Ein Strolch zum Verlieben
Fanfiction von Slytherene
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Liebe Lesende!
Danke
schön für Eure Reviews, Ihr wisst ja, Brot des
Fanfiction-Autoren, blalaberschwätz. Nein, ganz ehrlich, es
macht ja deutlich mehr Spaß, Kapitel on zu stellen, wenn sie
auch jemand liest und ein Feedback gibt.
So
wie Ihr: Lina, MissMoony, Annchen und Cara . Danke!
Ein großes Dankeschön auch an meine liebe Betaleserin TheVirginian, die jedes Mal meine vielen Zeichensetzungsfehler ausbügelt und mir in Giftgrün verzweifelt KEIN KOMMA in die Word-Manuskripte schreibt ;-)
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Normalisiert
sich Remus' Leben? Sieht fast so aus. Kann sich jemand vorstellen,
dass die böse Slytherene ihn in Ruhe ein neues Leben aufbauen
lässt?
Nein? Wie kommt das nur?
Hihi, also, schauen wir mal,
welche Wirrungen ihm diesmal alles schwerer machen, als es sein
müsste, oder ob er sich mal wieder selbst im Wege steht.
11. Annäherungsversuche
Als Remus eine Stunde später in den Laden kam, stellte er erstaunt fest, dass das Bett im Hinterzimmer nicht gemacht war. Gianni lümmelte auf der Couch und las ein Buch, neben sich eine Packung Schokokekse, einen Kopfhörer auf den Ohren.
Er würdigte Remus nicht eines Blickes, und Remus entschied, dass er lieber warm duschen als die Laune des Maskenbildners erforschen wollte. Doch er hatte das Wasser gerade angestellt, als Gianni auftauchte und den Duschvorhang wegzog.
„Was soll das denn?" fragte Remus, mehr erstaunt als verärgert. Das permanente Fehlen einer Badezimmertür hatte ebenso wie Giannis unbefangener Umgang mit jeder Art von Nacktheit bereits dafür gesorgt, dass Remus' Empfindlichkeiten sich deutlich vermindert hatten.
„Ich wollte nur mal sehen, ob du Knutschflecke…heiliger Merlin!" rief Gianni aus, als er die Kratzer, Hämatome und aufgerissenen Hautstellen an Remus' Körper sah. Der Wolf hatte ordentlich getobt, als er zunächst nicht aus dem Verschlag entkommen konnte. Dies hatte Remus bereits bei einem flüchtigen Blick in den Spiegel festgestellt.
Jetzt aber griff er schlagartig nach Giannis Handgelenk und zog ihn halb in die Dusche hinein.
„Was hast du da gerade gesagt?" schrie er ihn an.
„Dass ich nach Knutschflecken…au, lass los, sag' mal spinnst du?" rief Gianni empört.
Remus lockerte den Griff um sein Handgelenk, auf dem sich sofort Druckstellen bildeten. „Du langst schon fast so zu wie Jimmy", beschwerte sich Gianni.
„Nein", keuchte Remus. „Nicht das mit den Knutschflecken, obwohl es dich eigentlich auch nichts angeht. Das vorher."
„Was für'n Vorher?" fragte Gianni irritiert.
„Du hast ‚heiliger Merlin' gesagt." Remus' Blick bohrte sich in Giannis Augen auf der Suche nach einem Stückchen Blau, nach diesem winzigen Fleck Himmel, den er so sehr vermisste.
„Heiliger Merlin, Bimbam oder Klabautermann, ist doch egal", protestierte Gianni und befreite nun endgültig sein Handgelenk.
„Ist es nicht!" knurrte Remus.
„Du sagst das ständig!" beharrte Gianni. „Freie Heilige für freie Giannis, meine Güte, was bist du zickig heute!"
