„Ich will nicht, dass du gehst" - Kapitel 11
Zu gerne würde Septima einfach aufstehen und flüchten. Die angespannte Stimmung verdarb ihr nun endgültig die Laune.
'Schon wieder', dachte Septima und seufzte innerlich. Es hatten sich doch gerade erst die Spannungen mit Alan gelegt, warum konnte es jetzt nicht endlich besser werden?
Warum war Minerva gekommen? Warum musste sie es ihr so unglaublich schwer machen?
Und warum sah sie dabei auch noch so wunderschön aus? Minervas dunkle Haare waren zu einem lockeren französischen Zopf geflochten und ließen ihr Gesicht weicher wirken, als das sonst der Fall war. Sie trug unauffällige Mugglekleidung, Jeans und ein violettes Oberteil. Ein leichter Seidenschal lag über ihrer Schulter. Und ihre Augen, ihre tiefen grauen Augen, leuchteten. Blitzten. Selbst wütend war sie schön.
Den ganzen Tag über waren Alan, Minerva und sie auf Entdeckungsreise in Genua gewesen.
„Ferien machen", hatte Minerva gesagt. Sie hatte Septimas Einladung annehmen wollen.
Minerva versuchte verbissen so zu wirken, als wollte sie Italien entdecken, aber selbst Alan, der sie doch gar nicht kannte, hatte sofort gemerkt, dass das nur eine Ausrede war.
In ihrem Verhalten steckte so viel Wut. Früher oder später würde Septima schon erfahren, warum Minerva wirklich hier war.
Eigentlich konnte sich Septima den Grund gut vorstellen. Es konnte ja kaum Zufall sein, dass Minerva kurz nachdem sie ihr ihre Kündigung geschickt hatte, aufgetaucht war.
„Noch Nachtisch?", fragte Septima bemüht höflich und tat üppig auf.
Neben Alan, Minerva und ihr war noch ein englisches Paar, das ebenfalls Urlaub in Genua machte, anwesend.
„Wer möchte im Anschluss noch einen Abstecher zur Bar um die Ecke machen?", fragte Alan lächelnd in die Runde.
„Ich lieber nicht, der Tag war lang", lehnte Minerva sofort ab.
Alan warf Septima einen auffordernden Blick zu.
„Ja, das finde ich auch", stimmte Septima zu und nahm aus dem Augenwinkel das leichte Nicken von Alan wahr.
Die anderen beiden stimmten zu einen Abstecher in die Bar zu machen.
Alan lächelte Septima sanft an. Dankbar lächelte sie zurück. Alan bedachte wie immer alles. Minerva und sie würden Zeit haben zu besprechen, was Minerva auf dem Herzen lag.
Als endlich alle ihr Besteck niedergelegt hatten, begann Septima hektisch den Tisch abzudecken. Die baldige Aussprache machte sie nervös. Sie fühlte sich wegen Minervas schlechter Laune schuldig, wusste aber gleichzeitig nicht, was sie denn falsch gemacht hatte.
Auch Minerva erhob sich schnell und folgte ihr mit einem Stapel Teller. Die Küche in dem Haus war klein und Minerva stellte das Geschirr über Septimas Arm hinweg auf die Anrichte. Dabei streifte ihr Arm Septimas. Ein kleiner Stromschlag traf Septima bei dieser zufälligen Berührung und Gänsehaut überzog ihren Arm. Septima zuckte erschrocken zusammen und starrte Minerva an.
„Septima", zischte Minerva geladen.
Schon den ganzen Tag war sie das gewesen: geladen und gereizt. Septima hasste es, wenn Minerva in dieser Stimmung war.
„Jetzt reiß dich mal zusammen! Ich bin nicht giftig, auch wenn du das zu glauben scheinst!" Böse schaute Minerva sie an und rauschte dann aus der Küche.
Septima blieb nur noch übrig ihr einen verwunderten Blick nach zu werfen. Giftig? Wie kam sie denn darauf?
Bis der Tisch abgeräumt war, vermied es Septima tunlichst allein mit Minerva zu sein. Ihre spitzen und scharfen Blicke schmerzten sie schon genug.
Dann verabschiedeten sich allerdings Alan und das Paar und Alan küsste Septima zum Abschied sanft auf ihre Lippen.
Minerva hatte sich demonstrativ mit verschränkten Armen auf das Sofa gesetzt und bedeutete Septima mit Blicken, sich ihr gegenüber zu setzen. Septima fühlte sich wie eine Schülerin, die etwas ausgefressen hatte. Mit Wut und Angst zugleich im Bauch gab sie der unausgesprochenen Aufforderung nach.
