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Luth 22.8.1476
Ich wurde als Namenloses Kind einer Namenlosen Frau geboren. Meine Mutter starb bei meiner Geburt, früher war das nicht selten der Fall. Mein Glück im Unglück war, dass ich der uneheliche Sohn eines gutsituierten Gutsherrn war, der sich meiner Erbarmte und mich aufnahm. Ich genoss eine gute Erziehung und Ausbildung und erhielt, als ich alt genug dafür war, die Pfarre die zu diesem Gut gehörte. Ich führte ein bescheidenes, aber zufriedenes Leben. Alles hätte bis zu meinem Tod so weiter laufen können, ich wäre glücklich gewesen mit meinem Leben.
Luth 22.8.1506
Meine Welt wurde an meinem Geburtstag unwiderruflich verändert. Ich befand mich auf dem Nachhauseweg von einem Mitglied meiner überschaubaren Gemeinde. Der Mond schien blass vom klaren Himmel, doch die Nacht war merkwürdig still, so als hielt sie den Atem an. Ich konnte fühlen, dass Böse lauerte in dieser Nacht. Ein kalter Schauer überlief mich und hastig bekreuzte ich mich. Das gab mir die Kraft alle ängstlichen Gedanken abzuschütteln und meinen Weg fortzusetzen. An einer offenen Wegstelle lag zusammengekauert ein Mann, wie ich zuerst vermutete am Boden. Bewegte sich kaum, nur sein pfeifender und keuchender Atem war zu hören. Ich vermutete, dass dieser arme Mann von Wegelagerern überfallen und schwer verwundet wurde. Doch als ich mich zu ihm beugte, erstarrte ich ob des Grauen das ich gewahr wurde. Dieses Ding war kein Mensch, ausgedörrt lag es da und erinnerte an eine vertrockneten Leichnam. Mit seiner klauenartigen Hand griff es nach mir und zog mich zu sich nach unten.
Ich werte mich mit ganzer Kraft und es hätte mich keine Mühen kosten können ihm zu entkommen. War dieses Etwas kaum größer als ein Kind von höchstens 10 Jahren und doch zog es mich gnadenlos zu sich. Schon öffnete es sein übelriechendes Maul und ich konnte vier lange und sehr spitze Schneidezähne noch sehen, bevor es zubiss. Unter Schmerzen schrie ich auf und unter Aufbringung all mir verbliebender Kraft gelang es mir mich loszureißen. Ich lief weg von dieser Gottlosen Kreatur, doch sein schaudererregendes
Gelächter verfolgte mich bis Nachhause. Ich schaffte es noch die Tür hinter mir fest zu verschließen, dann kippte ich Bewusstlos um.
Ich erwachte mitten in der Nacht. Starke Schmerzen quälten mich, mein Körper war von Fieber entbrannt. Gepeinigt rollte ich auf dem Boden, schreiend und stöhnend vor Schmerzen. Ich starb in jener Nacht und wurde in der folgenden als etwas Neues geboren. Meine Kehle war wie ausgedörrt, was ich auf meinen Fieberanfall von letzter Nacht zurückführte. Hastig trank ich einen Schluck Wasser, denn ich sofort wieder erbrach. Also hatte ich die Krankheit noch nicht überwunden. Zögernd betrachtete ich mein Gesicht im Spiegel, vor allem die Bisswunde an meinem Hals. Ich vermutete, dass der Biss schuld war an mein Unwohl sein. Doch es war kaum was zu sehen, nur zwei unauffällige dicht nebeneinanderliegende Wunden, kaum größer als der Kopf eines Nagels.
An meine Tür pochte es und ich eilte mich zu öffnen. Draußen befand sich Müller Thomas, er kam um mich zu bitten sein neugeborenes Kind zu taufen. Die Geburt war für seine Frau nicht leicht gewesen und auch um den Jungen stand es schlecht. Ich lockte ihn herein und ehe ich wusste was ich tat, sprang ich ihn an und riss ihm den Hals auf. Gierig trank ich sein Blut, ließ keinen Tropfen in seinem Körper zurück.
Nach dem ich die Tat vollbracht hatte und auf seinen toten Körper in meinen Armen hinabblickte, kamen mir die Tränen. Was hatte ich getan? Ich war ein Monster, ein blutgieriges Monster. Panisch kam ich auf die Beine. Ich musste ihn verbergen, ich musste dieses Wesen finden. Was war aus mir geworden, ich der keiner Seele etwas zuleide tun konnte, hatte eiskalt getötet……
Diesen Teil kannte ich schon, dass hat er mir bereits erzählt und so blätterte ich um.
