11.)
Welches Entsetzen löste diese Nachricht aus, so eilig der Überbringer auch hinzufügte, es gehe Miss Darcy gut, sie sei unverletzt und man habe sie zu Freunden in Sicherheit gebracht! Jane war vor Schreck so bleich wie die Wand geworden, Miss Bennet hatte beide Hände vor den Mund gepreßt, um einen Schrei zu unterdrücken, Mr. Bingley und Elizabeth bestürmten den Diener schneller mit Fragen, als dieser sie beantworten konnte, und nur Mr. Darcy bewahrte mit Mühe genug Fassung, um den Butler anzuweisen, ihm unverzüglich seinen Mantel zu bringen. Der Inder drängte, so sehr seine Stellung es ihm erlaubte, zur Eile und versprach, alle Fragen, soweit er es vermöge, bei erster Gelegenheit zu beantworten, vordringlich sei jedoch, daß jemand aus ihrer Familie bei Miss Darcy sei. Zwar habe die junge Dame sich bislang bewundernswert nervenstark gezeigt, doch zweifellos sei dies zum Teil auf den Schock zurückzuführen, und sobald dieser nachlasse, werde sie gewiß sehnlichst nach ihren Verwandten verlangen. Mr. Darcy dankte ihm geistesabwesend und versuchte seine Frau mit wenig Nachdruck und vergeblich daran zu hindern, ihn zu begleiten. Bingley und Jane blieben mit Kitty in heller Aufregung zurück, und Elizabeth war sicher, daß niemand im ganzen Haus bis hinunter zum letzten Spülmädchen ein Auge zutun würde, ehe man nicht Gewißheit über Miss Darcys Schicksal hatte.
Während er mit dem Licht die Stufen hinunter vorausging und ihnen in die Kutsche Lord Raymunds half, die er selbst lenkte, berichtete der Diener kurz, er habe seinen jungen Herrn Mr. Cedric Whitby an diesem Abend zu später Stunde noch von einem Besuch nach Hause begleitet, als sie aus einer dunklen Seitengasse eine Frauenstimme hätten schreien hören. Mr. Whitby habe sofort sein Pferd herumgerissen und sei dem Laut voller Besorgnis gefolgt, und ihm selbst sei nichts anderes übrig geblieben, als dasselbe zu tun. Dort hätten sie Miss Darcy und ihre Freundin Miss Thornton in der Gewalt einer Bande abgerissener Männer vorgefunden, die die jungen Damen offensichtlich habe berauben wollen, beim Heranstürmen der beiden Reiter jedoch voller Panik und Verwirrung geflüchtet sei. Miss Darcy sei es gewesen, die um Hilfe gerufen hätte; Miss Thornton jedoch sei vor Schreck in Ohnmacht gefallen, und man habe den Ort derart belastet nur mit großer Mühe verlassen können. Nein, Mr. Thornton habe man nicht gesehen. Zurück auf der Straße habe man den Wagen der Thorntons getroffen, den Miss Darcy erkannte. Der Kutscher jedoch, da ihm Mr. Whitby nicht bekannt war und ihm die Umstände höchst verdächtig schienen, habe sich rigoros geweigert, Miss Darcy ohne Anweisung durch Mr. Thornton nach Hause zu bringen, und mit Mühe habe man ihn dazu bewegen können, sie alle stattdessen bei Mr. und Mrs. Gardiner abzusetzen, deren Haus weit näher lag und deren Gesellschaft, wie Mr. Whitby hoffte, für Miss Darcy doch zumindest ein erster Trost sein müsse. Glücklicherweise habe man die Gardiners zu Hause angetroffen, und beide bemühten sich nun rührend um das verstörte Mädchen, während der fremde Kutscher nicht habe bleiben wollen und stattdessen aufbrach, um Miss Thornton unverzüglich direkt zu ihren Eltern zu bringen.
Dieser Bericht wurde hastig und in atemlosen Worten gegeben und ließ denn auch mehr Fragen offen, als er beantwortete. Dennoch mußte er vorerst genügen, denn der Diener schloß eilig den Schlag hinter den beiden Herrschaften, kletterte auf den Kutschbock und lenkte den Wagen mit solcher Geschwindigkeit aus der Gasse, daß das Hufgetrappel und Räderknarren in der sonst so ruhigen Nacht förmlich widerhallte und sicher alle Nachbarn aus dem Schlummer riß.
Weder Mr. Darcy noch Elizabeth sprachen auf der Fahrt. Einmal beobachtete Mrs. Darcy, wie ihr Mann in einer plötzlichen Bewegung die Fensterkante der Kutsche umklammerte, und faßte eilig nach seiner Hand. Sie konnte nachempfinden, was in ihm vorging. Für ihn, den zehn Jahre älteren Bruder, der seit dem frühen Tod seines Vaters dessen Stelle bei Georgiana vertreten hatte müssen, war Miss Darcy fast mehr eine Tochter als eine Schwester. Er blickte kurz auf und rang sich ein müdes Lächeln ab. Aber Sprechen war müßig, solange man sich nur in Vermutungen ergehen konnte, und so verharrten beide in ihrem Schweigen.
Als der Wagen in die Gracechurch Street einbog, fuhr Mr. Darcy aus seiner Erstarrung auf, und der Inder hatte die Pferde noch kaum gezügelt, als der ungeduldige Fahrgast bereits absprang, Elizabeth mehr aus der Kutsche zerrte als hob und dann eilends zur Eingangstür eilen wollte. Mrs. Gardiner kam ihm bereits entgegen, und er faßte sie an beiden Schultern, ohne recht zu wissen, was er tat.
"Geht es ihr gut?"
"Sie ist wohlauf", beruhigte Elizabeths Tante sofort, wenn auch mit ernstem Gesicht. "Gehen Sie ruhig, sie sitzt bei Mr. Whitby im Wohnzimmer." Mehr brauchte er nicht zu hören, und er nahm die beiden Stufen zum Eingang in einem einzigen Schritt. Mrs. Gardiner umarmte unterdessen ihre Nichte und küßte sie innig auf die Wange. "Gott, Lizzy, was bin ich froh, dich zu sehen! Wir wagten ja kaum zu hoffen, daß Mr. Rajit euch zu Hause antreffen würde. Miss Darcy sagte uns, ihr wäret selbst ausgegangen, und wir nahmen an, ihr wäret gewiß noch nicht zurück, sonst hätten wir Rajit nicht erst um den Wagen des Viscounts, sondern gleich zu euch geschickt. Aber ich fürchte, in dieser schrecklichen Nacht denkt keiner von uns mehr besonders klar."