Was war denn in Minerva gefahren? Warum erlaubte sie sich, so mit ihr umzugehen?
Schon den ganzen Abend hatte Septima darüber gebrütet, ob sie denn Minerva ihr Wort gegeben hatte, bis zu einem bestimmten Zeitpunkt in Hogwarts zu bleiben, ob es vielleicht um die paar Tage ging, die sie dieses Schuljahr früher weggefahren war, oder ob sie sich irgendetwas anderes zu Schulden hatte kommen lassen, was Minervas Verhalten rechtfertigte. Aber sie kam einfach zu keinem Ergebnis, deshalb entschied sie sich, dass sie allen Grund hatte, ebenfalls wütend zu sein.
Mit verschränkten Armen setzte sie sich vor Minerva. Wortlos starrten sie sich an.
„Hat dir denn Genua gefallen?", versuchte Septima das Schweigen zu brechen.
Minerva seufzte – was Septimas Wut nur noch mehr anfachte – und nickte dann.
„Ja, es ist eine sehr schöne Stadt. Man spürt ihr Alter und ihre magischen Wurzeln. Aber darüber wollte ich nicht sprechen."
Merlin, wie sie das hasste! Minerva brachte sie zum kochen.
„Über was wolltest du denn sprechen?", fragte Septima mit brodelnder Stimme.
Ohne mit der Wimper zu zucken gab Minerva Septima eine Pergamentrolle.
„Dein Kündigungsschreiben. Ich möchte nicht, dass du kündigst. Ich akzeptiere das nicht. Vor allem verstehe ich nicht, warum du kündigst. Wenn es etwas Privates zwischen uns ist, verstehe ich einfach nicht, warum du das mit in das Berufliche nimmst. Das ist nicht sehr professionell von dir."
„Egal ob das professionell ist oder nicht, du kannst mir nicht verbieten zu kündigen!", erwiderte Septima hart.
Minerva seufzte wieder, wurde dabei etwas weicher.
„Nein, natürlich kann ich es dir nicht verbieten, aber ich kann dich bitten, es dir noch einmal zu überlegen. Ich dachte, wir sind befreundet. Wenn das der Fall ist, dann tu mir bitte den Gefallen."
Als die Spannung etwas aus Minervas Haltung und ihrem Gesicht wich, sah sie müde aus.
Es machte Septima sehr traurig sie so zu sehen, ohne die für sie typische unendliche Kraft.
„Gut, einverstanden. Ich werde es mir noch einmal durch den Kopf gehen lassen. Aber damit habe ich noch nicht zugestimmt in Hogwarts zu bleiben", sagte Septima zögernd.
„Ich verstehe einfach immer noch nicht, was denn los ist!", seufzte Minerva. „Ich habe mich dir gegenüber nicht schön verhalten, das sehe ich ja ein. Aber nur weil ich mich ein wenig selbst bemitleidet habe, habe ich dich so gegen mich aufgebracht?"
Was sagte sie da? Gab sie sich und ihrer Trauer an dem Abend die Schuld?!
„Nein!", unterbrach Septima sie. „Sag das nicht! Denk das nicht, ich bitte dich!" Intuitiv war sie aufgesprungen, hatte sich neben Minerva auf das Sofa gesetzt und sie am Arm gepackt. „Wie kommst du denn darauf? Ich habe mich darüber gefreut, dass du mir deine Gefühle mitteilst!"
Wie sollte sie Minerva klarmachen, dass sie wegen ihren Gefühlen für sie gekündigt hatte? Dass sie es sich und ihnen beiden hatte leichter machen wollen. Abstand, hatte sie gedacht, und bei Alan sein. Der Gedanke, Minerva fühlte sich von ihr abgelehnt, bereitete ihr fast körperliche Schmerzen. Dabei liebte sie sie doch! Wie konnte sie ihr das sagen, ohne es ihr zu sagen?!
Erschrocken machte sich Minerva von ihr los und rutschte ein Stück hinter um Platz zwischen ihnen zu bringen.
„Ich... ich habe doch geschrieben, dass es wegen Alan ist."
Bei diesen Worten funkelten Minervas Augen wieder.
„Das glaubst du doch wohl selbst nicht. Du bist doch wohl eindeutig nicht an Männern interessiert", sagte sie, erstarrte dann einen Moment mit offenem Mund, so als überlege sie, das, was ihr auf den Lippen lag, auszusprechen, „Trija".
Die Zeit blieb stehen.
Laut klopfte Septimas Herz in ihrer Brust.
Trija. Minerva hatte Trija gesagt. Diesen Namen konnte sie nicht kennen!
