Ein geschenkter Geburtstag
Am Samstagmorgen erwachte er von… Was war das? Verwirrt setzte er sich auf und befreite sich von den Kissen und Decken, unter denen er sich nachts vergrub.
Greg saß am Klavier und spielte die Melodie von Happy Birthday. Blinzelnd versuchte er, wach zu werden. Eine Torte stand auf dem Wohnzimmertisch vor ihm.
Eine richtige, lilafarbene Torte mit roter und weißer gefrorener Sahne darauf.
„Es ist Blaubeere. Keine Erdbeeren."
Er war völlig perplex. „Heute ist nicht mein Geburtstag."
„Tun wir so, als wäre es so."
Sein Herz klopfte. Was war passiert? Was ging hier vor? Er stand auf und betrachtete die Torte genauer, während House die Melodie von Twinkle, twinkle, little star anspielte. Winzige Kängurus aus Marzipan hüpften auf der Torte herum. In der Mitte war mit Zuckerguss etwas geschrieben.
O quae mutatio rerum.
„Was bedeutet das?"
Greg sah ihn gespielt entgeistert an. „Lernst du kein Latein in der Schule?"
„Doch." Er las es ein zweites Mal. „Oh, wie… mutatio, ändern… - Das letzte Wort kenne ich nicht."
„Wie sich die Dinge ändern." Greg stand auf. „War das einzige, was mir für dich eingefallen ist."
Sie hatten sich geändert. Wenigstens für drei Wochen in den Vereinigten Staaten.
Beim Frühstück sah er ihn forschend an. „Was wolltest du schon immer mal tun?"
Robert erschrak. Er meinte es ernst. Er würde ihm einen Geburtstag schenken. Woher wusste er, dass er ihn zuhause nie feierte? Nicht etwa, weil er nicht gedurft hätte. Er dachte an seine Mutter, die im Morgenrock und mit verschwollenem Gesicht am Tisch saß. Ihr Kuss, der nach Whisky schmeckte. „Warum lädst du keine Jungs ein? Machst ein bisschen Party? Wir könnten den Pool füllen."
Worüber sie spätestens am nächsten Tag schimpfen würde. Es genügte, sie anzusehen, um den Kopf zu schütteln. Sie nannte ihn ihren kleinen süßen Langweiler und ging wieder ins Bett.
„Ich weiß nicht…" Fast verlegen nahm er ein Stück von der Torte. Sie schmeckte kühl und schön und zerging im Mund. Das Känguru stellte er neben den Teller. Er würde es nicht fertig bringen, es aufzuessen.
„Was machen Jungs in deinem Alter? Auf Rockkonzerte gehen? Kino? Surfen? Könnte schwierig werden ohne Brett. Für den Zoo bist du zu alt, oder?"
Er überlegte angestrengt. Alles würde etwas besonderes sein. Er war nicht wählerisch. Eigentlich wusste er gar nicht, was Jungs in seinem Alter taten oder mochten. Schließlich fiel ihm etwas ein. „Ich möchte noch mal ein Bier trinken gehen."
„Oh, wir rollen den Tag von hinten auf. Notiert. Das nächste."
Plötzlich befangen hob er die Schultern. „Ich würde gern mal ins Theater gehen."
oOo
Sie fuhren nach Manhattan. Die Begeisterung, die den Jungen beim Anblick der Freiheitsstatue erfasste, war kaum zu bändigen. Mit offenem Mund starrte er aus dem Fenster, verrenkte sich den Hals, um sie möglichst lange im Blick zu behalten.
„Möchtest du sie von innen sehen? Für einen zukünftigen Arzt kann das nur lehrreich sein."
„Wir können hinauf gehen?" Robert schnappte nach Luft. „Oh, das ist-… Das wäre wundervoll!"
Er sagte tatsächlich wundervoll. Wie ein kleiner Engländer.
„Wenn es klar ist, kann man die schottische Küste sehen."
Er lachte, entzückt und voller Begeisterung. Es rief eine Wärme in ihm hervor, die er vermissen würde, wenn er ging. Es war nicht nur Bewunderung oder Beifall. Es war wirkliche, echte Freude. Er fühlte sich wohl bei ihm. Es gab nicht viele, die das taten, und er kannte niemanden, der das so deutlich zum Ausdruck bringen konnte. Die meisten Menschen, mit denen er zu tun hatte, schützten sich mit Kratzbürstigkeit, scharfen Bemerkungen und Unnahbarkeit. So wie er selbst.
