Als Tiny gegen elf Uhr die Wohnungstür hinter ihrem letzten Gast schloss, haftete noch immer ein Lächeln auf ihrem Gesicht. Sie streifte die Schuhe von ihren Füssen und ging in ihr Schlafzimmer, wo sie das Sofa mit einem geübten Ruck in ein Bett verwandelte. Sie liess sich rücklings darauf fallen, so dass die Haarnadeln ihr in den Hinterkopf stachen. Trotzdem rührte sie sich nicht und genoss die Stille in ihrer Wohnung. Die Idylle wurde jedoch plötzlich durch das unverkennbare Geräusch eines Schnabels durchbrochen, der an eine Fensterscheibe klopfte.
„Lass das, Wall-E", sagte Tiny, ohne sich aufzusetzen, „Es ist viel zu kalt draussen, du kannst jetzt nicht raus."
Mit einem raschelnden Geräusch landete die Eule neben ihrer Herrin auf dem Bett. Tiny hob erschöpft die Hand und streichelte über den gefiederten Kopf ihres Mitbewohners. Doch das Geräusch wiederholte sich. Wie um sicher zu gehen, drehte Tiny den Kopf und blickte Wall-E fragend an. Das war tatsächlich ihre Eule. Als das Geräusch ein drittes Mal erklang, stemmte sich die Hexe auf die Ellbogen und sah auf der Fensterbank eine gegen die Kälte aufgeplusterte Eule sitzen. Der Vogel kam Tiny vage bekannt vor und obwohl sie ihn nicht einzuordnen vermochte, sank ihr das Herz. Wer würde ihr zu dieser Uhrzeit noch schreiben? Mit einem mulmigen Gefühl im Magen öffnete Tiny das Fenster. Die Eule flatterte hinein, und liess sich auf dem eben erst abgeräumten Tisch nieder.
Der Anwaltshexe klopfte das Herz bis zum Hals. Sie knüpfte das Pergament vom Bein der Eule, welche die Flügel ausbreitete und sich auf Wall-Es Vogelstange niederliess. Tiny zuckte die Schultern und schloss das Fenster. Sollte die Eule sich erst einmal aufwärmen. Dann richtete sie ihre Aufmerksamkeit wieder dem Pergament in ihren Händen zu. Am Brief selber war nichts ungewöhliches, doch itten in der Nacht konnten es keine guten Nachrichten sein. Schliesslich fasste sie sich ein Herz und entrollte das mitgenommen wirkende Stück Papier. Sie wünschte sich, sie hätte es nicht getan. Mit jedem Wort, das sie las, wich mehr Farbe aus ihrem Gesicht. Als sie den Brief zuende gelesen hatte, blieb sie einen Moment lang wie erstarrt stehen. Sie drehte das Blatt um. Dann hastete sie mit schnellen Schritten zu ihrem Zauberstab, packte ihn und war auch schon verschwunden.
Dass sie keine Schuhe trug, wurde Tiny erst klar, als die Kälte der nackten Fliesen durch ihre dünne Nylonstrumpfhose an ihre Füsse drang. Ein weiterer Schwenk des Zauberstabes löste auch dieses Problem. Tiny schlüpfte in die Schuhe, streifte eine Haarsträhne, die aus ihrer Hochsteckfrisur geschlüpft war hinters Ohr und ging los.
„Schön ruhig bleiben, Tiny", sagte sie zu sich selbst, „Wenn du anfängst, emotional zu werden, sehen die Leute in dir nur ein quängelndes kleines Kind, bleibst du aber professionell, sehen sie die gescheite Anwältin, die du bist."
Das Klackern ihrer Absätze hallte beinahe gespenstisch durch das leere Atrium des Zaubereiministeriums, als sie auf den Schalter des Nachtportiers zuging. Der Mann hatte sie natürlich schon bemerkt und blickte der jungen Frau misstrauisch entgegen. Tiny setzte ein freundliches Lächeln auf und straffte die Schultern, wodurch sie etwas an Körpergrösse gewann. Als die Anwaltshexe näher kam, erkannte sie den Mann hinter dem Schalter als Henry Pool. Ein freundlicher Mann, mit dem Tiny schon einige Male geschwatzt hatte, wenn sie geschäftlich im Ministerium zu tun hatte. Auch in Mr. Pools Gesicht trat der Ausdruck des Erkennens.
Als Tiny in Hörweite war, sagte sie: „Einen fröhlichen Heiligen Abend, Mr. Pool. Scheint, als hätten Sie den kurzen Zauberstab gezogen?"
Mr. Pool lachte und wartete mit seiner Antwort, bis Tiny vor ihm stand.
