"Jeannette?",
fragte jemand und ich sah erstaunt auf.
Vor unserem Tisch stand
eine große, unglaublich gut aussehende Frau- die
erstaunlicherweise im krassen Gegensatz zu ihrer „Mehr- Kaffee-
als- Milch-Haut"- weißes glattes Haar und blaue strahlend
Augen hatte.
Sie lächelte mich freundlich an.
"Mein
Name ist Ororo Munroe. Ich bin hier Lehrerin - Annie schickt mich-
wir brauchen noch einige Daten von dir."
Ich nickte
vorsichtig und Marie ließ mich freundlich durchrutschen.
Ich
folgte zögernd der Frau, als Bobby noch rief:
"Man sieht
sich, Jeanna"
Überrascht drehte ich mich um und er
lächelte mich an.Ich lächelte schüchtern zurück.
Er
war wirklich unglaublich.
Annie hatte mich eigentlich noch
wiegen und messen wollen und hatte nicht damit gerechnet, dass ich
gleich mit meinem Vater einen kleinen Ausflug machen würde.So
gingen wir zum Fahrstuhl und fuhren zurück in die
Krankenstation.
Während ich offensichtlich kaum gewachsen war
und weiterhin nur 5.1( das sind knapp 156 cm-nique) war, hatte ich
ganz sicher gewaltig zugenommen.
Ein wenig unsicher stellte ich
mich auf die elektronische Wage.
Der kleine rote Display zeigte
eine Zahl, die unmöglich stimmen konnte.
154
Ibs!( knapp siebzig Kilo- nique) Das konnte unmöglich mein
wirkliches Gewicht sein.
Konnte man in zwei Monaten über
fünfzig Pfund(amerikanische- nique)zunehmen?
Entsetzt
schüttelte ich den Kopf.
"Die Waage ist kaputt. Sie muss
kaputt sein", sagte ich ziemlich hilflos mit einem ungläubigen
Blick auf den Display.
Ms.Munroe schüttelte amüsiert den
Kopf.
"Nein, Jeanna, alles ist vollkommen in Ordnung. Dein
Körper hat sich nur sehr verändert. Mach dir über dein
Gewicht jetzt bloß keine Gedanken, es ist unter diesen neuen
Umständen sogar ein bisschen wenig..Aber ich denke, das sollten
wir schon hin bekommen. Du warst ja schon immer etwas
untergewichtig..."
"Wenig?", fragte ich ungläubig
und stieg von der Waage."Siebzig kilo waren ja wohl eher einige
Pfund Übergewicht.
"Ja wenig", bestätigte
Annie, während sie die zahlen in meine Akte
eintrug.
"-Spätestens wenn du mit dem Training beginnst,
wird sich das gewiss noch ändern..."
Ich hatte nicht
vor, irgendein Training zu beginnen, ganz sicher nicht.
Ich
wollte ein tiefes dunkles Kellerloch, in das ich mich verkriechen
konnte.
"Dein Vater wartet oben in seinem Zimmer", sagte
Ms. Munroe, während ich die Jogginghose schloss."Ich werde
dich hinbringen."Ororo Munroe ließ mich vor
einer hübschen Holztür unter dem Dach stehen und ging in
ihr eigenes Zimmer, das nicht weit entfernt den Gang herunter war. So
klopfte ich zaghaft an die Tür.
"Herein", sagte
Hanks Stimme aus dem Inneren.
Zögernd öffnete ich die
Tür und knöchelte in den Raum. Das Zimmer lag direkt in der
Dachschräge und war hell und freundlich eingerichtet. Zwei große
Lederne Ohrensessel standen um einen niedrigen Couchtisch drapiert.
In der Ecke stand ein gemütliches, breites Bett.
An der
Türseite befanden sich Regale, die die ganze Wandfläche
einnahmen und über und über mit Büchern gefüllt
waren.
Ich konnte mir lebhaft vorstellen, dass dieses Zimmer sonst als Gästezimmer benutzt wurde. Meinen Vater sah ich allerdings nicht, wohl aber eine Tür gegenüber die wohl in ein kleines Badezimmer führen würde.
"Nimm
dir etwas zu trinken und komm herauf", sagte mein Vater
freundlich und ich sah vollkommen überrascht zur schrägen
Decke.
