Es war so dunkel. Und so kalt. Die junge Frau fing an zu zittern.
Sie hätte besser aufpassen sollen. Sie hätte ihren Pullover anziehen sollen, zusätzlich zum samtigen Umhang, der sie von Kopf bis Fuß bedeckte. Sie hätte auch einen Mini-Lacrima mitnehmen sollen, doch ihr eigener war in ihrem Gepäck verschwunden.
Sie hatte sich doch nicht verlaufen! Oder? So wie sie sich kannte, war dies durchaus möglich. Sie hatte die Angewohnheit, alles hinter sich zu lassen und sich nicht zu erinnern, wo sie ihre Sachen liegen gelassen hatte. Zum Glück hatte sich ihre Mutter um ihr Gepäck gekümmert und hatte ihr eine Notiz gegeben, wo alle ihre Sachen eingepackt waren... Sie unterdrückte schnell ein Lachen. Selbst mit 18 brauchte sie noch ihre Mama... Da war ihr nicht mehr nach Lachen zumute. Ihr Haus fehlte ihr.
„Wer ist hier?"
Sofort presste sie sich gegen eine dunkle Wand und verfluchte sich wegen dem Lärm, den sie verursacht hatte. Die Soldaten der Miliz waren ganz in der Nähe!
Schritte waren zu hören. Eiserne Stiefel marschierten nur zwei Meter von ihr entfernt, bevor sie hielten. Die Zeit schien still zu stehen. Sie hielt den Atem an.
Schließlich entfernten sich die Stiefel und sie atmete erleichtert auf.
Sie warf einen Blick aus ihrem Versteck, schaute links und rechts, dann rannte sie in die engen Gässchen. Ihre flachen Schuhe machten keinen Lärm auf den Pflastersteinen der Citacielle. Sie nutzte diesen Vorteil, um unbemerkt in die Straßen zu marschieren.
Levy hatte sie gewarnt, bevor sie wegging. Die Miliz war eine innere Polizei, vom Volk verhasst, da die Soldaten lieber in Bars ihren mageren Lohn mit Alkohol vergeudeten, statt das Gesetzt aufrecht zu halten. Viele Bewohner der fliegenden Stadt hatten schon ihre grundlosen Strafen zu spüren bekommen. Die Blauhaarige hatte schreckliche Geschichten von heftig geschlagenen Knaben und vergewaltigten jungen Mädchen erzählt. Die junge Frau wusste also, was sie erwarten konnte und blieb wachsam. An ihrem Bein war ein langer Dolch gebunden, der früher ihrem Bruder gehört hatte. Das eisige Gefühl der Klinge auf ihrer Haut und das Gewicht an ihrem Schenkel waren merkwürdigerweise extrem beruhigend: Wenn irgendjemand sie angreifen würde, wäre sie in der Lage, sich zu verteidigen.
Ihr Vater hatte schon immer gewollt, dass sie kämpfen konnte. Darum hatte er sie von klein auf trainiert, genauso wie ihre Geschwister. Allerdings hatte er ihr verboten, einen Dolch zu besitzen. Auf Fiore wurde eine Frau mit 50 Peitschenschläge bestraft, wenn sie mit einer Waffe erwischt wurde. Doch am Pol galt diese Regel nicht... also war es ihr vollkommen egal. In jedem Fall, wenn jemand sie angreifen würde, würde er nicht lange leben, um sie zur Miliz zu bringen.
Sie hielt an und keuchte. Über ihrem Kopf strahlte der Sternenhimmel, was ihr ein nachdenkliches Lächeln entlockte. Hier im Norden mussten die Bewohner um neun Uhr ihre Fenster schließen und Kerzen auspusten. Niemand spazierte in der Nacht durch die Straßen. Und über ihrem Kopf bedeckte die Nacht die Citacielle mit ihrem schwarzen Mantel, die Sterne leuchteten noch strahlender, als sie es je zuvor gesehen hatte. Das war schon das Einzige, das sie lieber hatte als auf ihrer Geburtsarche.
Sie ging nun weiter, wie ein weiterer Schatten der schlafenden Stadt. Sie umging die Milizsoldaten und kam an einem Balkon am Rande der Stadt. Erschöpft lehnte sie sich über die Brüstung.
Dies war nicht vorsichtig und das wusste sie auch. Eine Patrouille könnte sie jederzeit entdecken. Doch sie liebte es mit der Gefahr zu spielen, wie ihr Vater früher immer wieder gesagt hatte, wenn sie sich amüsierte Messer zu werfen.
Und falls die Gefahr wirklich groß sein sollte, konnte sie sich einfach in einem Vogel verwandeln und weit weg von hier fliegen.
