Verzaubert

Bellas POV

Nachdem Edward gegangen ist und Jacob mir Gesellschaft leistet, kann ich Jakes Geschichten gar nicht folgen. Mir schwirrt nur eins im Kopf. Edward Cullen.

Ich hatte solche Angst vor der Physiotherapie, aus zweierlei Hinsicht. Einmal davor, ob ich es mit den Krücken hinbekomme und dann war da noch die Tatsache, dass Edward mir sehr, sehr nah sein würde.

Aber schon, als er mir die Füße massierte, dachte ich, der Himmel sei da. Es tat nicht nur gut, da ich nun schon mehr als drei Tage im Bett liege und vor mich her langweile, es war aber auch schön, seine Haut an meiner zu spüren. OK, die dünnen Söckchen waren dazwischen, aber ich konnte seine kühlen Hände dennoch sehr nah spüren, als wäre kein Stoff dazwischen.

Ich freue mich schon darauf, wenn er das in unserer nächsten Stunde macht. Aber ich muss aufpassen, dass mir dabei keine unsittlichen Geräusche entfliehen, so gut war es.

Etwas unangenehm wurde es, als er mein gesundes Bein dehnt. Dabei sind wir uns so nah gewesen, wie ich es noch mit keinem Jungen war. Und das ich für Edward irgendwelche Gefühle hege, brauche ich mir schon lange nicht mehr zu verleugnen. Nach einigen Minuten wurde aber selbst diese Position recht angenehm, da Edward mich dabei so liebevoll anlächelte, dass ich dahin schmelzen wollte.

Das alles passierte ohne große Worte, deshalb versuchte ich, ein Gespräch mit ihm anzufangen. Und zu meiner Überraschung ging er darauf ein und wir erzählten über dies und das. Als es zum Thema Jessica kam, war ich schon ein wenig enttäuscht. Wir waren nie die Freunde, wie Angela und ich, aber dass sie so etwas über mich denkt, hätte ich ihr nicht zugetraut. Ein Grund, warum ich mich in die Freundschaft mit Alice weiter reinhängen sollte, denn sie ist immer ehrlich zu mir und kann niemandem etwas Böses wollen.

Die Krücken, ich dachte ich sterbe, aber Edward verlieh mir das Gefühl von Sicherheit, welche ich brauchte. So klappte es überraschend gut mit den Krücken. Selbst das Treppensteigen ist nun machbar. Edward macht Wunder wahr.

Denn gerade die Treppenübung hätte ich mit keinem anderen geschafft. Er vermittelt mir das Gefühl von Sicherheit, dass ich keine Angst haben brauch.

Und endgültig in mein Herz geschlossen habe ich ihn, als ich Edward versprechen musste, nie aufzugeben. Egal was ich tue. Sein Blick dabei, dieses Flehen in seinen Augen, es war kaum zu ertragen. Ich konnte gar nicht anders, als es ihm zu versprechen.

Als ich es wieder die Treppen hoch geschafft habe, ohne einmal zu stolpern, unterhielten wir uns noch richtig gut. Auch über Rosalie. Es scheint ein heikles Thema für ihn zu sein, aber wenigstens hat er eingesehen, dass ich mit ihr reden muss, um endlich alles aus der Welt zu schaffen.

Leider wurden wir dann von Jake unterbrochen und ich war traurig, dass Edward gehen musste. Wie gerne würde ich es wollen, dass die beiden Freunde werden, denn auch, wenn Jacob sich die letzten Jahre idiotisch verhalten hat, möchte ich nicht zwischen ihnen entscheiden wollen. Wobei mir Edward im Moment viel mehr bedeutet, als Jake es je getan hat. Ich freue mich jetzt schon auf morgen, da das Essen bei den Cullens schon morgen stattfindet.

Das wird sicher schön, ich kann es kaum abwarten Esme wiederzusehen.

„Warum grinst du so?", reißt mich Jacob aus meinen Gedanken.

„Ach nichts", antworte ich schnell.

„Es ist dieser Cullen, oder?", fragt er giftig.

„Er heißt Edward", antworte ich schnippisch.

„Magst du diesen Schnösel etwa?"

Wieder schafft es Jacob, dass ich wütend auf ihn werde, dabei will ich es gar nicht.

„Edward ist kein Schnösel. Er ist jedenfalls netter zu mir, als du es in den letzten Monaten warst", wüte ich zurück.

Das sitzt, denn er zieht sich bedröppelt zurück, wie ein Hund, der den Schwanz einzieht. Er weiß genau, was er mir damit angetan hat, aber würde nie ein Wort zu mir sagen. Geschweige denn, sich entschuldigen. Wofür sollte er sich denn auch entschuldigen?

„Ich geh dann mal besser", sagt er traurig und geht an mir vorbei, wo ich die ganze Zeit weiter mit den Krücken trainiere, um Edward damit morgen zu überraschen.

Er ist schon fast zur Tür hinaus, da kommt er wieder zurück und sieht mich ernst an. Dabei fasst er mich recht barsch am Unterarm.

„Ich kann dir nur empfehlen, dich von ihm fernzuhalten. Er ist zu gefährlich für dich und lange nicht gut genug. Seine Familie ist nicht die Traumfamilie, wie sie scheint", sagt er verbissen und sein Griff wird schmerzvoll.

Dabei merke ich nicht nur den Schmerz, sondern auch, wie extrem warm Jake ist, dass ich mir fast Sorgen mache. Aber nur fast, da sein rasender Blick mich um Zentimeter schrumpfen lässt und sein Griff stärker wird. Doch ich traue mich nicht, mich zu bewegen. So habe ich meinen Freund noch nie erlebt. Und so möchte ich auch nicht sein Freund sein.

Erst, als ich vor Schmerz leise wimmer und eine einzelne Träne meine Wange hinabläuft, löst er den Griff und scheint zu begreifen, was er gerade getan hat. Sein Blick entsetzt, dennoch sind Spuren seiner Wut zu sehen.

