Nö, liebe Leute, wenn ihr wissen wollt, wie Snape sich befreit hat, müsst ihr noch ein bisschen warten. Aber trotzdem danke fürs feedback.
Ich schreibe nur aus Spaß an der Freud' und bedanke mich bei J.K. Rowling für das Ausleihen der Charaktere.
Kapitel elf
Das Dunkel wich, das Nichts füllte sich langsam mit Empfindungen… Schwere, unsagbare Schwere, bleierne Müdigkeit, Wärme, angenehme Wärme…
Der Tod…fühlte er sich so an? Ein Zustand wohliger Benommenheit? Und er war doch tot… etwas anderes war gar nicht möglich… der Fluss, das eisige Wasser, die schweren Ketten… sein Körper lag mit Sicherheit auf dem schlammigen Grund der Themse. Tod… Ende … Nichts. Doch Moment … wieso dachte und fühlte er? War es … was? Sein Bewusstsein? Seine Seele? Irgendetwas von ihm war noch da… Aber wo? Wo gab es diese Wärme und Geborgenheit? Dieses Wohlbefinden? Die Schmerzen nur noch eine vage Erinnerung. War dies das Jenseits, Himmel, Hölle, was auch immer? Ein Durstgefühl gab es. Hatten Tote Durst? Lächerlich. Aber er hatte Durst! Was also…?
Was war das? Eine Bewegung? Etwas Schweres neben ihm. War da noch jemand? Etwas berührte sein Gesicht, Haut, Hände, warm, sanft. Strichen über seine Stirn. Eine Stimme… Frau… Worte… unverständlich, klangen besorgt, zärtlich… wieso zärtlich, wieso? … Engel? Gab es wirklich Engel im Jenseits? Weißgekleidete Gestalten mit großen Flügeln, die auf flauschigen Wolken saßen, die Leier schlugen und ‚Halleluja' sangen? Blödsinn. Aber da war jemand… kaltes, glattes Metall auf seinen Lippen, nass, Wasser, kühles Wasser. Ganz von selbst holte seine Zungenspitze den Tropfen und noch einen und noch einen, bis er schlucken musste. Es tat gut. Und wieder die Stimme, die Hände, sie zogen etwas hoch, legten etwas um seine Schultern… strichen sanft darüber… weich, warm… eine Decke? Gab es Decken im Jenseits? Seltsam. Irgendetwas stimmte nicht. Verdammt, er musste sehen, wo er war, musste wissen, wer sie war, was er war…ach, es war so schwer, unmöglich, die Augenlider waren bleiern, sie klebten … vier Monate Dunkelheit… beim Prozess… …wieso war das immer noch so? Im Tod sollte doch sicher…? Etwas Neues, Stoff, feucht, warm, verharrte liebkosend auf Stirn, Wangen und Augen, vor allem Augen… Kamille, es roch nach Kamille… Kamille im Jenseits? Unsinn. Irgendetwas stimmte hier definitiv nicht. Noch einmal: Er musste sehen, musste … musste Kontrolle erlangen… musste…Verdammt, er musste es einfach schaffen… MUSSTE…
Gebannt beobachtete Brenda das Gesicht ihres Patienten, verharrte mit dem Waschlappen in der Hand, während ihr Herz einen wilden Rock'n'roll tanzte; trotzdem wagte sie kaum zu atmen. Schon die ganze Zeit hatte sie das Gefühl, dass etwas anders war als sonst, dass er gegenwärtiger war und jetzt arbeitete es deutlich in seinem Gesicht und schließlich, jetzt, endlich zuckten seine Lider, er stöhnte, seine Gesichtsmuskeln spannten sich schmerzhaft an, er blinzelte mühsam.
„Gott sei Dank", flüsterte sie, fasziniert auf seine geröteten Augen starrend, und ließ den Waschlappen sinken, ungeachtet der Tatsache, dass er einen nassen Fleck auf ihrem Hosenbein hinterließ.
Die Augen folgen ihrer Bewegung, blinzelnd, unsicher, ängstlich, erkennend, fragend. Sein Mund öffnete sich, arbeitete, die Zungenspitze irrte über aufgesprungene Lippen. Ein heißerer Laut.
„Alles ist gut. Du… Sie sind in Sicherheit", gab Brenda die Antwort auf die vermutete Frage und setzte ein zögerliches ‚ unhörbares ‚Severus' hintendran. Sollte sie ihn duzen? Im Gegensatz zu allen hatte er ihr gegenüber immer die Förmlichkeit gewahrt, aber andererseits war sie ihm in den letzten Tagen so nah gewesen, wie man einem Menschen nur nah sein konnte, hatte stundenlang an seinem Lager gesessen, ihn umsorgt, gewaschen, hatte mehrere Nächte neben ihm gelegen, ihn in den Armen gehalten, ihm durch die Fieberträume geholfen…
Räuspern, schmerzhaftes Husten.
