Kapitel 10 – Expecto Patronum! (Ron)
Ron hatte genug von dem Theater. Es brach ihm das Herz zu sehen, dass Harry sich vor Sehnsucht nach der Natter verzehrte, und diese nur seine Güte ausnützte. Jetzt war eine gute Gelegenheit: Hermine und Harry waren bereits unten beim Frühstück, gleich würde er allein mit dem Iltis in ihrem gemeinsamen Zimmer sein, gleich würde er ihm die Meinung sagen können.
Er versperrte die Tür, die zum Gemeinschaftsraum führte und dem Feind die Flucht ermöglichen würde, und wartete auf dessen Erscheinen.
Wenige Minuten vergingen, da öffnete sich die Badezimmertür und ein vergnügter Marder trat ins Zimmer, der – abgesehen von seinen nassen Haaren – frühstücksfertig war.
„Hey, Ron! Du bist noch gar nicht beim Essen?"
„Spar Dir Deine Freundlichkeiten, Malfoy. Ich will, dass Du damit aufhörst."
Die Schlange wollte sich eben die Haare mit dem Zauberstab trocknen, aber erstarrte in der Bewegung, als sie die groben Worte hörte.
„Bitte? ... Womit soll ich aufhören? ... Mit den Freundlichkeiten?"
Ron war bereit, jederzeit seinen Zauberstab zu ziehen und ihm zu zeigen, was er in der Schlacht von Hogwarts gelernt hatte. „Tu nicht so, als wüsstest Du nicht, wovon ich rede ... von Deinem herzlosen Spiel ..."
„Herzloses Spiel? Meinst Du das mit Lucius?"
„Dein Vater geht mir Arsch vorbei, ich rede von Deinem Plan und von dem, das Du Harry antust!"
Die Natter tat weiterhin so, als hätte er keine Ahnung: „Was ... für ein Plan? Und was soll ich ihm antun?"
„Muss ich es wirklich sagen? Du Arschloch nützt es aus, dass Harry einen Helferkomplex hat, dass er der selbstloseste Mensch auf Erden ist und dass er jedem hilft, der ihn darum bittet – selbst menschlichem Abschaum wie Dir. Und du nützt es aus, dass er Dich liebt, um irgendwas Schreckliches zu machen. Ich weiß nicht, was für monströse Pläne Du hast, aber ich werde ihnen ein Ende setzen."
Eine leichte Röte war in Malfoys Gesicht getreten, als er sagte: „Harry – liebt mich?"
„Ach, das war Dir nicht klar, du Wichser? Das war doch Teil Deines Plans! Und hör auf mir dauernd mit Fragen zu antworten, ich will Antworten!" Rons Zauberstabhand begann vor Wut zu zittern. Das war nicht gut; falls er zum Angriff übergehen müsste, würde er eine sichere, ruhige Hand benötigen, um der Natter keine Gelegenheit zum Kontern zu geben.
Malfoy legte seinen Zauberstab weg, hob seine Hände in einer beruhigenden Geste und sprach langsam: „Hör mir zu, Weasley. Ich weiß nicht, wovon Du sprichst. Ich habe keine geheimen Pläne, nur meinen Racheplan für Lucius, und den kennst Du! Ich nütze Harry nicht aus –"
„Und WIE Du ihn ausnützt! Du nützt es aus, dass er eine Schwäche für Dich hat. Weil IHM die Leute vertrauen; weil ER sie davon überzeugen kann, dass Du nicht mehr der Todesser seist, der Du immer warst und immer noch bist! Weil das Teil Deines Plans ist: erst Vertrauen gewinnen, um es anschließend auszunützen, Du Dreckskerl!"
„Weasley, Harry hat keine Schwäche für mich, er liebt mich nicht!"
Ron brüllte jetzt wirklich. Dass diese elendige Natter so unschuldig ahnungslos tat, brachte ihn so richtig in Harnisch: „Tu nicht so, als wüsstest Du das nicht, Du Arschgesicht! Er ist verrückt nach Dir! Kannst Du allen Ernstes so blind sein? Sieht Du nicht, wie er Dich anstarrt? Wie glücklich er in Deiner Nähe ist? Wie eifersüchtig er auf Deine Nachhilfelehrerin Ramona ist? Wie verzweifelt er immer Deine Nähe sucht?"
