Juan Rodriges seufzte und blickte seine Frau verzweifelt an. „Was sollen wir nur machen, Maria?" rief er ratlos.
Sie antwortete nicht. Was sollte sie darauf auch antworten? Sie selbst hatte keine Lösung für ihre Not. Das Baby schrie und sie sprach leise beruhigende Worte, während sie die Kleine sanft auf Ihren Armen wiegte. Charlotte hörte mit dem Schreien auf, quengelte aber weiterhin. Offensichtlich spürte es die innere Unruhe der Mutter.
Wer hätte auch ahnen können, dass alle Dinge zusammenkommen würden. Erst die erdrückende Steuerlast DeSotos, dann die Erkrankung seiner Tiere, und vor zwei Tagen war er auch noch ausgeraubt worden, so dass die restlichen Ersparnisse auch weg waren. Sie standen vor dem Ruin. Da half es auch nicht, dass die Banditen tags darauf festgenommen worden waren. Das Geld war weg – investiert in Glücksspiele, Alkohol und Gefälligkeiten des horizontalen Gewerbes. Alles vorbei und er war am Boden, stand vor dem Scherbenhaufen dessen, was er mühsam aufgebaut hatte.
In diesem Moment klopfte es an der Türe. Wer mochte das sein, am frühen Abend?
Das Ehepaar starrte sich erschrocken an. Das konnte nichts gutes bedeuten. Keine ihrer Freunde pflegte so beherzt an ihre Türe zu klopfen, davon abgesehen, hatten diese selber kaum genug zum Leben und ihnen im Rahmen ihrer Möglichkeiten bereits genug geholfen.
Waren die Soldaten erneut gekommen? War es denn immer noch nicht genug?
Jemand klopfte erneut laut an der Türe. „Senor Rodriges, ich weiß, dass Ihr mit eurer Familie zu Hause seid. Macht auf. Ich will Euch nichts Böses" erklang eine dunkle und entschlossene Stimme.
Juan kam die Stimme vage bekannt vor. Eingeschüchtert wagte er nicht, weiter zu schweigen und antworte unsicher, während er zu seiner Frau blickte, die ängstlich versuchte, ihr Kind ruhig zu halten. „Wer seid Ihr?"
„Zorro! Nun macht schon auf, Senor!"
„Zorro…" wiederholte er atemlos. Maria starrte in an und wiederholte tonlos „Zorro". Beide waren verwirrt und konnten ihr Glück nicht fassen.
„Rodriges?" fragte der Held erneut von draußen.
Endlich löste such Juan von seiner Starre und hastete zur Türe. Entschossen öffnete er.
Vor ihm stand die bekannte schwarze vermummte Gestalt und lächelte ihn ermunternd an. „Darf ich hereinkommen?"
„Natürlich, Zorro!" Noch immer verwirrt, trat Juan zurück und ließ den Besucher eintreten.
Zorros Präsenz erfüllte sofort den Raum der kleinen Stube. Er wandte sich an Maria, die ihn freudig, aber auch ein wenig unsicher ansah. Sie war, wie auch ihr Mann, selten im Pueblo und hatte den berühmten Kämpfer erst wenige Male gesehen. Dieser streckte seine Hand aus und fuhr Charlotte sanft über die wuscheligen Haare, welches die Kleine ganz untypischerweise für ihr Alter besaß. Die Mutter blieb bewegungslos und blickte verwirrt auf das Geschehen.
Dem Baby schien dies zu gefallen und wurde etwas leiser. Vielleicht spürte es aber auch nur die Erleichterung seiner Mutter, die trotz ihrer Überraschung Hoffnung schöpfte. „Wie geht es ihr, Maria? Schreit Charlotte immer noch so viel?"
„Ja, Zorro." antwortete sie perplex. Die Legende erschien ihr seltsam menschlich. Ein Held, der sich um schreiende Babys kümmerte?
Juan stand nun neben den beiden und staunte ebenfalls nicht schlecht darüber, was vor sich ging.
Zorros Hand griff nach einem Beutel, der an seinem Gürtel hing. Vorsichtig löste er ihn vom Gurt und überreichte ihn Maria. „Hier, das dürfte die Blähungen etwas lindern. Übergieße 2 Esslöffel davon mit 1 Liter kochendem Wasser und warte fünf Minuten. Das reicht für einen Tag. Am besten gibst du ihr es jeweils nach den Mahlzeiten. Der Inhalt dieses Beutels reicht erst mal für zwei Wochen. Wenn es hilft, lasse ich dir mehr zukommen".
