Die Twilight- Saga, ihre Figuren und Handlungen, sowie zitierte Dialoge gehören Stephenie Meyer.
Viel Spaß beim Lesen des neuen Kapitels und vergesst nicht eine Review zu schreiben. Freue mich wie ein Schneekönig über jede!
Elektrische Spannung
Ich passte mich Bellas Geschwindigkeit auf dem Weg zum Biologieklassenzimmer an. Wir waren die letzten und unser gemeinsames Erscheinen wurde genauestens registriert. Die Gedanken unserer Mitschüler verschwammen zu einem Karussell an Worten. Ich konnte mich nicht erinnern je einen solchen Ansturm von Stimmen gehört zu haben. Bella bemerkte zwar nur die Blicke der anderen, aber ich wusste, dass schon allein diese Aufmerksamkeit ihr mehr als ausreichte, um sie verlegen zu machen. Wir gingen an unseren gemeinsamen Tisch und ich rückte meinen Stuhl näher an sie heran. Damit löste ich eine neue Flutwelle spekulativer Gedanken aus.
Nur ein hauchdünner Zwischenraum trennte mich noch von Bella, als wir uns gesetzt hatten, und ich kämpfte darum diesen Abstand zu wahren. Es zog mich wie magisch zu ihr hin und ich vermeinte noch das Gefühl ihrer Haarsträhne in meiner Hand zu spüren. Mr Banner betrat rückwärts den Raum, da er ein Fernsehgerät hinter sich herzog.
Schlagartig lenkte er damit das Interesse unserer Mitschüler von uns ab. Ich verstand das Gehabe der Teenager um mich herum nie, wenn ein Lehrer mit diversen Filmen versuchte den Unterrichtsstoff aufzupeppen. Aber vielleicht war ich in dieser Hinsicht auch einfach bloß altmodisch. Zugegeben, an diesem Tag begrüßte ich diese Unterrichtsmethode zum ersten Mal. Schließlich würde das Zimmer verdunkelt werden, so dass ich unbemerkt Bella beobachten konnte. Im nächsten Augenblick löschte Mr Banner das Licht. Mir schien es jedoch, als hätte er den Stromkreis nicht unterbrochen, sondern die elektrische Spannung auf mich umgelenkt, denn mir war mit einem Mal, in Ermangelung eines besseren Wortes, kribbelig zu mute.
Ein vergleichbares Gefühl hatte ich bisher nur einmal erlebt: bei dem gewagten Experiment mit dem Blitz auf dem Empire State Building. Ich schaute zu Bella und sie wirkte ähnlich beunruhigt wie ich. Konnte es sein, dass sie das gleiche spürte? Unsere Blicke begegneten sich und plötzlich wirkte Bella atemlos. Scheinbar hatte ich meine Wirkung auf sie wirklich total unterschätzt. Andererseits sie ihre auf mich genauso. Und dabei meinte ich nicht den brennenden Durst, den ihr verlockender Duft in mir auslösen konnte.
Krampfhaft verschränkte ich meine Arme, denn die magnetische Wirkung verstärkte sich. All meine Selbstbeherrschung musste ich aufbieten sie nicht in meine Arme zu reißen. Auf den Film konnte ich kein Quäntchen Aufmerksamkeit richten. Allein die Vorstellung dem Impuls nachzugeben, sie vom Stuhl zu ziehen und irgendwohin zu bringen, wo ich ganz allein mit ihr sein konnte, war stärker als jede Regung, an die ich mich erinnern konnte. Nur gelegentlich gestattete sich Bella einen Blick zu mir und ich war mir im klaren, dass sie meiner verkrampften Körperhaltung ansah, dass mit mir etwas nicht stimmte.
Als es zum Stundenende klingelte, seufzte sie erleichtert auf. Das Licht ging an und ich kommentierte die zurückliegende Stunde mit den Worten: "Ich würde sagen, das war interessant."
Damit lockte ich jedoch keine Beurteilung der vorangegangenen Stunde aus ihr heraus, sondern erntete ein enttäuschendes "Mmmh".
"Sollen wir?", wollte ich wissen und erhob mich, um Bella zur Sportstunde zu begleiten. Den Luxus dieses Umweges zu meinem Klassenzimmer konnte ich mir angesichts meiner Schnelligkeit leisten. Verwundert bemerkte ich, dass meine Banknachbarin sich äußerst zögerlich von ihrem Platz erhob. Ich wusste zwar, dass Sport nicht gerade ihr Lieblingsfach war, aber bisher hatte sie sich noch nie so langsam dorthin begeben. Aus irgendeinem mir unerfindlichen Grund wagte ich jedoch sie nicht deswegen zu befragen. Wieder einmal eine Premiere von Edward Cullen. Noch nie hatte ich mir eine Frage verkniffen!
Schweigend begleitete ich Bella zur Turnhalle. Ich grübelte, warum sie die seltsame Biologiestunde nicht ansprach. Es war doch sonst so gar nicht ihre Art ungewöhnliche Vorkommnisse Tod zu schweigen. Wieder ergriff mich dieses unbändige Verlangen sie zu berühren, eine Ahnung davon zu bekommen, ob diese Spannung sich in einem Funken entladen würde, wenn wir uns berührten.
Die Intensität dieses Begehrens erschreckte mich und gab mir zugleich den ersten Einblick darin, wie es meinen Eltern und Geschwistern gegangen sein musste, als sie zueinander fanden. Dieses unbändige Kribbeln ließ mich plötzlich verstehen, warum Rosalie und Emmett das erste gemeinsame Jahrzehnt wie die Kletten aneinander gehangen hatten. Noch heute las ich von Zeit zu Zeit das unbezähmbare Verlangen nacheinander in den Gedanken meiner Familienmitglieder.
