Kapitel 11: Von Löwen und Schlangen
Harry stand auf der Brüstung des Astronomieturms und sah in den mitternächtlichen Himmel. Nur wenige Wolken zogen träge daher und sanfter Wind wehte durch seine Haare und drückte seine Robe gegen seinen Körper. Er hatte seine tatsächliche Gestalt angenommen, etwas was er schon lange nicht mehr getan hatte. Er hatte fast vergessen wie sich sein wirklicher Körper anfühlte. Eine Maske, die man zu lange trägt, wird zum Gesicht, dachte Harry und seine Lippen formten ein Lächeln, das nicht auf den Rest seines Gesichts übergriff.
Seine drahtigen und dennoch muskulösen Arme hatte er vor der kräftigen Brust verschränkt und trotz seiner Größe wankte er dank seiner ausgeprägten Beinmuskulatur nicht im Wind. Nach Jahren des Trainings mit magischen Hilfen, die seine Möglichkeiten weit über das Normalmaß erweiterten, hatte er den Körper von dem jeder Kampfsportler nur träumen konnte. Dabei glich sein Gesicht immer noch dem 16-jährigen Jungen, der er eigentlich sein sollte. Nur seine Augen wirkten ein wenig älter. Doch an sein Äußeres verschwendete der Anführer der DA kaum einen Gedanken. Ihn bewegten andere Fragen und viele davon drehten sich um ihn selbst.
Sein Lächeln wurde breiter und auch die Augen wurden davon berührt, als er spürte wie sich ihm ein anderes Wesen nährte. Weiter in den Himmel blickend wartete Harry bis der Neuankömmling herangekommen war und sich mit einem Zauber ebenfalls auf die Brüstung geschwungen hatte. „Elegant, Professor", sagte Harry ohne den Angesprochenen anzugucken. Der alte Zauberer verstaute seinen Zauberstab in einer Falte seines weiten Umhangs und sah ebenfalls zu den Sternen hoch. Silberne Haare wurden vom Wind hin und her geweht.
„Danke. Zitronenbonbon?", bot der Mann an und hielt eine Tüte in die Höhe. „Gerne", antwortete Harry und nahm sich von der Muggelsüßigkeit. Eine Weile lutschten die beiden Zauberer schweigend an ihren Drops, denn Blick in die Ferne gerichtet. Schließlich war es Dumbledore, der zuerst sprach. „Willst du mir nicht erzählen, warum ich zu so später Stunde mit einem Schüler am Rande des Abgrunds stehe?", fragte der Schulleiter und ihre Seitenblicke trafen sich für einen Moment.
Harry gab sich einen Ruck. „Ich fürchte ich verliere mich selbst", gestand Harry, wieder zu den Sternen blickend. „Tatsächlich?", sagte der höchste Obermufti, machte eine kleine Pause und schlug dann vor, „Vielleicht findest du dich ja auch." Wortlos nahm Harry den Vorschlag hin und Dumbledore nahm sich ein weiteres Zitronenbonbon. „Auch mir hat der sprechende Hut die Wahl zwischen Gryffindor und Slytherin gegeben", eröffnete der alte Zauberer dem Jungen nachdem er den Drop in seiner Backe verstaut hatte und diesmal war es um Harrys Beherrschung geschehen.
Erst brauchte er einen Augenblick um das Gesagte zu begreifen, dann flog sein Kopf so heftig herum, dass er fast gestürzt wäre. Ungläubig starrte der Schüler seinen Schulleiter an, der gelassen über die Halbmondbrille zurück sah. „Bist du wirklich überrascht, Harry?", fragte Dumbledore und der lange Bart bebte, „Ich hätte nicht gedacht, dass ich dich noch überraschen könnte." Dann wurde der alte Zauberer wieder ernst und sah hinaus in die Nacht. „Der Hut sagte mir, Slytherin würde mir zu Größe verhelfen. Das hat er dir auch gesagt, nicht wahr? Und ich war versucht; versucht den einfachen Weg zu gehen", seufzte der Vorsitzende des Zaubergamots.