Das konnte Elizabeth vollends bestätigen. Während sie sich bei Mrs. Gardiner einhängte, erkundigte sie sich eingehend, was denn passiert sei.
"Ich kann dir nur das wiedergeben, was wir von Miss Darcy erfahren haben", erklärte ihre Tante, während sie Elizabeth zur Tür und ins Haus führte. "Und das war verständlicherweise ein wenig verworren. Obwohl ich sagen muß, das arme Mädchen hat sich großartig gehalten, wie eine kleine Abenteurerin. Ich fürchte freilich, der Schrecken wird erst jetzt allmählich kommen, wenn die Aufregung allmählich nachläßt.
Soweit wir ihrer Erzählung entnahmen, war sie heute Abend in Begleitung jenes Mr. Thornton, von dem du uns schon erzählt hast, und seiner Schwester im Theater. Nach dem Stück schickte Mr. Thornton den Diener los, um die Kutsche zu holen, die jedoch unverhältnismäßig lange auf sich warten ließ. Mr. Thornton wurde ungeduldig und beredete die Mädchen, dem Wagen ein wenig entgegen zu gehen, und zwar auf einer Abkürzung durch eine schmale, verwinkelte Seitengasse, die sie zu jener Straße bringen sollte, auf der die Kutsche herankommen würde. Und in eben jener Gasse, wo es vollkommen finster war, spürte Miss Darcy plötzlich, wie jemand sie am Arm packte, und ein Mann forderte Geld. Ohne zu überlegen, schrie sie um Hilfe, und diesen Schrei hörten unsere beiden Retter, die nicht weit entfernt zu Pferd zur Themsebrücke unterwegs waren."
An dieser Stelle endete der Bericht fürs Erste, denn sie waren inzwischen im Flur angelangt, und Mrs. Darcy stieß die Tür zum Salon auf, wo sie ihre Schwägerin bereits tränenüberströmt in den Armen Mr. Darcys vorfand. Die warme Decke, in die man sie gehüllt hatte, war ihr dabei von den Schultern auf das Sofa geglitten, und auf dem Beistelltisch in der Nähe stand eine dampfende Tasse heiße Schokolade. Bisher schien ihr wirklich kaum anzusehen, was sie in dieser Nacht alles durchlitten hatte, abgesehen vielleicht von einer gewissen Blässe, gegen die die hochroten Wangen fast krankhaft abstachen, und der deutlichen Erleichterung, mit der sie sich mit einem leisen Aufschrei auch sofort in Elizabeths Arme warf, kaum hatte sie sie erblickt. Mr. Gardiner, der ebenfalls mit im Zimmer gesessen hatte, erhob sich, um den Dienern mit Pferden und Wagen zu helfen, wie er sagte, und Mr. Whitby, von der Ankunft der Darcys in die hintere Ecke des Raumes versprengt, wußte vor Verlegenheit und Rührung schier nicht, wohin er blicken sollte, und wollte sich dem Hausherrn sogleich dabei anschließen.
Natürlich kam er nicht weit.
"Nicht so hastig, Sir." Mr. Darcy versperrte ihm mit einem großen Schritt den Weg zur Tür, ergriff seine Hand und schüttelte sie in aller Form. "Sie werden mir zumindest erlauben, Ihnen zu danken - soweit bloße Worte überhaupt zum Ausdruck bringen können, wie sehr ich Ihnen verpflichtet bin. Noch weiß ich nicht einmal wirklich, was geschehen ist, aber lassen Sie mich Ihnen sagen, daß ich zu jeder Form von Genugtuung..."
"Bitte, Sir, nicht weiter!" Mr. Whitby schüttelte heftig die braunen Locken. "Ich selbst bin noch ganz durcheinander. Es war pures Glück und ein gnädiges Geschick, die uns zur rechten Zeit am rechten Ort sein ließen, und durchaus kein Verdienst meinerseits."
Erst jetzt kam Elizabeth dazu, über Georgianas Kopf hinweg deren Retter zu mustern. Auch Mr. Whitby sah bleich aus, an seinen Stiefeln klebten noch Reste des Straßenschmutzes aus der Gasse, und seine Hände waren verschrammt. Dennoch lächelte er.
"Niemand könnte glücklicher sein als ich, daß ich von Nutzen sein durfte, und ich will Ihnen gerne alles berichten, was ich über den Verlauf der Angelegenheit sagen kann. Aber vielleicht möchten Sie Ihre Schwester auch erst nach Hause bringen? Nichts läge mir ferner, als Miss Darcys Qualen und Furcht etwa noch zu verlängern."
Das aber wollte Georgiana nicht, die diesem Ansinnen so entschieden widersprach, wie es ihr möglich war. Sie habe doch das Geschehen selbst ohne Schaden überstanden, wieso solle ihr nun die Erzählung desselben mehr Besorgnis bereiten? Zudem sei ihr Zeugnis unumgänglich, sei sie doch die einzige, die von Anfang bis Ende alles miterlebt habe. Diesem Argument ließ sich schwer widersprechen, und man erlaubte ihr also, sich wieder in ihre Decke zu wickeln und sich eng neben Elizabeth auf Mrs. Gardiners Sofa niederzulassen, während die beiden besorgten Herren sich in Sesseln ihr gegenüber positionierten. Nachdem Mrs. Darcy ihr auch die Tasse Schokolade wieder in die Hand gedrückt hatte, an der sie gelegentlich nippte, begann sie mit ihrem Bericht, Und ob es nun an ihrer Aufregung lag oder an der beruhigenden Anwesenheit ihrer Familie, oder an der Mr. Whitbys, die sie in solch rauschhafte Stimmung versetzte, ihre Erzählung war jedenfalls überraschend lebhaft und fiel weit ausführlicher aus als die kürzere Fassung Mrs. Gardiners. Ja, sie schien die Aufmerksamkeit ihrer Zuhörer, die sie sonst befangen gemacht und verstummen hätte lassen, in höchst ungewohnter Weise sogar zu genießen.
"Das Theater endete recht früh. Es war übrigens eine recht hübsche kleine Komödie, und ich glaube, sie hätte Kitty bestimmt gut gefallen, Elizabeth. Mr. Thornton wollte seine Schwester und mich eigentlich noch zu Erfrischungen im Foyer einladen, aber der Raum war eng und düster, und das Publikum dort erschien uns recht zwielichtig und gefiel uns zu wenig, als daß wir uns dort länger hätten aufhalten wollen. Daher schickte Mr. Thornton den Diener los, um die Kutsche zu holen. Das dauerte lange, denn der Kutscher der Thorntons (ein sehr grimmiger alter Kerl, gar nicht zu vergleichen mit unserem Tom) hatte den Wagen in großer Entfernung vom Theater abgestellt, weil er Angst vor Dieben oder sonstigem Gesindel hatte. Miss Thornton meinte freilich, der wahre Grund sei, daß er gerne einmal auch einen über den Durst trinke, und er werde bestimmt vor einem Gasthof mit Straßenausschank warten.
