--°''°-- Kapitel XI --°''°--
Die Sonne fiel in Strahlen durch die Fenster des Schlafraums und kündigte den neuen Tag an. Draußen zeugte der blaue Himmel von wundervollem Wetter. Als Hermine an diesem Morgen erwachte, wunderte sie sich, wieso sie sich so merkwürdig angespannt fühlte. Doch dann, nachdem sich die Schläfrigkeit langsam aus ihrem Verstand verzogen hatte, fielen ihr die Ereignisse der letzten Nacht wieder ein. Wie sie im Badezimmer gewesen war. Wie sie Draco getroffen hatte. Wie sie ihn geküsst hatte. „Oh nein", flüsterte sie leise, als die Erinnerungen sie überkamen und sie vergrub ihr Gesicht in ihren Händen. „Was muss er jetzt nur von mir denken? Bestimmt, dass ich mich hemmungslos an ihn rangeschmissen habe." Sie ließ sich wieder in ihre Kissen zurücksinken. Eine Weile lang lag sie so da und starrte an die Decke, bis sie schließlich aufseufzte. Es hatte ja doch keinen Sinn. Es war nun mal passiert und sie konnte es nicht ungeschehen machen. Früher oder später würde sie ihn wiedersehen müssen, spätestens im Unterricht. Und wer weiß, vielleicht hatte er es ja bereits vergessen? Langsam kroch sie aus dem Bett und suchte ihre Sachen zusammen.
‚Das wird sicherlich ein toller Tag werden', dachte sie sarkastisch.
Etwas erleichtert ging sie später zum Mittagessen. Sie hatte es geschafft, Draco sowie auch Harry den ganzen Vormittag über aus dem Weg zu gehen. Als sie die beweglichen Treppen hinab zur Großen Halle lief, sah sie ein paar Jungen, offensichtlich aus der zweiten Klasse, die lachend mit ihren Zauberstäben rumhantierten. Sie schienen einander die Treppen hinterher zu jagen, wobei sie sich gegenseitig Sprüche nachhexten. ‚Eigentlich müsste ich ihnen dafür Hauspunkte abziehen', dachte Hermine, aber sie fühlte sich gerade nicht dazu in der Stimmung. Also beachtete sie sie nicht weiter.
Sie wollte gerade an ihnen vorbei gehen, als plötzlich der eine zur Seite rannte und sie dabei heftig anstieß. Hermine wurde von ihren Beinen gerissen. Genau in dem Moment geschah das Unfassbare. Die Treppen verschoben sich, und Hermine, die an den Rand geschubst wurde, kippte bei der Erschütterung der bewegenden Treppen zur Seite.
Über das Geländer.
Es geschah alles so schnell, dass sie nicht einmal mehr Zeit hatte, zu schreien. Geistesgegenwärtig schossen ihre Arme vorwärts und in letzter Sekunde schaffte sie es, sich am Rand festzuhalten. Der Junge, der sie gestoßen hatte, starrte sie erschrocken an. „Oh, Mist", stieß der zwischen zusammengepressten Zähnen hervor und blickte sich panisch nach Hilfe um. „Tu doch was!", keuchte Hermine, die immer noch unter Anstrengung an der Kante hing. „Was denn?", rief der Junge ängstlich.
„Der Schwebespruch, du Idiot!", zischte sie. „Oh, richtig. Wingardium Leviosa", rief er und richtete seinen Zauberstab dabei auf Hermine. Im nächsten Moment fühlte sie, wie sich ihre Armmuskeln, die bis zum Zerreißen gespannt waren, entspannten, als sie schwerelos in der Luft schwebte. „Merlin sei Dank", schnaufte sie. Dann wandte sie sich an den Jungen, der sie wie gebannt anstarrte. „So, und jetzt lass mich ganz langsam runter, okay?! Aber lass ja nicht los, bevor ich unten bin", sagte sie so ruhig sie konnte. Der Junge nickte nur und begann, seinen Zauberstab ganz langsam und vorsichtig zu senken.
Plötzlich ertönte von unten aus der Eingangshalle eine belustigte Stimme und er verlor seine Konzentration.