Malfoy erstarrte und schwieg. Im Raum war nur Rons wütendes Schnauben zu hören, dann sprach der Zweizüngige: „Weasley, Ron, bitte hör mir zu! Ich nütze Harry nicht– ... Es ist nicht meine Absicht, Harry auszunützen oder ihm gar wehzutun! Und ich kann mir nicht vorstellen, dass Harry– ... Ich meine, ich konnte mir bis gestern nicht vorstellen, dass Harry mich– ... Der bloße Gedanke ist ja absurd! Ich hab ihm in der Vergangenheit soviel angetan ... Und dass er er meine Nähe sucht, und viel lächelt, dass ist ja ganz natürlich, wir tun ja so als ob wir einander liebten! Er ist halt ein guter Schauspieler!"
„Harry ist kein guter Schauspieler; er ist ein ehrlicher Mensch, der seine Gefühle nicht verbergen könnte, selbst wenn er wollte!" Ganz anders als Du. DU bist ein wirklich hervorragender Schauspieler. So wie Du jetzt dastehst, um Worte ringst; als wärst Du wirklich überrascht. „Du wirst damit aufhören, Harry Hoffnungen zu machen! Du wirst ihm sagen, was Sache ist!"
„Wenn Harry wirklich so für mich empfindet", spie die Kobra ihr süßklingendes, aber nicht minder toxisches Gift, „dann ist es wohl wirklich das Beste ... Ich werde mit ihm reden. Aber nicht jetzt. Das wird ein Gespräch, das man nicht coram publico und nicht in fünf Minuten erledigen kann. Ich werde heute Abend mit ihm reden."
Das hättest Du gerne ... Aber so schwer es mir fällt, die Natter hat recht. Das wird Harrys Herz brechen. Je weniger Leute dabei sind, umso besser ...
„Einverstanden. Ich werde heute am Abend nach unserer Lehrerkonferenz Hermine in den Gemeinschaftsraum schleppen, dann könnt ihr allein hier im Zimmer die Sache klären. Und keine Tricks, Malfoy!"
Die Schüler des sechsten Jahrgangs waren schon ganz gespannt: Heute stand ein ganz besonderer Zauber auf dem Plan: Der Patronus! Der Zauber, für den einer ihrer Lehrer so berühmt war, weil er einer der jüngsten Zauberer war, die ihn je gemeistert hatten. Eigentlich wäre das ein Zauber, der nicht vor dem siebten Jahr unterrichtet wird – wenn überhaupt –, aber weil sie gut im Zeitplan waren, hatten sich die Lehrer entschlossen, den Schülern eine kleine Vorschau zu gewähren und deren Neugier zu befriedigen.
Diese Einheit wurde in erster Linie von Hermine, Harry und Ron gehalten, denn der Iltis konnte keinen Patronus beschwören – sicher nur Zufall, dass das Anhänger der Schwarzen Magie auch nicht konnten. Der einzige Beitrag, den Malfoy leisten konnte, war, dass die magischen Worte „Expecto patronum" aus dem Lateinischen kommen und wörtlich „Ich erwarte den Schutzgeist" bedeuten, und dass das Wort Patronus eigentlich vom lateinischen Wort pater, also Vater abgeleitet ist.
Klugscheißen, das kannst Du so gut wie Schauspielern.
Groß war also die Aufregung, als wieder ein Irrwicht in das Klassenzimmer gebracht wurde. Er war wie üblich in einem Kleiderschrank verstaut und so aufgestellt, dass er – sobald losgelassen – sofort Harry sehen sollte. Dann würde er sich in ein Dementor verwandeln, und die mutigeren Schüler würden so die Gelegenheit bekommen, ihren Patronus gleich einmal auszuprobieren.
