11. Zusammenbruch

Harry brauchte eine ganze Weile, um sich soweit zu beruhigen, dass er wieder ganz klar denken konnte. Wie hatte ihm nur so etwas passieren können? Er hatte sich vollkommen vergessen und jemandem, der eigentlich nichts dafür konnte, wehgetan. Draco schien nicht bei Bewusstsein gewesen zu sein, als Lucius ihn hinauf in das Manor gebracht hatte.

Lucius! Nie würde der ihm verzeihen können, was er dessen Sohn angetan hatte. Wie hatte er nur so die Kontrolle über sich verlieren können? Draco war vielleicht nicht die netteste Person, die er kannte, aber er würde sich ihm mit Sicherheit nicht aufzwängen. Draco konnte nicht wissen, was er damit ausgelöst hatte, dass er ihn so auf dem Boden festgepinnt hatte. Harry wusste, dass er hätte erkennen müssen, dass von dem Blonden keine Gefahr ausging und hätte sich zusammenreißen müssen. Durch seine fehlende Kontrolle hatte er jetzt auch noch den letzten Menschen verloren, dem er noch vertrauen konnte. Vielleicht hätte er doch gehen und nicht zurückschauen sollen, dann wäre Lucius jetzt nicht so von ihm enttäuscht worden.

Am liebsten würde er jetzt sofort von hier verschwinden und nicht mehr zurück blicken, aber das ging einfach nicht. Mit diesem Verhalten würde er Lucius mit Sicherheit noch mehr enttäuschen und das brachte er einfach nicht übers Herz. Er musste mit ihm reden, soviel war ihm klar.

Hinter sich hörte er ein Geräusch und fuhr herum. Remus war nicht weit entfernt von ihm und schaute ihn hilflos an. Beschämt wischte Harry sich die Tränen aus den Augen, als er sich wieder von dem Werwolf abwendete und dann langsam aufstand.

„Harry, was--", begann er, wurde aber sofort von dem Schwarzhaarigen unterbrochen.

„Ich will jetzt nicht darüber reden", sagte er kalt und schritt einfach an dem Freund seines Vaters vorbei, ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen. Remus seufzte schwer und folgte dem ehemaligen Gryffindor aus dem Wald.

Zielstrebig richtete Harry seine Schritte zu dem Manor. Es tat ihm nicht leid, Remus einfach so stehen gelassen zu haben, doch der Mann war im Moment einfach nicht wichtig. Er hatte heute genug von Harrys Gefühlswelt erlebt, noch mehr war einfach nicht zu ertragen. Er hätte zu viel von sich und den Jahren in Azkaban preisgeben müssen, um zu erklären, was vorhin mit Draco geschehen war und Harry war einfach nicht dazu bereit, sich Remus in diesem Umfang zu öffnen.

Entschlossen betrat Harry das Manor und ging nach oben. Er wusste nicht, wo genau er Lucius finden würde, doch als er oben war, hörte er, wie sich eine Tür öffnete. Snape kam aus einem der Zimmer und schloss die Tür wieder leise hinter sich. Als er Harry sah, ging er auf ihn zu und baute sich bedrohlich vor ihm auf.

„Potter, wenn Sie meinem Patensohn noch einmal zu nahe kommen, werden Sie sich wünschen, nicht geboren worden zu sein, habe ich mich verständlich ausgedrückt?", knurrte er.

Harry sah ihm fest in die Augen und ließ sich die Angst, die Snape mit seinem Auftritt bei ihm ausgelöst hatte, nicht anmerken. „Ist Lucius da drin?", fragte er fest und deutete auf den Raum, aus dem Snape soeben gekommen war.

„Sie sollten ihn jetzt lieber in Ruhe lassen", entgegnete Snape.

„Ich habe nicht um Ihre Meinung gebeten, Snape", zischte Harry und wollte einfach an dem Tränkemeister vorbeigehen, doch der packte ihn am Arm, um ihn am Weitergehen zu hindern. Harry zuckte kurz zusammen, riss sich dann aber aus dem Griff los und funkelte Snape wütend an.

