Hallo! Schon wieder ein Monat vergangen … doch jetzt ist das nächste Kapitel endlich fertig!
Ein dickes, dickes Dankeschön an alle, die sich die Mühe gemacht haben, ein review zu hinterlassen! Danke an: Imobilus, Arthus, Samantha Craig, Roter Rubin, Sunny, kathleen Potter, FrodoBeutlin, dekad.ente, Ewjena, g4en, DKub, Berserkgorilla und byzantine!
Arthus: Wow! Vielen, vielen Dank für die reviews! Naja, es hat etwas gedauert, aber jetzt geht es endlich weiter! Natürlich schaffen sie es noch – wir sind ja noch nicht am Ende … Und bis dahin muss noch Einiges passieren, aber wie es dann aussehen wird - schau´n wir mal …
Roter
Rubin: Willkommen! Es gibt doch nichts schöneres, als ein
Schwarzleser, der sich outet! ;-)
Auch
dir ganz herzlichen Dank für dein liebes review! Und natürlich
hoffe ich sehr, dass du weiterhin dabei bleibst!
Sunny: Ein dickes Dankeschön auch an dich! Ja, so außergewöhnlich wird Harry auch im Original nicht dargestellt, oder? Er hat halt ein paar herausstehende positive Eigenschaften und die müssen ihm auch hier weiter helfen ….
Frodo Beutlin: Tja, der Phönix ist sein neuer Patronus, das hat was mit Dumbledores Tod zu tun und ist, wie du gleich lesen kannst, von Vorteil … Außerdem finde ich auch, dass Harry Ginny einweihen sollte … aber ob er das tut?
dekad.ente: Hi und vielen lieben Dank für dein review! Luna gehört zu meinen Lieblingscharakteren, sie wird noch eine wichtige Rolle spielen …
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Weiter geht´s ...
Kapitel 11: Nichts ist, wie es war
Rasselnd wich der Dementor zurück und Harry starrte erschüttert auf seinen Patronus, der auf den Gang hinaus trieb und aus seinem Blickfeld verschwand. Im Abteil herrschte atemlose Stille, niemand wagte, sich zu rühren.
Wie ein Hauch drang Lunas Stimme an sein Ohr, aus weiter Ferne: „Das war ein Phönix …."
Ein heftiger Ruck ging durch den Zug, als hätte es in einem der hinteren Waggons eine Explosion gegeben; Harry geriet ins Taumeln, irgendjemand wurde gegen ihn geschleudert. Pigwidgeon kreischte aufgeregt in seinem abgedunkelten Käfig. Durch den Zusammenprall aus seiner Starre erwacht, schob Harry sich aus dem Abteil, hinaus auf den Gang, an dessen Ende er den Phönix davon gleiten sah – sein silbriger Schein vertrieb die dunklen Schemen vor ihm wie die Morgensonne die lichtscheuen Geschöpfe der Nacht. Aus dem Nachbarabteil hörte man verängstigtes Wimmern. Ginny öffnete die Tür - ein paar Erstklässler hatten sich in der äußersten Ecke dicht aneinander gedrängt.. „Es ist alles in Ordnung, sie sind weg. Habt keine Angst mehr!" versuchte Ginny sie zu beruhigen, doch auch ihrer Stimme fehlte die übliche Zuversicht.
„Tyler … wo ist Tyler?" schluchzte ein Mädchen mit langen blonden Zöpfen.
„Wer ist Tyler …?"
„Weasley … da seid ihr ja!" dröhnte es hinter ihnen. Alastor Moody humpelte den Gang entlang auf sie zu, während eine Handvoll Auroren an ihnen vorüber stürmte. Aus den Augenwinkeln erkannte Harry einen von ihnen – Lewis, der Auror, der ihm schon in der Nacht der Hochzeit verdächtig erschienen war. Einen kurzen Augenblick lang war er versucht, ihm zu folgen, doch Moodys Stimme hielt ihn zurück. „Alles in Ordnung bei euch?" Sein magisches Auge huschte über ihre Köpfe und als es Harry unter seinem Tarnumhang erkannte, nahm es ihn fest ins Visier. „Geht zurück in euer Abteil! Schnell!" Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, schob er Ron an der Schulter vor sich her; die Mädchen kamen seiner Aufforderung freiwillig nach, doch als auch Harry sich an ihm vorbei drängen wollte, hielt Moody ihn zurück. „Du solltest vorsichtiger sein …die suchen dich, das ist dir doch wohl klar, oder?" zischte er leise. „Ich hoffe, du hast dich nicht durch deinen Patronus verraten!"
Harry runzelte die Stirn – das war ihm nicht in den Sinn gekommen, doch gefiel es ihm nicht, auf diese Art bevormundet zu werden. „Besser, als ihm unsere Seelen zu überlassen", erwiderte er unwillig. „Außerdem dachte ich, dass der Zug bewacht wird …" Er konnte nicht verhindern, dass ein leichter Vorwurf in seiner Stimme schwang.
„Jemand hat einen Consessus-Zauber aufgerufen. Bevor wir es richtig realisierten, waren wir im hinteren Speisewagen eingeschlossen", erklärte Moody, sichtlich erregt. „Komplizierter Schließbann … Wenn ich den Verräter finde …" Der Klang seiner Stimme ließ vermuten, dass demjenigen nichts Angenehmes blühte.
„Einer von ihnen war …" begann Harry, doch er wurde von Hermine unterbrochen.„Seht mal!" rief sie und er hastete in das Abteil zurück. „Da kommt die Flugstaffel!"
„Wird auch Zeit", knurrte Moody, knallte die Abteiltür zu und ließ sein magisches Auge noch einen Moment lang auf Harry verweilen, bevor er im Gang verschwand. Alle drängten zum Fenster und beobachten, wie ein Dutzend Besen in haarsträubendem Tempo durch die Reihen der fliehenden Dementoren brach. Silbrige Patroni stoben in alle Richtungen davon, manche waren eher blass und kaum zu identifizieren, andere dagegen in ihrer Form klar umrissen. Einer, ein mächtiger Falke, tat sich besonders hervor. Er jagte eine ganze Horde von Dementoren davon. Der dazugehörige Zauberer drehte seinen Besen mit einem waghalsigen Manöver ab und hielt auf den Zug zu. In diesem Moment erkannten ihn alle.
„Krum", stieß Ron aus und starrte gebannt auf den Flieger, der suchend an den einzelnen Waggons vorüber flog und seinen Besen schließlich vor ihrem Fenster verhielt, wo Hermine ihm zaghaft zuwinkte. Er grüßte zurück und ein breites Lächeln zog sich über sein hageres Gesicht. Dann legte er sich flach auf den Besen, der sich rasend schnell mehrere Male um sich selbst schraubte, und preschte wieder hinüber zu den anderen.
„Was für ein Angeber …" urteilte Ron und sank mit einem abfälligen Blick auf die Sitzbank.
So schnell wie er gekommen war, schien der Spuk auch wieder vorüber. Es war nur eine Frage von Sekunden, bis der Himmel über dem Hogwarts-Express das gewohnte Nebelgrau zeigte, ohne die bedrohlichen schwarzen Flecken der Dementoren. Harry warf einen Blick auf Ginny, deren Hände noch immer zitterten, die aber zuversichtlich lächelte, als er ihren Arm berührte und sie sanft in Richtung der Bank dirigierte. Nur kurze Zeit später setzte sich der Hogwarts-Express wieder in Bewegung. Die Besen der Flugeinheit reihten sich rechts und links der Waggons auf und passten sich der Geschwindigkeit des Zuges an.
Die Abteiltür wurde erneut aufgeschoben, doch es war nur Dawlish, einer der Auroren, dessen Augen kurz die Insassen des Abteils überflogen, bevor er meinte: „Die Gefahr ist gebannt, wir werden jetzt ohne weitere Verzögerung Richtung Hogwarts fahren! Hier – Schokolade für alle!" Er holte eine Handvoll buntverpackter Tafeln aus seinem Umhang hervor und streckte sie ihnen auffordernd entgegen. „Esst, das tut gut nach dem Schock!" Luna erhob sich und nahm ihm die Tafeln ab. „Hat jeder seinen Nebenmann? Gab es Probleme in diesem Abteil?" fragte Dawlish und als alle die Köpfe schüttelten, wollte er schon weiterziehen, doch Luna meinte: „Gab es Probleme unter den Auroren?"