Seit Tagen irrte ich in den Wälder herum. Ich verbarg mich bei Tage in irgendwelche Höhlen. Wie ich schmerzhaft feststellen durfte, vertrag ich kein Sonnenlicht mehr. Mittlerweilen bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass es für mich tödlich ist. Überhaupt bei Tagesanbruch wach zu bleiben, fällt mir sehr schwer. Ich kann es, nur erschöpft es mich maßlos, so dass ich mich früher zur Ruhe begeben muss. Das Wesen habe ich nicht mehr gesehen, es bleibt verschwunden. Vielleicht ist es in jener Nacht noch verendet und wilde Tiere holten sich seinen Kadaver. Nun ich werde es nie erfahren. Mich beginnt der Hunger zu quälen, aber nicht nach Brot, sondern nach Blut. Ich versuche diese abartige Gier zu unterdrücken, doch mein Körper begehrt gequält auf, lange kann ich es nicht mehr hinausschieben Endlich ist es Abend.
Ich kann in der Ferne Menschen riechen. Auch etwas woran ich mich noch gewöhnen muss. Meine Sinne haben sich verändert. Ich kann besser sehen, hören und riechen. Wer weiß was sich noch verändert hat. Ich streife durch die Wälder auf der Spur dieses süßen Duftes nach menschlichem Blut. Durch die Baumreihen erblicke ich fünf grimmige, finstere Männer – Diebe und Halsabschneider. Ich trete aus den Bäumen hervor und zeige mich ihnen. Jodelnd stürzen sie auf mich zu. Der Erste zückt ein Messer und hält es mir dicht unter die Nase. Ich zuckte einen kleinen Schritt zurück, wollte nicht hier sein, wollte fliehen, doch der Hunger ließ mich erstarrt stehen bleiben. „Was haben wir den da?"
Mit einem dreckigen Grinsen sah mich der mit dem Messer an. Ich gab ihm keine Antwort, von mir war jedes Gefühl gewichen. Ohne darüber nachzudenken packte ich seine Hand mit dem Messer drehte sie um, ein knackendes Geräusch war zu hören, als es brach und zog ihn zu mir. Ehe er begriff was los war, hatte ich ihm schon meine Zähne tief in den Hals gerammt. Köstlich floss sein Blut in meinen Mund, ich trank ihn leer und ließ seine nutzlose Hülle fallen. Erst jetzt kam Bewegung in die anderen Männer, alle stürzten sich gleichzeitig auf mich versuchten mir den Garaus zu machen, aber sie wussten nicht wie stark ich war. Ich wusste nicht wie stark ich war. Bevor der Erste mich zu fassen bekam, hatte ich ihm schon das Genick gebrochen. Den Zweiten schleuderte ich gegen einen Baum, das grässliche Geräusch von splitternden Knochen verriet, dass er tödliche Verletzungen davon getragen hatte.
Mit den letzten Beiden begann ich zu spielen. Ich hatte Blut gerochen und geschmeckt und nun war die Bestie in mir erwacht. Sie versuchten zu fliehen, ich ließ sie ein Stück vor mir herlaufen, ehe ich den einen einholt und ihn mit einem Sprung zu Boden riss. Ein für mich müheloses Drehen seines Kopfes und ich hatte ihm das Genick gebrochen. Der Andere hatte einen weiten Vorsprung, aber nicht weit genug, mit einem bösen Auflachen rannte ich hinter ihm her, ließ ihn in dem Glauben mir doch noch entfliehen zu können. Doch er war eigentlich schon tot, nur wusste er es nicht. Als mir das Spiel zu langweilig wurde, holte ich ihn kurzerhand ein und riss ihm mit Genuss die Kehle auf.
Ich war sehr schnell und sehr stark geworden. Das Gefiel mir. Die Männer ließ ich für die Krähen liegen. Ich fühlte die Macht in mir. Diese grobschlächtigen Mörder und Halsabschneider waren keine Gegner für mich gewesen. Beflügelt von meinem neuen Sein, beschloss ich herauszufinden wie stark ich wirklich war. Wo hatte meine Kraft und Stärke grenzen.
Ich blätterte zur nächsten Seite um.
York 6.1.1507
Ich war in das Haus einer jungen Familie eingedungen, getrieben von meiner Blutgier. Die Bewohner des Hauses trieb ich im Hauptraum zusammen. Ängstlich hielt die Frau die beiden Kinder an sich gedrückt, fürchtete um deren und ihr Leben, zu Recht. Keiner von ihnen wird diesen Abend überleben.
Wagemutig packte der Hausherr einen Stock und hielt in zitternd zur Verteidigung vor sich. „Verlasse mein Haus, du Ausgeburt der Hölle!" Er wusste was ich war. Ich lächelten ihn zynisch an und ließ dabei meine Zähne sehen. Unwillkürlich zuckte er bei diesem Anblick zusammen und bekreuzigte sich, aber das wird ihn nicht retten.
Ohne Anstrengung riss ich ihm den Stock aus den Händen, zerbrach ihn und warf ihn fort. Dann packte ich ihn beim Schopf und zehrte seinen Kopf in den Nacken. So roh behandelt ging er in die Knie. Flehend blickte er mich an. Seiner Frau entrang ein ängstliches Keuchen und die Kinder weinten. Ich blickte sie kalt an, dann senkte ich meinen Kopf und biss zu. Die schockierten Gesichter seiner Familie waren Balsam für meine schwarze Seele.