Zugleich wusste ich, dass ich dieses stürmische Begehren mit Bella nie würde teilen können. Sie war schließlich ein zartes, zerbrechliches Wesen und ich ein tödliches Monster. Wie konnte ich auf Alice und Carlisles Ansicht vertrauen, dass ich Bella nicht zerstören würde, beabsichtigt oder nicht. Bewies der Blutrausch auf der Jagd nicht, dass ich in unbändiger Rage zum töten fähig war?
Wir erreichten die Turnhalle und Bella drehte sich zu mir um. Ihre Worte blieben ungesagt, denn mein gequälter Gesichtsausdruck erschreckte sie. Tröstend wollte ich ihr über das glänzende Haar fahren. Dies hatte ich heute schließlich schon einmal getan, ohne nachzudenken, wir mir nun im Nachhinein bewusst wurde. Seitdem hatte sich doch eigentlich nichts geändert?! Abgesehen von dieser rätselhaften elektrischen Spannung in der vergangenen Stunde. Meine Hand verharrte kurz in der Luft, bevor ich dem Impuls nachgab und flüchtig, nur mit den Fingerspitzen, ihre Wange streifte. Die sensiblen Poren meiner Kuppen fühlten die warme, samtige Haut und speicherte eine Erinnerung daran in Sekundenbruchteilen in meinem Gehirn.
Erschrocken von dem himmlischen Gefühl, dass mich überkam, als ich sie berührt hatte, wendete ich mich wortlos ab und lief davon. Schnellen Schrittes ging ich zu meinem Klassenzimmer. Ich wagte nicht zu Bella zurück zu blicken, denn ich befürchtete ihr Anblick würde mich zur Umkehr bewegen, damit ich sie fragen konnte, wie sie diese Berührung empfunden hatte. Es war frustrierend ihre Gedanken dazu nicht lesen zu können. Wenigstens würde ich durch Mike Newtons Stimme aber herausfinden können, wie Bella auf diesen Augenblick reagierte.
Kaum an meinem Platz angekommen, konzentrierte ich mich deswegen auf die Gedanken ihres hartnäckigen Verehrers.
Bella ist ganz schön spät dran. Liegt bestimmt wieder an diesem Cullen. Er begleitet sie überall hin. Ob er verhindern will, dass Bella auch mal mit jemandem anderen spricht?
Oh, da ist sie ja. Sieht ganz schön verwirrt aus und das wo wir heute Badminton spielen! Das kann eigentlich nur in einer Katastrophe enden. Die anderen gucken auch schon ganz komisch, haben bestimmt Schiss, dass Coach Clapp sie dazu verdonnern mit ihr zu spielen. Ich werde das mal in die Hand nehmen. "Wie wär's - wir beide?"
"Danke, Mike, das ist nett. Du musst das aber nicht machen."
Nett ist die kleine Schwester von langweilig. Ich würde noch viel mehr für dich tun, aber du hast ja nur Augen für diesen Cullen. Wo ist er jetzt, um dir aus dieser peinlichen Lage zu helfen? Sportattest - als wär er ein Krüppel!"
Keine Sorge, ich achte auf Sicherheitsabstand."
Eine zeitlang konzentrierte sich Mike, der wie ich neidlos gestehen musste, ein fabelhafter Badmintonspieler war, auf das Spiel. Doch dann: Also ehrlich, wie kann man nur so tollpatschig sein!
"Hast du dir wehgetan, Bella?", erkundigte er sich, während er im Kopf die eben gesehene Szene nochmals durchlebte.
Bella hatte sich den Schläger gegen den Kopf gehauen und anschließend Mikes Schulter getroffen. Ich konnte ein Grinsen angesichts dieses Bildes nicht unterdrücken und erregte damit unglücklicherweise die Aufmerksamkeit des Politiklehrers.
"Was ist so komisch, Mr Cullen? Lassen sie uns doch an ihren Gedanken teilhaben. Wir alle wissen einen guten Scherz zu schätzen."
"Ist privat", erklärte ich nur, machte aber die restliche Stunde einen konzentrierten Eindruck, da ich wusste, dass Mr Johnson mich von nun an auf dem Kicker hatte.
Das gelang mir ganz gut, da Mike partnerlos, Bella hatte sich in den hinteren Spielfeldteil zurückgezogen, war und seine Aufmerksamkeit dem gegnerischen Team galt. Es gelang ihm allein drei von vier Spielen gegen Eric und Julio zu gewinnen und als er Bellas Hand zum Stundenende abklatschte, obwohl sie nichts dazu beigetragen hatte, außer ihn nicht bewusstlos zu schlagen, rechnete ich ihm das hoch an.
Während ich mich auf den Weg zur Turnhalle machte, um Bella dort abzuholen, verweilte ich bei Mikes Stimme, da er mich mit einem Gedanken neugierig gemacht hatte.
Ich frage Bella jetzt, ob das was ernstes mit Cullen ist. Ich bin schließlich ihr Freund. Da habe ich wohl ein Recht zu wissen, was zwischen den beiden ist. "Und?"
"Was - und?"
"Du und Cullen, oder wie?"
"Das geht dich nichts an, Mike."
"Ich find das nicht gut."
"Das musst du auch nicht."
"Er schaut dich an, ich weiß nicht - als wärst du was zu essen."
Ich weiß nicht, was es da zu kichern gibt. Erkläre es mir Bella. Jetzt lässt sich mich einfach hier stehen, ich fasse es nicht. Bella schien sich beeilt zu haben. Ich lehnte noch nicht lange wartend an der Wand, als sie auch schon das Gebäude verließ.
"Hi", hauchte sie mit einem strahlenden Lächeln.
"Hallo", erwiderte ich ebenso gut gelaunt. "Wie war Sport?", konnte ich mir meine Frage nicht verkneifen.
