11

Als Natalja am nächsten Morgen aufwachte, brauchte sie einen Moment um festzustellen, wem der Arm im blauen Hemdärmel gehörte, der um ihre Schultern lag. Doch dann fiel ihr wieder ein, was in der letzten Nacht passiert war. Sie schämte sich ein wenig, denn noch nie zuvor hatte sie sich einem anderen Menschen gegenüber so verletzlich und hilfsbedürftig gezeigt. Selbst als sie vor einiger Zeit und viele Kilometer weiter südlich einem anderen Mann den Großteil ihrer Lebensgeschichte erzählt und ihn damit ziemlich schockiert hatte, war es ihr doch gelungen, eine gewisse innere Distanz zu halten, obwohl sie das erneute Durchleben ihrer Erinnerungen auch ziemlich mitgenommen hatte. Doch in der letzten Nacht war von ihrer meisterhaften Selbstbeherrschung kaum mehr etwas übrig gewesen. Sie musste allerdings zugeben, dass House' Anwesenheit ihr geholfen hatte, den Traum zu überwinden.

Während sie über all das nachgedacht hatte, hatte Natalja sich immer noch in einer Art Halbschlaf befunden. Erst jetzt wurde sie richtig wach. Vorsichtig, um House nicht zu wecken, wand sie sich aus seiner beschützenden Umarmung. Sie stand auf, und humpelte auf ihre Krücken gestützt im Pyjama in die Küche. Dort machte sie sich einen Kaffee und ging dann ins Wohnzimmer. Sie stellte die Kaffeetasse ab und stand einen Moment vor dem riesigen CD-Regal, bis sie schließlich ein Album von Norah Jones herauszog und in die Stereoanlage legte. Natalja bezweifelte, dass House sich diese CD sonderlich oft anhörte – vielleicht war sie ein Geschenk gewesen – doch für die frühe Stunde, das Sonnenlicht, dass durch die Fenster hereinfiel und helle Flecken auf den Boden malte und Nataljas Stimmung war sie genau richtig. Sorgfältig drehte Natalja die Lautstärke herunter, bevor sie auf Play drückte. Während das Gitarren-Intro des ersten Liedes, und dann die sanfte Stimme der Sängerin ertönte, ließ sich Natalja auf einem der Polsterstühle nieder, legte die Beine auf einen anderen und schloss die Augen.

Etwa eine Viertelstunde nachdem Natalja sich aus dem Bett geschlichen hatte, wachte auch House auf. Er fühlte sich kaum ausgeruht, was wohl daran lag, dass er die halbe Nacht über Nataljas Schlaf gewacht hatte. Nachdem er bemerkt hatte, dass Natalja verschwunden war, versuchte er anhand irgendeines Geräusches festzustellen, wohin sie gegangen war. Doch es war weder ein Wasserrauschen im Badezimmer zu hören, noch Schritte oder irgendwelche anderen Geräusche. Doch dann glaubte er, ganz leise Musik zu hören. Er stand auf, stützte sich auf seinen Stock, der neben dem Bett gelegen hatte und verließ das Zimmer. Im Gehen fuhr er sich ein paar Mal mit der freien Hand über sein zerknittertes Hemd, ein vergeblicher Versuch, es etwas zu glätten.

Er kam ins Wohnzimmer und entdeckte Natalja, die sich auf zwei Polsterstühlen ausgestreckt hatte und noch einmal eingeschlafen zu sein schien. Er erkannte die Musik, die leise aus den Lautsprechern klang, obwohl er sich die CD nur ein oder zweimal angehört hatte. Die warme, melodische Stimme der Sängerin gefiel ihm ganz gut, aber meistens bevorzugte er klassische Musik, Jazz oder Classic Rock.

„Guten Morgen", sagte Natalja, die inzwischen die Augen geöffnet hatte und lächelte ihn an. Dann fragte sie: „Gut geschlafen?"

„Mäßig, danke. Wie wäre es mit Frühstück?"

„Gute Idee. Soll ich dir helfen?"

„Ich mache das schon. Es gibt aber nur Brot von gestern. Es sei denn, du willst mich armen, unausgeschlafenen Mann vor die Tür scheuchen, um frisches zu holen."

