11. The Autumn Leaves Of Red And Gold
(Les Feuilles Mortes – Barbra Streisand)
Luna stand hinter Anthony und sah zu, wie dieser erneut ein kleines Häufchen schwarzen Pulvers aus einer Phiole auf seine Handfläche schüttete. Anschließend ließ er seinen Zauberstab drei Mal darüber kreisen und blies den Staub dann an die Wand. Als wieder nichts passierte – wenn man davon absah, dass der Staub völlig unbeeindruckt zu Boden sank –, gähnte Luna laut und streckte sich demonstrativ. Seit Stunden, jedenfalls kam es ihr so vor und allzu weit war es wohl nicht von der Wahrheit entfernt, untersuchten sie nun den Korridor; ohne dass irgendetwas dabei herausgekommen wäre, von einer Spur dieses komischen »Rein-Raus«-Zimmers, das laut der Hauselfen hier irgendwo sein sollte, ganz zu schweigen.
Eigentlich sollte sie Schmiere stehen. Aber sie hatte keine Lust mehr, und es lohnte sich auch nicht, was auch immer die anderen sagen mochten. Obwohl sie sich im siebten Stock befanden, wo sich immerhin die beiden Eingänge zu den Haustürmen von Ravenclaw und Gryffindor befanden, hatte sich bisher nur ein einziger Schüler in diesem abgelegenen Gang sehen lassen. Und das war ein einsamer Hufflepuff-Erstklässler gewesen, der sich auf der Suche nach dem Ravenclaw-Gemeinschaftsraum verirrt hatte. Terry war schließlich mit ihm gegangen und hatte ihm den Weg gezeigt. Und das war der aufregende Höhepunkt des Vormittags gewesen.
Anthony ging zwei Schritte weiter und wiederholte seinen Staubzauber; zum wievielten Male wusste Luna nicht, wenn jemand gezählt hatte, dann ganz bestimmt nicht sie. Gelangweilt sah sie zu Simon, der die andere Seite des Korridors mit Alohomoras und anderen Öffnungszaubern bearbeitete. Das Aufregendste, was Simon bisher zustande gebracht hatte, war gewesen, sich selbst unter dem Wandteppich von Barnabas dem Bekloppten zu begraben. Wahrscheinlich hatte irgendeiner von seinen Zaubern die Stange von den Haken gelöst. Jedenfalls war das Geschrei groß gewesen. Eine Minute lang. Dann hatten sie Simon befreit und dieser sich beruhigt. Allerdings hatten die Trolle und Barnabas vorübergehend einen Waffenstillstand geschlossen, sich gemeinsam noch eine halbe Stunde lang lautstark beschwert und sie alle mit Beschimpfungen und gegrunzten Trollbeleidigungen überhäuft, nachdem der Gobelin bereits wieder an der Wand hing. Und das war der unterhaltsamste Teil von Lunas Vormittag gewesen.
Erst jetzt fiel ihr auf, dass Terry, der am anderen Ende des Korridors aufpasste, versuchte, ihre Aufmerksamkeit zu erwecken. Sie konnte das Herumwedeln seiner Arme zwar nicht recht deuten, aber ihm war die Verzweiflung deutlich anzusehen. Es konnte nicht bloß Langeweile sein, dazu machte er es zu dringend, meinte Luna zu erkennen. Trotzdem brauchte sie eine Weile, bis sie seine Zeichensprache durchschaute. Sie hatte einfach nicht mehr daran gedacht, dass heute Samstag war.
»Dauert das noch lange?«, fragte sie Anthony, der gerade wieder eine Staubwolke an die Wand geblasen hatte. Natürlich wieder ergebnislos.
Das simple »Ja«, dass sie zur Antwort erhielt, klang völlig ruhig. Anthony schien es wirklich nichts auszumachen, dauernd denselben langweiligen Zauber wieder und wieder auszuführen. Vielleicht war er deshalb so gut in Zaubertränke.
Luna dachte nicht lange darüber nach. Sie griff an ihr Ohr und zog ihren Zauberstab. Als Anthony das nächste Mal seine Prozedur wiederholte, erstarrte er plötzlich.
»Hier ist was!«, rief er dann aufgeregt. Simon war mit ein paar Schritten bei ihnen, und auch Terry kam sofort von seinem Ende des Korridors herbeigelaufen.
»Wo?«, fragte Simon.
»Da!« Anthony deutete auf die Wand. »Wo die Umrisse aufleuchten. Ihr müsst genau hinsehen.«
Simon und auch Terry gingen näher an die Wand.
»Also, ich kann da nichts erkennen«, sagte Simon nach einem Moment.
»Da ist nichts«, bestätigte Terry. »Bist du sicher, dass du was gesehen hast?«
»Seid ihr blind?« Anthony deutete ungläubig auf die leere Wand. »Die Umrisse sind ganz deutlich!«
Terry und Simon sahen zuerst sich und dann Anthony an. Ihre Zweifel standen ihnen ins Gesicht geschrieben. Luna schaffte es mit Mühe, ernst zu bleiben, aber es half nicht viel. Anthony drehte sich ruckartig um und starrte sie böse an. Mit einem Lächeln beendete sie die Illusion eines leuchtenden Türrahmens, die sie ihm bis jetzt vorgegaukelt hatte.
»Was sollte das?«, wollte Anthony aufgebracht wissen.
»Quidditch fängt gleich an«, antwortete Luna einfach.
Normalerweise war sie zwar keineswegs besonders an Besensport interessiert, aber alles war unterhaltsamer als das hier – und Terry sprang ihr sofort bei: »Hey, stimmt, heute ist Samstag!« Luna fand, dass er den Ahnungslosen nicht allzu überzeugend spielte.
»Lasst uns 'ne Pause machen und das Spiel anschauen! Wir können ja nach dem Mittagessen weitermachen.«
Und Luna fand auch, dass sich Terry den letzten Satz hätte schenken können, aber vielleicht hatte er recht und sie würden ohne Kompromissangebot hier gar nicht wegkommen. Anthony wirkte nicht begeistert, aber überraschenderweise war Simon einverstanden.
»Warum nicht«, stimmte er zu. »So kommen wir sowieso nicht weiter. Wir sollten die Hauselfen noch mal ausfragen, bevor wir weitersuchen.«
Luna war überrascht über diesen leichten Sieg. Aber Terry reagierte schnell.
»Dann los!«, sagte er und schnitt damit alle Einwände ab, die Anthony womöglich noch auf Lager haben mochte. Sie klemmte sich ihren Zauberstab wieder hinters Ohr und folgte ihm. Simon und Anthony würden schon nachkommen.
Der siebte Stock war wie ausgestorben. Wahrscheinlich waren die meisten schon draußen auf den Tribünen. Auch auf ihrem Weg nach unten begegneten sie nur ein paar älteren Ravenclaws, die ihnen entgegenkamen, und als sie aus dem Schlosstor traten, überholten sie eine kleine Gruppe Hufflepuffs, die gemütlich auf das Quidditchfeld zuschlenderten.
Das Spiel war erstaunlich gut besucht. Selbst auf der Tribüne der Ravenclaws, die nicht einmal voll besetzt war, wenn die eigene Mannschaft spielte, waren weniger als ein Viertel der Sitzplätze noch frei. Terry hielt auf eine der mittleren Reihen zu, in der schon einige andere Zweitklässler saßen. Er musste sich an ein paar älteren Schülern vorbeidrängen, und Luna folgt ihm. Sie setzten sich schließlich neben Michael, der ein Stück aufrückte, um auch noch für Simon und Anthony Platz zu machen.
Kaum dass sie saßen, betrat auch schon die erste Mannschaft das Spielfeld. Es waren die Slytherins, die natürlich von stürmischem Applaus seitens der Slytherintribüne, höflichem Klatschen von Hufflepuff und Ravenclaw und Buhrufen der Gryffindors begrüßt wurden. Die Pfiffe und Buhrufe schwappten zur anderen Seite und tauschten Plätze mit den Beifallsstürmen, als die Spieler der Gryffindors das Spielfeld betraten. Die Mannschaftskapitäne gaben sich die Hand, dann eröffnete Madam Hooch mit einem Pfiff das Spiel.
