Glück aus
„Wie geht es ihr?", fragte Dwight. Sein Blick richtete sich kurz auf Meg, die antwortete: „Nicht gut. Anscheinend ist Jade schon vor zwei Tagen verschwunden. Philip konnten sie natürlich nicht mehr benachrichtigen, da der ja schon hier in Paris war."
Frustriert gab sie Dwight sein Handy zurück und ließ sich dann neben Anna auf das Sofa fallen. Meg hob die Hände und verbarg ihr Gesicht. Sie fühlte sich so ohnmächtig, so verloren. Claudettes und Jades Eltern anzurufen hatte kaum etwas gebracht und sofort nachdem sie aufgelegt hatte, hatte sich Meg ihr eigenes Versprechen zum Vorwurf gemacht. Langsam wanderte ihr Blick wieder auf den Livestream.
Jade war mittlerweile wieder in den großen Raum, in dem Claudette und Chloe verwundet am Boden lagen zurückgekehrt und zur ihrer großen Erleichterung hatte sie ein dunkelrotes Medikit in den Händen. Claudettes Vermutung hatte sich bestätigt. Die Whites Masks hielten ihre Beute so lange es ging am Leben.
Hastig öffnete Jade das kleine Köfferchen und zog eine Reihe an Verbänden und Mullbinden vor. Es war leicht genug, um die Verletzungen der beiden Mädchen mit zumindest provisorischer Arznei zu versorgen. Zuerst kümmerte sich Jade um Claudette. Dann trat sie hinüber an den Zaun und versuchte durch die Löcher hindurch Chloe zu versorgen. Unter der Anleitung der Kanadierin an ihrer Seite schaffte sie es, ihr einen halbwegs ordentlichen Verband anzulegen.
„Ich halt das nicht mehr aus", murmelte Meg und stand wieder auf. Sie konnte kaum stillhalten. Ihre Hilflosigkeit verstärkte nur noch das Gefühl, etwas unternehmen zu müssen, doch ihr Kopf war ein einziger Strudel an Gedanken, Sorgen und Ängsten. Und irgendwo in der hintersten Ecke ihres Verstandes schwirrte auch noch beständig ihr Vater umher.
„Wo ist eigentlich Feng?"
„Bei Jake, glaube ich", murmelte Dwight ohne aufzusehen. Meg schaute kurz hinüber zur Tür und überlegte, ob sie sich ebenfalls in den Krankensaal begeben sollte. Claudette dabei zuzusehen, wie sie sich selbst Schmerzen zufügte brachte doch nichts. Andererseits schien sie ihre beste Freundin damit allein zu lassen. Sie entschied sich zu bleiben und setzte sich müde zurück auf das Sofa.
„Was sollen wir nur tun?", fragte Meg und schaut auf ihre Hände. Sie bekam keine Antwort, doch sie hatte auch keine erwartet. Stumm verfolgten Meg, Dwight und Anna, wie Claudette von Jade auf die Beine gezogen wurde und die beiden sich anschließend auf den Weg hinaus aus dem großen Raum machten. Die Nacht war noch nicht vorüber. Das Spiel war noch nicht zu Ende.
Glaz stieß einen unterdrückten Fluch aus. Finka hatte ihren Blick wieder auf die Luke gerichtet und gerade als sie etwas sagen wollte, krachte die nächste Salve an Schüssen nach oben. Kurz darauf flog ein runder Gegenstand herauf und blieb direkt neben der russischen Operatorin liegen. Mit einem Aufschrei griff sie nach der Granate und konnte sie gerade noch über die Brüstung nach unten werfen, bevor sie mit einem lauten Knall explodierte. Trümmer wurden umhergeschleudert, als die Fassade Notre Dames beträchtlichen Schaden nahm.
„So viel zum Schutz der Kathedrale", murmelte Glaz. Ihm war natürlich voll und ganz bewusst, dass sie beide zerfetzt worden wären, hätte Finka die Granate nicht rechtzeitig aufgehoben und weitergeworfen. Er war zwar ein Soldat, doch sein Leben war ihm immer noch wichtiger als eine mittelalterliche Steinmauer.
Finka rief den White Masks unter ihnen ein paar Schimpfworte entgegen, woraufhin die dritte Salve durch die Luke gefeuert wurde. Es war nichts weiter als Säbelrasseln, da sich die beiden Operatoren außerhalb des Schussfelds befanden. Doch ihre Situation wurde zunehmend aussichtsloser.
„Also gut, was ist der Plan?", fragte Finka und schaute zu Glaz. Dieser wollte gerade antworten, wurde jedoch vom Rauschen seines Funkgeräts unterbrochen. Eine weibliche Stimme kam aus dem Lautsprecher.
„Ähm… Ich weiß nicht, ob das jemand hört, aber… Hier ist Sally und die… die White Masks sind gerade dabei den Innenraum von Notre Dame mit Sprengstoff zu bestücken. Sie haben sich außerdem als GIGN verkleidet und… und sie sind viele. Ähm… Ende."
Glaz und Finka tauschten einen Blick aus. Wenn Sally die Wahrheit sagte – und warum sollte sie Lügen – dann waren das schlechte Nachrichten. Wirklich schlechte Nachrichten.
„Also", wiederholte Finka mit einem grimmigen Gesichtsausdruck: „Wie lautet der Plan?"
„Wir müssen runter von dieser Kathedrale, so schnell wie möglich", antwortete Glaz: „Aber diese Bastarde haben uns abgeriegelt. Und wenn sie GIGN Uniformen tragen… Am besten vertrauen wir in Zukunft nur noch uns selbst."
Finka nickte, ihre Pistole immer noch auf die Falltür gerichtet.
„Vielleicht können wir an der Seite nach unten klettern", überlegte Glaz und warf einen schnellen Blick über die Brüstung. Sie befanden sich hunderte Meter über dem Boden, doch die gotische Fassade der Kathedrale mit all ihren Schnörkeln und Figuren bot einige Haltegriffe. Vielleicht war es möglich.
Trotzdem legte Glaz keine großen Hoffnungen in die Idee. Beide trugen sie schwere Kampfausrüstung und selbst wenn sie nicht abstürzten, würde es wahrscheinlich zu lange dauern, den Boden zu erreichen. Außerdem durften sie nicht entdeckt werden und die White Masks würden mit Sicherheit das Dach stürmen, sobald sie bemerkten, dass die Operatoren verschwunden waren. Der Scharfschütze schüttelte den Kopf.
„Verdammt" knurrte Finka. Sie wusste, dass ihnen die Optionen ausgingen. Jeden Moment konnte eine weitere Granate durch diese Luke fliegen und es war nur eine Frage der Zeit, bis die White Masks die Kirche sprengen würden. Sie mussten entkommen. Aber wie?
Schüsse halten vom Platz vor der Kathedrale herauf, als Team Lila und Team Weiß zu Notre Dame zurückkehrten. Die White Masks lagen in ihrem Zeitplan zurück und würden keine Sekunden zögern, auf den Auslöser zu drücken, sobald der Sprengstoff gelegt war. Team Rainbow musste einschreiten, bevor das geschah. Ein knatterndes Maschinengewehr brüllte durch die Nacht. Die Operatoren würden ganze Arbeit leisten müssen, wenn sie rechtzeitig an der schweren Waffe vorbeikommen wollten.
Wieder begann Finka leise auf Russisch zu fluchen und Glaz konnte eindeutig erkennen, dass sie langsam von Panik ergriffen wurde. Er hatte selbst alle Hände voll zu tun seinen eigenen Herzschlag ruhig zu halten, doch es würde ihnen gar nichts bringen, jetzt den Kopf zu verlieren. Ruhe bewahren. Das war die erste und oberste Regel in jedem Kampfeinsatz. Ruhe und Konzentration. Es war der Unterschied zwischen Leben und Tod.
Plötzlich fiel sein Blick vorbei an Finka auf einen hellen Punkt am Nachthimmel. Er hatte ihn zuerst für einen Stern gehalten, doch das funkelnde Licht kam immer näher und schließlich mischte das knatternde Geräusch eines Hubschraubers unter die Schüsse um die Kathedrale. Sobald das Flugobjekt näher kam erkannte Glaz, dass es sich um keinen militärischen Hubschrauber handelte. Es waren die verdammten Nachrichten, die mit Scheinwerfer und Kamera Aufnahmen des Geschehens rund um die Kathedrale machen wollten.
„Was zum Teufel?", fluchte Finka als ihr der Scheinwerfer direkt ins Gesicht leuchtete. Glücklicherweise konnten die White Masks am Boden der Luke keinen Vorteil aus der kurzen Ablenkung ziehen. Während seine Kameradin weiterhin die Falltür sicherte stand Glaz auf und winkte dem Hubschrauber zu.
„Was zur Hölle machst du da?", rief Finka. Glaz schaute kurz über die Schulter und antwortete: „Wir sind hier oben gefangen. Der einzige Weg nach unten führt durch die Luft. Kannst du fliegen?"
Finka antwortete nicht, doch sie hatte seinen Plan verstanden. Ihre einzige Chance, den White Masks lebend zu entkommen, war über den Nachrichtenhelikopter. Doch dazu mussten sie den Piloten der Maschine irgendwie dazu bewegen, herabzusinken und sie vom Dach abzuholen. Wild durch die Luft winkend versuchte Glaz genau das zu erreichen. Er stand direkt an der Brüstung und kurz warf er einen Blick hinunter auf den Platz vor der Kathedrale.
Team Rainbow befand sich in einem offenen Feuergefecht mit den Terroristen der White Masks, die entschlossenen Widerstand leisten. Kampfeslustig verteidigten sie alle Zugänge zu Notre Dame und verschafften ihren Kameraden im Inneren so viel Zeit wie möglich, die Sprengsätze zu platzieren. Und sie würden keine fünf Minuten mehr aushalten müssen. Es sah schlecht aus, verdammt schlecht.
Glaz hob den Blick wieder zu dem Hubschrauber, der nun in einiger Entfernung über der Kathedrale schwebte und mit seinem Scheinwerfer die Umgebung des massiven Bauwerks abtastete. Zuerst erhellte er die Stellungen der White Masks, dann die von drei Rainbow Operatoren, Jäger, Buck und Ela, die verzweifelt versuchten, sich am Schussfeld des Maschinengewehrs vorbei zu schleichen. Dabei setzten sie ihr gesamtes Arsenal ein, von Rauchgranaten bis hin zu Deckungsfeuer. Nichts half.
