Erneutes Misstrauen

„Harry? Harry!" Jemand rüttelte an der Schulter des Jungen. Harry grunzte und wollte sich auf die andere Seite rollen, doch sein Kopf schlug gegen etwas Hartes. Ein wenig verwirrt, öffnete Harry die Augen einen Spalt breit und das, was er sah war keines Wegs sein Himmelbett im Gryffindorturm aber auch nicht der Krankenflügel. Er sah die Sterne über sich.

Jetzt erst bemerkte er, den dunklen Schatten neben sich. Erschrocken richtete er sich auf.

„Hey, langsam Junge!" beruhigte ihn die Person. Harrys schlaftrunkener Verstand identifizierte sie als Professor Firewood.

„Professor!" rief er, „es tut mir Leid, ich muss wohl eingeschlafen sein!"

„Das bist du!" stimmte Salma dem Jungen zu, „Severus macht sich Sorgen, weil du nicht beim Abendessen erschienen bist und weder Ron, noch Hermine wussten, wo du steckst"

Harry brummte nur mürrisch. ‚Soll er sich doch Sorgen machen!' ging es ihm durch den Kopf.

„Na komm, hoch mit dir, für die Nacht unter freiem Himmel ist es inzwischen zu kalt geworden!" sagte Salma und reichte Harry die Hand, um ihm beim Aufstehen zu helfen.

„Danke!" sagte Harry und zog sich hoch. Seine Knochen protestierten ein wenig. „Ist auch etwas zu hart hier!" bestätigte er und rieb sich die Schulter, auf der er gelegen hatte.

„Salma?" drang nun eine weitere Stimme zu ihnen. Sie gehörte ohne Zweifel Severus.

„Ja, wir sind hier oben!" rief sie zurück und wenige Augenblicke später tauchte Professor Snape bei dem Stufen zum Turm auf.

„Da bist du ja endlich! Was hast du dir nur dabei gedacht! Einfach zu verschwinden, ohne jemanden Bescheid zu geben! Du solltest schon längst in deinem Gemeinschaftsraum sein!" herrschte Severus den Jungen an.

Harry blickte finster zurück.

„Du hättest dich erkälten können. Willst du etwa das ganze Schuljahr im Krankenflügel verbringen!" schimpfte Severus weiter.

„Severus, er hatte nicht vor hier zu übernachten, er ist einfach eingeschlafen!" kam Salma Harry zu Hilfe.

„Natürlich war es nicht Absicht. Es ist ja nie Absicht, wenn wieder einmal etwas passiert!" polterte Severus weiter.

In Harry fing es an zu brodeln. Ein altvertrautes Gefühl kam in ihm hoch „ICH HASSE DICH!" brüllte er seinen Adoptivvater an und wollte an ihm vorbei rennen, doch Severus hielt ihn fest.

„Nein, dass tust du nicht!" rief Severus bestimmend und festigte seinen Griff um Harrys Arm, als dieser versuchte frei zu kommen.

„DOCH, TU ICH WOHL!" brüllte Harry erneut, jedoch war es wenig überzeugend, weil plötzlich dicke Tränen über sein Gesicht kullerten, die im Mondlicht silbrig glänzten.

Mit der zweiten Hand fuhr Severus nun zum Gesicht des Jungen und wischte die Tränen weg. „Nein, tust du nicht!" wiederholte Severus nun mit sanfter Stimme und blickte Harry tief in die Augen. Dann zog er den Jungen an sich und drückte ihn fest. Harry fing an zu heulen wie ein kleines Kind, schließlich nuschelte er in Severus Umhang: „Es tut mir Leid!"

Seine eigenen Worte schnürten ihm sein Herz zu. Natürlich hasste er Severus nicht. Aber er hatte Angst bekommen, dass sein Adoptivvater plötzlich wieder in die alte Snape-Rolle fallen würde.

„Nein, mir tut es Leid!" sagte Severus und strich Harry durchs Haar. „Ich hätte dich nicht so anfahren sollen. Alte Gewohnheiten legt man nicht so schnell ab!"

Daraufhin erwiderte Harry Severus Umarmung und drückte sich fester an ihn. Und zum ersten Mal spürte Severus die Angst des Jungen. Die Angst ihn wieder zu verlieren. Er hätte nicht gedacht, dass Harry ihm gegenüber so viel Gefühl entwickeln würde.

Ein plötzliches „Hmm kmm" ließ die beiden zusammen fahren. Salmas Anwesenheit hatten sie völlig vergessen.

„Ich denke, wir sollten rein gehen. Es ist nicht gerade warm hier oben!" meinte sie mit amüsierter Stimme.

„Gute Idee!" stimmte Severus ihr zu und löste seinen Griff um den Jungen.

Harry blickte fragend hoch. Severus brauchte keine Legelimentik um die Frage erraten zu können.

„Ich hab ihr alles gesagt!" erklärte er. Harry zog verwundert die Augenbrauen hoch. Dann sah er zu Professor Firewood und anschließend wieder zu Sev und schließlich breitete sich ein Grinsen auf seinem Gesicht aus.