Zynismus und die manchmal subtile Ironie der Erwachsenenwelt fehlten ihm noch. Es würde nicht mehr lange so bleiben.
Niedlich sah er aus in seinen neuen Jeans und dem dunkelblauen Blazer. Er hatte darauf bestanden, ein weißes Hemd anzuziehen, aber zumindest ließ er sich überreden, die Kragenknöpfe offen zu lassen. House fragte sich, ob in ein paar Jahren sämtliche Mädchen hinter ihm her sein würden, oder ob er es vorzog, unsichtbar zu bleiben. Obwohl er ein ausgesprochen hübscher Junge war, schien er kaum jemandem aufzufallen.
Es waren zu viele Touristen da, aber er stellte sich entschlossen in die Warteschlange. Robert zupfte ihn am Ärmel. „Können wir uns Ellis Island ansehen?"
„Ich dachte, du wolltest ihr zu Kopf steigen."
Er sah scheu und beredt zu der langen Schlange hin. House fand ihn ausgesprochen vernünftig für einen Teenager.
oOo
In Manhattan war er lange nicht mehr gewesen, und er wusste, warum. Der Lärm und die Hektik überwältigten den Jungen, und er griff nach seiner Hand, nachdem er zweimal von Passanten beinahe umgerannt worden wäre. Was weniger an der Unhöflichkeit der New Yorker lag als an der Art, wie er staunend durch die Wolkenkratzerschluchten taumelte. House lächelte, als er mit hoch erhobenem Kopf in einen riesenhaften Transvestiten prallte.
„Sie… er… hat mich Schätzchen genannt", sagte er mit roten Wangen und wusste nicht, ob er empört oder geschmeichelt sein sollte. House war der gleichen Meinung, konnte sich aber gerade noch davon abhalten, es ihm zu sagen.
Der Broadway machte ihn schwindlig. Melbourne war eine Metropole, aber kein Vergleich zu dem quirligen und dröhnend lauten Treiben, in dem sie mitgezogen wurden wie in einem Sog. Irgendwann umklammerte er nicht mehr seine Hand, sondern den ganzen Arm, das Gesicht voller Aufregung und Befremden zu den Häuserfassaden erhoben.
Er kaufte ihm eine Jeansjacke aus einem Schaufenster, die genau so entzückend an ihm aussah, wie er es sich vorgestellt hatte. Verlegen, aber sichtbar stolz sah er an sich herunter.
„Das kostet zu viel", sagte er abwehrend und enttäuscht zugleich. „Für so etwas hat mein Dad das Geld bestimmt nicht geschickt."
„Ich werd ihm eine Rechnung schicken."
Erschrocken sah er auf. „Oh, nein! Er wird die Quittungen sehen wollen, und dann bekomme ich Ärger."
„Ich gebe das Geld aus, nicht du. Das hier sind alles lebensnotwendige Unterhaltskosten. Es wird höchste Zeit, deine Alimente mit Spaß auszugeben, und nicht im Hinblick auf Vermögenserweiterung."
Er verstand nicht. House fuhr ihm durch das Haar; etwas, auf das er bisher verzichtet hatte, weil er es an seiner Stelle gehasst hätte. Bestimmt fasste jeder dem Jungen ungefragt in sein weiches Haar. Es fühlte sich glatt und kühl und ein bisschen strähnig an. Australisches Surferhaar.
In dem Plattenladen, in den sie als nächstes gingen, war er hilflos. Das Angebot schien ihn zu erschlagen. Vielleicht waren es auch die vielen Punks, Goths, Hip Hopper und Grungetypen, die ihn einschüchterten. Er suchte einen Stapel CDs für ihn aus und hoffte, er würde sie zuhause abspielen können.
Atemlos zeigte Robert ihm ein überlebensgroßes Plakat von David Bowie. „Meine Mum steht auf ihn."
„Kann ich verstehen. Der Mann sieht verdammt gut aus."