„Das Schicksal war mir nicht hold", sagte der Mann und hob ergeben die Schultern, „Aber viel interessanter ist doch, was Sie um diese Zeit hierher führt, Miss Weasley."
„Das Gesetz schläft nicht, Mr. Pool", antwortete Tiny, „Und es scheint, als wolle es auf meine Gesellschaft nur ungern verzichten. Wie es scheint, hat das Ministerium zwei meiner Klienten in Gewahrsam genommen und … vergessen, mich davon in Kenntnis zu setzen."
Pool nickte bedächtig, er war ein eher gemütlicher Mann.
„Und wie kann ich Ihnen behilflich sein?"
„Ich würde gerne mit meinen Klienten sprechen und Sie können mir sagen, wo ich sie finde", antwortete Tiny mit einem freundlichen Lächeln und verzweifelt den Impuls niederkämpfend, über die Theke zu hasten und selber in dem Dokument nachzusehen, das alle Ein- und Ausgänge im Ministerium automatisch erfasste.
„Wie heissen denn Ihre Klienten?", wollte Pool wissen.
„Eric Clarkson und Ried – Richard Turner."
Pool zog die Liste zu Rate und Tiny drehte nervös ihren Zauberstab in den Händen. Machte Pool absichtlich langsam?!
„Hier haben wir ihn ja", sagte Pool schliesslich und las vor, „Turner, Richard; Gebäude verlassen; überstellt nach Askaban."
„Askaban?!", entfuhr es Tiny unwillkürlich.
„So steht es hier", bestätigte Pool mit einem neugierigen Blick.
„Aber…", begann Tiny, die es nicht fassen konnte. Für eine Haft entbehrte sich jegliche gesetzliche Grundlage. Ausserdem hätte sie, als Rieds Anwältin informiert werden müssen! Sie war drauf und dran, Pool anzufahren, besann sich jedoch eines Besseren. Der Mann würde ihr ohnehin nicht weiterhelfen können.
Tiny schluckte schwer und versuchte, ihre Stimme ruhig zu halten, als sie fragte: „Was ist mit Eric? Eric Clarkson?"
Pool betrachtete erneut die Liste und sagte schliesslich: „Clarkson, Eric; Gebäude verlassen; überstellt an St. Mungo."
„St. Mungo?", keuchte Tiny, der die Knie weich zu werden drohten, für einen Tag hatte sie mehr als genug Überraschungen erlebt. Wie konnte sie nur so versagt haben? Einer ihrer Klienten im Gefängnis, der andere im Krankenhaus!
„Ich habe gehört, dass sein Gedächtnis gelöscht werden sollte und dabei etwas schief gegangen ist", erklärte Pool.
Bei diesen Worten fing sich Tiny wieder.
„Sein Gedächtnis sollte gelöscht werden?", fragte sie scharf, „Es gab keine Verhandlung und somit auch kein Urteil, das vollstreckt werden konnte."
„Aber das ist doch das Standard-Verfahren", entgegnete Pool, „Als Anwältin sollte Ihnen das doch vertraut sein."
„An diesem Fall ist aber nichts Standard", sagte Tiny schneidend.
Die Gedanken der Anwaltshexe rasten. Sie musste Ried aus dem Gefängnis holen und sicherstellen, dass das Ministerium seine schmutzigen Finger von Eric liess. Sie musste sich nach seinem Zustand erkunden und Sophie darüber ins Bild setzen. Sophie! Die Muggel-Frau hatte ihr die Eule geschickt und war somit nicht mit Eric und Ried verhaftet worden, doch das hiess noch lange nicht, dass sie aus dem Schneider war. Sie wusste von der magischen Welt und da das Ministerium sich in letzter Zeit nicht um Gesetze zu scheren schien, bestand durchaus die Möglichkeit, dass die Behörden-Lemminge ausziehen und ihr Gedächtnis löschen würden, erführen sie von Sophie. Erics Frau musste also auch noch in Sicherheit gebracht werden. Langsam kristallisierte sich ein Plan in Tinys Kopf, wie eine Schneeflocke in einer Regenwolke.
„Ich will mit Richard Turner sprechen", sagte Tiny, freundlich aber bestimmt.
Pool lachte bellend auf. „Aber Miss Weasley, es ist mitten in der Nacht, die Besuchszeit in Askaban ist längst vorbei."
„Ich bin nicht Rieds Besuch", erklärte Tiny mit eiserner Mine, „Ich bin die menschliche Verkörperung seines verfassungsmässigen Rechts auf anwaltliche Vertretung."
„Hören Sie, Miss", begann Pool, durch den ernsten Ton der jungen Frau, die er sonst nur fröhlich scherzend kannte sichtlich verwirrt.