„Ich bin nicht…", brüllte Remus, um im nächsten Moment zu verstummen. Gianni hatte ihm den Mund mit einem schnellen Kuss verschlossen. Weiche Lippen an Remus' aufgeplatzten, eine Zunge, die sanft über seine Zähne glitt, die vor Stunden noch Reißzähne gewesen waren und schlanke Hände, die ihn an den Schultern sacht hielten. Sprachlos starrte Remus in die grünen Augen des Dunkelhaarigen, der jetzt von ihm abließ und ihn unsicher ansah.
„Nein", sagte Remus leise. „Oh bitte, nein, Gianni. Ich… ich kann das nicht."
Gianni hielt seinen Blick noch für ein paar Sekunden, als suche er etwas in Remus' Augen. Dann drehte er sich um und verließ wortlos das Bad.
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Als Remus zehn Minuten später mit flauem Gefühl im Magen in die kleine Küche zurückkehrte, war Gianni verschwunden. Thalia, deren Zettel an Gianni, dass sie noch Ware einkaufen würde und er bitte den Laden hüten möge, auf dem Tisch lag, war noch nicht wieder da. Auch von Strolch fehlte jede Spur. Als die Ladenglocke ertönte, ging Remus in den Verkaufsraum und bediente die Kundin, die er bereits vom Sehen kannte. Weitere Kunden kamen, und Remus beriet sie, soweit es ihm möglich war. Er stellte fest, dass er mittlerweile einiges von dem, was Thalia oder gelegentlich Gianni zu erklären pflegten, aufgeschnappt hatte. Sowohl über das Teeprojekt in Südindien als auch über die papierschöpfenden Mönche in Nepal konnte er Auskunft geben.
„Hey, hallo Remus", begrüßte ihn Thalia, als sie gegen sechs kam. „Was tust du denn hier? Wo ist Gianni?"
„Er musste noch mal weg", antwortete Remus wahrheitsgemäß.
„Danke, dass du ausgeholfen hast", sagte sie und stellte die Tüten und Kisten zur Seite, die Remus ihr noch nicht abgenommen hatte.
„Du bist ja beladen wie ein Packesel", sagte er lächelnd.
„Im Fahrradanhänger ist noch mehr", erwiderte sie, und Remus ging rasch hinaus, um die übrigen Pakete zu holen.
Thalia musste unterdessen einen Blick auf die Rechnungsnotizen geworfen haben, denn als Remus herein kam, sagte sie: „Du hattest ja richtig zu tun hier. Tut mir Leid, wenn ich gewusst hätte, dass Gianni..."
„Ist schon in Ordnung", sagte er.
Thalia musterte ihn nachdenklich. „Du siehst nicht gut. Zwar nicht so blass wie nach deiner letzten nächtlichen Tour, aber trotzdem. "
Er lächelte flüchtig. „Dafür bist du umso schöner." Es war heraus, bevor er den Worten Einhalt gebieten konnte. Verdammt, er sprach doch sonst nie, ohne vorher nachzudenken.
Sie errötete bis unter die Haarwurzeln. Mit wenigen Schritten war Remus bei ihr. Sie wich nicht zurück. Sie standen so nah voreinander, dass er ihren Atem warm auf seinem Gesicht spüren konnte. Sie atmete schnell, und die Luft zwischen ihnen schien zu vor Spannung flirren. Remus spürte, wie ein heißes Sehnen durch seinen Leib raste, das in der Nähe seines Magens begann und sich sehr schnell zwischen seinen Lenden beinahe schmerzhaft hart manifestierte. Und er wusste, er würde diese Sehnsucht, sie zu berühren, nicht beherrschen können.
Doch auch Thalia schien wenig geneigt, ihm Einhalt zu gebieten. Unter ihrer Bluse zeichneten sich ihre Brustwarzen überdeutlich ab, ihre Augen waren groß und dunkel vor Begehren und Remus, dem der Wolf noch nah war, konnte ihre Erregung förmlich riechen.
Er streckte eine Hand nach ihr aus, und unter Aufbietung seiner äußersten Beherrschung berührte er sie sacht mit den Fingerspitzen an der Wange, anstatt sie grob und hungrig an sich zu ziehen.
