Als Naomi gegangen war, informierte der Doktor Captain Janeway über die neue Entwicklung.
Er hatte sie um ein Gespräch unter vier Augen gebeten und kaum war der Captain im Bereitschaftsraum angekommen fragte sie: "Was ist passiert, Doktor?"
"Ich fürchte, Naomi wurde ebenfalls infiziert."
Kathryn wich sämtliches Blut aus dem Gesicht und ihr Herz schien einen Schlag auszusetzen. Doch sie war nicht umsonst Captain, daher zwang sie ihre Gefühle zurück und fragte: "Wie sieht es mit Ihren Forschungen aus, Doktor? Konnten Sie schon ein Heilmittel herstellen?"
Das MHN erklärte ihr das Problem, das der Virus mit sich brachte und Janeway fragte: "Haben Sie schon mit den zuständigen Behörden gesprochen? Wenn das Virus als Waffe hergestellt wurde, dann müssen wir die Verantwortlichen dafür finden. In deren Interesse wird es wohl ein Gegenmittel geben."
"Ich kann meine Vermutung noch nicht beweisen, Captain. Dafür brauche ich mein Labor auf der Voyager. Es könnte, allerdings zu einer verschwindend geringen Wahrscheinlichkeit muß ich sagen, auch ein in der Natur vorkommender Virus sein."
Der Captain schloß kurz die Augen und seufzte.
"In zwei Tagen treffen wir bei Ihnen ein, allerdings gibt es da immer noch das Problem mit der Regierung. Ich habe mich mit dem zuständigen Repräsentant schon in Verbindung gesetzt, sie haben uns verboten den Planeten aufzusuchen. Ein hoher Orbit ist das höchste der Gefühle, das uns gestattet wird."
"Captain, das Virus ist höchst ansteckend und im Moment tödlich. Wenn die Regierung Ihnen nicht untersagt hätte hierherzukommen, dann hätte ich es getan."
"Doktor bitte, wir haben Schutzanzüge und.. " fing Kathryn leichthin an, aber der Doktor schnitt ihr brüsk das Wort ab und sagte ziemlich aufgebracht: "Und dann passiert dasselbe wie bei Naomi, ein kleiner Zwischenfall, der Anzug hat ein Loch oder einen Riß und ich habe den nächsten Todeskandidaten hier!"
"Doktor..." sagte Janeway überrascht, doch sie verstand seine Gefühle. Es war nicht auszudenken was es für die Besatzung für Auswirkungen hatte, wenn gerade Naomi sterben würde.
"Es ist nicht Ihre Schuld", versuchte sie das MHN zu beruhigen.
"Wenn ich sie im Labor gelassen hätte, dann wäre das alles nicht passiert. Natürlich ist es meine Schuld!"
"Doktor!" sagte Janeway in scharfem Ton. "Es war ein Unfall, niemand macht Ihnen Vorwürfe. Lenken Sie Ihre Wut lieber in konstruktive Bahnen und finden Sie ein Heilmittel, bevor es zu spät ist."
Das MHN starrte sie für einen Moment an, dann straffte er die Schultern und sagte: "Entschuldigen Sie, Captain, natürlich haben Sie Recht. Wenn Sie sich im Orbit befinden beamen Sie mich ungehend an Bord und informieren Sie bitte Seven und Icheb, daß ich ihre Hilfe brauchen werde."
"Wird erledigt, Doktor." Janeway machte eine kurze Pause und ihre Gesichtszüge wurden weicher.
"Geben Sie die Hoffnung nicht auf, noch haben wir Zeit und wenn das Virus wirklich künstlich geschaffen wurde, dann werden wir diejenigen finden und zur Rechenschaft ziehen."
Der Doktor brachte ein winziges Lächeln zustande und sagte: "Danke, Captain."
"Ich benachrichtige Sie, sobald wir den Planeten erreicht haben. Janeway Ende."