„Nein, Mr. Pool, Sie hören zu", unterbrach ihn Tiny, liess aber einen besänftigenden Unterton in ihre Stimme fliessen, „Sie wissen doch, dass ich Sie wirklich gut leiden kann? Deshalb wäre es mir auch wirklich unangenehm, müsste ich rechtliche Schritte gegen Sie einleiten, was durchaus den Möglichkeiten meiner Mandanten entsprechen könnte. Damit das nicht passiert, sage ich Ihnen jetzt einfach, was sie machen müssen, um mögliche rechtliche Konsequenzen abzuwenden. Sie werden eine Aktennotiz anfertigen, aus der unmissverständlich hervor geht, dass ich die anwaltliche Vertretung von Mr. Turner und Mr. Clarkson bin und über jeglichen Schritt, der in diesem Fall unternommen wird, informiert werden muss. Ausserdem werden Sie in Askaban Bescheid geben, dass ich in einer Stunde, also um 0:30 Uhr, am 25. Dezember dort sein werde und mit meinem Klienten, Mr. Richard Turner sprechen werde. Sollten die dortigen Wachen Sie fragen, weshalb sie mir diesen Wunsch gewähren sollten, können Sie ihnen sagen, dass ich mich ansonsten gezwungen sehe, Askaban und das Zaubereimnisterium bis auf die Grundmauern zu verklagen, da mein Mandant nicht nur widerrechtlich inhaftiert wurde, sondern ihm auch elementare Rechte grundlos vorenthalten wurden."
Pool schaute die junge Hexe vor sich leicht fassungslos an.
„Haben Sie das alles verstanden?", vergewisserte sich Tiny.
„Ja", bestätigte Pool mit einem langsamen Nicken.
„Gut", sagte Tiny und lächelte, „Ich wünsche Ihnen fröhliche Festtage, Mr. Pool."
Mit diesen Worten wandte Tiny sich ab und schritt zu dem Bereich, in dem sie disapparieren konnte.
Die Luft krallte sich mit eisigen Fingern in Tinys nackte Arme und nur dünn bestrumpften Beine, doch sie ignorierte es. Die Telefonzelle war nicht weit. Im Schutz des leicht miefigen Raumes schwang sie ihren Zauberstab, woraufhin ihr Mantel und die zum Bersten gefüllte Umhängetasche erschienen. Als sie sich warm eingepackt hatte, griff sie nach dem Telefonbuch und blätterte darin, bis es ihr zu bunt wurde und sie mit einem Stupser des Zauberstabes nachhalf. Die entsprechende Seite sprang auf und Tiny kramte in ihrer Tasche nach Muggelgeld. Als sie fündig geworden war, hob sie den Hörer ab und wählte. Während es am anderen Ende klingelte, tappte Tiny ungeduldig mit dem Schuh auf den Boden. Schliesslich knallte sie den Hörer zurück auf die Gabel und grub die Finger in die Haare, wodurch sich noch mehr Strähnen aus der eleganten Frisur lösten.
„Vielleicht…", murmelte sie schliesslich und schlug mit dem Zauberstab erneut auf das Telefonbuch, das sofort aufsprang.
„Hallo", meldete sich schon nach kurzem Klingeln eine vertraute Stimme.
„Tommy!", rief Tiny erleichtert, „Hör mal, es tut mir leid, dass ich mitten in der Nacht bei dir anrufe, aber ist Sophie bei dir? Es ist wichtig."
„Tiny, hallo", entgegnete Tommy mit hörbarem Lächeln in der Stimme, „Ja, sie ist hier, sie steht…"
Tiny hörte ein Rascheln und gedämpfte Stimmen.
„Tiny?", Sophie musste ihrem Bruder den Hörer aus der Hand gerissen haben, „Bitte sag mir, dass du weisst, was hier vor sich geht!"
„Ja, ich weiss, was hier vor sich geht", entgegnete Tiny betont ruhig, „Hör mir genau zu, Sophie. Bitte bleib bei Tommy, ja? Ich bin in spätestens einer halben Stunde da und erkläre dir alles."
„Wo ist Eric?", die Stimme der anderen Frau brach Tiny fast das Herz, doch sie konnte ihr das unmöglich über das Telefon erklären.
„Sophie, ich erkläre dir alles, wenn ich bei dir bin", vertröstete sie Tiny, „Ich beeile mich. Sag Tommy, er soll dir einen Tee kochen."
Tiny hörte, wie Sophie am anderen Ende tief durchatmete und dann leise sagte: „Ok."
Nachdem das Gespräch beendet war, hastete Tiny, ohne sich zu erlauben, nachzudenken, zum nahegelegenen Eingang des St Mungo. Ihre Schuhe klackerten laut im Foyer, so dass der Eindruck entstand, eine ganze Drachenherde würde hindurchstampfen.
