7. Konfrontation

Wieder ein grauenvoller Montagmorgen. Nach vielen grauenvollen, die vergangen war. Inzwischen wehte der kalte Herbstwind um die Gemäuer Hogwarts. Derselbe kalte Wind, der die Blätter von den Bäumen fegte und das Quidditchtraining unmöglich machte. Hermine konnte es nicht erwarten, unter die heiße Dusche zu springen und des Traums zu entledigen, der sie diese Nacht ganz besonders geplagt hatte.

Dieser Traum. Seine Intensität wirkte noch nach, nachdem sie aus der Dusche getreten war und dabei war sich an zuziehen. Sie konnte sich an kein vergleichbares Gefühl erinnern, als sie am Anfang des Sommers mit Viktor Krum geschlafen hatte. Es war merkwürdig; noch immer kribbelte ihre Haut von diesem Traum, noch immer war es ihr, als fühle sie seine warme Haut und seine Hände in ihrem Schoss.

Heute musst du etwas essen, Hermine! Du siehst scheußlich aus, sprach sie still ihrem Spiegelbild entgegen und machte, dass sie aus dem Bad kam, bevor es wieder Protest hagelte. Wie jeden Morgen.

Es war eine Art Ritual bei den Mädchen geworden, sich um die Zeit im Bad zu streiten.

Hermine konnte diesem Ritual, dass aus Kichern und halbernsten Wortgefechten bestand, nichts abgewinnen.

Das machte sie nicht besonders beliebt. Schon oft hatte sie die Frage zu hören bekommen, warum sie eigentlich immer wie drei Tage Regenwetter gucke und immer so ernst sein müsse.

,Fehlt nur noch, dass sie Zaubertränke unterrichten und in den Kerker ziehen möchte." hatte sie Lucy eines Morgens tuscheln gehört, während sie sich die Haare gekämmt hatte.

Sie packte ihre Tasche diesmal nur mit dem nötigsten. Denn obwohl es ihr gelungen war, diese wieder zu reparieren, vertraute sie nicht darauf, dass der Zauber lange halten würde. Und wenn er dem Material entwiche, dann würde wieder ihre halbe Büchersammlung die Tasche zum platzen bringen.

Gemeinsam mit Harry und Ron ging sie in die große Halle. Ron ging zappelig neben ihr her, denn er hatte wie immer Angst vor Snapes Unterricht, nicht nur, weil er in der Stunde der letzten Woche, mehr als eine Rüge eingesteckt hatte, sondern auch, weil er am Abend zuvor verzweifelt ein paar Sätze auf Pergament gekritzelt hatte und dieses Produkt seiner Ausweglosigkeit nun als Aufsatz über Schockzauber abgeben musste. Hermine hatte diesmal keine Zeit gefunden, seine Hausaufgaben noch einmal durch zu gehen. Sowieso war sie ständig fort. Meistens in der Bücherei. Ron konnte sich nicht daran erinnern, sie jemals so viel die Nase in die Bücher gesteckt sehen zu haben - und das wollte etwas bedeuten!

Als sie ihr Frühstück zu sich nahmen, sah er, dass sie wie an so vielen Morgen lustlos in ihrem Essen herumstocherte.

,Hermine, ich mag verfressen sein, aber du scheinst ...naja...".

Hermine hob ihren Blick. ,Ja, Ron?"

,Ich dachte immer du liest nur von Pergament, aber dass du dich davon ernährst...".

,Keine Sorge. Siehst du?" Sie stopfte sich demonstrativ eine Gabel Speck in den Mund und schob einen Bissen Toast hinterher.

Kauen. Schlucken. Abbeißen. Kauen. Schlucken. Du hast einmal gewusst, wie es geht, Hermine. Streng dich an! Unter Rons sorgenvollem Blick aß sie eine Toastscheibe und ihren gesamten Speck auf. Niemand sollte behaupten, sie sei in den Hungerstreik getreten. Sie konnte ihren zwei besten Freunden die Sorge um sie im Gesicht ablesen. Und diese Erkenntnis schenkte ihr ein warmes Gefühl, denn niemand mit solchen Freunden war jemals verloren, auch wenn sie sich so fühlte.

Aber sie musste verhindern, dass die beiden Fragen stellten. Sie wusste, sie würde diese Fragen nicht beantworten können.

