Kapitel – 11

Er hatte auf sie vergessen.

Absichtlich?

Neutral verabschiedete sich Olivia von ihrer Kollegin und dann stürmte sie, sobald das Auto außer Sichtweite war, ins Haus. Die Türe knallte ins Schloss.

„Das denkst du dir eigentlich, Elliot?", schrie sie, ohne zu wissen in welchem Raum er sich befand. „Du hast mich nicht abgeholt, wie ausgemacht gewesen ist!"

„Ich bin nicht dein Taxi Unternehmen", schrie er von der Veranda, auf der er saß, in kurzen Hosen, freiem Oberkörper, sonnend, mit einem Bier in der Hand.

Wütend, aggressiv, entriss sie ihm das Bier und leerte es ihm über den Kopf, schleuderte die Flasche dann – wortlos – von der Veranda und ging, stampfenden Schrittes, ins Obergeschoß, um sich von der lästigen Kleidung zu befreien. Nicht, dass dieses Kostüm nur unbequem war, an ihrem Rücken rieb, sondern sie schwitze darin, wie selten zuvor. Oder es war ihre Wut, die sie überkochen ließ.

Kaum hatte sie das Schlafzimmer betreten, ließ sie den Blazer auf den Boden fallen, im Stehen fiel auch gleich der Rock und so stand sie nun im Top und der Unterwäsche kurz vor dem Badezimmer. Ihre Ohrstecker herausnehmen, wendete sie noch einmal, legte sie auf den Nachtisch und in dem Moment, als auch ihr Top den Boden berührte, stand Elliot in der Türe.

„Wieso schreist du mich so an?", vernahm Olivia forsch. Sie hatte sich erschrocken, die Ruhe in einem Moment, seine aggressive Stimme im anderen. Liv drehte sich um, ihren nur in Unterwäsche gehüllten Körper nicht verdeckend – es gab nichts, was er noch nicht gesehen hatte – und ging auf ihn zu.

„Sei froh, dass ich dich nur angeschrien habe", pfauchte sie ihn an.

„Du hast mir Bier …"

„Und du hast es verdient. Ich habe auf dich gewartet, in der Sonne bin ich gestanden, bis eine Kollegin mich mitgenommen hat. Wäre sie nicht gekommen, würde ich immer noch dort stehen. Und du? Du sitzt bereits entspannt auf der Terrasse und genießt den Nachmittag. Morgen bringe ich dich in die Arbeit und das Auto bleibt bei der Schule stehen."

„Das kannst du nicht machen Liv."

„Oh doch oder willst du, dass ich in New York anrufe und ihnen mitteile, dass du die Operation gefährdest?"

„Du willst anrufen? Sei froh, dass ich es nicht gemacht habe."

„Wenn du noch einmal deine Stimme gegen mich erhebst, Elliot, dann schwöre ich dir, wirst du es bereuen", schrie sie ihn an, drehte sich um und wollte ins Badezimmer gehen, um endlich zu duschen.

„Was dann Liv?", fragte er und stand plötzlich dicht hinter ihr. „Was wirst du machen? Mich schlagen? Anschreien? Anschweigen? Oh, oder die Geheimwaffe jeder ‚Ehefrau'? – Sexentzug?"

„Ich glaube, du hast zu viel Sex in the City mit deinen Töchtern geschaut", sagte sie etwas fluchend. Immerhin stand sie noch immer nur in Unterwäsche vor ihm, er vor ihr mit nacktem Oberkörper. Seine Tattoos. Seine Muskeln. Krampfhaft versuchte sie, ihn nicht anzustarren. Aber es funktionierte nicht.

„Das sind ehe die Eheerfahrungen, die einer von uns beiden bereits gemacht hat."

„Wieso bist du der fixen Überzeugung, dass ich keinerlei Beziehungserfahrung habe?", fuhr sie ihn harscher als zuvor an. „Nur weil ich mit niemandem zusammenlebe, heißt es nicht, dass ich nicht weiß, wie es ist."

„Und wieso lebst du dann alleine? Weil es keiner mit dir aushält."

„Jahrelang hattest du kein Problem mit mir, Elliot."

„Wirklich? Du hast einen Sturkopf …."

„Da spricht der Richtige", konterte Olivia und ging ins Badezimmer, die Türe hinter sich nicht schließend, stieg aus dem Slip, ließ den BH ins Waschbecken gleiten und stieg unter die Dusche. Elliot folgte ihr.

Aber als er in der Mitte des Badezimmers stand, beobachtete, wie das Wasser über ihren Körper lief und sie mit einem Schwamm Seife über ihren Körper verteilte.

Er setzte sich auf die Wäschekorbbank, die neben der Dusche stand, und ihm den Blick auf sie verbot. Ein wichtiger Schritt um sich zu zügeln. Er war wütend und der Anblick ihrer Nacktheit verwirrte ihn. Als sie aus der Dusche stieg, mit einem Handtuch ihre Haare trocken reibend, bemerkte er das erste Mal aufmerksam ihre Tattoo. Elliot erkannte seine Nummer und ließ seine Finger, stumm – von jeder Stimme beraubt – über die schwarze Tinte gleiten.

