Die Wahrheit
Leise schloss Harry die Tür auf. Ginny und Rebecca schliefen sicher schon, es war mittlerweile drei Uhr morgens und Kingsley hatte sie alle nach Hause geschickt, da ihre Aufgabe für diese Nacht und den nächsten Tag erledigt war. Sie hatten das Ziel erreicht, wenn auch mit mehr Schaden als erwartet.
Er schlich vorsichtig durch das Wohnzimmer. Harry wollte kein Licht machen, um die beiden Frauen auch ja nicht zu wecken. Ginny konnte sehr unangenehm reagieren, wenn sie mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen wurde, da hatte Harry schon Erfahrung...
Allerdings hatte er vergessen, dass seit neuestem eine Tischlampe auf einem kleinen Beistelltisch neben dem Sofa stand. Aber er wurde wieder daran erinnert und zwar genau in dem Moment, in dem er mit seinem großen Zeh gegen das eine Tischbein stieß, der Tisch zu schwanken begann und somit die Lampe, die viel zu nahe am Rand stand, sehr geräuschvoll zu Boden krachte.
"Stehen bleiben und Hände hoch!", rief eine Stimme drohend und einen Moment später flammte das Licht im Wohnzimmer auf. Ginny stand mit drohendem Gesichtsausdruck neben dem Sofa, von dem sie offensichtlich rasend schnell aufgesprungen war, während sich Rebecca noch müde und verwirrt die Augen rieb. Anscheinend waren die beiden auf der Couch eingeschlafen. Harry sah einige Fotoalben auf dem Tisch liegen.
"Ich ergebe mich.", erwiderte er grinsend.
Ginny schüttelte lachend den Kopf. "Dein Glück.", sagte sie, stieg vorsichtig über eine Wolldecke, die auf dem Boden vor ihr lag und kam auf ihren Freund zu. Sie küsste ihn auf die Wange. "Das hätte übel ausgehen können."
Er nickte. "Ich wollte euch nicht wecken. Leider hab ich nicht mit der Lampe gerechnet, die sich mir frecherweise in den Weg gestellt hat."
"Dann hattest du wirklich Glück, Liebling." Sie gab ihm noch einen Kuss auf die Wange und umarmte ihn anschließend fest. Sie gab es nur ungern zu, aber dieses ungute Gefühl hatte ihr wirklich Angst gemacht. Sie war froh, dass es ihm gut ging und dass er gesund vor ihr stand. "Du kommst früh. Normalerweise kommst du nicht vor sieben Uhr morgens." Sie löste sich wieder von ihm.
Harry nickte und ging zum Sofa. Rebecca unterdrückte ein Gähnen und schaute ihn neugierig an. "Ist irgendetwas passiert?"
Harry ließ sich auf die Sitzgelegenheit fallen und schloss erschöpft die Augen. "Kingsley hat alle nach Hause geschickt, nachdem die Sache vorbei war.", sagte er schließlich leise.
Ginny war wieder auf ihren ursprünglichen Platz zurückgekehrt und schaute ihren Freund gespannt an. "Und? Was ist passiert? War die Sache erfolgreich?"
"Ja, war sie. Wir haben höchstwahrscheinlich alle Todesser gekriegt, die dort waren.", sagte er leise. "Aber leider ging alles nicht so glatt, wie wir uns das gedacht haben."
Ginny tauschte einen angespannten Blick mit Rebecca. Sie hoffte, dass nichts allzu schlimmes passiert war. "Was ist passiert, Harry?"
Er öffnete die Augen wieder und sah in Ginnys angstvolle Augen, die ihn anblickten. "Tonks.", murmelte er. "Sie wurde verletzt." Ginny schaute erschrocken von Harry zu Rebecca, die ihn jetzt besorgt musterte und wieder zurück zu ihrem Freund. Hoffentlich war es nichts allzu Ernstes... Aber Tonks war stark, sie hatte im Laufe ihrer Aurorenzeit schon viele Verletzungen gehabt und gut überstanden.
"Und?", fragte Rebecca drängend, als er nicht weitersprach. Sie kannte diese Tonks zwar nicht, aber sie schien nett zu sein und sie war die Frau ihres Vaters und somit ihre Stiefmutter. Und das war für Rebecca Grund genug, um besorgt über ihren Zustand zu sein.
"Es geht ihr soweit gut. Genaues weiß ich nicht, sie wurde sofort ins Mungos gebracht. Aber der Heiler, der dabei war, meinte, dass es nicht so schlimm ist. Sie hat nur eine Kopfverletzung, die stark geblutet hat. Und sie hat irgendwas von Bauchschmerzen gesagt, als sie kurz bei Bewusstsein war. Remus wurde schon benachrichtigt und müsste auf dem Weg zu ihr sein."
"Gut.", seufzte Ginny und lehnte sich entspannt nach hinten. Dann bemerkte sie etwas auf der Stirn ihres Freundes. "Was hast du denn da?"
Harry sah sie verständnislos an. "Was?" Sie deutete auf seinen Kopf. "Ach das.", winkte er ab. "Da hat mich irgendein Zauber getroffen. Nicht weiter wichtig."
Ginny schüttelte energisch den Kopf und stand auf. "Das sehe ich nicht so, mein Freund. Ich hol mal das Verbandszeug. Vielleicht hab ich noch ein paar Pflaster mit diesen süßen Babynifflern drauf." Sie ging in die Küche.
Harry stöhnte gequält. "Bitte nicht diese blöden Niffler, Gin!", rief er ihr zu. Er hasste diese Pflaster.
Ginny kam zurück und durchwühlte die kleine Kiste mit dem Verbandszeug. Sie machte ein enttäuschtes Gesicht. "Schade. Keine Nifflerpflaster mehr da. Ich hab wohl Nathalie die letzten gegeben, als sie bei uns zu Besuch war und sich das Knie aufgeschlagen hatte. Dann musst du dich eben mit den normalen Pflastern zufrieden geben."
Harry schaute nach oben und formte lautlos ein "Danke". Rebecca verkniff sich ein Lachen.
Ginny setzte sich neben Harry und begutachtete seine Wunde genau. "Scheint nicht tief zu sein.", stellte sie beruhigt fest und klebte ein Pflaster auf seine Stirn.
"Tonks hat sich mit Remus gestritten.", sagte Harry unvermittelt. "Sie hat anscheinend gedacht, dass er eine Affäre mit dir, Rebecca hat."
