A/N: Ha geschafft, ein Update. Fröhlichen Nikolaus an euch alle :)


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Vom Regen in die Traufe

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Ich stapfe den Fluss entlang zurück zu unserem kargen Lagerplatz. Mein kurzer Moment der Befriedigung wird schnell schal. Anlyss sah enttäuscht aus, in den kurzen Augenblicken bevor ich mich gänzlich abgewendet hatte, aber nicht überrascht. Er scheint mir nicht zu folgen. Zumindest kann ich ihn nicht hören. Umschauen will ich mich nicht, das würde mehr Interesse signalisieren als ich ihm gerade zugestehen möchte. Ich denke er hat sowieso ein wenig länger gebraucht um sich wieder aufzurappeln. Das ist mir auch ganz recht. Ich weiß ohnehin nicht was ich gerade mit ihm anfangen soll. Ich möchte ihn schlagen, ihn bluten sehen, aber gleichzeitig auch nicht, denn das hieße natürlich auch wieder einmal zu tun was er will. Mittlerweile bin ich mir ziemlich sicher, dass es das ist was er schon immer von mir wollte. Auch wenn er es wirklich gut vor mir verborgen hat. Verrückter Elf. Verwirrt schüttle ich den Kopf, als könnte ich dadurch meine widersprüchlichen Bedürfnisse vertreiben.

Ich mache bewusst mehr Geräusche als ich es normalerweise tun würde, während ich mich dem kleinen Überhang nähere, denn ich habe nicht den geringsten Wunsch Alaundril noch einmal so zu sehen wie vorhin. Die Erinnerung an ihr offenes Lächeln beunruhigt mich auch jetzt noch. Gleichzeitig versuche ich mit meinem, ohnehin schmutzigen Hemdsärmel, Anlyss' Blut aus meinem Gesicht zu wischen, was mir jedoch nur leidlich gut gelingt. Zumindest schließe ich das aus Sszerins Reaktion, der bei meinem Anblick sehr schnell schmale Augen bekommt und dann misstrauisch über meine Schulter starrt. Verdrossen blicke ich ihm entgegen. Ihm muss ja wohl klar sein, dass ich gegen Anlyss im Moment nicht sehr viel ausrichten kann, sollte der sich ernsthaft gegen mich wenden. Und wenn doch, dann wäre ich bestimmt nicht so blöd danach hierher zurück zu kriechen! Nicht nach der mehr als deutlichen Warnung die ich empfangen habe.

„Kein Holz gefunden?" erkundigt Sszerin sich ungewohnt schnippisch und erst jetzt fällt mir auf, dass ich mein Bündel knorriger Äste vergessen habe. So sehr hat Anlyss mich aus der Fassung gebracht? Sofort möchte ich vor Scham im Boden versinken. Muss ich nun tatsächlich wieder zurück? Das ist als würde ich vor Anlyss eine Niederlage zugeben. Aber ignorieren kann ich Sszerin natürlich auch nicht. Zähneknirschend drehe ich mich um und will gerade wieder dorthin zurück wo ich hergekommen bin, da taucht Anlyss' blonder Haarschopf hinter der nächsten Flussbiegung auf. Er war doch dichter hinter mir als ich dachte. Und außerdem trägt er gerade, neben dem Vogel, auch noch das Feuerholz.

Es dauert nur eine knappe Minute bis er tatsächlich bei uns angekommen ist, aber diese Minute erscheint mir unglaublich lang. Viel zu lang jedenfalls um mir das süffisante Grinsen in Anlyss' Gesicht anschauen zu müssen, das etwas grotesk aussieht in Kombination mit seiner immer noch leicht blutenden Nase. Mir hätte wohl klar sein müssen, dass er die Verletzung demonstrativ zur Schau stellen wird, obwohl er sie wahrscheinlich genauso gut mit ein paar Worten heilen könnte.