„Sie kommen nicht runter", murmelte Finka verzweifelt. Glaz schüttelte den Kopf, doch er gab nicht auf. Mit schwindender Hoffnung hob er die Arme und winkte so deutlich er konnte.
„…und sie sind viele. Ähm… Ende"
Sally betätigte den Knopf an der Seite des Funkgerätes und legte es dann zurück in die Halterung am Armaturenbrett des schweren Militärtrucks, in dem Team Weiß die Kathedrale erreicht hatte. Anschließend drehte sie sich zu David und nickte ihm zu.
„Wir haben sie gewarnt. Jetzt sollten wir versuchen so schnell wie möglich von dieser verdammten Insel runterzukommen."
„Nehmen wir den Truck?", fragte David und machte bereits Anstalten auf den Fahrersitz zu klettern. Sally hielt ihn jedoch zurück und murmelte leise: „Nein, zu gefährlich. Die GIGNs an den Brücken könnten auch White Masks sein. Wir… wir können es nicht wissen. Ich glaube unsere sicherste Chance liegt im Schwimmen."
„Schwimmen?", fragte David misstrauisch: „Durch die Seine?"
„Ja", nickte die Krankenschwester: „Komm mit. Je eher wir verschwinden, umso besser."
Sie legte eine Hand um Davids Handgelenk und zog ihn aus dem Fahrzeug auf den offenen Platz. Dann schlichen die beiden hinüber in die Dunkelheit einer Gasse zwischen zwei Gebäuden. Es waren keine White Masks am Eingang der Kathedrale zu sehen, doch das konnte sich jederzeit ändern. Schüsse krachten bereits durch die Finsternis, keine hundert Meter entfernt und binnen weniger Sekunden würden die Kämpfe die alte Kirche erreichen.
„Los, hier entlang", kommandierte Sally. Geschwind lief sie voraus, wobei sie immer wieder ein Stück weit schwebte. David hingegen musste jeden Muskel anstrengen, um mit der Krankenschwester mithalten zu können. Keuchend folgte er ihr um zwei Biegungen, rannte über den kalten Pflasterstein ein paar Gassen entlang und kam schließlich neben Sally an einem verrosteten Geländer zum Stehen. Unter ihnen glitzerte das dunkle Wasser des Flusses, über ihnen schoss ein Hubschrauber durch die Luft und zu beiden Seiten blitzen die Blaulichter von Brückenblockaden der GIGN.
Glücklicherweise gab es nicht weit entfernt eine schmale Treppe, die seitlich ans Ufer hinunterführte und nur mit einem rostigen Eisengatter gesichert war. Sally brauchte gerade Mal die Hand zu heben, die Finger zu schließen und schon brach das Schloss unter ihren telekinetischen Fähigkeiten ein. Der Weg war frei.
„Schnell", mahnte Sally und schaute über die Schulter, während David bereits die Treppe nach unten hastete. Schüsse halten durch die Nacht, ein Maschinengewehr knatterte in der Dunkelheit und selbst hier auf der anderen Seite der Insel jagte einem schon allein die pure Lautstärke der Waffe einen Schauer über den Rücken. Eilig drehte ich Sally um und schwebte über die feuchten Stufen hinunter ans Ufer.
Die Seine war zwar breit, doch ihre Fließgeschwindigkeit war so niedrig, dass man sie beinahe für ein stehendes Gewässer halten mochte. Erst bei näherem Hinsehen war in der Dunkelheit eine eindeutige Strömungsrichtung auszumachen. Der einzige Grund warum den Parisern das Baden in ihrem Fluss untersagt war, waren nicht etwa die Gefahren unberechenbarer Stromschnellen, sondern viel mehr die pure Verschmutzung durch Abfälle und Schiffe.
David stieß einen Fluch aus, als er nach kurzem Zögern kopfüber in den Fluss watete. So nah am Ufer reichte ihm das Wasser gerade bis zur Brust, doch schon zwei Schritte weiter hatte er den Boden unter den Füssen verloren. Mit kräftigen Zügen bewegte er sich durch den Fluss und hielt direkt auf das andere Ufer zu.
Sally warf einen schnellen Blick nach rechts zu einer der beiden Brücken. Sie konnte die Silhouetten bewaffneter Soldaten erkennen, doch sie schienen David nicht zu bemerken. Im Schutz der Dunkelheit blieb er ihren Blicken verborgen. Wenigstens eine glückliche Fügung diese Nacht.
Zur Beruhigung einen tiefen Atemzug nehmend, stand Sally auf und hob die rechte Hand. Sie ballte die Finger zur Faust. Ein oranges Leuchten erschien, während sich ihre Füße vom Boden hoben und sie sich in eine schwebende Position begab. Dann wartete sie.
Erst als das Maschinengewehr in der Ferne eine erneute Salve abgab, streckte sie den rechten Arm aus und mit einem schrillen Kreischen schoss sie über den Fluss hinweg und landete auf der anderen Seite. David hatte gerade die letzten Meter zurückgelegt und kletterte nun keuchend ans Ufer. Völlig durchnässt knurrte er: „Einmal und nie wieder. Dieser Fluss stinkt wie eine Müllgrube."
„Dieser Fluss ist eine Müllgrube", antwortete Sally. Ihr Blick war wieder zu den Brücken geschossen, doch wiederum schien man sie nicht bemerkt zu haben. Sie waren also vorerst in Sicherheit. „Komm, gehen wir weiter."
David nickte und langsam folgte er ihr das Ufer entlang, bis sie erneut an eine Treppe gelangten. Schweigend erklomm Sally die schmalen Stufen, lugte kurz auf die darüberliegende Straße und als sie sich sicher war, dass die Luft rein war, trat sie hinaus ins Licht einer Straßenlaterne.
„Was machen wir jetzt?", fragte David. Sally schaute über die Schulter, überlegte kurz und sagte dann: „Wir versuchen eines der Rainbow Teams ausfindig zu machen. Die GIGN scheint infiltriert worden zu sein, aber Team Rainbow können wir vertrauen. Glaube ich."
David nickte. Er war sich selbst nicht mehr ganz sicher, wer jetzt auf ihrer Seite stand und wer nicht. Die White Masks schienen ihnen stets einen Schritt voraus zu sein. Sie waren so mächtig, so unangreifbar und je länger er, Sally, Nea und die anderen in dieser Stadt feststeckten, umso länger waren sie in Gefahr.
Vorsichtig lugte Sally um eine Hausecke und überprüfte, ob die Luft rein war. Als sie niemanden entdecken konnte, winkte sie David zu und die beiden liefen eilig die Straße nach unten. In der Ferne hörten sie immer noch das Brüllen des Maschinengewehrs. Etwas zu ihrer Rechten schob sich ein seltsamer, schwarzer Nebel über die Dächer die Stadt, was nur eines bedeuten konnte. Weder David noch Sally verlangte es danach, einen Fuß zurück ins Reich des Entitus zu setzen, weshalb sie sich von der schwarzen Suppe entfernten. Doch die Krankenschwester hatte Zweifel.
„Vielleicht brauchen sie unsere Hilfe", murmelte sie und blieb langsam stehen. Sie drehte sich um und schaute in Richtung des Nebels, während David ein paar Meter weiter ebenfalls Halt machte. Er antwortete nichts. Schließlich war er selbst unschlüssig was zu tun war.
Gerade als Sally einen Entschluss gefasst hatte, hörten sie ein brummendes Geräusch in einer der Seitenstraßen und die Krankenschwester wurde unterbrochen noch bevor sie ein Wort von sich gegeben hatte. Eilig nickte sie David zu, der sofort hinter einer Mülltonne in Deckung ging. Sally versteckte sich in einer dunklen Gasse.
Es war gut möglich, sogar wahrscheinlich, dass es sich bei dem Fahrzeug um eine Einheit der GIGN oder Team Rainbows handelte und ihnen die Insassen freundlich gesinnt waren. Bei der verhängten Ausgangssperre wäre jedes andere Fahrzeug sofort angehalten worden. Trotzdem würden sie erst beobachten, bevor sie sich zu erkennen gaben.
Am unteren Ende der Straße erschien nun ein schwarzer Truck. Langsam bog er um die Ecke und fuhr direkt auf Sally und David zu, die ihn nervös verfolgten. Ein militärisches Kennzeichen prangte unter der Stoßstange und der Fahrer war hinter getönten Scheiben verborgen. Das Fahrzeug erinnerte ein wenig an die schweren Trucks, mit denen Sally, Meg, Anna und Max von der Coldwind Farm abgeholt worden waren.
Bevor der Wagen jedoch an Sally und David vorbeifuhr, blieb er stehen. Sofort wurde die hintere Tür aufgestoßen und ein vermummter Mann sprang hinunter auf die Straße. Sein Gesicht war hinter einer weißen Maske verborgen und auf der Schulter trug er ein seltsames, metallisches Objekt, das über Kabel mit etwas im Inneren des Wagens verbunden war.
„Verdammt", flüsterte Sally: „White Masks."
„Was machen die da?", fragte David: „Sieht so aus als würden sie etwas aufbauen. Sally, die…. Die bereiten hier irgendetwas vor."
Der White Mask hatte das metallenen Objekt mittlerweile auf den Boden gestellt und Sally erkannte eine sauber polierte Kugel, die von drei langen Beinen wie auf einem Kamerastativ über dem Boden gehalten wurde. Ein zweiter Terrorist hatte derweil drei weitere Kabel an jeweils eines der drei Beine angeschlossen und kletterte nun in den Wagen zurück. Der Fahrer hatte den Motor des Wagens nicht abgestellt, die White Masks planten also sich nur kurz hier aufzuhalten.
„Sally", zischte David: „Das ist eine von diesen Maschinen. Was sollen wir tun?"
„Wir können nichts tun", flüsterte sie nervös zurück: „Wenn wir uns ihnen nähern, sehen sie uns sofort und ich wette, die können besser mit ihren Pistolen umgehen, als wir mit unseren."
„Schau dir das doch mal an", sagte David: „Die verdammten Wichser sind drauf und dran den Nebel freizusetzen. Wir sind doch hier, um genau das zu verhindern."