Als sich die vierzehn Spieler in den Himmel schwangen, brachen die verschiedenen Haustribünen zum ersten Mal in gemeinsamen Jubel aus, wenn sich auch die Lautstärke in den Reihen der Ravenclaws in Grenzen hielt. Auch Luna achtete weniger auf das Spielfeld, sondern ließ ihre Blicke über die Zuschauermenge schweifen. Es waren fast keine Lehrer da, fiel ihr auf. Besonders seltsam kam es ihr vor, dass sie auch bei genauestem Hinsehen weder Professor McGonagall noch Professor Snape auf den Lehrerplätzen ausmachen konnte. Sie suchte die Gryffindorreihen nach Ginny ab, konnte diese aber in der johlenden Menge ebenfalls nicht ausfindig machen.
Allerdings blitzte es bei den Gryffindors immer wieder auf, als ob jemand versuchte, mit einem Spiegel das Sonnenlicht zu reflektieren und so eine geheime Botschaft zu signalisieren. Luna musste nicht nach oben sehen, um zu wissen, dass diese Theorie nicht stimmen konnte. Das Wetter war schon seit einiger Zeit schlecht und der Himmel so bedeckt, dass sie seit Tagen keine Sonne mehr gesehen hatte. Allerhöchstens mal einen runden kraftlosen fahlen Fleck hinter Wolkenschleiern. Hmm … Dann konnte es sich nur um den neuen Gryffindor handeln, der dauernd mit einer Kamera durchs Schloss zog, um Photos von allem und jedem – und besonders von Harry Potter – zu machen. Luna bezweifelte jedoch, dass seine Bilder heute etwas werden würden. Das schwache Blitzlicht seiner Kamera würde ihm bei den großen Entfernungen des Quidditchfelds und der hoch darüber hinwegfliegenden Spieler nichts bringen. Zwar hatte Luna noch nicht oft selbst photographiert, aber man wuchs nicht als Tochter des Chefredakteurs einer Zeitung auf, ohne gewisse Dinge aufzuschnappen. Außerdem waren die Lichtverhältnisse inzwischen zu schlecht. Der Himmel hatte sich so verdüstert, dass sich Luna wunderte, dass es noch nicht zu regnen begonnen hatte.
Doch als sie ihren Blick prüfend nach oben richtete, trafen auch schon die ersten, schweren Tropfen auf ihr Gesicht. Sie blinzelte die Nässe weg, die ihr in die Augenwinkel gelaufen war, und wischte sich mit dem Ärmel ihrer Robe trocken. Mit hörbarem Klopfen setzte der Regen dann ernsthaft ein. Rings um sie wurden Zauberstäbe gezogen und Schirmzauber gemurmelt. Auch sie zog ihren Stab hinter dem Ohr hervor, ließ ihn über ihrem Kopf kreisen und sagte dazu »Paraplum!«. Zwei weiter vorn sitzende Erstklässler drehten sich um und warfen neidische Blicke nach hinten. Luna lächelte ihnen ermutigend zu, während sie ihren Zauberstab wieder hinter ihrem Ohr verstaute. Auch wenn sie den Zauber erst gegen Ende des ersten Schuljahres lernen würden, konnte es nicht schaden, ihn schon vorher auszuprobieren, fand sie. Aber die Erstklässler machten keine Anstalten, sich an dem Schirmzauber zu versuchen, was Luna genauso recht war. Ein bisschen Regen war immer erfrischend.
Als sie sich wieder dem Spiel zuwenden wollte, sah sie, dass alle Spieler auf dem Boden waren. Entweder hatte eine der Mannschaften eine Auszeit genommen, oder sie sprachen mit Madam Hooch darüber, ob das Spiel abgebrochen werden sollte, wenn das auch ziemlich unwahrscheinlich war. Wegen ein paar Regentropfen brach man doch kein Spiel ab.
»Was ist los?«, fragte sie. »Und wie steht's eigentlich?«
Terry unterhielt sich gerade mit Michael und schien ihre Frage gar nicht gehört zu haben. Und Simon, der links von ihr saß, starrte unverwandt aufs Spielfeld und reagiert ebenfalls nicht. Sie stupste ihn in die Rippen, was Simon ein unleidliches Grunzen entlockte, und wiederholte die Frage.
»Siebzig zu null«, sagte er fast fröhlich, ohne den Blick vom Geschehen auf dem Platz abzuwenden. »Für Slytherin!«
Luna wunderte sich ein wenig über seine gute Laune. Bisher hatte er sich nie dafür interessiert, wie ein Spiel ausging. Wenn überhaupt, dann hätte sie damit gerechnet, dass er aufseiten Gryffindors stünde, schon seines Lieblingszwillings wegen.
»Gryffindor hat 'ne Auszeit genommen«, meldete sich nun auch Anthony zu Wort. »Offensichtlich haben sie ein Problem mit einem Klatscher. Verfolgt pausenlos nur ihren Sucher, und ihre Treiber kriegen ihn nicht unter Kontrolle.«
Und die Treiber der Gryffindors waren die Weasley-Zwillinge, das musste Anthony nicht dazusagen. Luna verfolgte das Spiel mit neuem Interesse, als sich die Mannschaften kurz darauf wieder in die Lüfte schwangen. Tatsächlich war es offensichtlich, dass einer der Klatscher wie besessen hinter dem Sucher der Gryffindors herjagte. Luna fand jedoch, dass Harry unter den gegebenen Umständen eine recht gute Figur machte. Er vollführte Pirouetten, Loopings, rasche Wendungen, flog im Zickzack-Kurs über das halbe Spielfeld und schlug einen Haken nach dem anderen, um sich seinen Verfolger vom Leib zu halten. Viele auf den Tribünen lachten über die akrobatischen Kunststückchen, die Harry hoch über ihnen aufführte. Es hatte etwas von einem komplizierten Flugballett, wie der Junge vor der schweren schwarzen Kugel im Regen dahintanzte, immer einen Schritt voraus, auch wenn es manchmal ziemlich knapp aussah. Wenn er sich auf der Todestagsfeier von Sir Nicholas auch nur halb so elegant und graziös über die Tanzfläche bewegt hätte, dann wäre Luna begeistert gewesen. Aber so hatten ihr Harry und Ginnys älterer Bruder vor allem auf den Zehen herumgetanzt, und selbst dazu hatte sie die beiden beinahe zwingen müssen; das Mädchen, Hermione, hatte sich kategorisch geweigert, mit Luna zu tanzen, und sie hatte sich schließlich unter den Geistern nach willigen Tanzpartnern umsehen müssen.
Plötzlich stoppte Harry in seiner ausgefeilten Choreographie. Er schien in aller Seelenruhe mit dem Sucher der Slytherins ein paar Worte zu wechseln. Selbstverständlich kam unterdessen der Klatscher immer näher. Während sich der Treffer unaufhaltsam anbahnte, brachen auf den Tribünen Warnrufe aus wie bei einem Puppenspiel für Kinder, wo sich der böse Hexenschnüffler hinter einem Busch versteckt hielt, während Mr. Punch und der Auror ihm ahnungslos den Rücken zukehrten und immer an den falschen Stellen suchten.
Auch Luna ertappte sich dabei, wie sie »Vorsicht! Hinter dir!« rufen wollte, obwohl es praktisch ausgeschlossen war, dass Harry sie dort oben hören würde. Mit angehaltenem Atem beobachtete sie, wie der Klatscher heranflog und den armen Jungen so zielsicher traf, dass er beinahe vom Besen gefallen wäre. Aber auch so kippte Harry und hing nun verkehrt herum an seinem Besen, nur noch die Knie eingehakt und eine Hand am Stiel – die andere schien verletzt herunterzuhängen, soweit man das auf die große Entfernung sagen konnte.
Unter den Zuschauern herrschte absolute Stille. Aber dann flog Harry einen Bogen, um dem erneut heransausenden Klatscher auszuweichen, und hielt direkt auf den gegnerischen Sucher zu. Was dann passierte, geschah so schnell, dass Luna es kaum mitbekam. Der Sucher der Gryffindors ließ den Besen los – und sie befürchtet einen Augenblick lang, er wäre vom nassen Griff abgerutscht und würde nun gleich ganz herunterfallen – und schnappte nach etwas, dessen goldenen Schimmer Luna mehr erahnte als sah.