„Das wollte ich nicht", kommt es von ihm leise und läuft aus der Tür.

Ich weiß nicht, wie lange ich da stehe und zur Tür starre, bis Mom lächelnd in meiner Zimmer kommt. Doch ihr Lächeln verschwindet, als sie meine Miene sieht.

„Bella, Schatz, alles OK?"

„Ähm, ja, alles bestens", sage ich mit Verzögerung.

Ihrem Gesicht kann ich ansehen, dass sie zu gerne nachhaken möchte, aber sie kennt mich gut genug, um zu wissen, dass schweigen jetzt das Beste wäre. Ich wette, sie ahnt, dass es mit Jake zu tun hat, da sie ihn gesehen haben muss, als er wie wild das Haus verließ.

Stattdessen bildet sich wieder ein Lächeln auf ihrem Gesicht.

„Du stehst ja auf Krücken", versucht sie erst gar zu verstecken, dass es eine Überraschung ist, dass ich mit den Dingern so gut klar komme.

Renée kommt auf mich zu und umarmt mich stürmisch. Danach sieht sie mich mit einem vielsagenden Grinsen an. So lange, bis auch ich grinsen muss und ich wieder die Wärme in meinen Wangen spüre.

„Edward scheint seine Arbeit gut gemacht zu haben", ist es mehr eine Feststellung, als eine Frage.

Ich nicke nur grinsend. Und zeige ihr, wie gut ich schon mit den Krücken laufen kann. Danach gehen wir runter in die Küche, um Abendbrot zu essen. An solchen Tagen bringt Renée meistens etwas vom Diner mit, wie auch heute.

Renée, wie auch Charlie, sind weiter erstaunt, als ich ganz ohne Hilfe die Treppe hinunter komme, auch wenn ich Edwards Nähe dabei schon vermisse. Auch habe ich mehr Angst. Mit Edward war ich mir sicher, dass mir nichts passieren könnte. Das würde er nichts zulassen.

„Was war mit Jacob los?", fragt Charlie später, als wir am Essen waren.

Normalerweise würde ich jetzt um das Thema herum reden, doch ich trage ein großes Geheimnis in mir, welches ich Charlie und Renée nicht erzählen kann, da will ich beide nicht noch mehr anlügen.

„Er ist nicht sehr begeistert, dass Edward meine Physiotherapie macht."

„Ist er etwa eifersüchtig?", witzelt Renée.

„Ja, klar", lache ich gespielt.

Charlie hingegen findet es weniger lustig. Ist er noch immer so schlecht auf Edward zu sprechen? Er hat sich doch wirklich als vornehmlicher Mensch gegeben. Ist immer nett und höflich.

„Hast du ein Problem mit Edward?", frage ich ihn direkt.

„Nicht mehr", antwortet er bald zu ehrlich.

„Ich hab mich schon bei ihm entschuldigt. Er ist wirklich ein feiner Kerl. Und ich sehe, welchen Effekt er auf dich hat. Ich kann ihm mittlerweile mehr vertrauen als Jacob."

„Dad", versuche ich ihn zu unterbrechen.

„Nein. Ich wollte nicht wahrhaben, wie gemein er in den letzten Monaten zu dir war. Ich dachte, es wären einfache Jungenstreiche, dass er dich damit so verletzt hat, habe ich erst heute gesehen, als du so fröhlich mit Edward warst."

„Dad", werde ich rot.

Renée und Charlie amüsieren sich nur.

„Du magst ihn, oder?", fragt mich meine schmunzelnde Mutter.

„Bitte, Mom. Ich kenne ihn doch erst ein paar Tage", versuche ich mich rauszureden, kann dabei aber nicht vermeiden, rot anzulaufen.

„Wie süß. Bella ist verliebt."

„MOM. Hör auf. Ich bin nicht verliebt. Edward ist ein Freund. Mehr nicht."

Zu allem Überfluss stimmt Charlie in Renées Lachen mit ein. Sonst würde er jegliche Schwärmerei verbieten. Jetzt habe ich beide gegen mich. Argh. Das muss ich ändern.

„Also würde es dir nichts ausmachen, wenn ich mit Edward ausgehe, wir uns küssen und dann miteinander Sex haben?", richte ich mich ernst an meinem Vater, muss mir allerdings genau wie Renée das Lachen verkneifen.

Charlie hingegen verschluckt sich an seinem Essen, wobei Mom laut los prustet und nicht mehr an sich halten kann. Er schaut mich entsetzt an, als er aber mein Grinsen sieht, beginnt auch er zu lachen.

„Nicht schlecht, Bella. Für einen Moment hattest du mich", zeigt er mit dem wackelnden Finger auf mich.

Der Rest des Abends verläuft ruhig. Zusammen schauen wir ein Spiel der Seattle Mariners gegen die Oakland Athletics. Ich werde dabei so müde, dass ich fast einschlafe und Charlie mich die Treppen hinauf trägt. Renée hilft mir, mich zu waschen und mich umzuziehen. Es dauert nicht lange, bis ich eingeschlafen bin.

Als ich aufwache ist es schon fast 12 Uhr. Ich schrecke hoch, denn so lange habe ich schon ewig nicht mehr geschlafen. Aber so langsam gewöhne ich mich daran. Hoffentlich darf ich bald wieder zur Schule, aber Carlisle ist der Meinung, ich sollte die Woche noch zu Hause bleiben.

Eigentlich sollte der Schlaf ja gut tun, da ich aber nun meine morgendliche Ration Schmerzmittel verpasst habe, schmerzen mir alle Knochen. Zur Rettung naht meine Mutter, die mit Charlie den Wachdienst getauscht hat. Charlie hat seine Sache wirklich gut gemacht. Nur so Sachen wie waschen und auf Toilette gehen, waren für uns beide nicht sehr angenehm.

Renée kommt um die Ecke und sieht mich liebevoll an.