Hank hing ziemlich entspannt- kopfüber- von einem
Klettegerüst, was den größten Teil der Dachschräge
einnahm, hatte ein Buch in der Hand und sah über seine
Lesebrille.
Klettergerüst
war vielleicht der falsche Ausdruck. Eher so etwas wie eine
Klettereinheit mit festen und beweglichen Teilen.
Was sollte das
sein? Ein erwachsener, blaubefellter Mann der Kopfüber von der
Decke hing, war ein schon etwas ungewöhnlicher Anblick.
"Nimm
dir etwas zu trinken und komm doch hoch...", wiederholte mein
Vater seine Bitte, aber ich bewegte mich kein Stück und stand
nur da und starrte ihn an. Er sah übrigens außergewöhnlich
entspannt aus.
Nichts
an seiner Haltung deutete daraufhin, das er sich in irgendeiner Form
bemühen musste so zu hängen. Er hängte sein Buch
aufgeschlagen über eine der Stangen, verschränkte die Arme
vor seiner breiten Brust und sah mich erstaunt an.
"Was ist
los Jeanna? Alles in Ordnung?"
"Errr...Ja...sicher...",
sagte ich unsicher und kratzte mich am Kopf.
"Bisher habe ich
nur noch nie einen Erwachsenen gesehen, der Kopfüber irgendwo im
Schweinebaumel hängt... Ist das nicht
total---ungesund?"
Amüsiert lächelte er."Wieso
sollte es das sein?"
Ich merkte, wie meine Ohren vor
Verlegenheit anfingen zu glühen.
Ich hüstelte.
"Naja...das
Blut steigt einem doch dabei in den Kopf und-Sowas halt-"
"Liebe
Jeanna, derzeit machst du eher den Eindruck, als würde dir
gerade das Blut in den Kopf steigen...", sagte er lachend,
"Vielleicht solltest du einfach hinauf kommen und dir dann eine
Meinung darüber bilden..."
Ich schüttelte verlegen
den Kopf. Eine große Leuchte im Sport war ich ja nicht gerade
und schon gar nicht beim Turnen.
Meine
Höhenangst würde ihr Übriges tun und das Letzte was
ich wollte, war mich bis auf die Knochen ausgerechnet vor ihm zu
blamieren. Ich hatte mich heute schon oft genug vollkommen dämlich
verhalten.
Er kletterte flink und geschmeidiger, als ich immer von
ihm erwartete, ein Stück und streckte mir dann seine große
Hand entgegen.
"Bitte, Jeanna versuch es zumindest"
ich
wich ein Stück zurück.
"Und wie bitteschön?",
flüsterte ich tonlos-
"Hast du überhaupt keine
Idee?", fragte er verwundert.
"Nein...nein...ich kann
das nicht---"Mein Herz begann wieder wild zu klopfen."ich habe
furchbare Angst vor Höhe und-"
Verzweifelt
kniff ich die Augen zusammen.
Hank seufzte aus tiefsten Herzen.
„Vielleicht ist das ja gar nicht mehr so- es könnte sich geändert haben..." bemerkte er.
Ich schüttelte wild den Kopf.
„Das ist etwas psychisches, es hat nichts mit...mit meinem Körper zutun, weisst du-"
Dann dachte ich daran, was er mir vorhin erzählt hatte. War es wirklich ein Trauma, oder möglich, das es mit der Verwandlung zusammenhing? Ich war mir plötzlich nicht mehr ganz sicher...
"Die
erste und allerwichtigste Lektion die du lernen musst ist, das für
dich neue Regeln gelten, Jeannette.Ama et fac quod vis -Du wirst
merken,was dir gut tut, wenn du auf dein Inneres hörst. "
"Mein
Inneres sagt gerade, das hier so ziemlich das verrückteste ist,
was ich mir vorstellen kann."
Mein Vater grinste breit.
"Ich
glaube, meine Liebe, das sagt dir dein Verstand."
Ich
seufzte.
"Keine Wiederrede, junges Fräulein, das ist ein
Befehl.", sagte er und erhob spaßhaft den Zeigefinger, die
andere Hand steckte er mir immer noch entgegen.
"Hab
Vertrauen, OK?"
Ich nickte und nahm zögerlich seine
Hand.
Hank zog mich ein Stück daran nach oben, als würde
ich gar nichts wiegen, so dass ich selbst nach dem Gerüst
greifen konnte.
Ich umfasste mit der freien Hand die Stange und er
ließ meine Hand los, so dass ich mit beiden Händen greifen
konnte.