Die Zuschauermenge schrie auf, als Harry im Sturzflug dem Boden entgegenfiel. Seine scharlachrote Quidditchrobe flatterte wild hinter ihm her, doch zum Glück konnte er sich anscheinend immer noch mit den Beinen an seinem Besen festklammern; jedenfalls wurde er etwas langsamer, und der Winkel, in dem er sich dem unausweichlichen Boden näherte, flachte etwas ab, bevor er klatschend in einer Pfütze auf dem Spielfeld aufschlug. Trotzdem spritzte der Schlamm hoch, und Luna bezweifelte, das diese Notlandung ohne ernsthafte Verletzungen abgegangen war, obwohl sich Harry im letzten Moment noch hatte drehen können und die Polsterungszauber des Besens mit etwas Glück seinen Sturz etwas abgefedert hatten.
Der Schock unter den Zuschauer hielt nur kurz an. Noch während der Kommentator das Endergebnis verkündete – »Er hat den Schnatz! Harry Potter hat es wieder geschafft! Hundertsiebzig zu hundertzehn! Gryffindor gewinnt!« – stürmte beinahe die gesamte Gryffindortribüne geschlossen aufs Spielfeld. Von den Slytherins waren Pfiffe und Buhrufe zu hören, während Hufflepuff und Ravenclaw zwischen vereinzeltem Applaus und Kopfschütteln schwankten.
»Gryffindor-Idioten!«, murmelte Simon verächtlich, während er sich neben ihr erhob.
»Der Trottel könnte tot sein!«, meinte auch Anthony zustimmend, als an den erleichterten Reaktionen der aufs Feld gestürmten Gryffindors abzulesen war, dass Harry seinen Sturz überlebt hatte.
Luna sagte dazu nichts, aber insgeheim musste sie Terry zustimmen, der geklatscht hatte und nun einzuwerfen wagte, dass es zumindest ziemlich mutig gewesen sei, was Potter da abgezogen habe.
Aber Terrys Einwand wurde ignoriert, und sie verließen mit dem Rest der Zuschauermenge die Tribüne und folgten dem Triumphzug der Gryffindors, die ihren verletzten Helden ins Schloss geleiteten.
»Die Frage ist nicht wer, die Frage ist wie …«
Albus' Worte hallten noch immer in Minerva nach, und sie fühlte sich einen Moment lang unendlich müde. Kein Wunder, war es doch weit nach Mitternacht. Aber es war nicht die späte Stunde, die so an ihrer Contenance zehrte. Eigentlich war es gar kein einzelnes Vorkommnis, versicherte sie sich beinahe teilnahmslos, sondern die Kombination von verschiedenen Dingen. Albus' Worte waren nur der letzte Tropfen gewesen. Ein Tropfen? – Nein! Eher ein Eimer eiskalten Wassers, den jemand unvermittelt über ihr ausgekippt hatte. Und der Anblick der beiden Jungen in ihren Krankenbetten hatte sie natürlich schon vorher ziemlich mürbe gemacht. Es hatte nur noch einer Kleinigkeit bedurft, um ihre angeschlagene Selbstbeherrschung endgültig in tausend Scherben zerspringen zu lassen. Aber Zerbrochenes musste eben wieder in ein Ganzes verwandelt werden. Äußerlich hatte sie die Fassung bewahrt, jedenfalls hatte man ihr nicht angesehen, wie sehr sie betroffen war, dessen war sie sich sicher.
Sie warf einen letzten Blick auf ihre beiden Schützlinge. Poppy deckte gerade Colin Creeveys kleinen Körper mit einem weißen Leintuch zu. Sie zog es dankenswerterweise nicht über den Kopf des Jungen, doch der Anblick war auch so schlimm genug. Die erstarrten, wie gefroren wirkenden Hände, die gerade noch diesen dummen Kasten mit dem lästigen Blitzlicht umklammert hatten, formten nun eine seltsam anrührende Geste. Gleichzeitig wirkte es lächerlich, fast schon komisch, wie der schräg gekippte Körper stocksteif dalag und das Bettlaken zu einem flachen Zelt aufspannte.
Poppy zog einen Vorhang zu und verhüllte damit die traurige Szene. Minerva warf noch einen Blick auf den zweiten Patienten im Krankenflügel. Wenigstens würde Mr. Potter morgen wieder vollständig hergestellt sein. Sie fühlte Galle in sich hochsteigen, als sie daran dachte. Wie hatte dieser Esel es nur geschafft, den Arm des Jungen vollständig knochenfrei zu zaubern? Wäre sie selbst nur an Ort und Stelle gewesen! Aber sie und der Großteil der übrigen Lehrer hatten während des Quidditchspiels die Gelegenheit genutzt, im beinahe leeren Schloss an strategischen Stellen komplexe Alarmzauber zu platzieren. Und in gewisser Weise hatte sich dieser Einsatz wohl auch schon gelohnt. Es war zwar keineswegs erwiesen, aber wenn Albus und sie nicht rechtzeitig alarmiert worden wären und den kleinen Creevey nicht so schnell gefunden hätten, womöglich wäre dieser nicht mit dem Leben davongekommen. Gesehen hatten sie dessen Angreifer zwar nicht, aber Minerva hatte sich für einen Augenblick in die Katze verwandelt und mit deren Sinnen noch ein fernes Rascheln zu hören geglaubt und sich eingebildet, den Hauch eines strengen, sauren Reptiliengeruchs erahnen zu können.
Sie sah auch mit einem gewissen Stolz auf die dunklen, verstrubbelten Umrisse von Harrys Kopf. Er hatte auch dieses Match für Gryffindor gewonnen. Sie hieß übertriebene Risikobereitschaft und Tollkühnheit selbstverständlich nicht gut, aber sie konnte diesem Jungen einfach nicht böse sein. Nicht lange jedenfalls. Sie fragte sich, mit welcher Art von Geschöpfen sich die Potter-Familie verbunden hatte. Poppy musste es wissen. Ihr war herausgerutscht, dass sie im Arm des Jungen dreiunddreißig Knochen nachwachsen lassen müsste. Auch wenn Minerva keine ausgebildete Heilerin war, so hatte sie doch ausreichend anatomische Kenntnisse erworben – meist gezwungenermaßen und unter unschönen Umständen –, um zu wissen, dass so etwas bei einem vollständig menschlichen Wesen nicht möglich war. Rein äußerlich wies Potter keine nichtmenschlichen Merkmale auf, aber vielleicht waren seine Reflexe und sein Talent beim Fliegen – und war nicht auch schon sein Vater ein sehr erfolgreicher Jäger für Gryffindor gewesen? – ein Hinweis auf seine Abstammung? Etwas Vogelartiges, eine Chimäre, ein Greif womöglich? Aber das waren müßige Spekulationen. In Wirklichkeit versuchte sie nur, die bevorstehende und leider unausweichliche Konfrontation mit Albus aufzuschieben, und sie war sich dessen auch bewusst.
Sie nickte Poppy zu, was diese aber gar nicht bemerkte, und drehte sich um. Albus war nicht mehr da. Damit hatte sie fast gerechnet. Aber bestimmt würde er nicht wieder zu Bett gegangen sein, sondern in seinem Büro warten. Sie verließ den Krankenflügel mit energischen Schritten und benutzte eine auf ihren Wink herbeischwingende Treppe hinauf in den zweiten Stock.
Als sie vor dem Wasserspeier angekommen war, hielt sie inne. Sie trug noch immer nur einen Morgenmantel über ihrem Nachthemd. Es wäre höchst unpassend gewesen – selbst angesichts der besonderen Umstände –, so das Büro des Direktors zu betreten. Sie verwandelte ihren flanellenen Morgenrock mit einer knappen Geste in eine dunkelrote Robe. Nach ein paar weiteren Sprüchen wanden sich auch ihre Haare wie von selbst zu einem ordentlichen Knoten. Sie betastete ein letztes Mal ihre Frisur und strich noch einmal über den Stoff ihrer Robe, bevor sie laut das Passwort »Zitronenbonbon« aussprach. Augenblicke später wurde sie von der sich emporschraubenden Wendeltreppe hinaufgetragen und direkt vor Albus' Büro abgesetzt. Sie ließ den Bronzegreif-Türklopfer ein Mal an die Tür knallen und trat gleich ein, ohne auf das »Herein!« von drinnen zu warten.