„Ich glaube du hast da etwas vergessen", teilt Anlyss mir mit einem scheinheiligen Lächeln mit und lässt den ganzen Stapel dann einfach klappernd vor meine Füße fallen. Meine Knöchel knacken, so fest balle ich gerade die Fäuste. Ich möchte nichts lieber als ihm einen der Äste kräftig über den Schädel zu ziehen! Vielleicht ist er dann endlich still.

„Ich nehme das", gebe ich, nur ein paar Sekunden zu spät, liebenswürdig zurück und schnappe mir den toten Vogel aus seiner Hand. „Es sei denn du hast plötzlich eine unerwartete, neue Faszination für das Kochen entwickelt."

Anlyss schaut einen Moment überrascht. Das nutze ich um voll falscher Freundlichkeit nachzusetzen: „Vielleicht möchtest du ja währenddessen ein Feuer herrichten."

Aus dem Hintergrund höre ich Alaundril leise kichern. Erstaunlicherweise zuckt Anlyss daraufhin nur mit den Schultern und bückt sich tatsächlich wieder nach den Ästen. Wie bitte? Damit hatte ich nun so gar nicht gerechnet. Immer noch perplex und ziemlich misstrauisch angesichts dieser ungewohnt phlegmatischen Reaktion, hocke ich mich mit dem Vogel auf einen kniehohen Stein und beginne damit die Federn und sonstige ungenießbare Teile zu entfernen. Entweder ist Anlyss' Abneigung gegen das Kochen größer als ich dachte oder er ist besser gelaunt als je zuvor, was mich aber auch erstaunt, nachdem ich ihn vorhin so einfach habe sitzen lassen. Wachsam schaue ich zu, wie er nach einer Weile tatsächlich ein kleines Feuer entfacht und bemerke erst nach einer Weile, dass Sszerin uns beide ebenfalls skeptisch beobachtet. Zumindest tut er das so lange bis Anlyss ihm ein vielsagendes, unglaublich dreckiges Grinsen schenkt, woraufhin er sich mit einem angewiderten Schnauben abwendet. Verstehe einer diese beiden. Selbst Alaundril zuckt, auf meinen fragenden Blick hin, nur mit den Schultern.

Als der Vogel schließlich einigermaßen fertig ist, ergibt sich für mich ein Moment der Unsicherheit. Ich bin zwar mehr oder weniger für das Mahl verantwortlich, aber im Augenblick kann ich schlecht einschätzen, ob das auch die Freiheit beinhaltet mir davon zu nehmen was und wann ich will. So ganz durchschaue ich die Machtstruktur in dieser Gruppe immer noch nicht.

Ach das Licht soll sie holen, beschließe ich irgendwann einfach und nehme mir schließlich doch als erster. Zu meinem vagen Erstaunen protestiert niemand, auch wenn sich trotzdem alle wie ausgehungerte Warge auf die Mahlzeit stürzen sobald ich den Weg freimache. Aber das ist ja nichts neues. Das Fleisch ist ziemlich fade ohne Gewürze, aber wenn man hungrig genug ist, dann kann man auch noch ganz andere Dinge essen. Das weiß ich aus eigener Erfahrung. Immerhin haben wir überhaupt etwas.

Der Gedanke an die Jäger, die uns wahrscheinlich bereits auf den Fersen sind, treibt uns schon bald weiter. Bisher gibt es zwar für mich keine eindeutigen Anzeichen dafür, dass uns jemand folgt, aber die anderen scheinen sehr sicher, dass früher oder später eine Konfrontation unvermeidbar sein wird, solange wir den Wald nicht vorher verlassen haben. Die Frage ist in dem Fall nur wann und nicht ob sie uns einholen werden.