Ginny nickte. "Das wussten wir schon." Harry schaute sie erstaunt an. "Von Mum. Sie war vorhin hier und hat uns erzählt, dass sie eine völlig aufgelöste Tonks in der Winkelgasse getroffen hatte. Sie konnte sie leider nicht überzeugen, dass Rebecca und Remus kein Verhältnis haben, aber die hatte ja auch keine Ahnung von der Geschichte. Und was war mit dir? Hast du ihr klar machen können, dass zwischen Remus und Rebecca nichts läuft?"
Harry zuckte mit den Schultern. "Ich bin mir nicht sicher. Sie schien anzufangen, mir zu glauben, aber gerade als ich ihr sagen wollte, dass Remus eine Tochter hat, kam der Angriff. Ich glaub nicht, dass sie das noch mitbekommen hat."
Rebecca seufzte. "Ich hoffe, dass ich ihre Ehe nicht mit meinem Auftauchen zerstört habe. Das wollte ich nicht, wirklich nicht. Ich wollte nur meinen Vater kennen lernen..." Sie brach ab und blickte traurig auf den Boden.
Ginny legte ihr mitfühlend einen Arm um die Schulter. "Dir macht niemand einen Vorwurf. Du kannst nichts dafür, dass du deinen Vater finden wolltest, das möchte doch bestimmt jeder, der ihn nicht kennt. Und ich bezweifle, dass ihre Ehe zu Ende sein wird, die kriegen das schon wieder auf die Reihe, die zwei können doch gar nicht ohne einander.", sagte sie zuversichtlich. Harry nickte bekräftigend.
"Das stimmt.", meinte er. In den letzten Jahren hatten sie alle genug Gelegenheiten gehabt um zu sehen, wie viel sie sich bedeuteten. Tonks war manchmal einfach zu impulsiv und stur und Remus kam dagegen schlecht an. Aber im Endeffekt hatten sie sich immer wieder vertragen und so würde es auch dieses Mal sein, selbst wenn es etwas länger dauern sollte als sonst. Remus würde alles daran setzen, sie nicht zu verlieren, da war sich Harry sicher.
"Na hoffentlich.", seufzte Rebecca. Sie würde es sich nie verzeihen, wenn sie die Ehe ihres Vater zerstört hätte. Aber Harry, Ginny und auch Mrs Weasley schienen ja sehr überzeugt davon zu sein, dass sich alles wieder einrenkte.
"Keine Sorge, wir haben alle schon sehr viel Schlimmeres überstanden.", sagte Harry und unterdrückte ein Gähnen. Ginny hatte es trotzdem gesehen.
"Ich glaub wir sollten alle ins Bett gehen.", sagte sie entschlossen und erinnerte Harry in diesem Moment etwas an ihre Mutter. "Der Tag war schließlich schon lang genug."
Rebecca nickte und stand auf. "Ja, da hast du Recht. Gute Nacht ihr zwei und nochmals vielen Dank, dass ihr mich aufgenommen habt." Sie hatte wirklich mehr Glück als Verstand gehabt, ausgerechnet Harry Potter über den Weg gelaufen zu sein, der sie schnurstracks zu ihrem Vater geführt hatte. In den letzten 24 Stunden hatte sie mehr über ihre Eltern und deren Vergangenheit herausgefunden als in den letzten 23 Jahren. Sie war froh, dass sie nach Remus gesucht hatte und sie war wahrlich nicht enttäuscht von dem Ergebnis ihrer Suche. Sie hoffte nur, dass ihr Auftauchen keine schwerwiegenden Folgen haben würde.
"Das ist doch nicht der Rede wert.", erwiderte Ginny lächelnd. "Das haben wir wirklich gerne gemacht, stimmt's, Harry?" Sie schaute zu ihrem Freund, der in der Zwischenzeit eingenickt war. Sie schüttelte ihn kurz.
"Was?" Benommen starrte er sie an.
Ginny verdrehte die Augen. "Schlaf gut, Rebecca.", wandte sie sich wieder an die junge Amerikanerin.
/-/
"Entschuldigen Sie bitte, ich suche nach meiner Frau.", wandte sich Remus nun schon an den dritten Heiler, der ihm auf der Station Fluchschäden über den Weg lief. Die anderen beiden hatten ihm gesagt, dass sie gar nicht zu der Station gehörten und sowieso keine Ahnung von nichts hatten. Remus wurde zunehmend gereizter. "Vor einer halben Stunde hat man mir eine Nachricht geschickt, dass sie verletzt ist und hier im Krankenhaus liegt und die Empfangshexe hat mich auf diese Station geschickt. Können Sie mir vielleicht sagen, wie es ihr geht und wo ich sie finde?"
Glücklicherweise nickte der Heiler dieses Mal und schaute auf seinem Klemmbrett nach, das er in der Hand hielt.
Remus schaute ihn gespannt an. Die Mitteilung hatte nicht gesagt, was passiert war und wie es Tonks ging, ihm war nur gesagt worden, dass sie verletzt worden war und jetzt im Mungos liege und das war's schon gewesen. Remus' Sorge um sie war von Minute zu Minute gewachsen und er hoffte inständig, dass ihr nichts schlimmes passiert war.
"Wie war doch gleich der Name?", wollte der Heiler wissen.
"Lupin. Nymphadora Lupin."
"Lupin...Lupin...Lupin..." Er fuhr mit dem Finger über ein Blatt. "Ah, da haben wir sie. Nymphadora Lupin, leichte Gehirnerschütterung, geheilte Verletzung am Hinterkopf, weitere Tests und sie möchte Tonks genannt werden."
Remus musste lächeln und entspannte sich etwas. Wenn sie schon darauf bestand, dass man sie bei ihrem früheren Nachnamen nennen sollte, konnte es nicht allzu schlimm sein. Und das, was er an Verletzungen aufgezählt hatte, klang nicht lebensbedrohlich.
"Es geht ihr soweit gut, Mr Lupin. Sie schien etwas durcheinander, als sie eingeliefert worden war, aber das ist bestimmt nur der Schock. Wenn Sie wollen, können Sie zu ihr, es befindet sich niemand anders im Zimmer, Sie sind also ungestört."