Albus saß nicht hinter seinem Schreibtisch. Er stand an einem der kleinen hohen, spinnenbeinigen Tischchen, auf denen seine silbernen Instrumente wackelten, surrten, sich drehten und wanden und von Zeit zu Zeit Dampfwölkchen ausstießen. Er gebot ihr mit erhobener Hand Schweigen, sah sie dabei jedoch nicht an, sondern hielt seine Aufmerksamkeit auf die silberne Spirale gerichtet, die scheinbar haltlos in der Luft schwebte, sich langsam drehte und darum bemüht schien, sich in zuckenden Windungen um sich selbst zu schlingen.
Minerva setze sich, faltete ihre Hände im Schoß und übte sich in Geduld, während Albus weiter die silbernen Detektoren befragte. Sie ging davon aus, dass er sich von der Unversehrtheit der übrigen Alarmzauber überzeugen wollte und nach magischen Spuren suchte, die den Verbleib des Monsters erklären oder sein Versteck offenbaren konnten. Fawkes öffnet kurz die Augen und sah sie von seiner Sitzstange aus an, schenkte ihr jedoch weiter keine Beachtung und schlief gleich darauf wieder ein.
Als sich Albus wenige Minuten später in seinen Schreibtischsessel sinken ließ, standen ihm Enttäuschung und Ratlosigkeit deutlich ins Gesicht geschrieben. Beinahe schlafwandlerisch kam Minerva die Bewegung vor, mit der er nach der Bonbonniere griff, sich eine seiner berüchtigten Süßigkeiten angelte, diese aus dem raschelnden Einwickelpapier befreite und sich in den Mund schob, ohne auch nur ein einziges Mal den glasigen Blick zu verlieren, mit dem er, ohne zu blinzeln, ins Leere starrte. Deutlichstes Zeichen seiner Müdigkeit und Geistesabwesenheit war aber vielleicht, dass er ihr nicht wie üblich ein Bonbon aufzudrängen versuchte.
Dann aber schreckte er urplötzlich aus seinem Stupor auf, versuchte ein freundliches Lächeln auf sein Gesicht zu zaubern, was seiner Miene jedoch lediglich einen noch gequälteren Ausdruck verlieh, da seine Stirn von der Absicht der restlichen Gesichtsmuskeln anscheinend nichts mitbekommen hatte und weiterhin in tiefe Sorgenfalten gelegt blieb.
»Nichts, meine Liebe«, begann er, »keine Spur.« Er schüttelte müde den Kopf, und Minerva hätte ihm geglaubt, wenn ihr seine Worte – erst vor wenigen Minuten im Krankenflügel geäußert – nicht noch immer in den Ohren geklungen hätten.
Weißes Haar war kein sicheres Zeichen für Weisheit, dachte sie, während sie sich der seltsam unwirklichen Konstellation bewusst wurde. Sie, die schwarzhaarige Hexe, personifizierte Strenge, Disziplin und Unnachgiebigkeit. Auf der anderen Seite Albus, der alte weise Magier mit dem langen weißen Bart und ebensolchen Haaren, gütig, verständnisvoll, freundlich. Aber sie beide kannten sich lange genug und hatten auch hinter ihre jeweiligen Masken gesehen.
»Meine liebe Minerva –«, wollte Albus fortfahren, aber sie fiel ihm ins Wort.
»›Die Frage ist nicht, wer, die Frage ist wie …‹, Albus?«, fauchte sie ihn an. Das waren seine exakten Worte gewesen. Unten im Krankenflügel. Als sie noch mit dem Anblick des armen kleinen paralysierten Körpers Colin Creeveys fertig zu werden versuchte und sich zudem gerade fragte, wie sie diese entsetzliche Sache um Merlins willen bloß seinen Muggeleltern beibringen sollte.
Albus' Augenlid hatte bei diesem Anwurf gezuckt. Kaum merklich, aber es war ihrer Aufmerksamkeit nicht entgangen. Sie schenkte ihm jetzt ihr freundlichstes und strahlendstes Lächeln, das nur wenige Menschen jemals zu sehen bekommen hatten, und wiederholte sanft, wobei ihre Stimme den Satz mit dunklem Honig überzog: »Die Frage ist nicht, wer, die Frage ist wie …?«
»Meine liebe Min–«, setzte Albus beschwichtigend an, aber sie hob nur – immer noch süßlich lächelnd – den Zeigefinger und schnitt ihm das Wort ab: »Wie lange schon? Seit wann weißt du, wer dahintersteckt?«
Er sah sie unschlüssig an und schien nachzudenken.
»Ich trete als stellvertretende Direktorin zurück!«, verkündete sie mit ruhiger Stimme. Es war ihr halb ernst damit. Am liebsten hätte sie geschrien. »Und ich werde den Schulrat über die Gründe meines Rücktritts informieren.«
Albus seufzte, schloss müde die Augen und lehnte sich in seinen Schreibtischsessel zurück. Minerva wartete.
Schließlich setzte sich Albus aber wieder auf und sah ihr geradewegs in die Augen. »Die Sache ist ein wenig kompliziert.«
Minerva hielt nichts von derartigen Ausflüchten. Und sie war zu alt, um einem ehrlichen offenen Blick irgendeine Bedeutung beizumessen. »Seit wann?«, beharrte sie auf ihrer Frage.
Albus seufzte abermals, nahm die Brille ab und rieb sich über den Nasenrücken und die Augen. »Seit einer Viertelstunde? In etwa?«, gab er ihr dann ruhig zur Antwort. »Und mit allerletzter Sicherheit weiß ich es immer noch nicht«, sagte er, während er geistesabwesend begann, die Brillengläser an seinem Morgenrock zu putzen.
Minerva hielt die Hände im Schoß gefaltet und harrte der Dinge, die da kommen mochten. Falls Albus keine befriedigende Erklärung zu bieten hatte, wollte sie ernsthaft in Erwägung ziehen, ihre Drohung wahr zu machen. Endlich hatte er die umständliche Reinigung seiner Augengläser beendet, sich die Brille wieder auf die Nase geschoben und schien nun bereit, mit seinen Ausführungen fortzufahren.
»Ich bin nach reiflicher Überlegung zu dem Schluss gelangt, dass wir es unter allen Umständen mit einem Parselmund zu tun haben müssen.« Diese Spekulation war Minerva keineswegs neu. Das Kollegium hatte diese Möglichkeit durchaus in Erwägung gezogen, jedoch gab es keine überzeugenden Beweise für diese Theorie. Und andere Erklärungen waren genauso plausibel. Albus schien ihre Vorbehalte zu spüren.
»Ich bin gerne bereit, meine Schlussfolgerungen näher auszuführen, aber bitte nimm vorerst einmal an, ich hätte recht. Damit lässt sich die Suche nach dem Verantwortlichen auf eine kleine, nun, genauer gesagt, sehr kleine Personengruppe reduzieren. Ich habe mir also erlaubt, eine Methode zu entwickeln, die es erlaubt, nach Parselbegabten zu suchen.« Sein Blick wanderte zu einem der spinnenbeinigen Beistelltischchen, auf denen ein relativ klobiges Silberinstrument ruhig vor sich hinsummte. »Das Ergebnis war klar und eindeutig. Verstörend zwar, aber völlig eindeutig. Es gibt einen – und nur einen, sollte ich wohl hinzufügen – Parselmund in Hogwarts …«
»Wer?«, entfuhr es Minerva, obwohl sie sich vorgenommen hatte, ihn nicht zu unterbrechen. Aber Albus schien seltsamerweise mit der Antwort zu zögern.
»Nun, ich habe dem betreffenden Schüler natürlich sofort meine besondere … Aufmerksamkeit gewidmet … und ich bin froh, dass ich das getan habe. Dadurch konnte derjenige entlastet und von jedem Verdacht reingewaschen werden. Seine Unschuld steht völlig außer Zweifel … da er heute Nacht zu keinem Zeitpunkt den Krankenflügel verlassen hat.«
Es dauerte, aber dann sank das Gesagte langsam durch die oberflächlichen Schichten ihres Bewusstseins – und Minerva begriff.