„Ich hoffe, dass Lucius Sie im hohen Bogen aus dem Zimmer wirft", schnarrte der und rauschte dann davon.

Unschlüssig blieb Harry vor dem Raum stehen. Er wusste einfach nicht, was passieren würde, wenn er jetzt hineinging. Was würde Lucius tun? Würde er ihn wirklich aus dem Zimmer werfen, sich vielleicht sogar von ihm abwenden? Harry war klar, dass er mit den Konsequenzen seines Handelns würde leben müssen und wenn das bedeutete, dass Lucius ihn nun nicht mehr unterstützen wollte, dann würde er das akzeptieren und noch heute von hier verschwinden. Er atmete noch einmal tief durch, ehe er die Tür öffnete und das Zimmer betrat.

Das erste was Harry sah war, dass Draco in einem Bett lag. Seine Augen waren geschlossen und sein Atem ging ruhig. So wie es aussah, hatte Snape ihn geheilt, denn das Gesicht des Blonden war makellos wie eh und je. Neben dem Bett saß Narzissa und wachte über ihren Sohn. Sie hatte gehört, wie Harry das Zimmer betreten hatte und schaute ihn nun direkt an. Gegenüber der Tür, am anderen Ende des Zimmers stand Lucius und schaute aus dem Fenster nach draußen. Entweder hatte er sein Hineinkommen nicht bemerkt, oder er wollte es einfach nicht bemerken und das versetzte Harry einen Stich. Narzissa sah kurz zwischen allen drei Männern hin und her, ehe sie aufstand. „Ich lass euch allein", sagte sie und ging dann an Harry vorbei aus dem Zimmer.

Lucius hatte sich noch immer nicht umgedreht, sondern starrte weiterhin aus dem Fenster.

„Wie geht es ihm?", fragte Harry leise, nachdem er zu dem Bett gegangen war und hinunter auf Draco schaute.

„Er ist noch nicht bei Bewusstsein, aber seine Verletzungen sind alle verheilt", antwortete Lucius ruhig, doch noch immer drehte er sich nicht um.

„Es tut mir Leid, dass ich--", begann Harry.

„Das reicht nicht", unterbrach ihn Lucius und drehte sich nun endlich zu dem Schwarzhaarigen. „Hier reicht keine einfache Entschuldigung, Harry. Das dort ist mein Sohn und er ist bewusstlos, weil du, aus welchem Grund auch immer, die Kontrolle verloren hast. Ich weiß, dass ihr beide euch schon in der Schule nur angefeindet habt und es ist mir auch klar, dass ihr das nicht von heute auf morgen hinter euch lassen könnt. Du weißt, dass ich hinter dir stehe und dir helfen möchte, aber ich werde das nicht auf Kosten von Draco tun."

Harry senkte seinen Blick, als Lucius aufgehört hatte zu sprechen. Lucius kam zu ihm herüber und fasste ihn sanft an den Schultern, so dass Harry aufschaute.

„Ich habe nicht gelogen, als ich gesagt habe, dass du wie ein Sohn für mich bist, aber ich muss hier in dieser Situation an Draco denken. Wenn ihr es nicht schafft, miteinander auszukommen, weiß ich einfach nicht was ich tun soll, verstehst du das? Ich möchte mich nicht zwischen euch beiden entscheiden müssen, aber ich werde es tun, wenn es notwendig wird", sagte Lucius.

„Ich verstehe das", erwiderte Harry. „Aber ich werde es nie schaffen, mich mit Draco zu verstehen. Wir sind einfach zu unterschiedlich und ich glaube nicht, dass wir es schaffen können, Freunde zu werden. Draco hat immer nur den Jungen-der-lebt in mir gesehen und ich in ihm immer nur einen Slytherin, der mich und meine Freunde terrorisiert. Uns hat es beide nicht gekümmert, wie es in dem anderen aussah und ich bezweifle, dass wir das ändern können. Ich weiß, wie wichtig dir deine Familie ist und deshalb werde ich es uns allen nicht noch schwerer machen und gehen. Es ist die beste Lösung für uns alle. Du hast Recht, wenn du sagst, dass ich die Kontrolle verloren habe und das ist unentschuldbar."

