Hochzeit mit Hindernissen
(Teil 10)
Ein Skandal im Krankenzimmer
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Sherlocks Lippen kräuselten sich leicht angewidert.
„DU wolltest dich unbedingt in diesen Schlamassel bringen! Nun sieh zu, dass du da auch alleine wieder rauskommst. Und wenn ich bitten darf – etwas zügig. Ich werde nicht tagelang daneben stehen und wortlos zu sehen, wie du versuchst, es ihr möglichst schonend…"
„Ich werde es ihr schon…" unterbrach John gereizt Sherlocks Tirade, doch dann verstummte auch er mitten im Satz, denn auf dem Flur vor seinem Zimmer waren Schritte und laute Stimmen zu hören.
„Wenn man vom Teufel spricht…", sagte Sherlock - wieder mit diesem unangenehmen Lächeln. Dann ging er zur Tür und entfernte den Stuhl unter der Türklinke.
„Sherlock!", mahnte John.
„DU hat ihren Namen laut ausgesprochen", gab Sherlock säuerlich zurück. „Damit hast du sie praktisch heraufbeschworen."
„Das ist doch völliger Blödsinn…", fuhr John ihn an, lauschte dann jedoch auf die Stimmen im Flur, die kontinuierlich näher gekommen waren, und die jetzt klar zu verstehen waren.
Mycrofts klar akzentuierte Stimme war selbst durch die Tür deutlich zu hören.
„Miss Morstan, ich kann Ihnen versichern…"
„Mister Holmes", klang Marys Stimme etwas gedämpfter in den Raum und Sherlock zog eine Grimasse, „wenn Sie nicht so-fort beiseite treten, garantiere ich für nichts!"
Sowohl John als auch Sherlock lauschten den weiteren Entwicklungen, die sich wie ein Hörspiel vor ihnen entfalteten, mit angehaltenem Atem und einer gewissen perversen Neugierde.
„Glaubst du…?", flüsterte Sherlock John zu.
„Psssst", machte John nur und horchte weiter.
„Es gibt absolut keinen Grund…" Mycrofts Stimme war anzuhören, dass er gestresst war.
„Ich brauche keinen Grund!", keifte Mary. „Ich will zu meinem Mann!"
„Zu Ihrem Verlobten", korrigierte Mycroft, ohne daran zu denken, was ihm diese Verbesserung der aufgebrachten Braut vor wenigen Tagen eingebracht hatte. „Falls er das überhaupt noch ist…"
Johns Augenbrauen hoben sich und er warf Sherlock einen fragenden Blick zu, den dieser mit einem Schulterzucken beantwortete.
„Okay – das reicht jetzt!", erklang Marys Stimme mit einer Ruhe, die unheilvoller zu sein schien, als ihr vorheriges Geschrei. „Ich habe zwar keine Ahnung, was Sie damit gemeint haben – aber ich gehe da jetzt rein. Und Sie werden mich nicht daran hindern!"
„Miss Morstan, das ist nun wirklich nicht… AU!"
Bei Mycrofts Schmerzenslaut erhellte sich Sherlocks Gesicht mit einem schadenfrohen Grinsen.
„Mary – nicht doch!"
Johns Stirn furchte sich. Das war doch Gregs Stimme gewesen? Warum war er auch hier? Doch bevor er dieser Frage weitere Beachtung schenken konnte, flog die Tür auf und seine Verlobte stand auf der Schwelle.
Im Hintergrund stand Mycroft auf einem Bein, das Gesicht eine schmerzverzerrte Grimasse.
Sherlock deduzierte mit sensationslüsterner Befriedigung, dass Miss Morstan seinem Bruder ihren Pfennigabsatz zielgenau in seinen großen Zeh gerammt hatte.
„John… oh, John", rief Mary mit wässriger Stimme erleichtert aus und machte zwei Schritte in den Raum hinein. Dann bemerkte sie Sherlock. Ihr Gesichtsausdruck wandelte sich. „Oh. Sherlock." Es war mehr eine kühle Feststellung, als ein Gruß. Ihr Blick flackerte zurück zu John. „John, was tut er hier?" Ihre Kopfbewegung zeigte eindeutig, dass sie sich auf Sherlocks Anwesenheit bezog.
John streckte seine Hand nach ihr aus und nach einem kurzen Zögern trat sie an sein Bett und legte ihre Hand in seine.
„Mary… ich weiß, das ist vielleicht ein ungünstiger Zeitpunkt…", fing John an, doch dann wusste er unter Marys fragendem Blick nicht mehr weiter.