„Was …?"
„Nun - …" fuhr sie im Plauderton fort, wobei sie nebenbei an ihrer Schokolade knabberte. „… der Consessus-Zauber ist doch ein Signal zum Versammeln, nicht wahr? Und dann ein Schließbann … Das ist die Handschrift der Rotfängler, haben Sie das nicht gemerkt? … Schon unter Grindelwald wurde so die Handlungsfähigkeit der Auroren untergraben - mehr als einmal! Ich dachte, das lernt man in der Ausbildung …" Sie betrachtete ihn mitfühlend: „ Sie sollten in den nächsten Tagen Ihr Zahnfleisch beobachten …"
Harry fragte sich verwundert, wie viel Luna von seinem kurzen Gespräch mit Moody gehört hatte – wenn auch ihre Augen oft abwesend schienen, so waren ihre Ohren offenbar mehr als geschärft! Dawlish starrte sie an, als stände vor ihm eine leibhaftige Veela, murmelte dann etwas wie „nicht ganz bei Trost", knallte die Abteiltür zu und war verschwunden.
Luna schien nicht im Geringsten beeindruckt. Sie nahm wieder Platz, wickelte eine ihrer schmutzigblonden Haarsträhnen um den Finger und meinte dann unvermittelt: „Das war ein wunderschöner Patronus. Ich wünschte, ich hätte auch einen bewerkstelligt, aber ich hab es noch nie so richtig geschafft. Naja, ein bisschen … es ist auf jeden Fall auch etwas mit Flügeln …"
„Ein Huhn … vielleicht?" schlug Ron vor, dessen Laune mit dem Eintreffen Krums in bedrohliche Tiefen gesackt war, noch einige Stockwerke unter „miserabel".
Hermine strafte ihn mit einem bösen Blick, bevor sie ihre Augen von ihm löste und flüsterte: „Das hättest du nicht tun sollen …"
„Was?" gab Harry zurück, der genau wusste, dass er gemeint war.
„Einen Patronus heraufbeschwören! Ich bin sicher, sie wollten nur rausfinden, wer in diesem Zug ist …. Es hat sich wohl herum gesprochen, dass dein Patronus … eigentlich ein Hirsch ist",
„Das war kein Hirsch .." antwortete Harry schwach.
„Wusstest du das vorher?"
„Nein", gab er zu.
„Wenn aber der Hirsch gekommen wäre, hätten sie gewusst, dass du hier bist, verstehst du? Ich bin sicher, das ist der einzige Grund für diesen Überfall: sie wollen wissen, ob du im Zug bist! Und auf freier Strecke ist es natürlich einfacher, als in Hogwarts mit seinen vielen Schutzzaubern …"
Harry erwiderte nichts, schließlich hatte Moody ihn schon darauf aufmerksam gemacht. Er lehnte sich zurück und grübelte über seinen neuen Patronus nach. Er wusste, er konnte sich ändern, das hatte er bei Tonks gesehen. Er hatte seinen Patronus geliebt, letztendlich war er eine Erinnerung an seinen Vater gewesen. Doch vielleicht war die Zeit vorüber, in der seine Eltern – seien es auch nur die flüchtigen Schatten ihrer selbst - ihm irgendwie zur Seite stehen konnten … Immerhin war er jetzt volljährig. … Seltsam nur, dass auch Dumbledores Patronus ein Phönix gewesen war …
Der Rest der Zugfahrt verlief tatsächlich ohne weitere Zwischenfälle. Es hatte angefangen zu regnen, niemand beneidete die Flugstaffel, die zusätzlich zu dem feuchten Nebel nun auch noch vom Regen durchnässt wurde. Die Kutschen am Bahnhof Hogsmeade warteten bereits, als die Schüler, denen noch immer die Erschütterung über den Angriff ins Gesicht geschrieben stand, langsam aus dem Zug kletterten. Die Auroren, allem Anschein nach wieder voll handlungsfähig, teilten sich in zwei Gruppen: die einen geleiteten die Erstklässler unverzüglich zu den Booten, die anderen winkten die restlichen Schüler zu den Kutschen mit den, nur für wenige sichtbaren, Thestralen davor. Harry entdeckte die imposante Gestalt Hagrids am Ufer des Sees und fühlte sich ein wenig besser. In diesen Tagen war es nicht mehr selbstverständlich, die Menschen, die einem ans Herz gewachsen waren, heil und unversehrt wieder zu sehen.
„Kommt, raus aus dem Regen! Die Kutsche hier ist noch leer!" meinte Ron und als er die Tür öffnete, landete mit einem scharfen Zischen ein Besen neben ihnen. „Errmine", sagte eine bekannte Stimme und Ron erstarrte in der Bewegung. Hermine lächelte und drehte sich zu Viktor Krum um, der zur Begrüßung ihre Hand ergriff und an seine Lippen führten wollte. Hermine, peinlich berührt, entzog sie ihm hastig und schob ihn ein wenig abseits von den anderen. Während der folgenden, kurzen Unterhaltung wanderte ihr Blick immer wieder hinüber zu Ron, der es gar nicht mehr eilig hatte, dem Regen zu entfliehen. Erst als einer der anderen Flieger Krum etwas zurief, winkte dieser noch einmal und erhob sich wieder elegant in die Luft.
„Hermine, Ron!" Aus dem Dunkel eilte Neville Longbottom auf sie zu. Sein rundes Gesicht glänzte vom Regen, doch auf seiner Brust glänzte noch etwas anderes, auf das alle starrten, als er näher kam, mehr noch, als auf das Ferkel, das er auf dem Arm trug. „Alles okay bei euch? … Das war ein ganz schöner Schreck, nicht wahr? Wisst ihr was? Ich hab einen Patronus hervorgebracht. Naja, nicht so richtig, er war eigentlich beinahe durchsichtig, aber ich habe seinen Umriss erkennen können."
„Das ist toll, Neville!" lächelte Hermine und deutete auf das rot-goldene Vertrauensschülerabzeichen auf seiner Brust. „Und das auch!"
„Was? Ach ja!" Er grinste verlegen. „Meine Omi fiel fast vom Hocker, als sie das gesehen hat. Ich glaube, Professor McGonagall wollte ihr eins auswischen damit. Sie …. sind momentan nicht so gut aufeinander zu sprechen, weil sie mir verraten hat, dass Oma in Zauberkunst durchgefallen ist …."
„Hat deine Omi dir das geschenkt?" fragte Luna und zeigte auf das rosige Schwein, das sich quiekend in Nevilles Armen wand.
„Oh, nein, den hat eine Erstklässlerin vermisst. Sie war ganz verzweifelt, weil er geflohen ist, als die Dementoren kamen. Trevor hat mich zu ihm geführt – sie hatten sich zusammen im Imbiss-Wagen verkrochen!" Er beugte sich vor und fuhr mit gesenkter Stimme fort: „Das mit dem Patronus, das habe ich nur Harry zu verdanken, wisst ihr? Wenn er damals mit der DA nicht soviel geübte hätte … Stimmt es, dass er nicht mehr zurückkommt?" Ron antwortete nicht, sondern hob mit einer um Verständnis bittenden Geste die Schultern und Neville beeilte sich zu sagen. „Wenn ihr ihn sehen solltet – sagt ihm … ach schon gut … bis später dann …" und damit verschwand er in Richtung der Erstklässler-Boote. Aus dem dichten Pulk löste sich eine kleine Gestalt und lief ihm entgegen. Es war das blondgezopfte Mädchen aus dem Nachbarabteil. „Tyler", rief sie freudig „Da bist du ja!"
Sie sahen zu, wie Neville das Ferkel weiterreichte und mit einer innigen Umarmung der glücklichen Besitzerin belohnt wurde. „Ich wusste, er macht sich …", meinte Ginny. „Er braucht nur etwas mehr Zeit …Habt ihr eine Ahnung, wer seine Partnerin ist?"
