10: Rückblick (Krankenhaus)

"All I know
time is a valuable thing
Watch it fly by as the pendulum swings
Watch it count down to the end of the day
The clock ticks life away
It's so unreal
Didn't look out below
Watch the time go right out the window
Trying to hold on / but didn't even know
Wasted it all just to

I kept everything inside and even though I tried / it all fell apart
What it meant to me / will eventually / be a memory / of a time when I tried so hard
And got so far
But in the end
It doesn't even matter
I had to fall
To lose it all
But in the end
It doesn't even matter
I tried so hard

Things aren't the way they were before
You wouldn't even recognize me anymore
Not that you knew me back then
But it all comes back to me
In the end
You kept everything inside and even though I tried / it all fell apart
What it meant to me / will eventually / be a memory / of a time when I tried so hard
And got so far
But in the end
It doesn't even matter
I had to fall
To lose it all
But in the end
It doesn't even matter
I've put my trust in you
Pushed as far as I can go
For all this
"

Linking Park – In The end

Der Boden vibrierte und die schweren Schritte hallten durch den leeren Krankenhausflur und kündigten das Kommen eines Mannes an, der schon seit Ewigkeiten nicht so schnell gerannt war.

Special Agent Jason Gideon flog den Krankenhaus Flur förmlich entlang. Seine Schuhe hinterließen ein lautes Geräusch als die Ledersohlen mit jedem Schritt den Linoleum Boden berührten. Fast vier Tage hatten sie auf ein Lebenszeichen gehofft, irgendetwas, das ihnen beweisen würde, dass der Jüngste im Team, Spencer Reid, noch unter ihnen weilte. Etwas, das ihnen Gewissheit brachte, dass er lebte und ihre verzweifelte Suche nicht umsonst war. Dass sich die Anstrengung und die Bemühungen, der mangelnde Schlaf und die vernachlässigten Mahlzeiten bezahlt machen würden. Sie hatten auf ein Zeichen gehofft, das sie aufatmen lassen konnte, ein Zeichen, dass sich doch noch alles zum Guten wenden würde, auch wenn die Zeit gegen sie gearbeitet hatte. Ihr Ehrgeiz war niemals ins Wanken geraten. Gideon war erschöpft und er war nervlich am Ende, besorgt um den jungen Mann, den er liebevoll beinahe wie seinen Sohn betrachtete. Er war nicht fähig gewesen zu Essen, geschweige denn sich auch nur für eine halbe Stunde hinzulegen und auszuruhen.

Die Gedanken waren in jeder Minute bei Spencer Reid gewesen und je mehr Zeit vergangen war, umso mehr hatte sich seine Vorstellung von dem Jungen verändert. Zuerst hatte er ständig sein jugendliches Gesicht vor sich gesehen. Unordentliche Kleidung, die nie wirklich zusammenpasste, dabei das aufmerksame Blitzen der dunklen Augen und der verkniffene, freche Gesichtsausdruck wenn er über etwas nachdachte. Die Lippen geformt zu einem verspielten Lächeln, Gesten der Unbeschwertheit. Doch für Gideon hatte sich dieses Bild nach Tagen getrübt. Sie hatten nicht gewusst wo er war, sie hatten keine Ahnung was sie erwarten würde… und dann war der Anruf gekommen, den Hotch und Morgan nachgegangen waren… und keine Stunde später wurde ihm mitgeteilt, dass der Hinweis keine Finte gewesen war, sie hatten den Jungen gefunden.

In dieser Zeit waren andere Bilder in Jasons Gedanken entstanden, Bilder, die den blauen Himmel plötzlich mit schwarzen Gewitterwolken überzogen hatten. Bilder, die den Jungen misshandelt und verletzt zeigten. Bilder, die ihn erschaudern ließen und von denen er die schlimme Ahnung hatte, dass sie so eintreten würden. Es fiel ihm schwer, sich die dunklen Augen ohne Glanz, ohne Leben, sondern leer und ausdruckslos vorzustellen. Aber er fürchtete, dass es genau so sein würde. Er hatte keine Ahnung wie Recht er damit behalten sollte.

Gideon atmete tief durch und verlangsamte seine Schritte. Der sterile Krankenhausgeruch lag ihm unangenehm in der Nase und er brachte Erinnerungen an jene, die er fiel zu früh verloren hatte.

Nicht er… nicht er… bitte nicht

Hämmerten die Worte durch seine pochenden Schläfen als er weiterging, das Gespräch mit Hotch noch immer in den Ohren.

„Jason, wir haben Reid gefunden."

Hatte Hotch ruhig und völlig emotionslos gesagt. Seine Stimme hatte lediglich erschöpft und heiser geklungen, so als wäre seine Kehle ganz rau.

„Wie geht es ihm, ist er in Ordnung?"

Hatte Jason gefragt, er war nicht fähig gewesen auch nur einen klaren Gedanken zu fassen. Am anderen Ende der Leitung war Schweigen die Antwort gewesen, doch er hatte Hotch atmen hören, schwer und laut. Er hatte gehört wie Hotch mehrmals angestrengt geschluckt hatte und er hatte sofort gewusst, dass er gegen den Impuls sich zu übergeben ankämpfte.