„Ich meine die Musik." Er verzog die Lippen zu einem Schmollmund, als er merkte, dass er auf den Arm genommen wurde. Aber in seinen Augen lachte es.
oOo
Im Shubert Theatre wurde ein Stück über Buddy Holly aufgeführt. Er ergatterte tatsächlich noch zwei Karten für die Vorstellung und war heilfroh, ihm nicht Oklahoma! oder Hair anbieten zu müssen. Die Plätze waren Logenplätze, aber Rowan Chase würde sie ja bezahlen. Neben sich hörte er das ihm so vertraut gewordene Schnaufen, das den Jungen überkam, wenn er aufgeregt war. Er glühte vor Spannung, als die Beleuchtung herunterfuhr und die Erwartung der Zuschauer nahezu greifbar war.
House machte sich nichts aus Musicals. Wenn er Buddy Holly hören wollte, legte er eine Platte auf und genoss in Stereo. Wozu für eine Kopie Eintritt bezahlen, wenn man jeden Tag das Original haben konnte? Aber trotzdem genoss er die zwei Stunden in dem Theater. Von den Schauspielern und Sängern sah er wenig. Stattdessen betrachtete er den Jungen neben sich. Er war glücklich. Und er empfand es vermutlich so intensiv, weil er es so selten erlebte. Er fragte sich, wann dieses Kind jemals Spaß gehabt hatte. Und wann er selbst zuletzt Freude daran gehabt hatte, Dinge nur deswegen zu tun, um andere glücklich zu sehen. Er liebte es, Dingen auf den Grund zu gehen; wenn man das erreicht hatte, hatte man die Wahl. Man konnte entweder befriedigt den Status quo konstatieren – oder ihn ändern. Er wäre nicht Arzt geworden, wenn ihm die erste Möglichkeit genügen würde.
Aber manche Dinge waren nicht zu ändern. Er konnte den Jungen nicht vor dem schützen, was ihn erwartete. Australien war weit weg. Seine Zukunft lag nicht in seiner Hand, sondern in der einer Säuferin und eines Jet Setters.
In der Pause war er enttäuscht, weil es schon vorbei war, bis House ihm erklärte, dass es nur eine Unterbrechung war, damit sich das Publikum erholen konnte. „So wie in Lawrence von Arabien."
Seine Augen leuchteten. „Was ist das für eine Musik?"
„Das ist guter, ehrlicher Rock n Roll."
„Wie Elvis", sagte er.
„Wie Elvis."
„Ich mag Rock n Roll."
Er war froh, dass er Buddy Holly beim Plattenkauf nicht vergessen hatte. Und freute sich auf eine fast lächerliche Weise, als Robert im zweiten Akt den Song wieder erkannte, den er ihm auf der Gitarre vorgespielt hatte.
Nach der Vorstellung nahm er ihn mit ins Hard Rock Café. Es war zu voll, um auf einen Platz zu hoffen, aber die Schaukästen wollte er ihm nicht vorenthalten. Buddys rote Schuhe, Johns Brille, Elvis' Glitzeranzug, Jimis psychedelische Hemden. Für ihn war es pure Nostalgie, und er fragte sich, was in seinem blonden Köpfchen vorging, während er sich Buddy Hollys Jahrbuch aus der Highschool anschaute, der damals noch Charles Hardin Holley gewesen war.
Auf dem Times Square kaufte er ihm eine Tüte Wedges und legte ihm nach kurzem Überlegen den Arm um die Schulter, weil er sich, das Essen tragend, nicht mehr an ihm festhalten konnte. Die Vorstellung, ihn im Gewusel zu verlieren, ließ ihn frösteln. Aber Robert schien sich sehr wohl zu fühlen. Dankbar schmiegte er sich an seine Seite, die Augen unablässig in Bewegung. Er aß seine Kartoffelecken mit einer so selbstvergessenen Anmut, dass ihm ganz warm ums Herz wurde.
„Ich könnte nur herumlaufen und alles anschauen", vertraute Robert ihm in einem Anfall von Mitteilsamkeit an. „Zuhause werden mich alle beneiden."
Das tun sie sowieso. Weil kaum einer weiß, wie es hinter der Tür zum Elfenbeinpalast aussieht.
Sie waren in der letzten Gruppe, die in die Freiheitsstatue hinauf durften. Dass er dafür den Wärter mit hundert Dollar bestechen musste, würde auf Papa Chase' Rechnung wandern. Es war beinahe dunkel, als sie die Krone erreichten. House umfasste Roberts Taille und hob ihn auf, damit er problemlos aus der Luke blicken konnte.
„Schottland werden wir wohl nicht mehr erkennen können, es sei denn, deine Augen sind besser als meine."
