11. Quälende Fragen – London, vier Wochen später

Ein eisiger Wind fegte durch die verwaisten Straßen Londons. Das Wetter war so unbeständig, wie eh und je und doch war es bereits ungewöhnlich kalt für die Jahreszeit. Der noch immer andauernde Regen und die Kälte trieben die Menschen in ihre Häuser. Ria beobachtete durch die hohen Scheiben der Restaurantfenster das abendliche Unwetter. Ein junges Paar eilte über die Straße und kam auf das Restaurant zugelaufen. Ria sah, wie der junge Mann das Mädchen fest an sich zog und versuchte sie mit einem viel zu kleinen Schirm vor dem niederprasselndem Regen zu schützen. Immerhin hatte er an einen Schirm gedacht, bemerkte sie in Gedanken und musste schmunzeln. Eine Welt voll Magie war so anders, ihre Welt war anders – doch war sie auch immer besser?

Eine Hand legte sich auf ihre Finger, die auf der Tischplatte ruhten. Sie sah hinüber und blickte ihn über das Flackern der Kerze hinweg an. Seine Haare waren makellos und trocken, ebenso der teure, blaue Anzug. Natürlich, sie hatten kein Cab nehmen müssen, um hier her zu kommen, sie waren nicht durch die regennassen Straßen Londons gelaufen – das hätte nicht zu ihm gepasst. Er lächelte sie an und drückte ihre Hand etwas fester.

„Alles in Ordnung?" fragte Blaise und beugte sich etwas weiter zu ihr hinüber. Seine dunklen Augen glänzten im Schein der Flamme und ihr blieben die Worte im Halse stecken. Ihre Glieder wogen schwer wie Blei. Als der Kellner kam, um das Essen zu bringen, fürchtete sie, sie würde keinen Bissen hinunter bekommen. Sie nickte nur und griff nach der Gabel. Das Tischtuch war so weiß, dass es sie fast blendete und die einzelne Rose in der kleinen Kristallvase roch so stark, dass der süße Duft sie würgen ließ. Die sanft monotone Musik des Klaviers wuchs in ihrem Kopf zu einem schmerzenden Rasseln und Klirren an. Sie starrte auf ihre bretonischen Jakobsmuscheln und klammerte sich mit der linken Hand an der Tischkante fest, die Rechte umfasste so eisern die Gabel, dass das Blut aus ihren Fingern wich.

„Magst du keine Muscheln?" kam es von der anderen Seite des Tisches. Dieses Mal war ihre Antwort nur ein sachtes Kopfschütteln. Für einen Moment fragte sie sich tatsächlich, ob sie Muscheln überhaupt mochte, doch es war vollkommen einerlei. Das weiß glänzende Fleisch des toten Weichtiers auf ihrem Teller war nicht der Grund für ihr Unbehagen. Sie konnte nicht einmal behaupten, dass ihr übel war und doch drehte sich alles um sie her. Ria schloss die Augen, sog tief die warme, würzige Luft ein, die das Restaurant erfüllte und suchte in ihrem Innern nach dem Grund der Beklommenheit, die mit kalter, schweißnasser Hand nach ihr griff.

Die Gabel fiel zurück auf den Tisch, als sie plötzlich gegen den Schmerz anstrebend die Hand öffnete. Klirrend stieß das versilberte Besteckstück gegen den sandfarbenen Porzellanteller. Irritiert sah Blaise von seinem Teller auf. Zwischen seinen Augen zeichnete sich eine steile Zornesfalte. Sie sah deutlich, wie er sich mühte die verärgerten Blicke von den Nachbartischen zu ignorieren. Für den Moment eines Wimpernschlags, der ihr wie eine Ewigkeit erschien, strafte er sie mit seinen Blick, doch seine Stimme war ruhig und ohne jede vernehmbare Gemütsregung, als er sprach: „Nimm dich zusammen!" Er richtete sich in seinem Stuhl zur vollen Größe auf, tupfte mit der schweren Stoffserviette die Mundwinkel ab und fuhr mit gesenkter, dunkler Stimme fort: „Du sagtest, es wäre kein Problem für dich. Dann benimm dich auch so!" Sein Blick stach durch die trüben Smaragde ihrer Augen und schien ihren schmerzenden Schädel zu durchbohren.

