kann - "

Harry, der keine Ahnung hatte, wovon sie sprach, unterbrach sie einfach.

„Hat Weasley noch mehr Geheimnisse über Müll ? Schlaft ihr vielleicht in Mülltonnen?", spottete Harry, was die Slytherins mit johlendem Gelächter beantworteten.

Ron wurde immer dunkelroter im Gesicht, was Harry an matschige Tomaten erinnerte.

„WIE OFT SOLL ICHS DIR NOCH SAGEN, WIR HABEN KEINEN MÜLL BEI UNS!! DU BIST EIN SLYTHERIN!", schrie Ron.

Harry sah Ron verwirrt an. Was hatte das eine mit dem anderen zu tun?

„Ach nee, wirklich? Wusste ich ja noch gar nicht, Weasley! Wie kommst du nur zu der Erkenntnis?", sagte Harry mit vor Sarkasmus triefender Stimme.

„Und was hat euer Müll damit zu tun,. dass Harry in Slytherin ist?", fragte Amanda mit hochgezogenen Augenbrauen.

Die restlichen Slytherins heulten inzwischen vor Lachen.

Ron verdreht die Augen und rang die Hände, als er bemerkte, dass Harry keine Ahnung hatte, worauf er hinauswollte.

„Du hast doch Du-weißt-schon-wen besiegt! Und jetzt bist du bei den Schlangen!", rief Ron inzwischen sichtlich verzweifelt.

„Na und? Außerdem habe ich nicht gegen ihn gekämpft. Und meine Mutter hat ihn besiegt.", sagte Harry trocken.

Was dann folgte, war der verdattertste Gesichtsdruck, den sie jemals bei Ron gesehen hatten. Das einzige, was er dann herausbrachte, war:

„HÄÄÄ?!"

„Es war Muttermagie, Weasley, um ihr Kind zu beschützen. Sag bloß, deine Mutter kennt das nicht, wo sie doch so viele Kinder hat?", fragte Amanda in einem besserwisserischem Ton.

„Aber vielleicht hat sie auch einfach keine Ahnung von der alten Magie, wie unsere Familie.", fügte sie nach einer Weile arrogant hinzu, als Ron sie völlig baff ansah.

„Das macht Sinn Ron, immerhin war er erst ein Jahr alt, es wäre eine logische Erklärung, warum Harry überlebt hat.", schaltete sich Hermine wieder ein.

„Und wieso hat Dumbledore davon nichts gesagt? Er hat uns im Sommer doch noch erzählt, dass er sich nicht sicher ist, was damals passiert ist!", fauchte Ron.

Bevor Hermine ihm eine passende Antwort an den Kopf werfen konnte, tauchte Madam Hooch plötzlich neben ihnen auf und setzte den Unterricht fort.

Das Erinnermich hatten sie längst vergessen, bis es Draco auf dem Weg zum Gemeinschaftsraum in seiner Umhangstasche wiederfand. Mit einem Grinsen machten sich die Slytherins zum Astronomieturm auf, und Draco warf das Erinnermich auf das benachbarte Dach, wo es in die Regenrinne rollte.

„Mal sehen wie lange er braucht um es wieder zu finden. Wenn er sich überhaupt dran erinnert, dass er eines besitzt!", sagte Draco spöttisch.

Die anderen lachten.

Am nächsten Tag ging das Gerücht durch die Schule, dass Neville die ganze Nacht vor dem Gemeinschaftsraum der Gryffindors hatte verbringen müssen, da er das Passwort vergessen hatte. Dadurch war er zum Gespött der ganzen Gryffindors geworden, (Dudley konnte kaum mehr aufhören, darüber zu lachen, und fing jedes mal von neuem an, wenn er Neville zu Gesicht bekam) und die meisten Schüler waren sich einig, dass er doch besser in Hufflepuff aufgehoben wäre.

Die jedoch hatten schon ihr ganz eigenes Problem mit Dudley. Dieser musste ständig von Vertrauensschülern zurechtgewiesen werden, da er ständig kleinere und schwächere Schüler schikanierte. Deswegen wandten sich die anderen Hufflepuffs lieber von ihm ab, und fanden seine Einladungen zum gemeinsamen Zusammenschlagen und seine Drohungen gegenüber anderen Klassenkameraden gar nicht komisch. Stattdessen bekam er von älteren Schülern unangenehme Zauber zu spüren, und Androhungen von noch unangenehmeren Flüchen, wenn er mit seinen Schikanen nicht aufhören sollte. Dudley begriff langsam, dass er auf diese Weise keine Freunde finden würde, und angesichts seiner unangenehmen Erfahrung mit den Slytherins nahm er die Androhungen der älteren Schüler ernst.

So vergingen die Tage und Wochen, und aus Draco, Harry, Andrew, Crabbe und Goyle wurde eine eingeschworene Gemeinschaft, die nur noch zusammen anzutreffen war.

Dumbledore betrachtete dies mit Sorge, da sich nun seine Befürchtungen bestätigt hatten, dass Harry von den O'Dwyers und Moores so stark beeinflusst wurde, dass er deren Ansichten über Muggel und Reinblütigkeit teilte. Auch war sein Versuch gescheitert, den jungen Weasley und Hermine Granger als Freunde zusammenzubringen.

Der Hüter der Prophezeiungen hatte ihn im Frühjahr benachrichtigt, dass eine Prophezeiung über ihn und drei seiner Schüler ausgesprochen worden war. Sie handelte davon, dass drei seiner Schüler großes vollbringen würden, alle im selben Jahrgang, einer mit rotem Haar, ein intelligentes Mädchen, und der, der vom Dunklen Lord gezeichnet worden war. Diese sollten unter Lebensgefahr eine Katastrophe abwenden, aber nur, wenn kein Zwist oder Streit zwischen ihnen steht und sie Hilfe von ihrem weisen Vorbild erhalten, der die Freundschaft mit sanfter Hand entstehen lassen sollte.

Dumbledore war sich sehr sicher, dass damit Ron, Hermine, Harry und er selbst gemeint waren. Daher hatte er Hermine und Ron im Sommer zusammenführen wollen, was aber nicht so recht klappen wollte, denn Ron war nach kurzer Zeit von Hermines Besserwisserei, ständigem Redefluss und Herumkommandiererei so genervt, dass er seine Eltern anflehte, sie nach Hause zu schicken und Fred und George, sie mit Streichen zu überhäufen, was sie auch gerne taten.

Hermine war durch Rons Faulheit, Begriffsstuzigkeit, Sturheit, seine aufbrausende und oft unhöfliche Art abgeschreckt worden, und durch die Tatsache, dass er sich scheinbar nur für Quidditch interessierte.

Dies war nicht gerade die perfekte Basis für eine gute Freundschaft, eher das Gegenteil. Nachdem die beiden sich eine halbe Stunde lang angebrüllt hatten, schritt Molly Weasley schließlich ein und benachrichtigte Dumbledore, der eine äußerst wütende Hermine schweren Herzens wieder nach Hause bringen musste.

So war das eigentlich nicht gedacht. Und nun war Harry auch noch in Slytherin gelandet. Wie sollte da die Prophezeiung erfüllt werden? Harrys Blicke sagten ihm, dass er ihm nicht traute, und ihn somit auch nicht als Vorbild sah. Was sollte er nun tun? Freundschaft und Vertrauen konnte man nicht erzwingen, vor allem nicht zwischen Gryffindors und Slytherins. Dumbledore seufzte tief.

Das konnte noch heiter werden.