Sie beobachtete der Wasserfall, der tief in die Tiefe brauste. Ganz unten erkannte man ein friedliches Tal, wo sich ein heller Fluss schlängelte, gleich unten dem fliegenden Felsen, auf dem die Citacielle gebaut wurde. Die Stadt wurde direkt in den Stein gebaut und ganz oben thronte der Palast, wie ein Pfeil, dessen Spitze in den Himmel ragte. An den hohen Türmen flatterten die Flaggen der Drachen, in Blau und Gold. Die junge Frau bemerkte, dass der Thronsaal, wo Acnologia sie bei ihrer Ankunft begrüßt hatte, sich im Bergfried befand. Der höchste Turm war vollkommen hohl und diente nur dafür. Ovale Fenster waren auf der ganzen Höhe hin verteilt. Als sie und ihre Gefährten den Saal betreten hatten, war ein Baldachin gespannt worden, der die Höhe der Decke verhüllte. Später hatte sie Bilder des Thronturmes gesehen und konnte sich besser vorstellen, wie der Saal in Wirklichkeit war. Lavinia, die junge Maid, die sich um die Besucher von Fiore kümmerte, hatte ihr erklärt, dass das Innere des Thronsaales gerade geputzt und restauriert wurde. Die riesigen Fresken des Raumes brauchten unendlich viel Pflege.
Plötzlich hörte sie Stimmen. Laute, wahrscheinlich betrunkene Stimmen, die sich immer mehr näherten. Sie verließ die Terrasse hastig und rannte in die Straßen. Mit einem Mal versperrten grobe Silhouetten ihr den Weg.
Scheiße! Abrupt drehte sie sich um und rannte zurück zum Balkon. Hinter ihr ertönte ein grobes Lachen und ein Soldat rief: „Oh, was sehe ich denn da vorne? Anscheinend hat sich ein kleines Vögelchen hier verirrt... Kommt, Jungs!"
Die Soldaten nahmen ihre Verfolgung auf. Sie knirschte mit den Zähnen und rannte schneller. Geschah ihr nur recht. Sie hätte nicht so selbstsicher sein sollen!
Sie rannte, so schnell sie konnte. Doch die Soldaten waren zahlreich und trotz ihrer Betrunkenheit kannten sie sich in der Stadt besser aus, als sie. Sie ballte die Fäuste und ließ die Hand über den Seitenschnitt ihres Kleides gleiten, um den Dolch zu schnappen, den sie zwischen ihren Zähnen presste. Dann verwandelte sie sich. Ein Gepard mit angespannten Muskeln war nun statt einem weißhaarigen Mädchen zu sehen. Hinter ihr erklangen erschrockene Ausrufe.
„Was ist denn das?"
„Scheiße, sie entwischt uns?!"
Niemand konnte sie einholen, wenn sie diese feline Gestalt annahm. Ihre Pfoten glitten so schnell auf den Pflastersteinen, dass diese unübersichtlich wurden. Ihr Körper verspannte sich bis ins Extreme, sie rannte so schnell wie der Wind. Sie blickte nach hinten und ließ einen Freudeschrei aus. Sie hatte ihre Verfolger abgeschüttelt!
„Komm her, Süße!"
Ihre Augen weiteten sich vor Angst. Ihre Pfoten glitten aus, sie fiel nach vorne und fast hätte sich der Dolch in ihre Kehle gerammt. Mit Schrecken stellte sie sich der schlimmen Situation.
Sie war in einer Falle getappt. Sie war in einem Netz gefangen, das immer mehr enger wurde. Unter dem Druck nahm sie wieder eine menschliche Gestalt an.
Ein raues Lachen kam zu ihren Ohren. Über ihr stand ein Mann, der dreckig lächelte. Sie spuckte, zappelte mit aller Kraft und benutzte die Klinge, um sich zu befreien. Er schnappte sie an den Haaren und erhob sie somit vom Boden.
Vor Schmerz schrie sie auf, ihre Augen begannen zu tränen. Sie konnte vor ihr das freudige Gesicht des Mannes erkennen. Wütend spuckte sie ihm ins Gesicht.
Sein Gesicht wechselte nun von der dunklen Freude zu einer namenloser Wut. Er warf sie mit aller Kraft gegen die gegenüberliegende Wand, bevor er sich zu ihr gesellte und sie zwang, ihm direkt in die eiskalten Augen zu sehen.
„Hör mir gut zu, du dumme Gans. Wenn du dies noch einmal machst... werde ich dich foltern, bis du den Mund nicht mehr aufmachen kannst, um mich anzuflehen. Und glaub mir, das Schicksal, das dich in den Händen meiner Männer erwartet, ist bei weitem viel erträglicher als das, was ich tun werde, solltest du in meiner Gewalt bleiben."
„Lord Stinger... Ihr habt sie erwischt!"
Der Mann drehte sich halb um, ein fletschendes Grinsen glitt über seine gebräunten Züge. Er ließ das junge Mädchen los und stand auf.
„Ich überlasse sie euch, ich habe zu tun."
Er marschierte zu den Soldaten und griff dem Oberleutnant an den Kragen.
„Und wenn eine Beute euch wieder entgeht... wisst ihr genau, was euch erwarte", knurrte er mit tiefer und dunkler Stimme.
Der Offizier nickte ängstlich mit dem Kopf.
Lord Stinger ging dann und verschwand in der Nacht. Die Soldaten drehten sich zum Mädchen um, die immer noch mit den Überresten des Netzes kämpfte. Ihre Augen glitzerten lüstern. Der Oberleutnant befahl, sie zu befreien und zwei seiner Männer beeilten sich dies zu tun, wobei die sie nebenbei begrabschten. Sie fauchte wie eine Katze, als sie diese dreckigen Hände spürte, doch das schien die Soldaten nicht zu stören. Die Männer pressten sie auf den Boden und der Leutnant kniete über ihr. Eine teuflische Wut packte sie und sie stieß ihre Absätze in den Bauch des Offiziers, was ihn rücklings fallen ließ. Sie wand sich wie eine Schlange unter ihm, gab dem Mann rechts eine Kopfnuss und schlug mit dem Fuß zwischen den Beinen des Mannes links. Sie sprang auf, griff nach ihrem Dolch stellte sich den restlichen Angreifer.