„Die Wahrheit", sagte Blaise und nippte an seinem Weißwein, „ist nicht immer, wie wir sie uns wünschen, oder vorstellen. Sie ist selten nur, was sie sein sollte." Ein spöttisches Grinsen huschte über seine vollen, roten Lippen. „Es tut mir leid, Ria, dass ich sie dir nicht ersparen konnte. Ich verstehe, dass es dich verstört. Solang, so endlos viele Tage und Jahre geblendet worden zu sein, muss schmerzhaft sein – ganz gleich, was du empfunden haben magst. Die Enttäuschung ist zweifellos eine der schmerzlichsten Wunden. Sie heilt nur langsam. Es braucht viel Zeit und Geduld, damit keine Narben zurückbleiben."

Bei seinen letzten Worten hatte er erneut ihre Hand gegriffen und strich flüchtig mit den Lippen über ihren Handrücken. Ein tiefes, dunkles, grollendes Seufzen drang aus ihrem Innern empor, fast einer Klage gleich und warf sich zwischen sie und seine Worte. Grob entzog sie ihre Hand seinem Griff. „Dann willst du also noch immer behaupten", begann sie und war selbst überrascht, über die feste Bestimmtheit ihrer Stimme, „dass alles wahr ist, was du sagtest?" Sie unterdrückte angestrengt ein Blinzeln. Ihre Augen brannten, doch sie zwang sich nicht wegzusehen. „Jedes Wort, jede Silbe, jeder Buchstabe war nichts, als die reine Wahrheit?"

Es war kein Zorn, der sie zittern ließ. Es war keine Wut und keine Enttäuschung, die den letzten Rest Farbe aus ihren bleichen Wangen trieben. Sie hatte Angst und sah deutlich in seinem Blick, dass er es wusste. „Ria", und eine müde, gelangweilte Tönung schwang in seinen Worten mit, „ich habe dir all das nur aus einem Grund erzählt." Er schaute ihr wieder tief in die Augen, als er sich Zeit ließ, um fortzufahren. „Ich wollte dir – Liebes – die Augen öffnen. Nur das und nichts mehr." Unwillig wandte sie den Blick ab und starrte auf ihr noch immer unberührtes Essen, das allmählich an Glanz verlor.

„Hey", Blaise Stimme klang ungewohnt sanft in ihren Ohren, „ich verstehe, dass es dir nicht gleich ist. Das macht die Enttäuschung, der Unmut über die eigene -"

„Nein Blaise!" Der Tisch bebte, als sie abrupt den Kopf hob und die flachen Hände geräuschvoll auf die Tischplatte schlug. Das Tischtuch dämpfte nur wenig den groben Schlag, ihre Handteller schmerzten und sie ignorierten das aufgebrachte Flackern in den dunklen Steinen seiner Augen. „Enttäuschungen sind nur die Ergebnisse zu hoher, falscher Erwartungen. Ich habe nie etwas erwartet, ich kann nicht behaupten, ich sei enttäuscht."

„Dann sag mir, was dir solche Angst macht!" Er wollte nach ihrer Wange greifen, doch sie schob mit einem energischen Ruck ihren Stuhl zurück. Schweigen legte sich für einen Augenblick zwischen die beiden und es war ihr, als hielte jeder in dem kleinen feinen Restaurant in South Kensington den Atem an und lauschte gebannt dem Schauspiel, dass sich ihnen da bieten sollte. Als sie entsagend die Schultern fallen ließ und sich umsah, blickte keiner der um sie sitzenden Gäste zu ihnen hinüber. All die Pärchen und kleinen Gruppen an den benachbarten Tischen waren in ihre augenscheinlich anregenden Gespräche vertieft, oder überaus gründlich damit beschäftigt, ihr viel zu teures Essen zu genießen. Rias Augen hefteten sich wieder auf das makellose Antlitz ihres Begleiters und einen Herzschlag lang zuckte der Gedanke durch ihren Geist, dass sie sich nun auch schon viel zu wichtig nahm.

Langsam und peinigend ruhig legte Blaise seine Serviette neben den halb leeren Teller auf den Tisch und stand auf. Er ging um den Tisch zu ihr hinüber, reichte ihr die Hand und sagte: „Komm, lass uns gehen." Zu erschöpft, um noch aufzubegehren, ergriff die junge Frau die angebotene Hand und ließ sich von ihm zur Garderobe ziehen. Wie es der Anstand verlangte, half er ihr in den dünnen schwarzen Mantel, doch als er das feine Gewebe über ihre Schultern zog, beugte er sich zu ihr hinab und flüsterte dich an ihrem nackten Hals: „Über diesen Abend reden wir noch, Furia!" Dann wich er zurück und erklärte mit normaler, kräftiger Stimme: „Ich bin gleich zurück. Warte hier!"

