11) Von Verstehen und Mythen
Obi-Wan verstand Ikarus niemals.
„Ikarus, Meister?" Anakin blickte fragend zu ihm herüber. Sie gingen nebeneinander her, nachdem sie die Feierlichkeiten auf Endor verlassen hatten. Obi-Wan war sich nicht ganz sicher, was ihr Ziel war. Ebenso wenig wusste er, wie lange sie schon gegangen waren oder auch nur, wo sie sich befanden. Er nahm an, dass es keine wirkliche Rolle spielte. Sie hatten jetzt alle Zeit, die sie sich nur wünschen konnten. Außerdem schien es ihm wahrscheinlich, dass sie weitergehen würden, bis sie an einem anderen Ort ankommen oder etwas anderes tun mussten. Er war sich noch nicht ganz über das Leben nach dem Tod im Klaren. Schließlich förderte er während der meisten Zeit, seit er tot war, die Dinge in der Welt der Lebenden.
„Ja." Obi-Wan schüttelte den Kopf, um seine Grübeleien zu verscheuchen. Dabei wurde ihm bewusst, dass er laut gesprochen haben musste. „Ich dachte immer, dass du wie er bist."
„Ikarus... Ikarus..." Anakin legte den Kopf in den Nacken und schloss die Augen. Offensichtlich richtete er seine Gedanken auf Vergangenes. „War das nicht ein Mythos von Naboo?"
„Ja, über einen Jungen, der zu nah an die Sonne flog und ins Meer stürzte."
„Ja, ja ich denke, dass ich das einmal gehört habe – Ikarus Flug, allein mit den Flügeln, die sein Vater ihm gab."
„Richtig. Wir hatten wegen ihm einmal eine ziemliche Diskussion über Verstand."
„Das stimmt." Anakin öffnete die Augen und grinste halb. Es war Obi-Wan nicht entgangen, dass sein früherer Padawan noch kein vollständiges Lächeln gezeigt hatte. „Aber Ihr wisst, dass es viele Unterschiede gibt."
„Ach?"
„Zunächst einmal tauchte Ikarus ins Wasser, während ich eine Feuertaufe empfing."
Obi-Wan fuhr zusammen. Er wollte sich dafür entschuldigen, wusste aber, dass es viel zu früh war, um Mustafar anzusprechen und verspürte nicht den Wunsch, an Anakins täuschende Unbeschwertheit zu appellieren. Also sagte er stattdessen: „Ja, du warst schon immer mehr ein Feuer- als ein Wasserwesen."
„Was soll ich sagen? Ich bin eine Wompratte aus der Wüste."
„Allerdings. Und ich nehme an, dass Palpatine besser zum Wasser passt, als zur Sonne." Er beobachtete ihn genau, doch obwohl Anakin leicht zusammenzuckte und sein Gesichtsausdruck erstarrte, war das einzige Anzeichen eines heftigen Gefühls ein flüchtiges Aufflammen in ozeanblauen Augen, das ausgebrannt war, bevor Obi-Wan es bei jemand anderem erkennen könnte. Aber dies war nicht jemand anderes. Dies war Anakin und Obi-Wan kannte Anakin, selbst wenn er den jüngeren Mann nicht verstand.
„Geht es dir gut?" Obi-Wan stellte sich in die Türöffnung. Anakin fuhr beim unerwarteten
Eintreten seines Meisters hoch – zu sehr in seine eigene Welt vertieft, um den älteren Mann gefühlt oder gehört zu haben.
„Ja", antwortete er, wobei kurz eine Gefühlsregung in seinen Augen aufloderte. „Ich erinnere mich nur gerade an etwas." Er fuhr sich mit der Hand durch sein etwas längeres Haar. „Es ist fast ein Jahr her, dass der Krieg begonnen hat, und ich habe nur – nachgedacht."
Ablenkung. Eine Wahrheit, doch von einem gewissen Standpunkt aus. Der Krieg hatte in der Tat vor einem Jahr begonnen und Anakin dachte über etwas nach, das letztes Jahr geschehen war. Aber Obi-Wan war sicher, dass es dabei nicht um den Krieg ging. Er selbst benutzte solche Tricks und konnte es erkennen, wenn ein anderer sie gegen ihn einzusetzen versuchte.
Es brauchte Zeit, aber schließlich gelang es Obi-Wan, zumindest einen Teil der Geschichte aus Anakin herauszubekommen. Letztes Jahr an diesem Tag war seine Mutter gestorben, genau wie er geträumt hatte. Das erklärte den Schmerz und die Schuldgefühle. (Natürlich erkannte er erst Jahre später, dass die Schuldgefühle seines Padawans auf etwas anderes zurückzuführen waren. Nämlich dann, als er auf Tatooine lebte und die Legende vom „Weißen Geist" zu hören bekam).
Demnach empfand Anakin bei Palpatines Erwähnung Schmerz und Schuld. Nicht unerwartet.
„Warum sagt Ihr das?", fragte Anakin und schaffte es, beinahe gelöst zu klingen.
„Palpatine war ein See. Die meisten Leute blickten hinein und sahen, was sie sehen wollten. Er spiegelte ihre eigenen Träume und Begierden zu ihnen zurück. Er brachte sie durch einen Trick dazu, zu glauben, dass er sie in sich barg."
„Was er allerdings nicht tat." Trotz der Bitterkeit, die sich hatte einschleichen können, blieb seine Stimme fest. Anakin war ruhiger, als Obi-Wan erwartet hätte. Aber andererseits lag ihr letztes richtiges Gespräch dreiundzwanzig Jahre zurück. „Spiegelung ist keine Substanz."