Scheiße.
Scheiße, scheiße, scheiße, scheiße.
Ihre Mutter hatte sie immer wütend angesehen, wenn sie fluchte. Doch hier... Fluchwörter waren das einzige Wort, mit dem sie ihre jetzige Situation beschreiben konnte.
Etwa zehn betrunkene Soldaten starrten sie an, in einer Mischung aus Hass und Gier. Ihre Betrunkenheit hätte ihr eigentlich helfen müssen, sie zu besiegen, aber gleich zehn... Der Offizier, der wegen ihrem Schlag den Alkohol des Abends erbrach, schrie keuchend auf: „Tötet sie!"
Wie auf ein Signal sprangen sie alle auf einmal auf sie. Sie bereitete sich defensiv auf den Angriff vor, der Dolch in beide Händen haltend. Mit gepressten Zähnen erwartete sie den Schock.
Der nicht kam.
Mit geweiteten Augen sah sie die Soldaten auf ihrer eigenen Achse drehen, wie verrückt gewordene Karussells, bevor sie sich selber den Kopf gegen die Wand schlugen und zu Boden fielen.
„Was zum...?", stotterte sie.
Die junge Frau hob den Kopf und wäre fast wieder zu Boden gefallen. Vor ihr stand ein merkwürdiger Mann. Holzpuppen, die schrilles, unverständliches Zeug schrien, flogen um seinen Kopf herum, der von einem Helm halb verdeckt war.
„Verdammt, Bixlow, was hast du schon wieder angestellt?", schrie eine weibliche Stimme.
Eine Frau mit langen hellbraunen Haaren und ein grünhaariger Mann rannten herbei. Der Ritter, der die Weißhaarige gerade gerettet hatte, drehte sich zu ihnen um und ließ die Arme baumeln. Und... fing an zu lachen.
Völlig verdattert ließ sie sich zu Boden gleiten. Wer waren diese Personen? Und... was hatte der komische Kerl mit dem Helm gemacht? Die Soldaten verhielten sich komisch, bevor sie sich selber die Köpfe einschlugen, dann war er aufgetaucht. Er hat doch nicht etwa...?
Der Grünhaarige hob den Offizier auf, der nun ganz still war, und sagte mit kalter Stimme: „Was hast du gemacht, Gordon?"
„I... i... ich schwöre, dass ich Ihr nichts getan habe, Lord Justin! Sie ist geflohen und wir haben sie verfolgt, das ist alles!"
Plötzlich wurde er unter den überraschten Augen des Mädchens zu Stein. Im wahrsten Sinne des Wortes. Der Grünhaarige ließ den Körper fallen und er zerbrach in tausend Stücke.
Das merkwürdige Trio drehte sich zu Weißhaarigen um, die ihren Dolch noch fetser umgriff. Diese Personen könnten sie genauso angreifen.
„Wer ist das, Bixlow?", fragte die Frau im Plauderton, als hätten sie gerade keinen Mann umgebracht.
„Keine Ahnung", antwortete schulterzuckend der Helmträger. „Die Trunkenbolde hätten sie in Stücke gerissen, also habe ich ihnen eine Lektion gegeben."
„Wie heißt du?", fragte der Grünhaarige. Er musste sich bücken, um ihr in die Augen zu sehen.
„Und Ihr? Wer seid ihr drei überhaupt?", erwiderte die Weißhaarige mit funkelnden Augen. „Verrückte Mörder?"
Der Ritter lachte laut auf, während der genannte Justin leicht lächelte.
„Sie hat Mut, die Kleine", sagte er.
Plötzlich packte die braunhaarige Frau das Mädchen am Arm, um ihr auf die Beine zu zwingen. Sie blickte sie direkt in die Augen und zischte: „Wären wir nicht gekommen, hätte man dich geschlagen und vergewaltigt, Kleine. Mörder vielleicht schon, aber diesen Mann zu töten war eine Tat zum Wohle der Menschheit und deiner kleinen Person. Gordon war ein Dreckskerl der schlimmsten Art und du warst selber bereit, ihm diesen hübschen Zahnstocher in den Magen zu stecken, nicht wahr? Nun wirst du auf Frieds Frage liebevoll Antwort geben. Wie heißt du?"
„Li... Lisanna..."
„Lisanna, wie?"
„Lisanna Strauss."
„Strauss, Strauss...", wiederholte Fried. „Diesen Namen haben ich schon einmal irgendwo gehört..."
„Woher kommst du, Kleine?", fragte der Helmträger.
Lisanna blickte ihre Füße an. War es gescheit, ihnen zu sagen, wer sie war? Andererseits hatte sie eigentlich nicht unbedingt die Wahl. Außerdem würde Ayria sie sowieso schelten, sobald sie zurück in den Palast ging, also...
„Ich komme aus Alexandria. Ich gehöre zu den Auserwählten."
Das Trio wurde sofort still. Die Frau und der Ritter drehten sich zu Lord Justin um, der vollkommen verdattert schien.