"Okay", erwiderte sie mit leicht verfinsterter Miene. I
ch merkte ihr die kleine Lüge an und neckte: "Wirklich?"
Jetzt klebt Cullen schon wieder an Bella. Hab ich mich umsonst beeilt, um unser Gespräch fortzusetzen.
Wäre mein Blick ebenso tödlich wie meine Zähne, hätte Mike, der eben die Turnhalle verließ, im nächsten Augenblick am Boden gelegen. Stattdessen konnte er, von meinem scharfen Blick verfolgt, weggehen.
"Was ist?", erkundigte sich Bella.
"Newton geht mir langsam auf die Nerven."
"Du hast schon wieder zugehört?", fragte sie entsetzt.
"Wie geht' s deinem Kopf?", entgegnete als indirekte Antwort.
"Du bist unglaublich!", schnaubte sie und stapfte Richtung Parkplatz davon.
Ich spürte, dass ich sie verärgert hatte. Kaum an ihrer Seite, sie einzuholen war keine Herausforderung für mich, erklärte ich: "Du meintest neulich, dass ich dich noch nie beim Sport gesehen hab - da bin ich neugierig geworden."
Mein Geständnis klang anscheinend nicht reumütig genug, denn es besänftigte Bella nicht. Ich grübelte, warum sie so verstimmt war. Schließlich hatte sie mir nicht so eine Szene gemacht, als ich sie mit Jessica belauscht hatte. Sollte es ihr peinlich sein, dass ich das kleine Missgeschick gesehen hatte? Eigentlich durfte es ihr doch gar nichts ausmachen, war ich doch permanenter Zeuge ihrer Unfälle.
Schweigend erreichten wir meinen Volvo. Nachrechnend bemerkte ich, dass Bella noch nie so lang wütend auf mich gewesen war. An meinem Auto herrschte Gedränge, doch die aufgeregten Gedanken der versammelten Jungen galten Rosalies Kabrio. So konnten wir unbemerkt einsteigen und ich hoffte dies würde Bella milder stimmen. "Protzig", grummelte ich, ein anderes Thema ansprechend. Zu meiner Erleichterung ging Bella darauf ein.
"Was für ein Auto ist das denn?"
"Ein M3."
"Die Sprache verstehe ich nicht."
"Ein BMW", erklärte ich, augenverdrehend. Hoffentlich nahm sie letzteres nicht persönlich, da es nicht ihrer Unwissenheit, sondern den Autofans galt, die mir das Ausparken erschwerten.
Aus dem Augenwinkel sah ich Bella verstehend nicken und ich wagte zu fragen: "Bist du immer noch sauer auf mich?"
"Aber sicher."
"Verzeihst du mir, wenn ich mich entschuldige?", wollte ich seufzend wissen. Ich hatte anscheinend größeren Mist gebaut, als ich angenommen hatte, wenn ihr Ärger so lang anhielt.
"Vielleicht ... wenn du es wirklich ernst meinst. Und wenn du versprichst, es nicht noch mal zu machen", forderte sie. Angestrengt überlegte ich, wie ich bei Bella punkten konnte ohne allzu viel zurückstecken zu müssen. Das Versprechen konnte ich ihr keinesfalls geben. Ich war schließlich oft auf die Gedanken anderer angewiesen, um zu erfahren, ob Bella in Sicherheit war und was sie dachte. Es war ein vermaledeites Pech, dass ich ihre Stimme nicht hören konnte.
"Wie wär's, wenn ich es wirklich ernst meine und dich am Samstag fahren lasse", bot ich deshalb an. Meine Beifahrerin dachte einen Augenblick nach und ich überlegte schon eine Alternative, als sie endlich doch einwilligte: "Abgemacht."
"Okay, es tut mir wirklich leid, dass ich dich verärgert habe." Das ich dich mit Mike belauscht habe und den Sportunterricht verfolgt habe aber nicht. Ich war froh, dass sie keine Gedanken lesen konnte und das Glühen meiner Augen nicht als Freude darüber, dass ich sie ein wenig ausgetrickst hatte, deuten konnte.
"Und am Samstag stehe ich dann in aller Herrgottsfrühe vor deiner Tür." "Ähm, wenn Charlie einen Volvo in der Auffahrt vorfindet, können wir uns die Umstände sparen."
"Ich hatte nicht vor, mit dem Auto zu kommen", unterrichtete ich sie mit einem süffisanten Lächeln. Nachts komme ich auch zu Fuß. So war ich viel schneller als mit dem Auto, dass meiner übermenschlichen Geschwindigkeit hundertfach unterlegen war.
"Wie..."
"Zerbrich dir darüber mal nicht den Kopf. Ich werde da sein, ohne Auto." Und vielleicht zeige ich dir ja, wie ich es mache.
"Ist es schon später?", unterbrach sie meine Gedanken in bedeutungsvollem Ton. Ich runzelte die Stirn, da ich nicht gleich wusste, worauf sie hinaus wollte.
"Ich nehme mal an, es ist später, ja." Gespannt wartete ich auf Bellas nächste Worte doch sie schwieg. Inzwischen hatten wir das Haus der Swans erreicht und mir fiel ein, was Bella wissen wollte.
"Und du willst wirklich wissen, warum du mir nicht beim Jagen zusehen kannst?", versicherte ich mich mit forschendem Blick. Ich konnte ein schalkhaftes Glitzern über ihren Wissensdurst nicht unterdrücken.
"Na ja, ich war vor allem verwundert über deine Reaktion", stellte Bella klar.
„Hab ich dir Angst eingejagt?" Meine Stimme klang unüberhörbar schelmisch, da ich daran dachte, dass ich Bella bisher mit nichts wirklich verschrecken hatte können.
„Nein." Ich hörte ihr aber an, dass sie log.
„Das tut mir leid", erklärte ich, nicht ganz ehrlich, mit leichtem Lächeln. Doch dann fiel mir ein, worüber wir gerade sprachen und ich wurde wieder ernst.