Die Natter schlängelte sich in den hinteren Bereich der Klasse zurück, während Hermine und Ron sich ebenfalls ein wenig abseits aufstellten, für den Fall, dass unerwartet doch etwas schiefgehen sollte. Der erste Schüler, eine großgewachsene Hufflepuff, die ein wenig wie eine junge Prof Sprout aussah, stellte sich auf, den Zauberstand erhoben, und gab Zeichen, dass sie bereit sei für die Probe aufs Exempel.
Harry öffnete den Kleiderschrank. Der Irrwicht flog heraus, sah den schwarzhaarigen Gryffindor und verwandelte sich in dessen schlimmste Angst. Aber er bekam keine Kapuze, kein röchelndes Atmen, keine toten Hände, er wurde kein Dementor. Er bekam blonde Haare, ein spitzes Gesicht, silbergraue Augen und sagte in gleichgültigem Ton: „Ich liebe Dich nicht, Potter! Und ich werde Dich nie lieben!", drehte sich von Harry weg und ging mit ausgebreiteten Armen auf Hermine zu, wohl um sie zu umarmen und zu küssen.
Jeder im Raum war wie zur Salzsäule erstarrt: Ron konnte sich vor Wut nicht bewegen, sah er doch vor seinen Augen das, was er so sehr fürchtete: dass Malfoy SEINE Hermine umwirbt; Harry war auf die Knie gesunken, Tränen in den Augen, den Zauberstab hatte er kraftlos fallen lassen; Hermine wich erschrocken vor dem falschen Slytherin und seinen Avancen zurück. Auch die Schüler waren völlig verwirrt: Alle hatten jetzt nur den Patronus-Zauber im Kopf, der in diesem Moment aber völlig nutzlos war.
Da lief der Marder – also der echte – nach vorne und rief mit erhobenem Zauberstab: „RIDDIKULUS!" Dem Irrwicht-Malfoy rutschten die Hosen bis zu den Knöcheln runter, er stolperte und fiel mit einem dumpfen Knall und einem lauten „Uff!" auf den Boden. Der Slytherin zwang den Irrwicht zurück in den Schrank, bevor er zu Harry eilte und ihm auf die Beine half. Beide waren kreidebleich.
Hermine entschuldigte sich für diesen Zwischenfall bei der Klasse, die abgesehen von einigen Slytherin voller Mitgefühl für ihre Lehrer schien, und sagte die Demonstration des Patronus ab. „Vielleicht werden wir ein andermal mit einem Dementor üben können." Dann tauschte sie vielsagende Blicke mit ihren Mitlehrern aus und sagte: „Das Beste wird es sein, wenn wir trotzdem bei diesem Zauber bleiben, aber uns vorerst auf Trockenübungen beschränken ... Teilt Euch alle im Raum auf und, während Ihr den Patronus übt, werden wir Euch beaufsichtigen und Euch Hilfestellungen geben ..." Sie warf noch einen Blick auf Harry und fügte zum Abschluss hinzu: „Aber vorher machen wir fünf Minuten Pause."
Während der Pause gingen die Schüler verschiedenen Tätigkeiten nach: Einige zogen sich in den Gang zurück, um sich die Beine zu vertreten, manche Schüler aus Slytherin warfen spöttische Kommentare auf Harry und die Natter, und andere blieben auf ihren Plätzen und übten den Patronus. Ein Trupp Mädchen war zu Harry gestürmt, um ihn mit Tränen in den Augen anzuhimmeln und zu sagen, wie romantisch das nicht war. Aber sie wurden sofort von Harrys Kollegen weggescheucht.
Harry stand der Schock noch ins Gesicht geschrieben, seine Finger bebten, er musste sich am Katheder festhalten. Und die Kobra sah nicht besser aus.
Die Natter ist ein echt guter Schauspieler ... Als hätte er sich wirklich um Harry gesorgt ... Oder ... hat er sich wirklich ... ? ... Was Harry geschehen ist ... ist es ihm wirklich nahegegangen? ... Er hat ohne zu zögern Riddikulus gezaubert ... in dem Wissen, dass sein Ebenbild – und damit er selbst – der Lächerlichkeit preisgegeben wird ...
Das erste Mal kamen Ron Zweifel an seiner Hypothese. Vielleicht, aber auch nur vielleicht, war es doch möglich, dass Malfoy doch Rücksicht auf Harrys Gefühle nahm und ihn nicht nur ausnützte.
