Mom war mit Phil nach Hause gefahren und wollte auch Lilie mitnehmen. Die wollte jedoch nachdem sie aufgewacht war nicht zu ihr, sondern bei mir bleiben. Vor den Cullens hatte ich sie als meine Schwester ausgegeben, so wie immer. Das war die offizielle Geschichte. Eigentlich war sie meine Tochter. Mein Exfreund hatte einen Hang zur Gewalt und mich am Ende sogar vergewaltigt. Um ihn von Lilie fern zu halten hatte ich sie als meine Schwester ausgegeben und war ein Jahr nicht zur Schule gegangen. Charlie wusste wer Lilie in Wahrheit war, doch für ihn war sie wie eine zweite Tochter. Sie schlief friedlich auf meinem Arm und ihr Herzschlag beruhigte mich, bis ich ebenfalls einschlief.
Irgendjemand musste uns auf das Besucherbett gelegt und zugedeckt haben, denn ich konnte mich nicht erinnern von alleine hier hin gegangen zu sein. Lilie lag auf mir und schlief noch. Vorsichtig drehte ich mich, um sie nicht zu wecken und strich ihr noch einmal durch die Haare. Im Gang bat ich eine Schwester kurz ein Auge auf sie zu haben, während ich uns etwas zum Essen holen wollte. Auf dem Weg zurück ins Zimmer träumte ich, wie es wohl wäre wenn mein Exfreund nicht gewesen wäre. Auch wenn ich gerne auf die Erfahrung verzichtet hätte, um keinen Preis würde ich Lilie weggeben. Sie wachte gerade auf, als ich ins Zimmer kam und die Schwester verabschiedete sich. Ich legte mich neben sie und kroch unter die Decke. „Heute gibt es Frühstück im Bett, so wie früher." „Das wäre toll Mommy." Sie wusste, dass ich ihre Mutter war, spielte für ihr Alter jedoch gut mit.
Erst als ich hoch schaute bemerkte ich Carlisle und Edward in der Tür. Vollkommen geschockt starrten sie Lilie und mich an und mir war klar, dass sie den letzten Satz von ihr gehört haben mussten. Schnell ließ ich meine Haare wie einen Vorhang vor mein Gesicht fallen und versuchte sie zu ignorieren. „Warum gibst du sie als deine Schwester aus?" Aus Carlisles Stimme klang weder Spott, noch verurteilte er mich. Ich hob wieder den Kopf und schaute in seine Augen. Anders als im Traum waren sie freundlich und zeigten eine Mischung aus Neugierde und Mitgefühl. „Ich will sie von ihrem Vater fernhalten. Er weiß nichts von ihr und soll auch nichts von ihr wissen." Noch immer schien er mich nicht zu verurteilen. Nun hatte auch Lilie die Besucher gesehen. Sie mochte die Cullens, warum auch immer. „Es wäre nett, wenn du das in der Schule nicht erzählst." Edward nickte und setzte sich neben Lilie auf das Bett. Während er sie ablenkte brachte Carlisle mich auf den neuesten Stand. Charlie erholte sich nur langsam, aber es wurde besser. Gegen Mittag kam Renée wieder ins Krankenhaus und nahm Lilie. Carlisle verschwand, zu anderen Patienten dachte ich. Edward blieb und versuchte so gut er konnte mich abzulenken. Bis zur Abendvisite hatte ich ihm meine Kindheit und das Leben in Phoenix bis ins Detail erklärt. Es stand fest, dass Lilie bei mir bleiben würde, bis Charlie wieder halbwegs fit war. Ich hatte mein Pflichtprogramm hinter mir und wurde für die letzten Wochen frei gestellt. Angela und Alice hielten mich auf dem Laufenden und Rosalie war ganz vernarrt in Lilie, die wiederum hatte an Emmett einen Narren gefressen. Die drei amüsierten sich fast jeden Tag, was mir ein wenig Freiraum gab.
Mit Edward verstand ich mich immer besser und nach zwei Wochen lud er mich ein, mit Lilie bei den Cullens vorbeizuschauen. Um Lilie eine Freude zu machen sagte ich zu und alle schienen sich zu freuen, dass ich seit Tagen auch mal was für mich tat.
Am nächsten Freitag holte ich mit Edward zusammen Lilie von meinen Eltern ab und fuhren dann in den Wald. Edward bog in einen für mich unsichtbaren Weg ein und hielt kurze Zeit später vor einem großen Herrenhaus auf einer kleinen Lichtung im Wald. Carlisle würde später nachkommen und bis dahin mussten wir uns die Zeit vertreiben. Lilie wurde wie erwartet von Emmett und Rosalie in Beschlag genommen. Rosalie hatte nur für Lilie eine eigene Komposition auf Grundlage meines Stückes geschrieben und setzte sich an den großen Flügel im Wohnzimmer. Sanfte Klänge schwebten himmlisch durch die Luft und ich füllte mich auf Anhieb wohl.
Tatsächlich verging die Zeit bis Carlisle kam viel zu schnell. Edward verschwand kurz bevor sein Vater eintrat und ging nach draußen, warum war mir schleierhaft. Als ich die Tür hörte drehte ich mich mit Lilie auf dem Arm lächelnd um. Emmett konnte einen wirklich zwingen zu lachen. Wie versteinert blieb Carlisle stehen und Jasper starrte ihn erstaunt an. Alice fiepte anscheinend vor Freude und sprang vom Sofa auf. Was war hier los?
Nach einem Moment schüttelte Carlisle benommen den Kopf und gesellte sich zu uns. Noch immer spielte Rosalie für Lilie und Emmett forderte sie wir ein Gentleman aus einem früheren Jahrhundert auf zu tanzen.
Es sah schon komisch aus, wie der bärenhafte Emmett mit der winzigen Lilie durch den Raum schritt und das sogar sehr elegant. Lilie lachte ausgelassen und für alle war es ansteckend, bis wir uns vor lachen den Bauch hielten. Meine Tochter lachen zu sehen machte mich unendlich glücklich, doch der stechende Blick von Jasper verunsicherte mich. Hatte ich irgendwas falsches gemacht? Er schien auf irgendwas zu warten.
Ich versuchte ihn auszublenden und nahm meine kichernde Tochter entgegen, die nur schwer von Emmett zu lösen war. Schließlich kam Edward wieder und erinnerte uns an die Uhrzeit. Von Alice handelte er sich dafür einen tadelnden Blick ein, doch Lilie gehörte eindeutig ins Bett. Noch während ich sie zum Auto trug schlief sie ein und auch Emmetts gebrülltes: „Bis bald!" konnte sie nicht wecken.
Am Krankenhaus ließ Edward mich raus und ich verabschiedete mich von ihm. Bei Charlie schlief ich ein und träumte endlich wieder einen schönen Traum, unterlegt mit dem Lachen meiner Tochter.