„Was ist passiert? Bitte erkläre es mir, ich will es verstehen", bat das blonde Malfoy-Oberhaupt.

„Reicht es nicht, wenn ich sage, dass Draco keine Schuld an der ganzen Sache hatte?", fragte Harry.

„Nein, das reicht nicht", wiedersprach Lucius. „Ich kenne dich und ich weiß, dass du nicht einfach so auf andere Menschen losgehen würdest. Es sieht dir einfach nicht ähnlich, so zu handeln. Ich möchte wissen, was genau passiert ist, dass du so reagiert hast."

Harry seufzte und schloss kurz seine Augen, ehe er zu erzählen begann. „Draco wollte von mir wissen, wieso wir uns so gut verstehen und als ich ihm keine Antwort darauf geben wollte, hat er mich gepackt und mich zu Boden geworfen. Er wollte mich nicht gehen lassen, ehe ich ihm antworte. Ich weiß nicht genau, was dann passiert ist, aber ich… vielleicht ist auch der Traum Schuld, ich weiß es nicht. Ich wusste plötzlich nicht mehr, wer mich da festgehalten hat. Es war so, als wäre ich wieder in Azkaban und alles was zählte, war von dem, der mich da festgehalten hat, wegzukommen. Ich wollte mich wehren und als ich auf einmal auf Draco saß, da war nur noch wichtig, dass ich mir nichts gefallen lassen wollte und deshalb musste ich ihn außer Gefecht setzen. Ich wollte ihm zeigen, dass ich mich nicht unterkriegen lassen würde. Ergibt das einen Sinn für dich?"

„Ja, Harry, das ergibt einen Sinn", sagte Lucius sanft. „Vielleicht wäre es mir genauso gegangen, wenn ich an deiner Stelle gewesen wäre."

Und ehe Harry sich versah, hatte der Ältere ihn in eine Umarmung gezogen und hielt ihn einfach fest. Harry wehrte sich kurz dagegen, doch dann konnte er nicht anders, als sich in diese Umarmung hineinfallen und seinen Tränen freien Lauf zu lassen. Seine Beine hatten plötzlich nicht mehr die Kraft, ihn zu tragen und so ließ sank Lucius mit ihm auf den Boden und wiegte ihn leicht hin und her.

„Es tut mir so Leid, dass ich Draco verletzt habe", schluchzte Harry.

„Ich weiß, Harry, ich weiß", beruhigte ihn Lucius und strich ihm sanft über den Rücken.

„Ich fühle mich so schmutzig und so schwach, dass ich das alles habe mit mir machen lassen. Wenn ich mich nur richtig gewehrt hätte, dann hätten Smith und die anderen das nicht tun können. Ich hätte einfach in dieser Zelle auf Voldemort warten sollen, damit er dem ganzen ein Ende setzt. Dann wäre alles vorbei und ich müsste nicht mit diesen ganzen Erinnerungen leben." Harry zitterte jetzt am ganzen Körper und Lucius umarmte ihn noch fester, um ihm den Halt zu geben, den der Schwarzhaarige jetzt brauchte.

„So etwas solltest du nicht sagen. Du hättest dich nicht wehren können, Harry, und das weißt du auch. Ich wundere mich heute noch darüber, dass du die Kraft gefunden hast, zu lernen und dann gegen sie zu kämpfen. Ich glaube nicht, dass viele in deiner Position die Kraft aufgebracht hätten. Diese Männer haben sich dir aufgedrängt und du hättest das nicht verhindern können. Sie haben deine Schutzlosigkeit ausgenutzt und du solltest dich nicht dafür schämen, was sie dir angetan haben. Du solltest stolz darauf sein, dass du es allein geschafft hast, da heraus zu kommen, denn damit hast du ihnen gezeigt, dass du dich nicht von ihnen hast kaputt machen lassen."