Nachdem er gezahlt hatte und zurück in die Garderobe kam, war sie verschwunden.

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Schließlich hatte es aufgehört zu regnen. Es ging noch immer ein eisiger Wind und in den Straßen roch es nach nassem Asphalt. Sie fror in dem dünnen Wollstoff des leichten Mantels, den sie über dem noch dünneren Abendkleid trug. Ihr schwarzes, hochgestecktes Haar klebte feucht an ihrem erhitzten Kopf. Sie hatte bereits mehrere Straßenzüge hinter sich gelassen, als sie in der Ferne die Glocke der Holy Trinity Kirche läuten hörte. Es war bereits nach Mitternacht, zu spät für die letzte Tube. Sie lief bis zur Thurloe Street und hielt ein Taxi an.

Hastig ging sie um den schwarzen Wagen und öffnete eine der hinteren Türen. Das Metall des Rahmens lag kalt in ihrer Hand. Sie wollte einsteigen und hielt plötzlich inne. Die sechs Meilen nach Camden würden mit dem Taxi gut und gerne dreißig Minuten dauern und die Kirchenglocken kündeten bereits, dass es halb eins war. Der Fahrer warf ihr einen fragenden Blick zu und ihr fiel siedend heiß ein, dass sie außer ihrem Zauberstab und ein paar Gallonen, die in der rechten Manteltasche klimperten, nichts bei sich trug – vor allem kein Muggelgeld.

Verlegen entschuldigte sie sich bei dem müden Mann hinter dem Steuer und schloss die Tür wieder. Sie rieb mit beiden Händen ihre Oberarme um die Kälte zu vertreiben und blickte sich um. Nur ein paar Schritte entfernt lag eine Einfahrt in eine schmale Seitenstraße. Sie ging auf die Straße zu, ohne darauf zu achten, ob sie jemand beobachtete. Sie erreichte die schmale Gasse, lief ein paar Schritte hinein und war mit einem kaum vernehmbaren Laut, der leise zischend durch die Luft schnitt, verschwunden.

Als sie kaum einen Herzschlag später in den Lichtkegel einer Laterne trat, las sie auf dem Straßenschild „Manstone Road". Ria blickte sich um. Haus an Haus reihte sich aneinander, die schmalen Vorgärten meist nicht begrünt, sondern gepflastert, oder geteert. Nur noch in wenigen Fenstern brannte Licht. Neben der Tür des Hauses, dem sie am nächsten stand, prangte eine kupferne achtzehn. Sie wandte sich nach links und ging mit schweren Schritten die Straße hinauf. Harry hatte ihr die Adresse genannt, sie hoffte, sie erinnerte sich recht, doch als sie vor dem Haus mit der Nummer 40 stehen blieb, kamen ihr Zweifel. Sie war hier gewiss nicht richtig. Das rote Backsteinhaus lag vollkommen im Dunkeln. Nichts regte sich. Neben der nur wenig vertrauenserweckenden Eingangstür lag ein umgeworfenes Kinderfahrrad und etwas, das im matten Schein der Straßenlaternen aussah wie das Papier einer Portion Fisch und Chips. Der Teer in der Einfahrt bröckelte.

Sie blieb stehen, unfähig eine Entscheidung zu treffen und verschränkte die Arme vor der Brust. Die Kälte schlüpfte durch ihre Riemchensandalen, schlich die nackten Beine hinauf, unter Kleid und Mantel. Ärger hämmerte hinter ihrer in Falten gelegten Stirn. Vor wenigen Stunden noch, war sie überzeugt gewesen von der Wahl des dunkelgrünen Seidenkleids, nun schien es ihr denkbar unpassend. Der feine Stoff fühlte sich ungewohnt weich auf ihrer Haut an, doch er konnte nicht die Kälte von ihrem Körper fern halten. Sie hatte das Kleid erst vor einigen Tagen gekauft, für eben diesen Abend. Sie hatte schön und begehrenswert sein wollen, doch nun schalt sie sich einmal mehr in ihrem noch so jungen Leben naiv.

Immer war sie blass und unscheinbar gewesen, mit müden, glanzlosen grünen Augen und kraftlosem, filzigen schwarzen Haaren. Nun drückten die ungewohnt hohen Schuhe auf ihre Fußballen, sie fror erbärmlich und stand vor einem Haus, von dem sie sich nicht einmal sicher war, ob es jenes war, nachdem sie suchte. Erschöpft trat sie etwas auf die Seite und lehnte sich mit der Hüfte gegen die niedrige Mauer, die die Einfahrt eingrenzte. In der Ferne hörte sie das Motorengeräusch eines Fahrzeugs und irgendwo fiel eine Tür unachtsam und laut ins Schloss. Der Wind rauschte in ihren Ohren, als er unsanft über ihren Hals strich und in den Kragen des Mantels fuhr. Mit zusammengezogenen Schultern stand sie an die Mauer gelehnt da, die kalte Luft trieb ihr Tränen in die müden Augen, während sie auf das dunkle Haus starrte.

