Ein jung gebliebener Scherzkeks
Es war eisig kalt.
Der Schnee fiel so dicht vom Himmel, dass die Räumungsarbeiter kaum noch hinterherkamen. Der Verkehr in der Stadt Tokyo kam während der Rush Hour regelmässig zum Erliegen, und mit jedem Tag wurde es schlimmer. Dieser Winter galt als der kälteste seit Jahren, und nicht gerade viele Bewohner freuten sich über die Temperaturen von über 20 Grad Minus. Ein bestimmter Bewohner von Japans Hauptstadt freute sich am allerwenigsten darüber, denn solche Minusgrade bedeuteten für ihn immer etwas Schlechtes: Schnupfen, Erkältungen und Husten am laufenden Meter.
Als Shinichi Kudo an einem Montagabend von der Arbeit nach Hause kam, fühlte er sich hundeelend. Schon den ganzen Tag über hatte er sich schlapp und müde gefühlt, er fror und schwitzte gleichzeitig und sein Gehirn wollte auch nicht mehr so richtig arbeiten. Mit Mühe und Not schaffte er es durch den Tag, und nachdem er von morgens bis abends keinen Hunger verspürt und beim Abendessen nur eine halbe Miniportion zu sich genommen hatte, verfrachtete seine Frau Ran ihn ohne Wenn und Aber sofort ins warme und gemütliche Bett.
Ihre vier Kinder, für die es schon fast normal war, wenn ihr Vater krank war, verhielten sich ruhig und zuvorkommend. Sie mochten es nicht, wenn Shinichi krank war, und wünschten jedes Mal, dass er schnell wieder gesund wurde.
Bisher hatte die Familie Kudo Glück, denn Shinichis Erkältungen waren nach jeweils drei oder vier Tagen überstanden. Dieses Mal jedoch dauerte es doppelt so lange, und selbst dann war er immer noch nicht wirklich gesund.
Einen Tag später ging es Shinichi zwar wieder einigermassen gut, aber er fühlte sich trotzdem noch immer sehr schwach und nicht erholt. Obwohl er der Meinung war, nicht mehr länger der Arbeit fortbleiben zu können, behielt Ran ihn immer noch zu Hause; seine Gesundheit war wichtiger, fand sie, und Shinichi fügte sich ihrem Wunsch.
Den nächsten Vormittag verbrachte Shinichi in seinem Arbeitszimmer, um wenigstens etwas Büroarbeit erledigen zu können, während Ran im Wohnzimmer ein Buch las und die vier Kinder sich ebenfalls mit ihr im gleichen Raum aufhielten. Im ganzen Haus war es ruhig, bis Shinichi plötzlich und ohne jegliche Vorwarnung ins Wohnzimmer stürmte.
"Eine Maus!", schrie er und fuchtelte wild mit den Armen. "Hier ist eine Maus!"
Aus Reflex zogen Ran, Shinichi Jr. und Shunsaku die Beine hoch, während Reika und Miyuki laut kreischend auf ihre Sessel sprangen.
"Wo ist die Maus, Dad? Wo?"
Eine Antwort erhielten sie nicht. Stattdessen brach Shinichi in schallendes Gelächter aus und konnte sich nicht mehr beruhigen, so dass er Bauchschmerzen bekam. Ran kam das Ganze komisch vor, und kurz daraufhin wusste sie auch warum. Ihr Mann zog eine Computermaus hervor und kugelte sich weiterhin vor Lachen.
Shinichi Jr. und Shunsaku lachten ebenfalls, nur Reika und Miyuki fanden es überhaupt nicht lustig und waren empört.
"Dad! Wie konntest du nur?"
Ran war ebenfalls nicht sehr angetan von diesem Streich und rollte mit den Augen.
"Shinichi, geh arbeiten, du bist wieder gesund."
"Heute nicht mehr, morgen", grinste er und lachte wieder.
Zehn Minuten später hatte sich die Situation entspannt, die Mädchen hatten sich beruhigt, und die Jungs waren wieder gut gelaunt. Zumindest fast, denn nun hatte Shunsaku etwas zu Meckern. Der Zehnjährige grummelte.
"Mann, vielen Dank, Dad, das war schlagsahnemässig. Wegen dir hab ich jetzt eine Mittelohrvergiftung."
"Eine was?", fragte Shinichi verständnislos. "Warum?"
"Weil Miyuki mir voll ins Ohr gekreischt hat."
"Und das hat eine Mittelohrvergiftung zur Folge?"
"Ja."
"Hör nicht auf ihn, Shinichi", sagte Ran und seufzte. "Hast du Hunger? Du hattest kein Frühstück, wie wäre es mit Rührei?"
"Kleine flüssige Hühner", sagte Shinichi leise. "Nein danke, besser nicht. Aber gegen ein Salami-Eis hätte ich nichts."
"Nichts da, es gibt kein Eis. Und schon gar keine Salami, das ist ungesund."
Shinichi Jr. grinste breit.
"Dann wünsch dir doch ein Gurken-Eis."
Zur Antwort streckte Shinichi angewidert die Zunge raus und erntete ein Kopfschütteln von Ran.
"Ich möchte gerne das Thema wechseln", sagte sie und sah ihrem Ehemann direkt in die Augen. "Hast du also noch etwas zu sagen?"
Alle vier Kinder ahnten, dass jetzt wieder etwas total Lustiges kam, und tatsächlich...
"Die Rumkugeln tun rum kugeln."
Sie alle brachen in lautes Gelächter aus, nur Ran schüttelte wieder den Kopf.
"Oje, oje."
"Was ist, Mum?", fragte Shinichi Jr. und lachte immer noch. "Bekommst du einen Hirnkrampf?"
Ran beschloss, nichts darauf zu antworten, und sich stattdessen seufzend wieder in ihr Buch zu vertiefen. Etwas Besseres konnte sie jetzt nicht tun.
Die Kinder wandten sich ebenfalls wieder ihren Tätigkeiten zu, und Shinichi zog sich in sein Arbeitszimmer zurück. Ja, er war ein Scherzkeks, und seine Kinder hatten das eindeutig von ihm geerbt. Der Mäuse-Streich von heute war nur einer von vielen, und bald schon würde er seiner Familie wieder einen spielen.
Er grinste breit.
Aber bis dahin würde er noch etwas Zeit verstreichen lassen.
Owari
01.01.11 00:00 2