Was auch immer der Grund war, es dauerte sehr lange, bis der Wagen kam, und Mr. Thornton war des Herumstehens leid und wollte nicht länger warten. Ich schlug vor, wir sollten vielleicht doch zum Theater zurückgehen und im Foyer bleiben, wo man uns, falls es tatsächlich ein Unglück mit unserem Wagen gegeben hätte, sicherlich eine Mietkutsche rufen würde, aber er war nun ungeduldig und mürrisch und wollte unbedingt selbst nach dem Rechten sehen. Er sagte, es gebe nur die eine Straße, die zur Brücke führe, und von dort müsse die Kutsche deshalb in jedem Fall kommen. Ob wir ihr nicht ein Stück entgegen gehen sollten?
Nun, die Nacht war nicht allzu kalt, aber das lange Herumstehen hatte uns doch frösteln gemacht, und so hatten wir alle nichts gegen ein wenig Bewegung, und wir wollten Mr. Thornton auch gerne wieder in bessere Laune versetzen, was auch gleich geschah, als Miss Thornton und ich seiner Idee zustimmten. Mr. Thornton bot uns an, daß wir uns bei ihm einhängen sollten, und wir gingen in dieser Art einige Schritte, bis unsere Straße eine Kurve beschrieb. An jener Stelle spähte Mr. Thornton in eine Seitengasse, die dort abzweigte, und sagte, wir sollten lieber rasch diese entlang gehen; der Weg kürze die Biegung der größeren Straße gehörig ab und würde uns direkt zur Brücke bringen. Das stimmte wohl auch, aber wie wir wegen der Dunkelheit an ihrem Eingang nicht sehen konnten, verzweigte sich auch die Gasse und beschrieb viele Kurven um Hauseingänge und Mauervorsprünge. Wir aber dachten, es handle sich nur um ein paar Dutzend Schritte zwischen geraden hohen Hauswänden entlang, denn zu unserem Unglück spiegelten sich wohl, als wir in die Gasse spähten, gerade die Lichter einiger Kutschen, die an uns vorbei fuhren, in den Scheiben eines Fensters, was wir für aufgesteckte Fackeln an der Brücke hielten, die wir folglich schon sehen zu können meinten.
Obwohl also Miss Thornton und auch ich recht ängstlich waren, denn die Gasse war wirklich sehr schmal und roch, als wäre sie überaus schmutzig, ließen wir uns doch von Mr. Thornton auf diesem Weg weiter führen. Wir hatten jedoch noch kaum ein paar Schritte getan, als wir uns an einem Hauseck entlang tasten mußten, das sich uns in den Weg schob, und Mr. Thornton löste sich von uns und ging einen Schritt voraus, um den Weg zu erforschen. Die Gasse machte einen scharfen Knick, dem wir folgen mußten, und teilte sich, und ehe wir es uns versahen, hatten wir zwischen den hohen Häusern beide Straßen, die vor uns und die in unserem Rücken, aus dem Auge verloren. Ohne Licht, wie wir da standen, fühlten wir uns bereits schrecklich ängstlich. Und dann war da plötzlich die Stimme eines Mannes, der sehr heiser sprach. Wir konnten niemanden sehen, weil es so finster war, und ich verstand den Dialekt des Menschen kaum, aber er forderte wohl Geld und drohte uns. Oh Bruder, wie sehr ich da erschrak! Ich glaube nicht, daß ich mich jemals so geängstigt habe wie in dieser Gasse!
Mr. Thornton stieß einen Fluch aus und rief, wir sollten ihm rasch folgen, und ich hörte seine Schritte auf dem schmutzigen Boden. Ich wäre ihm ja auch gerne hinterher gelaufen, aber ich war vor Angst wie erstarrt, und von der armen Miss Thornton vernahm ich nur ein Seufzen, und gleich darauf hörte ich sie ohnmächtig zu Boden sinken, während mich selbst jemand am Arm packte, mich um die Hüfte faßte und, so schien mir, mich davonzerren wollte. Es war wohl ein Mann, und er roch ganz entsetzlich, nach Schweiß und Tabak und anderen widerlichen Dingen.
Und da schrie ich um Hilfe, so laut ich nur irgend konnte. Ich dachte, daß in den Häusern rundum mich doch gewiß irgendjemand hören müsse, aber kein Fenster öffnete sich, und nirgendwo trat jemand aus der Tür, um nachzusehen."
"Das sollte Sie nicht verwundern, Miss Darcy", warf Mr. Whitby an dieser Stelle ein. "Die Leute, die in dieser Gegend leben, werden sich über seltsame Geräusche des Nachts kaum mehr beunruhigen, so traurig diese Wahrheit sein mag. Gewiß hören sie Ähnliches allnächtlich, und mit ebenso großer Sicherheit haben sie gelernt, daß es ihnen nur Schwierigkeiten einträgt, sich in derartige Händel einzumischen. Und wer sagt, daß die Männer, die Sie überfielen, nicht die Ehemänner, Brüder und Vettern eben jener Nachbarn waren, von denen Sie sich Hilfe erhofften?"
Georgiana sah ihn erschrocken an. "Das ist ja entsetzlich! Eine ganze Gasse voller verbrecherischer Menschen?"
"Sagen Sie: Eine Gasse voller Verzweifelter, die alle Skrupel verloren haben, wenn es darum geht, sich und ihre Kinder zu ernähren. Not und Hunger sind schlechte Lehrmeister moralischer Tugenden. Zumindest sagt das mein Vater." Selbst noch zu aufgerüttelt, um klar zu denken, mochte er erst jetzt begreifen, wie sehr dieses Thema geeignet sein mußte, Miss Darcy im Nachhinein noch in Angst und Schrecken zu versetzen und ihr den Glauben an ihre Mitmenschen zu nehmen, und er fügte hastig hinzu: "Aber wer weiß? Vielleicht hatten sie nur noch nicht den Mut gefaßt, Ihnen zu helfen? Und vielleicht hatte jener Mann, der sie von dem Ort fort zerren wollte, gar nicht die Absicht, Ihnen zu schaden?" Es war ein reichlich hilfloser Versuch, Georgiana zu beruhigen, aber Mrs. Darcy gestand dem jungen Mann den guten Willen zu, es immerhin zu versuchen. Er brauchte sich nicht weiter zu bemühen, denn Georgiana entgegnete:
"Es war ja auch gar nicht notwendig, die Hilfsbereitschaft fremder Leute zu erproben. Denn wir hatten ja die Ihre! Ach, Mr. Whitby, was hätten wir wohl ohne Sie getan?" Sie sprach mit soviel Wärme, wie die jugendliche Heldin eines Romans sie ihrem Retter nur entgegenbringen konnte, ohne sich in ihrer Tugendhaftigkeit vollkommen bloßzustellen, und Mrs. Darcy sah in Gedanken die letzten Felle Mr. Thorntons davonschwimmen.