Remus nickte. "Vielen Dank.", sagte er erleichtert und ging auf die Tür zu, auf die der Heiler gedeutet hatte. Bevor er an die Tür klopfte, hielt er kurz inne, um sich zu sammeln. Er war soweit beruhigt, was Doras physischen Zustand anging, aber was ihren psychischen betraf... Er wusste nicht, ob sie ihn überhaupt sehen wollte, ob sie mit ihm reden wollte. Bei ihrem letzten Gespräch hatte sie unmissverständlich klar gemacht, dass sie nichts mehr mit ihm zu tun haben wollte. Er war sich sicher, dass sie das nicht wirklich so meinte, aber er hatte ihr Zeit geben wollen. Und zwar mehr als nur ein paar Stunden. Aber er konnte immerhin versuchen, mit ihr zu reden, vielleicht hatte er ja Glück und sie hörte ihm dieses Mal zu.
Er atmete tief durch und hob schließlich die Hand, um anzuklopfen. Schwach hörte er ein "Herein." Langsam öffnete er die Tür und trat ein.
Dora lag in dem letzten Bett in diesem Zimmer und schaute zum Fenster raus. Anscheinend erwartete sie, dass nur ein Heiler herein gekommen war, sonst hätte sie vermutlich zur Tür geschaut. Auf Remus wirkte sie unheimlich verletzlich, wie sie so zusammengekauert unter der Decke lag und einen Verband um ihren Kopf hatte.
"Hey", sagte er leise und beobachtete, wie sie erschrocken zusammenzuckte. Ihr Blick wanderte sofort zur Tür.
"Was willst du denn hier?", fragte sie so kalt und abweisend wie möglich, aber Remus entging nicht, wie ihre Stimme zitterte. Ihre Blicke trafen sich für Sekunden, bevor sie sich abwandte und an die Decke starrte.
"Ich wurde benachrichtigt.", sagte er und trat langsam näher. Er musste mit ihr sprechen, besser früher als später, so konnte das nicht weitergehen, so würden sie sich nur unnötig weit voneinander entfernen und das wegen eines dummen Missverständnisses.
"Du hättest nicht kommen müssen.", murmelte sie. "Mir geht es gut." Sie zog die Decke bis ans Kinn hoch.
"Das hat die Nachricht nicht gesagt, Dora.", erwiderte er leise und überlegte, ob er es sich leisten konnte, sich auf das Krankenhausbett zu setzen. Er entschied, dass das zu viel Nähe in der jetzigen Situation war und so ließ er sich auf der Kante des Nachbarbettes nieder. "Ich hab mir Sorgen um dich gemacht."
"Das hättest du nicht tun müssen, Remus." Ihr Blick wanderte kurz zu ihm, ihre Stimme zitterte jetzt merklich. "Ich dachte, ich hätte dir heute Abend deutlich genug gesagt, dass ich nichts mehr mit dir zu tun haben möchte." Remus zuckte zusammen, als er die angestrengte Härte in ihrer Stimme wahrnahm.
"Das glaubst du doch selbst nicht.", erwiderte er, nachdem er tief durchgeatmet hatte. "Und genauso wenig glaubst du, dass ich eine Affäre habe, wenn du mal ehrlich wärst."
"Und wenn du ehrlich wärst, dann würdest du einfach zugeben, dass du mich nicht mehr liebst und deine Zeit lieber mit einem zwanzigjährigen Flittchen verbringst!", fuhr sie ihn an und setzte sich erstaunlich schnell auf.
"Wie kannst du nur glauben, dass ich dich nicht mehr liebe? Wie kannst du das glauben? Haben wir in den letzten Jahren nicht genug durchgemacht, das dir das Gegenteil beweist?" Er blickte sie verletzt an. Das war doch wohl nicht ihr Ernst!
"Wie kann ich denn etwas anderes glauben, Remus?" Der verletzte Tonfall war wieder da und Remus hatte das Gefühl, dass sie mit aller Kraft versuchte, die Tränen zurückzuhalten. "Wie kann ich denn etwas anderes glauben, wenn ich dich mit einer so jungen und hübschen Frau zusammen sehe?"
"Du hättest mich einfach ausreden lassen können, Dora.", sagte er und ein kleines Lächeln schlich sich auf seine Lippen. "Dann wüsstest du auch, dass diese Frau nichts mit meinen Gefühlen für dich zu tun hat."
Trotzig verschränkte sie die Arme vor der Brust. "Also ist unsere Trennung jetzt meine Schuld? Nur weil ich dich nicht habe ausreden lassen? Diesen Vorwurf lasse ich nicht auf mir sitzen, Remus Lupin, verstanden!? Du kannst mir nicht erzählen, dass dir diese Frau nichts bedeutet hat!"
"Das habe ich doch auch nie behauptet! Ich habe nie gesagt, dass Rebecca mir nichts bedeutet, ich ... habe sie lieb, aber ich liebe sie nicht, wie ich dich liebe!"
Tonks schnaubte. "Du liebst sie also doch! Und mir willst du wer weiß was einreden! Du widersprichst dir. Wie soll ich dir denn noch irgendetwas glauben, hm?" Sie wischte sich eine Träne aus dem Gesicht. "Weißt du was? Geh! Verschwinde einfach! Lass mich in Ruhe! Mir geht es gut, das hast du gesehen, jetzt kannst du wieder abhauen! Das mit uns ist vorbei! Ich hätte damals auf dich hören sollen, ich hätte wissen müssen, dass das mit uns nicht funktionieren wird, wir sind einfach zu verschieden." Sie ließ sich wieder in ihre Kissen sinken und versuchte ein Schniefen zu unterdrücken.
Remus schüttelte entschlossen den Kopf. Es tat ihm weh, all diese Dinge von seiner Frau zu hören, aber er wusste, dass sie es nicht so meinte. Sie war verletzt, äußerlich und innerlich, und sie musste diesem Schmerz Luft machen. "Weißt du, was das Gute daran ist, dass du hier liegen musst, Dora?" Sie schaute ihn unwillig an und schüttelte den Kopf. "Du kannst nicht weglaufen. Auch wenn du es nicht willst, du wirst dir jetzt anhören müssen, was ich dir zu sagen haben, denn ich werde nicht zulassen, dass unsere Ehe den Bach runterläuft, nur weil du nicht alle Fakten kennst!"
"Ich bitte dich! Was brauch ich denn noch für Fakten? Ich weiß alles, was ich wissen muss!", beharrte Tonks stur und richtete sich wieder auf.
"Dann weißt du also auch, dass Rebecca meine Tochter ist? Sehr interessant. Woher denn?" So, jetzt war es raus. Er hatte zwar nicht geplant, Dora so einzuweihen, aber er hatte genug von der Diskussion gehabt.
