11. Das Synästhesium
Am Tag der zweiten Aufgabe des Trimagischen Turniers hatte sich die gesamte Schule am See versammelt. Es war ein nebliger und kalter Februartag. Suzette, immer noch nicht gänzlich auskuriert, fragte sich, wieso man sich das hier draußen freiwillig antat, zusehen würde es von dem, was da unter Wasser vor sich ging, sowie so nichts.
Sie stand am Ufer des Sees bei Professor McGonagall und war dafür eingeteilt, mit ihr den Start zu organisieren, aufzupassen, dass alles mit rechten Dingen zuging und im Notfall Hilfe zu leisten. McGonagall hatte im Vorfeld die vier Geiseln in eine Trance versetzt und sie den Wassermenschen aus dem See anvertraut.
Die Champions hatte sich am Ufer des Sees eingefunden, nur Potter fehlte zum Missfallen seiner Hauslehrerin.
Suzette erklärte sich bereit zum Schloss zurück zu gehen und Harry zu suchen, schließlich war es ihre Aufgabe, auf ihn Acht zu geben und sein Nichterscheinen, verursachte dann doch ein leichtes Unbehagen in ihrer Magengegend. Außerdem hoffte sie, sich im Schloss noch mal ein wenig aufwärmen zu können.
Doch kaum hatte sie die Eingangshalle des Schlosses betreten, hörte sie, wie hinter ihr eine ihr unbekannte, jungenhafte Stimme rief: „Stupor!". Wie vom Blitz getroffen fiel Suzette zu Boden und konnte sich keinen Zentimeter mehr rühren.
Jemand zog ihr etwas dunkles über den Kopf sodass sie nicht sehen konnte, wer sie geschockt hatte und wo er sie hinbrachte, als er sie offensichtlich hinunter in die Kerker trug und eine Tür hinter ihr schloss.
Für gewöhnlich hielten Schockzauber solange an, bis jemand den Gegenzauber Ennervate sprach. Suzette konnte zwar nicht sprechen, aber es dauerte nicht lange, da spürte sie, dass sie wieder zaubern konnte. Unausgesprochen und ohne Zauberstab, wie üblich, schaffte sie es fast automatisch und instinktiv sich zu befreien, den schwarzen Beutel von ihrem Kopf zu streifen und ganz langsam wieder zu Beweglichkeit und vollem Bewusstsein zu kommen.
Es war stockdunkel, sie sah absolut nichts, fühlte nur den kalten, feuchten Kerkerboden auf dem sie lag.
„Lumos", sprach sie leise, da sie fürchtete doch zu schwach für ihre üblichen Künste zu sein, nur um sicher zu gehen. Doch schon bevor sie, es ausgesprochen hatte hielt sie pures, warmes Licht in der Hand.
Snapes Büro! Sie befand sich in Snape Büro! Von überall starrte sie tote Augen von eingelegten Eidechsen und Fröschen an und zum ersten Mal kam ihr das gruselig vor.
Dann erinnerte sie sich an das Trimagische Turnier. Sie musste sofort dorthin! Nein, vorher noch Potter finden!
Sie stürzte zur Tür und zu Boden, als sie sie berührte. Sie konnte ihr nicht nah kommen: Ein Bannzauber! Vermutlich sogar Snapes eigener Schutzzauber um Einbrecher festzuhalten.
Sie versuchte es mit Öffnungszaubern, ausgesprochen und unausgesprochen. Nichts half.
Sie konnte nichts tun, außer abwarten und hoffen, dass dem Jungen nichts passierte.
Wer hatte sie nur hier hergebacht? Sie kannte die eigenartige Stimme, die sie geschockt hatte nicht, hatte ihren Klang auch schon fast wieder vergessen, so durchschnittlich unauffällig schien sie ihr. Jeder, der sie nicht leiden konnte oder der ihr misstraute hätte es sein können.
Ungeduldig ging sie in dem kleinen, vollgestopften Brauzimmerchen hin und her, probierte noch mal den einen oder anderen Zauber aus und ärgerte sich über sich selbst. Hatte Potter sie vielleicht sogar selbst... Der Gedanke war absurd! Potter wollte ein guter Junge sein! Kleiner Schleimer!
Nach etwa zwei Stunden ging endlich die Kerkertür auf und ließ richtiges Licht hinein. Snape blickte überrascht und im nächsten Moment enttäuscht auf Suzette, die er als Dieb entlarvt zu haben glaubte: „Was...". Suzette war schneller: „Jemand hat mich geschockt! Ich hab keine Ahnung... Ist Potter okay?".