„Du guckst immer noch so überraschst", wunderte sich der Anführer des Phönixorden, als er kurz zu Harry rüber sah. „Dabei kennst du den Reiz, der von Macht ausgeht, wie kaum einer sonst. Wir sind uns alle ähnlich, Tom, du und ich", erklärte Dumbledore und Harry konnte sich aus seiner Starre lösen. „Sie meinen…?", setzte Harry an, doch Dumbledore brachte ihn mit einer Geste zu schweigen. „Was uns von Zauberern wie Tom trennt ist nicht mehr als eine dünne Mauer aus Moral. Doch Macht kennt keine Moral, sie durchbricht die Mauer und schafft Lücken. Die Grenze verschwimmt und jeder Schritt muss mit Bedacht gewählt werden, sonst werden wir zu dem was wir bekämpfen", warnte Dumbledore mit eindringlicher Stimme.
Harry dachte über die Worte des höchsten Obermufti nach und suchte Rat in den weitläufigen Ländereien Hogwarts. Das Gesagte ergab Sinn, doch konnte es ihm weiterhelfen? Er grübelte und es drängte sich eine neue Frage auf. Sollte es ihm weiterhelfen? Vielleicht findest du dich ja auch, hatte Dumbledore gesagt. Was wollte der alte Zauberer damit ausdrücken? War es eine Ermutigung den eingeschlagen Weg fortzusetzen oder eine Mahnung zur Umkehr? Viele neue Fragen, wenige Antworten.
„Du denkst zu viel", durchbrach der Schulleiter die Stille und Harry schreckte aus seinen Gedanken hoch. Er hatte die Anwesenheit von Dumbledore gar nicht mehr wahrgenommen und schalt sich selbst für seine Nachlässigkeit. Dabei fiel dem Jungen etwas ein. „Sir, ich muss ihnen noch etwas ausrichten. Ein alter Freund von ihnen…". Harry wollte gerade von seinem Besuch bei Flamel erzählen, als Dumbledore abwehrend die Hände hob. „Schon gut, schon gut. Ich muss dir etwas ausrichten", entgegnete der alte Zauberer und ein fröhliches Funkeln war in seinen Augen zu sehen.
„Nicolas lässt dir ausrichten, dass er zwar zugestimmt hatte, sein menschliches Gedächtnis verändern zu lassen, aber sein schriftliches Gedächtnis nicht Teil der Vereinbarung gewesen war", erläuterte der Schulleiter. „WAS?", platzte es aus Harry heraus, in dessen Kopf sich unschöne Szenarien entwickelten. „Keine Sorge, Harry. Nicolas ist ein sehr zuverlässiger und gründlicher Mensch. Er hat die Tagebücher, die er während deines Besuchs geschrieben hat, bei Gringotts hinterlegt und verfügt, dass ich sie diesen Sommer erhalten soll. Wie du siehst ist kein Schaden entstanden", versuchte Dumbledore seinen Schüler zu beruhigen.
Nachdem Harry zwei Mal tief ein und ausgeatmet hatte, hatte er sich wieder im Griff. „Sie wussten also die ganze Zeit von meinen Zeitreisen", stellte Harry fest und der alte Zauberer nickte. „Natürlich habe ich kein Wissen über deine anderen Reisen, aber das du mehr als eine gemacht hast ist offensichtlich. Ehrlich gesagt, bin ich froh eine Erklärung für deine Entwicklung bekommen zu haben, sonst wäre es bestimmt zu der ein oder anderen Begegnung gekommen, die keiner von uns genossen hätte", mutmaßte Dumbledore und Harry konnte dem nur zustimmen.
„So interessant diese Begegnung auch gerade ist, fürchte ich, meine Knochen werden zu alt für diese Art von Treffen", sagte der Schulleiter unvermittelt und machte einen Satz von der Brüstung. Harry sah noch einmal hoch zu den Sternen, nahm seine Galleone hervor und berief eine Versammlung für den nächsten Abend ein. Dann folgte er dem alten Zauberer. Während sie schweigend die Treppen herabstiegen, veränderte sich Harrys Körper und wurde wieder zu dem drahtigen Hänfling den alle zu kennen glaubten. Am Fuß der Treppe angelangt, nickten sich die beiden Zauberer zu und gingen ihre Wege.