Tonks starrte ihren Mann mit offenem Mund an und fragte sich vermutlich, ob sie an einem Hörschaden litt. "Deine ... deine Toch ... Tochter ...?" Ungläubigkeit machte sich auf ihrem Gesicht breit. Zögerlich fing sie an zu lachen. "Das war ein guter Witz, Remus, wirklich. Ich hätte ihn fast geglaubt."
Er blickte ihr entschlossen in die Augen. "Das war kein Witz, Dora. Rebecca ist meine Tochter. Nicht meine Geliebte."
"Aber ... aber wie ... wie denn ... wann denn ... was ...", stammelte sie und schaute ihn fassungslos an. "Wie ist das denn passiert?"
Remus lachte. "Soll ich dir das jetzt erklären, Dora? Ich dachte, du wüsstest, wie das geht."
Sie warf ihm einen bösen Blick zu. "Du findest das lustig? Was ist daran bitte lustig, dass mir mein Mann jetzt auf einmal gesteht, dass er eine Tochter hat?"
"Dora, Rebecca ist über zwanzig Jahre alt, du kannst mir nicht vorwerfen, dass ich dich betrogen habe.", gab er zu bedenken, da er vermutete, dass sie wohl darauf hinauswollte.
"Aber ... aber, wieso hast du mir das dann so lange verschwiegen? Wieso hast du mir in all den Jahren nichts von ihr gesagt? Und wer ist die Mutter? Wo ist die Mutter?", prasselten Fragen auf ihn herab. Er hob beschwichtigend die Hände.
"Ganz ruhig, Dora, immer der Reihe nach.", sagte er beruhigend, stand auf und ging zum Bett seiner Frau. Sanft drückte er sie in die Kissen zurück. Sie wirkte sehr schwach, auch wenn diese Nachricht grade eine Unmenge an Energie zurückgebracht hatte. "Ich habe erst am Freitag von ihr erfahren. Sie stand plötzlich vor Harry im Ministerium. Er hat sich ihrer angenommen und es hat sich herausgestellt, dass sie ihren Vater sucht und dass ich ihr Vater bin. Ich schwöre, bis dahin wusste ich nicht, dass es sie gibt, sonst hätte ich doch sofort mit dir gesprochen, Dora!" Er blickte sie eindringlich an. Sie konnte ihm nicht standhalten und wandte den Kopf ab.
"Du hast aber nicht sofort mit mir gesprochen, Remus.", sagte sie mit brüchiger Stimme. Die ganze Energie schien mit einem Schlag aus ihr verschwunden zu sein. "Wenn du sofort mit mir gesprochen hättest, dann hätte ich euch nicht im Tropfenden Kessel überrascht, dann hätte ich nicht geglaubt, dass ihr eine Affäre habt, dann wäre es nicht so weit gekommen und dann würde ich jetzt vielleicht nicht hier liegen..."
Betroffen trat er einen Schritt zurück. Es tat ihm weh, sie so leiden zu sehen und es war seine Schuld, das war Remus klar. Aber jetzt war es zu spät, um etwas ändern zu können. "Es tut mir Leid, Dora, wirklich! Aber wann hätte ich denn mit dir sprechen sollen? Als du so unglaublich müde von der Arbeit gekommen bist? Ich wollte es dir morgen sagen, wenn du Zeit hast und ausgeschlafen bist, wenn du dich wirklich damit auseinander setzen kannst. Und nicht so zwischen Tür und Angel, wenn du noch zur Arbeit musst. Ich wollte verhindern, dass dir etwas passiert. Aber wie du siehst, hat das ja nicht geklappt." Er suchte erneut ihren Blick, aber sie schien noch nicht bereit zu sein, ihm in die Augen zu schauen.
"Das Ganze ist doch nur passiert, weil du nicht mit mir gesprochen hast, Remus." Sie drehte sich auf die Seite und zog die Beine eng an.
"Dora, wollen wir wirklich dieses was-wäre-wenn-Spiel spielen? Wir werden nicht ändern können, was passiert ist. Es ist passiert, es tut mir Leid, dass es so weit gekommen ist, ich weiß, dass es vorwiegend meine Schuld ist, aber wie gesagt, ändern werden wir es nicht können. Und es ist ja nicht so, als hätte ich dir jahrelang verschwiegen, dass ich ein Kind habe." Er bemerkte eine einzelne Träne, die ihre Wange herunterlief. Langsam und vorsichtig streckte er seinen Arm aus und wischte die Träne von ihrer Wange. Sie ließ es kommentarlos geschehen. "Dora, bitte..."
"Wer ist die Mutter?", fragte sie leise, ohne auf das Gesagte von ihm einzugehen.
Remus seufzte und zog sich zurück auf die Kante des anderen Bettes. "Sarah.", erwiderte er und konnte sehen, wie sie die Stirn runzelte. Natürlich überlegte sie jetzt, wann sie eine Frau namens Sarah kennen gelernt hatte und ziemlich sicher kam sie zu keinem Ergebnis.
"Wer?", fragte sie schließlich, nachdem sie bestimmt dreimal ihr Gedächtnis nach dem Namen Sarah durchsucht hatte.
"Sarah Sanford. Du erinnerst dich wahrscheinlich nicht mehr an sie, du hast sie nur einmal gesehen, als du noch relativ jung warst. Ich war mit ihr seit der siebten Klasse zusammen."
"Wann habe ich sie gesehen?" Sie klang völlig emotionslos, aber ihm war klar, dass es in ihr völlig anders aussah.
"Auf Lilys und James' Hochzeit. Bestimmt kannst du dich nicht erinnern, aber sie war Lilys beste Freundin und sie war auch ihre Brautjungfer gewesen. Sie-"
"Sie trug nicht zufällig ein blaues Kleid und hatte wunderschöne lange blonde Haare?", wurde er von Tonks unterbrochen.
"Doch, ja.", nickte Remus erstaunt. Sie wusste doch noch, wer Sarah war.
"Sie stand fast die ganze Zeit bei dir, hat dich umarmt, geküsst, mit dir getanzt, gelacht...", murmelte Tonks leise und zog die Knie noch weiter an. Sie lachte. "Ich glaub ich war damals schon eifersüchtig auf sie, weil du dich nur um sie gekümmert hast, nur Augen für sie hattest, nur mit ihr getanzt hast... Aber ich hab damals den Brautstrauß gefangen, das weiß ich noch ganz genau, er kam zu ihr geflogen, aber ich hab ihn gefangen..."