„Guten Morgen, mein Schatz. Hast du gut geschlafen?", fragt sie mich und stellt ein Tablett, mit einem Mix aus Frühstück und Mittag, neben mir auf mein Bett.

„Wunderbar", antworte ich ehrlich, als sie mir auf die Stirn küsst.

„Hat Edward dich wohl ganz schön ran genommen", grinst sie, während ich Renée nur geschockt anstarre.

Es dauert einen Augenblick, bis ihre Worte richtig in sie eindringen und sie laut los prustet.

„Bella, so mein ich das doch nicht."

„Bitte, Mom. Nicht schon wieder."

„Ach, Bella. Das braucht dir doch nicht unangenehm sein, dass du Edward magst", neckt sie mich weiter.

„MOM. Hör auf", versuche ich ernst zu bleiben, muss allerdings ertappt grinsen.

Zusammen lachen wir und Renée umarmt mich herzlich. Diese Momente liebe ich. Wenn Renée arbeiten geht, hat sie nicht allzu viel Zeit. Da reicht es manchmal nur für eine Umarmung. Doch wenn sie frei hat, verbringen wir gerne Stunden zusammen im Bett und kuscheln. Charlie ist dafür gar nicht zu haben, aber ich denke, es ist eher sein männlicher Stolz, der ihn daran hindert.

Renée erzählt mir, während ich esse, ein wenig von ihrem gestrigen Arbeitstag, von ihrer Kollegin Samantha, deren Eltern einen schweren Verkehrsunfall hatten, weshalb Renée arbeiten kommen musste, und das sie sich schon sehr auf die Cullens freut. Sie kann es gar nicht abwarten, wieder auf Esme zu treffen.

Sie hatten sich zwar schon kurz gesehen, als sie zu den Cullens nach meinem Unfall kamen, aber da hatte Renée absolut keine Gedanken an ihre vielleicht zukünftige Freundin verschwendet und war mit der Sorge um mich beschäftigt. Am liebsten möchte sie noch ein Dessert machen, um nicht mit leeren Händen da zustehen. Doch ich versichere ihr, dass Esme genug für alle machen wird und sie doch stattdessen lieber eine Blume mitbringen soll. Ich habe einige Orchideen im Haus der Cullens gesehen, darüber würde sich Esme sicher freuen.

Vielleicht sollte ich Alice fragen, die müsste es ja wissen.

Aber erst mal hilft Renée mir ins Bad. Ich komme zwar schon alleine rein, aber es würde mehrere Stunden dauern, alles alleine zu machen. Mit einem Stuhl vor dem gefüllten Waschbecken lässt Renée mich alleine.

Weil es letzte Nacht etwas frischer war, hatte ich mir einen Pulli überzogen, deshalb sehe ich auch erst jetzt, wo ich ihn ausziehe, dass Jacobs Besuch seine Folgen hat. An meinem linken Arm prangt ein großer blauer Fleck. Und er hat sich noch nicht mal zu Ende entwickelt. Schöner Mist. Wenn das Charlie sieht. Das heißt, später etwas Langes anzuziehen.

Eine halbe Stunde später bin ich fertig angezogen. Da es noch etwas über zwei Stunden sind, bis wir zu den Cullens fahren, habe ich mir noch meine bequemen Sachen angezogen. Renée kämmt mir noch die Haare und überlässt mir ihren Laptop, damit ich Alice nach den Blumen fragen kann. Denn witziger Weise habe ich noch immer nicht ihre Telefonnummer. Ich sollte sie danach fragen.

Ich schmeiße den Messenger an und siehe da, Alice ist online.

Waldfee: Hi Alice. Du online und nicht shoppen?

Jaspers Elfe: Beeeeeeeeeeeeeeellllla. Hey. Nein, ich hab gesehen, dass du mich was fragen willst. :P

Waldfee: Na dann kennst du ja meine Frage, oder?

Jaspers Elfe: Jap. Ich hab schon gesehen, dass Esme sich über eine Frauenschuh-Orchidee freuen würde. Fahrt am besten gleich zu Ellis Blumenladen. Bei Flowers gibt es die selten.

Waldfee: Danke, Alice. Und wird es für euch wirklich kein Problem mit dem Essen? Ich freu mich zwar darauf, aber ich will auch nicht, dass ihr euch quält.

Jaspers Elfe: Awww. Wie süß von dir. Aber glaub mir, es wird es wert sein. *g*

Ich wollte gerade antworten, da klingelt es.

Jaspers Elfe: Ah, dass müsste der UPS-Mann sein. Ein Paket für dich. *gg*

Und tatsächlich kommt Renée eine Minute später zu mir nach oben und übergibt mir fragend das Paket.

„Eine Paket von Alice Cullen", sagt sie mir.

In ihren Augen schimmert die Neugier, doch nach Minuten des Anstarrens, geht sie wieder resigniert aus meinem Zimmer.

„Ich will erst sehen was es ist, OK?", rufe ich ihr hinter her, weil mein schlechtes Gewissen mich plagt.

Jaspers Elfe: Pack schon aus. Ich hoffe, es gefällt dir.

Ich tue, was mir befohlen wurde und öffne das Paket. Hinter jede Menge Krepppapier schimmert etwas Stoff. Blauer, seidener Stoff. Ich ziehe es raus und schiebe den Karton von meinem Schoß. In den Händen halte ich doch tatsächlich ein Kleid. Nicht zu elegant, aber dennoch vornehm. Als ich das Markenemblem sehe, fallen mir bald die Augen raus.

Waldfee: Alice. Was zum Henker…?

Jaspers Elfe: Nicht protestieren. Anziehen. Du wirst wunderschön aussehen. Und Edward wird es auch gefallen. -.o

Waldfee: Nein, Alice. Du nicht auch noch.

Jaspers Elfe: Oh doch. Renée und ich könnten Freunde werden. Hihi. Es wird toll werden, Bella. Edward freut sich auch schon, dich wiederzusehen.