„Egal wer, Hauptsache sie ist nicht auch ständig auf der Suche nach irgendwelchem Kleinvieh", erwiderte Ron und stieg endlich in die Kutsche.
Während der kurzen, rumpeligen Fahrt, unterhielten sie sich leise über die Auroren und ihr wenig rühmliches Auftreten. Luna wiederholte bereitwillig ihre Theorien über eine erneute Rotfang-Verschwörung, obwohl niemand echtes Interesse daran zeigte. Harry beteiligte sich nicht an dem Gespräch. Er starrte aus dem Fenster in den Regen hinaus und versuchte, das zu unterdrücken, was langsam in seinen Eingeweiden heranwuchs, während sich die Türme und Mauern des Schlosses langsam in sein Blickfeld schoben. Sobald sie das Tor mit den geflügelten Ebern passierten, wurde die Mischung aus Trauer und Freude immer stärker und als sie ausstiegen und die mit Fackeln hell erleuchtete Eingangshalle betraten, hatte sie sich zu einem regelrechten Tumor ausgewachsen. Er hielt sich etwas abseits von den anderen Schülern, die auf die breite Eichentür der großen Halle zuströmten und beobachtete, wie Dean Thomas und Seamus Finnigan, mit denen Harry früher einen Schlafsaal geteilt hatte, sich seinen Freunden näherten. Also war auch Seamus wieder in Hogwarts, er hatte sich offenbar gegen die Sorgen und Vorbehalte seiner Mutter durchsetzen können.
„Hey, Leute! Gut euch zu sehen! Es ist also wahr: Harry kommt nicht zurück?" fragte Seamus ohne große Vorrede.
Ron sah sich kurz um. „Er ist nicht der Einzige, oder?" erwiderte er und damit schien das Thema für ihn erledigt.
„Ich mein ja nur – von ihm hätte ich es am wenigsten erwartet …"
Ron blieb stehen und verschränkte die Arme vor der Brust – die anderen Schüler mussten einen Bogen machen, um nicht mit ihm zusammen zu prallen. „Vielleicht hat er was Besseres vor …"
Dean hatte sich zu Ginny gesellt. „Hi", meinte er mit einem schwachen Lächeln. „Ich hab gehört, Harry ist in London?" Ginny nickte stumm und beobachtete Seamus, der ihren Bruder mit einem verschwörerischen Blick zur Seite zog, so dass sie sehr dicht bei Harry standen. „Er plant etwas, nicht wahr?" fragte er flüsternd und beugte sich noch weiter vor. „Ich will nur, dass ihr wisst – was immer er vorhat: ich bin dabei!"
Ron öffnete den Mund, doch Ginny, die den beiden gefolgt war, antwortete für ihn: „ Das ist wirklich nett, Seamus, aber worauf willst du hinaus? Er sucht sich einen Job in London. Bei … einer Zeitung. Einer Muggelzeitung."
Seamus zog ein Gesicht, als hätte ihm gerade jemand erzählt, dass ein Leprechaun Zaubereiminister geworden sei. „Das könnt ihr mir doch nicht weismachen …"
„Ich vertraue Ginny. Sie wird es wissen, oder?", sprang Dean hilfreich zur Seite. Harry bemerkte, wie sich Ginnys Gesicht bei dem Wort „vertrauen" verdunkelte, dann reckte sie ihr Kinn und murmelte: „Wir sind nicht mehr zusammen, falls du darauf anspielst."
Gut gemacht, lobte Harry im Stillen – es war beruhigend zu wissen, dass Ginny sich an die Abmachungen hielt, auch wenn sie sich jetzt mit noch immer bedeckter Miene abwandte und murmelte: „Wir sollten reingehen." Sie bemerkte nicht den Ausdruck, den ihre Mitteilung auf Deans Gesicht hinterlassen hatte, doch Harry nahm ihn umso deutlicher wahr. Er glaubte doch wohl nicht …? Sofort schalt er sich für seine Gedanken. Er hatte Dean immer gut leiden können – und die Tatsache, dass er einmal sehr eng mit Ginny befreundet gewesen war, sollte ihn nicht davon abhalten, es weiterhin zu tun. Er gab sich einen Ruck und folgte den anderen durch die breite Eichentür.
Als er die große, mit Hunderten von schwebenden Kerzen gefüllte Halle betrat, hatte das hartnäckig wachsende Empfinden in seinem Innern endgültig seine Eingeweide überwuchert. Am liebsten hätte er Professor Mcgonogall um den Brief gebeten und wäre verschwunden, doch musste er erst die langwierige Prozedur der Erstklässler-Einteilung und das Bankett über sich ergehen lassen. Während seine Freunde am Gryffindor-Tisch Platz nahmen, lehnte er sich an die Wand dahinter und sah sich langsam um.
Die große Halle war höchstens bis zur Hälfte gefüllt. An jedem der vier langen Tische klafften immer wieder größere Lücken zwischen den Schülern, die sich nur gedämpft miteinander unterhielten. Am Lehrertisch an der Stirnseite der Halle entdeckte er ein paar neue Gesichter, mit leichtem Stirnrunzeln stellte er fest, dass Horace Slughorn nicht darunter war. Viktor Krum hatte an der gegenüberliegenden Wand Position bezogen und ließ seinen Adlerblick, ebenso wie Harry, durch den Saal kreisen.
Die breite Flügeltür öffnete sich schließlich und die Erstklässler, angeführt von Professor McGonagall, tappten mit großen Augen herein. Die folgende Einteilung nahm Harry nicht wirklich wahr. Seine Gedanken wanderten vielmehr zurück zu seiner eigenen Einschulung; er erinnerte sich noch gut an seine Anspannung, als der Sprechende Hut über ihn gestülpt wurde, die Panik, als dieser ernsthaft überlegte, ihn nach Slytherin zu stecken, die Erleichterung, nach Gryffindor zu kommen … und Dumbledore. Dumbledore mit seinen unverwechselbaren Festreden und dem Blinzeln hinter seiner Halbmondbrille. Er lächelte, als er daran dachte, wie er sich bei Ron ernsthaft nach dem Geisteszustand des Schulleiters erkundigt hatte …
Er war so vertieft in seine Erinnerungen, dass er das Ende der Einteilung erst bemerkte, als Professor McGonagall, die sich inzwischen zu ihrem Platz begeben hatte, wieder erhob. Eine greifbare Spannung lag in der Luft und alle starrten gebannt auf die neue Schulleiterin.
„Willkommen in Hogwarts!", sagte sie und man hätte eine Stecknadel fallen hören können, so still war es. „Willkommen zu einem Schuljahr, das für alle Erstklässler ein vollkommenen neues und für alle, die den Weg zurück gefunden haben, ein verändertes Erlebnis sein wird …" Sie schwieg für einen Moment und ließ ihren Blick über die Schüler wandern. „Ihr diesem Jahr ist Vieles anders, darum möchte ich kurz auf die wichtigsten Veränderungen eingehen: aus gegebenem Anlass sind die Sicherheitsvorkehrungen für die Schule noch einmal verstärkt worden. Und wie mir berichtet wurde, hat es bereits einen Überfall auf den Hogwarts-Express gegeben, glücklicherweise ohne ernsthafte Folgen. Doch nach diesem Erlebnis werdet ihr Verständnis für die Maßnahmen haben!"
Leises Flüstern aus den Reihen der Schüler war die Antwort.
„Das Ministerium hat eine Einheit Auroren abbeordert, deren Anordnungen ohne Widerspruch Folge zu leisten ist! Ihnen zur Seite steht die Flugstaffel unter der Führung von Kommandant Krum …"
Von der gegenüberliegenden Wand trat Krum vor und hob die Hand. Für einen kurzen Moment lang brandete Beifall auf. Ron klatschte nicht, sondern betrachtete gelangweilt sein Spiegelbild in einem der goldenen Dessertlöffel.