"Bitte machen Sie mich nicht verlegen, Miss Darcy. Ich danke dem Himmel, daß wir rechtzeitig zur Stelle waren."
"Und noch viel mehr tun wir das", ergänzte Mr. Darcy. "Sie hörten also den Hilferuf meiner Schwester?"
"Allerdings", griff Mr. Whitby den Faden der Erzählung an dieser Stelle auf. "Ich befand mich mit Rajit auf dem Heimweg, nachdem ich am Nachmittag einen alten Freund aus den Kolonien besucht hatte, den ich wegen unserer überstürzten Abreise aus der Stadt zuvor nicht mehr hatte aufsuchen können."
"Da Sie davon sprechen", warf Mrs. Darcy ein und nötigte Georgiana wortlos, noch ein wenig heiße Schokolade zu sich zu nehmen, "seit wann sind Sie denn wieder in der Stadt?"
"Erst seit gestern", antwortete der junge Mann und errötete leicht. "Und Sie werden sich wundern, denn eigentlich hätte ich wohl mit meiner Familie heute bei verschiedenen Nachbarn vorsprechen und Antrittsbesuche machen sollen. Aber ich gestehe, ich schob diese langweilige Pflicht meinen Eltern und meiner Schwester alleine zu und schützte, um ihr zu entgehen, den Besuch bei meinem alten Freund vor. Bei dem ich mich dann mit voller Absicht so gründlich verplauderte, daß ich selbst zu allen Abendeinladungen zu spät gekommen wäre.
Mein Freund lebt ein wenig südlich der Themse, in einer nicht sehr vornehmen Gegend, denn er hatte das Unglück, nach einer schweren Verwundung aus dem Heer ausscheiden zu müssen, und sein Vermögen ist nur sehr gering. Er freute sich dennoch, als ich ihn mit Rajit aufsuchte, den er ebenfalls noch aus Ostindien kennt, und wir verbrachten trotz der ärmlichen und beengten Verhältnisse einen höchst angenehmen Nachmittag. Als wir aufbrachen, dunkelte es schon sehr stark, und als wir eben die Brücke vor uns erblickten, hörten wir aus den Gassen neben uns einen Schrei.
Natürlich wußte ich nicht, daß es Miss Darcy war, die ihn ausgestoßen hatte. Wer weiß, ob ich sonst nicht zu ängstlich und zögerlich gewesen wäre, um schnell zu handeln? Ich sah die schmale Gasse, die an dieser Stelle in die breitere Straße einmündete, gab meinem Pferd die Sporen und lenkte es ohne Überlegen hinein. Dadurch kam ich allerdings dem Diener voraus, der das Licht trug, und... " Er hielt etwas verlegen seine verschrammten Hände in die Höhe. "Daran können Sie sehen, wie knapp ich an manchen Hindernissen vorbei schlingerte, die ich im Finstern kaum erahnen konnte, in einer Gasse, die wohl auch am Tag wenig geeignet wäre, einen Reiter passieren zu lassen. Aber unser Erscheinen hatte die gewünschte Wirkung: Die Schurken gerieten in Panik und flüchteten."
"Und wir waren gerettet", seufzte Miss Darcy voller Glückseligkeit. "Wie erleichtert war ich, als ich die Laterne Ihres Dieners sah und alle Bedrohung sich in nichts auflöste, und wie sehr erst, als ihr Schein auf Ihr Gesicht fiel und ich Sie erkannte!"
"Während meine Gefühle ganz und gar entgegengesetzt waren", sagte Mr. Whitby mit einem Lachen, dem man noch immer die Aufregung anmerkte. "Welch ein Schreck, zu erkennen, daß ausgerechnet Sie sich in solch bedrängter Lage und solcher Gefahr befunden hatten und solche gewaltigen Ängste ausstehen mußten!"
"Mir war gar nicht mehr bange. Nicht, nachdem Sie bei uns waren. - Mr. Whitby kam sogleich zu mir und stützte mich und sprach mir Mut zu, und der Diener schritt mit dem Licht ein wenig in der Gasse entlang, denn wir sorgten uns, daß Mr. Thornton vielleicht etwas geschehen sein könnte. Aber wir sahen ihn nirgends, und Rajit wollte sich nicht zu weit von uns entfernen und zu lange säumen, um uns nicht der Dunkelheit und vielleicht neuer Bedrohung auszusetzen.
Nur Miss Thornton lag bewußtlos auf der Erde, und selbst das Riechfläschchen hatte keinen Erfolg, sie aufzuwecken. Da wir nicht an diesem gefährlichen Ort bleiben konnten, machten wir uns auf zur Brücke, wobei Mr. Whitby mich stützte und gleichzeitig die Pferde am Zügel führte und der Diener Miss Thornton auf den Armen trug, während ich die Lampe hielt. Was für einen traurigen Anblick müssen wir den Leuten geboten haben, als wir so aus der Gasse kamen! Kein Wunder, daß Sir Walters Kutscher uns fast nicht aufnehmen wollte."
"Das kann ich nicht begreifen!" rief Mr. Darcy aufgebracht. "Nicht nur, daß Mr. Thornton seine und meine Schwester, die beide unter seiner Obhut standen, auf so schmähliche Weise ihrem Schicksal überließ - seine Bediensteten weigern sich noch dazu, den Gästen ihres Herrn behilflich zu sein. In solcher Notlage! Es ist unfaßbar. Sollten wir uns in Sir Walter wirklich so getäuscht haben?"
"Ich weiß es nicht, Fitzwilliam", sagte Georgiana. "Aber der Kutscher der Thorntons war immer schon griesgrämig und mürrisch, und an diesem Abend schien er besonders schlecht gelaunt. Und man muß ihm zugute halten, daß wir wohl einen sehr verdächtigen Eindruck auf ihn machten, daß er sich gewiß große Sorgen um die bewußtlose Miss Thornton machte, die er sofort zu ihren Eltern schaffen wollte, und daß er ja weder Mr. Whitby noch seinen Diener kannte."