„Leute", brachte Harry inzwischen mit versagender Stimme aus sich heraus, „ich kann nicht mehr ... Macht ohne mich weiter ..."
Hermine nickte verständnisvoll, aber Ron versuchte, Harry hier zu behalten: „Harry, wir sind heute eigentlich ohnehin nur zu zweit. Draco kann keinen Patronus, und Hermine und ich alleine sind zu wenig Lehrer für die ganze Klasse!"
Harry blieb aber bei seiner Meinung: „Tut mir leid, wenn Ihr es nicht könnt, dann lasst den Rest der Stunde entfallen, oder macht weiter im Lehrstoff. Ich muss mich jetzt hinlegen, sonst kipp ich aus den Latschen."
„Soll ich Dich begleiten?", bot Malfoy seine Hilfe an.
Aber Harry lehnte ab: „Danke, Draco, aber das wird nicht nötig sein. Du wirst hier gebraucht."
„Ich werde hier nicht gebraucht, ich kann den Patronus nicht. Es ist kein Verlust für den Unterricht, wenn ich nicht dabei bin."
Ein Verlust für den Unterricht? Im Gegenteil, es ist ein Gewinn für sie. Für jede Unterrichtsstunde.
„Wann hast Du den Patronus das letzte Mal probiert?", fragte Harry.
„Das ist schon lange her ... Und ich hab erbärmlich versagt."
„Dann ist es Zeit, es wieder zu probieren!"
„Harry ... nein, wenn ich die Worte rufe, vor der ganzen Klasse, und es nicht hinhaut ..."
Harry setzte seinen Hundeblick auf und bettelte: „Bitte ... Versuch es, Du kannst es, Draco, das weiß ich!"
„Na gut. Für Dich", gab die Viper nach und schloss ihre Augen.
„Konzentrier Dich, Draco. Denk an die Worte, ‚Expecto Patronum' und an das schönste Erlebnis, das Dir einfällt", flüsterte Harry, der sich hinter Malfoy gestellt und ihn fest an den Schultern gefasst hatte, auf Zehenspitzen der Otter ins Ohr.
Und auch Hermine schenkte ihm Zuversicht: „Du kannst es, Draco, ich glaub an Dich! Glaub Du auch an Dich!"
Ron enthielt sich jeglicher Aufmunterung.
Und wieder meldete sich Harry: „Vielleicht hilft es, wenn Du daran denkst, was wir gestern Abend gemacht haben."
Die Wangen der Kobra wurden plötzlich scharlachrot, während Hermine und Ron verwirrte Blicke mit Harry austauschten, der aber nur wissend grinste. Der Slytherin schien die Augen fester und fester zusammenzukneifen.
„Zeig uns, was ein echter Slytherin kann!", ermutigte ihn Harry weiter.
„Was habt Ihr denn gestern Abend gemacht?", wollte Ron fragen, als Malfoy erst leise murmelnd, dann laut ausrufend erklang: „EXPECTO ... PATRONUM!"
Alle in der Klasse drehten sich zu ihrem Lehrer um und sahen, wie sich ein ätherisches, silbriges Etwas aus der Spitze seines Zauberstabes presste und langsam Form annahm. Erst wurden vier lange, dünne Beine deutlich sichtbar, dann ein Rumpf, ein dicker Hals und ein Kopf ... Und allen vieren stockte der Atem, als sich noch etwas oben an den Kopf anschloss – ein mächtiges Geweih!
Ich habe mich in der Natter, ich meine, in Draco getäuscht!
An diesem Abend kam es nach ihrer kleinen Lehrerkonferenz in der Tat zu einem ernsthaften Gespräch. Aber es war nicht Draco, der sich bei Harry entschuldigte, sondern Ron, der Draco um Verzeihung bat:
Während Harry und Hermine im Gemeinschaftsraum bei ihren Mitschülern waren, saß der Rotschopf auf seinem Bett und war zutiefst zerknirscht. Er konnte Draco, der auf Harrys Bett saß, nicht in die Augen schauen, als er ihm sagte: „Es tut mir leid, Draco, dass ich Dich verdächtigt habe. Du warst Harry die ganze Zeit ein treuer Freund, und ich habe Dir bei jeder Gelegenheit die schlimmsten Sachen unterstellt ... Dein Patronus, der hat mir gezeigt, wie dumm ich war. Keiner, der auf der dunklen Seite steht, hätte einen so starken Patronus je zusammengebracht."