„Da die Schülerzahl sich beinahe um die Hälfte dezimiert hat, wird es eine Umverteilung und Zusammenlegung der einzelnen Schlafräume geben. Der so gewonnene Platz wird dann den Schutztruppen zur Verfügung stehen … Desweiteren möchte ich darauf hinweisen, dass sich niemand, ich betone niemand außerhalb der gesicherten Schlossgründe aufhalten darf! Er dürfte Schwierigkeiten haben, wieder hinein zu kommen! Die Ausflüge nach Hogsmeade sind allesamt gestrichen"
Ein allgemein enttäuschtes „Oooh" von den älteren Schülern folgte dieser Ankündigung.
„Durch die verminderte Schülerzahl ist es fraglich, ob jedes Haus in der Lage ist, eine Quidditch-Mannschaft auf die Beine zu stellen. Ich bitte die jeweiligen Kapitäne, am Ende der Woche zu mir zu kommen und mir ihre vollständige Mannschaft zu präsentieren. Erst dann werde ich entscheiden können, ob in Hogwarts weiterhin Quidditch gespielt wird …"
Wiederum gab es ein lautes Summen in der Zuhörerschaft, beinahe wie in einem Bienenstock. Harry fragte sich, wer wohl Kapitän des Gryffindor Teams war und er sah hinüber zu Ginny, die äußerst angespannt neben Hermine saß. Es war seltsam, dass die Dinge, die vor Kurzem noch einen wichtigen Teil seines Lebens bestimmt hatten, mit einem Mal zur Nebensächlichkeit geschrumpft waren ….
„Auch in der Lehrerschaft hat es einige Veränderungen gegeben. Professor Sinistra hat die Schule auf eigenen Wunsch hin verlassen. Bitte begrüßen Sie ihren Nachfolger, Professor Lopez …" Ein großer, kräftiger Zauberer mit langem dunklem Haar erhob sich kurz und die Schüler applaudierten höflich.
„Auch wird Professor Trelawney … nicht mehr unterrichten. Das Fach Wahrsagen wird vollständig von Firenze, dem Zentauren, übernommen." Wieder hob ein aufgeregtes Gemurmel an. Professor McGonagalls Blick flog in Richtung des Gryffindor –Tisches und Hermine senkte betreten den Kopf. Harry fragte sich, ob die Schulleiterin den Grund für Sybill Trelawneys Abwesenheit benannte, doch sie fuhr fort: „Die Verwandlungsstunden werden in jedem Schuljahr um zwei Stunden pro Woche gekürzt, da ich … den Unterricht weiterführe! Aber natürlich brauche ich zusätzliche Zeit, … um diese Schule zu leiten."
Harry holte tief Luft. Hoffentlich hatte Professor McGonagall sich nicht zuviel zugemutet. Er beobachtete, wie sie, beinahe ein wenig trotzig, mit sehr geradem Rücken, weitersprach: „Leider muss jedoch der Zaubertrank-Unterricht kurzzeitig ausgesetzt werden, da … Professor Slughorn … momentan … äh… unabkömmlich ist. Ich betone, dass dieses wirklich nur vorübergehend der Fall sein wird – bis Professor Slughorn in der Lage ist, den Unterricht aufzunehmen…" Selbst dem Hinterletzten im Saal musste die abfällige Tonart auffallen, die ihre Stimme plötzlich angenommen hatte, „ … oder es mir gelungen ist, einen Ersatz für ihn zu besorgen!"
Sie machte eine Pause, räusperte sich – beinahe schien sie sich für etwas zu wappnen - und die folgenden Worte bestätigten Harrys Vermutung: „Für diese Zeit steht das Haus Slytherin, dessen Vorstand Professor Slughorn ist… oder besser gesagt: sein sollte , … unter gemeinsamer Leitung mit dem Haus Gryffindor …"
Die Mitteilung hatte den erwarteten Effekt: ein regelrechter Tumult brach aus, laute Proteste waren vom Tisch der Slytherins zu hören, Pfiffe hallten durch den Saal. Die Gryffindors hielten mit ebenso lauten Buhrufen dagegen. Minerva McGonagall gestattete den Schülern einen Moment, um die ungeheuerliche Nachricht zu verarbeiten, dann hob sie eine Hand und fuhr unbeirrt fort: „ Die Leitung von Gryffindor lege ich in diesem Jahr in sehr geschätzte und weise Hände …" Sie wandte sich an die Hexe direkt neben ihr – selbst auf die Entfernung konnte Harry erkennen, dass diese nicht mehr die jüngste sein konnte. Sie war klein und dürr und hatte ein imponierendes Hörrohr gegen schneeweißes Haar gepresst, während sie mehrere Male freundlich lächelnd mit dem Kopf wackelte. "Ich habe die Ehre, Ihnen Professor Galatea Merrythought vorzustellen, die das Fach Verteidigung gegen die Dunklen Künste unterrichten und neue Vorsteherin des Hauses Gryffindor sein wird. Professor Merrythought ist kein unbeschriebenes Blatt, was die Lehrtätigkeit in Hogwarts betrifft. Ich selbst hatte das Vergnügen, von ihr unterrichtet zu werden …"
Das noch immer aufgebrachte Stimmengemurmel vom Slytherintisch wurde nun verstärkt durch den Rest der versammelten Schüler. Sie alle schienen zu denken, was Seamus laut aussprach: „Mann, die alte Schachtel hat bestimmt schon ihre Großeltern unterrichtet!" Spärlicher Applaus war hier und da zu hören, als Professor Merrythought, die sich nicht erhob, mit der freien Hand in die Halle winkte. Harry löste sich von der Wand, an der er die ganze Zeit über gelehnt hatte. Bei der Erwähnung des Namens hatte ihn schlagartig die Erkenntnis getroffen: Ohne Zweifel war die Hexe genauso alt, wie sie wirkte, denn schon während Tom Riddle Schüler in Hogwarts gewesen war, hatte sie ihren Rückzug aus dem Schuldienst erklärt! Galatea Merrythought – das war der Name der Hexe gewesen, die zu der Zeit Riddles Verteidigung gegen die Dunklen Künste gelehrt hatte!
Es dauerte eine Weile, bis die Unruhe sich endlich legte. Minerva McGonagall wartete geduldig, dann ergriff sie noch einmal das Wort: „Bevor das Festessen beginnt, möchte ich noch etwas sagen!" Sie holte tief Luft und ihre Stimme drang fest und klar bis hin zu dem letzten Anwesenden unter der verzauberten, wolkenverhangenen Decke. „Ich habe mich entschieden, diese Schule weiter zu führen, weil ich überzeugt bin, dass es Albus Dumbledore, einer der klügsten, außerordentlichsten und wunderbarsten Leiter, den Hogwarts seit seiner Gründung gesehen hat, genauso gewollt hätte! Und nach seinem Willen und zu seinem Gedenken wollen wir den Unterricht fortsetzen – so schwer es uns auch manchmal fallen mag! Auch wenn die Bedingungen nicht einfach sind – wir werden unser Bestes geben, denn unser Bestes ist das Mindeste, das wir Albus Dumbledore schulden!"
Die letzten Worte hatte sie so klar und laut gesprochen, dass ihr Echo von den Wänden widerzuhallen schien. Hagrid stand als Erster auf und klatschte zustimmend in seine großen Pranken, die anderen Lehrer folgten seinem Beispiel und schließlich stand jeder in der Halle, selbst die Slytherins, die offenbar noch immer unter Schock standen, um den Worten der neuen Schulleiterin Beifall zu zollen. Harry war froh, dass er unter dem Tarnumhang verborgen war; andere, wie zum Beispiel Hermine, die sich schnell eine Träne aus den Augenwinkeln wischte, hatten weniger Möglichkeiten, ihre Emotionen zu verbergen..
Endlich begann das Festessen. Trotz des flauen Gefühls in Harrys Magen, schien dieser sich von den köstlich duftenden Speisen, die wie immer üppig die Tische zierten, verlocken zu lassen und begann zu knurren. Er legte verärgert die Hand auf den Bauch und rutschte langsam an der Wand entlang in eine hockende Position. Was für eine Situation! Da waren die herrlichsten Gerichte – zum Greifen nah, doch für ihn unerreichbar. Vielleicht konnte er unbemerkt die Halle verlassen, um sich dem Festessen zu entziehen?