"Und zumindest konnten wir ihn überreden, uns, das heißt: Miss Darcy und mich, bis hierher zu Mr. und Mrs. Gardiner zu bringen, während Rajit sich mit unseren Reitpferden aufmachte, um eine Kutsche meines Vaters zu holen. Denn nach allen Geschehnissen wagten wir uns keinem Mietkutscher mehr anzuvertrauen." Mr. Whitby wendete sich zu Mrs. Gardiner um, die sich irgendwann während des Berichts ins Zimmer gestohlen und schweigend in einem Sessel Platz genommen hatte. "Und ich kann mich nur immer wieder entschuldigen, daß wir Ihnen diese Bürde auflasteten, Mrs. Gardiner, noch dazu zu solcher Stunde. Aber wir wußten tatsächlich nicht, wohin wir uns sonst wenden sollten. Und da der Kutscher darauf beharrte, die ohnmächtige Miss Thornton direkt nach Hause zu bringen, ohne einen Umweg zum Haus meines Vaters oder dem Mr. Darcys zu machen, und ich mich an den Besuch bei Ihnen erinnerte und mir einfiel, daß Ihr Haus ganz in der Nähe und auf dem Weg lag, erschien es uns leichter, den mißmutigen Menschen zu überreden, hier kurz Halt zu machen."
"Und damit haben Sie ganz recht getan", unterbrach Mrs. Gardiner freundlich. "Das fehlte noch, daß sich der Retter unserer Miss Georgiana dafür rechtfertigen müßte. Schlimm genug, daß Sie von anderer Seite so abgekanzelt wurden."
Mr. Whitby lachte etwas grimmig. "Ich muß wohl wirklich einen sehr abgerissenen Eindruck gemacht haben in diesem Moment. Der Kutscher ließ mich nicht einmal mit in den Wagen einsteigen, sondern ich mußte mit dem Diener zu Pferd nebenher reiten, so daß Miss Darcy sich ganz alleine mit der kranken Miss Thornton abmühen mußte."
"Und welche Mühe wäre das wohl gewesen? Ich saß nur da und stützte sie, während ich von Zeit zu Zeit das Fläschchen an ihr versuchte. Sie kam auch kurz wieder zu sich, war aber so verängstigt, daß sie kaum sprach, und sank bald wieder starr in die Kissen."
"Ich hoffe sehr, daß die junge Dame sich bald wieder erholen wird", sagte Mr. Whitby höflich. "Sie aber, Miss Darcy, ich kann mich nur wiederholen, sind in unglaublicher Weise tapfer gewesen. Ich kann gar nicht zum Ausdruck bringen, wie sehr ich Ihre Haltung in dieser schrecklichen Lage bewundere."
Georgiana errötete, wie kein Maler es ähnlich entzückend hätte darstellen können, dachte Mrs. Darcy, deren Spottlust sich allmählich trotz der Aufregung wieder zu melden begann - oder sogar gerade deswegen. Sie war schon immer der Ansicht gewesen, daß ein Schrecken viel von seiner Gewalt verlor, wenn man über ihn zu lachen vermochte. Und so gestattete sie sich jetzt den Gedanken, daß das unschuldige, zarte Rot auf Miss Darcys Wangen Mr. Whitby ganz offensichtlich erneut in größte Gefahr brachte - wenn diese neue Gefahr vielleicht auch geringer einzustufen war als die des bisherigen Abends, da sie nicht Leib und Leben, sondern nur seiner Freiheit galt.
"Es war ein großes Glück", fuhr Mr. Whitby fort, "daß wir Sie beide zu Hause antrafen, so daß wir Miss Darcy schnell ins Warme schaffen und von Freunden umsorgen lassen konnten." Er sprach nun auch zu Mr. Gardiner, der im selben Moment ebenfalls ins trat.
"Gar keines", sagte letzterer lächelnd. "Ein arbeitender Mann, der frühmorgens sein Geschäft öffnen muß, hat notgedrungen weit weniger abendliche Verpflichtungen, als Sie es sicherlich von Ihren Eltern gewohnt sind. Und es war recht umsichtig von ihm, daß Ihr Diener sicherheitshalber doch mit dem Wagen zunächst in die ... Street fuhr. Obwohl wir wenig Hoffnung darauf setzten, euch beide zu Hause zu finden, Lizzy, denn Miss Darcy hatte uns erzählt, ihr wäret beide selbst ausgegangen."
Elizabeth berichtete kurz vom Verlauf ihres eigenen Abends, der so reizend und harmlos gewesen war, verglichen mit all dem, was Georgiana in derselben Zeit hatte durchstehen müssen. Das führte zu einem neuerlichen Versuch, Mr. Whitby der Dankbarkeit der gesamten Familie zu versichern, erst durch Mrs. Darcy selbst, dann durch ihren Mann, die jedoch nur immer wieder mit denselben Worten abgewiegelt wurden, bis Mr. Darcy schließlich fragte:
"Wo ist eigentlich Ihr Diener abgeblieben? Daß Sie selbst mir nicht gestatten, Ihnen zu danken, muß ich hinnehmen, obwohl Sie sicher sein können, daß ich deswegen noch oft im Haus Ihrer Eltern vorsprechen werde. Aber Sie werden mir nicht verbieten, wenigstens gegenüber Ihrem Diener meine Dankbarkeit zu erweisen."
"Ganz gewiß nicht", lächelte Mr. Whitby. "Auch wenn ich bezweifle, daß Ihre Bemühungen von viel Erfolg gekrönt sein werden. Rajit ist in dieser Hinsicht sehr eigen, sehen Sie. Von den Trinkgeldern, die er schon abgelehnt hat, könnte er sich wahrscheinlich irgendwo ankaufen und sich bequem zur Ruhe setzen. Man sagt ja, daß Diener ihren Herren mit den Jahren immer ähnlicher werden", fügte er hinzu, als er den erstaunten Blick Mr. Darcys bemerkte, "und Rajit ist schon seit seiner Kindheit im Dienst meiner Familie. Wo mein Vater also gewisse Launen entwickelt hat, da hat sein Kammerdiener ausgewachsene Schrullen."
"Und wo ist er jetzt?" Die Frage galt eigentlich Mr. Whitby, der freilich nur mit den Achseln zucken konnte und zugeben mußte, daß er, ganz und gar bekümmert um Miss Darcy, den Inder seit seiner Ankunft bei den Gardiners nicht mehr gesehen hatte.
"Ich muß gestehen, ich weiß es ebenfalls nicht", gab Mr. Gardiner zu. "Er brach noch einmal auf, mit einer Mietkutsche, wollte aber bald zurück sein. Ich dachte natürlich, er sei auf Ihre Anordnung hin unterwegs, Mr. Whitby."