Waldfee: ALICE!!!!!!!!!!!!

Jaspers Elfe: Ach, Bella. Akzeptiere endlich, dass Edward dich mag und du ihn.

Ich kann es echt nicht mehr hören. In diesem Fall, lesen. Edward und ich kennen uns gerade mal ein paar Tage. Ja er ist nett und er hat was, was mich öfter an ihn denken lässt, aber mehr kann ich momentan nicht zugeben. Vielleicht entwickelt sich mehr. Aber ich habe immer wieder den Aspekt im Hintergedanken, dass er ein Vampir ist.

Und das Ausschlaggebende, warum ich erst gar nicht den Gedanken hege, dass je etwas passieren könnte, zwischen mir und ihm, liegt doch klar auf der Hand. Ich will mich nicht als hässlich bezeichnen, aber im Vergleich zu Edward und seiner Familie, bin ich doch eher eine graue Maus. Warum sollte Edward was mit mir anfangen wollen? Obwohl er mir ja schon einmal sagte, dass ich ihm viel bedeute.

Jaspers Elfe: Erde an Bella.

Waldfee: Sorry, Alice. War gerade in Gedanken.

Jaspers Elfe: An Edward?

Waldfee: ALIIIIIIIIIIIIICE… Versprich mir, das heute Abend zu unterlassen.

Jaspers Elfe: Och manno. OK. Aber du musst das Kleid tragen. Hhm. Am liebsten würde ich vorbei kommen und dir die Haare machen. Darf ich?

Waldfee: Nein.

Jaspers Elfe: Biiiiiiiiiiiiiiiitttttttte.

Waldfee: Bis später, Alice. :P

Jaspers Elfe: Spielverderber. Bis später. Freu mich, vor allem auf Edwards Gesicht. Hihi.

Waldfee: Bye, Alice.

Bevor Alice noch etwas antworten kann, gehe ich offline.

„MOM!", rufe ich.

Schnell kommt sie um die Ecke. Sicher hat sie oben irgendwo schon darauf gewartet, dass sie sehen kann, was in dem Paket ist. Als sie das Kleid sieht, schlägt sie die Hand vor den Mund.

„Ist das schön", sagt sie, als sie das Kleid hochhält.

„Hat Alice mir gesch.. geliehen für heute Abend", sie muss nicht unbedingt wissen, dass Alice mir so ein teures Geschenk macht.

„Und dann lässt sie es extra schicken?"

„Sie hatte keine Zeit, es vorbeizubringen. Alle freuen sich schon auf das Essen", lenke ich ab.

„Schön. Hast du Alice gefragt?"

„Jap. Frauenschuh-Orchideen liebt Esme sehr. Wir können ja auf dem Weg zu den Cullen bei Ellis Blumenladen anhalten. Da bekommen wir sicher eine."

„OK. Soll ich dir helfen beim Anziehen?"

„Ich versuche es erst mal alleine. Ich hasse es, so abhängig von euch zu sein."

Naja. So schlimm ist es nicht, aber ich will vermeiden, dass Renée den blauen Fleck sieht.

„Ach, Schatz", sagt sie liebevoll und legt eine Hand an meine Wange.

„Du weißt doch, wie gerne ich dir helfe. Schließlich bist du mein kleines Mädchen. Als Baby musste ich dir auch den Po abwischen und den Strampler an- und ausziehen", dabei bekommt sie einen träumenden Blick in den Augen.

„Mom, bitte. Willst du mich heute irgendwie ärgern? Ich flehe dich an, dass heute bei den Cullens zu unterlassen", sage ich streng.

„Hhmmm. Meinst du nicht, Edward möchte gern solche Geschichten hören?", lacht sie.

„MOM", schimpfe ich und haue ihr lasch gegen den Arm.

„Schon gut, schon gut. Ruf einfach, wenn du mich brauchst", geht sie lachend aus dem Zimmer.

Ich habe erst mal fünf Minuten damit zu tun, meine heißen Wangen zu beruhigen. Hoffentlich wird das kein peinlicher Abend.

Bevor ich beginne, mich fertig zu machen, schau ich im Internet, ob ich eine günstige Kamera finde, um meine alte zu ersetzen. Wo die geblieben ist, weiß ich gar nicht. Ist mir auch relativ egal. Sie würde mich eh nur an diesen verhängnisvollen Tag erinnern, an den ich nicht mehr denken möchte.

Das Kleid anzuziehen ist gar nicht schwer. Alice hat mitgedacht. Mir die Haare zu machen dagegen, war nicht so leicht. Sie sollten dann doch schon zu dem Kleid ein wenig elegant aussehen. Aber dank der Gene, wo ich bei den kürzeren Haaren meine Eltern nicht weiß, von wem, brauche ich meine Haare nur etwas bürsten, um ansehnliche Wellen zu formen. Ein Haarreifen, farblich passend zum Kleid, Omas Perlenohrringe, leichtes Mascara und etwas Lipgloss, fertig bin ich.

Ach nein. Meine Strickjacke. Die darf ich nicht vergessen. Der große blaue Fleck darf nicht zu sehen sein.

Mit dem Kleid und den Krücken ist es gar nicht so leicht, die Treppe hinunterzukommen. Deshalb bin ich Charlie dankbar, als er mich die letzten fünf Stufen herunter hebt. Sein Lächeln, als er unten stand und zu mir hoch schaute.

„Wow, Bella. Du siehst bezaubernd aus", sagt er mir, als er mich auf meine Füße stellt und mich nochmals von oben bis unten begutachtet.

„Danke, Dad. Du sieht aber auch sehr anständig aus."

Und tatsächlich hat er sich ordentlich raus geputzt. Nun gut, sicher hat Renée ihn eingekleidet. Sonst würde er nicht diesen dunkelbraunen legeren Anzug tragen. Sein weißes Hemd hat die beiden oberen Knöpfe offen, ohne Krawatte versteht sich. Gemeinsam gehen wir in die Küche, wo Renée sich gerade ihren Ohrring zumacht.

