Kapitel 11
„Du solltest wirklich darüber nachdenken, einige Seminare in Neurochirurgie zu belegen!", meinte Nasha und brach ihr Frühstücksbrot durch, um damit noch die letzten Reste ihres Sahan-Breis aufzutunken.
„Nein.", knurrte Zareen und starrte in ihre Teetasse.
„Warum nicht? Was hast du gegen die Neurochirurgie?"
„Frag lieber, was die Neuroanatomie gegen mich hat… ich bin gerade mal so eben durch die Prüfung gekommen, und das im zweiten Anlauf." Warum war bis auf Nasha heute noch niemand im Speisesaal, den sie kannte? „Es wäre doch fahrlässig, unter diesen Voraussetzungen auch noch in Gehirnen herum zu schneiden, oder?"
„Wir sind alle bis auf Ezeem durch die erste Prüfung gefallen! Pivar sogar noch ein weiteres Mal, und er hat sich für alle Neuro-Seminare eingetragen", meinte Nasha und wendete sich nun ebenfalls ihrem Tee zu.
„Ezeem…", Zareen schluckte ihre Wut hinunter und fuhr ruhiger fort: „Ezeem hat das einzig Richtige getan: dem ganzen den Rücken gekehrt und sich in einem Tempel verkrochen." Sie trank aus und stellte ihr Tablett zusammen, um abzuräumen. „Und was Pivar angeht, brauche ich ja wohl nichts zu sagen!" Spätestens, seit sie ihren Kommilitonen vor einigen Wochen mitten im Wundsaal als Idioten und Schlächter beschimpft hatte, war allgemein bekannt, wie wenig Zuneigung zwischen Zareen und Pivar bestand.
„Ich weiß, dass du ihn nicht leiden kannst." Nasha folgte ihr zur Geschirrrückgabe und flüsterte: „Ein Grund mehr, ihn nicht ohne Konkurrenz auf dieses Gebiet loszulassen!"
Diesen gehässigen Zug hatte Zareen Nasha gar nicht zugetraut! „Was spricht für Xenobiologie?", fragte sie und gab ihr Tablett ab.
„Abgesehen davon, dass es dazu nur wenige Seminare im nächsten Zyklus gibt? Wir bekommen immer nur wenige Außerirdische zur Behandlung, oder willst du den Tempel etwa ganz verlassen und auf ein Raumschiff gehen?"
„Hat dich Dalak geschickt? Sollst du mich an seiner Statt überreden, im Tempel zu bleiben? Dann lass dir gesagt sein: ich tue was und wann ich es will!" Wutschnaubend schoss Zareen davon und hinterließ eine verdatterte Nasha, die es doch nur gut gemeint hatte. Wie alle anderen, die in letzter Zeit auf Zareen eingeredet hatten.
Immer noch wütend setzte sie sich auf ihren Platz im Hörsaal und kramte ihren Schreibblock und einige der wieder aufgetauchten Stifte heraus, die sie an den seltsamsten Stellen ihres Schlafsaals gefunden hatte. Aber statt sich Notizen zu der Vorlesung zu machen, antwortete sie Neroon.
„Lieber Neroon,
wieso gehst Du davon aus, dass ich mir nur einen Zopf wachsen lassen würde? Nein, eine ganze Haarkrone soll es sein! Dazu die Augen eines Narn, die Hautschuppen eines Drazi und die Beine eines Likii. Am Besten gleich acht davon. Im Moment würde ich alles dafür geben, dass die Leute um mich herum endlich bemerken, dass ich nicht so bin wie sie und es auch gar nicht sein möchte!