»Potter?!«, brach es aus ihr hervor. Sie konnte es nicht glauben. Sie wollte es nicht glauben. Harry Potter – ein Parselmund! Undenkbar! Sie erschauerte. Wenn publik würde, dass der Held der Zaubererwelt die Dunkle Gabe Parsel beherrschte … nicht auszudenken! Und doch … vielleicht vermochte diese Erkenntnis neues Licht auf die Geschehnisse zu werfen, die zum Tod Voldemorts durch den gerade einmal ein Jahr alten Sprössling der Potters geführt hatten. Ihr fielen sofort zwei Möglichkeiten ein, wie dies mit der Annihilation Voldemorts zusammenhängen mochte. Entweder hatte Harry erst dadurch die Gabe erlangt, oder sie war auf irgendeine Weise mitursächlich für Voldemorts Vernichtung gewesen. Schließlich galt Parsel als eine der seltensten und mächtigsten Dunklen Gaben, und ihre Machinationen waren kaum erforscht. Sie schüttelte den Kopf und riss sich von ihren Überlegungen wieder los. Albus redete weiter.
»Nun, Minerva, du verstehst nun vielleicht, warum ich diese Information mit einem gewissen Maß an Diskretion behandelt habe? Und weiterhin so behandelt sehen möchte? Wer auch immer hinter diesen Vorfällen stecken mag, jedenfalls können wir seit heute Nacht ausschließen, dass Harry für die erneute Öffnung der Kammer direkt verantwortlich ist. Und in Anbetracht der extremen Seltenheit von Parselbegabten, und auch weil ich definitiv ausschließen kann, dass eine weitere lebende Seele im Schloss ein natürlicher Parselmund ist, bleibt meiner wohldurchdachten Meinung nur eine Lösung, so unwahrscheinlich sie auch scheinen mag: Wir sehen uns erneut mit einem ähnlichen Phänomen konfrontiert wie im letzten Schuljahr. Wir haben es mit einer Manifestation des einzigen anderen Parselmunds zu tun, den wir kennen: Voldemort!«
Es war zum Teil die Sicherheit in Albus' Stimme, zum Teil auch einfach das laute Aussprechen des Namens, das abermals einen Schauer über Minervas Rücken hinabjagte. Aber sie war, wer sie war.
»Erzähl mir alles!«, verlangte sie von Albus.
Es war ihr egal, wie lange eine ausführliche Erklärung dauern würde. Sie würde heute sowieso nicht mehr zum Schlafen kommen. Wahrscheinlich würde sie am Morgen Severus um einen Hallo-Wach-Trank bitten müssen. Aber sie wollte genau wissen, was Albus dachte und plante. Und dann war da noch ein Brief zu schreiben. Eine unangenehme Pflicht, aber ihre ganz persönliche Verantwortung als Oberhaupt des Hauses Gryffindor. Auch das ließ sich nicht aufschieben und musste möglichst noch heute Nacht erledigt werden. Aber wie sollte sie den armen Creeveys bloß beibringe, was mit ihrem Sohn geschehen war?
Terry kam aus dem Kopfschütteln nicht mehr heraus. Er selbst fühlte sich zwar auch nicht sonderlich wohl – wobei er natürlich keine Angst hatte, nur das vernünftige Maß an Vorsicht walten ließ –, aber es gab wohl keine Bedrohung auf der Welt, die ihn dazu hätte veranlassen können, einen Talisman von den Weasley-Zwillingen zu kaufen. Und er hätte auch niemals gedacht, dass Wayne so naiv war.
»Wozu soll das gut sein?«, fragte er noch einmal ungläubig.
»Tigeraugen schützen vor Blickangriffen!«, wiederholte Wayne trotzig seine unhaltbare Behauptung.
»Sagt wer?«, insistierte Terry, obwohl er sich die Antwort eigentlich denken konnte.
»Na, einer der Zwillinge hat's gesagt!«, kam genau der Bescheid, den er erwartet hatte. »Keine Ahnung, welcher es war. Die zwei könnte doch nicht mal ihre eigene Mutter auseinanderhalten.«
Terry hatte starke Zweifel. Und nicht nur an der letzten Behauptung.
»Wayne«, begann er geduldig. Er wollte nicht wie Simon oder Anthony klingen, wenn sie mal wieder jemanden auf einen »kleinen Denkfehler« aufmerksam machten. »Wayne, hör zu: Wenn die Wiesel glauben würden, sie könnten damit durchkommen, würden sie ihre eigene Scheiße in Becher abfüllen und in den Pausen versuchen, ihr ›Produkt‹ als Schokopudding auszugeben und an den Mann zu bringen. Vielleicht würden sie sich die Mühe machen, den Geruch wegzuzaubern, aber wetten tät' ich nicht drauf.« Wayne sah ihn sprachlos an.
»Und wenn man ihnen irgendwann draufkäme«, legte Terry im Brustton der Überzeugung nach, »dann würden sie behaupten, dass ihre Scheiße 'nen höheren Nährwert hat und besser schmeckt als gewöhnliche Mousse au Chocolat und dass ihre Kunden ihnen dafür dankbar sein sollten. Soweit kenn' ich die Zwillinge, glaub mir.«
Wayne starrte auch den hübschen, goldbraun schimmernden Anhänger in seiner Hand. Er wusste offensichtlich nicht, was er jetzt glauben oder sagen sollte. Schließlich räusperte er sich aber und fragte: »Aber schaden kann er doch auch nicht, oder?«
Terry seufzte und schüttelte den Kopf. Er würde sich nicht zu einer gemeinen Bemerkung hinreißen lassen. »Nein. Schaden tut's bestimmt nicht«, gab er Wayne zu. Und wenn es dazu beitrug, dass sich Wayne besser fühlte, dann nützt es sogar etwas, wenn man es genau nahm – wenn auch nur als Placebo. Außerdem konnte er den Stein immer noch als Wurfgeschoss verwenden, wenn es hart auf hart kam und die Lage wirklich verzweifelt war. Auch David hatte nicht viel mehr gehabt, als er gegen Goliath angetreten war. Wenn dessen Stein auch bestimmt größer gewesen war, als Waynes kleines Stückchen Tigerauge, vermutete Terry. Die magische Wirkung seines Anhänger war jedenfalls wohl kaum größer als die einer Glasmurmel.
Trotzdem klopfte er Wayne zum Abschied ermutigend auf die Schulter, als sie die große Halle betraten und dieser auf den Tisch der Hufflepuffs zusteuerte. Er selbst hielt auf die Ravenclawplätze zu, wo Simon und Anthony bereits beim Essen saßen. Von Luna war nichts zu sehen, aber als er sich gesetzt hatte und sich ein Lammkotelett und ein paar Löffel grüne Butterbohnen und Bratkartoffeln auf den Teller geschaufelt hatte, sah er sie vom Gryffindortisch herüberkommen.
»Ginny ist fix und fertig«, teilte Luna ihnen mit, als sie sich gesetzt hatte. »Sie hat neben Colin gesessen. Er war so ungefähr der einzige Freund, den sie in ihrer Klasse gehabt hat … hat sie gesagt.«
Wieder kam Terry eine gemeine Bemerkung in den Sinn, für die er sich beinahe schämte. Was war heute bloß mit ihm los? Es war wirklich geschmacklos zu unterstellen, dass Ginny Weasley eigentlich froh darüber sein konnte, jetzt keine Konkurrenz mehr bei der Kandidatur um den Vorsitz des ersten Harry-Potter-Fanclubs von Hogwarts befürchten zu müssen.
Während er auf dem einem zähen Bissen Lammkotelett herumkaute, fragte er sich, ob ihn nicht doch das Schicksal Creeveys mehr beunruhigt hatte, als er sich eingestehen wollte. Zwar war der Gryffindor-Erstklässler wohl jedermann in der Schule auf die Nerven gegangen, mit seiner Kamera und dem andauernden Blitzlichtgewitter, sobald er in die Nähe Harry Potters kam, aber versteinert zu werden, hatte er bestimmt nicht verdient.
»Die Wiesel verkaufen alle möglichen Amulette und Talismane«, unterrichtete er die anderen, was jedoch keinem der anderen einen Kommentar entlockte.
