Kapitel
Erst als es zu dämmern anfing fiel Hermine das Nachsitzen bei Snape wieder ein. Mist, das hatte sie ganz vergessen. Jetzt hatte sie so einen schönen Tag gehabt, war, während die anderen im Unterricht sein mussten, draußen auf den Ländereien spazieren gegangen, hatte Hagrid besucht - der ihr übrigens auch nicht glauben sollte, dass Snape die Nacht auf die aufgepasst hatte, das Thema war am Lehrertisch anscheinend wirklich geschätzt -, hatte sich in Ruhe in die Bibliothek setzen können, hatte sich Mittag mit ihren Freunden getroffen und und und... es war ein toller Tag und jetzt musste sie ihn mit einer Stunde bei Snape absitzen.
Doch diesen Tag konnte ihr heute niemand so leicht vermiesen, nicht einmal jemand wie Snape! Rasch ging sie zu ihrem Schulsprecherzimmer, das bei ihr sowieso nur als Bücherei und gelegentlicher – in letzter Zeit öfter - Rückzugsort diente, sie schlief meist nach wie vor im Schlafsaal, weil sie es einfach viel schöner fand wenn sie am Abend noch mit ihren Freundinnen tratschen konnte.
Trotzdem war sie froh, dass sie ihn hatte, war sie doch in diesem Raum einmal richtig ungestört. Von der Bibliothek hatte sie sich einige Bücher mitgenommen aus denen sie sich einige Notizen machen wollte die ihr vielleicht in Zaubertränke und Verwandlung von Nutzen sein konnten. Hermine war immer auf der Suche nach Wissen!
Nun aber wollte sie sich noch ein bisschen entspannen bevor es zum Abendessen ging. Schnell murmelte sie das Passwort „Avis" – wie passend, dachte Hermine, sie fühlte sich auch gerade so leicht wie ein Vogel – und trat ein. Sofort umfing sie die wohltuende ruhige Atmosphäre, die Hermine so wichtig war. Doch auch ein wenig erschöpft ließ sie sich auf ihr Bett fallen, rief sanft einlullende Musik herbei, schloss die Augen und begann zu träumen...
... Es war ihr, als ob sie fliege, immer weiter und weiter, der Sonne entgegen. Es war ein wunderbares Gefühl, etwas, das Hermine noch nie erlebt hatte. Sie hielt diesen Augenblick so lange wie möglich in ihr fest,
doch irgendwann war auch einmal der schönste Traum zu Ende und eine äußerst verschreckte Hermine musste nun zu ihrem Leidwesen feststellen, dass das Abendessen schon seit 20 Minuten vorbei war.
Snape würde sie umbringen! Er würde ihr mit diesem Abend sicher den ganzen Tag versauen... doch nein, das ließ sie nicht zu, zu schön war er gewesen.
Schnell klemmte sie sich das Wichtelgeschenk – magisch verkleinert natürlich – in eine der vielen kleinen Taschen des Umhangs und spurtete los. Unterwegs merkte sie zu allem Übel auch noch, dass sie ziemlich dringend noch eine Toilette aufsuchen musste und sie außerdem ziemlicher Hunger quälte. Kein Wunder auch, wenn sie das Abendessen verpasst hatte!
Hermine beschloss, noch kurz in der Küche vorbei zu laufen, sicher hatten die Hauselfen noch etwas für sie übrig, das war schließlich ein Notfall.
Sie behielt Recht und bekam ein riesiges Lunch Paket mit, das sie ebenfalls schnell magisch verkleinerte, sie würde bis nachher warten müssen.
Und jetzt noch schnell zur Toilette? Nein, das schaffte sie partout nicht mehr! Snape wartete schon viel zu lange. Was sollte sie ihm als Entschuldigung bringen? Dass sie eingeschlafen war und von der Sonne geträumt hatte? Nein, das wirklich nicht.
Auch wenn sie ihn anlog und sagte dass sie lange beim Abendessen war wäre sie immer noch mindestens eine Viertelstunde zu spät...
Mit klopfendem Herzen und stechender Brust kam sie schließlich vor seiner Bürotür zum Stehen. Einige Sekunden wartete sie noch, musste er ja auch nicht gleich erfahren, dass sie wie eine Wilde hierher gerannt war.
Sie pochte an der Tür. „Herein" schnarrte Snapes Stimme und wieder einmal betrat die Schulsprecherin das Büro des Schulschrecks.
„Sie sind zu spät, Miss Granger" schnarrte Snape, groß und bedrohlich hinter seinem Schreibtisch stehend.,
„Ich weiß, Professor Snape, es tut mir leid, aber ich war noch länger beim Abendessen und dann hab ich einfach die zeit vergessen..." fing Hermine an.
Doch Snape unterbrach sie abrupt.
„Warum lügen Sie mich an, Miss Granger? Sie waren nicht beim Abendessen."
„Oh ähm... Professor, woher wissen Sie das?" Hermine konnte einfach nicht anders. Es war doch nicht möglich, dass die alte Fledermaus während er aß auch noch den Gryffindortisch kontrollierte?