Es wäre ein Leichtes gewesen, sich abzuwenden und nach Highgate, nach Hause zurückzukehren. Er hätte nie erfahren, dass sie hier gewesen war und nichts hätte sich geändert. Doch sie konnte nicht. Ria stand vor dem Haus in der Manstone Road Nummer 40 und kämpfte mit sich und ihren Gefühlen und Gedanken. Sie war hergekommen, weil Fragen in ihrer Seele brannten und sie Antworten wollte. Doch nun musste sie sich selbst fragen, ob es noch etwas änderte. Es gab Fragen, die stellte man nie, weil man ihre Antwort bereits kannte und es gab jene, die man für sich behielt, weil man die Antwort fürchtete. Sie wusste nicht recht, zu welcher Kategorie ihre Fragen gehörten, doch sie ahnte, dass sich ihre Zukunft mit oder ohne Antworten kaum ändern würde.

Und doch konnte sie nicht gehen und die Manstone Road hinter sich lassen. So stand sie eine ganze Weile, vor Kälte zitternd, mit feuchten Haaren und zaudernd. In einem der Vorgärten unweit der Nummer 40 balgten sich zwei Katzen, als im Erkerfenster im ersten Stock unvermittelt das Licht anging. Die nackten Fenster boten Einblick in ein fast leeres, möbelloses Zimmer, mit nüchternen, angegrauten Wänden und einer einsamen Glühbirne in einer rostigen Fassung, die von der Decke baumelte. Etwas regte sich in dem Zimmer, doch außer einem flüchtigen Schatten an der Wand konnte Ria nichts ausmachen.

Vorsichtig stieß sie sich von der Mauer ab und ging dichter an das Haus heran. Sie schob den Kopf in den Nacken und starrte hinauf, während ihr Blick nervös nach einem Anzeichen dafür suchte, wer dort oben noch wach sein mochte. Der Schatten schlich näher ans Fenster. Ria rieb mit zwei Fingern über die zusammengekniffenen, tränenden Augen und als sie sie wieder öffnete, sah sie durch die Fensterscheibe eine schwarzgekleidete Gestalt, die ihr den Rücken zukehrte. Sie schluckte und war sich plötzlich sicher. Hastig eilte sie auf die marode Haustür zu, zog ihren Zauberstab aus der Manteltasche, tippte auf das Schloss und war im Hausflur verschwunden. Die kalte, finstere Nacht blieb auf der menschenleeren Straße zurück, als die Tür mit einem leisen Klicken wieder schloss.

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Er steckte noch immer in den unbequemen, engen Schuhen und war noch nicht dazu gekommen das Jackett auszuziehen, als es unerwartet an der Tür klopfte. Bei dem dumpfen, pochenden Laut fuhr er zusammen, um sich gleich wieder zu fangen und sich zu fragen, wer um diese Zeit noch etwas von ihm wollte. Mit einem entnervten Seufzen stellte er das Glas Goldlackwasser, das er sich soeben eingegossen hatte, auf den Kaminsims und ging zur Tür. Er machte sich nicht die Mühe die absonderliche Muggleerfindung des Türspions zu benutzen, drückte die Klinke hinunter und öffnete. In der Erwartung die alte Miss Martins aus dem untersten Stock vorzufinden, die sich über das nächtliche Rumoren und Poltern im Kamin beschweren wollte, hob er bereits zu einer Entschuldigung an, als er jäh inne hielt.

Ein spontaner Freundschaftsbesuch Harry Potters hätte Draco weit weniger überrascht und so blickte er sie einfach nur wortlos an. Seine klaren blauen Augen musterten sie von den feuchten, hochgesteckten Haaren, über den schwarzen Mantel, bis hinab zu den offenen braunen Sandalen. Mit beiden Handflächen rieb er sich durchs Gesicht, kniff die Augen zusammen und presste dabei die Lider so hart aufeinander, dass der Schmerz Sterne vor seinen Pupillen tanzen ließ. Als er die Augen wieder aufschlug, war sie noch immer da und er sicher, dass sie tatsächlich vor ihm stand.