Ein freudiges Bellen ließ die immense Anspannung platzen wie eine Seifenblase. Remus erschrak heftig und prallte von Thalia zurück, deren Gesicht plötzlich kreidebleich geworden war. Ein riesiger Schatten verdunkelte die Tür, und dann stob Strolch ins Zimmer und sprang laut kläffend und heftig mit dem Schwanz wedelnd erst an Remus, dann an Thalia auf und ab und zwischen ihnen hin und her. Jimmy folgte dem kleinen Mischling und nickte ihnen gut gelaunt zu.
„Hey, ihr zwei, da sind wir."
„Das ist weder zu übersehen, noch zu überhören", sagte Remus rasch und versuchte ein unverbindliches Lächeln. Es gelang einigermaßen, obwohl sein Herz immer noch in rasendem Tempo Adrenalin durch seine Venen pumpte.
Remus erfuhr, dass Jimmy den Nachmittag über auf Strolch aufgepasst und ihn wieder mit auf seine Tour genommen hatte. Während Jimmy allerlei Erlebnisse aus den letzten zwei Tagen zum Besten gab, verschwand Thalia in der kleinen Küche, um das Abendessen vorzubereiten. Sie aß schließlich mit ihnen im Laden, wobei sie immer wieder zwischendurch aufstand, um letzte Kunden zu bedienen.
„Wo ist denn Leo?" erkundigte sich Remus, an Jimmy gewandt.
„Der hat heute Abend einen Auftritt in einem Atelier für Moderne Kunst. Thalia wird bestimmt auch gleich dorthin fahren. Interessiert es dich? Zuschauer sind immer Mangelware, ein paar Claqueure könnte er sicher gut gebrauchen."
„Nein, eher nicht", erwiderte Remus. Hurzende Lämmer mit Gequietsche waren nicht wirklich nach seinem Geschmack.
„Könnt ihr noch aufpassen für zwanzig Minuten?" fragte Thalia, den Kopf durch den Vorhang gestreckt.
„Na klar doch. Mach dich hübsch", antwortete Jimmy lachend. „Wo ist eigentlich unser Giannissimo?"
„Im Theater, vermute ich", sagte Remus.
„So früh?" zweifelte Jimmy.
Remus zuckte die Achsel. Er wusste es nicht genau, aber er hatte keine Lust, Jimmy von dem Vorfall in der Dusche zu berichten. Das war auch gar nicht notwendig, weil Jimmy ihn ungefragt über alle Neuigkeiten aus dem Theater unterrichtete und damit die Konversation ganz alleine bestritt. Welche Nebendarstellerin etwas mit dem einzigen nicht schwulen Visagisten hatte, und welches Starlet sich an den Regisseur heran gemacht hatte, und sogar über den neuen Freund des Küchenchefs wusste er Bescheid.
Kunden kamen nicht mehr, aber nach einer Weile erschien Thalia, um sich Geld für die U-Bahn aus der Kasse zu nehmen.
„Niemand wird auch nur einen Blick für Leo übrig haben", hörte Remus Jimmy, wie er Thalia neckte. Remus konnte nicht widerstehen, seine Neugier auf Thalias Ausgehkleid war zu groß.
Nur einen Atemzug später wünschte er, er hätte diesem Drang nicht nachgegeben: Sie trug ein kurzes, enges Kleid über farblich passenden grünen Wollstrumpfhosen, dazu hochhackige schwarze Stiefel und einen weiten schwarzen Mantel. Ihr Haar war nur mit ein paar Spangen nachlässig hoch gesteckt; lange leuchtendrote Strähnen ringelten sich um ihr helles Gesicht. Gleichzeitig wirkte sie froh und erwartungsvoll, und Remus spürte, wie ihn ein kaltes und gleichzeitig brennendes Gefühl durchströmte. Er war eifersüchtig, dass ihre gute Laune nicht ihm galt, sondern dem Abend mit Leo. Was in aller Welt hatte dieser Kerl, dass er Thalia so fesselte? Am liebsten hätte er sie gegen die Wand gestoßen, festgehalten und sie angeschrieen: Bleib hier, du gehörst nicht zu ihm, ich will, dass du mir gehörst – oder sonst irgendwas Dummes.