Flashback Anfang
"Wie viele Finger halte ich hoch?", fragte Sirius grinsend und wedelte mit der Faust vor dem Gesicht der fröhlichen Braut herum.
"Wie ich dich kenne, keinen.", grinste Lily.
Sirius blickte empört drein. "Hey, du schummelst. Du siehst doch was."
Lily schüttelte den Kopf, Sirius schmollte. Dann versuchte er das Ganze nochmal, Lily sah nichts mehr mit der schwarzen Binde vor den Augen. Sirius packte sie an den Schultern und drehte sie ein paar Mal im Kreis, bis sie erfolgreich protestierte. Sirius stellte sie in Position und rief laut: "Bitte alle Anhängerinnen des weiblichen Geschlechts hinter der Braut aufstellen, der Brautstrauß wird jetzt geworfen. Lily, du bist dran." Er entfernte sich aus der Schusslinie. Lily holte Schwung und warf die Blumen hinter sich.
Der Strauß flog in Richtung Sarah, die relativ abseits stand, hatte zu viel Schwung, rutschte ihr aus den Händen und ... fiel dem Blumenmädchen in die Arme. Die Kleine strahlte und ihre violetten Haare wechselten zu bonbonrosa. Sie lächelte Remus verlegen zu, er erwiderte das Lächeln und wandte sich dann Sarah zu.
Flashback Ende
"Schicksal...", murmelte Remus lächelnd. Sie hatte schon damals etwas für ihn übrig gehabt, sehr interessant... "Du kannst dich also an Sarah erinnern.", stellte er fest. Sie nickte.
"Aber ich hatte den Eindruck, dass es ziemlich ernst zwischen euch war. Warum hat sie dir dann nicht gesagt, dass sie schwanger ist? Wo war sie überhaupt all die Jahre und warum hat Rebecca erst jetzt nach dir gesucht? Ist diese Sarah so gemein, dass sie dir dein Kind vorenthält?" Langsam aber sicher redete sich Tonks in Rage.
"Nein, so ist sie nicht.", verteidigte Remus die Mutter seiner Tochter. "So war sie nicht.", fügte er leise hinzu.
"Ach, und wie ist sie dann?" Dora war es unbegreiflich, wie jemand einem anderen Menschen ein Kind vorenthalten konnte, besonders wenn es sich um den Vater des Kindes handelte.
"Sie ist tot.", sagte er ruhig und blickte auf seine Hände. Manchmal fiel es ihm immer noch schwer, diese Tatsache zu akzeptieren, auch wenn er schon vor über zwanzig Jahren versucht hatte, sich damit abzufinden.
"Tot?", wiederholte sie leise und ungläubig. "Tot?" Es war zwar nichts neues für sie, dass alle alten Bekannten von Remus, oder zumindest fast alle, inzwischen tot waren, aber trotzdem war es sehr überraschend für sie, auch wenn sie nicht wusste, warum.
Er nickte kaum merklich. "Ja. Sie ist bei Rebeccas Geburt damals gestorben. Meinen Namen hat sie niemandem gesagt, deshalb wusste auch keiner, dass ich der Vater bin. Rebecca hat erst vor kurzem einen Hinweis gefunden, der sie zu mir geführt hat."
"Warum? Warum hat sie niemandem von dir erzählt, warum hat sie nie gesagt, dass du der Vater bist?"
"Weil ich ein Werwolf bin, Dora." Sie blickte ihn erstaunt an und öffnete den Mund, aber er sprach weiter, bevor sie etwas sagen konnte. "Das mag dir komisch vorkommen, aber genau das ist der Grund, wegen dem sie damals nach Amerika gegangen ist und wegen dem ich nichts von ihrer Schwangerschaft gewusst habe. Ich bin ein Werwolf. Man glaubt nicht, wie sehr diese Tatsache mein Leben beeinflusst. Meines und das von allen anderen. Wäre ich kein Werwolf, wären meine Freunde keine Animagi geworden. Wer weiß, ob diese ganzen Zwischenfälle mit Peter und Sirius dann passiert wären. Wer weiß, was dann aus Sarah und mir geworden wäre oder aus-"
"Aus uns.", unterbrach Tonks Remus und warf ihm einen kurzen Blick zu.
Er nickte. "Ja, oder aus uns. Aber ich bin nun mal ein Werwolf. Daran wird sich nie etwas ändern. Leider. Aber das ist der Grund. Der einzige. Wer weiß, ob Sarah und ich uns sonst getrennt hätten. Sie durfte nicht schwanger sein. Zumindest nicht von mir, einem Werwolf. Du kennst die Gesetze, Dora, du weißt, dass es einem Werwolf sehr lange Zeit verboten war, eine Familie zu gründen. Du kennst die Strafen, die man für eine Missachtung dieser Gesetze zu erwarten hatte, du weißt, was uns erwartet hätte."
"Und da hat sie einfach entschieden, dich zu verlassen?", fragte Dora ungläubig. "So nahe, wie ihr euch gestanden habt?"
"Nein, sie hat nicht einfach so entschieden, mich zu verlassen. Sie konnte sich nicht zwischen mir und unserem Kind entscheiden, sie hat sich sehr lange davor gedrückt."
"Woher weißt du das?"
"Aus ihrem Tagebuch. Rebecca hat es mitgebracht. Es war für mich bestimmt. Sie hat es damals geschrieben, als sie die Schwangerschaft bemerkt hatte, deshalb weiß ich, was passiert ist. Sie hat sich diese Entscheidung wahrlich nicht leicht gemacht. Hätte es damals nicht dieses Missverständnis gegeben, wegen dem wir geglaubt haben, dass der jeweils andere tot ist, wer weiß, ob sie jemals eine Entscheidung hätte treffen können."
Tonks schluckte. "Das ... das tut mir Leid."
Remus schaute sie an. "Ja, mir auch. Mir auch..."
Tonks zwang sich dazu, ihm weiterhin in die Augen zu blicken. "Wie ... wie ist sie so?" Er schaute sie fragend an. "Deine ... deine Tochter?"
"Großartig. Sie ist ein wunderbares Mädchen. Eine ... wunderbare junge Frau."
Tonks nickte und drehte sich auf den Rücken. "Schön für dich.", murmelte sie. Remus sagte nichts. Eine ganze Weile lang schwiegen sie. Die Stille drückte auf ihre Gemüter, aber keiner traute sich, etwas zu sagen. Beiden war bewusst, dass ihre Beziehung auf dem Spiel stand - immer noch. "Liebst du mich?", fragte sie schließlich.