Auch sie hat sich ordentlich raus geputzt. Sie trägt ein weinrotes Cocktail-Kleid, mit einem Bolero. Außerdem hat sie noch die kostbare Perlenkette um, die Charlie ihr zu ihrem zehnten Hochzeitstag geschenkt hat.

Wir sehen aus, als würden wir in die Oper gehen. Wenn wir zu den Clearwaters und den Blacks zum Essen fahren, kleiden wir uns nicht so elegant. Aber wir gehen ja auch zu den Cullens. Schon an ihrer normalen Garderobe kann man sehen, dass auch sie sich etwas feiner kleiden werden. Und wenn Alice mir schon so ein Kleid schickt, bin ich gespannt, was uns erwartet. Was Edward wohl trägt?

Erwischt, sagt mir mein Gewissen. Wieder habe ich an Edward gedacht in einer Art und Weise, wie man es nicht bei einem normalen Freund tut.

Da es mit mir ja etwas länger dauert, machen wir uns dann auf den Weg, nachdem Renée abermals in meinen Haaren rumspielte, um sie perfekt zu machen. Sie ist ganz aufgeregt. Sie will unbedingt, dass alles perfekt wird und sie sich mit Esme anfreunden wird. Aber ich bin mir sicher, dass sie sich bestens verstehen werden.

In Ellis Blumenladen holt Renée noch die Orchidee. Charlie und ich warten in Renées SUV. Auch wenn Charlie lieber in seinem Polizeiwagen fahren wollte, haben Renée und ich uns vehement dagegen gesträubt.

Mit knallrotem Kopf kommt Renée wieder raus.

„Was ist passiert?", fragt Charlie besorgt.

„Nichts. Aber mich haben alle angeschaut, als hätte ich drei Köpfe", sagt sie irritiert, als Charlie den Motor anlässt.

„Naja, Mom. Durch Forks laufen nun mal selten Leute in deiner Abendgarderobe. Die Cullens werden deshalb auch immer schief angeschaut, nur weil sie so vornehm gekleidet sind", werfe ich mit ein.

Den bitteren Unterton in meiner Stimme kann ich dabei nicht unterdrücken. Charlie schaut wohlwissend zu mir in den Rückspiegel. Auch ihn nervt es, wie oberflächlich die Leute in Forks manchmal sein können. Und da es eben auch noch Renée betraf, brodelt es mächtig in ihm. Nur Renées beschwichtigende Hand auf Charlies Unterarm hält ihn zurück, in den Laden zu stürmen und die Leute anzubrüllen.

Stattdessen setzen wir unsere Fahrt fort. Die Blume für Esme sieht wirklich schön aus. Kein Wunder, dass sie diese Art von Blume mag.

Ich hätte nicht gedacht, dass es doch noch so weit zu den Cullens geht, vor allem so tief im Wald. Als mich Edward und Carlisle nach Hause gefahren haben, konnte ich nicht darauf achten, wie und wo das Haus lag. Da hatte ich andere Sorgen. Jetzt, mit klarem Kopf, nehme ich viel mehr wahr. Sie wohnen wirklich im Nichts von Forks. Die Auffahrt zum Haus ist bald so lang, wie die Straße, in der wir wohnen.

Da überrascht es mich nicht, dass uns am Ende der Auffahrt eine wahnsinns Villa begrüßt. Vergleichbares gibt es in Forks nicht. Ich wusste nicht mal, dass es hier draußen so etwas geben würde.

Dass meine Eltern ebenfalls erstaunt sind, über das, was sie sehen, zeigen ihre offenen Münder. Und das Staunen bricht nicht ab, als wir Richtung Garage schauen, wo nicht nur Edwards Volvo und Emmetts Jeep steht. Dort stehen auch noch ein roter BMW Convertible, ein großer, dunkler Mercedes und ein Aston Martin. Und das sind die Wagen die vor der Garage stehen. Ich möchte nicht wissen, was sich für weitere Schätze dahinter verstecken.

„Bella", höre ich meine quirlige Freundin rufen.

Sie steht an der Eingangstür mit einem breiten Grinsen und offenen Armen. Wäre ich nicht an Krücken, würde ich jetzt sogar auf sie zu stürmen und sie umarmen, denn ich freue mich wirklich, sie zu sehen.

Alice Stimme muss auch meine Eltern aus ihrer Starre gerissen haben, denn sie steigen aus. Charlie macht mir die Tür auf und hilft mir auszusteigen. Als wir zur Tür gehen, stehen nun auch Esme und Carlisle da. Beide mit einem herzlichen Lächeln auf den Lippen. Alice kann sich nicht mehr halten und stürmt auf mich zu.

„Ich freu mich so, dich zu sehen", sagt sie mir, während einer kräftigen Umarmung.

„Ich mich auch, Alice", kriege ich heraus.

„Vorsicht, Alice. Bellas Unfall ist noch gar nicht so lange her", mahnt Carlisle.

Mit einem Schmollmund löst sich Alice von mir. Doch mein freudiges Grinsen vertreibt ihren kurzen Trübsinn.

Unsere Eltern begrüßen sich zögernd. Aber kaum, dass Renée Esme die Orchidee überreicht, ist zwischen den Müttern das Eis gebrochen. Esme umarmt mich zur Begrüßung mit einem liebevollen Lächeln, ist aber schnell wieder mit Renée beschäftigt.

Zwischen Carlisle und Charlie fällt die Begrüßung etwas nüchterner aus. Aber mehr als ein kräftiger Handschlag muss man von den Männern auch nicht erwarten. Ich denke, mit der Zeit werden sie schon über ihre Berufe ins Gespräch kommen.

Alice will gar nicht mehr loslassen, doch so, wie sie mich momentan am Arm hält komme ich nicht vom Fleck. Da kommt mir mein Physiotherapeut zur Rettung. Edward kommt mit einem sanften Schmunzeln durch die Tür und sieht meinen hilfeschreienden Blick.