Es hatte etwas Befremdliches als Harry am nächsten Tag den Raum der Wünsche um Punkt achtzehn Uhr betrat. Mit viel Anstrengung unterdrückte er den Impuls die Legilimentik zu benutzen, um die Gedanken seiner Mitschüler zu lesen. Er wusste jetzt wie sich jemand auf Entzug fühlen musste. Sein Verstand schrie nach mehr Informationen, nach Rückmeldungen, nach Erfahrungen, die ihm Sicherheit gaben, aber Harry hatte nach der Begegnung mit Dumbledore beschlossen seinen Geist bei sich zu behalten.
Dafür, dass sein Entschluss nicht ins Wanken geriet, sorgten Susans kühle Blicke. Sie waren wie stumme Warnungen und Harry war auf verquere Art dankbar dafür. Für einen kurzen Moment suchte er den Blickkontakt und lies ein Lächeln über seine Lippen huschen. Eine Geste, die von Susan mit keiner Regung erwidert wurde. Auf seinem Rundblick sah der Anführer auch Neville, der wieder rechts neben dem freien Stuhl in der Mitte des Halbkreises saß und Blaise, die ihren Platz ganz außen eingenommen hatte. Immer wieder glitten unbehagliche oder feindliche Blicke zu der Slytherin herüber, die aber ohne Wirkung an ihrem beherrschten Äußeren abprallten.
Dass es im Inneren der jungen Frau brodelte, konnte Harry auch erkennen ohne ihre Gedanken zu wissen. Die feinen Schweißtropfen an ihrem Haaransatz, die mühsam kontrollierte Atmung, ihr Blick, dass alles verriet sich einem guten Beobachter wie Harry. Während er durch die Gehirne der Menschen gestreift war, hatte er solche sekundären Merkmale vernachlässigt, doch nun kamen seine scharfen Sinne wieder zur vollen Entfaltung. Tief holte der Junge Luft und fast explodierte sein Verstand vor neuen Eindrücken.
Neben den zahllosen Düften, die man überall um Menschen finden konnte, lag Ärger in der Luft. Ein Seufzer entfuhr Harry, als er einmal mehr die Reichhaltigkeit der sinnlichen Wahrnehmung erfuhr. Ihr fehlte zwar die Klarheit und Eindeutigkeit des Gedankenlesens, aber war auf ihre Art auch aufregender und eine Herausforderung, die er sich irgendwann zwangsläufig stellen musste, wenn er seine Ziele erreichen wollte. So viel ihn seine Streifzüge durch die Erinnerungen anderer Leute hatte sehen lassen, so blind hatte sie ihn auch für seine Umwelt gemacht.
Harry rief sich zur Ordnung und straffte seinen Körper. Dann öffnete er seinen unterbeschäftigten Geist und zum ersten Mal fungierte er als bewusster Katalysator. Auch diese Erfahrung hatte etwas Unglaubliches und seine Augen schlossen sich vor Konzentration und Zufriedenheit. Ohne Wertung, ohne Einflussnahme wob er ein enges Netz in dem sich jeder Verstand verfing. Es hatte mit Legilimentik zu tun, war aber doch ganz anders. Es war nicht die Aneignung von Gedanken sondern deren sammeln, filtern und weiterleiten. Auch Telepathie traf nicht den Kern der Sache. So viele geistige Stimmen in einem Chor zu vereinen war unmöglich und es war auch nicht das, was Harry anstrebte.
Er erschuf eine Einheit, in der jeder sich voll entfalten konnte ohne den anderen zu behindern. Ohne Zwang verlieh er der Gruppe eine gemeinsame Basis auf dem kleinsten Nenner. Harry brachte Ordnung.
Als der Anführer der DA wieder die Augen öffnete, war alles Tuscheln erstorben, jeder saß aufmerksam und gerade auf seinem Platz, die Augen auf ihn gerichtet. Unter den entschlossenen Blicken seiner Mitschüler begab sich der Junge zu seinem Platz und setzte sich. Einmal eingerichtet trug sich das Netz selbst und erforderte kaum noch Aufmerksamkeit von seiner Seite, wodurch er sich auf die Worte konzentrieren konnte, die er sich zu Recht gelegt hatte.