Remus schaute sie beinahe entrüstet an. "Natürlich liebe ich dich, Dora."
"Mehr als Sarah?"
Er seufzte. "Das kann man nicht vergleichen, Dora. Ihr seid zwei völlig verschiedene Menschen, das sind zwei völlig verschiedene Beziehungen. Ich habe Sarah geliebt, sehr. Und ein Teil von mir wird sie wahrscheinlich immer lieben. Sie war meine erste große Liebe. Ich war über vier Jahre mit ihr zusammen. Sie ist ein wichtiger Teil meines Lebens gewesen, meiner Vergangenheit." Dora schluckte. "Aber du, Dora, du bist meine Gegenwart. Du bist da gewesen, als mein Leben beinahe komplett in der Dunkelheit versunken ist. Du warst mein Licht, mein Licht im Dunkeln. Du bist es immer noch. Ich wüsste nicht, was ich ohne dich tun sollte." Er verstummte und blickte ihr Profil an.
"Remus.", fing sie an, nachdem sie tief durchgeatmet hatte. Was jetzt kam, würde schwer werden. Aber sie musste es tun. "Wenn ich auch deine Zukunft sein soll, dann muss ich dich um eines bitten." Er schaute sie mit einer dunklen Ahnung an. "Ich schäme mich, weil ich dich darum bitte, aber es muss sein."
"Um was geht es?"
"Ich muss dich darum bitten, dass du ... dass du dich nicht mehr mit ... mit dieser Frau ... mit Rebecca triffst. Glaub mir, es fällt mir sehr schwer, dass jetzt zu sagen, aber ... aber ich muss mit dieser ... dieser Nachricht erstmal fertig werden. Der Gedanke, dass du ... dass du ein Kind mit einer anderen Frau hast, mit einer Frau, die du so geliebt hast ... das ist für mich unerträglich. Ich hab mir dich nie mit einer anderen Frau vorgestellt, Remus. Mir war klar, dass du auch nicht wie ein Mönch gelebt hast, dass du auch Freundinnen hattest, aber ich hab nie geglaubt, dass es mal was ernstes war. Das ... das tut mir mehr weh, als ich gedacht habe. Ich weiß nicht, wieso, aber es ist so. Meine Verletzungen sind nicht so schwer, aber der Heiler hat gesagt, ich brauche trotzdem einige Tage Ruhe und ... ich brauche dich, Remus. Ich muss wissen, dass du für mich da bist und das kann ich nicht wissen, wenn du dich mit Rebecca triffst. Das klingt vielleicht komisch, aber so ist es, so ist meine Gemütslage und daran wird sich auch nichts ändern. Es tut mir wirklich Leid, dass ich dich dazu zwingen muss, aber du musst dich entscheiden. Ich oder deine Tochter."
Er starrte sie fassungslos an. Meinte sie das ernst? War das wirklich ihr Ernst? "Du ... du ..."
Sie seufzte. "Es wäre ja nicht für immer, Remus. Nur, bis es mir besser geht, bis ich mich wieder erholt und an diesen Gedanken gewöhnt habe. Und bis unsere Beziehung wieder so ist wie vorher. Denn ob du es glaubst oder nicht, das hat ihr einen gehörigen Knacks verpasst und -"
"In Ordnung.", unterbrach Remus sie. Diese Entscheidung war nicht leicht für ihn, aber Dora war seine Frau. Er liebte sie und wusste nicht, was er ohne sie machen sollte. Er kannte sie seit Jahren, er brauchte sie. Seine Tochter kannte er erst seit zwei Tagen und trotzdem hatte er sie ins Herz geschlossen. Aber das war kein Wunder, schließlich war sie sein Kind. Und als solches würde sie sicher verstehen, warum er das tun musste. Es ging schließlich um seine Ehe. Rebecca würde es verstehen. Sie musste. Und es würde sicher nicht lange dauern, bis Dora sich daran gewöhnt hatte. Aber sie brauchte ihn, so wie er sie. Für sie würde er alles tun. Die letzten Stunden waren die Hölle für ihn gewesen. Die Angst, dass seine Beziehung vorbei war, dann die Angst, dass ihr etwas passiert war, dass er sie für immer verloren hatte ... Mit diesem Gefühl war er schon so oft konfrontiert worden, er konnte einfach nicht mehr. "Ich mach's. Ich breche den Kontakt zu ihr ab, wenn du das möchtest. Aber es darf nicht zu lange dauern, Dora. Immerhin ist sie meine Tochter."
Tonks nickte und wandte den Kopf. Tränen standen in ihren Augen. "Ich liebe dich.", flüsterte sie. Er stand wieder vom Bett auf, ging auf sie zu und beugte sich nach unten. Langsam, ganz langsam kam ihr Gesicht näher. Sanft und liebevoll küssten sie sich. "Ich bin froh, dass ich dich habe."
"Ich auch.", erwiderte er und strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
/-/
"Guten Morgen!", rief eine fröhliche Stimme, die Harry aus dem Schlaf riss. Murrend drehte er sich auf die andere Seite, weg von der Stimme. Er zog sich die Decke über den Kopf, als die Vorhänge aufgezogen wurden und Licht in das Schlafzimmer flutete. "Aufstehen, Schlafmütze.", sagte die Stimme jetzt sehr nahe an seinem Ohr.
"Lass mich in Ruhe, Gin.", murmelte Harry und drehte sich wieder auf die andere Seite.
"Ich hab Brötchen gekauft.", versuchte sie ihn zu überzeugen.
"Na und? In einer Stunde sind die auch noch da."
"Ach komm schon, Schatz. Steh auf. Es ist schon spät genug. Du musst am Nachmittag wieder im Ministerium sein. Willst du da vielleicht in deinem Schlafanzug hingehen?"
"Das ist mir momentan egal. Ich will schlafen.", erwiderte er. Warum konnte sie ihn nicht einfach in Frieden lassen? Seine Nacht war sehr anstrengend gewesen.
"Harry, steh endlich auf! Sonst wirst du heute Nacht nicht schlafen können, das weißt du. Jetzt mach schon. Na los! Oder soll ich dich dazu zwingen?"
Er seufzte. "Du bist gemein! Du bist einfach nur gemein, Ginny Weasley. Und du hast keinen Respekt vor völlig fertigen und schlafenden Freunden!" Er schlug die Decke zurück und stand langsam auf. "Sadistin!" Er warf ihr einen wütenden Blick zu und schlurfte langsam aus dem Zimmer.