„Ich möchte zu Eric Clarkson", sagte Tiny leicht ausser Atem zu der Hexe am Empfang.
„Die Besuchszeit ist schon lange vorbei, Miss", entgegnete die Frau gelangweilt.
„Ich bin kein Besuch, sondern seine Anwältin", sagte Tiny und setzte rasch ihr Anwaltsgesicht auf und knallte den unterschriebenen Vertrag auf die Theke.
Die Empfangshexe blätterte halbherzig in ihren Unterlagen und sagte dann: „Er ist im Moment nicht in der Lage, mit einem Anwalt zu reden. Er ist bewusstlos."
„Ich möchte gerne meinen Mandanten sehen, um mich zu vergewissern, dass es ihm gut geht und ich möchte über seinen Zustand informiert werden", sagte Tiny betont anwaltlich, „Er ist ein Muggel, genau wie seine Angehörigen, welche somit so rasch keinen Zutritt zu dieser Einrichtung haben. Ich bin somit…"
„Tiny", ertönte überraschend eine Stimme hinter der Anwaltshexe.
„Cecily!", stiess Tiny erleichtert hervor und wirbelte zu der Medimagierin herum, „Hör mal, ich muss sofort Eric Clarkson sehen und über seinen Zustand ins Bild gesetzt werden. Hier, das ist ein Mandantenvertrag, von Eric unterschrieben. Ich bin seine Anwältin und die einzige Verbindung zu seinen Muggel-Angehörigen. Du weisst, wie schwierig es ist, eine Sondergenehmigung für Muggel zu bekommen und sie machen sich Sorgen."
Nur dank ihrer langjährigen Freundschaft, verstand Cecily, was Tiny ihr sagte, denn die Anwaltshexe hatte in schier übermenschlichem Tempo gesprochen.
Die Medimagierin warf einen Blick auf den Vertrag, nickte und begleitete Tiny zum Aufzug.
„Wie es scheint, ist bei der Anwendung eines Vergessenszaubers irgendwas schief gegangen", erklärte Cecily, als die beiden Frauen in Erics Zimmer standen.
Anders, als in Muggelkrankenhäusern war der junge Mann nicht an Monitore und andere Gerätschaften angeschlossen. Man hätte beinahe glauben können, er schlafe, wäre da nicht der angestrengte, beinahe gequälte Ausdruck in seinem Gesicht gewesen. Tiny hoffte, dass er kämpfte, gegen die Auswirkungen des Zaubers.
„An ihm wurde schon einmal ein Gedächtniszauber ausgeübt", erklärte Tiny, „Aber er hat ihn wieder abgeschüttelt. Vielleicht ist er immun dagegen. Er… schaut einfach genauer hin, als andere Muggel."
„Er hat einmal einen Gedächniszauber abgeschüttelt?", wiederholte Cecily, „Gut, dass du das erwähnst, vielleicht kann uns das helfen. Komisch, dass die Beamten, die ihn hergebracht haben das nicht erwähnt haben."
„Pah!", entfuhr es Tiny, „Die… die haben noch nicht einmal danach gefragt."
Tiny schüttelte den Kopf. Sie hatte auf ganzer Linie versagt.
„Wie sieht die Prognose aus?", fragte sie.
Ihre Freundin machte eine undeutbare Geste mit Kopf und Schultern. „Das ist schwer zu sagen. Wie es um seine Erinnerungen steht können wir erst sagen, wenn er wieder aufwacht und das…"
Die Medimagierin liess den Satz unvollendet.
Wut, ballte sich wie eine rot glühende Faust in Tinys Magen. Wut auf das Ministerium, die Vergiss-Michs, die gesamte Situation und vor allem auf sich selber. Sie grub ihre noch immer grünen Fingernägel in die Handflächen, doch die Schmerzen schafften es nicht, ihre Emotionen zu vertreiben. Vor ohnmächtiger Wut, drohten der Anwaltshexe Tränen in die Augen zu steigen. Sie verpasste sich innerlich eine Ohrfeige und wandte sich an ihre Freundin.
„Versprich mir bitte, dass du mich sofort benachrichtigst, wenn sich an seinem Zustand irgendetwas ändert. Oder wenn er Besuch bekommt, der nicht mit mir oder Ried Turner zusammen ist."
„Ried?", fragte Cecily nach, doch Tiny ignorierte sie und Tiny ging zu dem Muggel. An seinem Bett zog etwas aus ihrer Umhängetasche.
„Pass gut darauf auf", sagte sie leise zu ihm, „Ich will, dass du sie mir möglichst bald zurückgibst."
Als Tiny das Zimmer verliess, lag die rote Weihnachtsmütze in der schlaffen Hand des Patienten.