Seit kurzem sagte sogar Simon nur noch »Wiesel«, wenn er von den Zwillingen sprach, was er kaum noch tat. Terry war sich nicht sicher, ob das ein Beweis dafür war, dass Luna ihn mit der haarsträubenden Geschichte, die sie ihm aufgetischt hatte, auf den Arm genommen hatte oder ob es sie im Gegenteil bestätigte. Einerseits war es Terry schleierhaft, wie überhaupt jemand eines der Doppelwiesel mögen oder gar auf eines stehen konnte. Und sogar wenn man von allem anderen einmal absah, gerade Simon konnte ja eigentlich niemanden wirklich leiden – wahrscheinlich nicht einmal Luna und ihn, und selbst bei Anthony war sich Terry nicht immer sicher. Vielleicht spielte da auch der Altersunterschied eine Rolle, aber jedenfalls schien es Terry ausgesprochen … phantastisch, dass Simon auf irgendjemanden stehen sollte – und dann auch noch auf George das Wiesel. Andererseits war es fast schon zu verstörend, um eine reine Ausgeburt von Lunas kranker Phantasie zu sein.
»Wayne hat sich von ihnen ein Amulett andrehen lassen«, erzählte er schließlich weiter, auch wenn seine Zuhörerschaft nicht an einem Tischgespräch interessiert schien. »Einen Anhänger mit einem Tigerauge. Angeblich soll der Stein vor Blickangriffen schützen.«
Die letzte Bemerkung entlockte endlich jemandem eine Reaktion. Anthony schnaubte verächtlich. »Das sieht Hopkins mal wieder ähnlich! Typisch Hufflepuff!«
Terry fand das nicht gerecht. Der schwunghafte Handel mit Amuletten und Talismanen hatte bereits während des Frühstücks eingesetzt, und weder waren die Hufflepuffs die einzigen Kunden noch die Weasleys die einzigen Verkäufer, wenn sie sich auch den größten Marktanteil erobert hatten. Es war sowieso bewundernswert, das musste man ihnen lassen, wie sie an einem einzigen Tag ein ganzes Sortiment an angeblich magischem Krimskrams hatten herstellen können, wirkungslos hin oder her. Sie mussten bereits am Sonntag von Creeveys »Unfall« gehört und den ganzen Tag durchproduziert haben, um gleich Montagmorgen die ersten Kunden über den Tisch ziehen zu können. Außerdem war die Hauptzielgruppe nicht die Hufflepuffs oder irgendein anderes Haus, sondern alle Muggelstämmigen. Aber Anthony war sich dessen wohl durchaus bewusst, weshalb Terry nichts sagte, sondern lieber schweigend weiter an seinem Teller arbeitete.
»Ich werd' nach Zaubertränke mal bei Ginny vorbeischauen«, sagte Luna nach einer Weile zu niemand Bestimmtem. »Die Arme kann bestimmt ein bisschen Aufmunterung gebrauchen.«
»Muss das sein?«, meinte Terry übellaunig.
In grauste vor der bevorstehenden Doppelstunde schon genug, aber Professor Snape würde ihnen mit Sicherheit noch dazu wieder einen ganzen Berg von Hausaufgaben aufs Auge drücken. Und wenn er später beim Hausaufgabenmachen gegen Simon und Anthony alleine dastand, dann hasste er das beinahe genauso, wie die eigentliche Doppelstunde bei Snape. Er kam sich dumm vor, wenn er der Einzige in der Runde war, der dieses Zaubertrankzeug nicht kapierte. Lunas unbeschwerte Ahnungslosigkeit war da normalerweise ein großer Trost.
»Willst du nicht erst mit uns Hausaufgaben machen?«, fragte er und hoffte, dass er dabei nicht allzu kläglich und bettelnd klang.
»Nein, glaub' ich nicht?«, erwiderte Luna nachdenklich und lächelte ihn entschuldigend an. »Ich schreib' einfach später bei dir ab, hmm?«
Terry hätte am liebsten Nein gesagt, aber das brachte er einfach nicht über sich. Seine eigene Gutmütigkeit verfluchend nickte er zustimmend und quetsche sich ein schlecht gelauntes »In Ordnung« heraus. Dieser Tag lief wirklich nicht gut. Erst die Nachricht von der Versteinerung Colin Creeveys, dann die todlangweilige Geschichtsstunde von Professor Binns vor dem Mittagessen, danach eine Doppelstunde seines meistgehassten Fachs bei seinem meistgehassten Lehrer – und jetzt war ihm auch noch endgültig der Appetit vergangen. Er schob den halbleeren Teller von sich weg und beobachtete schweigend, aber mit düsterem Blick, wie die anderen sich unbekümmert mit Lammkoteletts vollstopften.
Wenn Terry Montage nicht schon immer gehasst hätte, hätte er spätestens heute ein paar gute Gründe gefunden, damit anzufangen.
Fred schwang den Rechen wie eine Hacke. Allmählich begann echter Hass in ihm hochzukochen. Er und George waren ja einiges an Strafarbeiten gewohnt, aber das hier wurde langsam lächerlich. Man kam sich ja vor wie Sisyphus. Kaum hatte man einen Haufen zusammengeharkt und wollte ihn in den Sack stecken, steigerte sich der stetig ziehende Wind launisch zu einer momentanen Sturmböe, die all die kleinen leichten Weidenblättchen hoch in die Luft wirbelte und wie gelben Schnee wieder auf dem Rasen verteilte. Wie um Fred zu verspotten, trieb der Wind die spitzen gelben Blätter immer weiter vor sich her, sogar zwischen den Zinken seines Rechens hindurch. Wütend schlug er nach den herumwirbelnden Dingern, um sie wenigstens aufzuspießen, wenn sie sich schon nicht zusammenrechen lassen wollten. Es brachte zwar nicht viel, aber es war trotzdem befriedigend, es den kleinen gelben Mistdingern gezeigt zu haben. Auch wenn der Wind noch so heftig wehen mochte, von den Stahlspitzen des Rechens würde er die Blätter nicht mehr so mühelos herunterwehen können.
Fred wartete dieses Mal nicht wieder, bis es sich richtig lohnte, sondern schob sein Blätterhäufchen schon in den Sack, als es noch ziemlich klein war. So würde es zwar ewig dauern, bis sie fertig waren, aber was machte das schon? Bestimmt hatten Sprout und Hagrid noch mehr als genug für sie zu tun.
Er warf einen misstrauischen Blick hinauf zur Baumkrone, als eine neuerliche Böe durch die herabhängend langen kahlen Weidenruten fuhr, aber sie wachte nicht auf. Sprout hatte ihnen versprochen, die Peitschende Weide würde sich mindestens zwei Stunden lang nicht rühren, nachdem sie ihr das Schlaflied gesungen hatte. Das war auch so ein unvergessliches Erlebnis gewesen! Einen so hohen Sopran hätte man von einer Frau mit Professor Sprouts rundlicher Statur und ihrer relativ tiefen Stimme niemals erwartet. Und Hagrid, der danebengestanden war, hatte am Schluss der Darbietung auch noch Beifall geklatscht. Es war nur noch peinlich gewesen.
Wieder kam ein Windstoß von hinten, der ihm unter die Schulrobe fuhr, ihm die Haare zerzauste und ihn trotz seiner Wärmezauber frösteln ließ. Seine Finger fühlten sich inzwischen schon ganz taub an. Er legte kurz die Handflächen an die Ohren, die inzwischen zu reinem Eis erstarrt zu sein schienen. Er rieb seine Ohrläppchen, die sich kalt und leblos anfühlten, aber es half nichts. Nicht allzu leise fluchte Fred vor sich hin. Verdammter Percy! In dem Arschloch war wirklich kein Funken Anstand oder Loyalität. Nicht einmal der eigenen Familie gegenüber!
Seit dem kleinen harmlosen Streich, den sie ihm und dem Schleicher gespielt hatten, schikanierte Percy sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit und versuchte ihm und George das Leben zur Hölle zu machen. Und dabei nutzte der Drecksack seine Stellung als Vertrauensschüler schamlos aus. Wenn er McGonagall die Sache mit ihrem florierenden Amulett- und Talismanhandel nicht gesteckt hätte, dann würden sie bestimmt noch heute die eine oder andere Galleone an ein paar Dummköpfen verdienen. Fred sah nicht ein, was falsch daran sein sollte. Ein Narr und sein Gold gingen eben schnell getrennte Wege. Auf diese Weise fiel es wenigstens Leuten in die Hände, die es gebrauchen konnten und damit umzugehen wussten!
