Vielen Dank für das Review (Kaa *knuddel*!) und den Favoriteneintrag :) Ich freue mich sehr, dass mein Geschreibsel Euren Geschmack trifft!
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Das zweite Erwachen in Rons WG ist kein bisschen besser als das erste. Ein dröhnender Schädel, ein pelziges Gefühl auf der Zunge, und nach der Rückkehr der Erinnerung ein überwältigendes Gefühl von Scham sind keine besonders aufmunternde Kombination.
Hermine bleibt im Bett, so lange sie kann, und ist ungeheuer froh, dass sie beim Verlassen ihres Zimmers niemanden antrifft. Sie versucht mühselig, sich ein wenig frisch zu machen, und bemerkt erst nach einigen Minuten im Bad, dass auf dem kleinen Bord unter dem Spiegel eine Phiole mit einem Zettel steht:
„Hermine, wir sind schon bei der Arbeit. Der Trank ist für dich. Essen ist in der Küche, falls du Hunger hast. Ron."
Sie birgt peinlich berührt den Kopf in den Händen. Dann ergibt sie sich ihrem rebellierenden Magen und Rons beschämender Fürsorge, entkorkt die Phiole und kippt nach einer kurzen Geruchskontrolle den Anti-Kater-Trank in ihre Kehle.
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Wenig später findet sie sich in der gleichen Situation wie am vorherigen Tag: sie sitzt im selben Sessel wie gestern und weiß nicht, was sie tun soll. Immerhin funktioniert ihr Kopf wieder einwandfrei, und ihr Absturz hat ihr vor Augen geführt, dass ihre misstrauische Haltung Alkohol gegenüber berechtigt war. Sie hat keinerlei Bedürfnis, nach der neuen, vollen Whisky-Flasche zu greifen, die in eines der Wohnzimmer-Regale gestellt wurde.
Eigentlich hat sie nach gar nichts ein Bedürfnis, und scheinbar zusammenhanglose Gedankenfetzen tauchen in ihrem Bewusstsein auf: wie Treibgut in einem unruhigen Fluss trudeln sie eine Weile wild an der Oberfläche, verhaken sich mit dem nächsten Fetzen und verschwinden dann wieder.
Ron. Alice. Gwen. Die Aurorenzentrale.
Ihre Studien. Hogwarts. George. Fred. So viele Tote. Dumbledore. Voldemort. Horcruxe. Rons Idee mit den Basiliskenzähnen.
Ron. Ihr an Peinlichkeit nicht zu überbietender Auftritt gestern. Wie gut sich Ron neben ihr angefühlt hat. Es war falsch. Sie ist nicht sein Typ. War sie je sein Typ? Gwen ist sein Typ. Alice ist sein Typ. Groß, blond, kurzhaarig, selbstbewusst.
War sie nicht mal selbstbewusst? Früher, in einem anderen Leben? Vor dem Krieg, den Albträumen, den falschen Männern?
Wieso hatte sie diese Männer nicht durchschaut? Sie ist doch sonst nicht auf den Kopf gefallen? War dann Ron auch ein falscher Mann? Oder der einzig richtige gewesen?
Warum fragt sie sich das überhaupt, wenn es doch nichts mehr zur Sache tut?
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Ein Klingeln an der Tür reißt sie abrupt aus ihren Gedanken.
Sie empfindet plötzlich Panik und schämt sich gleichzeitig deswegen. Seit wann löst simples Türklingeln bei ihr solche Hilflosigkeit aus?
„Hermine?" erklingt da Ginnys Stimme von jenseits der Tür, und Hermine ist so erleichtert, dass sie aufspringt und fast zum Eingang rennt.
„Hi", sagt Ginny locker. „Dachte, ich guck mal vorbei."
Sie muss nicht sagen, dass Ron sie wohl nach gestern darum gebeten hat, aber sie wirkt trotzdem nicht, als ob sie es nur aus Pflichtgefühl tut, sondern strahlt Hermine regelrecht an.
Hermine lächelt unsicher zurück. Vor zwei, drei Tagen dachte sie noch, sie kommt langsam an, findet sich allmählich ein, aber gerade heute fühlt sie sich wieder wie an diesem ersten Tag in der Winkelgasse: zerbrechlich, fremd, so gar nicht wie die Hexe die sie glaubte zu sein.
„Hast du schon gefrühstückt?" fragt Ginny.
„Nein", murmelt Hermine und fühlt plötzlich, wie flau ihr im Magen ist.
„Dann lade ich dich in Floras Café ein. Die haben da das beste Frühstück der Welt."