„Es ist nicht wie du denkst!" rechtfertigte sich Severus, dem Harrys Blick nicht entgangen war.

„Ach nein?" fragte Harry grinsend.

„Na los! Runter da!" rief Severus mit gespielter strengen Miene und schubste Harry in Richtung der Treppen.

„Bist du sicher?" flüsterte Salma Severus ins Ohr, als sie sich ebenfalls an ihm vorbei und die Treppen hinunter begab.

Ein seltsames Kribbeln rannte dem Professor den Rücken runter. Dann musste selbst er grinsen, wohl wissend, dass es niemand sah.

Die erste Krise hatten Harry und Severus hinter sich gebracht. Das fliegende Motorrad wurde nicht mehr erwähnt. Harry verstand Severus Handlungsweise und akzeptierte sie und Severus war nun Harrys Angst bewusst. Und dennoch wussten beide, dass es nicht die letzte Krise war.

Am Wochenende kam Mira Hackbonn vorbei. Sie war sehr erfreut Harry bei bester Gesundheit vor zu finden. Sie fragte den Jungen über die beiden Unfälle aus und wollte wissen, wie sich Severus verhalten hatte. Harry mochte die Fragen nicht und seine Abneigung der Frau gegenüber wurde immer größer. Er atmete erleichtert durch, als sie endlich abzog.

Danach hatte Harry das Bedürfnis nach Severus zu sehen. Er ging zu seinem Büro und klopfte. Doch es antwortete niemand. Verwundert überlegte Harry, was er tun sollte. Dann sah er den Korridor auf und ab. Nachdem niemand zu sehen war, öffnete er die Tür. „Sev?" fragte er und streckte den Kopf rein. Das Büro war leer.

Harry trat nun ganz ein und schloss die Tür hinter sich wieder. Er wollte hier auf seinen Adoptivvater warten. Er setzte sich auf den Stuhl und ließ seinen Blick umher wandern. Dabei entdeckte er einen Wandschrank, der massive Holztüren hatte. An sich nichts Besonderes. Jedoch hatte Severus sonst lauter Regale, wo man auf einen Blick sehen konnte, was darauf stand. Der Wandschrank hingegen war zu.

Was war wohl da drinnen? Harry spürte die Neugierde aufflammen. Nur sein Gewissen hielt ihn auf seinen Platz. Er hatte schon oft genug Severus Privatsphäre verletzt.

„Buh!" ließ eine Stimme Harry einen gewaltigen Satz in die Höhe machen. Violetta war plötzlich aufgetaucht und lachte sich nun kaputt über Harrys schwache Nerven. „Was willst du?" brummte Harry beleidigt über den Scherz.

„Hast du schon nachgedacht? Wegen der Kammer?" wollte das Mädchen wissen.

„Nein, hatte noch keine Zeit mit Hermine darüber zu reden" meinte Harry.

„Wieso musst du mit ihr darüber reden?" fragte Violetta verdutzt.

„Sie ist meine Freundin und sie weiß eine Menge über das Schloss. Sie ist die einzige die ich kenne, die ‚Die Geschichte Hogwarts' gelesen hat." erklärte Harry.

„Aber Löwenzahn! In dem Buch steht doch nichts über Godric Gryffindors Schatzkammer. Das könnte dann doch jeder lesen!" gab Violetta zu bedenken.

„Und wie hast du dann darüber erfahren?" wollte Harry wissen.

„Hab lange geforscht und kleine Hinweise zusammen getragen. Inzwischen habe ich keine Zweifel, dass die Kammer existiert. Wenn du willst, zeige ich dir, was ich rausfinden konnte. Die Hinweise sind in meinem Versteck" erklärte das Mädchen.

„Ich weiß nicht!" sagte Harry und kratzte sich am Hinterkopf.

„Was weißt du nicht? Mit wem redest du?" fragte nun eine dritte Stimme. Severus stand am Eingang zu seinem Büro und sah nun etwas skeptisch zu Harry.

„Sev!" rief Harry überrascht. Dann blickte er zu Violetta. Sie stand immer noch hier, doch Severus schien sie noch nicht bemerkt zu haben.

„Alles in Ordnung?" fragte Severus verduzt.

„Ja!" sagte Harry und sah zwischen Severus und Violetta hin und her. Violetta schüttelte den Kopf heftig und fing an wild herum zu fuchteln. Harry runzelte die Stirn.

„Er kann mich nicht sehen!" erklärte sie schließlich.

„Oh!" entfuhr es Harry. Dann sah der Junge langsam zu seinem Adoptivvater der ihn noch immer irritiert ansah.

„Bist du sicher, dass alles in Ordnung ist?" fragte Severus und legte eine Hand auf Harrys Stirn.

„Mir gehst gut!" bestätigte Harry und schob Severus Hand weg.

„Und mit wem hast du geredet?" fragte Severus weiter und blickte an dieselbe Stelle, auf die Harry geschaut hatte.