„Alice, Bella kann so nicht laufen. Lass sie los", sagt er, ohne den Blick von mir zu nehmen.

„Hi, Bella. Wie geht es dir?"

Klang seine Stimme schon immer wie das schönste Glockenspiel der Welt? Oh Gott, es geht wieder los. Ich muss mich zusammenreißen, sonst platze ich heute noch vor aufsteigender Röte. Nicht vergessen, zu antworten, wäre schon mal ein Anfang.

„Hi, Ed-Edward. Danke, mir geht's gut. Ich habe gestern noch fleißig geübt", sage ich ihm stolz und führe es ihm vor, indem ich auf ihn zu hoppel.

Aber wie soll es bei mir auch anders sein, rutsche ich vor ihm mit einer Krücke weg und lande in den Armen, in die ich gehöre, also ich meine die von Edward. Bei jedem anderen würde ich nun vor Wut platzen, aber Edwards Kichern, darauf kann man einfach nicht wütend werden.

Erst Alice lauter werdendes Lachen reißt mich aus meiner Starre und ich blicke beschämt zu Boden.

„Hey, das war doch schon gut. Dass die Krücke vom Boden rutscht, dafür kannst du doch nichts. Du kannst es mir ja später auf rutschfestem Boden nochmal zeigen", grinst er mich unverschämt an.

Gemeinsam gehen wir nun endlich ins Haus. Bevor ich überhaupt dazu komme, mich umzusehen, bin ich gefangen in der nächsten Umarmung. Mich wundert es nicht, als ich die muskulösen Arme Emmetts Spüre. Er wirbelt mich ein paar Mal im Kreis, bis mir schwindelig wird. Als er mich wieder absetzt, kralle ich mich an ihm fest, sonst würde ich vor Schwindel umkippen.

„Hab dich auch vermisst", lacht er mir ins Ohr.

„Ein Hi hätte auch gereicht, Emmett", schlage ich ihm auf die Schulter.

Zum Glück nicht all zu hart, denn ich habe mal wieder vergessen, dass meine vampirischen Freunde so hart wie Granit sind. Hätte ich mit all meiner Energie zugeschlagen, hätte ich mir wohl meine Hand zertrümmert. Das könnte ich jetzt gar nicht gebrauchen.

„Autsch", sagt Emmett spielerisch und stellt sich zu Rosalie, die auf den Boden sieht.

Erst als Emmett ihr ermutigend die Stirn küsst und ihr etwas ins Ohr flüstert, schaut sie nach oben. Ihre Schüchternheit schockt mich regelrecht. Sie schaut erst ängstlich zu mir. Doch als ich ihr zulächle, heben sich auch ihre Mundwinkel zu einem Lächeln.

„Hi, Rosalie."

„Hi, Bella."

Bis auf Charlie und Renée sind alle Blicke besorgt auf diese Situation gespannt. Wobei ich mich frage, weshalb.

Jasper, der Mann der Gefühle, fühlt die zerreißende Stimmung, und unterbricht sie, indem er auf mich zu kommt und mich mit einem Küsschen auf die Wange begrüßt.

„Hey, Bella. Schön zu sehen, dass es dir besser geht", sagt er und kehrt an die Seite von Alice zurück.

Nur einen Augenblick später ist Edward wieder an meiner Seite, mit versteinernder Miene auf Jasper gerichtet. Seine anderen Geschwister grinsen nur amüsiert. Und wieder habe ich das Gefühl, etwas verpasst zu haben.

„Ich hoffe, ihr habt einen ordentlichen Hunger mitgebracht. Esme hat für mindestens zwanzig Leute gekocht", erwähnt Carlisle und drückt seine Frau liebevoll an sich.

Wie auf Kommando knurrt mein Magen. Oh nein, wie peinlich. Während ich meine mittlerweile gewohnte Röte annehme, vereinen sich Cullens und Swans zu einem Gelächter.

„Na, wenn das mal nicht eine lautstarke Antwort war", dröhnt Emmetts Lachen durch den Raum.

Langsam gehen wir in den Essbereich. Kurz, bevor ich mich setzen will, nimmt mir Edward erst die Krücken ab und beginnt dann, mir meine Strickjacke auszuziehen. Zu spät erinnere ich mich, warum ich sie überhaupt trug.

„Bella, was ist passiert?", fragt er mich entsetzt, als er meinen Arm sanft in beiden Händen hält.

In dem gut beleuchteten Esszimmer schimmert der blaue Fleck in seinen besten Farben. Natürlich ziehen wir damit alle Blick auf uns und ich spüre die sorgenvollen Mienen meiner Eltern auf mir.

Sie warten alle auf meine Antwort. Aber was soll ich ihnen sagen? Soll ich sie etwa alle belügen? Meine Eltern, meine neuen Freunde?

Charlie und Carlisle kommen auf mich zu. Carlisle, sofort im Arzt Modus, inspiziert sofort das blaue Gemälde auf meinem Arm. Sein Blick verändert sich plötzlich von Sorge in Wut. Egal, was jetzt in seinem Kopf vorgeht, muss es Edward noch wütender machen, denn ich kann spüren, wie er bebt.

„Das ist ein Handabdruck, Bella. Wer war das?", weiß Carlisle sofort Bescheid.

Meine Ausrede, ich sei gefallen, kann ich damit vergessen. Charlie und Renée sind in eine Schockstarre gefallen und ich frage mich, wo ich die genauso geschockten Gesichter der Cullens sehe, ob sie denken, dass ich diesen blauen Fleck von meinen Eltern habe.

Ich spüre jedes einzelne Paar Augen auf mir und möchte am liebsten im Boden versinken. Wie von selbst bilden sich Tränen in meinen Augen, als würde sich damit der Druck, der gerade auf mir lastet, lösen.