"Ich liebe dich auch!", rief sie ihm grinsend hinterher und blickte zufrieden drein.
/-/
"Guten Morgen, Harry.", begrüßte Rebecca ihn fröhlich, als sie aus dem Bad kam. Als Antwort kam nur unverständliches Gemurmel zurück. Rebecca schaute ihm kopfschüttelnd hinterher. "Was ist denn mit ihm los?", wollte sie von Ginny wissen, die gerade das Schlafzimmer verließ.
"Er ist sauer, weil ich ihn geweckt hab. Er hasst Nachtschichten.", erklärte sie. "Aber da muss er eben durch.", rief sie laut in Richtung Badezimmer. "Ich mach uns dann mal Frühstück.", sagte sie voller Energie und ging in die Küche.
Rebecca lächelte und verschwand im Gästezimmer um sich umzuziehen. Es gefiel ihr bei Harry und Ginny. Es gefiel ihr sogar sehr gut bei den beiden. Sie waren ein unkompliziertes junges und sympathisches Paar und sie hatte das Gefühl, in ihnen zwei gute Freunde gefunden zu haben. Rebecca tat sich schwer im Freundschaften schließen, zu Hause, in Amerika, hatte sie eigentlich nur einen Freund gehabt, aber das war wirklich ihr bester Freund, den sie schon seit ihrer Geburt kannte und mit dem sie durch dick und dünn gegangen war. Eine Zeit lang war sie sogar in ihn verliebt gewesen.
"Der Kaffee ist fertig!", brüllte Ginny in Richtung Badezimmer und steckte einen Moment später den Kopf in Rebeccas Zimmer. "Der Rest übrigens auch, wenn du Hunger hast. Harry krieg ich meistens nur mit Kaffee zum Frühstück."
Rebecca nickte und knöpfte die letzten Knöpfe ihrer blauen Bluse zu. "Ich komme.", sagte sie.
"Ich bin froh, dass du nicht so ein Morgenmuffel wie Harry bist. Das ist eine richtige Erleichterung, nicht mit mürrischen Menschen an einem Tisch zu sitzen.", meinte Ginny auf dem Weg zurück in die Küche.
"War er denn immer so?", erkundigte sich Rebecca und setzte sich auf einen Stuhl.
Ginny schüttelte den Kopf. "Nein. Aber er hat in den letzten Jahren ziemlich viele Nachtschichten durchgestanden, deshalb hat er oft am Vormittag geschlafen und deshalb ist er jetzt immer entsprechend genervt, wenn er nicht bis fünf Uhr am Abend durchschlafen kann. Aber damit hat er rechnen müssen, als wir uns dazu entschlossen haben, zusammen zu ziehen." Sie grinste.
"Hätte ich das gewusst, dann hätte ich mich nie von dir dazu überreden lassen, Ginny.", erwiderte Harry, der mit Jeans, einem weißen T-Shirt und nassen Haaren in die Küche kam.
"Jetzt rede dich nicht raus, du bist auf die Idee gekommen, mit mir zusammen zu ziehen, nicht ich." Sie drückte ihm eine dampfende Tasse voller Kaffee in die Hand und schob ihn auf einen Stuhl.
"Zumindest vorwarnen hättest du mich können.", beharrte Harry und verbrannte sich die Zunge, als er einen Schluck trank. "Wie kannst du eigentlich so munter sein, Rebecca?", wandte er sich an die andere weibliche Person im Zimmer, die das Geschehen grinsend verfolgt hatte. "Müsstest du nicht unter einem Jet-lag leiden?"
"Zauberei.", erwiderte sie und griff nach einem Brötchen.
"Ach so.", murmelte er. "Schade, dass man solche Zaubersprüche nicht regelmäßig anwenden kann."
"Tja, so ist das Leben.", sagte Ginny und schnitt gut gelaunt ein Brötchen auf. Harry warf ihr einen bösen Blick zu.
"Sagt mal, könnte ich vielleicht euer Telefon benutzen?", fragte Rebecca nach einigen Minuten, in denen alle schweigend gefrühstückt hatten, zögerlich. "Ich würde gerne meine Grandma anrufen, sie hat schon seit einigen Tagen nichts mehr von mir gehört und ich hab versprochen, dass ich mich melde ... Ich zahl euch auch den Anruf."
Ginny winkte ab und nickte. "Klar kannst du telefonieren.", sagte sie mit vollem Mund. Harry ging vor den Krümeln in Deckung.
"Was hat Molly dir gesagt?", fragte er belustigt und setzte eine strenge Miene auf. "Nie mit vollem Mund essen, Ginevra Weasley!", sagte er mit erhobenem Zeigefinger.
Ginny blickte beschämt auf ihre Hände. "Ich weiß", sagte sie mit einer Kleinmädchenstimme. "Es tut mir auch sehr Leid, wirklich. Ich verspreche, es nie wieder zu tun." Sie blickte ihn hoffnungsvoll an, bevor er zu lachen anfing und sie mit einstimmte.
Rebecca stand grinsend auf und ging auf den Couchtisch zu, auf dem das Telefon lag. Sie tippte eine lange Nummer ein, ging in das Gästezimmer und schloss die Tür. Eine Weile lauschte sie dem Tuten und überlegte schon, ob ihre Großmutter gar nicht da war, als plötzlich abgenommen wurde.
"Sanford?", meldete sich eine verschlafene Stimme.
"Grandma?", erwiderte Rebecca. "Hast du noch geschlafen?", fragte sie überrascht.
"Rebecca!" Die Stimme der älteren Frau klang gleich viel aufgeweckter. "Wie schön, deine Stimme wieder zu hören, Kind."
"Ja, ich freu mich auch." Lächelnd setzte sie sich auf das weiche Bett. "Wie geht's dir denn?" Irgendwie hatte sie vor Rebeccas Abreise etwas kränklich gewirkt.
"Ganz gut, Liebes. Aber das ist nicht so wichtig, Wie geht es dir? Hattest du Erfolg? Ist irgendetwas passiert, weshalb du so früh anrufst?"
"Wieso denn früh? Es ist doch schon zehn - oh verdammt!" Sie schlug sich mit der Hand gegen die Stirn. "Die Zeitverschiebung, die hab ich völlig vergessen. Entschuldige, dass ich dich geweckt hab, Grandma, ich kann auch später nochmal anrufen, wenn du ausgeschlafen-"
"Ach Unsinn, Schatz.", unterbrach Mrs Sanford ihre Enkelin. "Jetzt bin ich schon wach, jetzt kannst du mir auch erzählen, was in den letzten Tagen passiert ist. Hast du deinen Vater gefunden oder ist er wirklich schon tot, so wie deine Mutter es vermutet hat?", fragte sie gespannt.