„Du? Eine Fiorin? Aber was machst bei allen Göttern nachts außerhalb des Palastes?"
„Ich..."
„Ever", unterbrach Fried sie. „Bring sie zurück in den Palast. Ich werde Doranbolt fragen, die Erinnerung des heutigen Abends der Soldaten zu löschen. Sie dürfen sich an rein gar nichts erinnern, was auch nur entfernt mit diesem Mädchen zu tun hat."
„Und ich?", murrte Bixlow.
„Begleite sie. Noch eine Frage. Wer ist dein Verlobter?"
„Lord Natsu."
Die drei wechselten einen merkwürdigen Blick aus, dann nahm Ever noch mal Lisannas Arm und zog sie mit. Bixlow trottete hinter ihnen her und Fried begann Runen zu schreiben, um die Soldaten der Miliz in einem undurchdringlichen Käfig einzusperren.
Xxx
„Du bist so leichtsinnig! Eine verwöhnte Göre! Wie konntest du es nur wagen dich NACHTS und OHNE ERLAUBNIS aus dem Palast zu schleichen? Kannst du dir überhaupt vorstellen, was passiert wäre, wenn die Raijinshus dich nicht gerettet hätten? Und die Schuld hätte man mir gegeben!"
„Bitte Ayria, schreien nützt hier nichts."
„Und ich bitte dich aufzuhören, die Geheimagentin zu spielen und nachts in die Stadt zu spazieren! Diese Handlung war durch und durch egoistisch! Kannst du dir das überhaupt vorstellen?"
„Ich habe verstanden!", schrie Lisanna. „Kapiert? Ich habe verstanden! Du warst nicht dort, als sie mich auf den Boden gepresst haben und als er sich auf mich setzen wollte. Du weißt nichts davon! Von der Angst, die ich hatte! Ich war vollkommen verängstigt, hörst du? Verängstigt! Niemals werde ich dies wieder tun! Noch nie habe ich mich so... in der Falle gefühlt!"
Die Weißhaarige vergrub ihr Gesicht in ihren Händen und hielt das Schluchzen zurück, das rauskommen wollte. Nun war wieder Ruhe eingekehrt. Sie hörte das Rascheln von einem Kleid und die Blonde umarmte sie. Das Gefühl war warm und beruhigend. Lisanna hielt sich nicht mehr zurück und ließ die Tränen los, das Gesicht im Hals ihrer Freundin begraben.
„Es tut mir leid", schniefte sie. „Ich wollte nur die Stadt entdecken..."
„Alles wird gut", hauchte Miss Vermillion in einem besänftigen Ton. „Ich hätte dich nicht so sehr anschreien sollen."
Im Flur vor dem Salon, wo sich die beiden Frauen befanden, warteten die vier anderen Auserwählten, Terence und die zwei Mitglieder der Raijinshus. Terence strich über sein müdes, erleichtertes Gesicht und flüsterte Bixlow und Ever zu: „Ich werde Sie beide noch zum Ausgang der Gemächer begleiten. Herzlichen Dank für Eure Hilfe... ohne diese wüsste ich nicht, was wir sonst gemacht hätten."
„Das war doch vollkommen selbstverständlich", sagte die Frau und nickte graziös mit dem Kopf.
Die beiden merkwürdigen Magier drehten sich um und verließen den Flur, geführt vom Blonden. Sobald sie außer Sicht waren, sagte Lucy das, was jede von ihnen gerade dachte: „Wer waren diese Personen überhaupt?"
„Söldner."
Levys leichte Stimme ließ die anderen zusammenzucken. Sie drehten sich zu ihr um und die Blauhaarige nickte ernsthaft.
„Der Orden der Söldner ist auf allen Archen der Neuen Welt vertreten, doch ihre Handlungen am Pol anerkannt und auf dessen Kolonien, Byron und Tanith. Die Armee des Pols, die Nordwölfe, hat in seinen Reihen viele Söldner. Es sind ehemalige Ritter des Ordens, die dem Drachenclan Treue geschworen haben."
„Und aus was bestehen die Aufgaben der Söldner wirklich?", hauchte Kinana.
Levy zuckte mit den Schultern.
„Morde, Diebstahl von Schätzen, Schutz... die Söldner machen alles, solange sie dafür bezahlt werden. Aber es sind meistens Kopfgeldjäger und sie sind genauso untrüglich, wie grausam. Darum sind sie besonders gefürchtet und gehasst. Man sagt, sie hätten keine Seele und würden nur ans Geld denken. Freundschaft, Treue und Vertrauen sind für sie Fremdwörter."
„Aber diese beiden sind gar keine Söldner, Levy", sagte Lucy stirnrunzelnd.
Die Blauhaarige nickte, aus ihrem Gesicht war jegliche Emotion gewichen.
„Du hast Recht, sie trugen das Zeichen der Nordwölfe auf sich."
„Die Polararmee", flüsterte Yukino.
„Genau."
Eine lange Stille glitt durch den Raum. Yukino ließ sich zu Boden gleiten. In was für ein Schlamassel war ihre Cousine gefallen? Warum waren Mitglieder der Polararmee – die eigentlich Staatsgeheimnis war – eingegriffen? Sie war in den Gassen nach der Sperrstunde, technisch gesehen hatte die Miliz ihre Arbeit gemacht. Also warum?