„Woher.. kennst du diesen Namen?", flüsterte sie.
Minervas Wangen waren rot angelaufen. Sie wandte ihren Blick ab und schluckte ein paar Mal nervös.
„Ich habe deine Schrift erkannt", sagte sie dann leise.
Trija. Trija... Ihre Schrift?
Iana. Minerva musste Iana sein!
Und auf einmal passte alles. Wie Iana – Minerva – geschrieben hatte. Wie sie immer wieder den Kontakt abgebrochen hatte und was sie geschrieben hatte.
Septima konnte ihren Blick nicht von Minerva abwenden. Iana. 'Oh Merlin', schrie es in ihr, 'ich hatte Unrecht! Ich habe mir was vorgemacht! Ich liebe sie. Ich liebe Minerva! Und bei jedem Satz von ihr wusste ich unterbewusst, dass sie eins sind. Ich liebe Iana, Minerva, diese Frau vor mir.'
„Mich dürstet nach Sternen", zitierte Septima und versuchte Blickkontakt zu Minerva aufzubauen. Schüchtern erwiderte sie ihn. Eine unbeschreibliche Anziehungskraft ging von Minerva aus. Septimas Atem ging um ein vielfaches schneller. Sie konnte ihren Blick nicht abwenden und beugte sich unbewusst nach vorne. Sie wollte ihr nahe sein.
Sanft nahm sie Minerva in ihre Arme. Wider Erwarten erwiderte Minerva die Umarmung. Septimas Herz klopfte ihr bis zum Hals. Alles in ihr war bis zum Äußersten gespannt. Minerva. Iana. Minerva. Es kam ihr so schicksalhaft vor, als hätte sie ihr ganzes Leben nur diese Frau geliebt. Sie liebte ihren Duft, dieser sanfte Duft nach weißer Frühlingsluft und ein klein wenig Lavendel. Süß. Und trotzdem frisch.
Aber viel schneller, als ihr recht war, löste Minerva die Umarmung wieder.
„Es tut jetzt eigentlich nichts zur Sache", sagte sie mit rauer Stimme und räusperte sich kurz, „aber du warst Rolandas Liebschaft, oder?"
Peinlich berührt nickte Septima leicht.
„Was ist dann mit ihr, wenn du bei deinem Mann bleibst? Ehrlich gesagt bin ich ein wenig verwirrt."
„Ich auch Minerva", lächelte Septima. „Aber das mit Rolanda war nichts ernstes – jedenfalls von meiner Seite aus. Ich habe mit ihr darüber gesprochen und es geklärt. Übrigens, als sie uns an dem Abend überraschte, vermutete sie, dass du diejenige bist, mit der ich was habe", konnte sich Septima nicht verkneifen.
„Aha", murmelte Minerva und errötete. „Ich glaube ich bin zu alt für solche Spielchen." Ein kleines Lächeln überzog ihr Gesicht.
„Du hast mir aus diesem Grund nicht mehr geantwortet, oder?", fragte Septima vorsichtig.
Minerva lächelte halb und schaute halb mürrisch. „Jein. Also ja, das wollte ich, dir nicht mehr antworten, nachdem du geschrieben hast, mit mehreren Frauen gleichzeitig zu... schreiben.
Aber wenn wir schon mal dabei sind ehrlich zu sein: Hätte ich nicht durch deinen Brief von Gestern Abend erfahren, dass du Trija bist, dann hätte ich wohl eine Eule dazu verdammt, mit einem Brief die restlichen Sommerferien vor deinem Bürofenster auf dich zu warten. Geschrieben war er schon." Die beiden brachen bei der Vorstellung in Gekichere aus.
„Eigentlich hätte ich ja von selbst darauf kommen können, dass du Trija bist", fuhr Minerva kichernd fort, „Ich kenne nur eine Hexe, die so verrückt nach der Drei ist, wie du. Oder? Daher kommt doch Trija?"
Lächelnd nickte Septima. Es machte sie glücklich, dass Minerva das bemerkt hatte.
Bald darauf kam Alan zurück und Minerva bezog das Zimmer, das zuvor Septima bewohnt hatte. Sie zog mit ihren Sachen in Alas Zimmer, sein Bett war breit genug für sie beide. Septima wagte es nicht, Alan etwas von dem Gespräch zu erzählen und gab vor, dass alles beim Alten sei. Dabei war plötzlich wieder alles so anders...
Während er sich wusch, rollte sie das Pergament, das Minerva ihr zurück gegeben hatte, auf.
Unter ihrem Kündigungsschreiben stand in der ihr mittlerweile mehr als bekannten Schrift:
„Ich will nicht, dass du gehst."