Er sah hinüber zu der breiten Flügeltür und in diesem Moment wurde sie ein weiteres Mal geöffnet. Harry brauchte einige Sekunden, bis er erfasste, wer da mit langen Schritten und wichtigtuerischer Miene die große Halle durchquerte. Ein flüchtiger Blick auf Ron zeigte ihm, dass es seinem Freund nicht anders ging – mit offenem Mund (die Kartoffel, die eigentlich den Weg in diesen hätte finden sollen, hing nutzlos aufgespießt in der Luft und begann, voll Verdruss eine sahnige Soße auf die untätigen Finger des paralysierten Essers zu tröpfeln) sah er zu, wie die rothaarige Gestalt auf den Lehrertisch zusteuerte. Vor Professor McGonagall blieb Percy Weasley stehen und holte ein Pergament hervor. Die Schulleiterin studierte das Schriftstück, sah auf ihn herab und wieder auf das Pergament. Schließlich winkte sie Percy um den Tisch herum an ihre Seite, wo sie ein gestenreiches Gespräch begannen.
Harry stand auf und stellte sich hinter Ron – irgendwie hatte er das Gefühl, ihm Beistand leisten zu müssen, auch wenn er es nicht offen zeigen konnte. Hermine drückte sanft Rons Gabelarm nach unten und reichte ihm eine Serviette.
„Was will der hier?" brachte Ron, der in diesem Moment aus seiner Trance erwachte, schließlich hervor und wischte sich die Soßenflecken von der Hand.
„Wart´s ab!" meinte Hermine, um Unvoreingenommenheit bemüht.
Doch sie brauchten nicht lange zu warten: Professor McGonagall und Percy hatten ihr Gespräch offenbar beendet, denn Rons Bruder eilte den Lehrertisch entlang auf den freien Stuhl neben Professor Lopez zu und setzte sich, die Hände ordentlich auf dem Tisch gefaltet. Professor Mc Gonogall hob eine Hand, doch das war eigentlich nicht nötig, denn seit Percys Eintreten war das übliche Geplauder verstummt.
„Ich bitte noch einmal kurz um eure Aufmerksamkeit. Der Zaubertrankunterricht wird nicht, wie vorhin angekündigt, vorübergehend ausgesetzt, da das Ministerium freundlicherweise eine … Aushilfskraft zur Verfügung gestellt hat. Mr Percy Weasley", sie wies hinüber zu Percy, der sich erhob und einen formellen Diener in ihre Richtung machte, „ … wird den Zaubertrankunterricht übernehmen, bis …" Sie sprach nun lauter, um das einsetzende Gemurmel zu übertönen, „ … bis Professor Slughorn nach Hogwarts zurück gekehrt ist oder ich eine anständige Ersatzkraft gefunden habe! Ich betone noch einmal, …" sie sah kurz auf Percy, „ … dass es sich um eine vorübergehende Lösung handelt. Ich verlange aber – besonders von den älteren Schülern – dass Sie Mr Weasley in seiner Arbeit unterstützen und den nötigen Respekt zukommen lassen!"
„Ich fass es nicht", Rons Ausruf fand ausnahmsweise den Beistand seiner Schwester, die ihm - ebenso erschüttert – beipflichtete: „Welche Fähigkeiten hat er, die wir nicht haben …?"
„Der hatte auch nur ein „Erwartungen übertroffen" in Zaubertränke", brummte Ron und zerquetschte die Kartoffel auf seinem Teller mit grimmiger Wucht. „Vielleicht hat er eine Zusatzausbildung absolviert im Ministerium …?" überlegte Hermine, doch auch sie konnte den skeptischen Ausdruck nicht aus ihrem Gesicht verbannen. Ron schob seinen Teller beiseite. Ihm schien der Appetit vergangen und er stützte den Kopf in beide Hände, als er murmelte: „Was für ein Schuljahr!" Er reagierte nicht einmal, als Harry ihm freundschaftlich auf die Schulter klopfte.
„Es ist doch nur vorübergehend", tröstete Hermine. „Ich frage mich, wo Professor Slughorn steckt! Soweit ich weiß, haben sie ihn doch gefunden und er hat schließlich zugestimmt, wieder zurück nach Hogwarts zu kommen …"
„Er war auch hier …" mischte sich Neville quer über den Tisch in das Gespräch ein. „Professor McGonogall hat es meiner Oma erzählt!"
Harry beugte sich zu Ron herab und flüsterte ihm ins Ohr. „Ich wette, der Angriff auf den Zug hat ihm gezeigt, dass die Schule doch nicht das sicherste Pflaster ist …"
Ron seufzte, zog die Hände vom Gesicht und meinte mit einem Blick hinüber zu seinem Bruder, der in ein eifriges Gespräch mit dem großen, südländisch wirkenden Zauberer vertieft war, „Der Feigling ist einfach abgehauen und hat den Weg für das Ministerium frei gemacht … Es ist doch noch nie gut gegangen, wenn die sich eingemischt haben …."
„Ich bin sicher, dass Professor McGonagall alles tun wird, um so schnell wie möglich Ersatz herbei zu schaffen", sagte Hermine hoffnungsvoll. „Wisst ihr noch, wie schnell Dumbledore Firenze geholt hat, als die Umbridge Professor Trelawney suspendiert hat?"
„Nichts ist mehr, wie es war", meinte Ginny düster und fasste in einem Satz zusammen, was ihnen allen immer bewusster wurde.
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Nach dem Festessen, während die anderen Schüler sich auf die Gemeinschaftsräume verteilten, wartete Harry, wie verabredet, hinter der Statue von Lachlan dem Lulatsch auf seine Freunde. Hin und wieder stapften eilige Schritte an ihm vorüber, die dazugehörigen Schüler kannten offenbar nur ein Thema: die gemeinsame Leitung der seit jeher miteinander verfeindeten Häuser der Slytherins und Gryffindors. „Wenn die glauben, ich setz mich mit denen an einen Tisch, dann haben die sich geschnitten …" konnte er hören oder „ …hoffentlich müssen wir nicht auch noch ein Quidditch-Team bilden …" – „ …lieber schluck ich Tentakel-Saft, als mit den Schlangen zusammen Hausarbeiten zu verrichten …" - waren noch die harmlosesten Aussagen. Einmal drang die eifrige Stimme Percy Weasleys an sein Ohr, der im Brustton der Überzeugung auf den neuen Astronomie-Professor einredete. „Ich fühle mich dieser Aufgabe durchaus gewachsen. Schließlich ist es meine Pflicht! Und mitnichten bin ich der jüngste, denn …"
Die geflüsterte Antwort seines Begleiters verstand Harry nicht mehr, da im selben Moment Peeves, der Poltergeist mit einem wehklagenden Singsang an ihm vorüber zog.
„Ach, das Poltern fällt so schwöööör …. wenn ich nur noch Seufzer höööör …." Er zupfte lustlos einige Federn aus dem Helmschmuck Lachlans, betrachtete sie kurz und steckte sie schließlich, eine nach der anderen, wieder an ihren Platz zurück. Harry blinzelte ungläubig; wenn selbst Peeves die Lust am Schabernack vergangen war, dann stand es wirklich schlecht um die Stimmung in Hogwarts ….
„Was nützt dem Peevsy Tinte-Kleckern, wenn keiner Lust mehr hat zum Meckern … aaaahhh" jammerte Peeves laut und zog von dannen.
Langsam wurde es ruhiger und nach einer weiteren, ungeduldigen Zeit des Wartens sah Harry endlich Ron und Hermine auf sich zukommen. „Hier", sagte Hermine und zog einen Apfel und ein schneckenförmiges Gebäckteilchen hervor. „Was anderes konnte ich nicht mitnehmen …" Ron sah sich vorsichtig um, während Harry den Umhang lüftete.
„Danke …" murmelte er und biss hungrig in das knackige Obst.