„Es war nur ... allein der Gedanke, du würdest dort sein, während wir jagen!"
„Das wäre so schlimm?", wollte sie wissen, als wäre mein angespannter Kiefer nicht schon Antwort genug.
„Du ahnst nicht, wie schlimm."
„Wieso denn?" Ich dachte an meine Familie und mich, wenn wir jagten. Erinnerte mich an den Rausch, der uns überkam, wenn wir Beute rochen und die unkontrollierbare Gier, die uns in diesem Moment packte. Allein der Gedanke reichte aus, um mich jetzt in Jagdstimmung zu bringen und Bellas verführerischer Duft stieg mir verhängnisvoll in die Nase. Um mich zu beruhigen, holte ich tief Luft und blickte angestrengt nach vorn, um sie für kurze Zeit auszublenden.
„Wenn wir jagen, hören wir auf uns mit dem Verstand zu kontrollieren, und überlassen uns stattdessen unseren Sinnen. Insbesondere unserem Geruchssinn. Wenn du in einem solchen Augenblick irgendwo in der Nähe wärst", erklärte ich unwillig.
Als ich zu ihr hinüberschaute, verriet ihre Miene nicht, wie sie über meine Erklärung dachte. Unsere Blicke trafen sich in der uns umgebenden, vollkommenen Stille, die sich plötzlich mit der gleichen elektrischen Spannung auflud, wie sie im Biologieunterricht geherrscht hatte. Wie ein Schlag traf mich der Impuls und erst als Bella nach Luft schnappte, erwachte ich aus dieser seltsamen Trance. Ich schloss die Augen, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen und erklärte: „Bella, ich glaube, du solltest jetzt lieber reingehen."
Ich wollte Bella nicht anmerken lassen, wie nah mit die Situation ging, deshalb ließ ich meine Stimme leise und schroff klingen und richtete meinen Blick auf die Wolken. Ich hörte wie Bella die Tür öffnete und fühlte die arktische Luft, die gleich darauf ins Wageninnere strömte. Sie brachte einen leichten Hauch ihres süßen Duftes mit, der mir jetzt, da die Jagdgedanken wieder aus meinem Kopf verbannt waren, keine Qual mehr bedeutete.
Aus dem Augenwinkel beobachtete ich, wie meine Beifahrerin mit größter Vorsicht ausstieg und, ohne zurück zu blicken, die Tür zuwarf. Ich rätselte, warum sie sich so verhielt und ob ich sie erneut vor den Kopf gestoßen hatte. Schnell überlegte ich, wie ich Bella versöhnlich stimmen könnte. Außerdem hatte ich kein gutes Gefühl dabei, sie traurig zurück zu lassen. Deswegen ließ ich die Scheibe auf der Beifahrerseite herunter, lehnte mich zum Fenster hinaus und rief mit einem Lächeln: „Ach, Bella?"
„Ja?"
„Morgen bin ich an der Reihe."
„Womit?"
Bei dem Gedanken an die Antwort, die ich ihr gleich geben würde, verbreiterte sich mein Lächeln, so dass meine Zähne blitzten. „Mit den Fragen."
Ich gab Gas und raste die Straße hinunter, während ich im Rückspiegel Bella beobachtete, wie sie ins Haus ging. Dabei schien sie zu lächeln und ich war erleichtert, dass sie mir wieder verziehen hatte. Auf dem Nachhauseweg geisterten bereits die Fragen durch meinen Kopf, die mir morgen dazu dienen sollten Bella besser kennen zu lernen. Zuhause erwartete mich Alice, die mit meinen Brüdern in Rosalies Kabrio Heim gefahren war.
„Wie war dein Tag mit Bella?", fragte sie neugierig.
„Sehr aufschlussreich", äußerte ich vage.
Doch ich wusste ich würde meiner Schwester damit nicht entkommen.
„Also bitte", gab Alice meiner Vermutung Recht: „Du glaubst doch nicht wirklich, dass ich mich damit zufrieden gebe, oder? Seit der Spanischstunde quält mich die Neugierde, was du heute über Bella erfahren hast."
„Jessica hat sie über unsere gestrige Begegnung in Port Angeles ausgefragt und über unsere Beziehung."
„Habt ihr denn?", stichelte Alice grinsend.
„Mittlerweile wird es die Forks High School so sehen."
„Und wie sehen Bella und du das? Und was hat sie Jessica dazu gesagt?"
„Nun, ich habe Bella gesagt, sie soll ihr mitteilen, dass wir eine hätten."
„Ist das die Wahrheit?", bohrte Alice weiter, schon leicht genervt von meinen ausweichenden Antworten.
Auch mich reizte ihre Inquisition. Ich wusste es doch selbst noch nicht so genau!
„Das wird sich zeigen", erklärte ich und versuchte an ihr vorbei ins Haus zu kommen.
„Glaub bloß nicht, dass du da drinnen ungeschoren davon kommst", warnte mich Alice. „Emmett ist ganz heiß darauf zu erfahren, was du Bella heute Mittag erzählst hast, dass sie ihn so angestarrt hat. Rosalie würde dir am liebsten den Kopf herunter reißen, weil du den ganzen Tag mit ihr auf dem Schulgelände unterwegs warst und damit sämtliche Aufmerksamkeit auf unsere Familie gezogen hast."
„Dafür hat Rosalie mit ihrem protzigen Kabrio genauso gesorgt", unterbrach ich.
„Nun, ich fürchte sie sieht das nicht ganz so. Also, erzähl mir ein bisschen mehr und ich lenke die beiden ab, damit du ungesehen ins Haus kommst."
„Netter Versuch", erwiderte ich, gegen meinen Willen lachend. „Als gäbe es für mich nur die eine Möglichkeit ins Haus zu kommen."