„Hast du dich verlaufen?" waren die ersten Worte, die ihm über die Lippen kamen und sofort biss er sich auf die Zunge. Allmählich wurde es wahrlich Zeit den eingebildet arroganten, leicht verletzlichen, dünnhäutigen und nachtragenden Slytherin aus seinen Tagen in Hogwarts hinter sich zu lassen und sich zu benehmen wie ein vermeintlich erwachsener Mann. Ria sah ihn irritiert an, doch sie fing sich schneller als erwartet. „Nicht direkt", war ihr Antwort, als sie mit der Geste einer Hand an ihm vorbei in die Wohnung zeigte, um ihm deutlich zu machen, dass sie hereinkommen wollte.

Nur zögerlich öffnete er die Tür ganz und trat mit Widerwillen auf die Seite, um sie eintreten zu lassen. Mit festen Schritten ging sie an ihm vorüber in den Flur und warf einen skeptischen Blick um sich, während er die Tür wieder schloss. Ria spürte seine Augen in ihrem Rücken. Als sie sich umdrehte, stand er mit verschränkten Armen und abwartender Miene im Flur, gleich einem unüberwindbaren, entschlossenem Wächter, der sie nicht wieder würde gehen lassen, ehe sie ihm zufriedenstellend erklärt hatte, warum ausgerechnet sie es wagte mitten in der Nacht an seine Tür zu klopfen. Kritisch beäugte sie Draco, der in dem schwarzen Anzug mit dem schwarzen Rollkragenpullover in dem Gewirr aus wenigen Kartons, einer leeren, achtlos in die Ecke geworfenen Reisetasche und der geschmacklosen bunten Zeichnung eines jungen Mädchens an der mausgrauen Wand fast skurril komisch wirkte.

Dracos Augen folgten ihrem Blick und blieben an der Zeichnung hängen. „Gefällt es dir nicht?" fragte er, indem er mit einer Hand an den schmucklosen Rahmen fasste, als würde er das Bild zurechtrücken. „Von deinem Vormieter?" stellte sie ihre Frage dagegen, doch ihre Worte kamen mehr einer Feststellung gleich. Er brummte zustimmend. „Ich denke", seine Stimme klang seltsam jungenhaft, „ich werde es hängen lassen."

Dann ließ er je von der schon leicht vergilbten Geschmacksverirrung ab und ging an Ria vorüber in ein angrenzendes Zimmer. Hastig setzte sie ihm nach und stellte fest, dass sie sich in dem Erkerzimmer befanden, das auf die Straße hinaus zeigte. „Möchtest du auch ein Glas?" fragte Draco und hielt das Glas Goldlackwasser in die Höhe, das er soeben vom Kamin genommen hatte. „Gern", erwiderte sie sehr zu seiner Überraschung und schaute sich genauer im Zimmer um.

Ein altes, verstaubtes Kabinett stand an der Wand gleich neben dem Kamin, in dem sie einige Bücher ausmachte und aus dem Draco nun die Flasche Goldlackwasser und ein Glas nahm. Gleich daneben befand sich ein wacklig dreinschauender dreibeiniger Tisch, an dem zwei betagte Stühle standen. Kein Bild hing an der Wand, die Stuckleisten waren brüchig und die Decke zierten dunkle Rußflecken. „Du kannst dir mehr leisten als das", entschlüpfte es ihr, ehe sie über ihre Worte nachdenken konnte. „Vielleicht brauche ich nicht mehr als das!" erwiderte er, während er ihr das Glas Goldlackwasser hinhielt.

Mit betretenem Blick nahm sie ihm die klare Flüssigkeit ab. Für einen Moment ertranken ihre Augen in dem schweren Glas und starrten gebannt durch den schimmernden Boden, als er endlich weiter sprach. „Und", begann Draco und nippte an seinem Goldlackwasser, „was führt dich hier her?" Seine Worte fielen scheinbar belanglos zwischen sie auf den Boden. Er schob die freie Hand in die Hosentasche und wartete. Ihre Finger fuhren über den feuchten Rand des Glases, während sie zu überlegen schien. „Du hast verdammt schnell eine Wohnung gefunden", umging sie seine Frage. Einmal mehr blickte er sie misstrauisch an.