„Und hier!" sagte Ron und reichte ihm eine schmale Pergamentrolle. „Von McGonagall für dich." Harry verstaute den Apfel zwischen seinen Zähnen und öffnete das Siegel der Schulleiterin. Zehn Uhr, Büro des Schulleiters, Katzenminze, stand dort kurz und bündig. Harry sah auf die Uhr. Es war noch eine Stunde bis dahin.
„Hört mal", meinte er kauend. „Die Lehrerin für Verteidigung gegen die Dunklen Künste…"
„Den wandelnden Inferi meinst du", fragte Ron. „Nee … im Ernst. Ich hab nicht das Gefühl, dass McGonagall ein goldenes Händchen bei der Einstellung der Lehrer hatte …"
„Ja sie muss uralt sein. Wisst ihr auch warum? Sie hat noch zu Riddles Zeiten dies Fach unterrichtet. Ich hab ihn in Slughorns Erinnerung über ihren Ruhestand reden hören …"
„Hm, vielleicht sollten wir versuchen, etwas aus dieser Zeit aus ihr herauszubekommen. Sie weiß bestimmt, welche dunklen Zauber Voldemort besonders interessierten", überlegte Hermine.
„Jaah" entgegnete Ron. „ aber du wirst so laut schreien müssen, dass es die ganze Schule mitbekommt! Bei der Größe ihres Hörrohrs muss sie taub sein wie ein Maulwurf …"
„Blind. Maulwürfe sind blind", sagte Hermine.
„Na und? Weißt du genau, dass sie nicht auch taub sind? – Vorsicht da kommt jemand … Mist …" Er duckte sich, doch Lachlan, der Lulatsch, war zwar immer noch größer als Ron, aber trotzdem keine geeignete Deckung vor der herannahenden Bedrohung.
„Hallo Ronald", sagte Lavender Brown und straffte ihre Schultern, wohl nicht um ihre über den Sommer prächtig entwickelten Formen, sondern vielmehr, um das ohnehin unübersehbare Vertrauenschülerabzeichen auf ihrer Brust noch mehr zur Geltung zu bringen. „Was tust du hier? Alle Schüler sollen sich unverzüglich in die Gemeinschaftsräume begeben, hast du die Schulleiterin nicht gehört?" Sie musterte ihn mit kühlem Blick, während Ron sichtliche Probleme hatte, eine lässige Haltung einzunehmen. „Ich werde dich und – deine Begleitung …" - Jetzt erst schien sie Hermine wahrzunehmen, die empört zischte: „Du kennst doch meinen Namen", „ … diesmal nur verwarnen. Das nächste Mal muss ich leider eine Strafarbeit verteilen! Also haltet euer … Stelldichein gefälligst im Gemeinschaftsraum ab!" Und mit hocherhobenem Kopf rauschte sie weiter, Rons protestierendes: „ … aber wir haben gar kein Rendevous …" überhörte sie.
Hermine schickte ihr einen wenig freundschaftlichen Blick hinterher und Ron stützte sich mit geschlossenen Augen an die Wand in seinem Rücken. „Was für ein Schuljahr", wiederholte er seinen Seufzer von vorhin. „Ich wünschte, ich wär´ unsichtbar wie H…"
„Psst!" unterbrach Hermine ihn scharf und sah den Gang entlang. „Da musst du jetzt durch." Harry beschlich das Gefühl, dass ihre Verstimmung nicht unbedingt auf die Verwarnung zurückzuführen war. „Schließlich haben wir noch Einiges vor, da werden wir kaum Zeit zum Atemholen haben, geschweige denn für ein Rendevous …" Ron, alarmiert durch ihren Tonfall, öffnete den Mund, doch Hermine ließ ihm keine Zeit, sich zu erklären. „Wenn du dich entscheiden könntest, zu bleiben", wandte sie sich an Harry. „dann könntest du schon einmal ungestört die Bibliothek durchforsten …."
„Mhm ", antwortete Harry und widmete sich dem süßen Gebäckteilchen.
„Hör mal, Hermine", fasste Ron sich schließlich ein Herz. „Das war eben nicht so gemeint. Ich … ich wollte doch nur …."
Doch Hermine drehte ihm den Rücken zu. „Mit dem Schlafen ist es etwas schwierig. Aber vielleicht …"
„Hm, da wüsst´ ich schon was …", erwiderte Harry und leckte sich den Zuckerguss von den Lippen. Rons Wunsch nach Unsichtbarkeit hatte ihn auf eine Idee gebracht. „Ich probiere es mit dem Raum der Wünsche …"
„Gute Idee!", Hermine war begeistert, besonders von der Bereitwilligkeit Harrys, nicht schon heute Abend wieder zu verschwinden. Sie vergaß sogar einen Moment lang, Ron zu ignorieren. „Wir werden nachher noch mal versuchen, dorthin zu kommen, ja?"
Ron nickte eifrig. „Ähm … Hermine …." setzte er von neuem an, doch ihr Blick ließ ihn verstummen.
„Lass uns besser gehen, sonst rauscht deine rachsüchtige Ex-Ganzkörperklammer noch mal an uns vorbei. Bis später, Harry …!"
Harry machte sich unverzüglich auf den Weg in den siebten Stock. Gegenüber dem Wandteppich von Barnabas dem Bekloppten blieb er stehen und überlegte, wie er die Sache am besten angehen sollte, damit auch Ron und Hermine keine Probleme hatten, den Raum zu finden. „Ähm … ich brauche ein Versteck", fasste er schließlich seine Vorstellungen in einem einfachen Satz zusammen, nachdem er dreimal an der ungeschmückten Wand entlang gegangen war, und sofort erschien dort eine Tür aus dunkel poliertem Holz. Er öffnete sie und trat langsam ein. Der Anblick entlockte ihm einen überraschten Ausruf; offenbar waren bei der Ausstattung des Zimmers auch seine heimlichen Wünsche berücksichtigt worden, denn es bot alles, was er an Bequemlichkeiten erhoffen konnte: ein großes Himmelbett mit schweren Vorhängen stand in der Mitte, ein Tisch mit einem Glas und einem gefüllten Krug darauf war vorhanden, ebenso Stühle und ein bequemer Sessel vor einem flackernden Kaminfeuer; beinahe wirkte es wie eine Miniaturausgabe des Gryffindor-Gemeinschaftsraumes. Alles war da - bis auf die Gesellschaft. Er goss sich etwas aus dem Krug in das nebenstehende Glas (nach einer vorsichtigen Probe stellte er fest, dass es wirklich nur Wasser war), nahm beides mit hinüber zum Kamin und stellte es auf dem Boden ab. Dann lümmelte er sich in den tiefen, weichen Sessel, betrachte das Spiel der Flammen und gab sich den Gedanken an die Gesellschaft hin, die er sich am meisten herbeisehnte. Ein paar Augenblicke nur, ein paar Momente ohne Voldemort und seine Seelensplitter, ohne Grübeleien, ohne Kampf … ein paar Minuten nur, ausgefüllt mit Gedanken an Ginny … war dieser Raum nicht der Zufluchtsort für alle geheimen Wünsche? Die ausgesprochen angenehmen Vorstellungen lullten ihn ein… selbst das Feuer schürte seine Fantasien, wechselte von einem strahlenden Weißgold über ein warmes Orange zu einem intensiven Rot … ein heißes, glühendes Rot … ein peinigendes Rot …
Er stöhnte auf und schlug die Faust an die Stirn; der Schmerz war so heftig, dass er aus dem Sessel auf den Boden rutschte, er presste die Augen zusammen, doch er konnte dem roten Schein nicht entkommen, dem gnadenlosen Glimmen, das seinen Kopf durchleuchtete, das ihn suchte …
„Nein!" keuchte er und stieß mit dem Fuß an den kristallenen Krug, der scheppernd zersprang, kaltes Wasser spritzte über seinen Unterschenkel und ließ ihn zurückzucken. Das rote Glühen verschwand und gab ihn frei … der Schmerz ließ nach …
Schweratmend setzte Harry sich auf und rieb sich die Stirn. Er zitterte angesichts der ungeheuren Wucht des Angriffs - Voldemort suchte mit aller Macht nach ihm … Wieviel hatte er gesehen? Harry hoffte inständig, dass der kurze Moment nicht ausgereicht hatte, um irgendetwas preiszugeben. Er machte sich nichts vor: er wäre hoffnungslos gescheitert in dem Versuch, seinen Geist zu verschließen!