Merlin sei Dank war Jimmy da, der Thalia fröhlich „viel Vergnügen" wünschte und leise die Tür hinter ihr schloss.
Über sich selbst zutiefst erschrocken, ließ sich Remus auf einen der Stühle am Tisch sinken. Die berüsselten Harpyen auf dem Nebenstuhl starrten ihn aus roten Augen hämisch an. Er verbarg das Gesicht hinter seinen Händen.
Eine große Hand legte sich schwer auf seine Schulter, und eine Tasse mit Tee wurde vernehmlich vor ihn hin geschoben.
„Du hast Sorgen", sagte Jimmy schlicht.
„Oh ja", antwortete Remus. „Das trifft es ziemlich genau."
„Thalia", meinte der Hüne.
Remus nickte.
„Weißt du, wir lieben sie alle, aber sie ist nun mal mit Leo zusammen und lässt sich da nicht reinreden. Nicht, dass wir's nicht versucht hätten." Jimmy zuckte die Schultern.
Remus antwortete nicht. Er hätte Jimmy gerne gesagt, dass seine Gefühle für Thalia anderer als rein freundschaftlicher Natur waren. Er wusste jedoch zu wenig über die Loyalitäten in dem merkwürdigen Vierergespann. Es war klar, dass Gianni Leo lieber heute als morgen zum Teufel gejagt hätte, aber bei Jimmy war er sich nicht so sicher. Jimmy und Leo hatten einen guten Draht zueinander, und so intellektuell wie Leo auch immer tat, mit Jimmy traf er sich durchaus einmal, um sich einen Boxkampf oder Fußball anzusehen. Jimmy mochte nicht alles gut heißen, was Leo tat, insbesondere nicht im Bezug auf Thalia, aber er war doch dennoch mit ihm befreundet.
Und tatsächlich hatte der dünne Mann mit den kalten Augen durchaus Qualitäten. Er kümmerte sich mit Sorgfalt um die Finanzen des Ladens, und er war stets da, wenn Thalia jemanden zum Schleppen oder Heben brauchte. Remus war zwar nicht anwesend, wenn morgens Lieferungen kamen, aber aus den Gesprächen mit den anderen wusste er, dass Leo sich stets um die Anlieferungen kümmerte und die Waren ins Lager schaffte. Er kontrollierte die Qualität ebenso wie die Menge und war dabei peinlich genau. Er kümmerte sich Giannis Steuererklärung und um eine der Jugendmannschaften des kleinen Stadtteil-Fußballclubs, für den er sich auch als Schriftführer engagierte.
„Schau' mal", sagte Jimmy und riss Remus damit aus seinen Gedanken, „dein Hund will dir was sagen. Vermutlich merkt er, dass du unglücklich bist."
Strolch drückte Remus mit Hingabe die pelzige Schnauze auf die Knie.
„Vermutlich muss er mal raus", kommentierte Remus trocken.
Jimmy lachte. „Er war doch erst. – Pass auf, ich treff' mich heute Abend mit ein paar Kollegen zum Pokern. Du siehst aus, als könntest du'n bisschen Spaß vertragen. Komm' doch einfach mit."
„Danke nein", lehnte Remus höflich ab. „Das ist nett von dir, aber ich brauche Schlaf noch viel nötiger als Spaß. Mein Wecker geht morgen früh um viertel vor drei."
Remus war froh, als er nach einer Runde mit Strolch endlich in seinen Schlafsack schlüpfen konnte. Doch er kam nicht zu Ruhe, auch wenn es ihm gut tat, einfach nur im Dunkeln zu liegen, flach auf dem Rücken, und seine Muskeln zu entlasten.