"Oh, das ist schon in Ordnung", winkte der junge Mann ab. "Rajit ist sehr selbständig. Wenn er der Ansicht ist, etwas müsse noch getan werden, dann wird das schon so sein."
Man konnte dem Diener die Frage bald selbst stellen, denn er kehrte nur wenige Minuten später in die Gracechurch Street zurück, noch immer in denselben unordentlichen Kleidern und nun obendrein mit einem Gesicht, das unter der sonnenbraunen Haut aschgrau vor Erschöpfung schien. So wenig Elizabeth fähig war, den indischen Diener ganz unbefangen zu betrachten, und zwar wegen jener höchst unziemlichen Vorliebe, die, wie sie befürchtete, Miss Whitby für ihn empfand, so sehr mußte sie ihm in diesem Augenblick doch ihr Mitgefühl und ihre Hochachtung zollen. Daß dieser junge Diener, der kaum Durchschnittsgröße erreichte und in seiner ganzen Erscheinung eher schmächtig wirkte, es geschafft hatte, die ohnmächtige Miss Thornton, die wenigstens dieselbe Größe erreichte wie er, aus der finsteren Gasse zu tragen, und seitdem im Dienst seines Herrn unterwegs gewesen war, ohne auszuruhen, nötigte ihr ehrlichen Respekt ab.
"Ich habe mir erlaubt, in der Bow Street vorzusprechen, Sir", antwortete er auf die entsprechende Frage, "wo ich trotz der späten Stunde noch jemanden vorfand, dem ich Bericht erstatten konnte, wobei ich freilich keinerlei Namen erwähnte und so tat, als hätte ich alles nur aus zweiter Hand gehört. Es besteht also kein Grund, zu befürchten, Ihren Namen oder den meines Herrn morgen in der Zeitung zu lesen, Mr. Darcy."
"Das war sehr umsichtig von Ihnen."
"Ich machte mich noch kurz mit einigen Männern auf, um die Gasse zu erkunden, wo wir aber erwartungsgemäß kaum noch Spuren des Geschehenen vorfanden. Da ich annahm, Sie würden sich um Mr. Thornton sorgen, schickte ich einen Jungen zum Haus Sir Walters, um Nachricht einzuholen. Wie es aussieht, ist Mr. Thornton unverletzt geblieben und glücklich nach Hause zurückgekehrt."
"Das freut mich für seine Familie", sagte Mr. Darcy ernst, "aber es wird ihm meine Vorwürfe noch weniger ersparen. Was hat er sich nur dabei gedacht?"
"Viel konnte ich nicht in Erfahrung bringen, Sir, aber es scheint, als sei es Mr. Thornton gelungen, aus der Gasse zur Straße zurück zu finden. Er lief wohl bis zu jenem Theater zurück, in dem die Gesellschaft zuvor gewesen war, besorgte sich dort Licht und trommelte ein paar Männer zusammen, um nach seiner Schwester und Miss Darcy zu suchen. Als er die Gasse freilich verlassen fand (die wir zwischenzeitlich längst geräumt hatten), kehrte er schleunigst zurück zu seinem Vater, um ihm zu berichten. So erzählten es uns jedenfalls Passanten, als ich mit den Leuten aus der Bow Street die Gasse durchkämmte."
Nun, zumindest den Anwohnern dieses verrufenen Gäßchens hatte sich in dieser Nacht demnach ein unterhaltsames Schauspiel geboten, dachte Mrs. Darcy. Wahrscheinlich waren selten zuvor so viele Menschen gleichzeitig an diesem schmutzigen Fleckchen interessiert gewesen.
Mr. Darcy bemühte sich nun, seine Dankbarkeit wenigstens gegenüber dem Diener zu beweisen, und wäre sicherlich zu jeder Geste der Großzügigkeit bereit gewesen. Aber wie Mr. Whitby schon angekündigt hatte, lehnte der Inder mit sehr ernstem Gesicht ab.
"Ich muß Sie untertänig ersuchen, Sir, davon Abstand zu nehmen. Bitte gestatten Sie mir, auch wenn ich kein Gentleman bin und nur in untergeordneter Stellung diene, daran zu glauben, daß eine gute Tat sich selbst Lohn genug sein muß. Die Unversehrtheit Ihres sehr ehrenwerten Fräulein Schwester ist ein Gut, das sich in Geld nicht aufwiegen läßt, und jeder entsprechende Versuch liegt mir völlig fern." Er wendete sich, wohl um das Thema zu beenden, rasch an seinen jungen Herrn. "Mr. Whitby allerdings schuldet mir, wenn ich das bemerken darf, noch einen Penny, den ich dem Gassenjungen gegeben habe, als ich ihn zu den Thorntons schickte." Der Angeredete lachte leise in sich hinein, zog aber anstandslos ein Zwei-Pence-Stück aus der Tasche und schien sich nicht im mindesten zu wundern, als ihm der Diener darauf mit einer Würde und Genauigkeit zwei Half-Pence herausgab, als handle es sich um eine finanzielle Transaktion an der Londoner Börse.
Vielleicht, um neuerlichen Versuchen Mr. Darcys, ihn zu beschenken, zu entgehen, drängte der Diener seinen jungen Herrn, da Miss Darcy nun in Sicherheit und unter Freunden sei, dann zum Aufbruch. Miss Darcy wünsche sicher ein wenig Ruhe, und was Mr. Whitby und ihn selbst angehe: Zwar seien Viscount Whitby und die restliche Familie noch nicht wieder zu Hause gewesen, als er den Wagen geholt habe, doch ihre Rückkehr stehe inzwischen zweifellos zu erwarten, und er halte es für klug, vor ihnen zu Hause zu sein. Mr. Whitby machte ein etwas bedenkliches Gesicht.
"Denkst du, Papa wird mit unserem Verhalten nicht einverstanden sein?"
Neuerlich wurde die Miene des Dieners, die sich zwischenzeitlich während der kurzen Verhandlung um den ausstehenden Penny deutlich aufgehellt hatte, sehr ernst. "Verzeihen Sie mir das harte Urteil, Sir, aber wie könnte er? Wir haben uns in unerklärlicher Weise leichtfertig benommen, und gewiß wird Seine Lordschaft zwar Ihre Motive gutheißen, aber unser Verhalten dennoch entsprechend tadeln. Bedenken Sie, wir sind hastig und ohne jede Vorsicht zu Pferd in eine unbekannte Gasse eingedrungen, fast ohne Licht und ohne die geringste Ahnung, was uns dort erwarten könnte. Es war unwahrscheinliches Glück, das zu diesem guten Ausgang führte, denn ebenso leicht hätten wir uns bei dem stürmischen Vordringen den Hals brechen oder Miss Darcy und Miss Thornton im Finstern niederreiten können. Ihr Banquo hat sich bei dem hastigen Ritt zudem etwas vertreten, denn er lahmte stark, als ich ihn nach Hause führte, und so fürchte ich, wir werden die Ereignisse des Abends Seiner Lordschaft ohnehin nicht lange verheimlichen können."