Es ist schlimmer… er ist nicht in Ordnung

„Er lebt, Jason."

Kam die Antwort und Gideon hatte die Augen geschlossen und gemerkt wie sich hinter den Lidern kleine salzige Tropfen bildeten. Für jeden kam irgendwann der Augenblick, in dem die Fassade bröckelte und die Emotionen, vermischt mit Erschöpfung und Erkenntnis, auf einen einstürzten. Sie hatten fast vier unendlich lange Tage bis weit über ihre Grenzen hinaus gearbeitet. Und irgendwann stürzte alles in sich zusammen. Es ließ sich nicht aufhalten. Dieser Augenblick war für Jason Gideon, einem knallharten Profiler, gekommen als dieser Abschnitt vorbei war und ein neuer direkt begann.

„Wie schlimm?"

Fragte er mit betont leiser Stimme. Er zwang sich neutral zu klingen, doch es war ihnen nur allzu schmerzlich bewusst, um wen es hier ging und egal wie sehr Gideon sich bemühte, er schaffte es nicht länger ein Bild von Reid in seinen Kopf entstehen zu lassen, auf dem er lächelte… das war vorbei. Die Suche nach dem Jüngsten im Team hatte sie verdrängen lassen, was es heißen würde ihn vielleicht lebend zu finden. Sie hatten keine Zeit, keine Gelegenheit gehabt überhaupt einen Gedanken daran zu verschwenden wie sie ihn vorfinden würden. Das wie war zunächst bedeutungslos gewesen, wichtiger war das ob gewesen.

„Schlimm."

War Hotchs Antwort ebenso leise gekommen, seine Stimme brach.

„Was ist mit, es geht ihm gut, oder…"

Versuchte Gideon es positiv und versuchte zu lächeln, sich selbst etwas Hoffnung zu machen, doch Hotch hatte ihn schnell unterbrochen. Und er hatte das Gespräch so schnell wie möglich beenden wollen, als er merkte dass seine Kehle sich wie zugeschnürt anfühlte und seine Augen feucht wurden. Er wollte nicht weinen, er wollte die Beherrschung nicht verlieren, Special Agent Hotchner verlor nie die Fassung, er war unergründlich, er war ernst und völlig emotionslos, doch er konnte die Gefühle nicht aufhalten, Stress fiel von ihm ab. Er räusperte sich und hoffte wieder Herr seine Stimme zu sein,

„Er lebt, Gideon, wir haben ihn rechtzeitig gefunden… belassen wir es dabei."

Und damit war das Gespräch beendet worden, Hotch hatte aufgelegt, das Handy fest umklammert. Er sah sich um und als er sicher war allein zu sein, ließ er den Gefühlen freien Lauf und seine Schultern bebten, als er das Schluchzen zuließ. Jason Gideon hatte Minutenlang in seinem Büro gesessen und das Telefon ungläubig angestarrt. Er hatte einen Moment für sich gebraucht, einen Moment sich zu sammeln und über die letzten Tage nach zudenken. Er hatte sich so verdammt hilflos gefühlt. Reid war wer weiß wo gewesen und hatte wer weiß was durchleben müssen. Es schmerzte ihn auch nur daran zu denken, wie irgendjemand diesen unschuldigen Jungen verletzen konnte. Doch er wusste, dass genau dies eingetreten war. Und auch wenn er noch lebte und sich erholen würde, sie hatten ihn verloren, er konnte es fühlen.

Die Tränen liefen jetzt unkontrolliert über seine Wangen, doch er fühlte keine Trauer, keine Sorge, er fühlte einfach nur Wut, wie es irgendjemand wagen konnte ins Team einzudringen und solch einen Scherbenhaufen zu hinterlassen. Er biss sich auf die Lippen um die Wut herunterzufahren, sie kam tief aus seinem Bauch und formierte sich zu dem stärksten Gefühl, das er bereit war zu empfinden. Doch es war nichts da, woran er sie hätte abreagieren können.

In einer eleganten und zugleich harten Bewegung hatte er alle Gegenstände mit den Armen von seinem Schreibtisch zu Boden gefegt und ein paar Mal laut und schluchzend ein und aus geatmet. Der Profiler in ihm gewann wieder die Oberhand, als das laute Geräusch der Gegenstände, die zu Boden fielen, durch das Büro schallten.

Wir müssen dieses Schwein kriegen…

Jason Gideon kam endlich auf der richtigen Station an und beschleunigte wieder seinen Schritt. Vier Tage hatte er auf ein Lebenszeichen gewartet, irgendetwas, das die Gewissheit brachte, dass Spencer Reid noch am leben war, gerade dieser Gedanke, diese durchlebte Ungewissheit, machte es unmöglich auch nur zehn Minuten länger tatenlos zu warten. Er musste ihn sehen, sicher sein, dass er lebte und sich selbst überzeugen, warum Hotch keinen der angemessenen Floskeln, wie es geht ihm gut, er ist in Ordnung, oder ein schlichtes fein gebraucht hatte. Nachdem er sich hektisch durchgefragt hatte, stürmte er förmlich das kleine Wartezimmer, in dem Hotch seit einer dreiviertel Stunde saß.

„Wo ist er?"