Als er am nächsten Tag von der Arbeit im Paketzentrum zurückkehrte, hatte er einen Entschluss gefasst: Er würde ausziehen. Er konnte nicht länger in dem winzigen Zimmer hinter dem Laden mit Gianni zusammen hausen; nicht nach dem, was am Vortag zwischen ihnen geschehen war.
Er würde eine Weile brauchen, um etwas Geeignetes zu finden, aber das würde sich schon finden. Eine eigene Wohnung – oder zumindest ein Zimmer – hatte den weiteren Vorteil, dass er Thalia nicht mehr täglich sehen würde. Vielleicht würde er ruhiger werden, wenn ihr Duft ihm nicht ständig in der Nase hing und ihr Lächeln ihm nicht permanent den Kopf verdrehte, bis er nicht mehr denken konnte. Seine eigene aggressive Grundstimmung machte ihm Angst. Am Morgen hatte er einen Kollegen gepackt und gegen die Wand gepresst, weil dieser eine sehr unflätige Bemerkung über rothaarige Frauen gemacht hatte. Wo war der beherrschte Remus Lupin, der immer genau wusste, was er fühlen durfte und was nicht?
Als Remus am Nachmittag nachhause kam, saßen Thalia, Leo und Gianni um den kleinen Tisch im Hinterzimmer. Alle drei begrüßten ihn wie immer, Leo kühl, Thalia freudig und Gianni mit dem ihm eigenen Überschwang. Er schien vergnügt und entspannt, als wäre nichts geschehen und als wäre er in der letzten Nacht nicht fortgeblieben. Remus hatte die leere Couch am Morgen durchaus bemerkt.
„Wir müssen mit dir reden", begann Leo ohne Umschweife. Er schob Remus ein Blatt Papier mit einem Grundrissplan hin. Remus erkannte sofort den Laden, und er sah die Beschriftungen in dem Raum daneben, die etlichen länglichen Objekte den Begriff „Regal" oder „Bücherstand" zuordneten.
„Ihr wollt umbauen?" fragte Remus.
Thalia nickte zögernd. „Es wäre natürlich nicht sofort..." begann sie.
„..aber doch baldmöglichst", fiel ihr Leo ins Wort.
„Was denkst du, Remus?" fragte Thalia und ihr Blick trug Unsicherheit.
„Ich denke, das ist eine sehr gute Idee. Du könntest hinten eher Esoterika anbieten und Bücher und vorne das bisherige Konzept beibehalten."
Leo hob anerkennend eine Augenbraue. „Hört sich gut an. Erzähl' mehr."
„Jetzt warte mal", ergriff Gianni das Wort. „Remus, du würdest dir eine Wohnung suchen müssen, oder zumindest ein Zimmer. Die Küche müsste hinter das Bad verlegt werden, und für ein Sofa ist aufgrund der Enge des Gangs kein Platz mehr."
„Das ist mir klar", entgegnete Remus. „Ich hatte bereits geplant, mir etwas Eigenes zu suchen. Es wird Zeit, dass ich wieder auf eigenen Beinen stehe."
„Hurra", sagte Leo trocken.
Gianni warf ihm einen zornigen Blick zu, der Remus nicht verborgen blieb. Wenn Gianni für ihn Position bezog, war ihre Freundschaft – denn genau das war es, was er für Gianni empfand - vielleicht doch nicht mit seinem gestrigen ‚Nein' zerstört.
„Was wirst du tun?" fragte ihn Remus.
„Oh, ich werde in meine Wohnung im East-End zurückgehen." Etwas in Giannis Augen glitzerte merkwürdig.
„Aha. Und was ist mit Armando?"
„Armando – nun, mit dem habe ich mich letzte Nacht versöhnt", erklärte Gianni, und jetzt konnte Remus das Glitzern als Triumph erkennen.