Sally überlegte kurz. Aufmerksam beobachtete sie einen der beiden Terroristen, wie er zur Fahrerkabine ging und seinem Kameraden etwas in einer exotischen Sprache zurief. Kurz darauf brummte der Motor des Wagens auf, doch das Fahrzeug blieb an Ort und Stelle. Die Kupplung war gelöst. Die Energie des Motors wurde für etwas anderes benötigt.
„Du hast recht", sagte Sally: „Wir müssen etwas tun. Wenn du mit deiner Pistole ein paar Schüsse von hier aus abgibst, sind sie vielleicht lange genug abgelenkt, dass ich ihnen in den Rücken fallen kann."
„Die sehen dich doch sofort", gab David zurück. Zur Antwort hob Sally nur ihre linke Faust und ein oranges Leuchten brach zwischen ihren Fingern hervor: „Dann wird es aber schon zu spät sein."
David nickte. Angestrengt versuchte er die Finger um den Griff seiner Pistole ruhig zu halten und begab sich in eine stabilere Haltung. Ein Knie auf den Boden, das andere gegen die Mülltonne gelehnt legte er seine Waffe auf die Terroristen an. Dann wartete.
Erst als Sally ihm zunickte, betätigte er den Abzug und ein krachender Schuss löste sich aus der Pistole. Die Kugel verfehlte den White Masks bei weitem und schrammte funkensprühend an der Außenseite des Trucks entlang, doch es war allemal genug gewesen, um seine Aufmerksamkeit auf David zu lenken.
Ohne Zeit zu verlieren öffnete Sally ihre Faust und mit einem schrillen Kreischen wurde sie auf die gegenüberliegende Straßenseite gezogen, direkt auf die andere Seite des schwarzen Fahrzeugs. Hier war sie vor dem Terroristen auf der Straße verborgen und der Fahrer würde sie nur entdecken, wenn er jetzt in den rechten Seitenspiegel schaute, was Sally bezweifelte.
David gab noch zwei weitere Schüsse ab, bevor sein Angriff mit einer knatternden Salve aus einem Sturmgewehr beantwortet wurde. Hoffentlich war er rechtzeitig in Deckung gegangen. Dass sich die White Masks nervös anbrüllten und ihre Waffen entsicherten, nahm Sally als ein gutes Zeichen auf. Offenbar hielten sie die Gefahr noch nicht für gebannt. Sie musste sich beeilen, wenn sie einen Vorteil aus der Situation ziehen wollte.
Hastig schwebte sie an der Seite des Trucks entlang und lugte um die geöffnete Hintertür. Kaum, dass sie um die Ecke gebogen war, traf sich ihr Blick mit dem eines White Mask, der unbewaffnet auf der Ladefläche des Fahrzeugs stand und sie mit vor Schreck geweiteten Augen anstarrte. Bevor er eine Warnung ausrufen konnte, hatte Sally bereits einen Schuss auf ihn abgegeben und dumpf wurde er gegen die Seitenwand des Fahrzeugs geschleudert.
Der Lärm hatte natürlich seinen Kollegen auf der Straße alarmiert, der sich jetzt überrascht umdrehte. Doch es war zu spät. Sally hatte die Pistole bereits auf ihr neues Ziel ausgerichtet und drückte nun gnadenlos ab. Aus einer Entfernung von gerade Mal zwei Metern knallte die Patrone gegen die kugelsichere Weste des Terroristen und schleuderte ihn zu Boden. Noch im Fallen löste sich eine Salve aus seinem Sturmgewehr, die krachend in die umliegenden Fassaden fuhr.
Sally erkannte sofort, dass der White Mask noch lebte, doch der Schock getroffen worden zu sein, hatte ihn für einen Moment ins Reich der Träume befördert. Sofort richtete sie die Pistole auf seinen Kopf, sodass sie über Kimme und Korn direkt in seine Augen schaute. Dann zögerte sie.
Sie hatte sich geschworen, niemanden mehr zu töten und diesen Schwur hatte sie bereits gebrochen. Nun ging es darum, nur noch zu töten, falls es unbedingt nötig war. Der Terrorist lag am Boden, hatte seine Waffe fallen lassen, die mehrere Meter entfernt auf dem Boden lag und war kaum bei Bewusstsein. Er war besiegt.
Sally löste sich erst aus ihrer kurzen Trance, als plötzlich der Motor des schwarzen Fahrzeugs aufheulte und der Fahrer unsauber die Kupplung anschloss. Quietschend drehten die Reifen durch, als sie plötzlich wieder mit dem Antrieb verbunden waren und mit wild umherschwingenden Türen preschte der Wagen davon.
Für einen Moment schaute Sally ihm nach, blickte dann zum Terroristen am Boden und schließlich wieder zu dem Wagen, der bereits zehn Meter zurückgelegt hatte. Rasend schnell nahm er an Geschwindigkeit auf. Sally ließ knurrend die Waffe in ihrer Rechten sinken, hob stattdessen die linke Hand, ballte die Finger zur Faust und öffnete sie nach einem Moment wieder.
Kreischend flog sie dem Wagen hinterher, überholte ihn und tauchte etwa fünf Meter vor der Motorhaube wieder auf. So schnell sie konnte, drehte sie sich herum. Ihre Pistole fiel klappernd zu Boden, als Sally dem schweren Truck beide Hände entgegenstreckte und wie in Zeitlupe die Stoßstange auf sich umfliegen sah. In einem Augenblick würde der Wagen sie überrollen. Der Fahrer trat voll aufs Gas.
Oranges Licht breitete sich um ihre Arme aus, floss zu Sallys Fingern und sammelte sich in ihren Handflächen. Sally wusste nicht, was sie tat, da ihr Verstand kaum genug Zeit hatte, um die Situation zu begreifen. Stattdessen hörte sie auf ihren Instinkt. Mit angespannten Muskeln lenkte sie all ihre übernatürliche Energie in eine Richtung und baute sie auf zu einer telekinetischen Wand. Der Truck war keinen halben Meter mehr entfern.
Mit unglaublichem Lärm prallte er gegen das Hindernis, während Sally schreiend die Füße in den Boden stemmte. Sie spürte eine unglaubliche Energie gegen sie drücken, doch der Rausch des Kampfes hatte ihren Geist geschärft und ihre körperlichen Kräfte verzehnfacht. Und das schloss die Gaben des Entitus mit ein.
Abrupt kam der Truck zum Stehen. Die Motorhaube verbog sich innerhalb eines Sekundbruchteils auf die Hälfte ihrer Ursprünglichen Größe. Schrauben, Zahnräder und Öl flogen umher und das Heck des Wagens wurde von der immensen Geschwindigkeit nach oben geschleudert. Wie ein federleichtes Spielzeugauto überschlug sich der schwere Militärtruck, flog über Sally, die sich panisch geduckt hatte, hinweg und krachte einen Moment später wieder auf den schwarzen Asphalt. Ein ohrenbetäubendes Kreischen schoss die Straße entlang, als er auf dem Dach ein paar Meter weit schlitterte und schließlich rauchend liegenblieb.
Sally hatte dem Fahrzeug kurz nachgesehen, doch beinahe sofort war ihr schwarz vor Augen geworden und sie war auf die Knie gefallen, die Hänge gegen den Boden gestemmt. Den Wagen aufzuhalten hatte sie alle Kraft gekostet und für einen Moment fürchtete sie bereits, die Anstrengung nicht zu überleben.
Graduell kamen dann ihre Sinne wieder zurück. Zuerst der Tastsinn. Dann roch sie Benzin und Metall. Schließlich tauchte wieder ein Bild vor ihren Augen auf und sie könnte etwas Dumpfes in ihren Ohren hämmern hören.
Sally versuchte den Kopf zu heben. Ihr Genickt brannte, als würde es ihn Flammen stehen und nur mit größter Mühe schaffte sie es, die Herrschaft über ihren Körper wiederzuerlangen. Etwas Warmes hatte sich auf ihr Gesicht gelegt und als sie die Finger hob, spürte sie, dass sie schweres Nasenbluten hatte.
„Sa…l…"
Sie hörte etwas.
„…lly"
Langsam drehte sie den Kopf.
Irgendjemand schien etwas zu rufen.
„Sally! Sally, verdammte Scheiße, Sally, was war denn das für eine Aktion? Bist du wahnsinnig? Was hast du dir nur dabei gedacht? Sally?"
Sie erkannte die Silhouette eines Mannes, der auf sie zu gerannt kam und vor ihr in die Knie ging. Kräftig packte er sie an den Armen und versucht sie zu stützen, während sie zitternd auf die Beine kam. Das musste David sein.
„Fuck", murmelte Sally: „Mir… Mir ist kotzübel."
„Hier" knurrte David und zog ein Taschentuch aus seiner Hosentasche. Vorsichtig hob er es zu ihrem Mund und versucht sie von ihrem eigenen Blut zu säubern. Dann nahm er ihr Hand, legte sie um den Stofffetzen, sodass sie ihn selbst halten konnte und ließ sie anschließend wieder zu Boden gleiten.
„Bleib hier", brummte David: „Ich… Ich schau nach, ob wir in Sicherheit sind."
Sally antwortete nicht. Stattdessen stöhnte sie unter Qualen und presste die rechte Hand gegen ihren Kopf.
„Sally, hörst du mich?"
„Ja, verdammt. Mir… Mir brummt nur der Schädel. Kümmere dich um den White Mask da drüben. Ich glaube, der lebt noch."
David schaute über die Schulter in die Richtung, in die Sally unbeholfen gezeigt hatte. Dort, nahe der Stelle, an der zuvor der Truck gehalten hatte, lag einer der Terroristen auf dem Boden. Wenn Sally nichts anderes gesagt hätte, hätte David ihn wohl für tot gehalten, doch nun, da er genauer hinschaute, erkannte er, dass sich kein Blut um den Körper sammelte. Einen kurzen Fluch schnarrend, entsicherte David seine Pistole.
Neben dem Terroristen lag die Janusmaschine auf dem Boden. Der plötzliche Start des schwarzen Einsatzwagens, mit dem sie immer noch über Kabel verbunden gewesen war, hatte sie umgerissen und eine tiefe Delle in die Metallkugel gerissen. David bezweifelte, dass sie jetzt noch funktionierte.