Nun ja, immerhin hatten sie elf Galleonen und fünf Sickel verdient, bevor Percy sie bei McGonagall verpetzt hatte. Aber McGonagalls Reaktion war auch wirklich übertrieben und ungerecht gewesen. Sie war so richtig an die Decke gegangen – und eine ganze Weile dort oben geblieben. Was ihnen einfiele, ihre Glasperlen an verängstigte naive Muggelstämmige zu verscherbeln, ob sie jedes Gefühl für Anstand und Ehre verloren hätten, dass sie sich schämen müsse, dass Betrüger und Kleinkriminelle wie sie nach Gryffindor sortiert worden seien, ob er und George etwa glaubten, so ihre bedauernswerten Eltern stolz machen zu können und so weiter und so fort. Dann wollte sie ihnen genug Punkte abziehen, um Gryffindors Konto weit in den negativen Bereich zu katapultieren, wenn das möglich gewesen wäre. Zum Glück hatte sie da aber anscheinend schon so viel Dampf abgelassen und sich so weit beruhigt, dass sie wieder klar denken konnte und vernünftigen Argumenten zugänglich war. Als George sie vorsichtig darauf hinwies, dass sie mit dem Verkauf von Amuletten gegen keine einzige Schulregel verstoßen hatten, hätte McGonagall ihm zwar fast den Kopf abgerissen, hatte aber dann doch auf Punktabzug verzichtet und ihnen stattdessen »nur« zwei volle Wochen Strafarbeiten bei Filch, Hagrid und Sprout aufgebrummt.
Wütend packte Fred den Sack und stopfte die nächste Ladung gelber Weidenblättchen hinein. Die erste Woche war jetzt fast vorbei. Sie hatten sämtliche Rüstungen im Schloss auf Hochglanz gebracht, Hagrid bei der Fütterung der Thestrale geholfen – eine ziemlich eklige und blutige Angelegenheit – und mit ihm eine Riesenmenge Kürbisse einkochen müssen – nicht weniger ekelhaft als die Thestrale füttern – und für Professor Sprout in der subtropischen Hitze von Gewächshaus vier – und im Schweiße ihres Angesichts, wahren Strömen von Schweiß – ein halbes Dutzend Beete umgraben müssen. Und wie zum Ausgleich durften sie heute im eiskalten Herbstwind die Rasenflächen des Schlossgeländes entblättern. Es war der pure Hohn.
Plötzlich ertönte ein dumpf klingender Pfiff. Fred hätte nicht sagen können, woher, wenn er es nicht gewusst hätte. Er sah sich unauffällig um und vergewisserte sich, dass die Luft rein war und niemand sie vom Schloss aus beobachtete. Als er zufrieden war, steckte er zwei Finger in den Mund und erwiderte den Pfiff.
Aus einem Spalt zwischen den Wurzeln der Peitschenden Weide, kaum zu sehen, wenn man nicht wusste, wo und wonach man Ausschau halten musste, wuchsen mit einem Mal scheinbar kupferrote Grasbüschel aus den Tiefen der Erde. Eine Windbö trieb ein Blattgestöber ins auftauchende Gesicht des Neuankömmlings, als hätte sie nur auf dieses neue Opfer gewartet. Fred sah, wie sich George hastig aus dem Spalt zwischen den Weidenwurzeln hochzog, sich wieder mit Rechen und Sack, die bisher unter einer dünnen Laubschicht versteckt gewesen waren, bewaffnete und wie selbstverständlich auf ihn zuschlenderte, als wäre er nur einen Moment in den Büschen gewesen, um sich schnell zu erleichtern.
»Und?«, verlangte Fred zu wissen, kaum dass sein Bruder in Hörweite gekommen war.
George schüttelte den Kopf. »Der Gang zieht sich. Ich bin ihm bis zum Rand der Karte gefolgt und noch ein Stückchen weiter, bevor ich wieder umgekehrt bin. Ich wette 'nen Sickel gegen 'nen Knut, dass er auch nur nach Hogsmeade führt. Jedenfalls macht er keine großen Kurven, und die Richtung stimmt.«
Fred nickte, während er an der Seite von George wieder seinen Rechen zu schwingen begann. Damit hatten sie schon immer gerechnet, jedoch bisher noch nie die Möglichkeit gehabt, diesen speziellen Geheimgang zu erforschen. Sie hatten ihn schon vor langem als unbenutzbar abgeschrieben. Niemand legte sich mit der Peitschenden Weide an. Nicht, wenn ihm etwas an seiner Gesundheit lag. Sie würden den Gang auch in Zukunft nicht benutzen können, wenn sie nicht das lange komplizierte Schlaflied für die Weide von Professor Sprout lernen wollten, wozu Fred überhaupt keine Lust hatte. Darüber hinaus glaubte er nicht, dass seine oder Georges Stimme sich besonders zum Singen eigneten. Ein unanständiges Trinklied mitzugrölen oder die Schulhymne herunterzujohlen, das mochte ja noch angehen, aber ein sanftes Schlummerliedchen war einfach nicht drin, auch wenn ihr Publikum nur eine Weide war, die sowieso keine Ohren hatte.
Fred zögerte kurz, aber er fragte dann doch: »Und … Ginny?« Bestimmt hatte George nach ihr gesucht, als er die Karte draußen hatte.
»Keine Auffälligkeiten«, antwortete George, wie Fred eigentlich schon erwartet hatte.
Sie arbeiteten eine Weile schweigend nebeneinanderher, bis George aufseufzte. »Das kann so nicht weitergehen! Wir müssen uns endlich etwas einfallen lassen!«
»Und was?« Natürlich konnte es so nicht weitergehen. Das war ihm auch klar. Nur leider hatte Fred keine Ahnung, was sie wegen Ginny unternehmen sollten. Oder überhaupt unternehmen konnten. Ginny war schließlich Familie. Und er und George waren nicht Percy. Sie würden niemals ein Familienmitglied verraten, ganz egal, was es angestellt hatte. Aber genau da lag auch das Problem.
»Wir können nicht mal sicher sein, dass sie wirklich direkt was damit zu tun hat«, behauptete Fred trotzig – und hätte selbst gern daran geglaubt.
George lachte nur sarkastisch auf, würdigte seinen Einwand ansonsten aber keiner Antwort. Natürlich hatte er recht. Fred konnte die Anzeichen von schlechtem Gewissen bei Ginny genauso deutlich erkennen wie sein Bruder. Mochten andere auch glauben, wie dieser Blödmann Percy zum Beispiel, Ginny sei deshalb so durch den Wind, weil ein Freund von ihr versteinert worden war, ihn und George konnte das nicht täuschen. Sie kannten die Anzeichen für Schuldgefühle, auch wenn sie selbst von solch überflüssigen Gefühlsaufwallungen im Allgemeinen verschont blieben. Bei Ginny jedenfalls waren sie eindeutig vorhanden. Und sie waren auf derartige Ausflüge in die Psychologie ihrer kleinen Schwester gar nicht angewiesen. Leider.
In der Nacht nach dem gewonnenen Quidditchspiel, dieselbe Nacht, in der auch der Erstklässler versteinert worden war, da hatten sie noch bis weit nach Mitternacht mit dem Rest der Mannschaft gefeiert. Außer mit Harry natürlich, der die Nacht im Krankenflügel hatte verbringen müssen, weil Lockhart ihm den Arm entbeint hatte, und ohne Oliver, der lieber allein mit seiner Freundin gefeiert hatte. Jedenfalls war es eine ziemlich rauschende Siegesfeier geworden. Er und George hatten sich prima mit Katie, Alicia und Angelina amüsiert. George und Katie hatten später sogar rumgeknutscht. Aber das Beste war gewesen, dass Angelina ihn endlich unter ihre Schulrobe gelassen hatte, wenigstens unter die obere Hälfte. Lange und ausführlich und ohne zickig zu werden, wie sie es sonst immer geworden war. Freds ehrgeiziger Geheimplan, noch vor seinem fünfzehnten Geburtstag nicht mehr ausschließlich auf seiner eigenen Hände Arbeit angewiesen zu sein, hatte dadurch neuen Auftrieb bekommen. Als mitten in der Nacht dann das Butterbier ausging, hatten er und George natürlich noch nicht aufhören wollen und waren noch einmal losgezogen, um aus der Küche Nachschub zu besorgen. Außerdem war der nächste Tag sowieso ein Sonntag gewesen, an dem sie hätten ausschlafen können.