„Nein, das kann ich dir wirklich nicht antun". Sie lachte. „Ich bin zufrieden mit dem, was da ist."

Er ging in die Küche und Natalja dachte: „Eigenartig. Gestern hatten wir fast dasselbe Gespräch, aber heute ist alles irgendwie viel entspannter."

Auch House hatte diesen Wandel in der Atmosphäre bemerkt und wunderte sich fast noch mehr darüber. Denn nach der vergangenen Nacht hatte er erwartet, dass Natalja vielleicht etwas schweigsamer und zurückhaltender sein würde als sonst. Aber sie benahm sich ganz natürlich. Einen Moment fragte er sich, ob sie sich vielleicht gar nicht mehr an die nächtlichen Ereignisse erinnerte. Aber diesen Gedanken verwarf er gleich wieder. Denn dann hätte sie irgendeine andere Erklärung dafür finden müssen, dass er in ihrem Bett geschlafen hatte. Und egal, wie diese Erklärung gelautet hätte, Natalja hätte sich dann sicher auch nicht so freundlich und normal verhalten.

Nach einer Weile kamen sowohl Natalja als auch House zum selben Ergebnis ihres Nachdenkens. Das, was in der Nacht geschehen war, so verstörend es auch gewirkt hatte, hatte sie irgendwie näher zueinander gebracht.

House richtete auf dem kleinen Tisch, an dem die Bistrostühle standen alles her, dann rief er nach Natalja, die erst noch die Musik etwas lauter drehte, und dann in die Küche kam. An diesem Tag frühstückten sie gemeinsam. Sie redeten über mehr oder weniger belangloses Zeug und alberten herum. Nach einer Weile entschuldigte er sich dafür, dass er sie am Vorabend versetzt hatte, und sie erwiderte grinsend, dass sie ohnehin nicht auf ihn gewartet hatte. Nach einer Weile machte Natalja spontan den nicht ganz ernst gemeinten Vorschlag, ein Picknick zu machen. Sie war erstaunt, dass House darauf einging, aber auch froh, denn sie wünschte sich nichts mehr, als etwas an die frische Luft zu kommen. Und so beförderten sie das übrig gebliebene Brot, etwas vakuumverpackten Cheddar-Käse, die Früchte, die House am Vortag gekauft hatte und von denen Natalja bis jetzt nur einen Apfel gegessen hatte, zwei Flaschen Cola und zwei Dosen Bud-Light in einen riesigen Weidenkorb, den House aus der hintersten Ecke eines Küchenschranks hervorgezerrt hatte. Der Korbinhalt war zwar schließlich bunt zusammengewürfelt und ein bisschen chaotisch aber er stellte House und Natalja völlig zufrieden. Und dank der wunderbaren amerikanischen Einrichtung der 24/7 Supermärkte konnten sie ja auch noch schnell einkaufen gehen, falls ihnen etwas fehlte.

Nun ging Natalja ihre Zähne putzen und zog wieder eine ihrer Trainingshosen an, diesmal die schwarze, dazu ein violettes T-Shirt (auch ein Vorteil von Amerika: man konnte den ganzen Tag in Kleidern herumlaufen, die aussahen, als käme man gerade aus dem Fitnessstudio ohne deshalb seltsam angesehen zu werden). Wie sie feststellte, als sie wieder in die Küche kam, hatte auch House sich inzwischen frische Sachen angezogen, allerdings wie immer darauf verzichtet, sich zu rasieren. Er war gerade damit beschäftigt, auch noch eine Decke und zwei Polster in dem Riesenkorb zu verstauen (in dem wohl auch ein Hund oder ein kleines Schaf ohne Probleme Platz gehabt hätten). Auch sein Ipod und batteriebetriebene Mini-Boxen warteten noch darauf, eingepackt zu werden.

Und dann ging es los. Sie nahmen ein Taxi, weil sie mit Nataljas Krücken und dem Picknickkorb ja nicht das Motorrad benutzen konnten und House' selten gefahrenes Auto drei Straßen weiter in einer Mietgarage stand.