Vorsichtig ging er hinüber zu dem bewusstlosen White Mask, die Pistole am Anschlag und den Blick aufmerksam auf den leblosen Körper gerichtet. Die Brust des Terroristen hob und senkte sich unter leichten Atemzügen. Sally hatte recht gehabt. Er war noch am Leben, doch er war definitiv außer Gefecht gesetzt.
„Also gut, du Scheißkerl", knurrte David und hob einen der losen Kabel vom Boden auf: „Komm her"
Grob riss er den Terroristen herum und brachte ihn in eine unbequeme Bauchlage. Anschließend drehte er die Arme des Mannes auf seinen Rücken und wickelte eilig das Kabel um die Handgelenke.
Er zog es so fest an, wie er konnte. Schließlich wollte er sichergehen, dass sich der Bastard nicht unbemerkt befreien konnte. Zu guter Letzt drehte er ihn wieder auf den Rücken, packte ihn am rechten Schulterriemen seiner kugelsicheren Weste und zog ihn keuchend hinüber in Sallys Richtung, wo er den Mann halb aufrecht an eine Hauswand gelehnt platzierte.
Sally hatte derweil erneut versucht auf die Beine zu kommen. Ohne Erfolg, wie David feststellen musste. Immerhin lag sie nicht mehr auf dem Boden, sondern kniete in gebeugter Haltung, eine Hand um den Oberkörper geschlungen, mit der anderen verzweifelt den Blutstrom aus ihrer Nase zurückhaltend. Langsam sah sie auf und beobachtete David und seinen Gefangenen.
„Er lebt noch", bestätigte der Engländer: „Aber ich glaube, du hast ihm ein paar Rippen gebrochen. Hoffentlich tuts ordentlich weh."
Sally antwortete nichts.
„Bist du okay?", fragte David nun und drehte sich wieder zu ihr um. Die Krankenschwester nickte stumm und schaute dann kurz auf das Taschentuch. Von dem einstigen reinen Weiß war nicht mehr viel zu sehen. Ein tiefes Rot hatte sich über den Stoff gelegt.
„Fuck, Sally", brummte David nun und konnte ein erleichtertes Lachen nicht unterdrücken: „Das war vielleicht das Verrückteste, Gefährlichste und Abgefahrenste, was ich jemals gesehen habe. Nein, nicht nur vielleicht. Definitiv. Ich wusste gar nicht, dass du so… so stark bist."
„Ich auch nicht", antwortete Sally murmelnd.
„Zum Glück musste Meg das nicht mitansehen."
„Warum?"
„Sie würde dir den Hals umdrehen", sagte David und warf Sally einen ernsten Blick zu. Die Krankenschwester wusste sofort, was David meinte. Meg schätzte sie wirklich sehr, das wusste Sally und sie war eine der wenigen, die sie in dieser Welt hatte.
Ihr Blick glitt hinüber zu dem Wrack des Einsatzwagens. Glühende Funken spritzen von einem elektrischen Bauteil hinunter auf die Straße, die vordere Achse war komplett verbogen und der Motor lag einen Meter neben der Windschutzscheibe.
„Ich seh mir das mal an", murmelte David, als er ihrem Blick gefolgt war: „Bleib sitzen und pass auf, dass er nicht aufwacht."
David zeigte mit dem Daumen über die Schulter auf den gefangenen White Mask, der jedoch keine Lebenszeichen von sich gab. Selbst in ihrem gegenwärtigen Zustand würde es Sally wohl leichtfallen, ihn zu bewachen.
Dennoch schaute sie sich kurz um und suchte nach ihrer Pistole. Sie lag etwa drei Meter entfernt und unter erneutem Einsatz ihrer telekinetischen Kräfte, der ihr ein pochendes Stechen durch den Schädel jagte, bewegte sie die Waffe auf sich zu und zurück in ihre Hand.
David hatte sich derweil auf den Weg zum schwarzen Truck gemacht. Beide Hände um seine eigene Pistole gelegt, ging er langsam auf die Überreste des Fahrzeugs zu und versuchte etwas im Dunkel des Laderaums zu erkennen.
Bevor er diesen jedoch weiter untersuchte, ging er an dem Fahrzeug entlang und lugte in die Fahrerkabine. Sofort bereute er den Blick und wandte sich mit verzerrtem Gesicht wieder ab. Man konnte ihn zwar kaum noch erkennen, doch eines war sicher: Der Fahrer würde ihnen keine Probleme mehr bereiten.
Kopfschüttelnd und vor Abscheu schaudernd ging David wieder nach hinten ans Heck des Wagens. Mit dem rechten Fuß stieß er eine der vollkommen verbogenen Türen zur Seite und bückte sich ins Innere des Trucks.
Es war Dunkel. Das hereinfallende Licht der Straßenlaternen reichte kaum aus und David konnte kaum die Konturen der Gerätschaften erkennen, die sich in dem Wagen befunden hatten und nun wild durcheinandergeworfen worden waren. Eine Taschenlampe wäre jetzt wohl nützlich gewesenen.
Vorsichtig darauf bedacht, sich nicht den Kopf zu stoßen kroch David weiter hinein und als sich seine Augen langsam an die Finsternis gewöhnten, enthüllten sich ihm immer weitere Details.
Der Wagen war wohl als so etwas wie eine mobile Werkstatt verwendet worden. Überall lag Werkzeug, Schrauben und Metallteile. Natürlich war alles im vollkommenen Chaos, doch die Mitte der Szene wurde von einem beeindruckend großen Gegenstand dominiert. Zahllose Kabel hingen von der Vorrichtung und erst nach einer Weile erkannte David, dass es sich um einen eisernen Stuhl handelte. Er musste irgendetwas mit der Janusmaschine zu tun haben.
Aber warum fuhren die White Masks mit einer Janusmaschine durch Paris, wenn sie doch keine Möglichkeit hatten, sie sinnvoll einzusetzen? Sie hatten keinen Schlüssel. Claudette war zurzeit inmitten eines Spiels gefangen und die restlichen Überlebenden befanden sich sicher in der Obhut Team Rainbows. Andererseits war es ihnen ja bereits gelungen, den Nebel an anderen Stellen freizusetzen.
Plötzlich schoss ihm ein Gedanken durch den Kopf. Der eiserne Stuhl hing am ehemaligen Boden des Wagens, der sich nun direkt über Davids Kopf befand. Mit sechs großen Schrauben war er befestigt worden und daher wohl das einzige, was während des Unfalls an Ort und Stelle geblieben war. Außerdem zeigte die Sitzfläche in Fahrtrichtung, David konnte also nicht erkennen, ob sich noch jemand in dem Stuhl befand.
Mit einem flauen Gefühl im Magen kroch er weiter. Vorsichtig schob er einige Kabel zur Seite, sorgsam darauf bedacht, sie nicht direkt mit seiner Haut in Berührung kommen zu lassen. Immerhin wusste er nicht, ob sie noch unter Strom standen. Sein Blick glitt nun immer weiter über den eisernen Sessel und schon bald konnte er eine leblose Hand auf der Armlehne sehen. Es war wirklich jemand in die Janusmaschine geschnallt.
Einem plötzlichen Adrenalinschub erlegen, hastete David nach vorne und kroch hinüber auf die andere Seite des Stuhls, sodass er die Person direkt vor sich hatte. Einen kurzen Blick später hatte sich seine schlimmste Vermutung bestätigt.
Vor ihm hing die Leiche eines Mannes, mit silbergrauen Haaren, einem eleganten Bärtchen und einer weit offenstehenden Kopfwunde. Blut tropfte auf den Boden und sammelte sich plätschernd in einer dunklen Lacke. Der Mund des Mannes war weit geöffnet, wie in einem Schrei. Seine leeren Augen starrten weit aufgerissen in kaltes Nichts.
Ace Visconti war tot.
Max schüttelte den Kopf und versuchte das schaurige Gefühl loszuwerden, das ihn beschlichen hatte, als er in den Nebel getreten war. Für einen kurzen Moment war ihm etwas schwindlig. Dann hob er den Kopf, schaute sich um und das Gefühl verschwand so schnell wie es gekommen war.
Er befand sich in einer dunklen Straße. Dicke Nebelschwaden zogen über den Asphalt und das Licht der Straßenlaternen drang nur gedämpft in die Umgebung vor, als müsste es sich vorher durch einen Schleier kämpfen. Jeder seiner Schritte hallte unnatürlich laut von den Hauswänden wieder und bildete einen merkwürdigen Kontrast zur beunruhigen Stille.
Max drehte sich kurz um. Hinter ihm befand sich immer noch die Nebelwand und verschwommen konnte er die Polizeiautos, die Beamten der GIGN und die Mitglieder Team Rainbows erkennen. Es war, als würde er durch eine senkrechte Wasseroberfläche schauen.
Mit einem entschlossenen Grunzen wandte er sich wieder nach vorne. Max hatte einen Auftrag. Er musste das Brunnending finden, von dem die Soldatin mit den Schlitzaugen gesprochen hatte. Dann musste er das Brunnending zerstören. Wenn er das getan hatte, würde der Nebel verschwinden. Es war eigentlich ganz einfach.
Knurrend erinnerte er sich daran, dass sich außerdem Feinde im Nebel befinden konnten. Er war vermutlich nicht allein und sollte sich darauf gefasst machen, jemanden anzutreffen, der ihm nicht freundlich gesinnt war. Den Griff um seinen schweren Hammer festigend, humpelte er davon und die Straße entlang.
Max hatte kein wirkliches Ziel. Schließlich wusste er nicht, wo sich das Brunnending befand, doch er war sich sicher, dass es in einiger Entfernung von der Grenze des Nebels stehen musste. Daher rannte er einfach von der Nebelwand weg und so tief in die Finsternis wie er konnte. Wenn er auf der anderen Seite ankommen würde, ohne das Brunnending zu finden, würde er einfach umkehren und weitersuchen. So lautete sein Plan.
Wachsam spähte er in eine dunkle Seitengasse. Etwas bewegte sich in den Schatten und Max machte abrupt halt. Er konnte etwas über den Boden patschen hören. Es klang ein wenig wie Anna, wenn sie barfuß über eine glatte Fläche lief. Doch Anna war nicht hier. Leider.