Amüsiert beobachtete Elizabeth, wie der strahlende junge Held des Abends, auch wenn er wohl einen Moment lang gegen den freimütigen Tadel seines eigenen Dieners aufbegehren wollte, bei dieser Rede doch rasch wieder zu einem kleinen Jungen wurde, der für eine zerbrochene Vase oder einen dummen Streich die Schelte seines Vaters befürchten muß. "Du hast wohl recht. Papa wird gar nicht glücklich sein. In solchen Dingen kehrt er immer den alten Soldaten heraus. Aber Rajit, wenn er allen Ernstes dabei wieder ein Wort wie 'Feindaufklärung' verwendet, mußt du mich zurückhalten. Und Papa muß doch gewiß verstehen, daß es um Miss Darcys Wohlergehen ging."
"Was wir aber zu jenem Zeitpunkt durchaus noch nicht wußten, Sir", gab der Diener zurück, und zwar nach wie vor in ernstem Ton, ohne auf den leisen Scherz, den sein junger Herr hatte beginnen wollen, einzugehen. "Ebenso gut hätte es sich um einen Trick handeln können, um hilfsbereite Nichtsahnende in die Falle zu locken. Wie Sie sich erinnern werden, gab es mehrere derartige Überfälle im vergangenen Sommer."
"Papa sollte dich nicht immer die Zeitung lesen lassen", murrte Mr. Whitby, wenn auch kaum ganz ernst gemeint. "Nun ja, wir werden es überleben. Der Zorn meines Vaters ist selten von langer Dauer. Sollte er uns nicht mehr heute erwischen, wenn er vermutlich nach all den Besuchen und dem langen Herumsitzen in Salons ohnehin schlecht gelaunt ist, sondern erst morgen, so wird es gewiß nicht allzu schlimm werden."
Auch Mr. Whitby hielt es also für geraten, möglichst rasch aufzubrechen, aber wie nach den aufregenden Ereignissen dieses Abends kaum anders zu erwarten, kam dieser schnelle Abschied nicht eher zustande, als bis alle Anwesenden die scheidenden Retter noch einmal ihrer immerwährenden Dankbarkeit versichert hatten. Mr. und Mrs. Gardiner ihrerseits durften in ihrer Rolle als Gastgeber nicht unterlassen, alle, insbesondere aber den völlig erschöpften Diener noch wortreich zu einer Erfrischung zu nötigen, ehe auch nur irgendjemand ihr Haus verlassen dürfe. So kam es, daß man noch immer redend im Zimmer herum stand, als vor dem Fenster, das zur Straße hinaus ging, ein weiterer Wagen vorfuhr. Keine Minute später trat Mrs. Gardiners Mädchen ein und kündigte mit hochrotem Kopf und tiefem, aber etwas wackligem Knicks den Viscount Durben und seine Tochter an. Und mit ihrem Eintritt machten die beiden das Gedränge in Mrs. Gardiners Wohnzimmer endgültig perfekt.
Miss Whitby flog unverzüglich an Georgianas Seite. "Miss Darcy! Mein Gott, wir waren so entsetzt, als wir von Ihrem Unglück hörten! Geht es Ihnen gut?" Sie sprach vor Aufregung so hastig, daß sie Silben verschluckte, und zitterte am ganzen Körper. Zum ersten Mal erlebte Mrs. Darcy, daß die junge Dame ihre sonstige Gelassenheit völlig verlor. Es ließ sie erstaunlich jung und verletzlich wirken, jünger und verletzlicher sogar als die eigentlich Betroffene.
"Ganz und gar", beruhigte Georgiana denn auch, "und nur dank Ihrem Bruder."
"Ja, dank ihm", entgegnete Miss Whitby skeptisch und ließ ihren fragenden Blick zwischen Mrs. Darcy und deren Mann hin und her gleiten. "Auch das hörten wir von den Stallknechten. - Cedric, was ist denn nur passiert? Und wie geht es euch? Du lieber Himmel, Rajit sieht ja aus wie der Tod selbst!"
"Ich fürchte, er hat wie üblich zuviel getan", nickte Mr. Whitby zerknirscht. Seine Schwester gab sich mit dem reuevollen Tonfall nicht zufrieden.
"Du meinst wohl: tun müssen, nicht wahr? Ich kann es mir schon denken. Du wolltest wie üblich mit dem Kopf durch die Wand, und Rajit durfte zusehen, wie er dich wieder aus der Sache heraus holte. Irgendwann wird er sich noch für dich umbringen, Cedric!" Miss Whitby hatte die Finger fest im Schoß verschränkt, und Elizabeth hatte den Eindruck, daß diese Geste sie davor bewahren sollte, ihre Hände entweder sorgenvoll zu ringen oder drohend zu Fäusten zu ballen. Die unziemliche Art und Weise, wie sie sich um den Diener bekümmerte, ließ Mrs. Darcy leise den Kopf schütteln. Es mochte freilich an Miss Whitbys momentaner Aufregung liegen, daß sie sich so wenig im Griff hatte.
"Rajit, Rajit, Rajit!" murrte ihr Bruder denn auch, und Elizabeth mußte sich darüber wundern, daß er in der Lage war, es so heiter und spöttisch zu tun. "Immer geht es nur um ihn. Warum sorgst du dich nicht auch ein wenig um mich? Mir könnte ja auch etwas passiert sein."
Miss Whitby schien durchaus gewillt, ihm darauf eine Antwort zu geben, sah sich aber durch den Diener daran gehindert, der in geradezu schockierender Art das Wort ergriff, ohne dazu aufgefordert worden zu sein.
"Ich darf Ihnen versichern, Madame, es geht mir gut."
"Ja, so siehst du aus", mischte sich in diesem Moment die spöttische Stimme Lord Raymunds ins Gespräch, der bis zu diesem Zeitpunkt auf der Schwelle gestanden hatte und nun langsam näher trat, wobei er seinem Kammerdiener kurz und wortlos auf den Rücken klopfte, als er an ihm vorüber schritt. "Aber ich glaube, alle Einzelheiten dieser Angelegenheit berichtet ihr mir besser morgen früh und nicht mehr heute Nacht. Bitte gestatten Sie mir vorerst nur, meine Erleichterung darüber zum Ausdruck zu bringen, daß Ihnen nichts geschehen ist, Miss Darcy." Er verbeugte sich tief vor Georgiana und nickte allen übrigen Anwesenden kurz zu. Miss Darcy fiel angesichts des Viscounts wieder in ihre alte Schüchternheit und konnte nur etwas stotternd wiederholen, daß sie ihre Rettung in der Tat alleine Mr. Whitby verdanke. Lord Raymund lächelte und legte seinem Sohn die Hand auf die Schulter.