„Harry war so gütig mir zu helfen", er stellte das Glas wieder auf den Kaminsims. „Aus welchen Gründen auch immer." Sich abwendend streifte er das Jackett von den Schultern, setzte sich auf einen der klapprigen Stühle und begann die Knoten seiner Schnürsenkel zu lösen. „Bitte Ria", er zog den ersten Schuh aus und ließ ihn hörbar auf den abgetretenen Holzboden fallen, „es ist spät und ich bin verdammt müde. Mein Tag war lang und anstrengend, also sag mir, was du willst und dann gönn mir meine Ruhe und vor allem meinen Schlaf." Der zweite Schuh fiel ebenfalls. Er stützte die Hände auf die Knie und blickte zu ihr hinauf.

Wieder erhielt er nur Schweigen zur Antwort, während sie mühevoll seinen Blick erwiderte. Mit Unbehagen beobachtete er, wie ihre Hände leicht zitterten und ihre Lippen sich zu einem schmalen, ernsten Strich verzogen. Sie schien nicht wirklich bester Laune zu sein, doch ihm fehlte die Kraft für eine neuerliche Auseinandersetzung. Plötzlich stellte sie das Glas scheppernd neben das seine auf den Kamin, trat an den noch freien Stuhl und knöpfte ihren Mantel auf.

„Zeit, Draco Malfoy", ihre Stimme bebte, als sie den schwarzen dünnen Stoff auszog und über die Stuhllehne warf, „ist wohl etwas, an dem es dir im Augenblick grundsätzlich mangelt. Oder wie möchtest du erklären, dass dich deine Kinder in den letzten Wochen so überaus selten gesehen haben und mich dein Anwalt fortwährend vertröstet, er würde mir die Papiere zukommen lassen, sobald du dich bequemst sie zu unterschreiben." Wütend erhob Draco sich und trat auf sie zu. „Diese verdammten Papiere habe ich vor kaum drei Tagen erhalten." Er spuckte ihr die Worte wie Gift ins Gesicht. „Mach Dich nicht lächerlich mit deiner übertrieben Eile Ria. Du bekommst deine Scheidung, keine Sorge. Doch wenn du gekommen bist, um zu streiten, dann geh. Ich bin der bösen Worte überdrüssig und ich weiß nicht, was du noch von mir willst. Als du wolltest, dass ich geh, bin ich gegangen, du willst du Scheidung und du sollst sie haben. Warum also tauchst du hier mitten in der Nacht auf? Nur, um von mir eine Unterschrift einzufordern, die nach sechs Jahren auch noch einen Tag wird warten können?"

Er wandte sich von ihrem zorn- und wutverzehrten Gesicht ab, ging zum Kamin und leerte sein Glas in einem Zug, eh er sich wieder umdrehte. „Woher bei Merlins Bart weißt du überhaupt, wo ich wohne?"

„Von Harry", erwiderte sie unumwunden. Dracos aufgebrachte Mine fiel in sich zusammen. Mit einer fahrigen Geste deutete er auf seine Füße und sagte: „Harry?" Das Wort klang ungewollt komisch und herablassend. „Ausgerechnet Harry Potter hat dir erzählt, dass ich hier wohne." Sie nickte stumm und er quittierte es mit einem verstehenden Brummen.

„Ich nehme an, du hast ihn gefragt." Seine Hand fuhr durch das blonde Haar. „Ich meine, ich kann mir kaum vorstellen, dass es unserem Retter wahrhaftig daran gelegen ist, dass du hier aufkreuzt, also hast du ihn gefragt." Wieder nickte sie. Sein Blick sprach von Unverständnis und Zweifeln, als er sie durchdringend anstarrte und musterte. Der grüne Seidenstoff hob sich ausnehmend von der ergrauten Wand ab und es schoss ihm unvermittelt durch den Kopf, dass er sie noch nie in diesem Kleid gesehen hatte. Müde, erschöpft und dennoch aufgewühlt lehnte er einen Ellenbogen auf den Kaminsims.

„Und warum, hast du ihn gefragt?" er konnte den gereizten Ton in seiner Stimme nicht verbergen. Die Stirn gegen die Handfläche gepresst spähte er mit gesenktem Kopf zu ihr hinüber. Vor einer Woche hatte er die kleine Zweizimmerwohnung in Camden bezogen. Das Haus war alt und renovierungsbedürftig, die Wohnung nichts Besonderes - doch sie war ihm hundertfach besser erschienen gegenüber der Option weiterhin bei Terry auf der Couch zu hausen. Ruhe und ein wenig Ordnung hatte er sich versprochen, doch der taumelnde Strudel absurder Verwirrung und heillosen Chaos wollte nicht abreißen. Er konnte nicht behaupten, dass er sich an den Gedanken gewöhnt hatte, nicht länger mit seiner Familie zusammenzuleben, doch unentwegt mit dem Gesicht voran in den Scherben gestoßen zu werden, der sein gescheitertes Leben, half ihm nicht wirklich. Der Wortkrieg zwischen ihm und Ria zehrte seine Kräfte auf und er fand noch immer keinen Weg, um seine Eifersucht niederzuringen.