Unzufrieden betaste ich meine Wange, die immer noch schwach pocht, dort wo Anlyss vorhin seine Spuren hinterlassen hat. Ich sende seinem Rücken einen ärgerlichen Blick zu. Als hätte er es geahnt, sucht sich der frustrierende Elf natürlich genau diesen Moment aus, um sich umzublicken. Das kurze, zähneblitzende Grinsen, das Anlyss mir schenkt, nachdem er meinen Blick bemerkt, lässt mich nur noch wütender werden. Die verdammte Prellung an seiner Schläfe hat er auch immer noch nicht geheilt. Eigentlich sollte mir das egal sein, aus einem unerfindlichen Grund macht es mich jedoch langsam aber sicher wahnsinnig. Mit ärgerlich zusammengepressten Lippen stapfe ich weiter durch den Wald. Wenn ich Glück habe, dann ist Anlyss bei einem Angriff der Jäger der erste der ums Leben kommt. Aber wie ich ihn inzwischen kenne, wird er mir diesen Gefallen nicht tun.

Die nächsten Stunden verbringen wir zunehmend in verbissenerem Schweigen. Alaundrils und schließlich auch meine Atemzüge werden immer schwerer und ich beginne wieder zu stolpern, als der Effekt von Rast und Nahrung sich zusehends verflüchtigt. Sogar Sszerin beginnt langsam deutliche Anzeichen von Erschöpfung zu zeigen. Dennoch wagen wir nicht mehr anzuhalten, kämpfen uns stattdessen in einem quälend langsamen Tempo voran, während das Licht des Tages langsam der weitaus angenehmeren Dämmerung und schließlich silbrigem Mondschein weicht. Das ist aber auch das einzige was besser wird. Der Wald hingegen scheint langsam immer dichter und störrischer zu werden, wenn es darum geht uns passieren zu lassen.

Das dieser Eindruck leider nicht nur meiner Erschöpfung zuzuschreiben ist, merke ich erst, als sich tatsächlich eine biegsame Kletterpflanze, mit unnatürlicher Geschwindigkeit und Zielstrebigkeit, um meine Knöchel legt und mich festhält. Binnen Sekunden habe ich mein Messer gezückt und mich befreit. Auch wenn ich diesen Wald nach wie vor unheimlich finde, diese Eigenschaft haben die Pflanzen hier bisher nicht an den Tag gelegt! Das sieht mir verdächtig nach irgendeiner Art von Magie aus. Bedrohliche Erinnerungen von gnomischer Elementarmagie zucken durch meinen Kopf. Die Priester der Tiefengnome können Elementare aus dem Fels beschwören. Die zerstörerische Kraft dieser Wesen ist fürchterlich. Ich habe schon Geschichten gehört, von Patrouillen, die bis auf den letzten Mann ausgelöscht wurden nachdem sie das Pech hatten einem Elementar gegenüber zu stehen. Vielleicht ist dies etwas ähnliches.

„Angriff!" zische ich meinen Begleitern zu, die augenblicklich reagieren und hechte selbst vorsorglich zur Seite, während ich in der gleichen Bewegung mein oder besser gesagt Alaundrils Schwert ergreife.

Sszerin hüllt uns alle mit einer schnellen Handbewegung in Dunkelheit. Keinen Moment zu früh, denn als nächstes ertönt das unverkennbare Sirren und der dumpfe Einschlag eines Pfeils, der sich dort, wo ich gerade noch gestanden habe, in weiches Holz bohrt. Ich kann hören wie Alaundril nun ihr eigenes Schwert zieht. Ihren schwer gehenden Atem kann ich dabei ebenfalls hören und wenn ich das kann, dann können es unsere Feinde wahrscheinlich auch. Es sieht nicht gut aus für uns. Wir alle vier sind erschöpft und abgekämpft. Wie haben sie uns so schnell gefunden? Ich denke weder Sszerin noch Anlyss haben bereits jetzt damit gerechnet entdeckt zu werden, denn sonst hätten wir öfter angehalten, um unsere Kräfte wenigstens ein bisschen zu schonen.