„Finger weg, Elliot", sagte sie, nahm ein zweites Handtuch und schlang es um ihren Körper, wohl alle delikaten Stellen verdeckend. Er hatte es bemerkt, seine Nummer und die ihre, verschlungen ineinander, für immer und ewig ihren Körper bedeckend.

Als sie das Ankleidezimmer betrat, schloss sie die Türe hinter sich, schob sogar den Riegel vor – bevor sie sich auf einen der Hocker setzte, den Kopf in die Hände legte, die sie auf den Knien abstützte und sich fragte, was sie eben zugelassen hatte. Er war ein verheirateter Mann, die Nummern hätte er niemals sehen sollen, es war ewig ihr Geheimnis gewesen, ein gut gehütetes.

In einem Badeanzug, der alles verbarg, ging sie durch das Schlafzimmer, in dem Elliot immer noch wartend saß, an ihm vorbei auf den Strand und direkt ins kalte Wasser. Die Strömung war stark aber Olivia war stärker. Anstatt ins offene Meer zu schwimmen, schwamm sie parallel zum Strand auf und ab, eine halbe Stunde oder länger. Elliot hatte alles beobachtet, vom Schlafzimmerfenster aus. Ein Teil von ihm wollte ihr nachlaufen, sie an den Strand zerren und … und Sachen mit ihr mache, an die er niemals zuvor gedacht hatte mit Kathy.

Auch die Nacht und die folgenden waren anders als zuvor. Olivia schlief in ihrem Arbeitszimmer auf der kleinen ausziehbaren Couch. John stellte keinerlei Fragen, hatte bereits gelernt, dass es etwas gab, das er nicht zu verstehen erlaubt war, da man ihm die Informationen nicht geben wollte. Sollte. Durfte. Konnte.

An allen Tagen der folgenden Woche, bis zum Donnerstag, war Olivia mit dem Auto nachhause gekommen und Elliot hatte ein Taxi genommen. Sie verbrachten so wenig Zeit wie möglich mitsammen, wechselten kaum Worte. Allerdings konnte John immer wieder Blicke erkennen, geheime Blicke, die getauscht wurden, wenn keiner vermutete, dass jemand hersehen würde – im Supermarkt, vegetarischen Restaurant, überall.

Einmal hatte Elliot sich betrunken, Liv ihm keines Blickes gewürdigt. Sobald sie das Haus verließen, gemeinsam oder zu dritt, waren sie ein typisches Ehepaar, im eigenen Haus gingen sie allerdings getrennte Wege. Distanzierten sich zunehmend.

Am Donnerstag herrschte eine allgemeine Nervosität im Haus, niemand konnte ihr entgehen. Olivia war entzückt, dass sie am Freitag ihrer Arbeit nicht nachgehen musste, man hatte ihr diesen Tag freigehalten. Bei Elliot lag es stets am Pensum, welches er bewältigen sollte.

Der Mittwoch war geladen gewesen. Olivia hatte den Einkauf erledigt und eine andere Rasierer-Marke gekauft, als Elliot im Normalfall benutze und die Situation war eskaliert. Er hatte sie angeschrien und John kam sich vor, als wären diese beiden ihm so ans herzgewachsenen Menschen wirklich mitsammen verheiratet. Sie stritten, gingen sich aus dem Weg, warfen sich – ungefährliche – Gegenstände an den Kopf, einmal segelte ein Polster in Richtung Olivia, den sie mit einer raschen Handbewegung gerade noch abwehren konnte.

Im Beruf hingegen lief bei ihr alles wunderbar. Die Jugendlichen mochten sie, Hamlet war immer noch nicht unter die Top 10 ihrer Lieblingsbücher gelangt aber sie hatte ihnen versprochen, dass das nächste Werk lustiger sein würde – Viel Lärm um nichts.

Auch ihre Kolleginnen – Jen, Dana und Mary – bemühten sich, sie möglichst rasch ins Team zu involvieren und Olivia hatte bereits gemerkt, dass es ihr schwerfallen würde, irgendwann wieder Abschied von all diesem – gewaltfreien – Leben zu nehmen, um wieder in den grausamen und brutalen Alltag eines SVU Cops zurückzukehren.

„Bist du fertig", rief er ihr zu, als sie nach einer Stunde immer noch nicht aus dem begehbaren Schrankraum gekommen war. Elliot saß auf dem gemeinsamen Bett, studierte noch einmal eines der Files.