Er musterte ihre Erscheinung in der grünen Seide, die nackten Füße in den feinen Sandalen, die ordentlich hochgesteckten Haare, die dunkelgeschminkten Augen – sie hatte sich fraglos nicht so für ihren Besuch in der Manstone Road hergerichtet. „Woher kommst du eigentlich?" setzte er hinzu, ehe sie seine andere Frage beantworten konnte.

„Ist das wichtig?" Ihre Worte waren bissig, sie war offensichtlich nicht gewillt ihm Rede und Antwort zu stehen. Sie war hier um zu fragen.

„Wo sind die Kinder?" umging Draco seinerseits ihre Frage.

„Bei Harry und Ginny", antwortete Ria und ihre Hände beschrieben eine ausladende, erzürnte Geste. „Was soll das Draco, du weißt, ich würde sie nie allein lassen oder in die Obhut von jemandem geben, dem ich nicht traue."

„Und du würdest sie sicher auch nicht in der Obhut einer Person lassen, der ich nicht traue, nicht wahr?" Es war klar, worauf er hinaus wollte, doch sie ignorierte es und strich mit den Handflächen über ihre bloßen Arme. „Das Kleid ist neu", stellte er trocken fest. Irritiert sah Ria erst ihn an und dann an sich herab.

„Gefällt es dir nicht?" entschlüpfte es ihr erneut, ohne dass sie es wirklich hatte aussprechen wollen. Sie drehte die grünen Augen gen Decke und schlug sich mit der Hand vor die Stirn. Draco sagte nichts. Die Antwort war viel zu beschämend, denn sie gefiel ihm in dem knielangen Kleid mit den dünnen Trägern. Erhitzt verzog Ria das Gesicht und drehte ihm verlegen den Rücken zu. Sie schien kaum zu ertragen, wie er sie an sah, doch noch schlimmer war für Draco der Anblick, dem sie ihm bot.

Die zierlichen Träger liefen in einem schmalen Kreuz über ihrem Rücken zusammen und ließen entschieden zu viel der feinen blassen Haut unbedeckt. Er verkniff das Gesicht, starrte auf den Boden vor dem Kamin und musterte den feinen Glanz des Flohpuders. Es half nichts. Nur selten in seinem Leben hatte er sich gewünscht, kein Mann zu sein – nun tat er es mit aller Inbrunst.

„Tu mir einen Gefallen, nur einen einzigen noch Ria und geh!" Er sprach zum Fußboden, verzweifelt darum bemüht die aufsteigende Hitze in seinem Innern niederzuringen. An seinen Socken klebte schillernd das leuchtende Puder, die müde glimmende Glut im Kamin knisterte leise in die Stille zwischen ihnen. Schweigen erfüllte den Raum und schien sich unaufhaltsam weiter auszubreiten und zu verdichten.

Draco schloss die Augen und konnte die sanften Laute ihres Atems nicht ignorieren. Alles, woran er denken konnte, war die Tatsache, dass er verloren war. Über die dichte Stille hinweg fragte er sich, ob er je darüber hinwegkommen würde, gescheitert zu sein. Seit mehr als sechs Jahren war nichts mehr in seinem Leben so, wie es einmal hatte sein sollen. Er hatte sich für sie und seine Kinder geändert, ein neuen Weg gewählt und ein anderes Leben begonnen. Doch auch dieses Leben hatte er nicht zu halten gewusst und nun zerfiel es vor seinen Augen mehr und mehr zu Nichtigkeit und Irrsinn. Doch vor allem fragte er sich, ob er je über sie, Ria, hinwegkommen würde.

„Ich bin nicht", sie schluckte schwer und ihre Stimme zitterte, „ich bin nicht gekommen, um zu streiten Draco." Ihr Blick fiel auf den Boden zwischen ihnen und er musste sich fragen, warum sie mehr und mehr mit sich ringen musste, um ihm in die Augen zu sehen. „Es geht nicht um die Scheidungspapiere. Ich wollte etwas anderes, ich wollte dich fragen was -" Sie brach im Satz ab. Ihre Finger hakten sich ineinander und sie starrte auf ihre Hände hinab. Ein Schaudern durchfuhr ihren Körper ehe sie weitersprach: „Es geht um deine Familie."