„…nicht…tot…?"
Sie lächelte.
„Nein, ein bisschen mitgenommen, aber lebendig."
Die Augen schlossen sich kurz, seine Züge erstarrten schmerzhaft. Ein tiefer, zitternder Atemzug. Dann schlug er sie wieder auf.
„Warum?"
„Warum was? Warum du am Leben bist?"
Er nickte ungeduldig.
„Ein Mann namens Mundungus hat dich gefunden, am Themseufer, und hierher gebracht."
Er schloss die Augen und gab ein schnaubendes Geräusch von sich.
„Dung!" Es klang so wenig begeistert, dass sie sich vorbeugte und ihn forschend ansah.
„Ja, es schien, als läge ihm etwas daran, dass du überlebst."
Er verzog das Gesicht zu einer Grimasse und wandte den Kopf zur Wand.
Hatte sie etwas Falsches gesagt? Er schien nicht sonderlich begeistert zu sein über die Tatsache, dass er am Leben war. Unschlüssig legte Brenda den Waschlappen in die Schüssel zurück.
„Möchten… möchtest du etwas trinken?"
Keine Reaktion. Sie wartete, überlegte unschlüssig, was sie jetzt tun sollte. Schließlich drehte er sich wieder zu ihr um und nickte.
Sie stellte die Waschschüssel weg und schob einen Arm unter seine Schulter, richtete seinen Oberkörper vorsichtig so weit auf, dass er trinken konnte.
„Ganz langsam", sagte sie, während sie ihm ein Glas an die Lippen hielt. Gehorsam nahm er winzige Schlucke, seine Augen fest auf das Glas in ihren Händen gerichtet.
Ein leichtes Kopfschütteln sagte ihr, dass er genug hatte und sie legte ihn vorsichtig wieder zurück auf das Kissen. Er starrte an die Decke, sein Gesicht ausdruckslos. Wie wär's mit ‚danke'? dachte Brenda und schalt sich gleichzeitig dafür, dass sie in seinem Zustand Höflichkeit erwartete.
Umständlich räumte sie das Glas zur Seite und ordnete die Waschutensilien neu, um ihre Verlegenheit zu überspielen. Einen bewusstlosen, mehr oder weniger fremden Mann zu umsorgen und zu berühren war eine Sache, es bei einem wachen fortzuführen eine andere. Sie hatte ihn während seiner wüsten Träume getröstet, zu ihm gesprochen, instinktiv, irgendwelchen bedeutungslosen Kram, nur damit er eine freundliche Stimme hörte. Jetzt hatte sie keine Ahnung, was sie sagen und tun sollte. Er machte nicht den Eindruck, als warte er auf Konversation. Er schien sie überhaupt nicht wahr zu nehmen. Poppy Pomfrey war nicht müde geworden, sich über seine Traumatisierung und seine schwierige Persönlichkeit auszulassen. Wie ging man mit solch einem Menschen um? Er ignorierte sie. Sollte sie ihn ansprechen? Oder einfach gehen? Aber sie konnte ihn doch jetzt nicht ganz alleine lassen. Warum sah er sie nicht wenigstens an?
Ihr Blick fiel auf seine Hand. Wie oft hatte sie diese in den letzten Tagen gehalten? Sie kannte jede Schwiele, wusste, dass er am linken Zeigefinger eine kleine Warze hatte. Wie würde er reagieren, wenn sie sie jetzt wieder nähme? Sollte sie? Oder lieber doch nicht?
Brenda atmete erleichtert aus, als die Tür aufging und Kingsley ungeduldig seinen Kopf hereinsteckte.
„Bren, wo bleibst du? Du wolltest mir doch zeigen, wie man das mit dem Fax und der e-mail… Gott im Himmel, gütiger Merlin… ist er wach? Severus!"
Und schon kniete Kingsley neben der Matratze, die schlaffe, bleiche Hand des Patienten zwischen seinen kräftigen schwarzen. Der sonst so selbstsichere Mann fand keine Worte, schüttelte nur den Kopf und strich seinem Freund unablässig über die Hand. Dieser hatte endlich seinen Blick von der Zimmerdecke gelöst und auf seinen Besucher gerichtet.
Brenda erhob sich leise, nahm Waschschüssel und Handtücher und ging hinaus, schloss vorsichtig die Tür hinter sich. Was die beiden sich jetzt zu sagen hatten, ging niemanden etwas an. Vielleicht fand Kingsley die richtigen Worte.