Knurrend griff er nach seiner Kettensäge und mit einem Ruck an der Startleine erweckte er sie zu kreischendem Leben. Langsam setzte sich die Kette in Bewegung und kratzte beunruhigend laut an der Schiene entlang. Manch einer hätte wohl vermutet, dass das Werkzeug dringend repariert werden musste, doch Max wusste es besser.
Vielleicht war er in vielen Dingen nicht so bewandert wie Sally oder Meg, doch wenn es um seine Kettensäge ging, war er der absolute Experte. Das Geräusch war beabsichtigt. Es schüchterte potentielle Gegner ein und erfüllte ihn mit nahezu übernatürlichen Kräften.
Langsam setzte Max einen Fuß vor den andern und rückte bedrohlich in die dunkle Gasse vor. Sein Blick war auf den Schatten gerichtet, der sich langsam an der linken Wand entlangschob und plötzlich ruckartig kleiner wurde. Wer auch immer sich dort versteckte, er musste wohl zu Boden gefallen sein. Und nun hörte er über den Lärm seiner Kettensäge ein leises Wimmern.
Max hielt inne. Mit schiefgelegen Kopf ließ er seine Waffe sinken. Knatternd erstarb der Motor und übrig blieb nur das ängstliche Schluchzen eines jungen Mädchens, das sich blind und orientierungslos vor einer unbekannten Bedrohung zu verstecken suchte.
Langsam ging Max in die Knie. Er hatte soeben jemanden gefunden, der seine Hilfe benötigte. Glaubte er zumindest. Das war es doch, weshalb er hier war, oder nicht? Also sollte er das Mädchen hier herausbringen.
Max schaute über die Schulter. Eigentlich hatten die Soldaten ihn angewiesen das Brunnending kaputt zu machen, doch er konnte dieses wehrlose Mädchen nicht einfach hier zurücklassen. Soweit er verstanden hatte, tat ihr der Nebel weh.
Der Hinterwäldler grunzte kurz und streckt eine Hand nach dem Mädchen aus. Als er sie berührte schreckte sie mit einem spitzen Schrei zurück und tastete sich panisch an der Wand entlang. Tränen rannen über ihr Gesicht. Kalt und einsam tropften sie auf den Steinboden.
Erneut versuchte Max das Mädchen zu berühren. Dieses Mal noch behutsamer und sanfter. Sie sollte verstehen, dass er ihr nichts Böses wollte. Hätte sie ihn sehen können, wäre sein Vorhaben wohl zum Scheitern verurteilt gewesen, doch glücklicherweise suchten ihre Augen hoffnungslos nach dem sanften Riesen, der sich dort im Nebel verbarg.
Langsam schien sie ihm zu vertrauen und als er schließlich mit dem Zeigefinger die Tränen von ihrer Wange wischte, langte sie endlich hilfesuchend nach seiner Hand. Sie wollte, dass er sie hier rausbrachte.
Entschlossen hängte Max den schweren Hammer an seinen Gürtel, sodass er den rechten Arm frei hatte. Diesen schlang er nun kräftig um das Mädchen und hob es mühelos auf die Schulter, bevor er sich auf den Weg zurück in die reale Welt begab.
Er war nur wenige Meter in den Nebel vorgedrungen. Es würde ihn also kaum Zeit kosten, das Mädchen in Sicherheit zu bringen und sich anschließend wieder auf die Suche nach dem Brunnending zu begeben.
Im nächsten Augenblick brach Max bereits durch die Nebelwand und jagte den umstehenden Soldaten und Polizisten einen kleinen Schock ein. Sie erkannten jedoch sofort um wen es sich handelte und auch, dass er nicht allein zurückgekehrt war. Schleunigst eilte eine Handvoll Beamter herbei, während Max das Mädchen behutsam auf den Boden legte.
Nun, da sie aus dem Nebel gerettet worden war, schien sie langsam wieder ihre Sinne zurückzuerlangen. Ängstlich schaute sie sich um und versuchte zitternd auf die Beine zu kommen. Schließlich fiel ihr Blick auf Rook, der sich neben ihr hingekniet hatte und behutsam auf Französisch zuredete. Max hingegen wollte gerade wieder in den Nebel zurückgehen, als Ying zu ihm hintrat und sagte: „Gute Arbeit, Max. Aber bitte erinnere dich, dein Ziel ist die Janusmaschine."
Max wies mit seinem Hammer in Richtung des Mädchens und grunzte: „Sie allein, sie Hilfe gebraucht."
„Du hast ja recht", antwortete Ying: „Aber wenn du den Brunnen deaktivierst, verschwindet der Nebel von selbst. Das geht viel schneller. Hoffe ich."
Er nickte.
„Hast du schon etwas entdeckt, was auf die Beschreibung passen würde?", fragte Ying nun: „Eine Metallkugel mit drei Beinen, weiß du noch?"
Enttäuscht schüttelte Max den Kopf. Die Arme vor der Brust verschränkend sagte Ying: „Macht nichts. Aber beeil dich lieber. Je eher der Nebel weg ist, umso besser."
Max nickte und wandte sich erneut dem Nebel zu, doch wieder hielt die asiatische Soldatin ihn zurück, indem sie eine Hand auf seine Schulter legte. Dann schaute sie hinüber zu dem geretteten Mädchen, das gerade dabei war, von zwei Polizisten davongeleitet zu werden und rief: „Hey, Rook, frag sie noch schnell, ob sie etwas gesehen hat. Etwas, das auf die Beschreibung der Janusmaschine passen würde."
Rook nickte und eilig lief er der Zivilistin hinterher. Sie tauschten ein paar schnelle Sätze aus. Glücklicherweise schien sie das Ereignis sehr schnell verkraftet zu haben, denn sie war wunderbar im Stande brauchbare Antworten zu geben und so dauerte es tatsächlich nicht lange, bis der GIGN Operator zu Ying zurückkehrte und berichtete: „Wir haben Glück, Mademoiselle Ying, sie hat wirklich etwas gesehen. In einer Seitenstraße, direkt neben einem Kleidergeschäft hat ein schwarzer Truck angehalten und zwei Männer haben etwas auf der Straße aufgebaut. Sie hat gesagt, wir sollen einfach dieser Straße folgen und an einem kleinen Kreisverkehr links abbiegen."
„Hervorragend", murmelte Ying und schaute zu Max: „Hast du gehört?"
Der Hinterwäldler nickte beflissen.
„Dann los. Hol dir das Gerät und mach schnell."
Max verschwendete keine Sekunde und wie ein Schießhund tauchte er zurück in die Nebelwand. Wieder wurde ihm kurz schwindlig, doch das Gefühl hielt kaum einen Wimpernschlag lang an. Sofort hatte er seine Sinne wieder unter Kontrolle und humpelte eiligen Schrittes die Straße nach unten. Rook hatte von einem Kreisverkehr gesprochen, dachte Max. Was war ein Kreisverkehr? Wahrscheinlich etwas Rundes. Hätte er vielleicht nachfragen sollen?
Ein Kleidergeschäft. Davon hatte das Mädchen offenbar auch berichtet. Er musste also nur nach einem Ort Ausschau halten, an dem es viele Kleider gab. So ein Ort würde nicht allzu schwer zu finden sein. Hoffentlich war er das nicht. Ying hatte ihn zur Eile angetrieben und abgesehen davon wollte Max keine Sekunde länger als nötig im Nebel verbringen. Erinnerungen an vergangene Schrecken keimten in ihm auf.
Die linke Hand fest um den Griff seiner Kettensäge gekrallt, stolperte Max um eine Ecke und beinahe sofort fiel sein Blick auf die große, kreisrunde Struktur im Zentrum einer weitläufigen Kreuzung. Ein alter Baum mit tief herabhängenden Ästen stand inmitten eines Blumenbeets, das von einer niedrigen Hecke und weiter außen von einer Straße umrundet wurde. Die gesamte Anlage bildete einen perfekten Kreis.
„Kreisverkehr", murmelte Max und blieb stehen. Kurz ließ er die Augen über den Ort gleiten, suchte nach Details und Einzelheiten, nach Spuren von Feinden und Anzeichen des Brunnendings. Er konnte nichts entdecken. Also setzte er sich wieder in Bewegung und humpelte eilig über die leere Straße auf den großen Baum zu. Sein Blick schoss nun hinüber zu den Häusern.
Rook hatte gesagt, das Brunnending befände sich in einer Seitengasse neben einem Kleidergeschäft und genau nach einem solchen Laden suchte er nun. Wenn er sich denn am richtigen Ort befand, woran er kaum zweifelte, so konnte das Geschäft nicht weit sein. Tatsächlich entdeckte er bereits einen Moment später ein breites Schaufenster, gefüllt mit einer Reihe an schick angezogenen Puppen in verschiedensten Posen. Gleich daneben war die Seitenstraße.
Max grunzte zufrieden. Er würde seine Aufgabe in Windeseile erledigt haben. Egal wie robust das Brunnending gebaut war, seine Kettensäge würde kurzen Prozess damit machen und der Nebel würde verschwinden. Er brauchte nur hinüberzulaufen, auf die andere Seite der Straße und das Teil zu zerstören. Es war kinderleicht.
Siegessicher lief Max los, doch er war kaum einen Meter weit gekommen, als plötzlich ein schauriges Heulen durch den Nebel hallte. Sofort blieb er wieder stehen und schaute sich um. Das Echo des Geräusches war noch nicht ganz verschwunden, als es erneut ertönte und dieses Mal konnte Max sogar die Richtung ausmachen. Es kam von links.
Dort in der Finsternis entdeckt er einen Schatten. Etwas Großes, massiges kam über die Straße auf ihn zugelaufen. Es schien menschlich zu sein, doch normale Menschen waren viel kleiner und nicht so schnell. Max wusste das. Schließlich hatte war er früher selbst immer wieder dem schnellsten normalen Menschen, den er kannte, hinterhergejagt. Und Meg hatte ihn niemals durch pure Geschwindigkeit allein abschütteln können. Es konnte sich also nur um eines handeln: einen weiteren Killer des Entitus.