Entweder ich leide mittlerweile an Verfolgungswahn oder aber es ist wirklich so, dass mich jeder unbedingt hier im Tempel festhalten will. Was ich will, spielt keine Rolle. Von allen Seiten bekomme ich ‚gute Ratschläge' und wenn ich etwas daran auszusetzen habe, reagiert man verletzt oder beleidigt. Wenn ich meine Ruhe haben will, muss ich wohl nur tun, was mir alle empfehlen: im Tempel bleiben, noch einige Zyklen Studium freiwillig absolvieren und darauf warten, dass mein Mentor mich zu seiner Nachfolgerin bestimmt. Aber das ist nicht das, was ich will. Und ich kann auch nicht mehr meinen Mund halten! Manchmal bin ich so wütend, dass ich schreien möchte! Oder etwas kaputt schlagen. So, wie Du es neulich wolltest. Aber bei meinem Glück würde ich mich nur selbst dabei verletzen.
Was machen Deine drei Plagen? Haben sie ihre Lektion gelernt oder stellen sie weiterhin Unsinn an? Vom zweiten Zyklus an hatte ich auch ständig Neue zu betreuen. Erst, als ich ins Höhere Studium kam, brauchte ich mich nicht mehr damit zu beschäftigen. Allerdings muss ich sagen, dass die Studenten hier wesentlich pflegeleichter sind als Deine Zöglinge. Meist kamen sie nach wenigen Wochen allein zurecht und ich konnte mich wieder auf mein eigenes Studium konzentrieren.
Wenn Du schon glaubst, drei Alternativen wären unübersichtlich, solltest Du froh sein, nichts mit Biologie oder Medizin zu tun zu haben. Manchmal kommt es mir so vor, als würden wir nur auf gut Glück in den Körpern anderer herum schneiden und abwarten, was passiert. Überlebt der Patient, gibt es eine Abhandlung darüber. Stirbt der Patient, gibt es auch eine Abhandlung. Sollte sich nach der Behandlung sogar eine Besserung einstellen, wird gleich ein weiterer Zweig der Wissenschaft gegründet. DAS ist unübersichtlich!
Da Du es schon angesprochen hast: wann werden wir uns denn wieder sehen? Ich habe schon lange nichts mehr von Deinem Mun'tak – Training gelesen. Oder wartest Du, bis sie endgültig ausgestorben sind, um Dein Versprechen nicht einlösen zu müssen? Sollte ich Dich wirklich so verschreckt haben? NOCH wachsen mir keine Haare oder zusätzliche Beine…
Meine Vorlesung ist zu Ende,
Zareen"
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„Oh wie schööööööön…"
Neroon hätte Arestenn am Liebsten den Hals umgedreht.
„…sie will dich also wieder sehen!"
Er antwortete nicht, sondern bereitete sich darauf vor, als nächster auf die Matte gerufen zu werden zum Denn'bok-Training.
„Sollte etwa dein kühler Kopf auch romantische Gefühle hegen? Solltest du etwa so sein, wie alle anderen? Irgendwo unter dieser rauen Schale?" Arestenn plinkerte mit ihren Wimpern und drückte Zareen's Brief fest an ihre Brust.
„Auf jeden Fall sollte ich dir meine Post nicht mehr zeigen", knurrte er und schnürte seinen Handgelenkschutz enger.
„ICH bin deine Verbindung zur Realität, Clanbruder! Und was die Liebe angeht, weiß ich wirklich besser Bescheid als du!" Sie bohrte ihren Zeigefinger in seinen Oberarm. „DU verbringst deine Zeit ja damit, Phantomen hinterher zu jagen! Verschwörungen aufzudecken… aber dieses Mädchen mag dich und du magst sie! Gib es endlich zu!"
Zu seiner Rettung wurde Neroon auf die Matte gerufen. Und zum ersten Mal besiegte er seinen Lehrer mit dem Kampfstab.
In den nächsten Wochen, in denen er zusammen mit den anderen Star Riders seines Jahrgangs in Tinarel auf die Ankunft der ‚Lisati' wartete, drückte er sich darum, den Brief zu beantworten. Was, wenn Arestenn Recht hatte? Wenn sich unbeabsichtigt etwas entwickelt hatte, dass er nicht mehr kontrollieren konnte? Wieso konnte er mittlerweile gar nicht mehr abwarten, bis ein weiterer Brief von Zareen kam? Warum las er die Briefe so oft, bis er sie auswendig kannte? Und warum, in Valen's Namen, machte er sich so viele Gedanken darum?