„Freunde, nun da wir alle vollständig versammelt sind, können wir endlich mit dem beginnen, weshalb wir hier sind: Uns auf den Kampf vorbereiten. Ich werde euch gleich in vier Gruppen einteilen, die sich mit unterschiedlichen Schwerpunkten befassen. Die erste Gruppe wird von mir in den taktischen Grundlagen des Kämpfens unterwiesen, während Rons sich mit der körperlichen Fitness auseinandersetzen wird und Hermine kümmert sich in ihrer Gruppe um die fortgeschrittene Magie. Dies wird von heute an unsere grundlegende Einteilung sein, denn diese drei Bereiche werden darüber entscheiden ob wir gegen die Todesser bestehen können oder nicht. Nach und nach werden wir durch die Gruppen rotieren.
Die vierte Gruppe wird es deshalb nur dieses und nächstes Mal geben. Unter Nevilles Aufsicht werden dort die Standartzauber geübt. Entwaffnungs-, Betäubungs- und Schildzauber müssen perfekt sitzen. Alle, bei denen das nicht der Fall ist, werden sich ein erfahrenes Mitglied suchen müssen und außerhalb unserer Treffen an sich arbeiten. Ich konnte die Lehr- und Terminpläne nur dahingehend beeinflussen, dass uns zwei Abende in der Woche zur Verfügung stehen und in dieser wertvollen Zeit können wir uns nicht mehr mit regulärem Unterrichtsstoff aufhalten", erklärte Harry und sah sich eindringlich um.
Dann bat er die Leute aufzustehen und sich von der Plattform zu entfernen. Als alle sich in die andere Raumhälfte bewegt hatten, verschwand das Podium und eine Wand mit drei Türen erschien. Harry rief die erste Gruppe auf und schickte sie durch die linke Tür. Neun der älteren Mitglieder und Blaise verschwanden in einem Raum, der aussah wie die Eingangshalle. Als nächstes gingen Luna, Anthony Goldstein, Lavender, Padma und Parvati Patil, Terry Boot, Michael Corner und Hannah Abbott mit Hermine durch die mittlere Tür, hinter der sich eine Nachbildung des Zauberkunstklassenraums befand.
Der Rest verteilte sich auf Ron, der grinsend in seine Sporthalle ging und Neville, der mit den Neulingen und Seamus im bücherregalgesäumten Eingangsbereich zurückgelassen wurde. Harry und sein Schüler tauschten noch einen letzten Blick, dann verschwand der Anführer der DA durch die Tür und schloss sie hinter sich. Neville musterte die Truppe vor sich und seufzte. „Also gut, das hier", der Junge hob seinen Zauberfokus, „ist ein Zauberstab." Es zeigten sich einige grinsende Gesichter unter seinen Zuhörern. „Damit kann man lustige Dinge anstellen, wie zum Beispiel grinsende Kinder töten", erklärte Neville mit ernstem Gesicht und auch die Grinser wurden weniger.
„Zu eurem Glück kann man damit auch verhindern, das man getötet wird – wenn man die nötigen Zauber beherrscht", fuhr Neville fort und perfide Gedanken, die wohl jeder Lehrer zwangsläufig bekam, schlichen sich bei ihm ein. „Wer unter euch, glaubt denn einen Schildzauber zu beherrschen?", fragte Neville eine Spur zu freundlich und sah herausfordernd in die kleine Gruppe von fünfzehn Gesichtern. Schließlich räusperte sich Jack Sloper, der schon zuvor den meisten Mut bewiesen hatte. „Ah, Jack, nicht wahr? Dann zeig mal was du kannst", lud Neville ein und hätte sich wahrscheinlich in diesem Moment selber nicht wieder erkannt.