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Gianni packte seine Sachen noch am selben Abend, Thalia und Remus halfen ihm dabei. Thalia erzählte in leichtem Ton von der Vernissage am Vorabend, bei der Leo seine neuesten Kompositionen vorgestellt hatte. Die Veranstaltung schien ein Erfolg gewesen zu sein, was nach Thalias Auskunft nicht unmaßgeblich mit der Qualität der ausgestellten Bilder eines jungen Malers zu tun hatte. Aber Leo hatte es selbstbewusst als seinen eigenen Erfolg verbucht und wohl auch ein paar neue Kontakte knüpfen können.
„Setz' dich mal auf den Koffer, Schätzchen", forderte Gianni sie auf, als sein alter Truhenkoffer sich auch mit Remus' Hilfe nicht schließen ließ.
Thalia folgte der Bitte, und mit vereinten Kräften der Männer schnappte der Koffer schließlich zu. Remus zog die dicken Ledergurte fest, die die Metallspangen unterstützen sollten.
Er berührte dabei Thalias Hand, die dieselbe Idee gehabt hatte. Ihre Blicke trafen sich, und Remus hatte das Gefühl, sein Herz müsse still stehen. Wieder waren ihre Augen dunkel und die Botschaft darin nur überdeutlich zu lesen. Doch dieses Mal senkte Thalia den Blick und rückte von ihm ab.
Remus atmete tief und bemüht gleichmäßig, während sie eilig begann, ein paar Leckereien für Gianni in eine Tasche zu stopfen. Remus entging nicht, wie sehr ihre Hände zitterten, als sie planlos Schokoladentafeln und Biolebkuchen aus dem Regal wischte.
Die Glocke des Ladens ging. Thalia hatte zwar das ‚Geschlossen'-Schild aufgehängt, aber der Besucher schien kein Unbekannter zu sein.
„Guten Abend, bezaubernde Thalia", erklang eine tiefe, sonore Stimme.
„Hallo, Armando", entgegnete sie, und zum ersten Mal, seit Remus sie mit Malfoy hatte sprechen hören, besaß Thalias Stimme wieder diesen harten Tonfall, der sie am Abend vor sechs Wochen zu einem Vampir qualifiziert hatte.
Remus konnte sehen, wie Gianni erstarrte. Remus, der im Durchgang zum Laden stand, betrachtete den Neuankömmling. Armando war ein schöner Mann im klassischen Sinne, daran bestand kein Zweifel. Er hatte die schlanke, nicht sehr große Gestalt eines Latinos, aber auch die entsprechende bronzefarbene Haut. In einem ebenmäßigen Gesicht mit vollen Lippen leuchteten türkisfarbene Augen unter dichten dunklen Wimpern. Einen ungewöhnlichen Kontrast zur südländischen Ausstrahlung des Mannes bildeten seine schulterlangen, dunkelblonden Haare, die mit hellen Glanzlichtern durchwirkt waren. Er sah aus, als käme er direkt aus der Sonne Brasiliens. Was Armando jedoch neben seinem Aussehen wirklich bemerkenswert machte, waren seine Bewegungen: Selbst unter den weiten, eleganten italienischen Hosen und Schuhen ließ sich der durchtrainierte Körper eines Tänzers erkennen, und der Spanier bewegte sich mit der Grazie und Anmut eines jungen Panthers.
Er nickte Remus mit einem gewinnenden Lächeln zu, das einen merkwürdig schlaffen Ausdruck um die Lippen herum nicht ganz kaschieren konnte und glitt dann übergangslos in Giannis Arme.
Sie küssten sich, und als Armando mit den Fingern durch Giannis schwarze Strähnen fuhr, ergriff Remus ein unerwarteter Anflug von Missfallen. Es sah aus, als würde dieser schöne Fremde Sirius küssen, und Remus mochte das ganz und gar nicht.
„Wurde Zeit, dass du aus dieser Hütte hier heraus kommst und vernünftig wirst, Gianni-querido", tönte es sonor. „Nichts für ungut, meine werte Thalia, das hier ist sicher akzeptabel für einen Krämerladen oder diesen Landstreicher, den du aufgenommen hast, aber es ist keine Umgebung für einen Künstler."