Fragte Gideon sofort ohne seine Zeit mit Höflichkeiten zu verschwenden. Hotch stellte den leeren Kaffeebecher, den er unruhig in seinen Händen gedreht hatte auf das Tischchen vor sich. Er seufzte tief, rieb sich die müden Augen.

„Er ist noch im Behandlungsraum. Die Ärzte haben nur kurz mit mir gesprochen."

Gideon setzte sich nervös zu ihm und versuchte irgendwelche Anhaltspunkte über Spencers Zustand in Hotchs Gesicht abzulesen. Als Hotch bemerkte wie der besorgte Blick auf ihm ruhte, begann er leise zu reden, er sah den älteren Agent nicht an. Sondern starrte auf den leeren Kaffeebecher, doch vor seinen Augen spielten sich ganz andere Bilder ab und er konnte die eisige Zugluft auf seiner Haut spüren, das Blut auf dem geblümten Laken riechen… und er sah wie es in den Sonnenstrahlen hell geleuchtet hatte. Hotch bekam eine Gänsehaut.

„Er hat einige Verletzungen, Schnittwunden, blaue Flecken… Schmerzen, er war erschöpft, dehydriert aber die Ärzte haben mir versichert, dass es schlimmer aussieht als es tatsächlich ist."

Er streckte die Hände aus und rief sich in Erinnerung wie er den geschundenen Körper in den Armen gehalten hatte und ihn getragen hatte… nach oben, ins Licht, raus aus der Hölle. Spencer hatte sich so leicht angefühlt. Und er sah das Schmerzverzerrte Gesicht vor sich. Ein Ausdruck den er bei Spencer noch nie gesehen hatte und den er niemals wieder sehen wollte.

„Er muss nicht operiert werden, und Brüche hat er auch keine. Sie haben ihm eine örtliche Betäubung ins Rückenmark gesetzt, um einige der tiefen Wunden zu vernähen, damit er stillhält. Ich glaube er ist eh viel zu erschöpft, um irgendetwas davon mitzukriegen. Sie wollten, es ambulant behandeln, weil sie erst feststellen mussten, ob er unter Drogen gesetzt wurde. Eine Narkose wäre zu gefährlich gewesen. Wir haben ihn rechtzeitig gefunden…"

Er verstummte plötzlich, als Gideons Handy klingelte.

„Emily?"

Fragte Gideon tonlos, als er abnahm, die Nummer auf dem Display zeigte ihren Namen. Sie wechselten kurz ein paar Worte, Gideon sagte nicht viel, er hörte zu, doch sein Gesicht wechselte schlagartig und ein Eindruck großer Enttäuschung huschte über die müden Züge. Er sah Hotch an, ohne ihn wahrzunehmen und Hotch konnte in seinen müden Augen sehen, dass sie wieder ganz am Anfang waren.

„Danke, bleibt dran."

Er beendete das Gespräch. Hotch sah kurz erwartungsvoll in den Flur hinaus.

„Sie haben den Täter nicht gefunden… er ist über alle Berge, wir haben keine Ahnung wer er ist oder wie er aussieht... das hängt jetzt alles von Reid ab, er ist der einzige der… überlebt hat."

Hotch wollte etwas erwidern, doch als eine Ärztin zu ihnen kam, standen beide erwartungsvoll auf, alles andere war in diesem Moment bedeutungslos. Vorerst.

„Hi, ich bin Dr. Jenkings, ich bin hier um sie über Dr. Reid zu informieren. Äh, Agent Hotchner?"

Fragte sie, als sie beiden die Hand gab. Hotch trat etwas vor und Gideon machte ihm widerwillig Platz. Er war Reids Notfallkontakt. Und Gideon wusste, dass Hotch sich an der Entführung die Schuld gab, weil er mit Reid zusammen unterwegs gewesen war. Er ließ ihn den Vortritt, auch wenn es ihm sichtlich schwer fiel noch etwas länger zu warten.

„Wie geht es ihm?"

Wollte Hotch wissen, seine Stimme klang fordernd und ungeduldig. Er konnte ihrem Gesicht ablesen, dass sie nicht die besten Nachrichten hatte.

„Agent Hotchner, Gehen wir ein Stück."

Antwortete sie mit einem leichten Blick auf Gideon. Es war offensichtlich, dass sie mit ihm alleine sprechen wollte.

„Kann ich zu ihm?"

Fragte Hotch nun leise, alle Autorität war aus seiner Stimme gewichen. Die Hände hatte er erwartungsvoll in die Hüften gestemmt.

„Ja, sofort."

Sie lächelte ihn kurz aufmunternd an.

„Dr. Reid hat nach Ihnen gefragt."

Er fühlte Erleichterung, da Reid offensichtlich wach und ansprechbar war. Sie gingen ein Stück den Flur entlang, den Weg über ein bedrückendes Schweigen zwischen ihnen. Es war nichts zu hören, nur das Geräusch ihrer Schritte auf dem Boden und wie Hotch sich einbildete sein lauter, nervöser Herzschlag. Dann blieben sie vor einem Zimmer stehen. Hotch sah sie fragend an. Sie blätterte in der Akte, die sie vor sich hielt. Und zu Hotchs Erleichterung kam sie endlich auf den Punkt, ihr Lächeln war verschwunden, sie wurde sachlich.