"Ich bin hocherfreut, zu hören, daß dieser Nichtsnutz Ihnen zu Diensten sein konnte, Miss Darcy. Der Tag mußte ja einmal kommen, an dem sich die ganze Mühe der Erziehung auszahlen würde, die seine Mutter und ich über Jahre hinweg an ihn verschwendet haben. Und mit völliger Sicherheit wird er sich für den Reist seines Lebens auf den Lorbeeren dieser Heldentat ausruhen, so daß wir keine weiteren von ihm erleben werden." Trotz des spöttischen Tonfalls und des herabsetzenden Inhalts des Gesagten war Lord Whitby anzumerken, daß seine Gefühle in Wahrheit genau entgegengesetzt waren und er merklichen Stolz auf seinen Sohn empfand. Dieser lachte denn auch nur, und Miss Whitby, so heftig sie vorher selbst ihren Bruder wegen seiner Leichtfertigkeit ausgescholten hatte, schüttelte den Kopf und rief:
"Papa! Wie kannst du nur immer so schreckliche Dinge sagen!" Sie wendete sich zu Miss Darcy und Elizabeth um. "Wir wollten Sie unter diesen schrecklichen Umständen auch gar nicht lange stören; gewiß wünschen Sie Ruhe. Aber das Wenige, was wir bei unserer Rückkehr von den Stallknechten hörten, daß nämlich Rajit mit beiden Pferden und in ganz abgerissenem Zustand bei ihnen aufgetaucht sei, um einen Wagen einspannen zu lassen, weil Sie Opfer eines Überfalls geworden seien, all das klang so verworren und furchteinflößend, daß wir unbedingt selbst nach dem Rechten sehen wollten. Und wie bin ich jetzt froh, Sie unversehrt zu wissen. Auch meine Mutter hat mich übrigens beauftragt, Ihnen ihre besten Grüße und guten Wünsche zu übermitteln."
"Das ist überaus freundlich von ihr", lächelte Elizabeth - nicht ohne in Gedanken hinzuzusetzen, daß Mutterliebe und Besorgnis offenbar bei Lady Durben dennoch nicht ausgereicht hatten, um sie zu bewegen, sich ihrem Mann und ihrer Tochter anzuschließen.
"Sie werden uns doch hoffentlich gestatten, uns nach Ihrem Befinden zu erkundigen, Miss Darcy?" warf der Viscount wieder ein. "Da die Vorsehung diesen jungen Mann hier nun einmal Ihren Weg auf so dramatische Weise hat kreuzen lassen, müssen Sie dieses Kreuz wohl so tapfer tragen, wie die Demut es gebietet." Georgiana nickte stumm unter leichtem Erröten, und Mr. Darcy entgegnete:
"Und ich möchte bereits jetzt meinen eigenen Besuch bei Ihnen ankündigen und hoffe, daß Sie irgendwann Zeit finden, mich zu empfangen, Mylord. Wir sind Ihrem Sohn auf ewig verpflichtet und können diese Schuld durch nichts auf der Welt abtragen."
"Für einen Freund wie Sie habe ich immer Zeit, Mr. Darcy, und von einer Schuld kann gar keine Rede sein. Sie finden unser Haus in der Park Lane. Kommen Sie doch gleich morgen, wenn Sie mögen. Wir sind erst gestern wieder in der Stadt eingetroffen, und meine Frau, deren größte Freude es ist, für uns alle mehr Termine an einem Tag festzusetzen, als dieser Tag Stunden hat, hatte deshalb noch keine Gelegenheit, allzu viele Vereinbarungen zu treffen." Er wandte sich kurz zu Mrs. Darcy um, und dieser schien es, als liege ein Zwinkern in seinen Augen, als er hinzufügte: "Und ich bin mir ziemlich sicher, meine Frau kann es kaum erwarten, sich wieder mit Ihnen zu unterhalten, Mrs. Darcy. Nachdem sie so lange die Gesellschaft ihrer Freundin, der Herzogin von Denver, genossen hat, wird sie sich über eine andere Art der Konversation gewiß freuen."
Mit dieser Vereinbarung endete das Beisammensein, denn die ehrfurchtgebietende Erscheinung und lakonische Art des Viscounts waren weit eher geeignet, einen raschen Aufbruch herbeizuführen, als das vorherige halbherzige Drängen und der Austausch von Höflichkeiten, und Lord Whitby schien nun wirklich ungeduldig, nach Hause zu kommen. Er entschuldigte sich noch einmal bei den Gardiners dafür, daß sein Sohn ihnen mit dieser Angelegenheit zur Last gefallen sei, dann verabschiedete er sich freundlich, aber kurz und trieb Sohn, Tochter und Kammerdiener im Anschluß höchst effektiv vor sich her zu einer seiner beiden wartenden Kutschen. Die andere, mit der Rajit zuvor die Darcys zu den Gardiners gebracht hatte, stellte er dagegen, samt einem eigens dafür mitgebrachten zweiten Kutscher, Mr. Darcy zur Verfügung, damit dieser Frau und Schwester ohne weitere Verzögerung nach Hause schaffen könne.
Mrs. Darcy umarmte und küßte Onkel und Tante zum Abschied und dachte, daß sie unter all ihren Verwandten niemanden hatte, auf den sie sich in ähnlicher Weise verlassen konnte. Nicht anders schien Mr. Darcy zu empfinden, der Mr. Gardiner so lange die Hand schüttelte, als wolle er sie gar nicht mehr loslassen, und Georgiana fiel Mrs. Gardiner sogar in ganz uncharakteristischer Weise um den Hals. Schließlich brachen auch diese drei auf, um nach Hause zurückzukehren und die armen Freunde, die dort warteten und bangten, von ihrer Sorge zu erlösen.
Die Gardiners ihrerseits sanken derweil erschöpft in ihrem Wohnzimmer auf das jetzt verwaiste Sofa, und Elizabeths Onkel beschloß mit einem Gähnen, am nächsten Tag die Gesellen einmal Meister spielen zu lassen und sich zumindest den Vormittag frei zu nehmen. Er sei ja nun auch nicht mehr der Jüngste.