Alice grinste zurück: „Man kann es ja mal probieren. Aber mal im Ernst. Was ist sonst bei deinen Gesprächen mit Bella herausgekommen? Du weißt, ich finde immer einen Weg die Antworten zu bekommen, die ich möchte."
Als wäre es nötig, dass Alice mir das ins Gedächtnis rief! Sie neigte dazu diese mittels Erpressung zu bekommen, in dem sie jede mögliche Vision unterdrückte. Etwas, das ich mir bei Bellas Hang zu Dummheiten einfach nicht leisten konnte! Resigniert ließ ich mich auf einer Treppenstufe nieder und berichtete von unserem Gespräch in der Cafeteria, wie ich Bellas Sportstunde beobachtet hatte und von unserer Unterhaltung auf dem Heimweg. Nachdem ich Alice Wissensdurst umfassend gestillt hatte, meinte sie: „Warum nicht gleich so! War doch gar nicht so schwierig."
Ohne weiteren Kommentar erhob sie sich in einer einzigen fließenden Bewegung und war bereits im Haus verschwunden, bevor ich fragen konnte: „Und was meinst du dazu?"
Dann eben nicht, sagte ich zu mir und ging ins Haus. Im Wohnzimmer traf ich Emmett und Rosalie, die kuschelnd auf dem Sofa saßen und irgend eine langweilige Reality- Show über Patchworkfamilien schauten.
Bevor sie mit mit Alice angekündigten Fragen und Vorwürfen bombardieren konnten, erklärte ich: „Euer Verhalten heute Mittag fand ich total inakzeptabel. Ich halte mich aus euren Gedanken raus, ihr euch aus meinen Gesprächen."
Noch ehe sie meine Worte richtig begriffen hatten, befand ich mich in meinem Zimmer. Ich schloss die Tür ab, obwohl das keinen aus meiner Familie davon abhalten konnte, trotzdem einzutreten. Es kostete keinen von uns viel Kraft eine Tür aus den Angeln zu heben. Aber Carlisle hatte bei unserer Vampirerziehung darauf geachtet, dass wir menschliche Feinfühligkeit beibehielten. Das hieß zum Beispiel, dass eine verschlossene Tür bedeutete, dass man ungestört sein wollte und dies auch blieb. Es würde also keine rohe Gewalt vor meinem Zimmer geben und da mein Fenster ebenfalls zu, würde ich Ruhe vor meinen Geschwistern haben.
Auf meinem Sofa liegend, rief ich mir die vergangenen Stunden in Erinnerung zurück. Ich ging nochmals unsere Gespräche durch und freute mich bereits auf den nächsten Tag, wenn ich mehr Details aus Bellas Leben erfahren würde. In Gedanken versunken, bekam ich gar nicht mir, wie sich Schritte meiner Tür näherten. Ein zurückhaltendes Klopfen verriet mir, dass es höchstwahrscheinlich weder Rosalie noch Emmett waren, die zu mir wollten. In Sekundenbruchteilen war ich aufgesprungen und hatte aufgesperrt. Esme stand vor der Tür und fragte mit einem zögerlichen Lächeln: „Darf ich kurz herein kommen?"
Nickend erlaubte ich es ihr und wir gingen zusammen zum Sofa.
„Setz dich doch", lud ich ein und wir nahmen Platz.
„Was gibt es?"
„Ich komme gerade aus der Stadt und da sind mir ein paar neue Gerüchte zu Ohren gekommen."
Um darauf zu kommen, wovon diese wohl handelten, musste ich keine Gedanken lesen können.
„Hat sich schneller herum gesprochen, als ich vermutet hätte", stellte ich trocken fest.
„Stimmen die Gerüchte denn?", erkundigte sich Esme vorsichtig.
Im Gegensatz zu Alice würde sie nie Druck ausüben, um Antworten zu bekommen.
„Ich habe den größten Teil des Tages mit Bella zugebracht. Das stimmt", gestand ich. „Alles, was sonst berichtet wird, kann ich noch nicht hundert Prozent bestätigen. Wir arbeiten noch dran."
„Du bist dir immer noch nicht sicher, ob du gut für Bella bist", erriet meine Adoptivmutter meine Befürchtungen. Als ich zur Antwort nickte, lächelte sie mitfühlend.
„Du wirst das Richtige tun. Da bin ich mir sicher. Du hast es immer getan."
„Vergiss nicht die Zeit, als ich allein gelebt habe", erinnerte ich sie an meine Verfehlungen als Jungvampir. Damals hatte ich meinen Eltern den Rücken gekehrt und den Gelüsten nach menschlichen Blut nachgegeben. Heute quälte mich diese Trotzphase, auch wenn ich nur den schlimmsten Verbrechern das Leben genommen hatte.
„Niemand ist perfekt", erklärte Esme, sich erhebend. „Hast du Lust eine Runde Schach zu spielen?", lenkte sie dann ab, da ihrer Meinung nach alles gesagt war, was es zu diesem Thema zu sagen gab.
„Warum nicht", stimmte ich zu.
Mit etwas Beschäftigung wären die Stunden bis ich Bella wiedersehen würde leichter zu ertragen. Und ich wusste, wie sehr Esme Schachpartien gegen mich liebte. Es bereitete ihr diebisches Vergnügen, wenn es ihr gelang ihre nächsten Züge vor mir geheim zu halten und so mal eine Partie unter Dutzenden zu gewinnen. Stundenlang zog sich das Match zwischen meiner Adoptivmutter und mir hin, doch letztlich hatte Esme wieder einmal keine Chance gegen mich. Auch wenn ich mich bemühte mich aus ihren Gedanken heraus zu halten, reichte oft ein kurzer unaufmerksamer Augenblick, um Einsicht in ihre Strategie zu bekommen und so das Spiel für mich zu entscheiden.