Als die ersten Tränen fließen, kommt Mom an meine Seite und legt tröstend einen Arm um meine Schulter.

„Wer war das, Liebling?", fragt sie mich vorsichtig.

Charlie kann sich dagegen nicht im Zaum halten. Er zählt als erfahrender Polizist nur Eins und Eins zusammen und kommt auf die gesuchte Person.

„Jacob Black", zischt er zwischen zusammen gepressten Zähnen hervor.

Ich kann nur beschämt zu Boden blicken.

„Ist das wahr, Bella?", fragt mich Renée.

Ich kann nur nicken.

„Ist es gestern passiert, nachdem ich gegangen bin?", fragt nun Edward, der vor Zorn kaum seine Lippen auseinander bekommt.

„Ja. Er war sauer, weil ich ihm nicht richtig zuhörte und will nicht, dass ich in deiner Nähe bin", antworte ich Edward und schaue vorsichtig durch meine Wimpern zu ihm hinauf.

„Ach, Bella", sagt er, als er meine verweinten Augen wahrnimmt und zieht mich in eine Umarmung. Diese bringt mich nur dazu, noch mehr zu weinen.

Diese Umarmung ist einfach unbeschreiblich. Trotz Edwards kalter, harter Brust, fühle ich mich warm und geborgen. Ich fühle mich sicher. Wie früher, wenn Charlie mich umarmte, nur mit einem ganz anderen Aspekt.

Ich spüre mehrere Hände, die auf meinem Rücken kreisen. Mindestens ein Vampir muss dabei sein, denn ich spüre genau die kalte Hand. Als ich etwas zur Seite blicke, kann ich verschwommen Esmes Form wahrnehmen.

„Ich bringe ihn um", vernehme ich Charlies Stimme und reiße mich aus Edward Umarmung und sehe, wie Charlie zur Tür stürmt.

„Bitte nicht, Dad. Er meinte es nicht so", wird meine Stimme immer kleiner.

Carlisle ist Charlie hinterher gegangen und legt beschwichtigend eine Hand auf die Schulter meines Vaters. Charlie sieht erst zu mir, mit einem quälenden Gesichtsausdruck und blickt dann zu Carlisle, der ihm leise zuspricht, so dass ich es nicht verstehen kann. Aber es scheint Charlie runter zu holen, so wie ich es seinen sinkenden Schultern entnehmen kann.

Plötzlich spüre ich etwas Beruhigendes über mich kommen. Ich blicke zu Jasper und sehe wohl den Grund für die Beruhigung. Sein Lächeln lässt zumindest darauf schließen. Alle um mich herum scheinen sich wieder zu entspannen. Wow. Jaspers Fähigkeit ist echt nicht zu verachten.

„Lasst uns doch das Thema für ein paar Stunden verschieben, OK? Esme hat sich solche Mühe gemacht", versucht es nun Renée, wieder Normalität in die ganze Sache zu bringen.

„Ich bin dafür", kommt es von Alice in ihrer typisch überschwänglichen Art.

Nun endlich setzen wir uns an den Tisch, der schon reichlich gedeckt ist. Dennoch kommt Esme mit Rosalie und Emmett, mit immer mehr Essen aus der Küche. Während Renées Augen sich bei der Menge weiten, scheint Charlie das Wasser im Mund zusammenzulaufen.

Edward, der dicht neben mir sitzt, kann nur schmunzeln. Ich merke aber auch, wie unangenehm das ganze Essen für die Familie werden wird.

Plötzlich greift jemand nach meinem Arm. Erschrocken sehe ich zur Seite und erblicke Carlisle, der mir ein aufmunterndes Lächeln schenkt.

„Nur eine Salbe, damit das Hämatom schnell abklingt und nicht solch unschöne Farben tragen wird."

„Das ist sie leider gewohnt, Carlisle. Meine Kleine hat irgendwie einen Hang danach, sich zu stoßen, zu fallen, zu stolpern", lacht Charlie und ich würde ihm am liebsten den Mund mit Panzertape abkleben.

„Dad", flehe ich und bringe damit nur alle zum Lachen.

„Ich habe schon davon von Dr. Gerandy gehört", verrät Carlisle und ich möchte nur noch unter dem Tisch verschwinden.

„Das sieht wirklich wunderbar aus, Esme", lobt Renée und lenkt dankbar vom Thema ab.

„Was ist das für ein Fleisch?", fragt Charlie, als er sich ein Stück auf seinen Teller legt.

Ich sehe, wie die Cullen krampfhaft versuchen, nicht angewidert zu gucken und sich nur zaghaft kleine Portionen auf ihre Teller machen. Mir tun sie jetzt schon leid. Aber sie tun es für den guten Zweck.

„Elch", antwortet Esme.

„Selbst erlegt?", fragt Charlie weiter.

„Ja. Emmett und Jasper gehen gerne auf die Jagd", antwortet dieses Mal Carlisle.

Ich muss mich zusammenreißen, nicht zu lachen. Sicher hat Emmett oder Jasper den Elch erlegt, aber sicher nicht mit einer Flinte oder irgendeiner Waffe, außer vielleicht ihren Zähnen und Händen. Ich verzichte wohl lieber auf ein schön saftiges Elch-Steak und nehme mir stattdessen etwas von dem Hühnchen, wo ich mir fast sicher bin, dass es aus dem Supermarkt stammt.

Esme hat sich wirklich viel Mühe gemacht. Da haben wir Kartoffel-Ecken, Stampfkartoffeln, Rosmarin Kartoffeln und Kroketten. Als Gemüse haben wir Erbsen und Möhren, Blumenkohl, Rahm-Kohlrabi, Broccoli und als wüsste Esme Bescheid, Charlies geliebte Bohnen. Und dann gibt es auch noch vier verschiedene Saucen. Eine davon ist eine Pilzrahmsauce, die mir schon allein vom Geruch her meine Sinne raubt.