Er bebte vor Aufregung, als er ihn wieder absetzte. Es war rührend. Sein ganzer Körper drückte mehr aus, als er es formulieren würde können. House fiel auf, dass er nie in pubertärtypische Superlativen verfiel, wenn etwas „cool" oder „hip" war. Er schien solche Worte nie zu benutzen. Nicht etwa, weil er gut erzogen war und seine Mutter darauf achtete, dass er ein genau so feiner Pinkel wurde wie sein Dad.
Es gab einfach keinen Anlass für ihn, sie auszusprechen.
Auf das versprochene Bier verzichtete er. Er würde ihn sonst zum Wagen tragen müssen. Auf der Rückfahrt war der Junge schweigsam, und House dachte, er sei zu erledigt, um zu reden. Schließlich sprach er doch.
„Das war der schönste Geburtstag, den ich je nie hatte."
House räusperte sich und konnte kaum glauben, dass er es wirklich so meinte, was er sagte. „Es hat Spaß gemacht."
„Ich werde mir alles aufschreiben, damit ich es an meinem richtigen Geburtstag lesen kann. Dann wird es so sein, als ob ich es gerade erst erlebe."
„Wenn dein Dad hier zu tun hat und du Ferien hast, soll er dich mitnehmen. In Coney Island gibt's eine gigantische Achterbahn. Ich würde Wilson mitnehmen, aber er traut sich nicht mal ins Spiegelkabinett."
„War das wirklich Buddy Hollys Brille, die in dem Café ausgestellt war?" fragte er, und beginnende Schläfrigkeit ließ seine Stimme undeutlich klingen. Er würde bald einschlafen. House konnte es an dem Hochziehen der Knie, dem gelegentlichen Flattern der Wimpern und dem allmählichen Entspannen der Finger sehen. Sonderbar, auf welche Kleinigkeiten man achtete, wenn man jemanden rund um die Uhr um sich hatte.
„So wie jede, die du rund um den Globus ausgestellt siehst. Ich glaube, er hatte beim Absturz mindestens sechzig Paar auf der Nase."
„Man kann nie bis nach Schottland sehen", murmelte er, nur noch halbwach. „Auch nicht bei klarem Wetter."
oOo
Ins Haus musste er ihn tragen. Er hätte ihn wecken können, brachte es aber nicht übers Herz. Sachte legte er ihn auf dem Sofa ab, das in den letzten Wochen sein Bett gewesen war.
Robert schlief fest, und House gestattete sich, den ausgestreckten, in den letzten Zügen der Kindheit steckenden Buben vor sich zu betrachten. Er strahlte eine Ruhe aus, die eine unbestimmte Sehnsucht in ihm weckte. Ihn um sich zu haben, war ohne Einschränkung eine gute Erfahrung gewesen. Sie würde sich nie wiederholen, und das stimmte ihn melancholisch, als hätte er zu viel getrunken.
Er wurde erwachsen werden und nach und nach seine bezaubernde Unschuld verlieren. Er würde Enttäuschung, Verzweiflung und Angst erleben, und er würde sich einschließen wie in einem Panzer. Wie seine verdammte Schildkröte.
Wo steckte das kleine Ungeheuer überhaupt? Er suchte unter der Couch (ihr erklärtes Lieblingsversteck), unter dem Regal und beim Schreibtisch. Zwischen der Türangel zur Küche fand er sie schließlich, und ein ahnungsvolles, beklemmendes Gefühl machte sich in seinem Magen breit.
Er hob den Panzer auf und fand ihn alarmierend leicht. Das Tier hatte sich komplett darin zurückgezogen, und er brauchte nicht lange herumzurätseln, weshalb. Ein schöner Arzt war er. Warum hatte er nicht daran gedacht, dem verletzten Tier eine Tetanusspritze zu verpassen? Aber gelitten hatte sie nicht. Heute Morgen hatte sie noch munter ihre Salatblätter verschlungen. Vielleicht ein Gerinnsel durch den heftigen Sturz im Bad, das sich gelöst hatte. Das wäre gnädiger als eine Sepsis.
Er legte den Panzer auf den Schreibtisch und blieb fast eine halbe Stunde reglos im Dunkeln sitzen. Dann knipste er das Schreiblicht an und rief am Flughafen an, um danach Rowan Chase in Melbourne über den Rückflug seines Sohns zu informieren. Die Sekretärin versprach, es weiterzuleiten.