Der Monitor wurde dunkel als die Verbindung getrennt wurde. Kathryn massierte sich mit der rechten Hand die Stirn und trat auf das kleine Podest, auf dem die Couch stand. Der Anblick der Sterne beruhigte Sie wie immer etwas und sie beschloß, Chakotay zu informieren.
"Janeway an Chakotay, bitte kommen Sie in meinen Raum."
Sekunden später ertönte ihr Türmelder.
"Herein", sagte sie und Chakotay trat ein.
"Sie wollten mich sprechen, Captain?" fragte er.
Kathryn drehte sich um und Chakotay bemerkte sofort, als er ihren Gesichtsausdruck sah, daß etwas passiert war. "Kathryn, ist alles in Ordnung?" fragte er daher und ging zu ihr hin.
Kathryn merkte eine Wärme in ihr aufsteigen, wie so oft fragte sie sich, womit sie so einen wunderbaren ersten Offizier verdient hatte, der sie anscheinend wie ein offenes Buch lesen konnte und immer für sie da war. So wie auch dieses Mal.
"Chakotay", sagte sie leise und trat etwas dichter an ihn heran. "Der Doktor hat mich gerade kontaktiert, Naomi wurde mit dem tödlichen Virus infiziert und er findet kein Gegenmittel."
"Oh nein", sagte Chakotay und in einer spontanen Eingebung nahm er Kathryn in seine Arme.
Für einen Moment war sie überrascht, aber dann schmiegte sie sich an ihn.
Chakotay konnte es nicht glauben, es war eine rein impulsive Geste gewesen und schon eine Sekunde später hatte er es bereut, denn Kathryn würde ihn sicher wegstoßen. Deshalb war er jetzt völlig überrascht, daß sie genau das Gegenteil tat. Er nahm sie noch fester in seine Arm und sie legte ihren Kopf an seine Schulter.
Eine mahnende Stimme bahnte sich ihre Wege in Kathryns Kopf, es war der Captain in ihr.
Was tust Du da? Er ist Dein erster Offizier, kein Captain darf mit einem Besatzungsmitglied etwas anfangen...
Aber aus irgendwelchen Gründen war ihr das jetzt völlig egal und Chakotay wollte sie außerdem nur trösten. Und genau das brauchte sie jetzt auch.
Nach einigen Momenten löste sie sich sanft aus der Umarmung und sah Chakotay an.
"Vielen Dank, genau das habe ich jetzt gebraucht, Chakotay."
Er lächelte. "Stets zu Diensten für meinen Captain."
"Kaffee?" fragte sie um die Situation etwas aufzulösen.
"Danke, für mich nicht", antwortete er und sagte, während sich Kathryn einen Kaffee holte: "Meinen Sie, er findet noch rechtzeitig ein Heilmittel?"
Kathryn seufzte. "Ich hoffe es, er meinte, er hätte vielleicht mehr Erfolg wenn die Voyager da wäre und er sein Labor hat. Es ist ab jetzt ein Wettlauf mit der Zeit."
Sie nahm auf dem Sofa Platz und bedeutete Chakotay, er solle sich zu ihr setzen. Dann erzählte sie ihm ebenfalls von der Vermutung des Doktors, daß das Virus als Waffe hergestellt worden war.
Chakotay dachte dasselbe wie Kathryn, als er meinte: "Wir müssen herausfinden wer es hergestellt hat, sicher gibt es dazu auch ein Heilmittel."
"Der Doktor kann es aber noch nicht beweisen", sagte sie.
Chakotay schwieg bedrückt. "Das heißt, im Moment können wir nur abwarten und hoffen?"
Kathryn nickte. "So sieht es aus." Nachdenklich blickte sie in ihre Kaffeetasse bis Chakotay aufstand und fragte: "Soll ich den Führungsstab informieren?"
Kathryn schüttelte den Kopf. "Nein, noch nicht. Aber Neelix sollten wir es sagen, immerhin ist er ihr Pate."
"Ja Captain. Wenn Sie möchten, mache ich das gleich."