„Agent Hotchner, Dr. Reid ist ziemlich erschöpft, aber sein Zustand ist nicht ernst. Er ist dehydriert und die meisten Verletzungen sind nur oberflächlich… Schnittwunden, blaue Flecke. Bis auf…"

Hotch fiel ihr schnell ins Wort. Für ihn war es grausige Gewissheit geworden, dass dem Jungen sexuelle Gewalt angetan worden war, er wollte es nicht aus ihrem Mund hören. Er sah wieder das Laken und die hellen Blutflecke, sie waren frisch gewesen.

„Was haben Sie für ihn getan?"

Sie nickte verständnisvoll. Als sie seinem durchdringenden Blick begegnete, sein Mund bildete eine ausdruckslose Linie.

„Also die schweren Verletzungen im Darm konnten mit wenigen Stichen genäht werden, sollten dort keine Entzündungen oder innere Blutungen auftreten, dann wird es ganz normal verheilen, ohne ihm in der Zukunft Probleme zu bereiten. Die Fäden können in etwa einer Woche gezogen werden, wenn alles gut verheilt. Es wird viel Ruhe brauchen, es wird dauern und nicht sehr angenehm sein, wir haben ihn auf Grund der Verletzungen auf eine Hohe Dosis Antibiotika gesetzt. Damit keine Infektionen auftreten und das Fieber runter geht."

Hotch atmete erleichtert aus. Da die gute Nachricht in ihm wirkte, sprach sie schnell weiter und erklärte mehrere Einzelheiten. Ihr Ton klang distanziert und Hotch versuchte sich ebenso einzubilden, dass sie über einen Fremden sprach, jemanden bei dem es ihn nicht persönlich belastete, was er hörte.

„Er ist mehrere Stunden auf brutalste Weise vergewaltigt worden… er sollte dringend psychologisch betreut werden. Wir haben Fotos gemacht und fremde DNA Proben an ihm sichergestellt, die Proben befinden sich bereits auf dem Weg in Ihr Labor. Die vorgeschriebenen Tests wurden durchgeführt, also auf HIV und auch Hepatitis. Aber es wird dauern bis die Ergebnisse da sind. Wir haben Dr. Reid ein Präventionsmedikament verabreicht, das eine mögliche HIV Infektion bekämpft. Es wird alle zwei Stunden gespritzt. Reine Vorsichtsmaßnahme bei sexuellen Vergehen. Er hat erhöhte Temperatur, aber er ist ansprechbar."

Sie öffnete den Ordner erneut und zog ein Photo heraus. Die schlechten Nachrichten rissen nicht ab und sie beeilte sich schnell durch das Protokoll zu kommen.

„Agent Hotchner, das sollten Sie sich ansehen…"

Sagte sie und reichte es ihm mit einem mitfühlenden Blick in seine Augen, diskret sah sie das Photo nicht an. Hotch sah auf das Bild und verstand erst den Zusammenhang nicht. Er brauchte einige Sekunden, bis sich das Foto in seinen Verstand gebrannt hatte, bis er verstand was er dort sah. Es war eine Photographie von Reids Rücken, die Kratzer und Schnitte, die Hotch unter dem dreckigen T-Shirt gesehen hatte, waren gereinigt worden und die leichten Krusten zeigten Worte, die der Täter mit einem Messer auf ihm hinterlassen hatte,

BAU You'll never be save again! Never!"

Las er laut vor, er bekam weiche Knie, wenn er an die Brutalität dachte, die Reid ausgesetzt gewesen war. Und er war sich dessen bewusst, dass der Täter sein Team auseinander gerissen hatte. Es war eine Schuldzuweisung und Hotch wusste, dass er als Leiter des Teams versagt hatte. Er hatte es die ganze Zeit über schon gewusst, aber er war fähig gewesen, den Gedanken ganz tief in der hintersten Ecke seines Gehirns zu verstauen und im Rahmen der 24Stunden Ermittlung nicht zuzulassen. Der Täter hatte gemordet und Hotch hatte zugelassen, dass er ins Team eingedrungen war und einen von ihnen direkt vor seinen Augen erwischt hatte. Sie hatten sich einfach zu sicher gefühlt. Der Täter trieb sein Spiel mit ihnen. Das durfte er nicht zulassen.

Wir müssen das Schwein kriegen!

„Danke, Doktor… äh, Jenkins, ich möchte zu ihm. Würden Sie die Akte bitte meinem Kollegen, Special Agent Gideon geben?"

Entgegnete Hotch, als er die Wut wieder unter Kontrolle hatte, er versuchte seine Gedanken auf seinen jungen Kollegen zu richten. Im Moment zählte für ihn nur, dass er sich davon überzeugen konnte, dass Reid in Sicherheit war, dass es ihm besser gehen würde. Was in den nächsten Tagen wahrscheinlich nicht der Fall sein würde. Die Ärztin nickte schnell und nahm ihm das Photo aus den zitternden Händen. Sie steckte es zurück in den Ordner. Als sie den Ordner zuklappte konnte Hotch immer noch jede Einzelheit vor sich sehen. Er sah die unschuldige weiche Haut des Jungen, die groben Hände, die ihn berührt und verletzt hatten. Ein Messer, das dieses zarte Fleisch verletzt hatte, auf ewig mit einer Botschaft gebranntmarkt hatte. Hotch wurde es für einen kurzen Moment schwarz vor Augen. Ihm war übel vor Wut.