Sie brachte die Waschschüssel ins Bad und goss das Wasser aus. Dann stieg sie die Treppe hinunter. Luna war in der Küche, sie hatte die nächste Pflegeschicht bei Snape. Zusammen mit Brenda, einem eifrigen, aber ungeschickten Draco, Remus und einem sehr verlegenen Neville hatte sie sich Snapes Pflege geteilt, ihn keine Minute aus den Augen gelassen; nachdem offensichtlich wurde, dass er positiv auf menschlichen Kontakt reagierte und weniger Albträume hatte, hatten sie ständig an seinem Lager gesessen und nachts neben ihm geschlafen. Die anderen Hausbewohner waren eher zurückhaltend gewesen. Zu tief saß der negative Eindruck, den sie von ihrem ehemaligen Lehrer hatten, der Gedanke, ihn zu berühren und im Arm zu halten, war zu abwegig..
„Er ist wach."
Brenda ließ sich auf einen Küchenstuhl fallen. Luna blickte von der Zeitung auf.
„Das ist gut", sagte sie sachlich und lächelte mild.
„Ich fürchte, Poppy hatte Recht. Er ist zwar gerade erst aufgewacht, vielleicht ist es voreilig, über ihn zu urteilen, aber… er … ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll, er ist … nicht einfach", fuhr Brenda fort.
Luna richtete ihre großen Augen gedankenverloren auf einen Punkt an der Wand.
„Er ist Professor Snape, es ist ganz normal."
Brenda sah sie stirnrunzelnd an. ‚Ganz normal', soso.
„Kingsley ist bei ihm, ich denke, die beiden haben sich viel zu sagen", wechselte sie das Thema.
Luna nickte zustimmend.
„Ich brauche jetzt einen Tee. Willst du auch einen?" Brenda stand auf und griff nach dem Wasserkocher.
„Nein, danke, zu viel Tee macht die Aura durchlässig für Zwatterläuse."
„Wofür?" Brenda verharrte, den Wasserkocher unter dem Wasserhahn.
„Zwatterläuse. Sie dringen überall in deinen Körper ein und fressen deine Gedanken an, du kannst dich nicht mehr konzentrieren."
„Aha."
Entschlossen drehte Brenda den Hahn auf. Wieder mal eine von Lunas verrückten Theorien.
Kurze Zeit später kehrte sie mit ihrer gefüllten Tasse an den Tisch zurück.
„Ich bin gespannt, wie das jetzt weitergeht mit Severus. Steht denn immer noch nichts über seine Flucht in der Zeitung?"
Zu ihrem Erstaunen hatte das Zaubererblatt die Sache mit keinem Wort erwähnt. Nach Remus' Meinung wollten die Todesser sich keine Blöße geben und schwiegen die Flucht ihres politischen Gefangenen tot, während sie allen Anzeichen nach gleichzeitig fieberhaft nach ihm suchten.
Luna schüttelte den Kopf. „Nichts."
„Dann halten ihn also alle Nicht-Todesser jetzt für tot."
„Nein, für geküsst."
„Ist das nicht das Gleiche? Ich dachte, ‚geküsst' wäre ein Euphemismus."
„Nein, ganz und gar nicht. Wenn jemand geküsst wird, lebt sein Körper weiter, aber ohne Seele."
„Aha."
War das wieder eine von Lunas Ideen oder entsprach es der Wahrheit? Ein Körper ohne Seele. Aber was genau war die Seele?
„Und wie muss man sich das vorstellen?"
Luna zuckte die Achseln. „Ganz einfach. Die Seele fehlt." Nachdenklich starrte sie ins Leere.
„Wie es aussieht, weiß ich auch nicht. Niemand bekommt die Geküssten zu Gesicht. Sie halten sie weiterhin in Askaban gefangen, glaube ich."
Brenda brummte unverbindlich und beschloss das Thema zu wechseln.
„Und was wird nun mit dem allen hier. Ich meine, wo es keinen Verbindungsmann zu den Todessern mehr gibt, wird doch alles schwieriger, oder?"
Luna blickte hoch und lächelte achselzuckend.
„Kingsley findet schon einen Weg und Severus fällt bestimmt auch etwas ein."
Brenda gab einen skeptisch-zustimmenden Laut von sich und trank einen Schluck Tee. So ganz konnte sie Lunas Optimismus nicht teilen. Zunächst galt es überdies, schlicht und ergreifend die Frage des friedlichen Zusammenlebens aller Hausbewohner in Angriff zu nehmen. Draco war für die Weasleys schon ein Fremdkörper gewesen, und Ron und seine Geschwister sahen immer noch bei jeder Erwähnung von Severus' Namen aus, als wollten sie ihn am liebsten ans Ende der Welt hexen, während Draco ihn gleichzeitig hitzig verteidigte. Und Severus Snape selber hatte in der kurzen Zeit, in der sie ihn bei Bewusstsein erlebt hatte, nicht den Eindruck gemacht, als sei er mit einem besonders verbindlichen und konziliantem Wesen gesegnet. Sich aus dem Weg gehen war auf die Dauer in dem engen Haus auch nicht möglich. Es würde einiger diplomatischer Bemühungen bedürfen, um die Beziehungen einigermaßen alltagstauglich zu halten. Die nächsten Wochen versprachen anstrengend zu werden.