„Es fühlt sich aber nicht wie ein Sieg an", wisperte Harry. „Diese Männer haben mich immer wieder geschlagen, getreten, verhöhnt und vergewaltigt. Und sieh mich an, sie haben mich kaputt gemacht, sonst hätte so etwas wie heute nicht passieren können."

„Nein, das haben sie nicht", erwiderte Lucius und verstärkte die Umarmung noch einmal. „Ich will nicht sagen, dass du ohne Schaden aus der ganzen Sache herausgekommen bist, aber sie haben dich nicht kaputt gemacht. Du musst versuchen, alles zu verarbeiten, dann kann so etwas wie heute auch nicht mehr passieren. Ich werde versuchen, dir zu helfen, wo ich kann und ich bin mir sicher, dass auch alle anderen bereit dazu sind. Vielleicht solltest du ihnen mehr von dem erzählen, was passiert ist, damit du nicht mehr in eine Situation wie diese gerätst."

„Das kann ich nicht, Lucius. Dazu bin ich nicht stark genug", schluchzte Harry und wieder begann er hemmungslos zu weinen.

„Doch, du kannst das. Kämpfe! Steh auf und lass dir nicht gefallen, dass man dir so etwas angetan hat. Du bist stark und das solltest du auch allen zeigen. Smith und die anderen hatten vielleicht eine körperliche Macht über dich, aber du solltest ihnen, gerade jetzt wo es vorbei ist, nicht auch noch die Macht über deine Seele geben. Diese Männer waren armselige Kreaturen. Jemand körperlich Schwächeren zu zwingen und zu unterdrücken, zeugt von Schwäche. Du bist stark, hörst du? Du wirst darüber hinwegkommen, wenn du es wirklich versuchst. Du hast schon so viel geschafft. Die Sache mit Draco war ein Rückschlag, aber hör deswegen nicht auf zu kämpfen."

Lucius spürte, wie Harry an seiner Brust nickte, während er noch immer weinte, doch auch das hörte nach ein paar Minuten auf. Vorsichtig löste sich der Schwarzhaarige und schaute ihn dankbar an, ehe er erstarrte. Hinter Lucius auf dem Bett saß Draco und schaute die beiden mit aufgerissenen Augen an. Sofort wich Harry ganz von Lucius zurück und stand wieder auf. Seine Augen waren rot und verquollen, aber trotzdem verschloss sich seine Miene. Draco hatte so ziemlich alles mit angehört, soviel war klar.

Harry musste hart mit sich kämpfen, seine eben erst wiedergewonnene Fassung nicht sofort wieder zu verlieren. Er straffte sich nun vollständig und schaute Draco dann direkt in die Augen.

„Es tut mir leid, was vorhin vorgefallen ist, Draco", sagte er fest. „Es wird nicht wieder vorkommen."

Draco, der im Moment überhaupt nicht wusste, was er sagen sollte, nickte nur leicht und sah dann mit seinem Vater zusammen zu, wie Harry das Zimmer verließ.

„Geht es dir wieder gut?", fragte sein Vater leise und Draco riss seinen Blick von der Tür und sah Lucius an. Er schluckte schwer und stellte dann die Frage, die ihn im Moment am meisten beschäftigte.

„Du warst mit ihm in einer Zelle, nicht wahr? Hättest du ihm nicht helfen können?"

„Ich habe ihm so gut geholfen, wie ich konnte, aber gegen die Wachen konnte ich nichts tun." antwortete Lucius gefasst. „Bitte versuche nicht mehr, Harry zu provozieren oder ihn irgendwie zu bedrängen. Ich möchte ihm wirklich helfen und dazu brauche ich deine Unterstützung."

„Ja, Vater", sagte Draco.

Lucius lächelte ihn warm an. „Lass uns deine Mutter suchen. Sie wird froh sein, dass du wieder auf den Beinen bist", sagte er und kurz darauf verließen beide Malfoy-Männer das Zimmer.