Ich stand fragend vor meiner Matratze in Kids Zimmer.
Früher oder später mussten ja die ersten Probleme auftauchen und das hier WAR ein Problem.
Während Liz und Patty schon in ihren Schlafanzügen herum liefen- Liz in einem karierten, orangen Pyjama, Patty in einer Dreiviertelhose und Top- hatte ich nichts zum Anziehen.
Aber das war ja auch klar. Sonst hatte ich immer in meinem Kleidern geschlafen, sie alle paar Tage im Bach am Stadtrand gewaschen, wo auch die ärmeren Leute lebten.
Zum Glück war Kid noch im Badezimmer, ein Zeichen, dass ich mich auf Liz' Menschenkenntnis verlassen konnte. Ich entschied mich für meine weiß/grau karierte Boxershort und das selten getragene, schicke, blaue Marken-T-Shirt mit dem Striche-Muster drauf.
Er musste ja nicht unbedingt wissen, in welcher Klamottenknappheit ich lebte. Immerhin sahen meine Kleider alle gepflegt und neu aus, sodass man mir meine 'Armut' nicht ansah, doch trotzdem musste das nicht jeder wissen.
Mit Hummeln im Hintern, weil er ja jeden Augenblick fertig sein konnte, zog ich mich direkt hinter der Tür um, damit, falls jemand sie öffnete, ich sie mit dem Fuß stoppen könnte.
Zum Glück kam niemand.
Ich zog mir gerade den Haargummi aus dem Pferdeschwanz und lockerte meine Frisur ein bisschen auf, sodass meine straßenköterblonden Haare mir keck über die Schultern fielen, da kam Kid herein; gerade aus der Dusche.
Die schwarzen Haare waren noch nass, aber bereits gekämmt und auch er war schon im Schlafanzug, was bei ihm allerdings auch aus einer Short und einem T-Shirt bestand.
Die Boxershort war grau/hellblau gemustert, das T-Shirt in einem sehr hellblauen Ton und einem Streifen an beiden Ärmeln.
Seinen Anzug und so hatte er sich über den Arm gehängt und marschierte prompt zum Schrank, um die anscheinend erst ein Mal getragenen Sachen wieder auf einen Bügel zu hängen.
Er war tatsächlich pingelig, wenn es um Ordnung ging.
„Das Bad ist frei.", sagte er knapp und sah mich nicht einmal an. Um ehrlich zu sein, kam ich mir etwas albern vor, wie ein Junge in Boxershorts herumzulaufen. Aber sie waren nun mal so bequem!
Ich nickte und flüchtete ins Zimmer der Thompson-Sisters, die beide auf ihren Betten saßen, mit den Zahnbürsten im Mund.
Liz gab einen erkennenden Laut von sich, als sie mich bemerkte. Sie schielte nämlich gerade auf ein Bilderbuch [geht's noch?], das Patty las.
„Könnte ich vielleicht...?", setzte ich an, doch sie wies bereits auf ihre Ablage überm Bett, auf der eine nagelneue Handzahnbürste lag, die wohl für mich gedacht war.
Ich lachte leise auf und bedankte mich, um für einige Zeit ins Bad zu verschwinden.
Mein Kulturtäschchen stellte ich auf die Ablage über dem Waschbecken, wo auch Liz' und Pattys stand. Kid benutzte wohl einen der kleinen Schränkchen, was mich aber auch nicht weiter interessierte. Ich verwendete meine ganze Konzentration darauf, mir anständig das Gesicht zu waschen, mich abzuschminken und mir die Zähne zu putzen.
Es fühlte sich toll an, ein hübsches Bad benutzen zu dürfen. Wahrscheinlich für immer.
Auf dem Klo betrachtete ich den Raum einnehmend. Gegenüber von der Tür, rechts in der Ecke, befand sich die Toilette, links davon ein wenig Platz, weil da das Fenster mit der Heizung war und links in der Ecke die Dusche.
Das Waschbecken mit dem großen Spiegel und den Schränkchen stand an der linken Wand ziemlich in der Mitte, da in der Ecke links von der Tür sich auch noch eine riesige Badewanne mit Düsen, wie in einem Whirlpool, breitmachte.
Woher nehmen die Leute nur das ganze Geld, dachte ich verstört und rief mir ins Gedächtnis, das Kids Vater der Schulleiter war.
Kaum kam ich zurück in Kids Zimmer bemerkte ich, dass er sich extra Kleider für den nächsten Tag rauslegte.
Was für ein Perfektionist … .
Mir fiel ein, dass diese Nacht wahrscheinlich die schlimmste meines Lebens werden würde. Ich meine, ich würde mit einem Jungen in einem Zimmer schlafen!
Ich verstand selbst nicht, warum mich das so beschäftigte. Schließlich kannte ich ihn ja nicht sehr lange und auch sonst war er mir ziemlich egal, aber ich hatte so etwas eben noch nie gemacht.