Wütend knirsche ich mit den Zähen. Ich will noch nicht sterben! Nicht gerade jetzt, wo ich wenigstens den Hauch einer Hoffnung auf ein Leben habe in dem ich nicht als Sklave dahin vegetieren muss. In dem Versuch wenigstens zeitweise aus der direkten Schusslinie zu gelangen, rolle ich mich so leise wie möglich zur Seite, immer angestrengt darauf lauschend, aus welcher Richtung wohl der nächste Angriff kommen wird.

Anlyss hat es irgendwie geschafft sich völlig lautlos in meine Richtung zu bewegen und erschreckt mich fast zu Tode als er in der Dunkelheit nach meinem Handgelenk greift, um mich zielstrebig weiter zu ziehen. Ziemlich schnell haben wir Sszerins Einflussbereich hinter uns gelassen und stehen wieder im Mondschein. Erst jetzt fällt es mir ein mich zu fragen, wie ich ihn in der magischen Dunkelheit überhaupt erkannt habe. Ich bekomme allerdings nicht viel Zeit um darüber nachzugrübeln, denn aus den Ästen eines Baumes rechts von uns lassen sich auf einmal vier hellhäutige Krieger geschmeidig zu Boden gleiten. Sie sehen widerlich ausgeruht aus. Mit einem innerlichen Stöhnen der Resignation lasse ich mich in eine Verteidigungsposition fallen.

„Bist du verrückt oder einfach nur lebensmüde?!" zischt Anlyss mich daraufhin böse an und greift erneut nach meinem Handgelenk. „Wir müssen hier weg solange es noch geht, also komm jetzt gefälligst!"

Ich bin so erschöpft, dass ich nicht den geringsten Widerstand leiste und zulasse, dass Anlyss mich unsanft hinter sich her zerrt wie ein störrisches Kind. Einer der Krieger ruft uns etwas hinterher, was ich nicht verstehe. Anlyss veranlasst es allerdings dazu mit wütend funkelnden Augen ein kurzes Gebet von sich zu geben. Der einzelne Schmerzensschrei, der daraufhin hinter uns ertönt, lässt ein gehässiges Grinsen auf seinen Lippen erscheinen.

Sszerin und Alaundril sind nirgendwo zu sehen oder zu hören. Dafür vernehme ich im nächsten Augenblick erneut das Sirren eines Pfeils, der aber mehr oder weniger harmlos an Anlyss' Schulter abprallt und ihn lediglich zum stolpern bringt. Sieht aus als verberge dessen Robe einige Überraschungen. Gut für ihn. Leider bin ich nicht mit dem selben Schutz gesegnet und so werfe ich einen nervösen Blick in die Richtung in der ich den Schützen vermute. Zwischen grünen Blättern kann ich undeutlich eine Silhouette ausmachen. Leider ist die Entfernung zu groß als dass ich es riskieren könnte eines meiner wertvollen Messer in einem Wurf aufs Spiel zu setzen. Schnell bringen wir so viele Bäume wie möglich zwischen uns und den gefährlichen Feind.

Ich kann fühlen wie ich mit jedem Schritt erschöpfter werde. Inzwischen stolpere ich mehr hinter Anlyss her als dass ich koordiniert laufe. Meine Hand hat er auch jetzt noch nicht losgelassen und zerrt mich energisch durch den Wald. Woher nimmt er auf einmal diese Energie?

„Weiter zu fliehen ist aussichtslos", versuche ich ihn schwach zu bremsen. Eine bessere Idee habe ich allerdings auch nicht, denn ein Kampf wäre im Moment einfach nur fatal.

„Weiß ich auch", faucht Anlyss ärgerlich zurück, zerrt mich aber dennoch unbarmherzig weiter. „Nur noch ein kleines Stück", behauptet er dann plötzlich überraschend.

Ein kleines Stück wohin? Meine Frage wird einige Schritte später schon beantwortet, als Anlyss zielstrebig auf einen großen Baum, mit ausladenden Wurzeln zuhält und sich an den Stamm lehnt.