,Gehen wir?" fragte sie, den Teller von sich schiebend und den Tagespropheten fein säuberlich zusammenfaltend. Sie ließ ihn liegen für den Fall, dass noch jemand anderes sich über die neusten Machenschaften des Ministeriums informieren wollte. Sie war sich sicher. Viele waren es nicht.

,Lass uns zu spät kommen." schlug Ron vor ,Binns würde seinen Kram auch herunterleiern, wenn das Klassenzimmer vollkommen leer wäre."

,Ron! Geschichte der Zauberei ist ebenso wichtig wie jedes andere Fach."

,Ja, wenn ein Inferius vorbeikommt, kann Ron ihm mit der Zaubereraufstand von 1298 zu Tode... äh oder einen weniger gefährlicheren Zustand ...langweilen." warf Harry beschwingt ein.

Hermine erwiderte darauf nichts. Ihr war die Ruhe dieses Unterrichts nur recht. Sie war sehr angenehm im Gegensatz zu der Hetzerei, die bei Snape herrschte. Eine Stunde leises Gemurmel eines verwirrten Geistes, nur durchwirkt vom Kratzen der Federn.

Der Rothaarige der neben ihr ging, konnte nicht ahnen, dass es ihr vor Snapes Unterricht weit aus mehr grauste als ihm. Sie hatte die letzten Wochen nur unter all der Auferbietung ihrer Selbstkontrolle überstanden. Die Gewissheit, sich ihre Probleme mit dem Trank, für den sie fast jeden Tag eine mindestes eine Stunde recherchiert hatte, vom Hals zu schaffen, hatte ihr ein wenig Kraft gegeben. Aber von Zeit zu Zeit waren ihr wieder der Grim oder die Schlange im Traum erschienen, manchmal allein und manchmal zusammen, miteinander kämpfend und sich ineinander verbeißend.

Diese Träume hatten sie beunruhigt und sie wieder zu Nachschlagewerken über Traumdeutung und Wahrsagerei greifen lassen. Manchmal hatte sie sogar überlegt, Trewalney ins vertrauen zu ziehen, denn obwohl sie Wahrsagen abgewählt hatte und sie zugeben musste, dass es wirklich nicht ihr Fach war, hatte sie gut genug aufgepasst um zu wissen, dass der Grim ein unheilvolles Zeichen war. Wenn nicht sogar ein Zeichen des Todes. Aber ob ihr diese Sherry-Drossel mehr sagen konnte, als ihre Nachschlagewerke?

Wie immer umfing sie eine eisige Atmosphäre, als sie nach Binns Geschichtsstunde den von Kerzen matt erhellten dämmrigen Raum betrat, in dem Snape seinen Unterricht abhielt. Ron schien mit jedem Schritt, den er auf seinen Platz zutrat etwas kleiner zu werden, was Snape jedoch nicht davon abhielt ihn mit einem genüsslichen, finsteren Blick zu belegen.

Hermine bemerkte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss, als sie sein Gesicht streifte und verfluchte sich dafür Sekunden später selbst. Schnell trat sie an ihren Platz und ließ die Tasche sinken. Er hatte ihr verboten ihre Bücher auszupacken, außer des einen, das auf dem Lehrplan für seinen Unterricht stand.

Es waren Malfoy und Goyle, die als letzte ins Klassenzimmer gestürmt kamen, immer noch nach Luft schnappend und mit einem Lachen in ihren Kehlen, das davon erzählte, dass sie sich über Bestrafungen fürs Zuspätkommen keine Sorgen machten.

Snape begrüßte die beiden Ankömmlinge mit unbewegtem Gesicht. ,Malfoy! Goyle! Setzen!" warf er gedehnt in die verhaltene Stille. Jeder im Raum bemerkte, dass er auf den Namen ,Malfoy´ besondere Betonung legte.

Die beiden Jungs setzen sich mit einem letzten ausgetauschten Feixen an ihre Plätze.

,Nun, da mich ALLE mit ihrer Anwesenheit BEEHRT haben." troff es aus seinem Mund ,Können wir das Desaster von voriger Woche fortsetzen."

Sein Blick schweifte umher. Hermine war es gewohnt, dass er sie übersah, als sei sie nicht exsisitent. Es wäre ihr fast lieber gewesen, seine Verachtung zu spüren.