Der Ersatzjäger von Gryffindor hob seinen Zauberstab, vollführte eine ruckartige Bewegung mit seinem Handgelenk und murmelte, „Protego." Das rötliche Schild erschien und deckte Jacks Oberkörper ab. Neville betrachtete das passable Schild eine Sekunde lang, richtete dann wie beiläufig seinen Zauberstab auf den Jungen und ein Betäubungszauber löste sich. Bevor der Angegriffene reagieren konnte, durchschlug der Fluch den Schutzzauber und er fiel bewusstlos der Länge nach hin.
„Noch jemand unter euch, der glaubt, er würde einen Zauber beherrschen?", fragte Neville erneut und diesmal regte sich keiner. Auch das letzte Grinsen war verschwunden. Stumm erlöste Neville sein Opfer aus der Ohnmacht und der Jäger beeilte sich auf die Beine zu kommen. „Eigentlich hat unser Jack hier nichts falsch gemacht. In den ZAGs würde er dafür wahrscheinlich sogar ein Annehmbar bekommen, aber das ist nicht das, was Harry mit beherrschen meinte und ich werde jeden von euch an Harrys Standards messen", verkündete der Junge unheilvoll.
„Erstmal wird sich so hingestellt, dass ihr dem Angreifer möglichst wenig Angriffsfläche bietet. Das heißt, ihr steht seitlich zu ihm. Dann behaltet ihr euren Gegner immer im Blick und dazu müsst ihr wissen wie es um euch herum aussieht. Also immer schön die Augen offen halten. Wenn ihr dann zum Zauber ansetzt, wird die Bewegung ruhig und sauber ausgeführt und nicht rumgezappelt. Die Formel wird dabei deutlich ausgesprochen und was noch wichtiger ist, ihr stellt euch vor was ihr erreichen wollt. Protego", sagte der Gryffindor schließlich und an der Spitze seines Zauberstabs erschien ein turmschildartiges Magiefeld von so kräftigem Rot, das es fast opak war.
„So soll das aussehen, Leute. Los, sucht euch einen Partner und übt. Einer macht den Protego, der andere tobt sich mit Flüchen aus. Nach jedem Treffer wird getauscht – wenn ihr dazu noch in der Lage seid. Los, los, los", feuerte Neville seine Schützlinge an und sah mit verschränkten Armen dem Treiben zu. Lehrer zu sein fühlte sich gut an. Nach einigen Minuten begann er damit die Duelle abzugehen und Fehler in Haltung und Ausführung zu korrigieren.
Harry schloss die Tür hinter sich und sah sich in der Imitation der Eingangshalle von Hogwarts um. Die Tür hinter ihm führte in der Wirklichkeit in die Besenkammer, die er in seinem ersten Schuljahr kennen gelernt hatte und direkt zu seiner Rechten erhoben sie die Flügeltüren zur großen Halle. Links von ihm befand sich der Haupteingang mit den beiden Rüstungen und dem gegenüber lagen die Treppen nach unten, die die große Marmortreppe flankierten. Auf den Stufen der Haupttreppe saßen Ginny, Susan, Zacharias, Katie, Dean, Justin, Ernie, Dennis und Colin, die sich leise unterhielten. Etwas abseits stand Blaise. Als die Türe hörten, hoben sich alle Köpfe und die Flammensänger standen auf.
„Ladies, Gentlemen", begrüßte sie Harry und ging auf sie zu, „Bitte stellt euch vor, Voldemort würde sich zu einem Frontalangriff auf unser geliebtes Hogwarts entschließen und hätte unsere äußere Verteidigung durchbrochen. Was würdet ihr tun?" „Dich rausschicken und uns wieder hinsetzen", schlug Ginny scherzhaft vor und einige Mundwinkel verzogen sich nach oben. „Lasst uns annehmen, ihr seid die letzten Überlebenden. Keine Reserve, keine Verstärkung. Ihr seid das einzige, was zwischen den Schülern und Voldemorts Heerscharen steht", sagte der Anführer trocken und die Mundwinkel wanderten schnell wieder nach unten.