Sie nickte nur, immer noch verwirrt über sein Verhalten.
Der Maskierte wandte sich nun dem Ehemann zu und meinte: „Ich bin jedoch nicht nur wegen Eurer Kleinen gekommen, wie Ihr Euch sicher denken könnt".
Dieser nickte zustimmend. „Das ist anzunehmen, Senor".
„Dann hört mir zu. Da Alejandro de la Vega angeschossen wurde, benötigt seine Familie Hilfe. Ich habe mit dem jungen Vega gesprochen. Er ist bereit, Euch für einige Wochen einzustellen. Ihr werdet nach Stunden bezahlt und sehr zufrieden mit seinem Angebot sein".
„Bei den Vegas?" flüsterte Maria ehrfürchtig während ihr Mann freudig lächelte. Bei diesen Caballeros zu arbeiten war ein Privileg- es war nicht nur bekannt, dass sie ihre Bediensteten und Gehilfen gut bezahlten, sondern auch, dass sie sie sehr respektvoll behandelten und jeder glücklich war, dort zu arbeiten.
„Senor Zorro, wie habt Ihr das geschafft? Ich meine, bei den Vegas..." stammelte er freudig.
Der Outlaw grinste schief. „Das war nicht besonders schwer, Rodriges. Meist sind die Menschen doch recht kooperativ, wenn ich sie besuche – mit Ausnahme des Alkalden, natürlich. Er war sofort einverstanden. Davon abgesehen hat er davon gehört, dass Ihr sehr tüchtig seid und kann Hilfe jetzt gut gebrauchen".
„Wie lange wird mein Mann arbeiten? Wird er auch dort übernachten?" fragte Maria mit einer Mischung aus Erleichterung und Furcht. Ganz offensichtlich fühlte sie sich noch überfordert, den ganzen Tag auf ihn zu verzichten und hatte wohl auch ein wenig Angst, durch diese neue Aufgabe zu vereinsamen.
„Macht Euch keine Sorgen, Senora. Er wird Euch entgegenkommen. Euer Mann wird sich mit Diego in Ruhe besprechen, wann und wie lange er bei ihm arbeiten kann".
„Ich danke Euch, Zorro" erwiderte sie glücklich.
„Er bittet Euch, am Montag nach der Siesta vorbeizukommen" informierte er. „Und bis dahin…"
Diesmal griff er in seine Hosentasche und holte einem weiteren Beutel hervor, den er Juan sofort zuwarf. Dieser war geistig gegenwärtig genug, ihn aufzufangen.
„Das dürfte Euch helfen, die Tage bis dahin zu überbrücken und einige Dinge zu ersetzen, die Ihr verloren habt".
Juan starrte auf den Beutel. „Senor, ich weiß nicht, wie ich Euch danken soll" sagte er mit rauer Stimme, als er endlich wieder reden konnte. Mehr brachte er, tief ergriffen, nicht heraus.
„Dankt mir, indem Ihr Euch würdig erweist, so wie Ihr es auch bisher getan habt. Ich würde es bedauern, einen solch guten Mann, wie Ihr es seid, für Los Angeles zu verlieren".
Maria blickte ihn an, mit Tränen in den Augen. „Auch Ihr seid solch ein guter Mann" flüsterte sie.
Ihr Besucher lächelte erfreut und bedanke sich durch ein leichtes Kopfnicken, ehe er fortfuhr: „Seid jedoch vorsichtig. DeSoto wäre alles andere als begeistert, wüsste er, dass Ihr das Geld von mir habt. Sagt einfach, es sei ein Vorschuss von Diego Vega, wenn jemand danach fragt. Und verwendet es weise, wenn Ihr Aufmerksamkeit erregt, hilft das keinem".
„Ja, das werde ich, Zorro" versicherte Rodriges.
„Gut. Nun dann…"
Der Mann mit der Maske hob seine Hand zum Abschied. Er war bereits wieder zur Türe geeilt. „Lebt wohl. Adios". Ehe einer der beiden antworten konnte, war er bereits durch die Tür verschwunden.