„Was tust du denn da, du Knirps?" Beleidigt sah er zu der Person hinunter , die diese Bemerkung hatte fallen lassen. Er erkannte den blonden Jungen, der einige Klassen über ihm war, sofort. Er war es, der immer die Erst- und Zweitklässler schikanierte. Er hieß Malfoy, oder jedenfalls so ähnlich, glaubte er sich zu erinnern. In dem Moment, wo er gerade zu einer Erklärung ansetzen wollte, senkte er unbedacht seinen Zauberstab. Neben ihm ertönte ein panischer Schrei und er sah gerade noch, wie der blonde Junge blitzschnell vorwärts raste...
Hermine konnte von ihrem Punkt aus nicht genau erkennen, mit wem der Junge sprach. Doch plötzlich sah sie, wie er seinen Zauberstab sinken ließ. „NEIN!!!!", schrie sie verzweifelt, doch im nächsten Moment fiel sie schon mit rasanter Geschwindigkeit auf den Boden zu. Sie konnte nicht hinsehen, deshalb kniff sie die Augen fest zusammen. Innerlich bereitete sie sich schon auf den harten Aufprall vor. Doch er kam nicht.
Denn kurz bevor sie auf dem Boden aufschlug, wurde sie von jemanden aufgefangen. Vorsichtig öffnete sie die Augen und blickte geradewegs in ein sturmgraues Augenpaar....
Draco.
Der Junge, der wie festgewachsen auf der Treppe über ihnen stand, schien sich langsam aus seiner Erstarrung zu lösen. Während er Hermine und Draco ängstlich beäugte, lief er langsam die Stufen hinab und vorsichtig an ihnen vorbei auf die Flügeltüren zu, die zur Großen Halle führten. „Äh, ich werde dann mal gehen", sagte er schnell, drehte sich dann in Windeseile um und verschwand in der Großen Halle.
Langsam, vom Schock noch leicht zitternd, befreite sich Hermine aus Dracos Armen. Dann sah sie ihm wieder zögernd in die Augen und trotz des eben Geschehenen fiel ihr der Kuss ein. Sie konnte förmlich spüren, wie ihr die Röte ins Gesicht schoss. Doch Draco, der ihre Verlegenheit nicht bemerkte oder einfach übersah, blickte sie nur besorgt an. „Ist alles in Ordnung mit dir?", fragte er.
„Ja, alles okay", antwortete sie mit zittriger Stimme. „Das war ganz schön knapp gewesen. Du kannst froh sein, dass ich gerade vorbei kam, sonst wärst du jetzt bestimmt Matsch." Hermine, trotz des Schocks, schnaubte entrüstet. Also „Matsch" war ja wohl übertrieben, dachte sie. Sicher, sie hätte sich vermutlich etwas gebrochen bei ihrem Absturz, aber Matsch...? Draco betrachtete sie, verwundert über ihr verzogenes Gesicht. Eben hatte sie doch noch gezittert?
„Was ist denn?", fragte er schließlich mit gerunzelter Stirn, als sie keine Anstalten machte, es ihm zu erklären. Hermine schüttelte ihren Kopf. „Ach nichts", sagte sie nur schlicht. Im selben Moment fiel ihr auf, wie nah sie und Draco zusammenstanden. So nah, dass sie jedes Detail in Dracos klaren grauen Augen erkennen konnte. Hastig trat sie ein paar Schritte zurück. Er betrachte sie nur weiter aufmerksam. Dann schien ihm etwas einzufallen, denn sein Gesicht nahm einen seltsamen Ausdruck an und er räusperte sich verlegen.
„Hör mal, wegen gestern Nacht...", begann er und Hermine zuckte innerlich zusammen.
Mist, sie hatte sich fast schon davon überzeugen können, dass er es sicherlich vergessen hatte, aber dem schien nicht so zu sein. „Draco, ich... weißt du... es war nur..."
In dem Moment erschienen Professor McGonagall und Professor Flitwick zwischen den Flügeltüren der Großen Halle und ersparten ihr, den Satz zuende führen zu müssen.
„Miss Granger. Merlin sei Dank. Ich dachte, sie würden noch in der Luft schweben." Hermine runzelte verwundert die Stirn. Woher hatte ihre Professorin davon erfahren? Doch dann fiel ihr Blick auf den Jungen, der sich halb hinter den Lehrern versteckte. Es war der Freund des Jungen, der sie geschubst hatte. Anscheinend hatte er in seiner Panik die Professoren davon verständigt.