„Was würdet ihr tun?", wiederholte der Junge seine Frage und wartete. „Einen Hinterhalt legen", schlug schließlich Ginny zögerlich vor. „Wie?", hakte Harry sofort nach. Die Rothaarige sah sich um. „Hm, mal sehen. Auf jeden Fall verstecken sich zwei hinter den Rüstungen", sagte die Weasley und versuchte dabei in Harrys Gesicht zu lesen, was er davon hielt, aber das Gesicht blieb völlig neutral. Unsicher sah sich die junge Frau weiter um und überlegte. „Vier bei dem Korridor zu den Klassenräumen und je zwei auf den Treppenabsätzen", vollendete sie schließlich ihre Aufstellung und deutete auf die Durchgänge.
Harry folgte ihren Handbewegungen und für einen Moment herrschte Stille in dem großen Raum. „Gegen einen unvorbereiteten Gegner wäre es ein guter Plan, aber nicht gegen einen, der mit Widerstand rechnet. Warum nicht?", fragte der Schwarzhaarige in die Runde und wieder setzte Stille ein. Als sich keiner ein Herz fasste, fuhr Harry fort, „Die Leute in den Durchgängen haben exzellente Möglichkeiten einen gesicherten Rückzug anzutreten. Solange sich der Feind nicht zu einem verlustreichen Überrennen entscheidet können alle Gruppe auch größere Feindkonzentrationen lange in Scharmützeln beschäftigen", erläuterte Harry mit ruhiger Stimme, die er den ganzen Vortrag über beibehielt.
„Die beiden hinter den Rüstungen haben diese Möglichkeiten nicht. Auch wenn sie unter Umständen hohen Initialschaden anrichten können, sind die beiden, egal wer von euch es sein würde, nach ihrer Entdeckung tot", konstatierte der Zauberer und sah seine Zuhörer eindringlich an. „Das größte Problem ist allerdings die ungedeckte Haupttreppe. Sobald die beiden flankierenden Paare zurückgedrängt werden – und bei einer angenommenen zahlenmäßigen Überlegenheit des Feindes wird dies Unweigerlich geschehen – steht den Angreifern nichts mehr im Weg und sie können sich ungehindert im Schloss verteilen. Damit sind die Bibliothek, der Raum der Wünsche, das Schulleiterbüro, der Krankenflügel und zwei Gemeinschaftsräume verloren", beendete Harry seine Analyse und Ginny sah betreten nach unten.
„Andere Vorschläge", lud Harry ein und suchte den Blickkontakt zu der Gruppe. Schließlich ruhte sein Blick auf Blaise. „Miss Zabini, wie würden sie ihre Ressourcen einsetzen?", wollte Harry wissen und alle Blicke richteten sich auf die Slytherin, der die Situation sichtlich nicht schmeckte. Nach einem bösen Blick in Richtung Harry, begann auch sie sich umzusehen. Mehrmals flog dabei ihr Blick zu Ginny und sie fing an sich auf ihre Unterlippe zu beißen. Harry hätte zu gern Legilimentik eingesetzt, aber er konnte es auch so ahnen was in ihrem Kopf vorging. Auch sie hätte einen Hinterhalt mit ähnlicher Verteilung vorgeschlagen, da war Harry sich ziemlich sicher, und jetzt suchte sie nach einer Alternative.
Geduldig wartete die Gruppe bis die Hexe einen Plan ausgedacht hatte und diesen vorstellte. „Also", begann die Slytherin gedehnt. Von ihrer Selbstsicherheit war in dem Moment nicht allzu viel zu spüren. „Zwei Leute an den Durchgang zu den Klassenräumen, je einen auf die Treppenabsätze und die anderen sechs sichern die Treppe nach oben und verteilen sich danach", sagte Blaise ohne Überzeugung und deutete schlaff auf die Positionen, was Harry zu einem fast mitleidigen Lächeln veranlasste. Dennoch ließ er sich Zeit mit seiner Antwort und besaß sich die angezeigten Stellen genau.