Draco schien selbst noch ein wenig aufgewühlt sein: „Es freut mich, dass Du das endlich einsiehst. Und was den Patronus betrifft ... ja, der hat mich selbst sehr aus dem Konzept gebracht ... Vor allem, dass er dieselbe Form hat wie Harrys, ist, sagen wir, interessant."
Ron kratzte sich verlegen am Kopf: „Das weißt Du ja sicher, aber normalerweise tritt das nur auf, wenn–"
Draco unterbrach ihn: „Ich weiß."
– wenn sich zwei ineinander verliebt haben.
„Ich dachte immer, Ihr zwei seid kein wirkliches Paar. Dass das alles nur ein Trick ist, um Lucius reinzulegen."
„Das ist es auch! ... Oder... das dachte ich zumindest ... Ich bin mir nicht mehr so ganz sicher."
„Ähm ... Das ist vielleicht eine zu intime Frage, aber ... Liebst Du ihn?"
„Wen? ... Harry? ... Nein! ... Ich ... Nein, das kann nicht sein ... Ich glaube zumindest nicht, ich bin nicht schwul. Ich steh auf Frauen!"
Wenn ich so drüber nachdenke ... Irgendwie wär es schon eine Win-win-Situation für uns alle, wenn Draco Harrys Liebe erwidern würde: Die beiden hätten einander, und ich müsste mir keine Sorgen machen, dass Draco mir Hermine ausspannt; ein Nebenbuhler weniger! Bleiben leider noch zigtausend andere ...
„Aber warum sind Eure Patronusse dann identisch, wenn Ihr nicht wirklich so füreinander empfindet?"
„Warum unsere Patroni identisch sind, ist eine interessante Frage. Ich werde am Wochenende mal in der Bibliothek nachschauen, ob ich was dazu finde. Dafür gibt es sicher eine weitere Erklärung ... ganz sicher ..." Draco drehte seinen Kopf zum Fenster und starrte hinaus, in Gedanken versunken. „Vielleicht ist es, weil wir ..." Seine blassen Wangen wurden plötzlich wieder kirschrot, wie wenige Stunden zuvor, als der den Patronus gezaubert hatte.
„Weil Ihr was? ... Geht es darum, was Ihr gestern gemacht habt?"
Draco zuckte zusammen und sagte lauter als nötig: „Wir haben gestern nichts gemacht! Ich weiß nicht, wovon Harry heute Nachmittag gesprochen hat. Er hat da irgendwas verwechselt. Ich habe ihm ni– Er hat mir nicht– Wir haben gestern nichts gemacht, gar nichts!" Dann sprang er auf und ging zügig Richtung Tür: „Ich hab vergessen, ich muss noch in die Bibliothek! Wir sehen uns später, Ron!"
Gut, also will er nicht drüber reden ... Ich werde mal Harry fragen, vielleicht ist der gesprächiger ... Ach ja, das muss ich ihm ja noch sagen!
Draco war bereits bei der Zimmertür, als Ron ihm rief: „Warte noch kurz!" Er erhob sich und ging ein paar Schritte auf ihn zu. „Ich ... ich hätte Dir das bereits längst mitteilen sollen, aber ... Ich hatte beabsichtigt ‚zufällig' zu vergessen, es Dir zu sagen ... Dis Sache ist die folgende: Es ist ja schon in ein paar Wochen Weihnachten ... Und meine Mum würde sich sehr freuen, wenn Du Weihnachten mit Harry und uns im Fuchsbau verbringen würdest ... Du kannst natürlich ablehnen, aber ich sage Dir gleich, dass sie zutiefst gekränkt wäre und es als persönliche Beleidigung empfände, wenn Du das Angebot ausschlägst."
„Was, echt jetzt?", staunte Draco skeptisch.