Das Unverständnis in ihm breite sich aus und durchflutete jede Faser seines Körpers. Es wollte sich ihm nicht erschließen, worauf sie hinauswollte. „Welchen Teil meiner Familie?" fragte er skeptisch und wusste doch, dass sie kaum sich und die Kinder gemeint hatte. Die Glut im Kamin knackte und knisterte hörbar, als einer der Scheite in sich zusammenfiel.

„Deine Eltern", erwiderte sie und hob endlich die Augen. Sie musste sich sichtlich zwingen ihn anzusehen, doch sie wandte den Blick nicht wieder ab, als sie weitersprach. „Deinen Vater und deine Mutter, ich verstehe nicht, wieso -"

„Was?" fuhr Draco ihr ins Wort. „Was verstehst du nicht an einem rachsüchtigen, hassenswerten Vater, der den Rest seines Lebens in Askaban verbringen wird, weil er Tod und Verderben über diese Welt gebracht hat und einer Mutter, die vor ihrer Vergangenheit geflohen ist. Ich habe sie seit Jahren nicht gesehen Ria, ich weiß nicht einmal, wo sie sich im Augenblick aufhält und ich will es auch nicht wissen. Die Tage, in denen diese Menschen unser Leben beeinflusst haben, sind lange vorüber. Warum kommst du ausgerechnet heute Nacht, nach all den Jahren, in dieser Situation zu mir und willst dieses längst abgeschlossene Kapitel wieder hervorkramen?"

Er kochte innerlich, nicht nur vor Wut und Zorn. Unbehagen und Angst, Unverständnis und Verzweiflung klangen in seinen Worten mit – er wollte nicht mit ihr über jenen Teil seiner Geschichte sprechen, den er glaubte lang schon hinter sich gelassen zu haben.

„Du hast gegen deinen Vater ausgesagt." Er quittierte ihre Aussage mit einem schweren Seufzen und trat einen Schritt auf sie zu. Sein Blick bat sie flehentlich zu schweigen, als er heftig den Kopf schüttelte.

„Du hast ihn ins Gefängnis gebracht Draco, obwohl du", sie suchte verzweifelt nach den richtigen Worten. „Damals in Hogwarts", fügte sie stammelnd hinzu, „warum hast du nicht auch -"

„Das reicht!" wieder schnitt er ihr die Worte ab. Sein Körper war angespannt wie die Sehne eines Bogens, die den Pfeil kaum noch hielt. Seine Hände waren schweißnass und er blinzelte, als er die einzelne Träne im Augenwinkel spürte. Doch er wandte den Blick nicht von Ria ab. Er wusste nicht, ob er nun wütend, oder enttäuscht war. Er wusste nur, dass er es leid war, sich derart elend und machtlos zu fühlen. Gleich was sie tat, sagte oder forderte, es gelang ihr in letzter Zeit immer wieder, ihn an die Wand zu stellen, ihn in die Ecke zu drängen und zu Boden zu zwingen.

Sie stand vor ihm. Stumm, mit blassen Zügen und sie suchte danach mit ihren durchdringenden grünen Augen bis auf seine Seele zu blicken, wie sie es schon so oft versucht hatte. Er spürte die Mauer, die seinen Geist umschloss, bröckeln. Für einen Moment drohte die Schwäche, die Anstrengung der letzten Tage ihn zu überwältigen, doch dann fing er sich wieder. Er kniff die Augen zusammen und rieb mit dem Daumen über seine Nasenwurzel. Er konnte nur noch mehr verlieren, wenn er die Barrikade nun aufgab. Bereits jetzt war er ein gefundenes, ein leichtes Fressen für sie, er durfte ihr nicht noch mehr Angriffsfläche bieten.

Als er die Augen wieder aufschlug, blickte er direkt in Rias dunkelgrüne Seen, doch sein Geist blieb vor ihr verschlossen. Sie trat auf ihn zu und war ihm plötzlich so nah, dass er glaubte die Wärme ihres Körpers durch den wollenen Stoff seines Pullovers zu spüren. Ihr Blick strich fragend, beinahe ängstlich und doch schuldbewusst über seine eisernen Züge. Er dachte nicht daran, nun aufzugeben, als sie den Blick senkte, seine rechte Hand nahm und die klammen Finger durch ihre gleiten ließ. Sie berührte das kühle Metall an seinem Ringfinger und blickte einmal mehr auf. Seine Augen ertranken in den ihren und seine Stimme war dünn und kraftlos, als er flüsterte: „Lass es Ria! Du willst das nicht tun."