„In Ordnung."

Antwortete sie und klopfte ihm auf die Schulter, sie setzte das aufrichtige Lächeln von vorhin wieder auf und ließ ihn allein. Hotch murmelte erneut „danke" durch seine zusammengepressten Lippen und tauschte einen letzten Blick mit ihr bevor sie außer Reichweite war. Dann stieß er die Türe auf und betrat das kleine Krankenzimmer. Spencer Reid lag leicht auf der Seite und atmete leise und keuchend ein und aus. Schweißperlen standen auf seiner Stirn und nasse Haarsträhnen klebten an seinen Schläfen. Als sich die Tür öffnete, zuckte er kurz leicht zusammen, doch als er Hotch bemerkte, verstummte das leise Wimmern, er entspannte sich minimal und er lächelte leicht in seine Richtung. Seine Augen waren trübe vor Müdigkeit und frische Tränen glänzten auf seinen geröteten Wangen.

„Hey, na wie fühlst du dich?"

Fragte Hotch leise, er gab sich sichtlich Mühe, den Jungen ganz normal anzusehen, auch wenn grausame Bilder sich in seinem Kopf zu furchtbaren Eindrücken formten.

Das Laken… das Blut

Das was Reid passiert war, konnte er selbst noch nicht wirklich begreifen. Hotch setzte sich schnell auf den Stuhl der neben dem Bett stand, seine Beine zitterten und er hatte ein flaues Gefühl im Magen, Er beugte sich vor, damit er dem Jungen in die Augen sehen konnte. Sorgsam darauf bedacht, Reid etwas Platz zu lassen, damit er sich nicht eingeengt fühlte. Ein Geruch nach Seife und Desinfektionsmittel stieg ihm ihn die Nase, vermischt mit Schweiß. Aber kein Blut, der Geruch des Blutes, der Hotch schon den ganzen Tag verfolgte, war verschwunden.

„Hey,"

Flüsterte Reid erschöpft. Er schloss die Augen und entspannte sich ein wenig.

„Um ehrlich zu sein, ich habe mich in meinem ganzen Leben noch nicht so mies gefühlt."

Ein angestrengtes Lachen, das in einem schmerzerstickten Seufzer seine Lippen verließ. Als er merkte, dass Hotch nicht mal mit einem Zucken der Mundwinkel reagierte wurde er schnell wieder ernst. Hotch sah ihn besorgt an. Das verunsicherte ihn. Und er wusste, dass er Hotch nichts vormachen konnte.

„Ich kann meine Beine nicht bewegen. Sie kribbeln."

Bemerkte er, die Stimme jetzt etwas fester.

„Mach dir keine Gedanken, das kommt von der Betäubung. Das lässt bald nach."

Reid nickte beruhigt. Hotchs Stimme wie Balsam in den Ohren. Hotch hatte eine so ruhige Art wenn er sprach, als würde sich eine warme Decke über ihn legen. Trotz der Ruhigstellung der Muskeln und Nerven und trotz des tauben Gefühls in seinem Unterleib konnte Spencer die Schmerzen spüren. Sie drangen wie durch eine Wand zu ihm und er konnte sich vorstellen, dass sie ohne die Betäubung kaum auszuhalten wären.

Er hatte jeden Stich gespürt, preziöse Stiche, als die Nadel in sein Fleisch, in seine Muskeln gefahren war und die gröbsten Verletzungen sorgfältig wie in Zeitlupe vernäht wurden. Doch die Schmerzen waren von weit weg gekommen, sie waren gedämpft worden, durch die Betäubung, die er erhalten hatte. Aber es hatte trotz allem wehgetan. Wenn auch nicht realistisch, sondern so, als würde er es in einer anderen Welt, weit weg fühlen. Jedes Mal wenn die Nadel ins Fleisch gefahren war, hatte er den Stich und den Schmerz gespürt, und er war zusammengezuckt, weniger von dem Schmerz selbst, als durch die Angst, dass er nicht auszuhalten war.

Eine Schwester hatte eine Hand auf seine Hüfte gelegt und ihn sanft aber mit Kraft auf den Behandlungstisch gedrückt, damit er sich nicht bewegen konnte und er hatte sich hilflos und ausgeliefert gefühlt, genau wie in dem alten Kellerraum. Ihre Hand war schwer wie ein Stein gewesen und das Gefühl der Berührung ließ ihn erschaudern. Seine Hände hatten den Behandlungstisch auf seiner Seite krampfhaft umklammert. Tränen waren aus seinen Augen geflossen, aber kein Laut hatte seine Lippen verlassen. Er hatte den Kopf ins Kissen vergraben… und lautlos geweint. Und er hatte die Stiche ertragen müssen ohne sich wehren, ohne sich bewegen zu können. Wie er die brutalen Stöße hatte ertragen müssen. Auch sie waren durch eine Wand von ganz weit weg gekommen, und doch hatte er sie in ihrer ganzen schmerzhaften Stärke gefühlt.