"Nein, er ist nicht tot, Grandma.", erwiderte sie. Ihr Lächeln wurde noch breiter. "Und ich habe ihn gefunden!"
"Wirklich? Oh, das ist ja großartig, mein Kind!", sagte sie begeistert. Rebecca konnte spüren, wie sehr sich ihre Großmutter freute. "Und wie hast du das geschafft?"
Rebecca holte tief Luft und berichtete ihr, was in den letzten Tagen alles passiert war.
"Und wie ist er so?", wollte Mrs Sanford gespannt wissen, nachdem ihre Enkelin geendet hatte.
"Ganz anders, als ich ihn mir vorgestellt hatte, wenn ich ehrlich bin. Das heißt, so eine richtige Vorstellung von ihm hatte ich ja gar nicht, du hast mir ja immer nur erzählt, wie Mom ihn beschrieben hat. Er sieht anders aus als auf dem Foto auf der Hochzeit, älter, sehr viel älter, aber trotzdem ... ich kann mir sehr gut vorstellen, warum Mom mit ihm zusammen war. Er ist wirklich toll, wirklich. Und sehr nett."
"Das ist wunderbar. Das ist wirklich wunderbar. Ich freu mich so für dich, Becky. Du hast schon so lange auf diesen Augenblick gewartet."
"Ja, ich weiß."
"Und was passiert jetzt? Kommst du wieder nach Hause oder bleibst du noch oder was wirst du tun?", wollte sie nach einigen Augenblicken wissen.
Rebecca legte die Stirn in Falten. Darüber hatte sie noch gar nicht nachgedacht. Sie hatte sich nur darüber gefreut, wie es jetzt war. Aber ihre Großmutter stellte eine sehr berechtigte Frage: Wie würde es weitergehen? Was würde sie jetzt machen? "Ich hab keine Ahnung, Grandma. Ich denke, eine Weile werde ich noch in England bleiben, vielleicht noch bei Harry und Ginny, wenn sie mich lassen, um ihn besser kennen zu lernen. Das ist wichtig für mich, Grandma. Aber dann ... vielleicht komme ich wieder nach Hause, vielleicht bleib ich noch länger ... ich denke, das werde ich noch sehen."
"Ja, das ist wahrscheinlich das beste.", stimmte Mrs Sanford zu. "Aber melde dich mal wieder, damit ich weiß, dass es dir auch gut geht."
Rebecca nickte. "Ganz bestimmt, das mach ich. Und dann denk ich auch an den Zeitunterschied, versprochen."
Ihre Großmutter lachte. "Na darauf würde ich nicht unbedingt wetten. Ich weiß, wie zerstreut du manchmal sein kannst."
"Hey!", sagte Rebecca empört. "Zur Strafe ruf ich dich das nächste Mal um Mitternacht an, Grandma!"
"Wenn du so früh aufstehen willst, Liebes, dann mach das nur."
"Du bist gemein.", erwiderte Rebecca schmollend.
Ihre Großmutter lachte erneut. "Mach's gut, Becky."
"Du auch, Grandma." Sie stand auf, nachdem sie das Telefon ausgeschaltet hatte. Sie würde bald mit Harry und Ginny darüber reden müssen, wie es weiterging. Sie konnte schließlich nicht ewig bei den beiden wohnen, ohne irgendeine Gegenleistung. Vielleicht sollte sie ihnen Miete zahlen, wenn sie wirklich länger hier in England bleiben würde. Aber im Moment war sie einfach zu glücklich, um weiter darüber nachzudenken. Immerhin hatte sie endlich ihren Vater gefunden und etwas Licht in das Dunkel ihrer Vergangenheit gebracht hatte. Das hatte sie sich schon sehr lange gewünscht und nun hatte es endlich geklappt.
/-/
Remus wachte auf, als ihm ein Kissen auf den Bauch geworfen wurde. Benommen schlug er die Augen auf und versuchte sich zu orientieren. Das hier war auf jeden Fall nicht sein Schlafzimmer. Und auch kein anderer Ort, der ihm bekannt vorkam. Langsam richtete er sich af und erblickte Tonks zu seiner Linken, die ihn grinsend anschaute.
"Dir geht es also schon wieder besser.", stellte er fest. Ihm war wieder eingefallen, wo er sich befand.
"Wie kommst du darauf?", wollte sie wissen und blickte ihn unschuldig an.
"Wenn du die Kraft hast, ein Kissen nach mir zu werfen, dann geht es dir definitiv besser.", erwiderte er und stand langsam auf. Er hatte nicht sonderlich gut geschlafen, alles tat ihm weh. Seine Haltung war wohl nicht gerade die beste gewesen.
"Das war nur ein kurzer Höhenflug.", sagte sie schnell und ließ sich theatralisch seufzend nach hinten fallen. "Siehst du? Mir geht es schon wieder ganz schlecht."
Remus schüttelte amüsiert den Kopf. "Das tut mir aber sehr Leid für dich. Dann wirst du wohl auf den Kuss verzichten müssen. Der würde dich sicher zu sehr anstrengen."
Sofort richtete sich Tonks wieder auf. "Kuss?", fragte sie hoffnungsvoll, verzog einen Moment später aber das Gesicht, weil sich die Verletzung an ihrem Kopf durch Schmerzen wieder bemerkbar gemacht hatte.
Remus setzte einen mitleidigen Blick auf und strich ihr sanft über die Wange. Sie lächelte. Er beugte sich vor, aber sie wurden unterbrochen, als die Tür aufging und der Heiler hereinkam, mit dem Remus gestern Abend schon gesprochen hatte.
"Entschuldigen sie die Störung, Mr und Mrs Lupin.", fing er an und warf dem Ehepaar einen Blick zu. "Aber wir haben die Tests ausgewertet und ich dachte, es ist besser, wenn sie das Ergebnis früher als später erfahren."
Tonks warf Remus einen ängstlichen Blick zu. Ein komisches Gefühl überkam sie, als sie den Ton des Heilers hörte. Sie griff nach der Hand ihres Mannes und drückte sie fest. Er sah sie beruhigend an. So schlimm würde es hoffentlich nicht sein ...
Er schluckte. "Um was geht es?"
TBC...