„Revanche!", forderte Esme, doch ein Blick auf die Uhr zeigte, dass es fast Mitternacht war.
Ich schüttelte den Kopf und erklärte: „Ich will noch mal nach Bella sehen."
„Dagegen habe ich natürlich keine Chance. Dann gute Nacht", erwiderte sie und gab mir einen Kuss auf die Stirn. Sie ging, um Carlisle in der Bibliothek Gesellschaft zu leisten und ich flitzte nach draußen und zu Bellas Haus.
Das lag, wie um diese Zeit nicht anders zu erwarten, im Dunkeln. Wie gewöhnlich stand Bellas Fenster auf und mit einem Sprung stand ich in ihrem Zimmer, keine Zehntelsekunde später an ihrem Bett. Doch im Gegensatz zu den sonstigen Nächten konnte ich sie nicht still aus dem Sessel in der Zimmerecke beobachten. Sie schlief unruhig und erwachte häufig, so dass ich mich immer wieder mit einem Sprung aus dem Fenster vor Entdeckung in Sicherheit bringen musste. Erst bei Morgengrauen sank sie für zwei kurze Stunden in festen Schlaf.
Als Polizeichef Swan begann im Haus zu rumoren, lief ich nach Hause, um mich umzuziehen und im Volvo zurück zu kehren. Ich ließ mir zwar Zeit, war aber trotzdem zu früh dran und da ich wusste, dass Bella es nicht gut heißen würde, wenn ihr Vater mich vor dem Haus warten sah, parkte ich in einiger Entfernung auf einem Waldweg bis der Chief zur Arbeit gefahren war. Es war allerdings nah genug, um Charlie Swans Gedanken aufzufangen. Und da ich Bella nicht direkt versprochen hatte es nicht mehr zu tun, erlaubte ich mir diesen zu lauschen.
„Die Sache mit Samstag ..." begann er und registrierte wie Bella daraufhin zusammenzuckte.
„Ja, Dad?"
„Willst du immer noch nach Seattle fahren?"
„Eigentlich hatte ich das vor."
"Und du bist dir sicher, dass du nicht rechtzeitig zum Ball wieder hier sein könntest?"
„Ich gehe nicht zum Ball."
Warum reagiert Bella nur so verärgert? Das ist doch nur eine normale Frage gewesen! Wollte sie vielleicht gern gehen und es hat sie keiner dazu eingeladen?
„Hat dich niemand gefragt?" Ich kann es mir zwar beim besten Willen nicht vorstellen. Schließlich ist Bella doch ein hübsches, blitzgescheites Mädchen. Das müssten die Jungs ja wohl mitgekriegt haben.
„Es ist Damenwahl."
„Oh." Das heißt dann wohl Bella hatte keine Lust dahin zu gehen. Oder hat sie einen Korb gekriegt? Oder hat sie sich bloß nicht getraut einen Jungen einzuladen? Aber ich glaube, ich lasse das Thema mal lieber. Begeistert scheint sie von dem Gespräch nicht gerade zu sein. Ich muss zum Glück sowieso jetzt los zur Arbeit.
Als Charlie Swan in seinem Streifenwagen davon gefahren war, nahm ich seinen Stellplatz vorm Haus ein. Bella trat kurz darauf aus dem Haus und ihr Anblick raubte mir schier den Atem. Sie war nicht auffälliger gekleidet oder zurechtgemacht als sonst, aber nachdem gestern diese Spannung zwischen uns geherrscht hatte, empfand ich ihre Gegenwart noch viel intensiver.
Ich bemühte mich mir diese Regung nicht ansehen zu lassen, als sie nun zum Auto trat und nach kurzem Zögern schüchtern die Tür öffnete. Mit einem gespielt entspannten Lächeln begrüßte ich meine Mitfahrerin.
„Guten Morgen. Wie geht's?"
„Gut, danke", erwiderte Bella und ich fand ihre Stimme klang so müde wie sie aussah. Auf meine diesbezügliche Feststellung gestand sie: „Ich konnte nicht schlafen."
Beinah hätte ich gesagt: „Ich weiß." Im allerletzten Moment biss ich mir auf die Zunge und scherzte: „Ich auch nicht."
Lachend erwiderte Bella: „Das glaube ich gern. Wahrscheinlich habe ich sogar noch ein bisschen mehr Schlaf bekommen als du."
„Darauf möchte ich wetten."
Es hatte allerdings momentan unbestreitbar seine Vorteile nicht schlafen zu müssen. So konnte ich mich nachts an ihrem Anblick ergötzen. Das konnte ich ihr natürlich nicht sagen, als sie im nächsten Moment wissen wollte: „Und, was hast du die ganze Nacht gemacht."
Diesmal war es an mir zu lachen und ich antwortete: „Keine Chance. Heute stelle ich die Fragen."
Ich war froh, dass mir diese Begründung in diesem Augenblick noch eingefallen war, damit ich keine Lüge erzählen musste. Allerdings war ich schon drauf und dran gewesen zu berichten, ich hätte mit Esme Schach gespielt. Da dies für die Hälfte der Nacht zugetroffen hatte, hätte ich gar nicht allzu viel schwindeln müssen.
„Ach ja, stimmt. Was willst du wissen?", erkundigte sie sich, ihre Stirn in Falten legend.
Ich überlegte, warum sie tat, während ich meine erste Frage stellte. „Was ist deine Lieblingsfarbe?"
Die Augen verdrehend, antwortete Bella: „Die ändert sich täglich."
Diese Auskunft verwunderte mich ein wenig, gab aber gleich den Anstoß für die nächste Frage: „Was ist heute deine Lieblingsfarbe?"
Sie schaute an sich herab und erwiderte: „Braun wahrscheinlich."