„Ein Mensch mit Mondlicht in der Hand hält überhaupt nichts darin", zitierte Obi-Wan sanft mit einem traurigen Lächeln; erinnerte sich an ein Lied von einer diplomatischen Mission, auf die er und sein eigener Meister vor sehr langer Zeit gegangen waren. Dann kehrte er zum Thema zurück. „Einige Leute erkannten freilich, dass da mehr war. Dass Palpatine kein Spiegel war, sondern ein See."
„Aber es war zu spät, irgendetwas zu tun, sobald Sidious aus der Tiefe ein Monster aufrief." In Anakins Augen und Stimme war Schmerz. Obi-Wan entschied, dass es an der Zeit war, das Gespräch voranzubringen.
„Du hingegen bist einer der ehrlichsten Menschen, die ich kenne, kannte und kenne. Leidenschaftlich und widerspenstig, begierig und ruhelos – eindeutig mehr Feuer als Wasser. Und natürlich gibt es zwischen dir und Ikarus noch viele weitere Unterschiede." Trotz Obi-Wans Versuch, dem Gespräch eine hellere Wendung zu geben, rannten Anakins Gedanken nach wie vor einen dunklen Pfad hinab.
„Ja, Ikarus hatte nur einen kurzen Fall, und dann war es vorüber. Da ist plötzlich kein Wind mehr unter ihm. Er flattert, kann aber nicht fliegen. Dann ein Absturz, ein Aufschlag und am Ende flüstert nur noch der Wind: ,Keine Sorge, es wird gar nicht wehtun.´ Ich war mir dessen bewusst, was danach geschah. Ich wusste, dass ich von Dunkelheit umgeben war und konnte das, was ich in meinem Wahn aufgegeben hatte, sehen und damit gefoltert werden", sprach er bitter, verurteilte sich selbst. „Sobald er fiel, fiel er. Es war vorüber, erledigt. Ich sank immer weiter und fand dabei neue Tiefen und Stufen der Dunkelheit, die erreicht werden konnten." Sein Mund verzog sich und seine Augen blickten angestrengt in eine andere Richtung.
Obi-Wan fragte sich, was Anakin gerade sah. Sprechen oder stumm bleiben? Er blickte zum vernarbten Mann neben sich hinüber. Anakin war nicht länger ein Kind, nicht länger ein junger Mann, den er beraten und leiten musste. Ganz zu schweigen davon, dass ihre Beziehung weit anders war. Ihr Band war zerrissen, getrennt, beschädigt und zerbrochen worden. Sie mussten noch einmal von vorne beginnen, und das langsam. Und es lag bei Anakin, zu entscheiden, wann er sich anvertrauen würde – wann und was er zu treuen Händen übergeben würde. Obi-Wan brauchte nur zuzuhören, auch wenn er nicht verstand. Bei dieser Entscheidung fühlte der Jedi eher Frieden als einen Konflikt, und zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte er auch, dass er in Bezug auf Anakin das Richtige tat.
Er schlug dem jüngeren Mann auf die Schulter und lächelte. Anakin fuhr zusammen, sah dann sein Lächeln und erwiderte es schwach.
Anakin warf den Kopf zurück und atmete aus. Dann wandte er ihn wieder nach vorn und zeigte ein kleines Lächeln, wobei er sichtlich ruhiger war.
Sie gingen nicht mehr weiter und ihre Augen trafen sich. So verstrich ein Moment zwischen ihnen. Dann verzog Anakin schelmisch die Lippen.
„Aber wisst Ihr, was Euer größter Fehler war?" Er hob einen Finger.
„Was?"
„Ihr", er zeigte auf ihn „habt einem Kind von Tatooine einen von Naboo stammenden Mythos aufgetragen." Anakins fast-Grinsen war zurück, dieses Mal mit einer Spur von Selbstgefälligkeit. „Wir haben unsere eigenen Legenden."
„Tatsächlich. Wer wärst du denn, wenn wir uns auf die Mythen von Tatooine beziehen würden?"
„Geburt durch Feuer, auf einem eigenhändig errichteten Scheiterhaufen, fliegen, ins Leben oder doch ins Licht zurückgebracht. Ich würde sagen, ein Phönix."
„Phönix?"
„Habt Ihr nie davon gehört?"
„Leider hat Ritter Qel in unserem Kulturen- und Mythenunterricht niemals von Tatooine stammende Legenden behandelt."
Anakin schnaubte. „Der hielt uns wohl nicht für zivilisiert genug, um eine Kultur zu haben."
Obi-Wan entschied, sich nicht dazu zu äußern. „Dann erzähl mir doch von diesem Phönix."
Obi-Wan lächelte, als sie weitergingen und Anakin begann, von fünfhundertjährigen brennenden Vögeln zu sprechen. Er war unvernünftigerweise froh über die Unterschiede zwischen Anakin und Ikarus. Er nickte und nahm Stellung, während Anakin nicht von Stolz, kindischem Benehmen, Tod und Verzweiflung sprach, sondern von Torheit, Opfer, Wiedergeburt und Sieg. Die Gemeinsamkeiten waren noch immer da, aber möglicherweise passte dieser Phönix viel besser dazu. Er hoffte es. Er wünschte sich, Anakin zu kennen. Nicht so stark oder verzweifelt wie früher, nicht mehr aus einem überwältigenden Bedürfnis heraus, aber dennoch. Er liebte seinen Bruder/Sohn und wollte ihn verstehen.
Und Obi-Wan verstand Ikarus niemals.
ENDE
