10.
„Weißt du noch, der Abend, nachdem wir im Museum waren, als du mich zur S-Bahn gebracht hast?" Ich konnte nur nicken. „Ich habe bis dahin geglaubt, dass ich euch beide lieben würde, aber dieser Tag hat etwas verändert. Ich war mir nicht sicher, was und wie viel, aber als wir am Bahnsteig standen, da war etwas anders. Du hast es mir danach ja auch ziemlich leicht gemacht, mehr über meine Gefühle für dich herauszufinden. An dem Tag, als wir… als wir gekocht und… als wir gekocht haben… David, er hatte mir mittags gestanden, dass er sich in mich verliebt hat." Okay, das reichte. Eigentlich wollte ich Lisa in Ruhe ausreden lassen, aber das war genug. Mehr konnte ich stillschweigend nicht ertragen: „Und du hast natürlich nichts Besseres zu tun, als mit dem dusseligen Lückenbüßer zu schlafen! Wie konntest du nur! Du weißt doch ganz genau, was du mir bedeutest." Lisa war betreten und knetete ihre Finger. Ich konnte sehen, wie Tränen in ihre Augen stiegen. Nein, diesmal nicht. Diesmal würde ich sie bestimmt nicht in den Arm nehmen und ihr sagen, dass alles in Ordnung ist, denn NICHTS war in Ordnung. Sie hatte mich benutzt und verletzt und jetzt saß sie da wie ein Häufchen Elend und erwartete doch nicht allen Ernstes, dass ich ihr einfach so verzeihen würde?! „Du… du bist nicht der Lückenbüßer… und wahrscheinlich bist du es nie gewesen. Das war doch alles gar nicht geplant. Ich… Davids Geständnis, es hat nicht das Glücksgefühl ausgelöst, dass ich erwartet hatte… aber er war doch immer mein Traum. Ich wollte ihm einfach eine Chance geben, um später nicht der verpassten Chance nachzuweinen, verstehst du?" Nee, ehrlich gesagt nicht, aber solange du dich verstehst… Oh oh, Rokko, hier ist dein Herz: Ich glaube, ich verstehe es! Sei einfach still, der einzige, auf den ich noch höre, ist mein Verstand. Aber der hat sich doch gerade verabschiedet. Sei still, hab ich dir gesagt. „Ich wollte mir an diesem Abend beweisen, dass du nur ein guter Freund bist, aber das ist nach Hinten losgegangen. Ich dachte, ich könnte nicht mit dir schlafen, wenn ich dich nicht wirklich lieben würde." Verstand an Rokko, Verstand an Rokko: Ich bin wieder da und ich sehe das genauso wie das Herz. Rokko an Verstand und Herz: Seid endlich still. Das, was sie da erzählt, versteht außer ihr niemand, das ist Lisa-Plenske-Logik. „Ich hätte in dieser Nacht nicht einfach so verschwinden dürfen. Es war doch nur, weil…, weil… ich war so schrecklich durcheinander. Ich habe mich selbst nicht mehr erkannt. Ich hatte gerade das getan, wovor ich meine ganze Pubertät lang Angst hatte und… und es war schön… und… mich hat einfach die Panik gepackt… ich weiß, ich habe dir furchtbar wehgetan, mit dem, was ich gesagt habe… ich weiß nicht, warum ich das gesagt habe…" Lisa wurde still und sah auf ihre Finger. „Ich habe später ja versucht, noch einmal mit dir zu reden, aber…" – „…ich habe dir nicht die Möglichkeit dazu gegeben." Lisa nickte. „Und David, er wollte einfach nicht akzeptieren, dass ich ihn plötzlich nicht mehr wollte und es hat sich ja auch nicht schlecht angefühlt…aber richtig gut auch nicht und als er… als er mehr wollte…da konnte ich einfach nicht… Und der Kuss bei der Präsentation… er hat meinen Wunsch nach Freundschaft einfach ignoriert und mal wieder nur getan, was für seine Selbstdarstellung nötig war…" Oh Gott, allein bei dem Gedanken, dass die beiden… dass Lisa sich David vielleicht auch so hingegeben hätte wie mir…und dass ich mit meinem verletzten Stolz auch noch indirekt schuld daran gewesen wäre, wurde mir schlecht. „Und jetzt hast du den Salat." Das klang wohl doch sarkastischer als beabsichtigt… Alles in allem war das aber mehr Ehrlichkeit als mir lieb war… „Ja, jetzt habe ich den Salat." Wieder saßen wir uns schweigend gegenüber – lange, sehr lange. Immer wieder sah ich von dem Ultraschallbild in meinen Händen zu Lisa. Bei ihrem Anblick begann meine Fassade zu bröckeln. Ich reichte ihr ein Taschentuch: „Und jetzt? Was erwartest du von mir? Was genau willst du?" – „Erwarten kann ich ja wohl gar nichts, nachdem ich dir so wehgetan habe. Aber ich kriege dieses Kind – mit deiner Hilfe oder ohne. Ich hoffe nur, du kannst mir eines Tages so verzeihen, dass du diesem Kind ein Vater sein willst." Ich nickte. Es stand außer Frage, dass ich für dieses Kind da sein würde. Lisa setzte zu einem letzten, verzweifelten Anlauf an: „Ich habe dich gern, sehr gern sogar…nein… ich liebe dich und ich will eine faire Chance bei dir. Für dich und mich und den Mops." Sie deutete auf ihren Bauch. „Den Mops? Kinder können das im Mutterleib hören, das könnte schlecht fürs Selbstbewusstsein sein." Eigentlich wollte ich einen Witz machen, aber bei Lisa löste es einen Weinkrampf aus. „Oh nein, nicht weinen." Entgegen meines Vorsatzes nahm ich Lisa jetzt doch in den Arm. „Wir schaffen das. Du weißt, dass ein Wort von dir genügt und wir probieren es." Ich spürte, wie Lisa an meiner Brust nickte.
Einige Zeit später dachte ich, dass Lisa sich beruhigt hätte, aber sie war eingeschlafen. Ich legte sie sanft hin und deckte sie zu. Dann setzte ich mich ihr gegenüber, betrachtete sie und dachte über ihre Worte nach. Erst jetzt wurde mir bewusst, dass wir uns die ganze Zeit geduzt hatten und wie gut sich das angefühlt hatte. Die Nähe, die plötzlich wieder da war, tat so gut. Ich habe die ganze Nacht kein Auge zugetan. Sie liebte mich und ich liebte sie. Wir erwarteten ein Kind. Soweit die Fakten und jetzt noch die unberechenbare Größe David Seidel. Ich wollte auf gar keinen Fall, dass sie aus falsch verstandenem Pflichtbewusstsein bei mir blieb. Dann fielen mir die Worte meine Mutter wieder ein: Sie muss diese Erfahrung machen und du kannst sie nicht davor beschützen. Reichte diese Erfahrung, um David Seidel ein für alle Mal aus ihrem Herzen zu verbannen? Ich würde mich bestimmt nicht mit 100 in eine Beziehung mit ihr stürzen. Mein Vertrauen in sie müsste erst wieder wachsen. Ja genau, das ist gut, unterstützten mein Herz und mein Verstand mich wieder. Meine Entscheidung stand. Ich müsste also nur noch warten, bis sie wach war, um sie ihr mitzuteilen.