"Das wäre nett Chakotay, danke."
Das Zischen der Tür sagte ihr, daß sie wieder allein war. Sie konnte nur hoffen, daß es nicht nötig werden würde, die Besatzung ebenfalls informieren zu müssen.
Das MHN hatte die Verbindung gerade beendet und lehnte sich nun in seinem Sessel zurück. Er fühlte sich so hilflos wie vor einigen Jahren, als sie Seven fast verloren hätten, als ihr Kortikalknoten versagt hatte. Doch er schob den Gedanken weg von sich und machte sich wieder, diesmal noch motivierter als vorher, an die Arbeit. Er hatte nicht vor, vor einem Virus klein beizugeben.
Wenn er den Verlauf der Krankheit bedachte, dann blieben ihm ungefähr zwei Wochen um ein Gegenmittel zu finden.
Als Lia die Augen aufschlug und Naomi erblickte kniff sie die Augen plötzlich mehrmals zusammen und sie schaute ungläubig zu ihr hin. Naomi lächelte nur und drückte ihre Hand.
"Naomi, warum hast Du keinen Anzug an?" fragte Lia.
"Den brauche ich nicht mehr, Kleines", antwortete sie immer noch lächelnd.
"Nein", hauchte Lia verstehend, "nicht Du!"
"Es ist okay, ich werde nicht krank", flunkerte sie, um Lia zu beruhigen.
Das Kind kniff die Augen zusammen. "Aber alle sind krank, die keinen Anzug an haben", kombinierte sie.
"Aber ich nicht, und weißt Du auch, warum?"
Lia schüttelte den Kopf und Naomi beugte sich zu ihr herunter und flüsterte ihr ins Ohr: "Weil ich von einem anderen Planeten komme, mich mag das Virus nicht." Sie setzte sich wieder gerade hin und lächelte weiterhin. Lia war nicht so ganz überzeugt, ob Naomi nicht doch schwindelte, aber sie sagte nichts weiter.
"Soll ich Dir noch etwas erzählen?"schlug Naomi vor und Lia nickte dankbar.
Die nächste halbe Stunde verbrachte sie bei Lia, doch dann kam sie wieder einen Hustenanfall, so daß Naomi Alasia zu Hilfe rief.
Diesmal konnte auch die Pflegerin nicht das Blut vor dem Kind verheimlichen, das das Tuch rot färbte. Lia war völlig entkräftet nach dem Anfall und als sie ein Schluck von ihrer Medizin getrunken hatte flüsterte sie leise: "Ich werde bald sterben, nicht wahr?" Ihre Augen waren ganz klar und sie blickte Naomi an.
Erst überlegte diese, zu verneinen, doch sie wußte, daß Lia es bereits wußte. Daher nickte sie nur ganz leicht und versuchte mühsam den Kloß in ihrem Hals zurückzuhalten.
"Bist Du bei mir, wenn ich einschlafe?" fragte sie noch und Naomi fühlte, wie die Tränen in ihre Augen traten.
"Ja, ich bin da. Das verspreche ich. Aber wir haben noch Zeit. Versuch jetzt, etwas zu schlafen, ich muß mich beim Doktor wieder blicken lassen."
"Naomi?" fragte Lia noch schwach.
"Ja?"
"Danke, daß Du bei mir bist. Ich hab Dich lieb." Dann schloß sie die Augen und nur ihre gleichmäßigen Atemzüge verrieten Naomi, daß sie wieder aufwachen würde.
Die junge Halb-Ktarianerin hielt sich eine Hand vor den Mund um nicht laut aufzuschluchzen und dann kehrte sie ins Labor zurück. Kaum eingetreten konnte sie sich nicht mehr zusammenreißen und glitt schluchzend an der Wand zu Boden.
Sofort war das MHN bei ihr, legte seinen Arm um ihre Schultern und versuchte sie zu trösten.
"Ist was mit Lia?" fragte er sofort.