„Geschockt? Erzähl mir keine Lügen!", Snape baute sich vor ihr auf und Suzette fand es unpassenderweise lächerlich. „Doch! Als ich ins Schloss kam, um Potter zu suchen. In der Eingangshalle.".
Snape schaute Suzette tief und böse in die Augen. Sie spürte förmlich, wie er ihr Erinnerungen durchwühlte, bis er fand was er suchte und Suzettes Unschuld bewiesen war.
„Das ist allerdings seltsam!", gab Snape zu und zog seine Augenbrauen gefährlich zusammen.
„Was ist mir Potter?", fragte Suzette nochmals.
„Natürlich hat er Dianthuskraut benutzt! Musste wieder den Helden spielen! Widerlich!".
„Ihm ist nichts passiert?".
„Nein!".
Suzette atmete auf, denn sie hatte befürchtet, dass man sie nur deshalb außer Gefecht gesetzt hatte, um schutzlos zu lassen.
Am folgenden Schultag war das Veritaserum fertig und Snape freute sich, es Harry unter die Nase zu halten.
Suzette fand sich bei Professor Dumbledore ein, der wissen wollte wo sie gesteckt hatte und was es mit dem Schockzauber auf sich hatte, von dem Snape ihm schon kurz berichtet hatte.
Suzette erklärt ihm das selbe wie zuvor schon Snape und Dumbledore schien besorgt zu sein.
„Da wollte einer zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen!", fing er an, „Sie und Severus auseinander bringen und sie für die zweite Aufgabe außer Gefecht setzten. Vielleicht können wir gar von Glück reden, dass nichts weiter passiert ist. Sie haben keinerlei Verdacht?".
„Nein. Es könnte jeder gewesen sein.", antwortet Suzette ernst.
„Von nun an müssen sie sich ebenfalls in Acht nehmen, Suzette!", warnte Dumbledore. Suzette nickte geistesabwesend.
„Das Synästhesium", begann der Schulleiter von neuem, „ist eine faszinierende Sache, nicht?".
„Oh! Sie wollen es zurück? Tut mir leid! Ich bring es ihnen hoch!".
„Nein, nein, Suzette!", der alte Mann lächelte mild, „Behalten sie's! Benutzen sie's! Erforschen sie's!".
Suzette bedankte sich und verließ das Büro des Schulleiters mit gemischten Gefühlen.
Unterdessen ärgerte sich Harry maßlos über Snapes Vermessenheit ihm mit Veritaserum unterjubeln zu wollen. Er hatte durchaus Angst, denn er traute Snape alles zu. Was würde er nicht alles für Geheimnisse erfahren?! Wie er sich verplappern könnte!
Snape hingegen kam gut gelaunt, ob seiner gelungenen Drohung und der Tatsache, dass er Karkaroff ein weiteres Mal abwimmeln konnte, in sein Kämmerlein, um sich und Suzette einen Tee zu kochen.
Diese kam auch sogleich, entsprechend mies gelaunt zum Tränkemeister. Das nächste Wochenende in Hogsmeade stand an!
Am Abend setzte Suzette sich auf ihr Bett und nahm die schwarze, metallene Kugel hervor und ließ sich inspirieren. Die Kugel war etwas wertvolles, wusste Suzette, kein schnödes Zauberspielzeug oder –instrument. Es fühlte sich an, als habe es eine Seele. Nicht gerade als würde es leben, viel eher als versteckte sie unendliche Geheimnisse, Unmengen an Emotion und eine sehr starke Magie.
Sofort nachdem sie das Synästhesium berührt hatte, spielte wieder die Musik in ihrem Kopf:
„You must go must flee
For they will hunt you down
You and your unborn seed
In all of Gaul is there safety?
Les Saint Marie de la Mer
You will dance the ring
Marys of the Sea
The lost bride weeps
Les Saint Marie de la Mer
We will dance your ring..."
Die Kugel begann sofort wieder in warmen Farben zu leuchten und den Raum zu erhellen, dann traf es Suzette wie ein Blitz in ihrem Kopf formatierte sich die zweite Strophe des Liedes:
„I hear a voice and it says:
„The red of the roses is it's own
And something no man can divide"
So St. Germain hear the prayer
Of this supplicant
For two scarlet women, Black Madonna..."