„Woher wusste er das alles? Ich meine damit, er war über alles informiert, auch über die Probleme mit Charlotte" fragte sie nach einer Weile mit tiefer Bewunderung in ihrer Stimme. Das Baby war mittlerweile eingeschlafen.
Juan zuckte ratlos mit den Schultern. „Keiner weiß das, Liebes. Das ist eben Zorro. Nichts geschieht ohne sein Wissen".
Sie antwortete nicht. Beide starrten noch eine ganze Zeit lang auf die Türe, durch die der Held verschwunden war, ehe sie wieder ihrer Arbeit nachgingen.´
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Währenddessen war Zorro bereits auf den Weg nach Hause. Sein treues Pferd hatte draußen geduldig gewartet. Im Schutz der Dunkelheit ritt er zu seinem Versteck. Unterwegs überdachte er nochmals kurz die Ereignisse.
Er hatte lange überlegt, ob er Juan als Diego oder Zorro besuchen sollte und sich darüber auch mit seinem Vater unterhalten. Eine ganz neue Erfahrung. Allerdings hatte sein Vater eher für Diego plädiert. Schließlich war die Entscheidung dann doch auf Zorro gefallen. Dies hatte zwei Vorteile. Auf diese Art hatte er mehr Verhandlungsspielraum. Er wollte den armen Kerl gut bezahlen – und so konnte er behaupten, nach Zorros Anweisungen zu handeln und musste sich gegenüber keinem rechtfertigen. Weiter wäre es nicht klug gewesen, als Mitglied der Familie Vega Geld zu verleihen oder zu verschenken. Hätte sich das herumgesprochen, wären die Bittsteller- ob bedürftig oder nicht- vor ihrer Tür Schlange gestanden. Auch wenn Juan schwieg, bestand immer die Gefahr, dass so etwas ans Licht kam. Und Zorro stand über all diesen Dingen – er entschied, wem er was und wie viel auslieh oder gar verschenkte.
Die Kräuter hatte er selbst gesammelt und getrocknet. Es hatte sehr viel Sorgfalt darin gelegt. Schließlich handelte es sich um einen Säugling, und er war daher in seiner Auswahl eingeschränkt. Er hatte einige medizinische Bücher studieren müssen, bis er schließlich guten Gewissens die richtige Zusammenstellung gefunden hatte.
Sein Vater war schließlich mit seiner Entscheidung einverstanden gewesen. Er war sogar sehr froh, dass sein Sohn einen eleganten Weg gefunden hatte, Rodriges zu unterstützen, ohne es zu offensichtlich wirken zu lassen.
So war also Zorro auf dem Rückweg. Ihm blieb nicht allzu viel Zeit. Schließlich wollte er rechtzeitig fertig sein und Victoria pünktlich abholen.
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Gerade eben diese Senorita war tagsüber recht nachdenklich gewesen. Genaugenommen, seit Diego sie verlassen hatte. Sie kannte ihn seit Jahren, sie waren gute Freunde. Und gerade deshalb war sie so durcheinander.
Einen kurzen Moment hatte sie mit einem anderen Diego gesprochen. Er hatte mit einem Male entschlossen gewirkt und stark.
Und darüber dachte sie nach. Besser gesagt, sie versuchte es. Das Tavernengeschäft hielt sie auf Trab. Schon den ganzen Tag war viel los gewesen und Pilar hatte sich auch des Öfteren ihren Rat geholt.
Es waren ihr aber noch weitere Dinge eingefallen, was den jungen Vega betraf. Es hatte immer wieder Momente gegeben, in denen er sich seltsam benommen hatte. Zugegeben, diese waren eher selten, aber es gab sie. Sie erinnerte sich z.B. an jene Nacht mit ihm in der einsamen Windmühle und die Geschehnisse davor. Da hatte sie einen ganz anderen Diego kennengelernt.
Da dieser andere Diego jedoch kaum in Erscheinung trat, warf sie ihm immer wieder seinen fehlenden Mut vor und führe Zorro als großes Vorbild an. Sie hoffte, dadurch etwas zu bewirken, an seinen Stolz zu appellieren. Wenn es darauf ankam, konnte doch auch anders sein. Dies hatte er einige Male bewiesen. Da fühlte sie wieder diese Stärke und Entschlossenheit, die sie von früher kannte. Warum nur in solchen brenzlichen Situationen?