„Ich kenne sie", setzte Levy nach einer Weile hinzu. „Ich habe ihre Gesichter in einem Buch über den Pol gelesen, im Zeppelin."
„Wer sind sie?", fragte Lucy.
„Der Große mit dem Helm heißt Bixlow. Er hat keinen Familiennamen. Er war ein gefürchteter Söldner, als er noch dem Orden angehörte. Sein Talent ist genauso speziell, wie die seiner Gefährten... Seelenmanipulation. Er kann sowohl Lebewesen, als auch unbewegliche Sachen manipulieren. Die Frau ist Ever Green. Nur diejenigen, die ihr näher stehen, dürfen sie bei ihrem Vornamen rufen. Ihr Talent hat sie in den Augen, durch diese kann sie ihre Gegner zu Stein verwandeln lassen. Lange hat sie die Beinamen Gorgone und Medusa getragen."
„Wie Miss Orlando...", hauchte Yukino.
„Was hast du gesagt?"
„Nichts."
„Der letzte im Bunde ist Fried Justin. Ein mächtiger Magier. Er kennt sich mit den Runen noch besser als ich aus und beherrscht die Schrift der Dunkelheit. Eine sehr alte Magie, mit der er Runen auf sich selbst ziehen kann, um weitere Magie anzuwenden, wie sich zum Beispiel in einem Dämon zu verwandeln, wie Lisannas Schwester. Er kann diese allerdings auch gegen seine Gegner wenden. Er schreibt sehr schnell. Wenn er die Runen mit seiner Katana schreibt, sind diese tödlich für seine Feinde. Er ist der mächtigste der Raijinshus und aus diesem Grund ist er ihr Führer."
„Und was ist es für eine Gruppe, die Raijinshus?"
Lisannas Stimme überraschte sie alle. Die junge Frau hatte sich mit Ayria zu ihren Gefährtinnen gesellt und hatte ihr Gespräch mit angehört. Yukino rief: „Lisa!"
„Mir geht es gut", beruhigte Lisanna ihre Cousine. „Erzähl weiter, Levy. Diese Geschichte hat mein Interesse auferweckt.
Die Blauhaarige nickte und sagte: „Die Raijinshus... sie sind die höchsten Offizieren der Nordwölfen. Nur der General steht über ihnen, der den Befehlen des Erben Folge leistet, der die Armeen führt. Leider habe ich leider nicht rausfinden können, wer die beiden sind."
„Ich weiß es", flüsterte Lucy. „Zumindest, was den Erben angeht. Es ist mein Verlobter, Laxus Dreyar. Hast du vergessen Levy? Er ist der Älteste seiner Generation."
Die Leseratte schlug sich mit der Hand auf die Stirn.
„Natürlich! Du hast Recht, Lu-Chan. Der frühere Dux Bellorum war Metallicana gewesen, er muss also die Führung dem Ältesten der nächsten Generation gegeben haben... also Lord Dreyar. Aber der General der Armee bleibt trotzdem unbekannt."
„Macht nichts. Wir wissen genug über sie."
„Mehr, als wir sollten", murmelte Ayria mit einem neutralen Ton.
„Eine letzte Frage hätte ich noch, Levy. Ein gewisser Lord Stinger hat mich gefangen. Hast du schon mal von ihm gehört?"
Unter den perplexen Augen der anwesenden Mädchen starrte Levy die Weißhaarige fassungslos und sehr ernst an.
„Du bist Bluenote Stinger begegnet? Und du lebst noch?"
„Äh, ja...", stotterte Lisanna, fasziniert von Levys dunklem Blick.
„Es ist der Chef der Miliz. Er gab ihr überhaupt ihren schlechten Ruf, da er die Handlungen seiner Männer nicht kontrolliert, er macht ihnen nur Angst. Im Gegenteil, er liebt es mit seinen Opfer zu spielen und lässt sie niemals fliehen... Er musste sehr beschäftigt sein, dass er dich hat laufen lassen. Es ist ein schrecklich mächtiger Magier. Er beherrscht die Gravitation."
„Wie Libra, aus dem Sternenhaus", flüsterte Yukino.
Levy nickte.
„Irgendwie habe ich das Gefühl, dass es zwischen den beiden Archen und deren Geschichten zu viele Verbindungen gibt, damit unsere Rolle als Auserwählte nur zur Heirat dient. Warum heiraten die Drachen niemanden vom Pol. Warum fünf Mädchen von Fiore, warum alle sieben Jahren? Warum müssen sie zwischen dem 16. und 20. Lebensjahr sein? Um uns herum gibt es zu viele Geheimnisse, es raubt mir den Schlaf. Und dazu behandeln uns unsere Verlobten, als ob wir ihnen ein Dorn im Auge wären. Außer deiner, Kinana. Machen sie das wegen der Ehre oder sind sie genauso ignorant, wie wir es sind? Außerdem misstraue ich dem Drachenkönig. Eigentlich müsste er nur der Regent des Reiches sein, doch seine Macht geht bei weitem über die Gewalt, die ihm Grandine, der Engel, gegeben hatte. Ich habe das Gefühl, dass wir in der Höhle des Löwen geraten sind..."