McGonagall eilte an ihre Seite. „Wie sind sie denn wieder runtergekommen? Und sie,
Mr. Malfoy, können sich an ihren Tisch begeben, anstatt hier so rumzustehen." Hermine unterbrach sie eilig. „Warten sie, Professor. Dra.. Malfoy hat mich aufgefangen. Ich bin runtergefallen. Ohne ihn wäre ich jetzt wohl Matsch." Innerlich stöhnte sie auf. Jetzt hatte sie doch tatsächlich auch Matsch gesagt. McGonagall, die sie besorgt betrachtet hatte, wandte sich überrascht an Draco. „Nun dann, Mr. Malfoy. Zehn Punkte für Slytherin aufgrund ihrer Hilfsbereitschaft. Ich denke, sie sollten nun zum Essen gehen. Ist ja alles noch mal gutgegangen." Damit wandten sie und Professor Flitwick sich ab und gingen wieder in die Halle. Draco und Hermine folgten ihnen schweigend mit einigem Abstand zwischen sich.
Hermine war äußerst überrascht, als sie später am Nachmittag einen kleinen Zettel zwischen ihren Büchern fand.
‚Bitte komm heute um 21:00 Uhr zum Astronomie-Turm. Wir müssen reden.
Draco'Mit einem etwas mulmigen Gefühl kletterte sie schließlich pünktlich um neun die Leiter zum höchsten Turm von Hogwarts hinauf. ‚Was soll ich denn bloß sagen', dachte sie ratlos. ‚Er will sicherlich über den Kuss reden wollen. Ich will aber nicht darüber reden. Es ist einfach passiert. Vermutlich nur ein plötzlicher Hormonschub oder so was.'
Obwohl sie innerlich wusste, dass es sich dabei nicht nur um einen „Hormonschub" gehandelt hatte.
Endlich erreichte sie die letzte Sprosse und kletterte zögernd in den Turm. Zuerst erkannte sie kaum etwas, da kein Licht brannte. Nur der Mond schien strahlend hell durch die vielen Fenster, die sich zu allen Seiten des Raumes erstreckten. Als sich ihre Augen an das Dämmerlicht gewöhnt hatten, konnte sie Dracos schemenhafte Gestalt vor einem der Fenster sitzen sehen. Langsam, ohne ein Wort zu sagen, ging sie auf ihn zu. Er schien in den Anblick der mondbeschienenen Ländereien von Hogwarts versunken zu sein, denn er wandte sich erst um, als sie schon dicht hinter ihm stand. „Hey", begrüßte er sie und drehte sich vollends zu ihr um. „Hey", erwiderte sie schüchtern. „Du wolltest mit mir reden", begann sie schließlich, nachdem sich Beide nur still angestarrt hatten. Er nickte. „Ich weiß nur nicht so recht, wie ich anfangen soll." Hermine blickte ihn unsicher an. „Darf ich dich zuerst etwas fragen, Draco?", fragte sie dann schnell. „Das hast du soeben getan", neckte er sie doch ihr ernster Blick brachte ihn zum Schweigen.
„Wieso hast du mich aufgefangen?" Draco zog verwundert seine Augenbrauen hoch und zuckte dann mit den Schultern, als würde diese Frage keine Antwort erfordern. „Na, ich konnte dich doch wohl schlecht auf deinen Hintern knallen lassen", erwiderte er trocken. „So was soll blaue Flecken geben."
„Aber wieso?", fragte Hermine stur.
„Na ja, dafür gibt es eine vollkommen logische biologische Erklärung. Blutgefäße...", wollte er gerade erläutern, doch sie unterbrach ihn mit einer wegwischenden Handgeste.
„Nein, nicht die blauen Flecken. Wieso hast du mich nicht einfach fallen lassen? Es wäre das typische Malfoy-Verhalten gewesen."
Bei diesen Worten wich die Freundlichkeit aus seinem Gesicht. Seine Lippen pressten sich zu einer dünnen weißen Linie zusammen.
„Der ‚typische Malfoy'", sagte er schließlich mit kalter Stimme, „würde auch ‚Schlammblut' zu dir sagen. Er würde jetzt nicht hier stehen und sich so mit dir unterhalten."