Es waren doch nur Briefe. Sehr persönliche Briefe. Wo er Gedanken formulieren konnte, die er nicht einmal seiner besten Freundin anvertraute. Und in denen er mehr über Zareen erfuhr, als er jemals für möglich gehalten hatte. Jeder Krieger strebte danach, etwas besonders gut zu können, sich auszuzeichnen und in der Gemeinschaft als Individuum anerkannt zu werden. Wie hatte er nur je annehmen können, dass es den Religiösen anders gehen könnte? Weil sie immer höflich blieben? Sich immer als Einheit zeigten? Nie öffentlich stritten, sondern stattdessen Rituale abhielten, die wenig bis nichts klärten, sondern Differenzen nur unter ihrer formalen Last begruben?
Wundervoll. Nun bekam er auch noch Kopfschmerzen. Und Arestenn und Kindell kamen auf ihn zu. Wie gelang es den beiden eigentlich immer wieder, ihn überall aufzutreiben? Der ganze Hof war voller Krieger, die sich unterhielten, alberten und durcheinander liefen. Und er hatte sich so weit wie möglich von den Baracken entfernt, um nicht sofort gefunden zu werden.
„Da bist du ja! Ich dachte schon, man hätte dich bereits auf ein Schiff gebracht…", rief Arestenn und ließ sich neben ihm auf den Treppenstufen zur Trainingshalle nieder.
Kindell setzte sich auf seine andere Seite und meinte: „Wir haben gehört, wie sie sich über dich unterhalten haben!"
„Sie sind am Überlegen, ob sie dich Sech Durhan vorstellen sollen!", erklärte Arestenn und grinste breit.
„Und wieso das?", fragte Neroon ohne wirkliches Interesse.
Kindell und Arestenn schüttelten seufzend die Köpfe. „Es muss schon lange her sein, dass jemand Mashan von den Füßen gehoben hat.", antwortete sie schließlich. „Ganz zu schweigen davon, dass er angeblich noch nie eine blutige Nase aus einem Trainingskampf davongetragen haben soll, seit er hier unterrichtet."
Dass Mashan seit diesem Kampf Neroon mehrfach geschlagen, ihm sogar eine Rippe gebrochen hatte und auch sonst nicht so gut auf den jungen Krieger zu sprechen war, schien niemandem auf dem Kasernengelände zu stören. Außer Neroon.
„Durhan ist in Tuzanor. Wir werden bald auf die ‚Lisati' versetzt. Sieht nicht so aus, als wäre an dem Gerücht etwas dran.", konstatierte er.
„Das ist kein Gerücht!", meinte Kindell, „Wir haben gehört, wie sich Mashan mit Callier unterhalten hat!"
Nun regte sich doch etwas Neugierde in Neroon. Sech Durhan unterrichte nur wenige Schüler selbst. Obwohl er seit Jahrzehnten bei den Anla'Shok war, so durfte jeder, der sich würdig erwies, bei ihm vorgestellt werden. Nach Tuzanor reisen zu dürfen hieß zwar nicht, auch von ihm unterrichtet zu werden, aber es war zweifelsohne eine Ehre.
„Gut mit dem Kampfstab umzugehen heißt, bei jedem Bodeneinsatz dabei zu sein. Und wenn man dafür zu alt wird, kann man sich glücklich schätzen, wie Mashan unterrichten zu dürfen. Nein Danke, nichts für mich."
„Wem willst du eigentlich etwas vormachen? Du platzt fast vor Stolz!" Arestenn ballte die Fäuste zusammen. „Seit Sikar bist du unausstehlich geworden!"