Eine lange Stille folgte den Worten der Blauhaarigen. Dann bemerkte Ayria müde, dass sie nun alle ins Bett gehen sollten. Die Frauen trennten sich und die Auserwählten schlossen sich in ihre Zimmer ein. Die blonde Frau blieb allein im Gang, ihr Blick war leer. Schließlich füllten sich die jadegrünen Augen mit Tränen und sie fing lautlos zu weinen an. Frustriert wischte sie die Tränen weg und verschwand ebenfalls wie ein trauriger Schatten in ihr Zimmer. Am anderen Ende des Ganges ließ sich ein blonder Mann mit jadegrünen Augen erschöpft zu Boden gleiten.
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Die Weißhaarige ließ den Blick über die Brüstung schweifen. Der Ausblick war atemberaubend, doch in letzter Zeit hatte sie jegliche Lust ans Zeichnen verloren. War es wegen der Abwesenheit von Lord Cheney? Seit sie ihm vor zwölf Tagen im Thronsaal gesehen hatte, hatte sie ihn nie wieder gesehen. Stattdessen hatte sie ihren Verlobten kennen gelernt und wünschte sich, ihn nie wieder zu begegnen. Wenn sie sich trafen, war er immer abscheulich und verkürzte jedes Mal mehr die Treffen, die jede Auserwählte täglich mit ihren Verlobten haben mussten. Meistens kam er dann gar nicht. Auch bei den meisten ihrer Freundinnen ging es bergab. Die Beziehung zwischen Levy und Lord Redfox war am meisten verspannt. Bei jedem Essen, die sie gemeinsam einnahmen, konnte man die Blitze ihrer verhassten Blicke sehen. Lucy hatte hingegen ihren Verlobten nicht wieder gesehen. Vor neun Tagen war Lord Dreyar gemeinsam mit Terence aufgebrochen, um diesen auf seiner Reise durch die Polararche zu begleiten, da Igneel keine Zeit hatte. Der Blonde sendete ihr viele Briefe durch mechanische Vögel, doch Yukino antwortete nur selten.
Sie war schwächer den je. Ihre Gesundheit ließ immer mehr zu wünschen übrig, genau wie Ayria es gesagt hatte. Nun konnte sie keinen Schritt mehr tun, ohne, dass es ihr eine große Anstrengung beanspruchte. So konnte sie nicht mehr durch den Park spazieren und blieb den ganzen Tag in ihrem Zimmer. Ihr Zimmer war eines der schönsten in den Gemächern der Fiorer, groß und voller Licht, sogar mit einer eigenen Terrasse. Doch dieses Privileg ließ sie kalt.
Bei jeder Mahlzeit, die sie mit der Königfamilie teilten, spürte sie immer das böse Gift des Neids. Sie beneidete Kinana, deren galanter, liebevoller Verlobter so offensichtlich in die Lilahaarige verliebt war. Sie träumte, dass ein Mann sie so ansah, wie es Lord Erik mit Kinana tat. In Terences Augen sah sie nur eine ehrliche Zuneigung und eine kleine Lust, sich zu amüsieren. Bei Lord Sting sah sie nur Hass und Verachtung. Und in denen von Rogue... sie erinnerte sich nicht mehr.
Zum Glück waren diese Mahlzeiten dank den beiden weiblichen Drachen erträglicher, Grandine und deren Tochter Wendy. Beide waren die sanftmütigsten Personen, die Yukino jemals kennen gelernt hatte. Sie liebte das kleine Mädchen mit den dunkelblauen Haaren und bewunderte deren Mutter, die von einem Engel nicht nur das Gesicht, sondern auch die Persönlichkeit hatte. Auf der anderen Seite des Tisches saßen die Brüder Skyadrum und Metallicana, die ihrem Vater, dem Drachenkönig, äußerlich ähnelten. Skyadrum erschien ihr sehr gebildet zu sein, doch auch sehr traurig zu sein. Seine roten Augen waren beinahe leblos. An seiner Seite war der Vater von Lord Redfox schon lebhafter. Metallicana hatte eine dunkle eisengraue Mähne und seine Augen gingen immer wieder vom hellen Rot zum Kohlenschwarz. Er war genau so furchterregend wie sein Sohn. Levy verdiente wirklich hohe Anerkennung, da diese den Mut fand, sich diesen beiden schrecklichen Kriegern zu stellen.
Weisslogia, der Vater von Laxus und Sting, verließ manchmal sein Observatorium, um mit ihnen zu dinieren. Auch er schien sehr gebildet zu sein, doch genau wie bei Skyadrum war irgendwie... abwesend. Als ob er sich von der Welt losgebunden hätte.
Igneel hatte Yukino bis jetzt nicht kennen gelernt. Er war momentan dabei Konflikte mit Händlern auf dem inneren Kreis zu schlichten. Durch die seltenen Gespräche der Mahlzeiten hatte sie rausgefunden, dass Erik seinem Vater ähnlich sah, den er stark vermisste, genauso wie sein kleiner Bruder. Kinanas Verlobter hatten den Mädchen anvertraut – mit gedämpfter Stimme, damit sein Großonkel sich nicht aufregte – dass die „Affäre Natsu" seinen Vater immer wieder heftig aufregte. Sein Bruder war zwar ein hoffnungsloser Fall und ein schrecklicher Trottel war, doch trotz allem standen sich die drei sehr nahe. Die Flucht des jungen Prinzen hatte Erik sehr betrübt.