„Nun, Miss Granger, auch ich habe Augen im Kopf und zufällig habe ich eben bemerkt, dass Sie nicht anwesen waren"
„Nun, Professor, um die Wahrheit zu sagen, ich habe geschlafen" gestand Hermine. „Ich habe mich an diesem Tag wohl doch ein bisschen übernommen und bin erst zu spät wieder aufgewacht. Entschuldigung"
„Ist schon gut, Miss Granger"
Hermine bekam vor Staunen den Mund nicht mehr zu!
„Nun, was schauen Sie so!", fragte Snape ungeduldig und schon wieder leicht ärgerlich. „Ich bin kein Unmensch und ich weiß dass Sie sich übernommen haben, ich habe Sie gesehen. Ich möchte Ihnen nur einen Ratschlag geben: Hüten Sie sich vor Draco Malfoy. Die Malfoys sind eine mächtige alte Zauberfamilie und auch Draco kann unter Umständen gefährlich werden. Lucius ist in Askaban, aber immer schon hat diese Familie das Böse gesucht und auch gefunden. Es ist nicht gut, Draco zu reizen."
Hermine funkelte ihn wütend an.
„Wissen Sie, auch für mich gibt es schöneres, bedeutend schöneres, als sich mit Malfoy anzulegen. Aber Sie wissen nicht, wie es ist, wenn man die ganze Zeit verspottet und gehänselt wird, weil man nicht aus einer dieser tollen, alten und mächtigen Zauberfamilie stammt! Ich kann und will das nicht einfach so hinnehmen!"
Snape seufzte. „Miss Granger, ich kann Sie voll und ganz verstehen, ja, schauen Sie nicht so verwundert drein! Auch ich weiß, was Spott bedeutet und wie schmerzlich er ist, doch spielen Sie nicht mit Draco Malfoy! Das ist mir sehr ernst, Miss Granger!"
Hermine starrte ihn an. Hatte er gerade vor ihr zugegeben, dass er früher auch verspottet worden war? Hatte er ihr wirklich etwas privates erzählt? Und sie sollte sich vor Malfoy in Acht nehmen... vielleicht sollte sie diesen Ratschlag berücksichtigen.
„Danke, dass Sie mich gewarnt haben, Professor. Ich weiß zwar nicht genau was Sie meinen, doch ich werde mich in Zukunft bei Malfoy ein wenig zurückhalten, soweit dies mir möglich ist. Doch ich fürchte, dass das bei ihm nicht besonders viel ändert... ach scheiße, ich weiß nicht mehr, was ich machen soll. Immer, wenn er mir über den Weg läuft, lässt er irgendeinen blöden Kommentar los und seine dreckigen Slytherin Freunde jubeln um ihn herum als hätte er gerade einen riesigen Sieg errungen."
Hermine stockte. Gerade hatte sie Snapes eigenes Haus aufs Tiefste beleidigt.
„Lassen wir es gut sein, Miss Granger, sie haben gehört was ich Ihnen gesagt habe und ich hoffe dass Sie es ernst nehmen werden."
Doch in Gedanken nahm er sich vor, in der Zukunft ein bisschen mehr auf Draco und Hermine zu achten...
„Wie werden heute einen Trank brauen".
„Waaaas? Einen Trank? Jetzt?" Hermine war sofort mit Feuereifer bei der Sache.
„Miss Granger", donnerte Snape. „Wenn Sie es noch ein einziges Mal wagen, mich zu unterbrechen, dann schicke ich Ihnen alle Flüche auf den Hals, die ich kenne, und Sie können mir glauben, das sind einige! Jetzt lassen Sie mich weiterreden!"
„Entschuldigung" murmelte Hermine kleinlaut und hörte ab jetzt nur noch gespannt zu, was er zu sagen hatte.
„Wir werden verschiedene Heiltränke brauen, einen für leichte, einen für mittlere und einen für schwere Verletzungen. Wir hatten Sie alle schon einmal im Unterricht. Bitte nehmen Sie sich die Zutaten aus dem Labor und fangen Sie an"
Das bisschen Enttäuschung, das bei seinen Worten aufgekommen war, schließlich kannte sie diese Tränke schon längere Zeit, verflog sofort wieder, als Snape ihr die Erlaubnis gab, sich selbst aus seinem Labor alles zu holen, was Sie brauchte. Sie war schon einmal drin gewesen aber das war erstens schon einige Jahre her und zweitens war sie damals eingebrochen um Zutaten für den Vielsafttrank zu stehlen. Doch schon damals war sie begeistert gewesen von der Vielzahl von verschiedensten Zutaten die sich überall stapelten wo das Auge blicken konnte.
„Hier geht's lang", Snape deutete durch eine Tür. „Trödeln Sie nicht und machen Sie nichts kaputt, schließen Sie alle Schränke wieder, die Sie öffnen müssen"
Hermine nickte nur noch schnell, dann sauste sie los.