Was machst du denn?, brüllte ich mein Gewissen an, das begann den Gedanken mit einem Jungen im Zimmer aufregend [nicht erregend, Pfui!] zu finden. Dieser furchtbare Spießer ging mir doch am Arsc* vorbei!
Kids überraschter Blick setzte mich in Kenntnis, dass ich nicht nur mein Gewissen, sondern auch mein Kissen angebrüllt hatte, das ich gerade am Aufschütteln war.
Wahrscheinlich hielt er mich jetzt für geisteskrank.
Ich wich schnell seinem Blick aus und schlüpfte sofort unter die Decke, um zu versuchen- die Betonung liegt auf 'versuchen'- meinen Schlaf zu finden. Natürlich war mir klar, dass ich den keinesfalls finden würde, solange ich jemanden neben mir atmen hörte, doch der Tag war nun mal sehr ereignisreich gewesen.
Kid richtete noch eine Weile die Struktur seines Kleiderschranks, bevor auch er zu Bett ging und das Licht löschte.
Ich hoffte auf ein höfliches „Gute Nacht", doch es kam keins.
Das schürte meinen Hass auf ihn nur noch mehr.
Ich lauschte seinem Atem eine Weile, bis er immer ruhiger wurde. Würde ich je einpennen?
„Gute Nacht.", sagte eine leise Stimme links von mir, ein kleines Stück weiter höher gelegen als ich.
Wie jetzt?
Hatte mir jemand also doch noch „Gute Nacht" gesagt? Welch ein Wunder!
Ich ließ die Luft durch meine Nase entweichen, als ich vorsichtig lächelte, auch wenn ich mit dem Rücken zu seinem Bett lag. „Gute Nacht.", erwiderte ich und fand endlich Ruhe.

Am nächsten Morgen weckte mich niemand, ich erwachte von alleine.
Ein Blick aufs Bett neben mir verriet, dass Kid schon auf war. Aber wo war er?
Die Bettdecke knisterte, als ich sie zurückschlug.
„Du bist wach."
Meine Augen fuhren zum Schreibtisch an dem Kid gestriegelt und gebügelt, wie immer, saß.
Ausnahmsweise trug er nicht den Anzug, sondern einfach wieder diese schwarze Hose [keine Jeans] und, was mir neu war, ein weißes Hemd mit je zwei horizontalen, dünnen roten Linien auf jeder Hemdhälfte.
Wie leise konnte er sein, dass ich nicht aufgewacht war? Ich hatte einen ziemlich leichten Schlaf. Ich kroch zu meiner braunen, schwarz karierten, kurzen Hose und fischte den Ipod aus der Tasche, um einen Blick auf die Uhr zu werfen. 9:02 Uhr.
„Ah.", stöhnte ich leise.
Da Kid offenbar am Zeichnen, Schreiben oder sonst etwas war, stand ich auf und ging auf den Flur heraus, seinen wachsamen Blick im Rücken ignorierend.
Ich konnte ja netterweise mal den Tisch decken, oder?
Es dauerte eine Weile bis ich all die Fächer fand, in denen Besteck, Teller und Lebensmittel aufbewahrt wurden.
Aber ich gab mein Bestes und beschloss mich nach dem Frühstück anzuziehen. Meine Haare hatte ich gestern morgen erst gewaschen, sodass ich bis morgen früh noch meine Ruhe hatte.
Allerdings graute es mir ein wenig in diesem noch fremden Haus zu duschen. Hatte das Bad denn überhaupt einen Schlüssel?
Ich schüttelte den Kopf und machte mich auf den Weg nach oben, um Liz und Patty zu wecken. Da Kid auch schon auf war und der Tisch gedeckt, hatten sie sicher nichts dagegen.
Ich legte meine Hand auf die Türklinke und wollte sie gerade herunterdrücken, da vernahm ich plötzlich einen Schatten hinter mir.
„Nicht."
Ich fuhr herum. „Was... . ?"
„Geh' da nicht rein." Das Klang wie ein Befehl.
„Wieso nicht?", fragte ich den einzigsten Jungen in diesem Haus.
„Weil Patty zum Monster wird, wenn man sie weckt."
Allein diese Antwort war mir Grund genug, die Klinke loszulassen. Pattys Dauer-Gute-Laune war teilweise echt unheimlich. Unvorstellbar wie sie wohl wütend aussähe.
„Aber es gibt Frühstück.", beharrte ich, worauf Kid fragend eine Augenbraue hochzog. „Ich hab den Tisch gedeckt.", erklärte ich.
Er nickte und wies mir an ihm aufs Zimmer zu folgen. Anscheinend sollte ich warten, bis sie von selbst aufwachten, die beiden Pistolen-Schwestern.
„Hast du etwas zum Anziehen?", fragte Kid mich plötzlich, als ich gerade die Tür angelehnt hatte.
Es dauerte eine Weile bis ich begriff, was er meinte. Und es verärgerte mich ein wenig.
„Natürlich hab ich was zum Anziehen.", knurrte ich. Er war ja mal wieder so nett zu mir!
Kid antwortete nichts, sondern setzte sich wieder an seinen Schreibtisch. „Schon verstanden", sagte er. „Du bist angepisst, weil du Hunger hast."