Naomi schüttelte den Kopf und versuchte sich zu beruhigen. Nach einiger Zeit war sie dann soweit, daß sie nur noch ab und zu schniefen mußte und erzählte dem MHN, was das kleine Mädchen gesagt hatte.
"Werde ich auch so sterben, Dok? Werde ich auch Blut husten und immer Fieber haben und mir den Tod herbeiwünschen?" fragte sie verzweifelt.
Das MHN wußte nicht, was er sagen sollte und zog Naomi erst einmal auf die Beine. Er führte sie zur Liege und das Mädchen setzte sich drauf.
"Dok?" hakte sie noch einmal nach und sah ihn an.
Das MHN schaute kurz zur Seite und meinte dann recht überzeugend: "Du stirbst aber nicht, weil ich, sobald die Voyager hier eintrifft, ein Heilmittel finde."
Naomis Mundwinkel zuckten kurz. "Versprechen Sie mir, daß Sie mich sediert halten, wenn es zu schlimm wird, ja?" bat sie leise und blickte ihn weiterhin fest an.
Er schüttelte ungläubig und unmerklich den Kopf und öffnete mehrmals den Mund um etwas zu sagen, aber er brachte nichts heraus. Naomis Hand legte sich auf seine und der Blick, den sie ihm zuwarf, war die Bitte, daß er ihren Wunsch erfüllte.
"Doktor, bitte..." bat sie noch einmal leise und schließlich nickte das MHN zaghaft. Ein Lächeln formte sich auf ihren Lippen und sie sagte: "Danke."
Der Doktor war zu erschüttert, um etwas zu sagen, daher holte er nur seinen Tricorder vom Tisch und scannte Naomi. Zu seiner Erleichterung hatte sie weder Fieber, noch andere anormale Werte.
Es ist auch noch zu früh, dachte er und klappte den Tricorder wieder zu.
"Dok?" riß ihn Naomi aus seinen Gedanken. "Ich habe noch eine Bitte."
"Um was geht es?" fragte er.
"Ich möchte gerne mit Icheb sprechen, können wir die Voyager noch einmal kontaktieren?"
Das MHN blickte erst etwas verwirrt drein, doch er sagte: "Natürlich. Soll ich sofort eine Verbindung herstellen?"
Naomi überlegte kurz. "Nein, lieber später, ich möchte erst noch in Ruhe nachdenken."
"Gut, sag mir Bescheid, wenn Du soweit bist. Vielleicht ruhst Du Dich jetzt lieber ein wenig aus?"
"Ich werde einfach hier sitzen bleiben, wenn es Sie nicht stört."
"Ganz und gar nicht", antwortete das MHN und wandte sich wieder seinem Computer zu.
Naomi zog die Beine an, schlang ihre Arme um sie und legte ihren Kopf auf die Knie. Ihre Gedanken kreisten um Icheb, wie würde er reagieren? Sie hatten sich gerade gefunden und jetzt sollte es so enden? Das war nicht fair, aber das Leben war manchmal nicht fair. Doch sie mußte ihm wenigestens noch etwas sehr wichtiges mitteilen. Sie ließ ihre Gedanken treiben und langsam wurde sie schläfrig.
Ihr letzter Gedanken, bevor sie einschlief war, ob Icheb auch bei ihr sein würde, wenn sie in den Schlaf fiel aus dem sie nie mehr aufwachen würde?
Als der Doktor sich nach einer Weile nach Naomi umdrehte, weil er gar nichts mehr von ihr hörte, mußte er leicht schmunzeln. Das Mädchen war in einer höchst unbequemen Haltung eingeschlafen und sah trotzdem so friedlich aus, daß der Doktor für einen kleinen Moment überlegte, sie einfach so zu lassen. Aber wenn sie nicht später mit Muskelschmerzen aufwachen wollte, mußte er sie bequemer hinlegen. Er stand auf und ganz sanft nahm er sie in seine Arme und legte sie auf die Seite. Er streckte vorsichtig ihre Beine aus und deckte sie dann zu. Naomi hatte kurz etwas gemurmelt, war aber nicht wach geworden. Er strich ihr eine verirrte Haarsträhne aus dem Gesicht und wandte sich dann wieder seiner Arbeit zu.