„Was auch immer passiert, ich will keinen Ton von dir hören. Bleib absolut still und bewegungslos stehen egal was passiert."

Mit diesen Worten zieht der Priester mich nah an sich heran, bis mein Rücken dicht an seinen Bauch gepresst ist, und beginnt mit einem weiteren, hastig hervorgestoßenen Gebet an den Maskierten Lord. Ich bin einigermaßen vertraut mit klerikaler Magie und halte brav still, als sein Schleier sich in dunkelgrauen Nebel verwandelt, der sich in einer schmerzlich dünnen Schicht um unsere Körper legt. Anlyss Arme winden sich zur selben Zeit wie ein Schraubstock um meinen Brustkorb, als wolle er sicher gehen, dass ich auch tatsächlich seinen Ermahnungen folge leiste.

Ich kann nur hoffen, dass, was immer er plant, auch funktionieren wird. Im nächsten Moment taucht nämlich der erste unserer Verfolger in meinem Blickfeld auf. Nur die hart erworbene Disziplin eines Fußsoldaten lässt mich tatsächlich still in Anlyss' Armen verharren, während der hellhäutige Elf immer näher kommt. Erst als er sich nach einem suchenden Blick an uns vorbei, weiter in unsere ursprüngliche Richtung bewegt, weiß ich mit einiger Sicherheit was Anlyss gerade getan hat. Seine Warnung mich keinesfalls zu bewegen impliziert allerdings, dass der Schutz, den wir gerade genießen, bestenfalls fragil zu nennen ist. Trotzdem bin ich in diesem Moment einfach nur dankbar nicht weiter durch den Wald hetzen zu müssen. Sehr lange hätte ich das auch nicht mehr durchgehalten. Meine Beine fühlen sich an wie Blei und mein ganzer Körper schmerzt vor Anstrengung.

Dem ersten folgen noch etwa acht weitere Jäger, von denen einer gefährlich nahe an uns herantritt. Zum Glück hat sich mein Atem zu diesem Zeitpunkt bereits wieder einigermaßen beruhigt und er hört uns nicht.

Den Krampf, den ich nach einer halben Stunde in meinem linken Bein bekomme, ertrage ich mit zusammengebissenen Zähnen. Wenigstens muss ich nicht frieren, denn Anlyss ist nach wie vor dicht an meinen Rücken gepresst. Er rührt keinen Muskel. Auch nicht, als nach fast einer Stunde kein Verfolger mehr aufgetaucht ist. Da ich nicht besonders vertraut bin mit deren üblicher Taktik und obendrein wenig Lust habe mir wieder einmal Anlyss' Ärger zuzuziehen, halte ich auch weiterhin diese Position. Ich hoffe nur ich werde nicht vor lauter Müdigkeit einfach einschlafen. Jetzt da ich gerade einmal nicht damit rechnen muss, ausgerechnet von Anlyss selbst angegriffen zu werden, ist es sogar vergleichsweise bequem so an ihm zu lehnen. Sogar die Tatsache, dass ich seinen flachen, aber warmen Atem im Nacken spüren kann ist erstaunlich angenehm.

Nach einer Weile falle ich beinahe in eine Trance. Mein Kopf ist leer vor Erschöpfung und ich starre geradeaus ohne wirklich etwas zu sehen. Das ewige Blätterrauschen des Waldes klingt, jetzt da ich mich einigermaßen daran gewöhnt habe, beinahe einlullend in seiner Gleichförmigkeit. Ich weiß nicht wie lange wir schon dort gestanden haben, als rechts von uns Geräusche aus dem Unterholz dringen und mich schnell wieder aus diesem halb bewussten Zustand zurück in die volle Aufmerksamkeit katapultieren.