Was denkst du da nur? Wo bleibt deine Würde? Wann hast du dich von ihr verabschiedet? Sie straffte ihre Schultern. Ihre Würde war dort, wo sie immer war. Tief in ihr. Unangreifbar.

Mit gerecktem Kinn sah sie ihrem Lehrer ins Gesicht. Ihr Blick glitt an ihm ab, wie an einer Ölhaut, während er vorbeischritt. Es war so leise, dass man sogar das Schleifen seiner Robe auf dem Boden vernehmen konnte. Bei keinem Lehrer hatte je solch eine Stille geherrscht. Sie musste an den Unterricht mit Professor Lupin zurückdenken. Es waren angenehme Erinnerungen. Lupin hatte versucht ein Freund seiner Schüler zu sein und nicht ihr Feind.

Hermine hätte sich gerne geschüttelt. Schon wieder glitt ihr Blick zu dem bleichen, teigigen Gesicht.

,Ihre Kenntnisse in der Selbstverteidigung lassen auf nichts anderes schließen, als dass Umbrigde mit ihnen Teekränzchen abgehalten hat. Und falls andere Personen ihr Finger im Spiel hatten, so kann in dieser Hinsicht von grenzenloser Selbstüberschätzung ausgegangen werden. Ich denke, wir haben noch einiges zu tun, damit ihnen wenigstens nicht der Zauberstab aus der zitternden Hand fällt, wenn ihnen ein ernst zu nehmender Gegner gegenüber steht."

,Mit allem Respekt, Sir-."

,Habe ich gesagt, dass irgendjemand sprechen darf, POTTER?" Snape drehte sich zu Harry herum und fixierte ihn mit seinem Blick.

Doch der strubbelhaarige Junge dachte nicht daran, zu schweigen. Jeder sah, dass der ehemalige DA- Lehrer erregt war.