Als Naomi erwachte war sie allein im Labor. Dankbar nahm sie zur Kenntnis, daß der Doktor sie wohl zugedeckt haben mußte und in eine bequemere Lage gebracht hatte. Sie setzte sich auf und rutschte von der Liege. Dann verließ sie das Labor und schaute nach dem MHN. Sie fand ihn zusammen mit Dr. Rallek bei einem Kranken, den sie jetzt gerade mit einem Laken bedeckten.
Das nächste Opfer, dachte Naomi bestürzt und trat neben die beiden.
Dr. Rallek bemerkte ihre Anwesenheit zuerst und wies unauffällig den Doktor darauf hin. Dieser drehte sich zu ihr um und sagte, um sie abzulenken: "Hast Du gut geschlafen?"
"Ja, danke." Sie schaute weiterhin zum Leichnahm, der jetzt von zwei Helfern hinausgetragen wurde.
Das MHN nahm sie bei der Schulter und führte sie in Richtung Lia.
"Da hat jemand schon nach Dir gefragt, ich habe ihr gesagt, daß Du schläfst. Vielleicht besuchst Du sie jetzt aber?" Er deutete mit dem Kopf Richtung Lia und Naomi nickte.
Als es spät wurde kehrte Naomi wieder ins Labor zurück. Lia war für die Nacht wieder sediert worden und sie wollte das Unvermeidliche nicht mehr länger hinaus schieben. Daher sagte sie zum MHN: "Dok, wenn es geht würde ich jetzt gerne Icheb kontaktieren."
Der Doktor nickte und tippte einige Befehle im Computer ein. Kurz darauf erschien das Gesicht von Captain Janeway.
"Doktor? Ist etwas passiert?" fragte sie, weil es schon sehr spät war.
"Captain, Naomi möchte gerne mit Icheb sprechen. Bitte leiten Sie das Gespräch in den Frachtraum weiter."
Der Captain nickte und fragte erst gar nicht weiter. Nur Sekunden später veränderte sich das Bild und der Frachtraum wurde sichtbar. Das MHN machte Platz für Naomi und zog sich dann diskret in eine andere Ecke des Labors zurück und tat, als hätte er irgendetwas zu tun.
"Icheb?" fragte Naomi und Sekunden später kam das überraschte Gesicht des Borgjungen auf den Monitor.
"Naomi?" fragte er überrascht. "Geht es Dir gut?"
Naomis Herz klopfte ihr bis zum Hals als sie Icheb sah und in ihrem Magen schienen Schmetterlinge zu fliegen. "Icheb..." sagte sie zärtlich, dann besann sie sich, daß sie ihm alles erklären mußte.
"Naomi, was ist los?" fragte Icheb, der spürte, daß etwas ganz und gar nicht in Ordnung war.
"Ich fürchte, ich muß unsere nächsten Verabredungen absagen."
Icheb legte den Kopf leicht schief und zog die Augenbrauen zusammen.
"Wie meinst Du das? Wir sind übermorgen bei Dir und dann bist Du wieder auf der Voyager. Oder... habe ich etwas falsch gemacht?" Er klang sehr angespannt und Naomi sagte sofort: "Nein, nein, Du hast nichts falsch gemacht, es hat nichts mit Dir zu tun." Sie machte eine kurze Pause, schaute ihm dann direkt in die Augen und sagte leise: "Ich liebe Dich."
Das MHN, das, ob er wollte oder nicht, alles mithören konnte, hob überrascht den Kopf und schaute zu den beiden herüber.
"Ich liebe Dich auch, Naomi, aber warum willst Du mich dann nicht mehr sehen?" fragte Icheb so verwirrt wie nie.