"Weißt du noch, wie ein Aufschwung geht?"
Ich
nickte unsicher und baumelte mit den Beinen gen Boden. Vorsichtig sah
ich nach unten. Es war ja gar nicht so schrecklich hoch oder?
Eigentlich hatte ich gar keine echte Angst.Nicht so, wie ich es
kannte.
Wie ein Aufschwung ging hatte ich natürlich mal
irgendwann in der Schule gehabt, aber geschafft hatte ich ihn damals
nicht- Und außerdem einen mittelschweren Wutanfall bei meinem
Sportlehrer ausgelöst...
Üblicherweise musste ich wohl
Schwung holen und dann die arme anziehen und...Huch.
Erstaunlicherweise war ich irgendwie schon oben. Es war nicht so
schwer, wie ich es in erinnerung gehabt hatte.
"Ooops",
lachte ich irritiert und verlegen. Das war ja gar nicht so schwer wie
ich erwartet hatte- Nein, eigentlich war es Kinderleicht.
Ich
setzte mich auf die Konstruktion.
"Das ist lustig",
kicherte ich.
Hank nickte.
"Was
denkst wie lustig es noch werden wird..."
Er machte eine
Kopfbewegung und ließ mich vorsichtig Kopfüber baumeln.
Jetzt konnte ich ihm normal in die Augen sehen.
"Na,
war die Führung durch das Haus jetzt so entsetzlich, wie du
erwartete hast?, fragte er.
Ich schüttelte den
Kopf.
"Nein...weniger furchtbarer als ich gedacht
hatte...eigentlich."
Es war offensichtlich eine gute Entscheidung gewesen, mich einfach ins kalte Wasser zu werfen.
Erst
jetzt wurde mir das bewusst.
Ich ließ erst eine Hand los,
dann die andere und betrachtete meine Hände gedankenverloren. So
blau und befellt sie waren konnte ich nicht glauben, dass es wirklich
meine waren.
"Ich habe echt den Eindruck...das ich mich
derzeit selbst vor mir grusel als...als alle anderen, vor
mir..."
Hank nickte ernst.
"Ja Jeanna. Ich kann das
gut verstehen. Mir ist es ja damals- als das mit mir geschehen ist,
nicht viel besser gegangen-"
Ich schluckte. Natürlich.
Er hatte ja gesagt, das er sich erst verwandelt hatte, als er schon mit meiner Mutter zusammen gewesen war- Also musste er irgendwann genau das gleiche- oder zu mindestens etwas ähnliches erlebt und gefühlt haben, wie ich gerade.
Er
hatte keinen tollen Vater, der ihm eine Hand gereicht hatte. Im
Gegenteil. Meine Mutter hatte ihn auch noch verlassen-
Bei dem
Gedanken an meine Mutter zog sich meine Brust zusammen.
Wie
gut das sie nicht miterlebt hatte das-das das aus mir geworden war.
Hank war ja eigentlich ein ziemlich cooler Typ geworden, dafür-
das erdamals ganz allein damit fertig werden musste-
"Wie
gut..." begann ich leise."Wie gut, das mich meine Mom nicht
so sieht. Ich glaube, sie würde echt ausrasten..."
Hank
sah mich traurig an.
"Sie...sie hat gewusst was mit dir
geschehen würde, Jeanna. Als du hier auf der Krankenstation
warst, habe ich mit diesem Dr. Poole gesprochen. Ich...ich weiß
es klingt ziemlich herzlos, aber...aber ich glaube ,nur deswegen
wollte sie, dass ich komme und mich um dich kümmere."
Ich
sah ihn erschrocken an und schüttelte den Kopf.
Was sollte
ich dazu sagen? Ich wollte nicht wütend auf sie sein- dennoch
fand ich, das es wirklich mies war.
"Denkst
du...denkst du das du es irgendwie hin bekommen wirst, dich an deinen
Körper zu gewöhnen?", fragte Hank vorsichtig und riss
mich aus meinen Gedanken.
Ich schnaubte und lachte ein wenig zu
schrill."Bleibt mir irgendeine andere Alternative?"
Hank
schwieg einen Moment, dann schüttelte er den Kopf.
"Nicht
wirklich- aber dieser Ort. Diese Schule ist ein wunderbarer Platz um
zu lernen, damit umzugehen..."