Remus und Thalia sahen sich sprachlos und verwundert an, Thalias Augen blitzten zornig.
„Du bist arrogant und überheblich, Armando, nur damit das zwischen uns klar gestellt ist, und wenn du nicht Giannis Liebhaber wärest, würde ich dich stante pede hinauswerfen."
„Thalia!", protestierte Gianni, aber Armando zuckte nur die Achseln.
„Lass sie reden, Gianni. Was bedeutet dem Pfau das Gekrächze einer Krähe?"
Remus spürte kalte Wut in sich hochsteigen, aber er bremste sich. Dies hier konnte er kontrollieren. Es war an Gianni, seine Freundin zu verteidigen. Doch Gianni, dessen Augen in abgrundtiefer Verzückung an dem eleganten Tänzer hingen, nahm seinen Riesenkoffer und begann, ihn in Richtung Tür zu wuchten.
„Würdest du mir bitte helfen, Remus", bat er.
Widerwillig und zögernd rührte Remus sich vom Fleck, aber er verdankte Gianni viel zu viel, um ihn jetzt zu brüskieren. Gemeinsam hoben sie die Truhe auf den Rücksitz des Sportcoupes, in dem Armando gekommen war.
Gianni ging ohne den Latino zurück in den Laden, um seine verbliebenen Taschen zu holen.
„Tut mir Leid, Thalia", sagte er zu ihr und strich ihr eine tizianrote Strähne aus dem Gesicht. „Ich weiß, du magst ihn nicht, aber wenn wir allein sind oder unter Unseresgleichen ist er ganz anders."
Remus sah, wie Thalia erbleichte. Gianni beugte sich vor, um sie zu küssen, aber sie zuckte zurück und sagte schnell: „Alles Gute, Gianni. Komm' zurück, wenn du wieder klar denken kannst."
Gianni sah sie mit traurigem Hundeblick an, aber da sie nichts weiter sagte oder tat, wandte er schließlich Remus zu.
„Tut mir leid, wegen gestern", sagte er.
„Vergiss es", erwiderte Remus, und das meinte er ganz ernst.
„Pass auf dich auf, und besuch mich mal mit Strolch, du hast ja die Adresse. Wir sehen uns."
Mit einem zärtlichen Streicheln für Strolch, der ein leises Fiepen ausstieß, war Gianni aus der Tür.
Remus und Thalia sahen ihm nach, wie er die Taschen auf den Rücksitz warf und ins Auto stieg.
Als die Lichter des Wagens verschwunden waren, trafen sich ihre Blicke. Thalias Gesicht war tränennass.
„Kannst du mich festhalten, Remus? Einfach nur so?" Ihre Unterlippe zitterte.
„Du hast ja keine Ahnung, was du da verlangst", sagte Remus heiser, breitete aber doch die Arme für sie aus.
Thalia näherte sich langsam und lehnte beinahe zaghaft den Kopf an seine Schulter. Remus schluckte, legte vorsichtig die Arme um ihren warmen Körper und vergrub seine Nase in ihrem weichen Haar. Sie duftete zart nach Jasmin und Wildrose. Sie standen fast reglos, und Remus hätte später nicht sagen können, ob es dreißig Sekunden oder zehn Minuten gewesen waren, in denen er Thalias leises Weinen mehr fühlte als hörte und ihr sanft über das seidige Haar strich.
Zu ihren Füßen war irgendwann ein Winseln zu vernehmen, und dann kratzten Strolchs kleine Pfoten an Remus Hosenbein. Der Augenblick der Stille war vorbei, und Remus musste sich bücken und den offenbar untröstlichen Hund trösten.
Er nahm die Leine vom Haken, die Gianni für Strolch besorgt hatte, Thalia holte ihre Tasche, und alle drei verließen wortlos das Geschäft. Thalia verschwand im Schatten der Arkaden, Remus und Strolch gingen langsam in Richtung Friedhof.
TBC