„Ähm… mit niemanden. Ich führe Selbstgespräche!" erklärte Harry und versuchte Violette nun zu ignorieren. Was gar nicht so einfach war, da sie nun vor sich hin kicherte.

„Na schön" sagte Severus und wechselte das Thema, „War die Hackfrau schon da?"

„Yep!"

„War irgendwas, was ich wissen sollte?" fragte Severus weiter.

„Nein. Nur dass ich die Frau nicht mag!" gestand Harry.

„Na, dann sind wir schon zwei!" brummte Severus und lächelte schwach.

Harry lächelte zurück. Jedoch fühlte er sich von Violetta beobachtet, und beschloss lieber zu gehen. Er stand auf und meinte: „Ich geh dann mal. Hab noch ein paar Aufgaben zu erledigen!"

Severus warf Harry einen prüfenden Blick zu. Er wusste nicht wieso, aber er merkte dass Harry irgendwie nervös schien. „Ist wirklich alles in Ordnung?" fragte er schließlich.

Harry nickte nur und verschwand dann eilig. Severus sah ihm kopfschüttelnd nach. Irgendwas hatte Harry, dass spürte er. Und es gefiel ihm gar nicht. Ob der Junge schon wieder etwas ausheckte? Misstrauisch blickte er zur Tür.

„Du hättest mir gleich sagen können, dass nur ich dich sehen kann! Sev denkt jetzt sicher, dass ich verrückt bin!" rief Harry verärgert, als er den Gang entlang Richtung Bibliothek ging.

Wie erhofft fand er Hermine dort in einem Buch vertieft. Ron saß mit gelangweilter Miene daneben und starrte vor sich her.

„Hi!" begrüßte Harry seine Freunde.

„Hi!" grüßten Hermine und Ron im Chor. Hermine sah jedoch nicht auf.

„Was ließt du da?" fragte Harry.

„Was? Oh!" nun endlich ließ Hermine das Buch sinken, „nichts Besonderes. Nur Geschichten über die Gründer der Schule."

Harrys Augen wurden groß. Konnte das etwa ein Zufall sein? Verwundert sah er zu Violetta, die noch immer an seiner Seite klebte. Doch diese hob die Schultern und blickte unschuldig zurück.

„Steht da was über die Kammer drinnen?" fragte Harry neugierig.

„Ja, aber nur gerüchteweise. Er steht auch, dass niemand sie je gefunden hat." erzählte Hermine.

„Nicht sehr aktuell das Buch!" stellte Ron fest.

„Natürlich nicht. Es ist ja schon vor 70 Jahren geschrieben worden. Bis dato wurde die Kammer ja noch nicht geöffnet. Nicht einmal von Riddle!"

„Aber von Grindelwald!" mischte sich Violetta ein, obwohl sie niemand außer Harry hören konnte.

„Steht da auch was über Godric Gryffindors Kammer drinnen?" fragte Harry beiläufig.

„Gryffindors Kammer? Nein, davon hab ich noch nie was gehört bzw. gelesen. Wie kommst du darauf, dass es eine gibt?" fragte Hermine Stirn runzelnd.

„Wieso sollte er keine haben. Denkst du nur Slytherin kann geheime Kammern bauen?" konterte Harry.

Ron der nun auch Interesse am Gespräch gefunden hatte, setzte sich plötzlich auf: „Ja genau. Gryffindor hat doch sicher auch eine Kammer. Und sicher ohne einem Monster darin."

„Jungs, dazu gibt es keinerlei Aufzeichnungen, nicht einmal gerüchteweise. Von der Kammer des Schreckens jedoch gibt es viele Geschichten" gab Hermine zu bedenken, der das Thema etwas weit hergeholt erschien. „Und selbst wenn es eine geben sollte. Wird sie sicher genau so versteckt sein, wie die Kammer des Schreckens. Und ohne Hinweise werden wir sie sicher nicht finden."

„Schlaues Mädchen!" gestand Violetta.

Harry hätte beinahe vergessen, dass sie auch da ist und sah nun erschrocken zu ihr.

„Ist was?" wollte Ron wissen.

„Nein, nichts!" sagte Harry schnell.

Hermine, die davon nichts mit bekam, meinte unbeirrt. „Aber wenn es euch so interessiert. Dort hinten ist die Abteilung ‚Geschichte' Vielleicht findet ihr dort ja ein Buch in dem etwas darüber steht."

„Nein, danke!" sagten Harry und Ron gleichzeitig.

Hermine schüttelte nur ihren Kopf und vertiefte sich erneut in dem Buch, dass auf ihrer Schoß lag.

„Und? Soll ich dir jetzt meine Aufzeichnungen zeigen!" fragte Violetta.

„Ok!" sagte Harry und stand auf.

„Wo gehst du hin?" wollte Ron wissen und war ebenfalls aufgestanden.

„Ähmmm… zu Professor Snape!" log Harry schnell um sicher zu gehen, dass Ron nicht mitkam.

„Oh!" sagte dieser enttäuscht und ließ sich wieder lustlos in den Sessel zurück plumpsen.

„Wir sehn uns!" rief Harry und verließ die Bibliothek wieder.