„Es kommt alles wieder in Ordnung, die Hauptsache ist, dass du in Sicherheit bist."

Reid schloss die Augen und seufzte, Hotchs Worte konnten ihn nicht wirklich überzeugen.

Sie schwiegen eine Zeitlang und Hotch beobachtete den Jungen ganz genau. Er kämpfte um sich vor seinem Vorgesetzten zusammen zunehmen. Hotch zerriss es das Herz ihn so zu sehen. Womit kämpfte er in diesem Augenblick, um mit dem Schmerz fertig zu werden oder kämpfte er damit zu verstehen, was genau er durchgemacht hat. Es war ein Alptraum gewesen, aber das war es für sie alle und er war noch lange nicht vorbei. Doch der Täter war noch dort draußen, es stand ihnen allen noch viel Arbeit bevor.

„Ist es schlimm?"

Fragte er schließlich mitfühlend und Reids Haltung veränderte sich. Er schien erleichtert. Und atmete laut aus, er leckte sich die Lippen, lächelte ein kleines Bisschen.

„Ich würde lügen, wenn ich das verneinen würde."

Ein leichtes Zucken der Mundwinkel, ein winziger Anflug des Reid typischen Humors. Der so plötzlich wieder verschwunden war, wie er auch gekommen war.

„Hälst du es aus?"

Fragte Hotch leise und als er den festen Blick des Jungen begegnete wusste er, dass das was er bereits aushalten musste, viel schmerzhafter gewesen war. Reid nickte stumm, die Zähne fest aufeinander gedrückt. Hotch ließ es dabei.

„Sie… geben mir später etwas. Jetzt gibt es wichtigeres…"

Reid sah ihn skeptisch an, die dunklen Augen glänzten feucht. Er zog die Augenbrauen fragend zusammen.

„Es muss ja sehr ernst sein… ich habe noch nie gesehen, dass du deine Krawatte gelockert hast."

Stellte er flüsternd fest, er wirkte seltsam abwesend, der Blick leer, ohne Emotionen darin. Die Gedanken waren in ihrer eigenen Welt. Hotch sah kurz auf sein Hemd, er hatte den Obersten Knopf geöffnet und die Krawatte abgenommen. Sie war voller Blut gewesen, aber das wollte er Reid nicht sagen… denn es war sein Blut gewesen. Ein paar Flecken waren auf dem weißen Hemd gelandet, aber nicht viele. Hotch wechselte das Thema.

„Hat deine Ärztin schon mit dir gesprochen?"

Fragte er stattdessen. Reid schüttelte den Kopf. Eine mechanische Bewegung, Hotchs Worte drangen wie durch eine Wand zu ihm.

„Sie sagte, dass alles… normal verheilen wird. Du wirst keine Schäden zurückbehalten."

Jedenfalls nicht körperlich…

Fügte Hotch in Gedanken hinzu und ließ seinen Blick auf die blauen Flecken in Reids Gesicht verharren, da wo er geschlagen worden war. Reid quittierte das mit einem Nicken. Die Bewegung genauso langsam und ohne Emotionen wie vorhin.

Es herrschte Stille im Raum.

Hotch hatte das Bedürfnis, Reid irgendetwas zum Trost zu sagen, ihn ganz fest zuhalten und ihm vor allem Übel dieser Welt beschützen zu können. Denn egal in was für einen Zustand er sich befand, er fühlte beinahe eine glückliche Erleichterung, denn er hatte in den vergangenen Tagen nicht damit gerechnet, jemals wieder Reids Stimme zu hören. Hotch kämpfe mit seinen eigenen Tränen, er wollte ihn berühren, doch Reids ganze Körperhaltung überzeugte ihn davon, dass er das lieber nicht tat. Stattdessen verschränkte er die Arme vor die Brust. Reids belegte, leise Stimme zog ihn schließlich aus seinen Gedanken.

„Ich möchte nicht, dass die anderen… es erfahren."

Sagte er schließlich, er starrte abwesend vor sich hin, ohne Hotch zu fixieren.

„Ich muss mit Gideon darüber sprechen. Er wird die Akte lesen."

Reid nickte, widerwillig musste er zustimmen.

„Aber Morgan, und vor allen JJ, Emily und Garcia, ich will nicht, dass das Team es erfährt. Versprich es mir, Hotch."

Er zählte die Namen teilnahmslos auf, so als würde er sie gar nicht kennen.

„Du hast mein Wort, Reid"

Versprach Hotch, er selbst wünschte sich es nicht zu wissen. Seine Stimme zitterte.

„Danke."

Reid bewegte sich vorsichtig, verlagerte das Gewicht und Hotch konnte spüren, wie die Betäubung nachließ, seine Augen wurden klarer, empfänglicher für die harte Realität. Hotch wollte nach seiner Hand greifen, als er merkte wie er mit den Schmerzen umgehen musste. Er wollte ihm helfen. Aber er fühlte die innere Distanz, wie eine Mauer die der Junge um sich errichtet hatte. Nach einer schier endlos langen Zeit betrat eine Krankenschwester das Zimmer, in den Händen trug sie ein Tablett mit einem Beutel Flüssigkeit.