Ich sah sie nicht an, als ich verächtlich schnaubend und, mit einer gewissen Skepsis, nachhakte: „Braun?"
Dabei war mir aufgefallen, dass sie sich heute in diesen erdigen Tönen gekleidet hatte. Eine Farbe, die ihr durchaus gut stand, wie ich zugeben musste.
„Klar, warum nicht? Braun ist warm. Ich vermisse Braun. Baumstämme, Felsen, Erde – alles, was braun sein sollte, ist hier ganz und gar mit pampigem, grünem Zeug bedeckt", erklärte Bella heftig und faszinierte mich mit ihrer energischen Verteidigung ihres Standpunktes.
Ich nahm mir einen Moment Zeit darüber nachzudenken und stimme dann zu: „Du hast Recht. Braun ist warm." Dabei dachte ich an den Ton ihres Haares, welches ich nach kurzem Zögern, hinter ihre Schultern zurückstrich, um ihr Gesicht besser sehen zu können. So sehr ich die mahagonifarbene Pracht auch schätzte, so übel nahm ich es ihr, dass Bella sich dahinter so gut verstecken konnte.
Inzwischen hatten wir die Schule erreicht. Vielleicht sollte ich meinen Fahrstil doch mal überdenken, überlegte ich. Die Raserei verkürzte meine Zweisamkeit mit Bella, die ich mehr genoss, als ich sollte, eklatant. Nachdem ich eingeparkt hatte, wollte ich wissen: „Was ist in diesem Moment in deinem CD- Player?"
Bella überlegte kurz und nannte mir dann den Namen einer Band, die ich selbst sehr gern hörte. Mit einem schiefen Lächeln über diese Gemeinsamkeit zog ich das CD- Schubfach unter dem Player meines Volvo auf und nahm zielsicher die angesprochene Scheibe heraus.
„Und dazu Debussy?", vergewisserte ich mich, die Augenbraue hochziehend. Bei meinem Alter war ein ausufernder Musikgeschmack anzunehmen, bei Bella mit ihren siebzehn Jahren erstaunte er mich einmal mehr.
Und es sollten noch mehr Überraschungen folgen. Während des ganzen restlichen Tages bombardierte ich Bella mit meinen Fragen. Egal, ob ich sie zu Englisch begleite, von Spanisch abholte und die ganze Mittagspause hindurch befragte ich sie unablässig zu jeder für mich bedeutsamen Einzelheit ihres Lebens.
Ich wollte Bella besser kennen, als sie sich selbst, um dadurch das Fehlen ihrer Stimme kompensieren zu können. Wenn ich alles über sie wusste, konnte ich ihre Gedanken vielleicht besser schlussfolgern. Vor allem ihre Begeisterung für Bücher, die ebenso groß schien wie meine, fesselte mich. Außer meinen Eltern und Alice hatte ich noch nie jemand getroffen mit dem ich meine Liebe zum Lesen hatte teilen können.
Dieses eine Mal konnte ich auch keine Rücksicht auf die Schüchternheit meiner Gesprächspartnerin nehmen, der es sichtlich peinlich war so im Mittelpunkt meines Interesses zu entstehen. Ich hoffte nur, dass die Ernsthaftigkeit mit der ich ihr zuhörte, dazu beitrug, dass sie immer weiter redete, denn immer neue Fragen schossen mir durch den Kopf. Die meisten beantwortete sie mit Leichtigkeit, einige wenige ließen sie erröten, wozu es bei Bella nicht allzu viel bedurfte. Wenn es passierte, folgten darauf noch mehr Fragen. Und schließlich erwischte ich sie mit meiner Erkundung nach ihrem Lieblingsedelstein eiskalt.
Ohne nachzudenken hatte sie den Topas genannt, war im nächsten Augenblick tiefrot geworden. Dies weckte meine Neugier und so stichelte ich lang nach einer Begründung. Doch sie widerstand meinen Überredungskünsten und so verlangte ich schließlich schlichtweg: „Sag's mir."
Endlich gab Bella seufzend zu: „Es ist deine heutige Augenfarbe. Wenn du mich in zwei Wochen noch mal fragst, mag ich wahrscheinlich den Onyx am liebsten."
Verlegen schaute sie nach diesem Geständnis auf ihre Hände und begann dann mit einer Strähne ihres Haares zu spielen. Ich wünschte, ich wüsste, was in diesem Moment in ihrem Kopf vorging. Da ich es nicht herausbringen konnte ohne sie mit einer Frage danach eventuell noch in größere Verwirrung zu stürzen, wechselte ich prompt das Thema: „Was für Blumen magst du am liebsten?"
Erleichternd seufzend antwortete Bella auf diese Frage und alle weiteren, bis die Mittagspause zu ende war und wir im Biologieklassenzimmer angekommen waren. Mr Banner brachte erneut das Fernsehgestell mit und da ich die gleiche elektrische Spannung wie am Vortag fürchtete, rückte ich meinen Stuhl etwas von Bella weg.
Meine Voraussicht erfüllte sich. Kaum war das Licht aus, kehrte der elektrische Funkenschlag und das rastlose Verlangen Bella zu berühren zurück. In gleicher angespannter Verfassung brachten wir die Stunde mühselig hinter uns. Ich konnte nur vermuten, dass Bella ebenso wenig wusste wie ich, wovon der Film gehandelt hatte.
Sie danach zu fragen, wagte ich nicht, nachdem sie erleichtert aufgeseufzt hatte, als das Licht zum Klingeln wieder anging.
Auch mein vieldeutiger Blick brachte sie nicht zum reden und so begleitete ich sie, wie am Vortag, schweigend zur Turnhalle. Genauso wortlos wie am vorhergehenden Tag verabschiedete ich mit einer sanften Berührung ihres Gesichtes. Da ich Bella nicht wieder beschämen wollte, verzichtete ich in der folgenden Stunde darauf über Mike Newtons Gedanken den Sportunterricht zu verfolgen. Stattdessen konzentrierte ich mich auf weitere Fragen, die ich ihr auf dem Heimweg stellen konnte.