„Erstmal, keiner wird allein gelassen, es sei denn es ist unausweichlich oder hat einen sehr gewichtigen Grund. Ein einzelner Zauberer kann fast unmöglich die Angreifer aufhalten, da er weder die Möglichkeit hat gleichzeitig offensiv und defensiv zu agieren, noch einen vernünftigen Rückzug antreten kann", erklärte der Anführer vom Fuß des Hauptaufganges aus. „Zu den sechs Leuten auf dieser Treppe", fuhr Harry fort, deutete vor sich und wies dann auf den Eingang. „Keine Deckung für beide Seiten. Für euch als die Unterlegenen resultiert das schnell in ungünstige Verlustverhältnisse. Wenn sich die sechs sofort nach oben zurückziehen, können sie sicherlich einiges an Verheerung anrichten und den Treppenabsatz als Deckung nutzen. Dafür lassen sie natürlich die vier unten gänzlich ohne Unterstützung, was deren Position ausweglos macht und die Küche, der Hof, das Tränkelager und zwei Gemeinschaftsräume sind aufgegeben."
Schweigen antwortete der Ausführung, bis schließlich Katie fragte, „Was würdest du tun?" Harry zögerte keine Sekunde mit der Antwort, „Die Eingangstür versiegeln und die Rüstungen beleben und die Tür zudrücken lassen. Natürlich werden diese Maßnahmen nur kurzzeitig die Feinde aufhalten, aber in der Schlacht ist Zeit das kostbarste Gut. Dann werden alle Türen geöffnet und sich anschließend aufgeteilt. Fünf beziehen oben auf der Treppe, fünf in der großen Halle. Sobald die ersten Todesser die Treppe betreten haben, greift die obere Truppe an und nutzt ihre Deckung gegen den ungeschützten Feind. Die zweite Gruppe benutzte einen Haustisch im Eingang zur großen Halle als Deckung und nimmt die Angreifer von der Seite unter Beschuss. Die Tür zur großen Halle ist breit genug, dass fünf einigermaßen Effektiv nebeneinander kämpfen können", stellte Harry seinen Plan vor.
„Natürlich gibt das dem Gegner die Möglichkeit zum Gemeinschaftsraum von Slytherin vorzudringen, aber das sollte im Falle eines Angriffes noch der sicherste Ort sein. Ein entschlossener Feind kann auch zur Küche und dem Hufflepuffkeller vordringen, aber dabei habt ihr aus der großen Halle ein gutes Schussfeld. Wahrscheinlicher wird er die Klassenräume besetzten und es wird einen langen und kräftezehrenden Stellungskrieg geben, der derjenige gewinnt, der zuerst Entsetzungstruppen schicken kann", räumte der Schwarzhaarige ein und zuckte mit den Schultern.
„Was ich euch eigentlich sagen wollte ist folgendes: Es gibt in einer solchen Situation keinen perfekten Plan und wenn ihr alles retten wollt, werdet ihr mit Sicherheit alles verlieren. Konzentriert eure Stärke, bleibt in Deckung. Zwingt den Gegner zu euren Bedingungen zu kämpfen und haltet euch den Rücken frei. Keine Alleingänge oder Heldentaten", schärfte ihnen Harry ein und hob dabei beschwörend die Hände. Seine Zuhörer nickten und Harry nahm seinen Chronoball heraus. Das Gerät leuchtete in sanftem Blau. Schnell gab Harry noch ein paar Tipps, wenn es um den Rückzug ging und schickte sie dann in den Nebenraum zu Hermine, deren Gruppe er zu sich nahm. Auch Nevilles und Rons Gruppen tauschten, dann begannen die vier Freunde erneut ihren Stoff durchzuexerzieren.
Nach einer weiteren Stunde schleppten sich völlig erschöpfte Mannschaft aus dem Raum der Wünsche und machte sich stöhnend auf den Weg zu ihren jeweiligen Gemeinschaftsräumen. Diesmal würde die Ausrede mit den Geschichtshausaufgaben wohl keiner glauben. Zurück blieb das Quartett um Harry. „Das hat doch mal Spaß gemacht", griente Ron, doch das Grinsen erstarb als er Harrys Gesichtsausdruck sah. „Hermine, wenn ich bitten darf", sagte Harry freundlich und zog seinen Zauberstab. „Mit Freuden", erwiderte die Hexe mit einem Seitenblick auf Ron, der auf einmal alles andere als glücklich wirkte. Aber es gab ja noch den Fitnessteil…