„Aber du hast doch bestimmt schon längst gefrühstückt", wendet Hermine ein. Sie ist zwar neben der Spur, aber ein Gefühl für die Uhrzeit hat sie schließlich noch.
„Eben. Schon längst", grinst Ginny fröhlich, „was meinst du denn, was frühmorgendliches Training für Auswirkungen auf meinen Energiebedarf hat?"
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Die Situation ist irgendwie surreal. Hermine sitzt mit Ginny in diesem gemütlichen kleinen Café, geschützt durch muffliato und Desillusionierungszauber, und fühlt sich wohl, nachdem sie doch gerade noch völlig teilnahmslos in diesem Sessel lag. Ihre Freundin berichtet – auf Hermines Aufforderung hin – begeistert von ihrem Training, und Hermine versteht ausgerechnet dank ihrem Ex Peter viel mehr von Ginnys mit Fachbegriffen gespickten Erzählungen als jemals zu Schulzeiten. Vielleicht hatte diese gescheiterte Beziehung doch auch ihr Gutes?
Werd´ jetzt aber nicht sentimental, Hermine, denkt sie ironisch.
Aber plötzlich fühlt sich die Erinnerung an Peter nicht mehr ganz so niederschmetternd an. Dass ihre Beziehung aufgrund ihrer Ungleichheit scheitern musste, hat sie schon lange rational erfasst – aber jetzt hat sie das erste Mal das Gefühl, auch seelisch hinterher gekommen zu sein. Peter mag sie betrogen haben – aber genauso hat sie ihn irgendwie betrogen, indem sie ihm auf der Suche nach Anerkennung eine Hermine vorgespielt hat, die es nicht gibt.
Sie hat das Gefühl, sich selber von außen zu betrachten und endlich anzufangen zu begreifen, was in den letzten Jahren ihres Lebens passiert ist, und sie fragt sich bitter, warum sie nicht schon viel früher zu dieser Reflexion fähig war.
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Irgendwann merkt sie, dass Ginny aufgehört hat zu erzählen und versonnen grinsend mit dem Ring an ihrem Finger spielt.
Hermine hat ein schlechtes Gewissen, dass sie gedanklich immer wieder abwesend war. Und sie mag den Anflug von Normalität, den das Gespräch ihr vermittelt hat. Darum bemüht sie sich, es wieder in Gang zu bringen: „Der Ring ist hübsch", sagt sie und lächelt.
Lächeln ist dieser Tage fast immer ein sehr bewusster Vorgang, und ihr ist die Plumpheit dieses Starts auch bewusst, aber auch Plaudern geht in den letzten Wochen nicht mehr von selbst, und der Ring ist wirklich schön.
Ginny scheint ihre Bemühtheit nicht zu bemerken, im Gegenteil. Augenblicklich wird sie rot und strahlt, und dann flüstert sie verschwörerisch: „Ich habe ihn gestern von Harry bekommen."
Hermine braucht einen Moment, um zu begreifen, was der geheimnisvolle Ton zu bedeuten hat.
„Ist das etwa ein …"
„Ein Verlobungsring, ja!"
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Einmal mehr eine Achterbahnfahrt der Gefühle.
Hermine freut sich mit ihrer Freundin. Sie umarmt Ginny herzlich. Sie ist tatsächlich die erste, die es erfährt, und fühlt sich dadurch wirklich geehrt.
Und trotzdem ist das Geständnis wie ein Schlag ins Gesicht.
Jetzt, wo Hermine den Ring bemerkt hat, sprudelt es nur so aus Ginny heraus: wie Harry ihr den Antrag gemacht hat, und wie sie sich gefühlt hat. Sie leuchtet dabei regelrecht von innen heraus.
Und das ist alles so weit weg von Hermines persönlicher Beziehungsrealität, dass sie am liebsten heulend davonrennen würde. Dass sie es nicht tut und stattdessen Ginny wirklich zuhören kann, nimmt sie trotzig als Zeichen, dass sie langsam wieder besser funktioniert.
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Gerade sinniert Ginny flüsternd-aufgeregt darüber, wie sie es am besten ihren Eltern und Ron mitteilt, als die Eule eintrifft.
Ginny verstummt sofort, als sie das Ministeriumssiegel erkennt, und Hermine weiß gar nicht, ob sie den Brief überhaupt anfassen soll, und was sie sich an Inhalt eigentlich wirklich wünscht.
Sie fragt sich, wie viele Tiefschläge sie heute noch erträgt.