Doch Yukino nahm nicht mehr an den Mahlzeiten teil und Ayria auch nicht. Die Weißhaarige kam nicht mehr, weil der Weg bis zum Essenssaal ihr nun viel zu anstrengend wurde und weil sie die verhassten Blicke ihres zukünftigen Gemahls nicht mehr aushalten konnte. Die Blonde kam nicht mehr wegen eines Vorfalls, der direkt am Abend vor der Abreise von Terence und Laxus stattgefunden hatte.
Die Weißhaarige machte sich noch im Liegestuhl bequem. Ihre Krankheit erschöpfte so stark, dass ihr manchmal sogar das Atmen schwer fiel.
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Der „Vorfall" fand beim dritten Abendessen statt, die sie gemeinsam mit den Drachen eingenommen hatten. Ayria war dabei, jeden zu bedienen. Aus irgendeinem Grund durfte sie nicht am Tisch mitessen. Sie servierte nur, in der gleichen Uniform wie Lavinia. Anfangs waren die jungen Mädchen empört gewesen, doch Terences Tatenlosigkeit und Ayrias beruhigendes Lächeln hatten sie zum Schweigen gebracht. Zwar wollten sie dafür Erklärungen haben, doch die Blonde blieb stumm.
Ayria hatte Suppe eingeschenkt und hatte jeden Napf auf die Porzellanteller gestellt. Als sie jedoch bei Acnologia angekommen war, leerte sie versehentlich die Hälfte der Suppe aus, die das weiße Tischtuch und Acnologias Hemd getränkt hatte.
Ayria hatte den Fleck verständnislos angesehen. Sie wusste nicht, wie dies passieren konnte, schließlich hatte sie keine falsche Geste gemacht... Dann sah sie den Blick des Drachenkönigs und ihr Herz hatte für einen Augeblick aufgehört zu klopfen.
Acnologia lächelte böse. Sehr böse. Doch im nächsten Augenblick war sein Blick tollwütig geworden. Er hatte die kniende Ayria angeschrien, beschimpfte sie als Nichtsnutz, entehrte Frau, fragte, ob sie überhaupt von Nutzen sei, wenn sie nicht mal eine Suppe servieren konnte. Die Erbin der Vermillions ließ die Beschimpfungen zitternd über sich ergehen. Dann kam der Höhepunkt.
Die Mädchen waren aufgesprungen, während Terence tollwütig geworden war. Er wäre auf den König gesprungen, um seine Schwester zu rächen, wenn diese ihn nicht zurückgehalten hätte.
„Hör auf!"
Ayrias Ruf hatte jeden Anwesenden erstarrt. Voller Suppe war sie langsam aufgestanden und hatte dem Regent lange in die Augen gestarrt. Dann hatte sie mit Daumen und Zeigefinger Acnologias Serviette geschnappt, wie es eine wahre Lady tat, und hatte sich damit Gesicht und Haar geputzt. Sobald sie fertig war, ließ sie das Tuch in den Napf des Königs fallen und war gegangen.
Die Auserwählten hatten sich vorsichtig wieder hingesetzt. Der König schien mit seiner Nummer zufrieden gewesen zu sein, bis Grandines wütende Stimme erklungen war.
„Du bist stolz auf dich, nicht wahr?"
„Sei still, Frau", zischte er laut.
Während der restlichen Mahlzeit war die Stimmung angespannt gewesen. Während Terence und Grandine Acnologia mit ihren Blicken immer wieder erdolchten, tat dieser so, als ob überhaupt nichts geschehen wäre.
Nach dem Vorfall wollten die Mädchen nach ihrer Freundin sehen. Doch die Tür war verschlossen gewesen.
Die Weißhaarige erinnerte sich, wie ernst Terences Gesicht war, als er die fünf zu sich gerufen hatte. Nach einer Weile hatte er angespannt gesagt: „Ladys... ich muss Ihnen etwas mitteilen."
Fiebrig warteten die Auserwählten darauf, was er zu sagen hatte.
„Ihr... ihr wisst ja, wie wichtig der Nachwuchs für die Drachen und allgemein für die Nordvölker sind. Sie sehen das an, als eine hohe Eigenschaft bei einer Frau."
Bei diesen Worten sah Yukino, wie Levy wütend die Fäuste ballte.
„Für die Drachen ist eine Frau dafür bestimmt, dem Volk mehr Nachwuchs zu schenken. Natürlich hat sie auch andere Rechte, wie zum Beispiel dem Mann auf die Jagd zu begleiten. Doch ihre Hauptaufgabe ist es, Kinder auf die Welt zu bringen. Doch das ist das Problem. Die Bewohner des Pols sind es gewohnt, Frauen zu erniedrigen und zu verachten, die keine Kinder auf die Welt bringen können. Die unfruchtbaren Frauen. Man betrachtet sie als nutzlos. Es gab mal eine Zeit, wo man sie... entsorgte. Nun... Ayria ist unfruchtbar..."
Die jungen Frauen sahen sich überrascht an.