Als sie diese Strophe anstimmte, wurde der metallische Körper der Kugel langsam transparent, durchsichtig wie Kristall und zeigte Suzette das Bild eines Mannes, sein Gesicht viel mehr. Es handelte sich nicht um ein genaues Bild oder eine Photographie sondern um eine Art Gemälde, Portrait des Renaissancezeitalters oder später vielleicht. Das musste dieser Heilige Germain sein, schoss es Suzette durch den Kopf. Aus irgendeinem Grund hatte sie sich noch nicht wirklich mit dem Text ihres Liedes auseinander gesetzt, es kam ihr bis jetzt eher allgemeingültig vor. Jemand musste geflohen sein. Na und? Viele Leute sind geflohen im Laufe der Geschichte und es gab unendlich viele Lieder, die solch ein Drama thematisierten.
Aber das Erscheinen eines konkreten Bildes in er Kugel, machte Suzette glauben, dass die ganze Sache doch mehr mit ihr zu tun hatte.
Sie wollte sich den Text aufschreiben und legte die Kugel, die mit dem Lösen ihrer Berührung sofort wieder erkaltete und schwarz wurde, beiseite. Sie fand ein Stück Pergament und eine Feder. Doch als sie die Worte aufschreiben wollte, fielen sie ihr partout nicht mehr ein. Sie waren wie weg, als wollte sie ein Lied aufschreiben, das sie noch nie gehört hatte. Sie legte die Schreibutensilien weg und mit diesem Augenblick waren die Worte, jedoch nicht die Melodie, wieder in ihrem Kopf.
Am nächsten Morgen versuchte sie in der Bibliothek etwas über diesen Heiligen herauszufinden und fand bereits im ersten Buch, das sie aufschlug, „Hochrangige Persönlichkeiten der Zauberergeschichte", einen Hinweis auf den Heiligen Germain: Zunächst war es offensichtlich kein Heiliger, sondern nur Graf eines Ortes namens St. Germain. Ein Alchimist, Geheimlehrer uns berühmter Magie seiner Zeit.
Suzette wusste nicht, was diese Informationen ihr nützen sollten und klappte das Buch zu.
In einer weiteren stand, dass er ein brillanter Politiker gewesen sein musste, mehrer Sprachen beherrschte und ein Virtuose auf der Violine war. Na und, dachte Suzette und war schon kurz davor die ganze Sache hinzuschmeißen. Sie sah auf die Uhr und dachte, dass sie ohnehin nichts besseres zu tun hatte und suchte nach weiteren Büchern.
Ein Meister der Dunklen Künste. Dieser Satz lies Suzette aufmerksamer werden. Ein Okkultist, der am Hofe diverser Herzöge und Grafen seiner Alchemie nachging.
Ein weiteres Buch, das Suzette dazwischen gerutscht sein musste, behandelte unbewiesene, pseudospirituelle Theorien. Hier wurde behauptet, der Heilige Germain, man nannte ihn wirklich heilig, sei ein Zeitwanderer, welcher hin und wieder auf der Erde inkarnatierte. Unter anderem sei er Merlin selbst gewesen. Muggel halten ihn für einen Propheten, der ihnen Freiheit verspricht, ein neues Zeitalter einleiten solle und ihr Bewusstsein erweitere. Seine Botschaft: „Alle Magie liegt in der Stille!".
Suzette klappte das Buch zu und starrte den Einband wie versteinert an, ohne es wirklich anzusehen. Hatte das alles etwas mit ihrer Herkunft zu tun?
Suzettes Gehirn fühlte sich irgendwie benebelt an und sie überlegte sich, Severus später danach zu fragen, was sie bei der ganzen Sache glauben sollte und was nicht.
Sie hielt die miefige Luft in der düsteren Bibliothek nicht mehr aus und ging nach draußen. Es war kalt, aber die Kälte belebte sie. Der ruppige Rabe kam zu ihr auf die Schulter geflattert und knabberte an ihrem Ohr.
„Hey Pip! Was wenn ich von diesem Germain-Typ abstamme?", sie lachte, „Alle Magie liegt in der Stille! Passt doch!".
Der Rabe krähte leise in ihr Ohr, sie müsse den Text erst ganz interpretieren, meinte er.
Suzette hasse es Kunst zu interpretieren. Sie mochte es, wenn es wirkte. Dann und nur dann war es Magie!