Es klingt verdächtig nach einem Kampf. Aber wer kann das sein? Sszerin und Alaundril? Ich muss nicht lange auf die Antwort warten, denn schon bald kann ich Sszerins Stimme erkennen. Zunächst scheint er zu kämpfen. Zumindest schließe ich das aus einem hellen Aufblitzen und dem Geruch von versengtem Holz, der nach einer kurzen Weile zu uns herüber getragen wird. Verschiedene Stimmen geben Schmerzenslaute von sich, aber ich kann sie nicht eindeutig zuordnen. Erst später höre ich ihn wieder. Diesmal sind es aber hauptsächlich Flüche. Irgendwann wechselt Sszerin allerdings die Sprache und wird leiser. Jemand antwortet ihm. Ich verstehe natürlich nicht was gesagt wird. Wieder einmal verfluche ich meine fehlenden Sprachkenntnisse. Da ich mich nicht bewegen kann, sehe ich nicht einmal was passiert. Die Ungewissheit macht mich verrückt und ich unterdrücke nur mit Mühe den Impuls doch noch den Kopf zu drehen, um endlich zu sehen was dort geschieht. Muss ich damit rechnen im nächsten Moment angegriffen zu werden? Ist Sszerin dabei uns an die Jäger zu verraten? Weiß er überhaupt wo wir sein könnten? In meinem Bauch kribbelt es unruhig. Anlyss wird wahrscheinlich mehr wissen, aber den kann ich im Moment auch nicht fragen.

Anlyss' Finger an meinem Arm scheinen einen Moment lang warnend fester zuzupacken, als könnte er meine innere Anspannung wahrnehmen. Die Bewegung ist kaum wahrnehmbar und nach einer Sekunde bin ich mir nicht einmal mehr sicher, ob ich mich nicht doch geirrt habe. Immerhin macht er keine Anstalten sich bewegen zu wollen, was wohl heißt, dass wir für den Moment einigermaßen sicher sind.

Es scheint mir eine kleine Ewigkeit zu dauern, bis sich außer unverständlichem Gerede endlich etwas tut. Als es dann endlich soweit ist, bietet sich mir allerdings kein besonders erfreulicher Anblick. Sszerin, dessen Gesicht blutig ist, von einer Wunde an der Augenbraue, der aber ansonsten noch recht vital wirkt, trägt mit einer angestrengten Grimasse eine verdächtig stille Alaundril auf dem Arm. Auf den ersten Blick kann ich nicht erkennen wo und wie stark sie verletzt ist, da man sie für diesen Transport in einen dunklen Umhang gewickelt hat. Umrahmt wird Sszerin dabei von einer mindestens zehn Mann zählenden Truppe der verdammten weißhäutigen Krieger. Sie behalten ihn misstrauisch im Auge, scheinen aber für den Moment nicht vorzuhaben mehr zu tun als das. Hat er sich etwa um Alaundrils willen ergeben? Ich kann es kaum glauben, aber dieses Schauspiel lässt eigentlich keinen anderen Schluss zu. Dann meinte er also tatsächlich ernst, was er mir über seine Gefühle für Alaundril und Anlyss gesagt hat.

Ich kann nur mit einer Art klinisch distanziertem Unglauben zuschauen wie sich die Ereignisse vor mir entfalten. Sszerin verstehe ich jetzt noch viel weniger als je zuvor. So eine Handlungsweise ist mir völlig fremd. Gleichzeitig bin ich jedoch auch erstaunt, dass er mit einem solchen Manöver überhaupt Erfolg hatte. Hätte er mir einen solchen Vorschlag gemacht, dann hätte ich ihn wahrscheinlich erst ausgelacht und dann aufgeschlitzt.

Anlyss hinter mir, bewegt sich zwar nach wie vor keinen Millimeter, aber ich kann dennoch mit Sicherheit sagen, dass ihn dieser Anblick unglaublich wütend macht. Es ist ein Gefühl als wüchse gerade ein Feuerball hinter meinem Rücken. Alle meine Haare stehen mir zu Berge und ich könnte schwören, dass der Körper hinter mir auf einmal mehr Hitze abstrahlt.