Nach dem Unterricht holte ich sie an der Turnhalle ab und bemerkte ihre Erleichterung mich wieder zu sehen. Ich lächelte darüber und setzte mein Kreuzverhör fort. Meine Fragen wurden nun komplizierter zu beantworten, stellte ich fest, denn Bella überlegte länger, was sie antworten sollte.
Auch als wir schon lange vor dem Haus der Swans standen, konnte ich nicht aufhören sie auszufragen, Beschreibungen zu verlangen von allem, was ich nicht kannte. Ich lernte Bellas Sinn für Details und ihre ausdrucksstarke Art diese zu beschreiben, schätzen.
Meine Augen ruhten ununterbrochen auf ihr, während sie ihre Worte mit Gesten unterstrich und ungehemmt erzählte. Nachdem sie bis in die letzte Einzelheit ihr vollgestopftes Zimmer in Phoenix beschrieben hatte, unterbrach ein Gedanke mich beim Stellen der nächsten Frage.
Ich bin gespannt, was Bella heute kocht. Ich habe einen mordsmäßigen Hunger. Seit sie da ist, freue ich mich jeden Tag aufs Nachhause kommen.
„Ist das alles?", erkundigte sich Charlies Tochter, dessen Gedanken ich gerade aufgefangen hatte.
„Nicht einmal annähernd", warnte ich Bella. „Aber dein Vater wird bald nach Hause kommen."
„Charlie!", seufzte sie, schaute zum regenverhangenen Himmel hoch und fragte: „Wie spät ist es denn?"
Da sie jedoch selbst auf die Uhr schaute, sparte ich mir eine Antwort, sondern erklärte stattdessen: „Das ist die Dämmerung."
Ich schaute nachdenklich zum westlichen Horizont. Noch nie war die Zeit für mich so schnell vergangen wie mit Bella. Noch nie hatte ich mich so menschlich, so behaglich und mit mir selbst im Einklang befunden, wie in den letzten Stunden. Von ihrem Leben zu erfahren, hatte mich von meinem abgelenkt.
Doch jetzt, da die Trennung bevorstand, fiel mir wieder ein was ich war. Mein Blick begegnete dem meiner Beifahrerin, die mich still gemustert hatte, während ich mit scheinbar leerem Blick hinaus gestarrt hatte. Auf ihren fragenden Blick, was mich beschäftigte, erklärte ich: „Für uns ist das die sicherste Stunde des Tages. die einfachste. Aber auch die traurigste, auf eine Art ... das Ende eines Tages, der Anbruch der Nacht. Die Dunkelheit ist so vorhersehbar, findest du nicht?" Ich lächelte wehmütig.
Bella widersprach: „Ich mag die Dunkelheit. Ohne sie würden wir nie die Sterne sehen. Nicht, dass man sie hier besonders oft zu Gesicht bekommt." Ihre letzten Worte begleitete ein Stirnrunzeln, das mich zum Lachen brachte und meine Stimmung aufhellte.
„Charlie wird in ein paar Minuten hier sein. Also, falls du nicht doch noch vorhast, ihm zu erzählen, dass du den Samstag mit mir verbringen willst...", erwähnte ich mit hochgezogener Augenbraue.
„Danke, ich verzichte." Sie klaubte ihre Bücher zusammen und fragte: „Also bin ich dann morgen wieder dran?"
Mit gespielter Entrüstung verkündete ich: „Mit Sicherheit nicht! Ich hab dir doch gesagt, ich bin noch nicht fertig." „Was hast du denn noch nicht gefragt?"
Mich hinüber lehnend, um die Beifahrertür zu öffnen, erwiderte ich: „Das wirst du schon merken - morgen."
Plötzlich stieg mir ein unangenehmer Gestank in die Nase, der meine Hand am Türgriff verharren ließ.
„Auch dass noch", murmelte ich unbeabsichtigt und erregte damit Bellas Verwunderung.
„Was ist?", wollte sie, mich genauestens musternd, wissen.
„Noch eine Komplikation", erklärte ich ihr mit einem kurzen Blick bedrückt. Dann stieß ich die Tür auf und wich schnell zurück, denn im nächsten Augenblick erfasste uns der grelle Scheinwerfer eines ankommenden Autos.
Seine Insassen hatten mich mit ihrem Geruch vorgewarnt, so wie Charlie mit seinen Gedanken.
„Charlie kommt gleich um die Ecke", warnte ich Bella und sie schlüpfte aus dem Auto, obwohl ich ihr ansah, dass sie gern fragen wollte, was mich beunruhigt hatte. Ich bemerkte, dass Bella zuerst versuchte die Insassen des anderen Wagen zu erkenn und dann mich musterte.
Was will dieser Blutsauger hier?! , hörte ich den Gedanken des Beifahrers, in dem mir gegenüber stehenden Auto. Das gleich könnte ich dich fragen, dachte ich. Doch dann fiel mir ein, dass der Polizeichef schon immer Umgang mit den Quileute gepflegt hatte.
Das Haus der Swans stand auf neutralem Boden, ich hatte also ein eben solches Recht hier zu sein wie die Gestaltenwandler. Da Charlies Ankunft bevorstand, verzichtete ich auf eine Konfrontation. Außerdem wollte ich nicht, dass Bella Zeuge einer Auseinandersetzung wurde und diese war unvermeidbar. Ich hatte nicht vergessen, dass Jacob Black es war, der Bella den Weg zum Lüften unseres Geheimnisses geebnet hatte. Mit aufheulendem Motor und quietschenden Reifen raste ich los und verlor innerhalb von Sekunden Bella und ihre Besucher aus den Augen.