„Es passierte bei ihrer ersten Ehe. Sie hatte eine Fehlgeburt. Doch die Geburt war nicht nur schlecht verlaufen und sie hatte nicht nur ein totes Kind zur Welt gebracht, sie verlor dabei ihre Fruchtbarkeit. Für immer. Dieser Skandal hatte die Runde der edlen Salons gemacht. Die Erbin des regierenden Hauses von Fiore war nicht im Stande, Leben zu geben! Ihr Gemahl hatte sich von ihr scheiden lassen und kein anderer Mann wollte sie zur Frau nehmen. Man hatte sie lange Zeit deswegen ausgelacht, obwohl Unfruchtbarkeit bei uns eigentlich keine Erniedrigung ist."
Seine Stimme wurde lauter, als er fortfuhr: „Nur kam dieser Skandal auf anderen Archen, bis hier, wo eine Frau nur Frau ist, wenn sie fruchtbar ist! Als der Drachenkönig erfahren hatte, dass Ayria mitgekommen war, hatte er beschlossen, uns zu testen. Und heute Abend... habe ich versagt. Wenn Ayria nicht so klug gehandelt hätte, wären wir in einem diplomatischen Unfall gefallen und Oba-San hätte es mir nie verziehen. Außerdem wollte Acnologia sicher testen, wie groß seine Macht über uns war. Nun weiß er wohl, wie groß sie ist... es tut mir wirklich Leid."
Beschämt wusste die Frauen nicht, was sie sagen sollten, bis Lisanna kalt von sich gab: „Warum habt Ihr es nicht früher gesagt? Und im Zeppelin haben Sie gesagt, Ayria wollte Vestalin werden. War das auch eine Lüge oder die Wahrheit?"
„Ich konnte nicht. Es war Ayrias Entscheidung, nichts zu sagen. Meine Schwester schämt sich für ihre Unfruchtbarkeit. Ich habe ihr gesagt, dass ihr sie nicht erniedrigen würdet, doch sie blieb stur wie ein Esel. Zudem möchte sie wirklich Vestalin werden, nach der Hinreise und dem Jahr, das Verlobung und Hochzeit voneinander trennt. Das ist keine Lüge."
„Und es ist wohl das Einzige, was keine Lüge ist", hatte Lisanna gemurmelt und war rausgegangen, bald darauf folgten ihr die anderen.
Nur Yukino war geblieben, damit der Blonde sie auf ihr Zimmer begleiten konnte.
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Sie wachte plötzlich auf. Oh, sie war eingenickt. Yukino blickte um sich herum. Nichts hatte sich verändert. Die Blätter der Bäume raschelten in der Brise und kalte, blasse Sonne des Nordens erwärmte ein wenig ihren kranken Körper.
Es war Sommer. In wenigen Monaten würde es kälter werden und der Winter würde für ein halbes Jahr regieren. Sechs Mal dreißig Tage ohne Rogue, mit Stings bestialischem Hass und dieser Schmerz bei jeder kleinen Atmung.
Sie ließ sich noch tiefer in ihrem Liegestuhl fallen. Hätte sie überhaupt den Mut, dieses halbe Jahr zu überstehen? Selbst im Sommer war es kalt. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass der Winter noch kälter, als das sein wird.
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Sie. Verlobt an seinem Cousin, seinem Bruder, seinem Zwilling.
Nein. Nein, das war unmöglich. Er hatte doch gewusst, dass sie nicht für ihn bestimmt war. Doch diese Tatsache war immer wieder wie ein Schlag ins Gesicht.
Das Schlimmste war, dass er seinen Freund kannte. Sting war egoistisch. Verachtend und immer bereit, die Schuld auf andere zu schieben. Rogue hatte immer wieder versucht, ihn zu korrigieren, meistens mit einem Faustschlag ins Gesicht, doch der zweite Sohn der Lilie blieb immer derselbe. Unerträglich nervig. Und sehr, sehr gefährlich, wenn er wütend war.
Sie würde bei ihm viel Schmerz und Leid erfahren, Rogue wusste das. Sting würde ihr diese arrangierte Ehe zur Hölle machen. Keiner der beiden trug die Schuld, der blonde Drache wusste das sehr gut, doch es war ihm vollkommen egal.
Er presste seine Fäuste auf seinen schweren Lidern. Momentan schlief er schlecht, noch mehr als sonst. Er hatte wieder seine alten Kopfschmerzen. Als ob er das brauchen würde.
Er setzte sich auf. Er musste sich zusammenreißen. Während dieser zwei Wochen auf dem Zeppelin, hatte er sich gehen lassen. Das war ein Fehler gewesen. Sie war ihm zu nahe gekommen und er hing noch mehr an ihr, als bei ihrer ersten Begegnung. Sie hatte sein kaltes Herz mit Leichtigkeit schmelzen lassen und nun kamen seine Gefühle auf, es tat weh. Verdammt, es schmerzte zu sehr.
Er musste sich beruhigen. Sich entfernen. Sein Herz noch kälter machen, sich vor jeder Emotion schützen. Er wollte nicht mehr Schmerzen fühlen.
Seine Schwäche ihr gegenüber würde ihnen drei nichts Gutes bringen. Ja, drei, schließlich ging es Sting auch etwas an. Er musste sie vergessen, sie fallen lassen. Ja, das musste er tun. Es war die beste Lösung. Die einzige Möglichkeit.
Aber warum schmerzte ihn dieser Gedanke? Warum schrie sein Herz, als er versuchte, es vor jeder Emotion zu beschützen?