Hätte er das wenigstens in einem verständnisvollen Ton gesagt, hätte ich ihm vielleicht sogar mit einem verlegenen „Ja" geantwortet. Doch dummerweise klang er wieder genauso kalt, wie ein Gefängniswärter.
Ich gab einen unverständlichen Laut von mir und lehnte mich an die Wand links von der Tür, um zu lauschen. Hoffentlich würde Patty bald aufwachen.
Nach einiger Zeit hörte ich plötzlich Pattys unverkennnbares Lachen und einen darauffolgenden, zischenden Laut.
Okay, sie waren wach.
Ohne mich um Kid oder sonst jemanden zu kümmern, schritt ich so leise es ging- wahrscheinlich bemerkte er es nicht einmal- auf den Flur und öffnete die Tür zum Zimmer der Schwestern.
Allerdings fand ich ein ganz anderes Bild vor, als Geschwister im Schlafanzug.
Das ganze Zimmer war übersät mit nagelneuen Klamotten, Liz hatte ihre Sonnenbrille noch im Haar stecken, beide Schwestern waren chic gestylt.
Waren sie auf Shopping-Tour oder sowas? Morgens um Neun Uhr? Nun ja, sie konnten es sich ja leisten. Ich korrigierte mich; Kid konnte es sich leisten. Doch wenn er wusste, dass die Beiden wach waren, warum wollte er mich dann nicht in ihr Zimmer lassen? Noch mehr, er hatte mich ja auch belogen!
Mir kam ein Gedanke, doch ich hoffte, dass ich falsch lag.
„Wo seid ihr denn gewesen?", fragte ich mit gespielter Unschuld. Schließlich war es unübersehbar, wo die Zwei gewesen waren.
„Frühshoppen!", kicherte Patty und schnitt gerade das Preisschild von einem ihr viel zu kleinen BH ab.
„Hm-Hm.", machte ich und setzte mich auf Liz' Bett, wo am Rand noch ein kleines Stück Sitzfläche übriggeblieben war.
„Für dich!", lächelte die ältere Schwester und hielt ein graues T-Shirt in meiner Größe hoch.
Auch wenn ich es ängstlich erwartet hatte, war ich wie vom Donner gerührt.
„Och nee, bitte nicht... .", murmelte ich verlegen, worauf Patty wieder loskicherte.
„Doch, wir quälen dich jetzt!", grinste Liz und warf mir einen rotkarierten Minirock zu, wie Maka manchmal auch so einen trug, wenn sie ihre Kampfmontur angelegt hatte. „Na los, probier' an."
Ich stöhnte, auch wenn ich in Wirklichkeit total aus dem Häuschen war. Klamotten? Für mich? Als eine Art Geschenk? Das musste ein Traum sein!
Ich zog meine Boxershort aus und nahm den Rock in die Hand. Er war sehr weich und sah auch bequem aus, obwohl ich Röcke einfach nur scheußlich fand. Jedenfalls an mir.
Ich hatte ihn mir gerade hochgezogen, da ging die Tür auf und Kid stand im Rahmen.
Okay. Das war doch kein Traum. Mein qietschblaues Designershirt sah auf dem roten Rock natürlich bescheuert aus, aber ich war ihm auch in gewisser Weise dankbar, dass er sich nicht einen früheren Moment ausgesucht hatte.
Sein prüfender Blick flog einmal quer durch den Raum, blieb an mir hängen und kehrte dann zum Flur zurück, da er wieder ging.
Was hatte ihm das jetzt gebracht?
„Der steht dir gut!", bemerkte Patty, als ich die Tür schloss. „Musst nur was anderes drauf ziehen."
„Oder wie wär's hiermit?", Liz drückte mir eine neue Kapuzenjacke in einem schönen Grün in die Hand, mit einer nagelneuen Short dazu.
„DAS ist dann schon eher mein Ding.", sagte ich und strahlte wie ein Honigkuchenpferd.
„Vergiss' die hier nicht!", warf Patty ein und deutete auf einen Berg Unterwäsche mit lauter BH's dazwischen. Bei meiner Oberweite waren die Dinger eigentlich sinnlos, aber der Gedanke zählte ja. Außerdem war es in meinem Alter Pflicht, welche zu tragen.
„Muss ich die jetzt anprobieren?", versuchte ich trotz meiner Abneigung zu lächeln.
Die Geschwister lachten.
„Kannst du ja nachher allein im Bad machen, oder so.", schlug Liz vor.
Ich lächelte nur dankbar. Wie sollte ich ihnen das nur vergelten?
„Kommt, wir gehen frühstücken.", fügte sie hinzu.
„Bitte!", stöhnte ich, als mein Bauch wieder wie ein Rottweiler knurrte. Patty lachte nur wieder ihr Kleinkindlachen und stürzte nach unten in die Küche, wo Kid höchstwahrscheinlich auch schon saß.
Mal sehen, was der Tag noch für Überraschungen für mich bereithielt!