„Warum rennst du mir dann noch hinterher? ICH kann gut auf deine Albernheiten verzichten!"
Beide standen gleichzeitig auf und funkelten sich böse an. Dann drehte sich Arestenn auf dem Absatz um und stapfte beleidigt davon. Nur Kindell war auf den Stufen sitzen geblieben. „Das, mein Freund, war ein Fehler. Jetzt wird sie tagelang schmollen. Oder noch schlimmer: sich mit Lakira anfreunden."
„Soll sie doch! Ich bin es Leid, ständig von ihr gesagt zu bekommen, was ICH fühle!" Neroon trat einen Stein beiseite, der auf dem Weg lag.
Kindell entgegnete daraufhin nichts.
Am Abend vor der Einschiffung schrieb Neroon endlich einen Brief zurück.
„Liebe Zareen,
morgen früh gehen wir an Bord der ‚Lisati'. Die nächsten Monate werden wir dann irgendwo in den Außenbezirken auf Patrouille unterwegs sein. Keine Mun'taks, leider. Aber ich bleibe dran, versprochen. Und Du lass Dir bitte keine Haare und zusätzliche Beine wachsen, Du würdest die Tiere dann nur erschrecken.
Vor einigen Tagen hatte ich Streit mit Arestenn. Sie meint, seit Sikar hätte ich mich verändert. Vielleicht stimmt das auch, aber sie ist auch nicht mehr so, wie ich sie in Erinnerung hatte. Werdet Ihr Frauen im Alter eigentlich immer alberner? Und rechthaberischer? Sie glaubt mich besser zu kennen als ich mich selbst und erzählt mir ständig, wie ich die Dinge ihrer Meinung nach sehe – egal, was ich vorher zu ihr gesagt habe. Es ist, als würde man gegen eine Wand reden. Sie fragt mich etwas, ich antworte und anschließend erzählt sie mir, was ich ‚wirklich' denken würde. Warum fragt sie mich dann überhaupt noch? Wo sie die Antworten doch schon vorher kennt, könnte sie sich das sparen.
Kindell versucht seit dem, zwischen uns zu ‚vermitteln'. Im Grunde rennt er nur von einem zum anderen und sagt: ‚Ich soll dir sagen…' Seine größte Angst ist, dass Arestenn sich noch weiter mit Lakira anfreundet. Ich weiß zwar nicht, was er gegen sie hat, aber er reagiert fast panisch, sobald er die beiden zusammen sieht. Mir ist das egal, sollen sie doch zusammen glücklich werden. Umso weniger Ärger bekomme ich durch Arestenn's Unfug.
Wenn wir wieder auf Minbar sind, werde ich wohl nach Tuzanor geschickt werden. Dort gibt es einen sehr guten Lehrer und er soll entscheiden, ob ich bei ihm studieren darf. Keine Gesetzestexte mehr, sondern Kampftraining mit dem Denn'bok. Vielleicht sehe ich dann ja auch den ‚echten' Obelisken. Obwohl ich nicht glaube, das er wirklich schöner ist, als der, den Du mir in Yedor gezeigt hast.
Ich sollte langsam meine Sachen packen, es wird hektisch hier. Irgendwer scheint eine Party organisiert zu haben, mal sehen, was dieses Mal zu Bruch geht. Oder wer sich prügelt. Jedes Mal das Gleiche, ich schwöre es Dir!
Bis hoffentlich bald,
Neroon
PS: Eigentlich mag ich diese Feiern. Nur den wenigen Schlaf danach nicht.
PPS: Was mache ich mit Arestenn? Sie fehlt mir. Auch wenn sie mich nervt."
TBC
A/N: Ich habe keine Ahnung, wann Durhan zu den Anla'Shok ging, gefunden habe ich dazu nichts. Diese Fic spielt übrigens etwa zwanzig Jahre vor dem Krieg mit den Menschen, nur mal so als Zeitangabe, hatte ich bisher vergessen zu erwähnen.