Gott, er hatte geglaubt, diese Frau zu lieben, doch jetzt, da Sherlock wieder da war und seine Gefühle, sein ganzes Leben auf den Kopf gestellt hatte…
Jetzt wurde ihm klar, dass es nie mehr als eine tiefe, innige Freundschaft gewesen war, die er für Mary empfunden hatte und er schämte sich.
In einer fragenden, zärtlich-besorgten und so schmerzlich vertrauten Geste legte Mary ihre Hand an Johns Wange. Oft hatte sie ihn auf diese Weise berührt und jedes Mal war ein tiefer Trost von ihrer Berührung ausgegangen. Doch jetzt blieb John dieser Trost versagt. Ihre Freundlichkeit, ihre Zuneigung, ihr geduldiges, warmes Wesen drang nicht mehr unter seine Haut, sondern kratzte nur noch an der Oberfläche.
„Mary, ich…" fing John an, doch weiter kam er nicht.
„Ich würde es vorziehen, wenn Sie Ihre Finger von meinem… von John lassen würden", erklang Sherlocks schneidend kalte Stimme und sowohl Marys als auch Johns Kopf flogen entsetzt und empört zu ihm herum. „Sie können darüber hinaus Ihre Verlobung als gelöst betrachten", fuhr Sherlock ungerührt und unerbittlich fort.
Johns Augen schossen Blitze, die Sherlock jedoch völlig ignorierte, während sich Mary geschockt an ihren Verlobten wandte.
„Was… John?", stammelte sie und John hörte an ihrer etwas zu hohen Tonlage, dass zu einem hysterischen Anfall nicht mehr viel fehlte. „Was hat er da gerade gesagt?"
„Mary, ich…" fing John an und wusste wieder nicht weiter. Er streichelte ihr begütigend die Hand, doch sie entzog sie ihm abrupt.
„Was – zur Hölle – geht hier vor?", schrie sie mit spitzer Stimme.
„Nicht sehr damenhaft, ihre Ausdrucksweise", warf Sherlock mit herablassender Arroganz ein. „Jetzt mal im Ernst, John – was hast du nur an ihr gefunden?"
„Sherlock!", rief John zornig und aufgebracht aus.
„Darüber hinaus neigt sie durchaus zu Gewalttätigkeiten", pflichtete Mycroft – der immer noch leicht humpelte – seinem Bruder bei.
Hinter Mycroft trat nun auch Lestrade in den Raum, der sich seither im Hintergrund gehalten hatte.
„Hey! Gentlemen!", versuchte er, die Situation wieder unter Kontrolle zu bringen.
Mary fuhr herum.
„Das muss ich mir von keinem von euch bieten lassen!", brauste sie auf. „John…" Sie drehte sich wieder zu ihrem Verlobten um, und erstarrte. Der Blick, den ihr Verlobter und sein Freund hinter ihrem Rücken getauscht hatten und dessen Zeuge sie dank ihrer plötzlichen Drehung geworden war, war kein Blick gewesen, wie ihn bloße Freunde einander schenkten. „Oh nein…", flüsterte sie geschockt. „John… sag, dass das nicht wahr ist…" Ihre Knie gaben nach und sie hielt sich automatisch an Johns Bett fest.
Im Nu war John aus seinem Bett gesprungen und hatte – seiner blutenden Wunde ungeachtet – seine Arme um sie geschlungen um zu verhindern, dass sie stürzte. Er war sich dabei Sherlocks missbilligendem Blick völlig bewusst und es scherte ihn kein bisschen.
„Okay – alle Mann sofort raus hier!" kommandierte John und fasste jeden der Anwesenden scharf ins Auge. Obwohl er lediglich mit diesem lächerlichen Krankenhaus-Flügelhemdchen bekleidet war, war in den Gesichtern der anderen Männer doch nur widerwilliger Respekt zu lesen. „Ich will mit meiner… mit Miss Morstan alleine sprechen."
Lestrade zog sich als Erster widerspruchslos zurück, Mycroft folgte ihm stumm, nur Sherlock verharrte auf seinem Platz.
„John, du…"
John riss nun endgültig der Geduldsfaden.
„Ich sagte: ALLE!", presste er mühsam beherrscht zwischen zusammengebissenen Zähnen hindurch. „Hörst du schlecht, Sherlock?!"
Sherlock wirkte über diese Zurechtweisung erschüttert – er schien sie nicht erwartet zu haben. Unschlüssig blickte er zur Tür hin, in der noch sein Bruder stand.