,SIR, sie tun uns unrecht. Besonders denjenigen, die mit mir im Ministerium gekämpft haben!"
,Fünf Punkte Abzug für Gryffindor!" knurrte Snape leise und schritt hastig zum Pult. ,WEGEN STÖREN DES UNTERICHTS!" Die Feder tanzte hastig auf dem aufgeschlagenen Heft. Harry wusste, dass er es am Anfang der Stunde immer schon zurechtlegte.
Hermine sah, dass er die Zähne zusammenbiss und dass er erneut ansetzen wollte, doch sie bedeutete ihm mit einem Kopfschütteln, es bleiben zu lassen. Harrys Blick huschte mit Widerwillen zurück seinem Tisch.
Snape hob seinen Zauberstab. ,Ihre Aufsätze über Schockzauber und ihre Abwehr sind fällig. Hundert Zentimeter und nicht weniger!" Ein Rascheln ertönte, als die Anwesenden ihre Pergamentbögen hervorholten und vor sich auf den Tisch legten. Mit einem Satz landeten sie auf Snapes Pult.
Der praktische Unterricht nahm seinen üblichen Lauf.
Neville konnte nach einer halben Stunde kaum mehr den Zauberstab gerade halten. Immer wenn er von dem schwarzen verächtlichen Blick des Slytherinhauslehrer getroffen wurde, schien er zusammen zu zucken. Dieser bedeutete ihm schließlich genervt den Zauberstab zu senken.
,Mr. Longbottom. Es ist ein Wunder, dass sie das Ministerium überlebt haben!" troff es aus Snapes Mund.
,Nein, Sir, i-ich muss nur- nur - ."
,SIR, das geht zu weit!" rief Harry jetzt, von seinem Übungspartner ablassend. Seamus warf ihm ein flehendes Kopfschütteln zu, doch der strubbelhaarige Junge wollte sich diesmal nicht bremsen lassen.
Snape starrte ihn mit einer Schärfe an, die nichts gutes verhieß.
,Nachsitzen Potter! Samstag. Acht Uhr. In meinem Büro!"
,Neville hat im Ministerium sein Leben riskiert!" erwiderte Harry mit fester Stimme. ,Er hat es nicht verdient-."
,Ich habe nie davon gehört, dass jemand, der sich unnötigerweise in Lebensgefahr bringt, einen Orden verdient hätte!"
,Sir!"
,POTTER, strapazieren sie meine Geduld nicht. Dies ist mein Unterricht und es obliegt daher mir die Leistungen meiner Schüler zu beurteilen." Er drehte sich zu den restlichen Schülern um, die in ihren Bewegungen innegehalten hatte. Weitermachen! Der Unterricht ist noch nicht beendet!"
Widerwillig wandte sich Harry wieder Seamus zu. Snape ließ Neville ein letztes Mal genüsslich zusammen zucken, bevor er weiter schritt.
Hermine hatte das Schauspiel mit Fassungslosigkeit beobachtet. Die größte Fassungslosigkeit verspürte sie sich selbst gegenüber. Dies war nicht der Mensch, dem sie sich ihren Träumen entgegen drückte. Aber was hatte sie erwartet?
,Mr. Weasley, Zauberstab gerade halten!"
Snape war an den Rothaarigen herangetreten und riss seine Hand hoch. , Sie haben diesen Stab nicht umsonst ihrer Hand. Es kann durchaus von Vorteil auf das Objekt zu zielen, dass man treffen möchte."
,Aber, Sir." meldete sich Hermine zu Wort. Es war wie ein Reflex. Sie konnte ihm ebenso wenig widerstehen, wie dem Atmen.
Snapes kalter Blick fixierte sie.
,Es ist nicht ratsam, den Zauberstab zu hoch zu halten. Der Winkel muss -."
,Mund halten, Granger!"
Niemand konnte den verächtlichen Unterton in seinen gedehnten Worte überhören.
Hermine spürte, wie sie eine Traurigkeit überkam. Er legte sich wie ein zarter Schleier über ihr Gesicht..
Was ist nur los mit dir, Hermine. Du hast dich noch niemals dermaßen aus der Fassung bringen lassen. Von einem, Mund halten, Granger.
Nein, es waren nicht die Worte. Es waren seine Augen. Das, was sie darin sah, war Abscheu. Pure Abscheu. Ein ätzender Schmerz durchfuhr sie.
Sie konnte nichts anderes tun, als ihn an zu starren. Sein bleiches, teigiges Gesicht, in dem sich nichts tat.
Wut stieg in ihr auf. Unfassbare Wut. Sollte er sehen, dass sie nicht umsonst die war, die sie war. Sollte er all die Abscheu, die er zuteil werden ließ, zurück erhalten.
Sie hob den Zauberstab. Ein heller stupor brach hervor. Doch noch ehe der Strahl ihn treffen konnte, hatte sich ein Schild um ihn gebildet.
Wieder entlud sich ein Schockzauber der Spitze ihres Zauberstabs. Er prallte wie der vorherige ab.
,Granger, was soll das!" rief er wütend, fast ein wenig genervt.
,STUPOR!" schrie sie außer sich ,IMPEDIMENTA! Ohne Vorwarnung. WIE SIE ES GERNE HABEN!"
Snape hatte keine Probleme damit ihre Zauber ab zuwehren, doch er musste zurückweichen, während sie einen Zauber nach dem anderen auf ihn losließ.
,STUPOR! EXPELLIAMRUS! INCACERUS!" schrie sie. Harry war es als sähe er den Wahnsinn in ihren Augen funkeln.
Die Anwesenden starrten sprachlos auf die beiden sich duellierenden.
,EXPELLIARMUS." schrie Snape. Schon im nächsten Moment stand die schwer atmende Hermine Granger entwaffnet vor ihrem Lehrer.
Einen Moment konnten die beiden Duellanten nichts anderes tun, als sich an zu starren.
Doch plötzlich.
Snape trat einen Schritt zurück, als er das eindringliche Starren in ihrem Blick bemerkte. Er holte Luft, wollte ihr wütende Worte entgegen schleudern, doch in diesem Moment sank sie auf die Knie.
,Granger." sprach er knurrend ihren Namen aus.
Die Angesprochene reagierte nicht. Sie starrte ihn noch immer an. Ihr Blick so leer und verklärt wie der einer Verfluchten. Und doch. Hinter diesem Blick tobte es. Sie streckte ihre Hand aus.
Snape wich noch einen Schritt zurück.
,Nein." presste Hermine mühsam hervor.
Schon im nächsten Moment sackte sie bewusstlos zur Seite.