Ron nickte: „Und ... ich würde mich auch freuen."
Draco überlegte nicht lange: „Ich hab sowieso keinen anderen Ort, wo ich hingehen könnte. Ich hab mit Harry noch nicht gesprochen, aber ich bin davon ausgegangen, dass ich mit Harry in Hogwarts oder in Onkel Sirius' Haus am Grimmauldplatz bleiben werde."
Ron kratzte sich wieder verlegen am Kinn: „Jaah, das wohl kaum, weil Harry schon zugesagt hat, Weihnachten bei uns zu verbringen."
Draco schien verblüfft: „Er wollte mich an Weihnachten alleine lassen?"
„Nein, selbstverständlich nicht. Er hätte Dich natürlich mitgenommen. Und er hatte sich echt auf Weihnachten mit Dir gefreut. Aber ich hab ihm eingeredet, es vor Dir geheim zu halten, und ... –" Puh, das fällt mir jetzt echt schwer zu sagen! „– ... dann hätte ich Dir rechtzeitig vor Weihnachten eine Eule zukommen lassen ... eine Eule, die so aussieht, als würde sie von Deinem V– Lucius kommen ... mit einem Brief, in dem drin steht, dass Du zu ihm zurück musst, weil Euer geheimer Plan über Weihnachten neu überdacht werden muss, und dass Du Dir eine Ausrede einfallen lassen musst, um Harry zwei Wochen alleine zu lassen ..."
Ron hatte ein wenig Angst, dass Dracos Reaktion heftig würde. Aber zu seiner großen Erleichterung blieb Draco ruhig und lachte nur sanft; ein echtes, reines Lachen, in dem kein Zorn, keine Enttäuschung steckte: „Ron, ich ... ich bin fast stolz auf Dich. Das war sicher einer der brillantesten Pläne, die Du je gehabt hast! Nur schade, dass er nicht funktioniert hätte, ich wäre nie zu Lucius gegangen. Aber nicht nur, weil du von den falschen Prämissen ausgegangen bist – denn es gibt keinen Geheimplan zwischen ihm und mir –, sondern weil ich mir nicht vorstellen kann, dass er je zu einem dermaßen unsicheren Kommunikationsmittel wie einer Eule greifen würde."
„Jaah ... Ich werde mir das für das nächste Mal merken, wenn ich versuche einen Keil zwischen Euch beide zu treiben." Er lachte verlegen, und setzte in ernsterem Ton fort: „Wenn es Dir nichts ausmacht, dann, bitte, Du würdest mir einen großen Gefallen tun, wenn Du diese Geschichte für Dich behältst. Besonders vor Harry, denn schließlich ..."
Draco nickte verständnisvoll: „Mach Dir keine Sorgen Ron, niemand wird etwas erfahren."
Ron atmete erleichtert auf: „Danke, Draco ... – Übrigens, was wirst Du Harry zu Weihnachten schenken?"
„Oh, da hab ich was gefunden, das ihm sicher gefallen wird: Ein plötzlicher Todesfall, von einer gewissen J. K. Rowling. Es ist zwar ein Buch von einem Muggel für Muggel, aber ich hab nur positive Kritiken dazu gehört. Was meinst Du?"
„Das hat er schon. Aber das wäre sonst eine gute Idee, das Buch hat ihm sehr gefallen."
„Das hat er schon? Ach, Mist! Jetzt muss ich was Besseres finden."
Rons Lippen krümmen sich zu einem anrüchigen Grinser. „Also, Harry ist ja ein junger Mann, auf dem Höhepunkt seiner sexuellen Entwicklung ..." Draco hob eine Augenbraue fast bis zu seinem Haaransatz. „Ich glaube, am meisten würde er sich freuen, wenn Du zu Weihnachten in seinem Bett liegst, nur mit einer Schleife am kleinen Draco", Ron lachte, während der Blonde ihn entgeistert mit den Augen fixierte.
„Danke, Ron", sagte Draco sarkastisch. „Was würde ich nur ohne Dich tun."
„Kein Ursache", lachte der Rotschopf weiter, „wozu hat man schließlich Freunde?"
