Kapitel 11

Als Torwec am nächsten Morgen von den ersten Sonnenstrahlen geweckt wurde, hatte Durza bereits neuen Tee gekocht. Die Miene des Schattens war undurchdringlich, aber trotzdem spürte der junge Reiter die Sorgen, die sich darunter verbargen. Auch wenn er mit Pamuk auf irgendeine Art befreundet gewesen war, so war es doch Durza, der ihm einen tieferen Einblick in die Seele der Dämonen gewährt hatte. ‚Jedes Monster hat seine eigene Geschichte...', dachte er und Jura gab ein grollendes Kichern von sich.

„Was hat dein Vieh?", fragte der Schatten und zog argwöhnisch eine Augenbraue in die Höhe.

„Er lacht. Außerdem ist er kein Vieh, sondern ein Drache. Und da du ihn heute hoffentlich ohne Nachhilfe meinerseits reiten wirst, wäre ich an deiner Stelle etwas vorsichtiger mit deinen Äußerungen." Verärgert trat Torwec die letzten glimmenden Reste des Feuers aus und sattelte Jura., der ihm seine eigene Sicht der Dinge in Gedanken mitteilte.

Durza legte den Kopf schräg und betrachtete das gewaltige Tier zweifelnd. „Wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich immer noch vorziehen, zu Fuß zu gehen." Bevor Torwec etwas sagen konnte, winkte der Schatten ab. „Aber selbstverständlich werde ich deinen Anweisungen Folge leisten, auch wenn das bedeutet, dass ich kein guter Gesprächspartner sein werde für die Dauer des Flugs."

„Du hast Angst vorm Fliegen.", konstatierte Torwec und grinste.

„Nein. Ich habe keine Angst."

„Hast du wohl!"

„Habe ich NICHT!", fauchte Durza und setzte nach einer kleinen Pause hinzu: „Ich empfinde es nur als... unnatürlich."

„Entschuldige, aber deine ganze Existenz ist widernatürlich, oder etwa nicht?" Torwec hätte schreien können vor Lachen. „Ich hätte mehr von jemandem erwartet, der Jahrtausende an Erfahrungen hat! Zumindest eine bessere Ausrede!"

„Woher soll ich wissen, dass dieses... dieser Drache mich nicht abwirft, wenn es ihm in den Kopf kommt? Das hat nichts mit Angst zu tun, es ist nur..." Langsam dämmerte es Durza, dass er gerade dabei war, sich um Kopf und Kragen zu reden. „Ich mag nichts reiten, das ich nicht kontrollieren kann!"

„Aha." Mit Mühe schluckte der junge Wyrdfell sein Lachen hinunter. „Also hast du keine Angst vorm Fliegen, sondern nur vor dem ausgeliefert sein, ja?" Als der Schatten vor Wut nichts antwortete, setzte er hinzu: „Wir werden dich schon nicht fallen lassen. Immerhin sollen wir dich heil zu Galbatorix bringen, so lautet unser gemeinsamer Auftrag!" Die letzten Worte waren vor allem an Jura gerichtet, der in Gedanken vorgeschlagen hatte, den Schatten unterwegs versehentlich zu ‚verlieren'.

Durza sprach während des Fluges wirklich nicht viel. Andererseits hielt er sich aber auch nicht so verkrampft fest, wie Torwec erwartet hätte. Gelegentlich stockte dem Schatten der Atem, besonders wenn Jura aus lauter Übermut scharfe Kurven flog oder in große Höhen aufstieg. Als die Stadt Belatona in der Abenddämmerung in Sicht kam, sprach der junge Reiter über die Schulter hinweg: „Siehst du dort im Norden die Festung, direkt auf den Klippen? Dort müssen wir hin."

Die Festung am Seeufer war ein verlassener Drachenreiterhorst. Als Jura schlitternd auf den polierten Steinfliesen einer Terrasse zu Stehen kam, sprang Durza eilig ab. Er wollte nicht auch nur eine Sekunde länger auf dem Rücken dieses unberechenbaren Viehs verbringen. „Vielen Dank für eine weitere unangenehme Erfahrung.", presste er zwischen den Lippen hervor und sah sich um.

Galbatorix und Morzan traten durch ein weites Tor auf die Terrasse und wirkten beide nicht sehr erfreut. „Ihr seid spät dran!", ließ sich Morzan vernehmen und schritt grußlos an dem Schatten vorbei.

„Wir hatten einige Turbulenzen auf dem Weg hierher. Frühlingsstürme.", erklärte Torwec, sattelte Jura ab und warf Durza sein Bündel zu.

„Ruht euch aus, so weit es geht. Wir werden noch vor Morgengrauen aufbrechen." Mit einem knappen Nicken erwiderte Galbatorix die angedeutete Verbeugung des Schattens, dann zog er jenen zur Seite und raunte: „Ich habe beschlossen, Oromis am Leben zu lassen. Tue mit ihm was du willst, aber stelle sicher, dass er diese Festung lebend verlässt, hast du mich verstanden?"

Durza schüttelte ungläubig den Kopf. Hatte Torwec nicht gesagt, dass Galbatorix den Elfen schon töten lassen wollte? „Nicht wirklich, mein Lord..."

Der Anführer der Wyrdfell griff den Schatten hart am Arm und zog ihn noch weiter von Morzan und Torwec fort. „Ich will, dass der Elf fliehen kann. Ich habe einen Weg gefunden, ihm immer im Gedächtnis zu bleiben. Irgendwann wird er noch sehr nützlich für uns werden!"

„Wie Ihr wünscht, Mylord." Durza deutete eine erneute Verbeugung an und trat einige Schritte zurück. Was sollte das nun schon wieder? Hatte Galbatorix ihn den weiten Weg nur machen lassen, damit er Fluchthelfer spielen sollte? Traute er seinen eigenen Anhängern nicht zu, den Sinn seiner Pläne zu verstehen?

„Wir werden in ein paar Tagen Doru Araeba auf Vroengard angreifen. Dorthin haben sich die letzten Drachenreiter zurückgezogen und wir werden sie endgültig vernichten! Wenn das geschehen ist, wirst du dich auf den Weg nach Ilirea machen."

Sicher. Schoßhund, Kindermädchen und Laufbursche. Durza widerstand dem Reflex, die Zähne zu fletschen und nickte nur. Immerhin könnte er auf dem Weg in die Königsstadt noch einen Abstecher zum Helgrind machen. Vila hatte ihm diesen Besuch schließlich nachdrücklich angeraten.

„Zügele deine Gedanken, mein Freund.", mahnte ihn Galbatorix und tippte auf seine Schläfe: „Ich kann dich hören. Und nicht alles was du denkst, gefällt mir." Mit diesen Worten ließ er den erschütterten Schatten stehen und gesellte sich zu seinen beiden Anhängern.

Die Stunden bis zum Abflug der Abtrünnigen zogen sich für Durza endlos hin. Kaum hatte der letzte Drachen mit seinem Reiter abgehoben, stürzte er die Stufen hinunter zu dem Verlies, in dem der Elf Oromis gefangen gehalten wurde. Vor der schweren Eichentür hielt er inne und unterdrückte das aufgeregte Zittern seines Körpers. Er war so nah am Ziel...

TBC

A/N: Liest hier eigentlich IRGENDWER diese Story? Nicht, dass ich um Reviews betteln möchte, aber dieses eisige Schweigen irritiert mich! Das kenne ich sonst von FFnet überhaupt nicht... :(