Wann, so fragte er sich, würde Voldemort es wieder versuchen? In ein paar Sekunden? In zwei Stunden? Morgen?
Noch immer zitternd rappelte er sich auf und begann, unruhig, auf und ab zu gehen. Konzentrier dich, du musst es lernen, du musst! befahl er sich immer wieder und bemühte sich angestrengt, seinen Kopf ganz frei zu machen und dann mit Bildern von doppelstöckigen Autobussen, regennassem Asphalt und lärmenden Menschen zu füllen. Das war die einzige Abwehr, die ihm einfiel. Wie sehr er wünschte, Dumbledore stände an seiner Seite … er könnte ihm sicherlich zeigen, wie die verfluchte Okklumentik wirklich funktionierte! Nein, nicht an Dumbledore denken … Autos, lange Häuserreihen, riesige Gebäude …
Als es Zeit war, Professor McGonagall aufzusuchen, hatte er den Raum der Wünsche an die hundert Mal durchquert und sein Kopf pochte fürchterlich. Vor dem Wasserspeier musste er mehrere Sekunden lang überlegen, wie das Passwort lautete und als er endlich „Katzenminze" murmelte, gesellte sich gleich die Panik dazu. Was, wenn er es jetzt versucht? Doch er gelangte ungehindert an die Tür, klopfte und auf Professor McGonagalls „Herein" schlüpfte er durch die Öffnung und zog sich den Tarnumhang herunter.
„Harry!" Die Schulleiterin erhob sich. „Kommen Sie näher!"
Sie reichte ihm förmlich die Hand und verschränkte dann die Finger ineinander. „Es freut mich, dass Sie tatsächlich hier erschienen sind, Harry! Eine vernünftige Schulausbildung ist in der Tat die beste Grundlage für …"
„Entschuldigen Sie …"unterbrach Harry. „ … aber ich bin nur hier, um den Brief zu holen, den Professor Dumbledore mir hinterlassen hat."
„Oh … ja gut …" Sie zupfte fahrig an einer Haarsträhne, die sich aus ihrem strengen Knoten gelöst hatte.
„Bitte verstehen Sie mich nicht falsch." Harry suchte nach den richtigen Worten. Er respektierte die ehemalige Leiterin des Hauses Gryffindor zu sehr, um sie auf irgendeine Art verletzen zu wollen. „Ich … Hogwarts bedeutet mir sehr viel. Niemand kann mir nehmen, was ich hier gelernt habe. Es ist nur - ich habe zwingende Gründe …"
„ … über die Sie nicht sprechen wollen."
„Genau."
Sie trat auf ihn zu und sah ihm ernst in die Augen. In ihrer Stimme schwang Besorgnis. „Sind Sie sicher, dass Sie überhaupt in der Lage sind, diese … Aufgabe zu bewältigen, der Sie sich stellen wollen?"
Harry starrte zurück; er dachte an das, was im Raum der Wünsche abgelaufen war und die Zweifel mit ihren scharfen Zähnen nagten heftiger als zuvor an seinem Selbstvertrauen. „Ich hoffe es …", antwortete er leise.
„Das ist er, Minerva, das ist er", erklang eine ruhige Stimme hinter ihm und Harry spürte, wie sein Herzschlag kurzzeitig aussetzte. Er drehte sich langsam um und starrte in die funkelnden blauen Augen Dumbledores auf dessen Porträt zwischen all den anderen ehemaligen Schulleitern. Harry lächelte schwach, ein wenig enttäuscht. Einen Moment lang hatte die Hoffnung seinen Verstand besiegt …
„Die jungen Leute muten sich immer viel zu viel zu. Manche von ihnen glauben, sie haben die Weisheit mit Löffeln gegessen", warf Phineas Nigellus auf einem anderen Porträt spöttisch ein.
Harry wandte sich wieder Professor McGonagall zu. „Ich weiß nicht, ob ich es schaffe", sagte er fester, durch die Bestätigung des ehemaligen Schulleiters gestärkt. „Aber ich werde alles daran setzen, dass es gelingt!"
Professor McGonagall seufzte und schüttelte den Kopf. „Davon bin ich überzeugt", murmelte sie. Dann drehte sie sich um und deutete ihm an, ihr zu folgen. Sie führte ihn zu dem Schrank hinter dem Schreibtisch, in dem Dumbledores Denkarium aufbewahrt wurde und öffnete ihn. Neben einer Reihe seltsamer Instrumente lag eine Pergamentrolle mit seinem Namen darauf. Professor McGonogall griff danach, doch im selben Augenblick verwandelte sich das Pergament in ein dickbauchiges Zitronenbonbon, das rasch größer wurde und bald mit seinen immensen Ausmaßen den Stauraum des Schrankfaches sprengte. Holz splitterte, die glänzenden, feingliedrigen Instrumente flogen durch die Luft und zersprangen auf dem Boden. Harry starrte mit aufgerissenen Augen auf das immer weiter wachsende Bonbon.
„Verzeihung", gluckste Dumbledores Porträt hinter ihnen.
„Schon gut, Albus, …", lächelte Professor McGonogall und nahm die Hand von der klebrigen Süßigkeit, die mittlerweile das darüberliegende Regalbrett durchstoßen hatte, und schon lag wieder nur ein Brief in einem unversehrten Fach, die silbernen Instrumente setzten sich blitzschnell in ihre Ursprungsform zusammen und flogen an ihren angestammten Platz zurück, „ … ich habe mit so etwas gerechnet. Ich gestehe, ein außerordentliches Werk der Verwandlungskunst."
Sie sah Harry an. „Nehmen Sie ihn!" forderte sie ihn auf und Harry, der den enormen Wachstum von Dumbledores Lieblingsdrops noch immer nicht ganz verkraftet hatte, griff zögernd nach dem Brief. Als nichts geschah, hob er ihn heraus und hielt ihn vorsichtig in den Händen.
Professor McGonogall schloss die Schranktür. „Ganz offensichtlich ist der Inhalt nur für Sie bestimmt."
„Ganz offensichtlich!" bekräftigte Dumbledores Porträt.
Harry hatte es plötzlich sehr eilig, zurück in den Raum der Wünsche zu kommen. Wenn es Dumbledore so wichtig gewesen war, dass nur er, Harry, das Pergament berühren konnte, dann musste der Inhalt sehr bedeutsam für ihn sein. Vielleicht doch ein weiterer Horkrux ….? Er sah hinüber zur Tür und in diesem Moment bemerkte Professor McGonagall:
„Bevor Sie gehen, Harry …" Sie hielt nun ein weiteres, offiziell wirkendes Pergament in den Händen. „da ist noch etwas! Ich habe hier ein Schreiben aus dem Zaubereiministerium, in dem mir mitgeteilt wird, dass Sie bereits eine Verwarnung wegen unerlaubten Apparierens erhalten haben …"
Harry stöhnte unwillkürlich auf und verdrehte die Augen.
„Am Ende dieser Woche findet die offizielle Apparierprüfung statt und ich rate Ihnen dringend, daran teilzunehmen. Bitte überlegen Sie gut, bevor Sie antworten – aber vielleicht können Sie sich mit dem Gedanken anfreunden, die nächsten Tage in Hogwarts zu bleiben, natürlich inkognito? Ich versichere Ihnen, das wäre die einfachste Variante … Und ich gehe davon aus, dass die Fähigkeit zum Apparieren die Aufgabe, die Sie sich zu eigen gemacht haben, ungemein erleichtern wird …"
Harry zögerte. Offenbar hatten sich Hermine und Minerva McGonagall miteinander verschworen. Eigentlich hatte er vorgehabt, bis zur Prüfung zu bleiben, doch die neueste Demonstration Voldemorts legilimentischer Fähigkeiten ließ ihn an seinem Entschluss zweifeln. Die Gefahr, dass Hogwarts ein weiteres Mal Ziel eines Angriffs wurde, war groß. … Doch wo sonst, wenn nicht hier in der umfangreichen Bibliothek, konnte er so viel wie möglich über die magischen Instrumentarien aus Riddles Briefen herausfinden? Außerdem war da noch diese Lehrerin, Galatea Merrythought …
„Ich bleibe in jedem Fall heute Nacht …", entgegnete er ausweichend.