Max stieß ein aggressives Brüllen aus, als die Kreatur unter einer Straßenlaterne durchmarschierte und das fahle Licht ihren Körper enthüllte. Es war ein Mann. Dick, mit fleischigen Armen und bekleidet mit einer gelben Schürze. Diese hatte er mit einer schwarzen Krawatte und einer hässlichen Ledermaske kombiniert, die aussah, als wäre sie ein abgetrenntes, menschliches Gesicht. In den Händen trug der Mann eine gelbe Kettensäge und als Max den ersten Ton von sich gegeben hatte, hatte er sie heulend angeworfen und hoch über den Kopf erhoben.
Erschrocken schaute Max hinüber auf die Seitenstraße. Der Killer kam rasend schnell auf ihn zu und schwang dieselbe Waffe wie er selbst. Vielleicht gelang es ihm, das Brunnendings zu erreichen, bevor sich sein neuer Feind ihm in den Weg stellte. Doch Max bezweifelte es. Binnen weniger Sekunden hatte er den Entschluss gefasst, sich zuerst um den dicken Mann und dann um sein eigenes Ziel zu kümmern. Knurrend aktivierte er seine eigene Kettensäge.
Nervös schaute Ying auf ihre Armbanduhr. Dann rückte sie ihren Waffengut zurecht. Er saß nicht so, wie sie es wollte und auch die Einsatzbrille auf ihrer Nase fühlte sich irgendwie seltsam an. Sie kratzte sich am Kinn. Dann überprüfte sie die Sicherung an ihrer Waffe, bevor sie schließlich erneut auf die Uhr schaute. Es war gerade Mal eine Minute vergangen.
„Verdammt", flüsterte Ying und schaute hinüber zu zwei Polizisten, die gerade dabei waren, das Mädchen, das Max vor kurzem aus dem Nebel gebracht hatte, in einen Streifenwagen zu verladen. Natürlich war sie froh, dass die junge Frau gerettet worden war. Doch es brachte sie ihrem Ziel, den Nebel zu beseitigen keinen Schritt näher.
Glücklicherweise hatte Karlsson herausgefunden, was getan werden musste, doch konnte nur Max die nötigen Schritte unternehmen, während den übrigen Einsatzkräften nichts anderes blieb als zuzuschauen.
Ying hasste es. Das ständige Warten war in den Streitkräften jeder Nation an der Tagesordnung, doch wenn man es tun musste, während Menschenleben in Gefahr waren, schienen die Sekunden doppelt so langsam, die Minuten dreimal so träge zu verstreichen. Sie wollte loslaufen. Sie wollte in den Nebel tauchen und den Machenschaften der White Masks ein Ende setzen. Doch sie konnte nicht.
Seufzend drehte sie sich um zu ihrem Team, Rook, Jackal, Thermite und Kapkan. Allen vieren schien es ähnlich zu ergehen wie ihr. Immer wieder schauten sie nervös umher, ihre Finger spielten an ihren Waffen auf und ab und Rook trommelte sogar nervös mit dem Fuß auf den Asphalt. Jackal hatte sich neben Kapkan an ein Polizeiauto gelehnt, Thermite hingegen stand etwas abseits.
Er war einer der älteren Soldaten in Team Rainbow. Erfahren, berechnend und seinen Feinden jederzeit einen Schritt voraus, war er in jeder Lage und auf jeder Mission ein willkommener Kamerad. Seine Erfahrung mit Sprengstoff und Chemikalien hatte sich bereits in so manchen Einsätzen als nützlich erwiesen. Ying war froh, ihn in ihrem Team zu haben. Doch irgendwie schien er noch aufgeregter und zermürbter als die anderen zu sein.
Mit hochgezogenen Augenbrauen beobachtete sie ihn für einen Moment. Dann schaute sie über die Schulter in den Nebel, vergewisserte sich, dass sich nichts getan hatte und ging langsam zu ihm hinüber. In der Ferne waren Schüsse zu hören, das Gefecht um Notre Dame war in vollem Gange. Six hatte zwei weitere Teams, Orange und Gelb, auf die Seine-Insel beordert und die GIGN schickte jeden verfügbaren Mann, um die alte Kirche zu verteidigen. Hier warten zu müssen, wurde dadurch nur unerträglicher.
„Hey", sagte Ying und stellte sich neben Thermite: „Alles in Ordnung? Du siehst besorgt aus."
Thermite drehte den Kopf. Es war nicht ungewöhnlich, dass sich eine Kommandantin während eines Einsatzes nach dem Wohlbefinden ihrer Männer erkundigte. Um sie anführen zu können, musste sie wissen, wie sie sich fühlten.
Wenn jemand abgelenkt und nicht bei der Sache war, durfte sie keineswegs mit wichtigen Aufgaben betrauen. Ganze Missionen konnten dadurch zum Scheitern gebracht werden. Außerdem schätze Ying ihren Kameraden nicht nur als Thermite, sondern auch als Jordan Trace und sie wusste, dass er nicht so einfach aus der Fassung zu bringen war.
„Mir gefällt das nicht", murmelte Thermite. Er nickte hinüber in Richtung Innenstadt: „Notre Dame fällt und wir stehen hier herum."
„Ich weiß", antwortete Ying: „Aber Jäger wird sie schon zu verteidigen wissen. Außerdem ist es am Ende nur eine Kirche. Wir sind hier, um Menschenleben zu retten."
„Und wir machen einen verdammt guten Job", knurrte Thermite sarkastisch. Sein Blick wanderte hinüber auf den schwarzen Nebel: „Wie lange ist er schon drin?"
„Fünf Minuten. Gib ihm etwas Zeit."
„Was bleibt uns auch anders übrig."
Ying schaute selbst kurz hinüber zu der schwarzen Suppe, die nur wenige Meter entfernt zwischen zwei Häusern die Straße verschluckte. Der Nebel war weder vorgedrungen, noch hatte er sich zurückgezogen. Nichts war geschehen. Hoffentlich wusste Max, was er zu tun hatte. Die asiatische Operatorin richtete ihren Blick wieder auf Thermite, als diese frustriert schnaubte. Es klang ganz und gar nicht nach ihm.
„Was ist los?", fragte Ying. Sie ahnte, dass ihn noch etwas anderes umtrieb, etwas, das ihm keine Ruhe ließ. Thermite schaute sie kurz an. Dann richteten sich seine Augen wieder nach vorne und starrten in die Leere. Für eine Weile schwieg er und Ying zweifelte bereits, überhaupt noch eine Antwort zu erhalten, doch dann murmelte Thermite leise: „Das Mädchen, mit den roten Haaren. Meg Thomas. Weißt du wen ich meine?"
„Natürlich", nickte Ying: „Eine dieser Berührten. Sie ist auf der Basis, oder nicht?"
„Das ist sie."
Was ist mit ihr?"
Thermite kratzte sich kurz an seinem Stoppelbart, während er nach den richtigen Worten suchte.
„Hast du ihre Akte gesehen?", fragte er schließlich und schaute zu Ying. Diese nickte, doch sie wusste nicht, worauf er hinauswollte.
„Ich habe sie gleich gelesen, als Thatcher sie aus Rio durchgegeben hat", antwortete die Asiatin: „Wieso?"
„Ich habe etwas gewartet", murmelte Thermite: „Hab sie mir erst wirklich durchgesehen, als sie schon auf der Basis angekommen war. Kurz vor dem Briefing."
Ying antwortete nicht.
„Zuerst kam sie mir nur ein wenig bekannt vor. Die Daten schienen irgendwo in meinem Kopf eine Glocke zu läuten. Erst ihr Nachname hat mich dann auf die richtige Spur gebracht."
„Thomas?", fragte Ying: „Was ist damit?"
Thermite schaute sie kurz an. Dann lachte er gequält in sich hinein und antwortete: „Du kannst das natürlich nicht wissen. Vor Jahren, damals war ich noch ein ziemlicher Jungspund, habe ich eine Frau kennen gelernt. Vanessa Thomas. Ich war noch bei den Marines und meine Zeit mit ihr war begrenzt. Ich musste zurück in den Dienst, verstehst du?"
Ying nickte wortlos. Eine dunkle Vorahnung hatte sich in ihrem Kopf gebildet.
„Wir haben uns geliebt. Ich… Ich meine wirklich geliebt. Geheiratet haben wir nie, aber wir hatten ein Kind zusammen. Eine Tochter, soviel ich weiß. Ich habe sie niemals getroffen. Wie gesagt, ich musste zurück und Vanessa hat mir nie verziehen, dass ich gehen musste. Sie hat mir gesagt, ich solle niemals zurückkehren und dass ich mich von ihrer Tochter fernhalten solle."
Ying hörte ihm aufmerksam zu. Sie hatte niemals erwartet, eine solche Geschichte präsentiert zu bekommen.
„Ich habe sie immer noch geliebt, verstehst du? Daher habe ich ihren Wunsch respektiert. Ich habe mich von ihr ferngehalten. Sie wusste ja, wie sie mich finden konnte und ich habe stets gehofft, dass sie sich doch noch bei mir melden würde. Leider ist das nie geschehen. Nach meinem Dienst habe ich sie ziemlich bald aus den Augen verloren. Alles was ich von meiner Tochter wusste, war ihr Geburtsdatum."
Er atmete einmal tief durch.
„Du kannst dir sicher vorstellen, was für einen Schock ich bekommen haben, als ich Megs Akte gelesen habe und es endlich klick gemacht hat."
„Fuck", murmelte Ying leise und für einen Moment schauten sie beide hinunter auf den schwarzen Asphalt. Dann sah sie wieder auf und fragte: „Hast du es ihr schon gesagt? Weiß sie überhaupt von dir?"
„So wie´s aussieht hat ihr Vanessa nichts über mich erzählt", antwortete Thermite: „Sie ist vor zwei Jahren gestorben, hat Meg mir gesagt, und sie hat nie ein Wort über mich verloren."
„Das tut mir leid."
Thermite antwortete nicht. Gedankenverloren schaute er die Straße hinunter auf den schwarzen Nebel und nach einem Moment ergriff Ying wieder das Wort.
„Also hast du schon mit ihr gesprochen?"
„Ja"
„Wie hat sie reagiert?"
„Um ehrlich zu sein", murmelte Thermite: „Ich weiß es nicht. Sie schien selbst einigermaßen schockiert. Ich meine, wer wäre das nicht? Sie hat gesagt, sie bräuchte etwas Zeit."
„Natürlich braucht sie das", nickte Ying: „Verdammte Scheiße, Jordan. Ich hatte ja keine Ahnung."