Es war auch alles glattgegangen. Zumindest auf dem Hinweg. Als sie vollbepackt mit Partyvorräten wieder aus der Küche hatten verschwinden wollen, da hatte ihnen die Karte Dumbledore und McGonagall gezeigt, die mit einem Schüler unterwegs waren. Sie hatten dem keine besondere Bedeutung beigemessen; höchstens ein bisschen Mitleid mit dem armen Teufel gehabt, der sich nach dem Zapfenstreich noch hatte erwischen lassen. »Wahrscheinlich ein dummer Erstklässler«, hatte Fred noch gesagt, ohne zu wissen, wie recht er damit behalten sollte. Aber dann hatten sie den anderen Punkt auf der Karte gesehen, und Dumbledore, McGonagall und ihr vermeintliches Opfer waren vergessen gewesen. Wieder war der Punkt mit dem zitternden, unstet wabernden Namen erschienen, den sie schon einmal beobachtet hatten. Und wie damals am Waldrand war auch diesmal nach einer Weile der Name »Ginevra Weasley« kurz aus dem flimmernden Buchstabengewimmel aufgetaucht, nur um gleich darauf wieder zu unleserlichem Gekritzel zu verschwimmen. Sie waren beunruhigt gewesen, hatten aber trotzdem weitergefeiert. Der Schock war erst am nächsten Morgen gekommen, als sie erfahren hatten, was in der Nacht tatsächlich vorgefallen war.
Sie hatten selbstverständlich versucht, Ginny zur Rede zu stellen, doch nichts Vernünftiges aus ihr herausgebracht. Sie hatte einfach alles abgestritten. Seither hatte immer einer von ihnen ein Auge auf ihre kleine Schwester gehabt. Absichtlich auffällig und so, dass sie es merken musste. Leider hatte es auch Petzer-Percy bemerkt, der gleich einen Brief an ihre Mum hatte schreiben müssen, in dem er behauptet hatte, dass sie mit ihren übertriebenen Aufmunterungsaktionen ihrer kleinen Schwester Alpträume bereiteten, statt sie zu trösten. Es war vielleicht auch übertrieben gewesen, dass Fred einmal mit einem Gesicht voll grüner Eiterbeulen – Ergebnis eines nicht ganz geglückten Trankexperiments – hinter ihr hergeschlichen war und sie sich zu Tode erschreckt hatte, als sie ihn hinter einer Steinsäule hatte hervorlugen sehen. Aber dass Mr. Perfekt gleich wieder alles brühwarm nach Hause hatte schreiben müssen, war eine Gemeinheit, die nach Rache zu allen Göttern schrie. Jedenfalls hatten sie seinetwegen in der letzten Woche kurz hintereinander zwei Heuler von ihrer Mum bekommen. Percy würde irgendwann für all das büßen müssen, dafür würden sie sorgen. Und für die entgangenen Gewinne aus dem Talismanverkauf würden sie ihn auch noch bezahlen lassen. Es war schwer genug gewesen, das Geschäft so schnell und ohne Vorlaufzeit auf die Beine stellen zu müssen, und ohne die tatkräftige Unterstützung von Lee hätten sie es nie geschafft, so prompt ein so breites Sortiment bunter Anhänger und Lederbeutelchen mit geheimnisvollem »magischem« Inhalt ihrer Kundschaft zur Verfügung zu stellen.
In jedem Fall konnten sie Ginny nicht an die Lehrer verraten. Schon aus Prinzip nicht. Völlig ausgeschlossen. Außerdem wussten sie ja nicht einmal, was genau mit ihr los war und ob sie wirklich für die Versteinerung von Filchs Katze und ihrem Klassenkameraden verantwortlich war. Vielleicht war die Katze ja ein Streich gewesen und der Erstklässler nur ein Unfall, ein Versehen? Auch ihm und George ging manchmal ein Streich daneben.
Percy konnte man natürlich erst recht nicht ins Vertrauen ziehen, und Ron gehörte zwar zur Familie – und würde im Gegensatz zu Percy vermutlich sogar den Mund halten –, aber wäre wohl kaum eine große Hilfe gewesen. Sie waren wie so oft auf sich allein gestellt.
George sagte plötzlich: »Die kleine Lovegood scheint sich ziemlich gut mit Ginny zu verstehen.« Dabei war er scheinbar ganz darauf konzentriert, ein paar Handvoll Blätter in seinen Sack zu stopfen, mied jedenfalls geflissentlich jeden Augenkontakt zu Fred.
Fred hatte zwar schon lange auf so etwas gewartet, doch jetzt, da es im Raum stand, musste er sich trotzdem Luft verschaffen. Er warf seinen Rechen mit aller Kraft auf den Boden und fluchte lauthals, ausgiebig und böse. Er benutzte die schlimmsten, schmutzigsten und blasphemischsten Kraftausdrücke, die er überhaupt nur kannte, spie Gift und Galle, soviel er nur konnte, aber er fühlte sich danach kein bisschen besser.
»Ich will mit diesem verfickten Ravenclaw-Gesocks nichts mehr zu tun haben!«, fasste er am Ende seines Vortrags dessen Quintessenz noch einmal unmissverständlich zusammen. »Die reiten uns bloß noch mehr in die Scheiße! Denk an letztes Jahr! Diese ziegenfickenden arroganten Scheißdrecksschleudern!«
Er fügte noch eine Reihe von Bemerkungen über die vermutliche Abstammung dieser bestimmten Personengruppe hinzu, deren Vorfahren seiner Meinung nach entweder viel zu nah miteinander verwandt oder ziemlich weit unten auf der Skala halbintelligenter Lebensformen angesiedelt gewesen sein mussten. Auch danach fühlte er sich nicht besser, aber wenigstens hatte er deutlich gemacht, was er davon hielt, sich an das Ravenclaw-Geschmeiß zu wenden.
George, der seiner Fluch- und Schimpfkanonade bisher still gelauscht hatte, seufzte schicksalsergeben. »Selbst wenn du recht hättest … hast du 'ne bessere Idee? Oder irgendeine Idee? Irgend'nen klitzekleinen Vorschlag?«
Fred trat nach dem halbvollen Sack. Auch das war nicht wirklich befriedigen.
»Nein!«, musste er wütend zugeben, und der Ton seiner Stimme macht klar, dass er auch das nur unter Protest tat. »Aber du übernimmst das Reden. Ich hab keine Lust, auch nur ein Wort mit dem Pack zu wechseln.«
Dann stieß er einen Wutschrei aus und begann wieder auf seinen Sack einzutreten. Ein paar Tritte später hörte er wieder auf, nicht weil er nicht mehr konnte, sondern weil er auf seinem Weg eine Spur herausfallender Blätter hinterließ. Er hatte nun wirklich keine Lust, dieselben Blätter fünfmal einzusammeln. Außerdem wurde er sich plötzlich der schneidenden Kälte des Windes wieder bewusst, die er zwischenzeitlich vollkommen vergessen hatte. Ihn fröstelte. Er nahm seinen Sack und schleifte ihn zu seinem Zwillingsbruder zurück.
»Okay«, fuhr er George an, als dieser Anstalten machte, etwas zu sagen. »Bin ja dafür!« Sein Bruder warf ihm erst einen zweifelnden Blick zu, nickt ihm dann aber nur zu.
»Du hast Blätter in den Haaren«, sagte Fred, immer noch gereizt, und hob seinen Rechen wieder vom Boden auf.
George schüttelte den Kopf und fuhr sich mit der Hand durchs zerzauste Haar. Schmale Weidenblätter rieselten zu Boden, doch einige blieben wie überdimensionale gelbe Schuppen auf seinen Schultern liegen.
Fred spuckte in den kalten Wind, packte mit halb steifgefrorenen Fingern den Stiel seines Rechens und hackte lustlos weiter nach den fahlgelben Fitzelchen auf dem grünen Rasen von Hogwarts, während er versuchte, sich innerlich an dem Gedanken und den tröstlichen Erinnerungen an die weiche Haut unter Angelinas Roben zu wärmen.