Aber er hatte sich geändert. Und es war einfach eine Tatsache, dass sich Menschen änderten. Auf diesen Mut schien er nur zurückzugreifen, wenn es nicht anders ging. Er fühlte sich in seiner Wissenschaft, seinen Büchern viel zu wohl.
Und, wenn sie ehrlich war, war er mit seinen Methoden auch erfolgreich. Seine Zeitung beispielsweise. Zorro war ein überragender Schwertkämpfer und hatte unendlich viele Banditen zur Strecke gebracht. Und doch hatte sich nichts verändert. Der Alkalde war nach wie vor an der Macht und Zorro zu fangen, war zur Besessenheit geworden. DeSoto behandelte die Menschen ungerecht, um Zorros Eingreifen zu provozieren und ihm eine Falle zu stellen. Tragischerweise führte also gerade Zorros Existenz zu einer fortwährenden Ungerechtigkeit. Ein nie endendes Katz- und Mausspiel zwischen zwei Männern, die verschiedener nicht hätten sein können.
So sehr sie den Helden auch liebte, zweifelte sie jedoch immer wieder daran, ob ihre Liebe eine Zukunft hatte. Wie leicht konnte er getötet werden. Zorro trieb seinen Schabernack mit den Soldaten, aber er hatte noch nie jemanden getötet. Leider hatte Ignacio diese Skrupel nicht.
Oder was würde werden, wenn alles vorbei war? Sie liebte diesen Mann so sehr, dass es fast wehtat. All diese Nächte, in denen sie kaum Schlaf fand, weil sie sich Sorgen machte; wohl bewusst, dass ihr Liebster gerade durch die Nacht ritt auf dem Weg zu irgendwelchen Heldentaten. Würde er in einer friedlichen Welt überhaupt zurechtkommen? Bei Diego hatte sie keine Bedenken, aber bei ihm schon.
Dazu kam, dass sie so wenig über ihn wusste. Ihr Herz kannte ihn – bereits bei ihrer ersten Begegnung war er ihr seltsam vertraut vorgekommen. Aber reichte das aus?
Und trotz allem – er hatte ihr versprochen, dass sie bald zusammen sein würden. Und sie wollte es wagen. Weshalb nur fiel ihr ein öffentlicher Bruch, der ja nur gespielt war, so schwer? Sie hatte doch auch sonst keine Schwierigkeiten, wenn es darum ging, vor dem Alkalden zu lügen, um ihn zu schützen.
Ihre Gedanken wanderten wieder zu Diego zurück. Neben Zorro war er die tragende Säule, die sie stützte; ohne ihn wäre sie an ihrer Situation längst verzweifelt. Er war ihr Freund, an den sie sich anlehnen und ausweinen konnte; dem einzigen, dem sie genug vertraute, um sich zu öffnen und der ihr auf seine Weise half, mit der Sehnsucht und Angst fertigzuwerden.
Wen sonst hätte sie fragen können, was der inszenierte Streit mit Zorro betraf- wer sonst hätte von sich aus vorgeschlagen, das Schauspiel einzuüben?
Sie lächelte, als sie sich an die Situation erinnerte, in der er sie Querida genannt hatte und ein warmes Gefühl überkam sie.
Gleichzeitig merkte sie jedoch auch, wie sich ihr berühmtes Temperament bemerkbar machte. Vielleicht sollte sie ihn während der nächsten „Theaterprobe" ihn ein wenig provozieren? Es wäre doch gelacht, wenn sie ihn nicht herausfordern konnte. Sie beschloss, ihn ein wenig zu reizen.
Wie weit würde sie gehen müssen, damit er seine ruhige Art aufgab und sie wieder den alten Diego fand, der ja zumindest im Teilen noch vorhanden war? Was auch immer geschehen war, dass er sich so verändert hatte, hieß ja nicht, dass es immer so bleiben musste.
„Diego, was auch immer dir zugestoßen ist, ist ich werde es herausfinden. Und sobald ich es weiß, kann ich dir helfen, wieder zu dir selbst zu finden. Man kann Wunden heilen, es braucht nur Zeit".
Bisher war er stets für sie dagewesen – nun war sie an der Reihe.
Hinweis:
Ihr Herz kennt die Wahrheit, aber ihr Verstand lässt es sie nicht sehen.