Machtlos sehen wir zu wie Sszerin mit seiner feindlichen Eskorte zwischen den Bäumen verschwindet. Meine Freude darüber, diesem Schicksal entkommen zu sein, wird deutlich getrübt durch die Erwartung von Anlyss' garantiert folgendem Wutausbruch. Ich bin nicht besonders wild darauf nun mit ihm allein zu sein. Wer weiß was er in dieser Stimmung anstellt. Leider bin ich ihm nun auch etwas schuldig. Immerhin haben wir es nur ihm zu verdanken, dass wir noch immer frei sind. Das ist wohl nicht mehr zu ändern.

Schicksalsergeben harre ich darauf, dass Anlyss sich endlich bewegt und den Bann der Unsichtbarkeit bricht, den er über uns gelegt hat. Es dauert gar nicht so lange wie ich angenommen hatte. Doch ich erlebe wieder einmal eine Überraschung.

Ich habe ja vieles erwartet, nur nicht, dass Anlyss nach etwa zehn Minuten seinen Griff um meine Brust löst, leise seufzt und sagt: „Verdammt. Ich hatte gehofft, wir hätten wenigstens Gelegenheit zum ausruhen bevor wir uns wieder auf den Weg machen müssen."

Ich stolpere steif einige Schritte vorwärts, bevor ich mich umdrehe und ihn wenig intelligent anstarre.

„Auf den Weg wohin?" will ich erstaunt wissen. Bis vor kurzem war unser einziges Ziel möglichst schnell aus dem Wald zu kommen, doch nun sehe ich keinen Grund mehr für eine solche Eile. Die Jäger werden kaum sofort zurückkehren, nachdem sie Sszerin hier gefangen haben.

„Na zur Feste", raunzt Anlyss mich schlecht gelaunt an.

„Feste?" frage ich verständnislos zurück. Meint er tatsächlich die Goldene Feste? Den Ort wo es von Feinden geradezu wimmeln wird? Wieso sollten wir denn bitte ausgerechnet dort hin wollen?

„Natürlich. Schließlich müssen wir die beiden da heraus bekommen, bevor sie am Ende doch noch exekutiert werden."

Ich kann deutlich fühlen wie meine Gesichtszüge entgleisen.

„Wie bitte? Das ist doch wohl nicht dein Ernst!" zische ich böse und verschränke abwehrend die Arme vor der Brust. „Ich setze keinen Fuß in dieses Höllenloch!"

Anlyss hält einen Moment inne und wirkt etwas aus dem Konzept gebracht. Ich weiß gar nicht weshalb er nun so überrascht ist. Er kann doch nicht wirklich erwarten, dass ich meine Haut riskiere indem ich in meinem miserablen Zustand gegen eine solche Übermacht antrete. Sszerin ist für seine Handlungen selbst verantwortlich. Wenn er sich ausliefern will, dann ist das ganz allein seine Sache.

„Doch, das ist mein Ernst", erklärt Anlyss dann mit einer unheimlichen Ruhe, die nur bedeuten kann, dass er tatsächlich meint was er da sagt. „Und wenn dir das nicht passt, dann kannst du von mir aus hier verrecken!" fügt er um einiges schärfer hinzu, bevor er sich umdreht und mit finsterer Miene los stapft ohne ein weiteres Wort zu verlieren. Scheinbar ist es ihm egal ob ich folge oder nicht.

Überrumpelt starre ich ihm einige Sekunden bewegungslos nach. Schließlich muss ich allerdings einsehen, dass meine Chancen mich alleine durchzuschlagen auch nicht besonders gut sind. Vor allem nicht, wenn die Jäger doch wieder zurück kommen sollten. Ich könnte mich nicht einmal mit ihnen verständigen. Licht über ihn! Verfluchter, sturer Priester! Mit einigen wütenden Flüchen auf den Lippen zwinge ich meinen erschöpften Körper wieder in Bewegung und hetze hinter Anlyss her ins Unterholz.