Nach längerem Zögern und zahlreichen Versuchen, die Korsage selbst zu schnüren, musste Liv sich eingestehen, dass sie vielleicht doch Hilfe benötigte. Mit sich selbst hadernd, rief sie nach Elliot und dieser schnürte ihr, mit einem verschmitzten Lächeln auf den Lippen, das samtene Unikum zu, verknotete es doppelt. Manchmal fragte er sich, wie es sein konnte, dass eine Frau, die im beruflichen Alltag stets leger, sportlich gekleidet war, diese andere Seite auch haben konnte. Seine wahre Ehefrau kannte genau zwei Moderichtungen: Umstandsmode und legere, wenig betonende Stücke. Olivia, in diesem Moment, war eine andere Angelegenheit. Die schwarzen Jeans waren hauteng, die lederne Korsage wie eine zweite Haut und der rote Seidenschal, den sie gerade umlegte, betonte das katzenhafte Outfit noch zusätzlich. Und in diesem Moment bemerkte Elliot erst die knallrot lackierten Zehennägel und die Highheels , die sie trug. Er hatte sich wahrhaftig Probleme eingehandelt.

Jack hatte am Dienstagabend angerufen, um ihnen den Treffpunkt mitzuteilen. John hatte kurz die Frage in den Raum gestellt, wieso man sich vorher noch einmal treffen müsse, aber die Antwort darauf blieb aus.

Und nun an dem Treffpunkt angekommen, erkannte Elliot die neuen „Freunde". Christine trug einen kurzen weißen Rock, der ihre Haut noch dunkler erscheinen ließ, Jack einen weißen Anzug. Elliot hatte sich eine schwarze Hose mit passendem Hemd, zu Liv passend, entschieden. Als er nun den beiden gegenüber stand, hatte er ein ungutes Gefühl und musste sich stets zügeln, Liv nichts ins Ohr zu flüstern, was ihre Tarnung verraten könnte.

Olivia verhielt sich etwas reserviert, offensichtlich, und saß nun in Jacks Geländewagen neben Elliot, seine Hand auf ihrem Oberschenkel, ihre eigenen auf der Handtasche ruhend.

„Und wie gefiel euch der letzte Club?", fragte Christine und drehte sich zu dem Paar um. Den eigenen Wagen hatten sie auf dem Parkplatz stehen lassen. Liv konnte noch schnell John eine SMS schicken, mit den Fakten, wo der Wagen stünde, und dass sie nun in einem anderen unterwegs waren. Nur zur Sicherheit. Auch Olivia fühlte, tief in ihrem Magen, etwas sich regen, etwas, das nichts Gutes versprach.

Der Eingang des Clubs war etwas versteckt, obwohl es ein großes Areal zu sein schien. Der Herbsttag war lau, eine sanfte Briese blies vom Meer her und die Luft schien sich zunehmend mit Feuchtigkeit zu füllen. Ein großes Gewitter stand bevor.

Jack zahlte den Eintritt und stellte dem Besitzer – einem kleinen, übergewichtigen Mann, der kaum Haare am Kopf hatte und die wenigen nach vorne, in die Stirn gekämmt hatte, namens Petro Gulliani. Er hatte sich ihnen bereitwillig und stolz vorgestellt. Olivia hatte selten zuvor einen so aalglatten Menschen gesehen, wie man sich ihn aus alten Mafia Filmen vorstellte. Die Schuhe waren aus Lackleder, der Anzug aus grauer Seide. Der Akzent italienisch.

„Freunde, tretet ein. Jack wird euch alles Zeiten. Willkommen!", sagte er zu allen, reichte den Männern die Hand, küsste die Frauen auf die Wange. Als sich Olivia mit dem Handrücken leicht über die Wange fuhr, als sie nicht mehr in Sichtweite waren, musste Elliot schmunzeln.

In diesem Club ging man nicht in Dessous spazieren sondern blieb vorerst einmal angezogen. Die Spielregeln wurden bei einem Glas Jack & Ginger erklärt, von Jack und Christine. Man würde sich ein anderes Paar oder nur einen anderen Partner suchen und ziehe sich dann zurück, auch hier könnte man beobachten, sollte dies sogar nutzen, da alle Beteiligten Freude haben sollte, an einem so exklusiven Abend.

Der Raum war in gedimmten Licht gehalten, etwas orientalisch angehaucht und es wurde eine zeltartige Atmosphäre erzeugt. Überall brannten Kerzen und aus diversen bronzenen Schalen wurde ein Duft aus Zimt, Orangen und Limone in dem großen Raum verteilt.

„Und hast du schon jemanden gesehen, der dir gefällt?", fragte Christine und legte Olivia ihre Hand auf die Schulter. Diese grinste sie an und zeigte auf einen Mann, flüsterte etwas in Christines Ohr – Elliot konnte all dem nicht folgen, da Jack ihn in ein Gespräch verwickelt hatte. Aber es schien jemanden zu geben, der Olivia gefiel.

Ein paar wenige Minuten später kam ein Mann auf den Tisch zu, groß und stattlich gebaucht, durchtrainiert und gebräunt, das blonde Haar kurz geschnitten, der Bart frisch in Form gebracht.

„Darf ich platznehmen?", fragte er und die Damen rutschten zur Seite.

Ende Kapitel 11

Es gibt einige neue Ideen in meinem Kopf, aber man soll nichts beginnen, wenn andere Sachen noch fertigzustellen sind. *seufz*