Selbst der Salat als Vorspeise ist sowas von schmackhaft, dass ich es selbst als Hauptspeise verputzen könnte. Was es wohl alles als Nachtisch geben wird?

Renée und Charlie scheint es jedenfalls zu schmecken. Charlie macht sich nicht viel Mühe zu kauen und schluckt so schnell er kann. Auch Renée gibt immer wieder ein wohliges Hhmmm zum Besten, wenn sie was Neues probiert.

Mir schmeckt es ebenfalls. Der Rahm-Kohlrabi hat es mir dabei sehr angetan. Und die Pilzrahmsauce hat mich nicht enttäuscht. Wahnsinn.

Aber wie erwartet, können die Cullens nicht unser Vergnügen daran teilen. Ich schaue Alice zu, wie sie versucht, sich eine kleine Möhre in den Mund zu schieben. Ihr Blick angewidert, legt sie sich das orange Gemüse auf die Zunge und kaut. Und kaut und kaut und kaut. Bis sie es schmerzlich runterschluckt, als hätte sie eine Mandelentzündung und bekäme ihr Essen vor Schmerz nicht runter.

Ich werfe ihr ein aufmunterndes Lächeln zu, während sie ein paar Erbsen in Angriff nimmt. Würden sie dabei nicht so leiden, würde ich lachen, aber ich kann allen Gesichtern ansehen, dass es ihnen alles andere als leicht fällt, dass für uns so leckere Essen, runterzuschlucken.

„Schmeckt es euch nicht?", fragt Renée plötzlich.

Renée hatte die Angewohnheit, mitten im Essen eine Pause einzulegen, um das Essen sacken zu lassen. Dabei beobachtete sie natürlich die Cullens, die wohl nicht vorbereitet darauf waren und sich regelrecht hilfesuchend in die Gesichter der Anderen schauen.

„Ähm. Naja. Also gestern ging es uns allen nicht sehr gut. Wir hatten zum Abendessen einen Rinderbraten mit Ei, Schinken und Käsefüllung. Irgendwas war daran nicht mehr gut", fand Esme doch noch eine Ausrede.

Und sofort schalten alle weiter. Ihre Gesichter erleichtert, dank Esmes Einfall. Emmett legt natürlich einen nach.

„Wir hingen die ganze Nacht über der Schüssel", brummt seine laute Lache in meinen Ohren.

„Oh, warum habt ihr denn nichts gesagt? Wir hätten das doch auch verschieben können", kommt es von Renée.

„Es geht uns ja schon besser. Und ich hatte schon alles eingekauft. Ich wollte es einfach nicht verschieben", lächelt Esme.

Danach achtete weder Charlie noch Renée darauf, wer was isst und genießen ihren Nachttisch. Während wir Swans uns gesättigt den Bauch reiben, haben alle Cullens einen gequälten Gesichtsausdruck inne. Sie sehen wirklich so aus, als hätten sie sich den Magen verstimmt.

Esme und Carlisle räumen schon etwas den Tisch ab und kommen nach mehreren Minuten recht erleichtert zurück. Wahrscheinlich haben sie sich von ihrem Elend schon befreit.

Als Nächste räumen Emmett, Rosalie, Jasper und Alice den Rest ab, während sich die Eltern zurückziehen. Was zufolge hat, dass ich mit Edward alleine bin.

„Willst du es nicht auch loswerden?", frage ich ihn, denn er schaut, trotz dessen er wirklich ein tapferes Gesicht aufsetzt, gequält.

„Ich will dich nicht alleine lassen."

„Geh schon, Edward", lache ich.

Und schneller, als ich gucken kann, ist er verschwunden. In der Zeit, die ich alleine bin, lasse ich den Abend nochmal Revue passieren. Ich dachte schon, nachdem sie das kleine Geschenk von Jake entdeckt haben, der Abend sei gegessen, doch er nahm noch den richtigen Lauf. Selbst das Essen selbst, nahm dank Esme den richtigen Gang.

Ich hatte bemerkt, dass Edward mich immer wieder anschaute. Entweder ins Gesicht, oder auf meinen blauen Arm. Sah er in mein Gesicht, konnte ich ein Lächeln ausmachen. Sah er auf meinen Arm, spürte ich das Beben neben mir.

Hoffentlich tut er Jacob nichts an. Edward könnte als Vampir sonst was mit ihm machen. Und ich denke, Charlie bzw. dann Billy, werden Jake schon seine gerechte Strafe verpassen. Meinem Vater würde ich es sogar zutrauen, dass er eine Anzeige macht. Doch das werde ich ihm ausreden. Ich will nicht, dass Jake in Schwierigkeiten gerät wegen mir.

„Wollen wir unsere Stunde beginnen?", erschreckt mich Edward so sehr, dass ich fast vom Stuhl falle.

„Entschuldige", kommt es von ihm, während ich mit einer Hand auf meiner Brust versuche, meine Atmung unter Kontrolle zu bringen.

„Bitte erschreck mich nie wieder so, wenn du willst, dass ich noch lange lebe."

„Für immer", höre ich ihn so leise sagen, dass ich mir sicher bin, dass ich es nicht hören sollte, weshalb ich ihn auch nicht drauf anspreche.

Da fällt mir was ein.

„Ich hab ganz vergessen, mir Wechselklamotten mitzubringen."

„Kein Problem", kommt es von Alice, die nun wieder quirliger ins Zimmer kommt und Edward einen Stapel Sachen in die Arme drückt.

„Die sollten dir passen", sagt sie und verschwindet wieder.

„Wollen wir auf mein Zimmer gehen? Da kann ich die Massage beginnen und du kannst dann mit unseren vielen Treppen üben."

Sicher sehe ich nicht glücklich voraus, was die Treppen angeht. Aber ich kann es keine Sekunde mehr abwarten, in Edward Cullens Zimmer zu gelangen, auf seinem Bett liegen und mir von ihm die Füße massieren lassen. Von mehr kann ich nicht mal träumen.

TBC