„Ich hab´s auch nie jemandem erzählt."
„Weiß Six Bescheid?"
„Wer weiß das schon? Aber so wie ich Six kenne, ja."
Ying schwieg für eine Weile. Dann gab sie sich einen Ruck und sagte: „Damit das klar ist, ab jetzt hältst du dich in der zweiten Reihe."
„Was? Warum?"
„Weil ich will, dass du deine Tochter kennenlernst", sagte Ying gebieterisch: „Ich kenne dich, du bist ein guter Mensch. Das hast du verdient."
Thermite wollte gerade etwas erwidern, doch er brach ab, bevor er ein Wort hervorbringen konnte. Sein Blick schoss an Ying vorbei auf den Nebel und eilig drehte sich die Operatorin um. Die dunklen Schwaden bewegten sich. Sie waren nicht mehr so ruhig, so undurchdringlich wie zuvor. Stattdessen schien es, als würde ein Sturm durch die Straße fegen und in die Nebelfetzen fahren, sie aufrühren und umherblasen. Doch es herrschte absolute Windstille.
Wie ein Mann entsicherten alle fünf Operatoren ihre Waffen und richteten sie auf die dunkle Nebelwand. Rook und Kapkan gingen hinter einem Polizeiauto in Deckung, Jackal stellte sich an einen Baum, währen Ying und Thermite in die Knie gingen. Irgendetwas ging hier vor sich und sie wussten nicht, was es war. Fluchend schaute Ying schnell zur Seite. Die GIGN Agenten und die Beamten der Pariser Polizei hatten sich ebenfalls in Kampfstellung begeben und ihre Pistolen zielten in die Finsternis des Nebels.
Gerade als Ying ihren Blick wieder nach vorne richtete, zog sich der Nebel plötzlich ruckartig zurück. Zuerst langsam, dann plötzlich immer schneller und wilder, bis schließlich die gesamte Straße wieder vor ihnen lag, frei, friedlich und unberührt. In der Mitte entdeckte Ying eine unförmige Gestalt, die sich langsam auf die Soldaten zubewegte und erst auf den zweiten Blick erkannte sie Max.
„Nicht schießen", rief Ying und senkte ihre Waffe. Sie winkte den GIGN Leuten zu, die den Befehl sofort übernahmen. Dann wandte sich Ying nach vorne und ging Max einige Schritte entgegen. Er war blutüberströmt. In dicken Tropfen rann die rote Flüssigkeit von seinem Torso und beschmutzte die Straße unter seinen Füßen. In der linken Hand hielt er seine Kettensäge. Mit der rechten zog er etwas hinter sich her.
„Max", rief Ying und lief auf ihn zu: „Max, du hast es geschafft. Ist alles in Ordnung bei dir?"
Der Hinterwäldler schaute sie kurz an, bevor er grunzend nickte.
„Bist du dir sicher?", fragte Ying: „Du siehst… schlimm aus."
Der Killer antwortete nicht. Stattdessen riss er seine rechte Hand nach vorne und beförderte was auch immer er da hinter sich herzog, vor Yings Füße. Patschend landete es vor ihr auf der Straße.
„Max, was… Großer Gott, wer ist denn das?"
Ying kniete sich nieder und ließ den Blick über den Körper eines dicken Mannes gleiten. Sie brauchte nicht lange, um zu erkennen, dass der linke Arm fehlte.
„Max, was hast du getan?"
„Er angegriffen", knurrte Max: „Ich mich verteidigt habe."
Ying schaute schnell zwischen ihm und dem toten Körper hin und her. Erst nach einer Weile bemerkte sie, dass sich die Brust des Mannes unter langsamen Atemzügen hob und senkte. Er lebte noch.
„Verdammt", knurrte Ying: „Das ist einer dieser Killer, oder nicht?"
Sie schaute auf zu Max, der nur mit den Schultern zuckte. Aber wer sollte es denn sonst sein? Wenn er Max im Nebel angegriffen hatte, konnte er weder ein normaler White Mask, noch ein Bürger der Stadt sein. Tachanka hatte ihnen ja durchgegeben, dass sie mit Feinden im Nebel rechnen mussten.
„Gute Arbeit, Max", murmelte Ying und stand auf: „Und du bist sicher, dass du okay bist?"
„Blut nicht meins", knurrte Max und zeigte auf den bewusstlosen Killer am Boden: „Ich gewonnen"
„Das sehe ich", antwortete Ying und drehte sich zu Thermite um, der ihr gefolgt war.
„Was zur Hölle…", murmelte der Soldat und richtete seinen Blick zuerst auf den am Boden liegenden Killer, bevor Ying seine Aufmerksamkeit auf sich zog.
„Ich habe einen Auftrag für dich", sagte sie: „Bring diesen… diesen Mann zurück in die Basis."
„Was? Aber…"
„Das ist ein Befehl"
Wieder wurde Thermite unterbrochen, bevor er überhaupt zu sprechen begonnen hatte, als ein dumpfer Knall, gefolgt von einem rauschenden Krachen durch die Nacht hallte. Es kam direkt von der Seine herauf und die gesamte Mannschaft drehte gleichzeitig ihre Köpfe.
„Oh nein", murmelte Ying.
„Claudette?", fragte Jade.
„Hm?"
„Wo… Wo sind wir?"
„Ich weiß es nicht", sagte Claudette und schaute über die Schulter zu Jade, die ihr ängstlich durch den dunklen Gang folgte. Sie versuchte sich an einem ermutigenden Lächeln. Das Letzte was Claudette wollte, war, dass Jade die Fassung verlor und in Panik ausbrach. Ihre Aussichten waren zugegebenermaßen eher finster, doch es brachte nichts, den Kopf zu verlieren. Ein Gespräch würde ihr vielleicht etwas Halt geben.
„Weißt du, wie du hierhergekommen bist?", fragte Claudette. Jade versuchte kurz sich zu erinnern, schüttelte dann jedoch den Kopf.
„Nein. Ich weiß nur noch, dass mich irgendjemand auf der Straße gepackt hat. Von hinten. Sie… Ich glaube, sie haben mich betäubt."
„Das haben sie mit Sicherheit", murmelte Claudette: „Mir und Chloe ist es genau gleich ergangen. Allerdings haben sie uns aus unserer Wohnung geholt und nicht von der Straße. Paris war dafür vielleicht doch etwas zu belebt."
„Wir sind in Paris?", entgegnete Jade überrascht.
„Vielleicht. Jedenfalls ist das das Letzte, an was ich mich erinnern kann. Dann bin ich hier aufgewacht. Genau wie du."
Wieder schaute Claudette über die Schulter und erkannte, dass Jade am ganzen Körper zitterte. Es war nicht besonders kalt, doch ihr Zittern rührte auch kaum von der Temperatur her.
„Was… Was wollen die von uns?"
„Ich habe keine Ahnung", antwortete Claudette: „Ich und Chloe haben bereits jeder so eine Tortur wie deine hinter uns. Diese… diese Puppe will, dass wir ihre Spielchen spielen, dann lässt sie uns frei. Hat sie zumindest gesagt."
„Wie viele sind das?"
„Ich weiß es nicht. Aber hoffentlich nicht mehr viele. Ich weiß nicht, wie lange ich noch durchhalten kann."
Claudette stützte sich hilfesuchend an einer Wand ab. Blut tropfte durch den Verband an ihren Unterarmen und rann am harten Beton nach unten. Jades Gesichtsausdruck hatte sich bei ihren Worten immer weiter verdüstert und klare Angst hatte sich in ihre Miene geschlichen. Genau das Gegenteil, was Claudette beabsichtigt hatte.
„Und gehen wir jetzt einfach weiter?", fragte Jade unsicher. Claudette nickte: „Uns bleibt nichts anderes übrig."
Sie waren mittlerweile wieder an eine jener Stellen angelangt, an der sich ihr Korridor mit dem von Chloe kreuzte. Nach wie vor trennte sie ein Maschendrahtzaun, doch immerhin konnten sie sich ab und zu sehen und sich vergewissern, dass es ihnen allen gut ging. Oder zumindest den Umständen entsprechend.
„Aber wäre… wäre es nicht schlauer einfach zu warten?", fragte Jade nun und blieb stehen. Chloe und Claudette drehten sich beide zu ihr um. Sie zitterte am ganzen Körper und es war offensichtlich, dass sie langsam die Fassung verlor. „Vielleicht… Vielleicht sollten wir einfach hierbleiben, bis… bis uns jemand findet und… und…"
„Es tut mir leid", sagte Claudette und trat zu Jade hin. Beruhigend nahm sie das Mädchen in den Arm: „aber ich glaube nicht, dass wir so leicht zu finden sind."
Claudette spürte wie Jades Herz immer schneller schlug und sich ihre Glieder langsam der steigenden Panik hingaben. Ihr Atem beschleunigte sich und ihre Stimme begann zu brechen. Sie hielt dem unfassbaren Druck nicht stand.
„Ich will hier raus", schluchzte Jade. Claudette nahm sie nur noch fester in den Arm und flüsterte: „Das will ich auch. Und ich verspreche dir, wir werden hier rauskommen. Wir alle. Wir müssen nur weitergehen und tun, was wir tun müssen. Dann kommen wir hier raus. Versprochen."
Ihre braunen Augen schauten tief in Jades Grüne und Philips Nichte nickte langsam. Sie hatte verstanden, dass sie keine andere Wahl hatten und sie würde ihr Bestes geben.
„Komm", sagte Claudette und griff nach ihrer Hand: „Gehen wir."
Weiter ging es durch den dunklen Gang. Die meiste Zeit getrennt von Chloe, hin und wieder zusammen mit ihr hinter dem Zaun, irrten sie durch die Finsternis und folgten dem einzigen Pfad, der sich ihnen bot. Jederzeit wurden sie auf Schritt und Tritt überwacht. Kameras in den Ecken und an der Decke zeichneten jede ihrer Bewegungen auf.
Immer wieder schaute Claudette hinauf zu den Geräten und am liebsten hätte sie sie allesamt heruntergerissen. Doch dazu fehlte ihr ganz einfach die Kraft. Außerdem hätte es ohnehin nichts genutzt. Ihre Kidnapper würden die Kameras einfach ersetzen oder ignorieren und Claudette hätte umsonst ihre Energie vergeudet. Es war wohl das Beste, einfach weiterzugehen.