Naomi senkte den Kopf und spürte wieder, wie sich ein Knoten in ihrem Hals bildete. Sie schluckte, blickte Icheb wieder an und erklärte dann: "Ich will Dich sehen, Gott, ich wünsche mir nichts sehnlicher als bei Dir zu sein, aber... ich bin mit dem Virus infiziert. Ich werde sterben." In ihren Augen glänzten Tränen und Icheb taumelte, so geschockt war er.
"Was?" brachte er nur heraus und Naomi nickte.
"Wie lange?" fragte er. Naomi drehte sich zum MHN um und blickte ihn fragend an.
"Ungefähr 2 Wochen", sagte dieser und Naomi gab es an Icheb weiter.
"Gibt es kein Heilmittel?" fragte er.
"Der Doktor tut was er kann, aber... es ist vermutlich ein genmanipulierter Virus."
Icheb sah auf. "Genmanipuliert? Vielleicht kann ich helfen, ich kenne mich mit Genetil sehr gut aus..." bot er sofort an.
Das MHN, das natürlich alles mitgehört hatte, kam jetzt ebenfalls zum Monitor und sagte: "Wenn die Voyager hier eintrifft und ich mein Labor benutzten kann, hatte ich sowieso vor Dich und Seven um Hilfe zu bitten. Meine einzige Hoffnung sind die Nanosondentechnologie und Deine Genetik-Kenntnisse."
"Natürlich werde ich helfen", sagte Icheb sofort und lächelte jetzt leicht. Er wandte sich wieder an Naomi: "Wir finden schon ein Heilmittel, ich habe jedenfalls nicht vor, Dich sterben zu lassen. Schon gar nicht gerade jetzt."
Icheb verströmte eine Überzeugung, die Naomi tatsächlich mehr Hoffnung als alles andere gab.
"Danke, Icheb. Ich muß jetzt aber die Verbindung beenden, ich bin recht müde."
Der Borgjunge nickte.
"Ich liebe Dich", sagte er noch einmal leise.
"Ich Dich auch", erwiderte Naomi und dann schloß sie den Komkanal.
Einen Moment lang starrte sie noch auf den jetzt dunklen Monitor, dann drehte sie sich zum MHN um.
"Ich sollte jetzt besser schlafen gehen. Gute Nacht, Doktor."
"Gute Nacht, Naomi." Er wartete, bis sie sich hingelegt hatte und dann dämmte er das Licht auf 15% herunter.
Das MHN saß noch immer über seinen Analysen, als er am nächsten Morgen leise Geräusche von der Liege hörte. Er nahm seinen Tricorder und ein Hypospray und trat neben Naomi, die gerade am aufwachen war.
"Guten Morgen", sagte das MHN und klappte den Tricorder auf um sie zu scannen. Er wußte, daß sich das Virus jetzt so oft im Körper von Naomi vermehrt hatte, daß sie jetzt die ersten Krankheitssymptome spüren würde, das hieß ein beginnender Hustenreiz und leichte Temperatur.
Doch als der Scanner die ersten Werte lieferte, war der Doktor überrascht. Zwar zeigte der Tricorder das Virus an, aber weder die Körpertemperatur von ihr war erhöht, noch gab es andere Anzeichen für Infekte. Der Doktor runzelte die Stirn und blickte Naomi prüfend an. Schließlich fragte er: "Wie fühlst Du Dich?"
Naomi rieb sich noch einmal über die Augen, um den letzten Schlaf von ihr abzuschütteln, dann horchte sie kurz in sich hinein und meinte: "Eigentlich so wie immer."
"Ist Dir warm, oder hast Du einen trockenen Hals?" fragte das MHN weiter.
Naomi verneinte.
"Das ist merkwürdig...", sagte der Doktor vor sich hin und legte den Tricorder zur Seite, um das Hypospray in die Hand zu nehmen.
"Was ist merkwürdig?" fragte Naomi.