Hermine blickte betreten zu Boden. Sie hatte ihn nicht verärgern wollen. Es schien ihn wirklich zu stören, auf sein Verhalten von früher angesprochen zu werden. „Tut mir leid", sagte er schließlich, als er ihren gesenkten Kopf sah. „Das wollte ich gar nicht sagen." Hermine sah wieder auf. Während sie überlegte, wie sie die Stimmung ein wenig aufheitern konnte, wanderte sie nervös durch den Raum. Aus dem Fenster heraus konnte nicht nur den sternenbedeckten Himmel betrachten, sondern auch die anderen Türme von Hogwarts sehen, unter anderem auch den Turm, in dem Wahrsagen stattfand. Hermine fand, das wäre ein gutes Gesprächsthema.
„Ich bin froh, dass ich Wahrsagen abgewählt habe", sagte sie schließlich, um das Schweigen zu brechen. „Es war mir einfach zu doof, in eine Kugel zu starren und dort etwas erkennen zu müssen." Draco nickte grinsend. „Das hätte ich mal auch tun sollen. Jede Stunde erzählt sie mir ‚Mr. Malfoy, ihre Zukunft ist ungewiss'. Nach einer Weile geht einen das echt auf den Geist." Hiernach schwiegen sie sich wieder eine Zeit lang an.
„Draco, wegen dem Kuss gestern Nacht... Es tut mir leid." Dieser drastische Themenwechsel verwunderte sowohl sie als ihn. Draco wich das Grinsen vom Gesicht. Doch Hermine fuhr ungerührt fort. „Ich wollte dich nicht so überfallen. Ich weiß nicht, was über mich gekommen war." Draco hatte sich abgewandt; er starrte nun wieder aus dem Fenster. ‚Bitte, sag etwas', flehte sie innerlich. ‚Irgendetwas.'
„Es tut dir leid?", fragte er schließlich leise. Sie blieb still. Was hatte diese Frage zu bedeuten? „Nun, mir jedenfalls tut es nicht leid." Wie erstarrt stand sie da. Meinte er das ernst?
„In letzter Zeit hat sich einiges für mich geändert. Ich habe mich verändert. Meine Gefühle haben sich geändert. Und besonders", dabei blickte er sie über seine Schulter hinweg an, „meine Gefühle für dich." Hermine glaubte kaum, was sie da hörte. Plötzlich fühlte sie sich, als würde sie vom Boden abheben, wie schon heute Mittag, nur das sie diesmal keine Panik fühlte.
Da! Da war es wieder! Dieses seltsame kribbelnde Gefühl in ihrem Bauch, was sie bereits gestern Nacht überfallen hatte. Hermine starrte ihn sprachlos an. Ihr Gehirn schien plötzlich langsamer zu arbeiten. Und als er sich plötzlich von seinem Platz am Fenster erhob, schien ihr Herz förmlich stehen zu bleiben, nur um in der nächsten Sekunde wie rasend zu schlagen. Langsam kam er auf sie zu. Hermine stand wie erstarrt da, auf das nun Folgende wartend. Er trat ganz dicht an sie heran, so nah, das sie seinen warmen Atem auf ihrer Wange spüren konnte. Er senkte seinen Kopf, so dass seine Lippen nur Zentimeter über ihren eigenen schwebten. „Warum tut es dir leid, Hermine?", fragte er sanft, während er ihr tief in die Augen blickte. „Nun, ich... ich glaube nicht, dass ich... so für dich fühle." Dabei starrte sie die ganze Zeit gebannt auf seine Lippen. Er lächelte leicht, was ihre Aufmerksamkeit wieder auf seine Augen lenkte. „Wirklich nicht?"
Damit senkte er schließlich seine Lippen, ganz langsam, und fing die Ihrigen in einem Kuss ein, der so süß und zärtlich war, dass sie sich fühlte, als würde sie im nächsten Moment zerspringen. Sacht glitt sein Mund über ihre Lippen und sie schlang ihre Arme um seinen Nacken, nur um ihn dichter an sich zu pressen. Die Zeit schien wie stehen geblieben, während sie alles um sich herum vergaßen. Nur der Mond und die Sterne waren Zeugen dieses heimlichen Kusses.
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Na, war das nicht superschnulzig? Aber es war trotzdem schön, es zu schreiben.