„Ich hab hier Ihre Schmerzmittel, Dr. Reid, damit Sie schlafen können. Schlaf haben Sie dringend nötig."

Flötete sie in ihren professionellen Ton, der die Patienten beruhigen würde und sie zu kleinen Kindern machte, die auf ihre Medizin warteten. Er nickte, und Hotch registrierte wie er sich vor Erleichterung entspannte und die Augen schloss. Er atmete laut aus. Wahrscheinlich froh darüber, dass es gleich vorbei sein würde. Sie befestigte den Schlauch des Beutels an einem der Kanülen in Reids Handrücken und hängte den Beutel an das Gestell neben dem Bett, wo schon der Beutel mit dem Antibiotikum hing. Sie half Reid sich etwas auf den Rücken zu drehen.

„So, ist es bequemer."

Sagte sie in ihrem freundlichen Ton und überspielte wie er vor Schmerz das Gesicht verzog und die Luft anhielt. Hotch sah betreten zum Fenster hinaus. Die Schwester streichelte sanft Reids Schulter und deckte ihn zu.

„So, es dauert etwas zehn Minuten, bis es wirkt, danach spüren Sie nichts mehr… Sie werden Schlafen. Versprochen."

Sie zupfte ihm das Kopfkissen zurecht und drückte ihm zuversichtlich die Hand. Ihr Lächeln sah müde aber keineswegs erzwungen aus.

„Danke, Schwester."

Antwortete Hotch und beobachtete wie sie den Raum verließ. Er setzte sich nahe zu Reid und legte jetzt doch eine Hand auf seine. Und es fühlte sich gut an, die Präsens des Jungen auf seiner Haut zu spüren, das machte es irgendwie realistischer. Reid war viel zu schwach, um dagegen zu protestieren. Seine Stirn, die sich vor Anspannung in Falten gelegt hatte, entspannte sich bei der Berührung, auch wenn er es nie zugegeben hätte, es tat gut, jemanden bei sich zu haben, dem er vertraute. Reid atmete laut aus, stieß die Luft förmlich durch die zusammengepressten Lippen und erwiderte den Griff um Hotchs Hand. Und Hotch redete einfach, leise und sanft sprach er drauflos.

„Reid, ich weiß, es entschuldigt nichts und jetzt ist bestimmt nicht der richtige Zeitpunkt, um über irgendetwas zu reden. Aber du hast das überlebt… verstehst du, ich weiß, es ist nicht gerade tröstlich, bei dem was du durchgemacht hast… aber Reid, er ist ein gefährlicher Serienkiller und er ist noch da draußen…"

Er beugte sich ganz nah zu ihm herunter und flüsterte die Worte beinahe, dabei hielt er ihm die Hand und sah ihm ganz aufmerksam und mitfühlend in die Augen. Zuerst hatte Reid sie geschlossen und schließlich blinzelte er gegen die Müdigkeit an und fixierte Hotchs besorgten Blick. Reids Augen waren trübe und wirkten dunkler als sonst, Hotch konnte den Ausdruck in ihnen nicht bestimmen. Doch der Blick sah so verloren aus. Reid versuchte sich auf seine Augen zu konzentrieren und versuchte trotz der Nebelwand in seinem Kopf ihm aufmerksam zuzuhören. Die Schmerzen verblassten zu durchsichtigen Schatten, als das Mittel langsam zu wirken begann.

„So ist gut, sieh mich an… Spencer, uns läuft die Zeit davon. Wie hat er ausgesehen?"

Fragte Hotch mit einer leisen, beruhigenden Stimme, die viel zu brüchig klang um irgendeinen Ton von Autorität ausdrücken zu können. Reid atmete laut und seufzend aus. Ohne ihn loszulassen. Sie hatten nur wenige Minuten und jetzt war die Erinnerung noch frisch. Viel zu frisch und er kämpfte gegen die Tränen an, als er an die schwere Hand der Schwester dachte, die seine Hüfte schmerzhaft auf den Behandlungstisch gedrückt hatte. Er war so kalt unter ihm gewesen. Er schloss die Augen und rief sich die Bilder ins Gedächtnis.

Er sah die Sonnenstrahlen auf dem Boden, er fühlte den Dreck unter sich, sah das geblümte Laken und konnte den Schweiß des schweren Mannes riechen. Und das Blut, das viele Blut, das sein eigenes gewesen war. Und die Brutalität, diese Hilflosigkeit.

„Er war groß… ein Weißer, Ende Vierzig… er hatte einen kahl geschorenen Kopf und hat ungefähr 120kg gewogen…. Nicht muskulös aber gewichtig. Er war 180 groß, und er sah aus, als wenn er Medikamente nehmen würde. Als wäre er… krank, oder hätte ein Leiden. Er schien ständig Schmerzen zu haben. Das hat ihn wütend gemacht… er wollte, dass seine Opfer mehr leiden, sie sollten… schreien…"

Das reicht dir noch nicht, oder? Du bist viel zu still, die anderen haben um ihr Leben gebettelt… Dann mach dich auf was gefasst… ich krieg dich schon soweit! So ein süßes Kerlchen…

Reid leckte sich die Lippen und sah Hotch weiter in die Augen, und der schmerzliche Blick voller Mitleid tat ihm weh.