"Eigentlich müßtest Du jetzt die ersten Krankheitssymptome aufweisen, aber aus unerfindlichen Gründen scheinst Du das nicht zu tun. Leg Deinen Kopf noch einmal schief bitte, ich werde noch einmal Blut abnehmen."
Naomi tat es und kurz darauf war das Hypospray mit ihrem Blut angefüllt. Das MHN brachte es sofort zum Elektronenmikroskop und schaute in den Scannerschlitz.
"Was zum..." sagte er auf einmal und justierte etwas an der Auflösung.
Naomi rutschte von der Liege herunter und kam näher. "Was ist los?" fragte sie etwas aufgeregt.
Das MHN schaute sie an, dann wieder in den Scanner um sie direkt danach noch einmal anzusehen. Auf seinem Gesicht formte sich ein Lächeln und er wirkte, als ob ihm ein Gebirge von der Schulter genommen worden wäre.
"Doktor?" fragte Naomi angespannt.
"Naomi!" rief er aus, "ich glaube, wir haben vielleicht gerade ein Heilmittel entdeckt!"
"Was?" fragte das Mädchen verwirrt.
"Die Viren hätten sich eigentlich um ein tausendfaches vermehrt haben müssen bei Dir, aber aus irgendeinem Grund hat sie Dein Körper zum Großteil inaktiv gemacht. Hier", sagte er und rutschte zur Seite, damit Naomi in den Scanner sehen konnte. "Siehst Du? Fast 95% der Viren sind abgestorben, nur ein Bruchteil ist noch aktiv, aber Deine Zellen greifen sie an."
Naomi sah das MHN mit offenem Mund an und fragte dann: "Heißt das, ich bin immun dagegen?"
"Immun nicht", erklärte das MHN, "aber ich habe den starken Verdacht, daß die Genmanipulation nur dahin reicht, die hiesig bekannten Arzneistoffe und Körpereigenen Antigene zu neutralisieren. Aber Du hast DNA-Stränge von zwei verschiedenen Welten in Dir, ich vermute, das Virus konnte sich nicht so schnell auf unbekannte Zellen einstellen, zumal bekannt ist, daß die Ktarianer prinzipiell relativ immun gegen alle Krankheiten sind." Das MHN blickte sie so glücklich an, daß Naomi erst jetzt richtig begriff, was er damit sagen wollte.
"Heißt das, daß ich nicht sterben werde?" fragte sie hoffnungsvoll.
Das MHN schüttelte den Kopf. "Nein, wirst Du nicht. Aber was noch wichtiger ist - ich bin jetzt vermutlich in der Lage mit Hilfe Deiner Zellen und DNA ein Heilmittel zu synthetisieren."
Naomi starrte ihn für einen Moment an, dann wurden ihre Augen groß und sie fragte: "Können Sie Lia damit retten?"
Hier verblaßte das Lächeln des MHN etwas, denn er meinte: "Lia ist fast im Endstadium, ich weiß nicht, ob das Heilmittel bei ihr noch rechtzeitig wirken kann, aber die Hoffnung besteht."
"Worauf warten Sie dann noch, Doktor?" fragte Naomi aufgeregt.
"So schnell geht das nicht, Naomi, ich brauche erst noch Blut von Dir und dann muß ich erst einmal testen, ob es funktioniert."
Sofort legte das Mädchen seinen Hals wieder leicht schief und meinte: "Nehmen Sie, soviel Sie brauchen."
Das MHN schmunzelte. "Du mußt Dich schon hinlegen. Wenn ich Dir die maximale Blutmenge abnehme wirst Du mir umkippen wenn Du hier stehenbleibst."
Sofort legte sich Naomi wieder auf die Liege und kurz darauf hatte das MHN einige Ampullen gefüllt.
"Du bleibst jetzt noch liegen bis ich Dir erlaube, wieder aufzustehen", sagte er und Naomi nickte.
Ein wenig schwach fühlte sie sich schon, aber hauptsache sie konnte helfen Lia und viele andere zu retten.