„Komm…", sagte Mycroft leise und nickte kurz in Richtung Flur.
Unwillig und widerstrebend bewegte sich Sherlock auf Mycroft zu, der die Türe hinter sich ins Schloss zog, als alle drei Männer den Raum verlassen hatten.
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„Warum musstest du dich einmischen, Mycroft?", fuhr Sherlock seinen Bruder an, kaum, dass sich die Tür hinter ihnen geschlossen hatte. „Wenn ich nicht dabei bin, wird sie ihn überreden, dass er sie wieder zurücknimmt!"
Mycroft musterte ihn ruhig.
„So wenig Vertrauen in die Standhaftigkeit deines…" Sein Blick glitt an Sherlock auf und ab. „Deines Bloggers?", fragte er schließlich mit einem leicht anzüglich-arroganten Lächeln.
Sherlock musterte ihn verdrossen.
„John hat ein viel zu weiches Herz."
Dieser Erwiderung gönnte Mycroft ein halbes Schulterzucken.
„Von diesem weichen Herz hast du auch schon profitiert. Immerhin hat er dir ohne großes Federlesen vollständig verziehen. Ich hoffe, du hast die Gelegenheit, die ich dir verschafft habe, endlich genutzt und dich ihm erklärt?"
Sherlock rollte genervt mit den Augen und fing an, auf dem Flur hin- und herzulaufen.
„Du weißt sehr gut, dass wir gerade… intim waren", schleuderte er Mycroft mit einem giftigen Seitenblick zu. „Also frag nicht so dumm. Natürlich habe ich ihm alles gesagt", schloss er mit deutlicher Herablassung.
„Du wärst nicht der Erste, der bedeutungslosen Sex hat", erklärte Mycroft gelangweilt.
Sherlock bremste abrupt ab und blieb stehen.
„Es hat etwas bedeutet", antwortete er mit kühler Würde. „Mehr musst du nicht wissen."
„Dann verstehe ich deine Bedenken nicht", entgegnete Mycroft ungerührt. „Er wird zweifellos die richtigen Worte finden, um ihr die Situation zu erklären und die Verlobung zu lösen."
Diesen Moment wählte Lestrade, um sich wieder in Erinnerung zu bringen. Die ganze Zeit über hatte er stumm auf einem der Stühle im Flur gesessen und den Wortwechsel der beiden Brüder mit wachsender Verwirrung verfolgt. Nun jedoch stand er auf.
„Moment mal…", fragte er langsam. „Einen Augenblick. Auszeit. Wie war das gerade?" Sein irritierter Blick fiel auf Sherlock. „Du und John… ihr…"
Sherlock unterbrach ihn ungeduldig.
„Wie genau müssen Sie es wissen, um es zu begreifen, Lestrade? Genügt der Euphemismus Körperflüssigkeiten ausgetauscht oder ist Ihnen ein wir haben einander erkannt - im biblischen Sinne - angenehmer?"
Lestrade riss ungläubig die Augen auf und griff haltsuchend nach der Wand. Mycroft schob ihm ungewöhnlich entgegenkommend einen Stuhl zu, worauf sich Lestrade dankbar fallen ließ. Nach einem kurzen, prüfenden Blick auf den Inspector, schraubte Mycroft den Griff seines allgegenwärtigen Regenschirms ab.
Überrascht beobachtete Sherlock wie am Ende des Griffes – normalerweise im Inneren des Schirms verborgen – ein kleines Behältnis, einem Reagenzglas nicht unähnlich, zum Vorschein kam. Der Kork-Verschluss - welchen Mycroft nun abzog - war mit dem Ende des Griffs verbunden. Mycroft reichte Lestrade das Reagenzglas, in dem eine bernsteinfarbene Flüssigkeit sachte vor sich hin schwappte und fragte: „Whiskey?"
„Danke", sagte Lestrade erschöpft, nahm das Reagenzglas entgegen, setzte es an seinen Lippen und nahm einen kräftigen Schluck.
„Das ist also in deinem Regenschirm!", brach es unvermittelt aus Sherlock heraus.
Mycroft musterte ihn herablassend.
„Was dachtest du denn? Ein Stilett? Ein Gewehr?" Er schüttelte indigniert den Kopf. „Ich bin doch nicht James Bond."
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Fortsetzung folgt…
Spazierstöcke mit Schnapsbehälter gibt es wirklich…
Es gibt sie zwar nicht bei Regenschirmen, aber nehmen wir einfach mal an, es war eine Sonderanfertigung für Mycroft.