Ich werde es ihm nicht geben… ich muss stark sein

Reid fuhr fort, er wurde leiser, sprach langsamer, die Lippen öffneten sich kaum, als eine besonders schlimme Erinnerung die Erniedrigung wiederbrachte.

„Ich wollte das durchstehen, ich wollte ihm das nicht geben, was er so dringend gebraucht hatte… aber es tat einfach zu sehr weh…"

Hotch festigte den Griff um seine Hand und Reid drehte den Kopf von Hotch weg. Er sah aus dem Fenster, es war dunkel und draußen war alles schwarz.

„Spencer, denk nicht daran, du hast genau das richtige getan… uns läuft die Zeit davon… was war noch?"

Hotch sprach laut und eindringlich, als er merkte wie Reid schwerfälliger wurde. Doch Reid drehte den Kopf und sah ihn erneut an, die Augen schwammen und waren gerötet.

„Er hat einen blauen Pick Up gefahren, die Nummernschilder waren entfernt worden, auf der Rückbank hat er eine Yankeefahne als Schutz ausgebreitet…Er hat in dem Wagen gewohnt, geschlafen, aber er kannte das Haus, in das er mich gebracht hat… er kannte es von früher…"

Je weiter er sprach und je mehr Einzelheiten er Hotch anvertraute, desto leiser und schwächer wurde seine Stimme. Hotch bemerkte, wie viel Kraft es ihm kostete, die Augen offen zu lassen.

„er… hat mir etwas auf den Rücken geschrieben, mit einem Messer…er ist Linkshänder… „

Er stoppte plötzlich und als er weiter sprach war sein Ton nicht länger sachlich und distanziert, sondern betroffen.

„Weißt du was es war, Hotch? Weißt du was er geschrieben hat?"

Er drückte seine Hand fester, die Worte kamen nur noch undeutlich, als die Schmerzmittel schließlich durch seine Blutbahnen rauschten und die Nerven lahm legten. Spencer konnte nichts weiter tun, er musste seiner Erschöpfung und den drei Tagen ohne Schlaf endlich nachgeben. Hotch konnte sehen, dass er nicht mehr weiter kämpfen konnte, seine Lider flatterten und er schloss die Augen schließlich, Tränen liefen auf das Kissen und seine Wimpern glänzten feucht. Dann hatte er den Kampf verloren und der verletzte Geist flüchtete an einen Ort wo es erst einmal leichter und friedlicher für ihn werden würde. Jedenfalls eine Zeit lang.

„Nein. Nur Kratzer…"

Das einzige was Hotch in dieser Situation einfiel war eine Lüge. Er flüsterte die Worte mit belegter Stimme, so als müsse er sich selbst einreden, dass es keine Bedeutung hatte. Hotch hielt ihn noch fest, als sein Atem regelmäßig geworden war und der heilsame Schlaf ihn in einer festen Umarmung in eine erlösende Dunkelheit zerrte. Er ließ seinen Blick für einen langen Moment auf Reids zarten Gesichtszügen verharren, das Mittel hatte die Schmerzen fortgewischt und er sah entspannt aus, auf den Lippen ein friedliches Lächeln. Hotch streckte die Hand aus und schob ihm eine der feuchten Strähnen aus der Stirn.

„Alles wird gut. Wir kriegen ihn, Junge… wir stehen das gemeinsam durch."

Sagte Hotch leise, dann stand er auf und ging aus dem Zimmer. In diesem Gebäude war das Benutzen von Handys verboten, Hotch gab nichts darum, noch während er zurück zu Gideon ging hatte er Garcia angerufen und ließ sie nach dem blauen Pick Up fahnden. Er ging zurück ins Wartezimmer nicht sicher ob seine Füße wirklich den Boden berührten, so schlaff fühlten sich seine Beine an. Er versuchte noch nicht einmal seine Anspannung zu verbergen als sich die Blicke der beiden Agents trafen.

„Es geht ihm… wie sagt man, den Umständen entsprechend?"

Hotch wusste, dass jedes Adjektiv, das etwas Positives beschrieb eine Lüge gewesen wäre. Er seufzte.

„Er schläft… er ist mehr als erschöpft."

Flüsterte Hotch und beantwortete damit die Frage, die er in Gideons Gesicht ablesen konnte. Er setzte sich neben ihn, und griff dankbar nach dem frischen Kaffee, den Gideon ihm reichte.

„Ich hab die Akte durchgesehen… wie konnten wir es so weit kommen lassen?"

Fragte Gideon bekümmert.

„Ich weiß es nicht Jason, ich weiß es einfach nicht."

Er beobachtete wie Gideon auf stand und aus dem Wartezimmer ging. Und er wusste, dass er bei Reid sein wollte, wenn er aufwachte.

BAU You'll never be save again! Never!

Der Täter schien Recht zu behalten, die Fahndung blieb erfolglos. Sie hatten den Wagen nicht gefunden, er war genau wie der Täter selbst wie vom Erdboden verschluckt. Der Alptraum nahm kein Ende.

TBC