„Nun gut. Wenn Sie es wünschen, kann ich Sie desillusionieren. Oder in einen anderen Schüler verwandeln, mittels Vielsafttrank, dann wäre die Schlafsaalfrage kein Problem mehr! Oder …"
„Danke", antwortete Harry„ … aber ich bin ganz zufrieden mit dem Tarnumhang. Die Unterbringungsfrage ist bereits geklärt …"
„Oh … in Ordnung …" Die Schulleiterin kam noch ein wenig näher und der Ausdruck in ihren Augen erinnerte ihn an Mrs Weasley. „ Dann bleibt mir nicht mehr viel zu sagen als - alles Gute! Und seien Sie vorsichtig!"
- - -
Zurück im Raum der Wünsche, setzte Harry sich auf das breite Himmelbett und betrachtete gedankenverloren den Brief in seinen Händen. Er war nicht einmal versiegelt – nur ein rot-goldenes Band war um die schmale Rolle geschnürt. Hoffentlich gab es in den nächsten Minuten keine weitere Attacke auf seine Gehirnwindungen … Also gut: konzentrier dich! Wisch alle Gedanken weg …!
Es klopfte, sein Kopf flog hoch und bevor er sich erhoben hatte, war Ginny in das Zimmer gehuscht.
„Du …", stieß Harry überrascht aus und ließ den Brief auf das Bett sinken. „Was machst du hier?"
Sie zog ein Bündel unter ihrem Umhang hervor; es waren die Kleidungsstücke, die Hermine in Rons Koffer gepackt hatte und der Zwei-Wege-Spiegel, sorgfältig in ein T-Shirt eingeschlagen. „Das soll ich dir geben. Ron steht unter ständiger Beobachtung von LavLav Brown, darum bin ich gekommen. Außerdem … ich dachte, du hast vielleicht Hunger …" Sie ging zurück zur Tür, öffnete sie einen Spalt breit und ein verlockender Duft wehte Harry entgegen, noch bevor Dobby, beladen mit einem Tablett voller Köstlichkeiten, den Raum betreten hatte.
„Harry Potter, Sir", wisperte der Hauself, stellte sorgsam das Tablett ab, bevor er mit einem Satz bei ihm war und ungestüm seine Knie umklammerte. „Dobby ist so froh, Harry Potter wieder zu sehen. Hier in Hogwarts. Ganz und in einem Stück. So froh!"
Harry grinste verlegen und schob den Hauself mit sanftem Druck von sich. „Schon gut, Dobby …" Sein Aufenthalt hier war das wohl öffentlichste Geheimnis, das jemals als solches bezeichnen werden konnte.
„Dobby verspricht die ganze Nacht zu wachen, damit Harry Potter ungestört schlafen kann. Dobby weiß nicht, warum Harry Potter sich versteckt, aber Dobby lässt keinen rein in diesen Raum!"
„Er hat versprochen, sich vor die Wand stellen, falls jemand in der Nacht das Bedürfnis hat, den Raum der Wünsche aufzusuchen! Dann kannst du wenigstens ruhig schlafen …. und ich auch" erklärte Ginny.
„Ja", flüsterte Dobby ernsthaft. „Dobby wird sofort auf seinen Posten gehen, die ganze Nacht und morgen, und am Tag danach und danach und …"
„Danke", unterbrach Harry. „Jetzt werde ich schlafen können wie ein Baby."
Dobby nickte eifrig und nach einem „Gute Nacht, Harry Potter, Sir" war er verschwunden. Ginny deutete auf das Tablett. „Hast du keinen Hunger?"
„Du solltest nicht hier sein", sagte Harry und um sie nicht zu enttäuschen, fischte er ein Hühnerbein aus einer der Schüsseln, „Du riskierst Kopf und Kragen. Oder zumindest eine Strafarbeit von Lavender Brown!"
Ginny lachte auf. „Die hat´s nur auf WonWon abgesehen." Sie setzte sich auf den freien Stuhl und begann, eine Orange zu schälen. „Ich bin übrigens zur Kapitänin des Quidditch-Teams ernannt worden …."
„Oh, herzlichen Glückwunsch!" meinte Harry und legte das nur zur Hälfte angenagte Hühnerbein zurück in die Schüssel. Er freute sich ehrlich für sie. Es gab keine bessere Wahl.
„Natürlich ist es ohne dich nicht so, wie es sein sollte. Außerdem weiß ich nicht einmal, ob wir eine komplette Mannschaft zusammen bekommen ... "
Harry nahm einen Schluck Kürbissaft und nickte. Er betrachtete Ginny, die laut überlegte, wer von den verbliebenen Schülern noch für das Team in Frage käme, während sie mit flinken Fingern die Frucht von ihrer Schale befreite; sah sie einfach nur an - ihre glänzenden Augen, die Sommersprossen auf der Haut - einundzwanzig waren es genau -, lauschte dem Klang ihrer Stimme und versuchte doch ununterbrochen, sich auf ein Bild irgendeines Londoner Gebäudes zu konzentrieren … Buckingham Palace … nein, zu diffus … Big Ben – das könnte klappen …
„Du isst ja gar nichts! Hier …" Ginny steckte ihm eine Apfelsinenspalte zwischen die Lippen.
Big Ben verschwand sofort, stattdessen zog Ginnys Spiegelbild in seine Gedanken ein: wie sie den Kopf neigte und ihm mit irritiertem Stirnrunzeln ansah, als er mühsam den Saft der Orangenscheibe hinunterschluckte. Denk an verstopfte Straßen, lange Autoschlangen …
„Was ist mit dir?" Ginnys besorgtes Gesicht rückte näher und er fühlte ihre Hand an seiner Wange. Wenn Voldemort jetzt … Nein! Niemals!
„Nichts", stieß er aus und stand abrupt auf. „Besser du gehst jetzt!"
Er sah sie nicht an und ging stattdessen hinüber zu dem ausladenden Himmelbett. Zum ersten Mal verstand er wirklich, was Dumbledore in seinem fünften Schuljahr veranlasst hatte, ihm nie direkt in die Augen zu sehen! Wenn Voldemort jemals herausfand, was Ginny ihm bedeutete …
Er konnte hören, wie ein Stuhl über den Boden kratzte und zuckte unwillkürlich zusammen, als sie ihn an der Schulter berührte.
„Geh bitte", murmelte er. „Es ist gefährlich für dich, hier zu sein. Bei mir zu sein … Bitte!"
Die Hand verschwand von seiner Schulter.
„Ich gehe", hörte er ihre veränderte Stimme. „Ich weiß, du hast deine Gründe und ich weiß, du willst sie mir nicht sagen … Gute Nacht, Harry …"
Hinter ihm fiel die Tür mit einem leisen Klicken ins Schloss. Ginny hatte den Raum verlassen.
Harry nagte an der Unterlippe, kickte ein Stück Orangenschale zu seinen Füßen weit von sich und sank hinab auf das Bett. Hoffentlich verstand sie wirklich … Auf Dumbledores Beerdigung – da hatte sie keine Szene gemacht, als er ihr erklärte, dass sie nicht mehr zusammen sein konnten. Sie machte auch jetzt keine Szene …Warum nur wurde er das Gefühl nicht los, dass er ihr schrecklich weh tat? Und warum spürte er selbst diesen scharfen Stich in seiner Brust?…
Mit einer ungeduldigen Geste wischte er sich das Haar aus der Stirn, als könne er damit seinem Verstand die nötige Klarheit verschaffen; sein Blick fiel wieder auf die Pergamentrolle neben ihm, entschlossen nahm er sie auf und zog mit steifen Fingern an der rotgoldenen Schnur.
t.b.c
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So das war´s von mir für heute!
Bis bald, lucinde