Gerade als sie sich fragte, wie viel Zeit bereits seit ihrer letzten Station vergangen war, gelangten sie und Jade an eine Tür. Beinahe zur selben Zeit tauchte Chloe neben ihnen auf, immer noch hinter der Absperrung doch vor einer ähnlichen Tür. Station Nr. 4 stand in roten Lettern auf dem Metall.
Claudette und Jade wechselten einen Blick. Die Kanadierin konnte spüren, wie Jades Hand in ihrer zu zittern begann, doch sie gab sich alle Mühe tapfer zu sein. Sie hatte Angst, doch ohne Angst gab es keinen Mut. Und mutig war sie allemal.
Claudette schaute kurz zu Chloe, die bereits ihre Hand auf die Türklinke gelegt hatte. Das blauhaarige Mädchen nickte bestätigend. Dann drückte sie die Tür nach innen auf und bahnte sich einen Weg in einen dunklen Raum. Claudette tat es ihr gleich und mit einem scherzhaften Quietschen schwang auch ihre Tür auf. Ihre Augen wanderten durch den dunklen Spalt, doch sie konnten nichts entdecken. Der Raum war viel zu dunkel.
Zögerlich machte Claudette einen Schritt nach vorne und trat in die Finsternis. Sie hielt eine Hand vorsichtig nach vorne gestreckt, um ungewollte Zusammenstöße zu vermeiden, während sie mit ihren Augen verzweifelt nach Konturen, Silhouetten oder anderen Details suchte.
„Chloe?", rief sie: „Bist du da?"
„Ja", kam die Antwort: „So eine Scheiße!"
„Siehst du was?"
„Außer Dunkelheit?"
Claudette hörte, wie Jade zögerlich hinter ihr ebenfalls in die dunkle Kammer trat. Sie stolperte kurz und hielt sich am Türrahmen fest, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Einen Augenblick später zuckte plötzlich ein Blitz durch die Halle. Knisternd sprangen mehrere Neonröhren an der Decke des Raumes an und füllten ihn mit grellem Licht. Ein leises Surren war zu hören und Claudette hob reflexartig die Hand vor die Augen.
Sie schaute sich kurz um und blickte hinüber zu Chloe, die wie im Raum zuvor hinter einem Zaun stand und nicht zu ihr herüberkonnte. Die drei Mädchen befanden sich in einer Kammer, mit Wänden aus kaltem Beton. Fensterlos und unmöbliert lag er da und Claudette konnte nichts entdecken, außer einem alten Fernsehgerät auf Chloes Seite.
„Hey", sagte Chloe und nickte dann an Claudette vorbei. Die Kanadierin drehte sich sofort um und Jade stieß einen leisen Schrei aus, als ihre Blicke auf ein kleines Mädchen fielen, das mit einer schweren Eisenkette an die Wand hinter ihnen gefesselt worden war. Weitaus verstörender war jedoch die seltsame Vorrichtung auf ihrem Kopf.
Sie sah aus wie eine Art Helm aus rostigem Stahl. Zahnräder befanden sich zu beiden Seiten des Apparates, dunkle Schläuche und Leitungen zogen sich am Kopf des Mädchens entlang und zwei dicke Metallbügel verdeckten die untere Hälfte ihres Gesichts. Nur noch ihre panisch geweiteten Augen waren zu sehen.
„Fuck", murmelte Claudette und rannte sofort hinüber zu dem jungen Mädchen. Eilig ließ sie sich neben ihr auf die Knie fallen und versuchte dabei möglichst nicht ins Wanken zu kommen, da sie ansonsten ihre Arme hätte verwenden müssen, um sich an der Wand abzustützen.
„Jade", murmelte Claudette: „Hilf mir mal."
Sofort erschien Jade an ihrer Seite und gemeinsam versuchten sie zuerst die Kette vom Knöcheln des Mädchens zu lösen, bis sie schließlich aufgaben und sich der Vorrichtung auf ihrem Kopf zuwandten.
„Was zur Hölle ist das?", murmelte Chloe, die von der anderen Seite des Zaunes nur zusehen konnte. Die Verbände um ihre Arme waren ebenfalls rot von Blut, doch sie schien ihre Verletzungen weit besser verkraftet zu haben als Claudette. Diese versuchte nun dem Mädchen gut zuzureden.
„Wir holen dich hier raus, in Ordnung? Ganz ruhig. Nur eine Sekunde."
Sie schaute zu Jade, die gerade dabei war, den unheimlichen Helm nach einem Verschluss zu untersuchen.
„Etwas gefunden?"
„Ich…", stammelte Jade: „Nein, ich… da ist nichts… verdammt…"
„Ganz ruhig" sagte Claudette: „Wir schaffen das schon."
Sie wandte sich wieder dem Mädchen zu, das in panischer Angst leise wimmerte. Tränen rannen über ihre Wangen. Claudette schätzte sie auf gerade Mal zehn Jahre alt.
„Wie heißt du?"
Vielleicht konnte sie sie etwas ruhig halten, bis Jade ihr den Helm abgenommen hatte. Claudette bekam jedoch keine Antwort. Stattdessen fing plötzlich der Fernseher auf Chloes Seite zu rauschen an und einen Moment später erschien die hässliche Fratze der unheimlichen Puppe.
„Guten Morgen, Claudette", sagte sie, bevor sie ihren Blick auf die anderen beiden Mädchen richtete: „Jade, Chloe. Ich möchte ein Spiel spielen."
„Fick dich", rief Chloe, ging hinüber und trat mit aller Kraft gegen das Fernsehgerät. Ein Sprung zog sich über die Scheibe und das Bild flackerte für einen Moment, doch die Übertragung blieb ununterbrochen. Die Puppe antwortete nur mit einem kurzen Lachen, bevor sie sagte: „Netter Versuch, aber um euretwillen rate ich dir, von weiterem Vandalismus abzusehen."
Chloe sah aus, als könnte sie durch schiere Wut die Mauern um sie herum einreißen. Leider war dem nicht so und es blieb ihnen nichts anderes übrig, als ihrem Spielemeister zuzuhören.
„Du hast nach ihrem Namen gefragte Claudette, doch leider wird sie dir nicht antworten können. Die Vorrichtung auf ihrem Kopf wirkt sich ziemlich beeinträchtigend auf ihre Sprachfertigkeiten aus, doch glücklicherweise kann ich einspringen.
Das Mädchen vor euch hört auf den bezaubernden Namen Marie und soviel ich weiß ist sie noch keinem von euch begegnet. Allerdings habt ihr gemeinsame Bekannte. Hätte Anna sie nicht damals in diesem Wald gefunden, wäre sie jetzt wohl nicht hier."
„Anna?", murmelte Claudette und schaute kurz auf das kleine Mädchen. Dann richtete sie den Blick wieder auf den Fernseher.
„Ihr seid nun an Station Nr. 4 angekommen", sagte die Puppe: „und ich muss zugeben, bisher habt ihr euch wunderbar geschlagen. Hoffen wir, dass es bei euerer Siegessträne bleibt und kommen wir zur nächsten Aufgabe."
Die Puppe legte eine kurze Kunstpause ein, in der Jade nervös zwischen ihr, Chloe und Claudette hin und herschaute. Sie hatte dem jungen Mädchen eine Hand auf die Schulter gelegt, doch sie konnte selbst kaum die Ruhe bewahren.
„Die Vorrichtung auf Maries hübschem Köpfchen trägt den weit weniger hübschen Namen umgekehrte Bärenfalle", fuhr das Männchen fort: „Es handelt sich um ein Design meines alten Meister, des guten John Kramers, und hat sich bereits in so mancher Situation hervorragend bewährt hat. Es ist ein Meisterwerk."
Chloe schnaubte verächtlich, doch die Puppe ließ sich nicht unterbrechen.
„Ich könnte euch die Wirkung dieses Geräts in Worten beschreiben, doch ich glaube eine Demonstration wird ihr am ehesten gerecht."
Das Bild der Puppe verschwand von dem Fernseher und machte einer Aufnahme Platz, die den abgetrennten Kopf einer Schaufensterpuppe zeigte. Eine umgekehrte Bärenfalle war dem Kunststoffobjekt übergestülpt worden und nachdem eine kleine Stoppuhr fünf Sekunden abgezählt hatte ertönte ein kurzes Piepen. Anschließend schnappten die Bügel der Bärenfalle auseinander und zerrissen den Kopf mit einem wilden Krachen.
Claudette konnte hören wie Marie hinter ihr zusammenzuckte, was der Kette um ihren Knöchel ein lautes Rasseln entlockte. Kurz darauf begann sie in panischer Angst zu wimmern. Zu viel mehr war sie in ihrer gegenwärtigen Situation nicht in der Lage.
„Du Arschloch", rief Chloe und stellte sich direkt vor den Fernseher, der nun wieder die Fratze der Pupe zeigte. „Mach doch mit uns was du willst, aber lass verdammt noch mal Kinder aus dem Spiel. Sie ist doch keine zehn Jahre alt, du perverser Wichser."
„Acht, um genau zu sein", sagte die Puppe in sachlichem Tonfall: „Ich freue mich, dass du dich so inbrünstig um sie sorgst. Es wird dir die folgende Aufgabe erleichtern."
Chloe zitterte. In ihrem Fall geschah es jedoch weniger aus Angst, sondern viel eher vor Wut. Jade hatte wieder begonnen nach einem Verschluss für die umgekehrte Bärenfalle zu suchen, doch Claudette wusste es besser. Die Puppe war ihnen ohnehin einen Schritt voraus. Es gab nur einen Weg Maries Leben zu retten.
„Was müssen wir tun?", fragte Claudette feindselig und starrte der Puppe direkt in die Augen. Diese erwiderte ihren Blick und wartete einen kurzen Moment, bevor sie antwortete.
„Eure Aufgabe ist einfach. An der umgekehrten Bärenfalle gibt es ein Schloss. Der Schlüssel befindet sich in diesem Raum. Ihr habt fünf Minuten Zeit. Simpel."
„Fick dich", murmelte Chloe, doch die Puppe schenkte ihr keine Beachtung.
„Bevor wir beginnen, müssen wir auch noch an unsere Mitspieler denken. Unsere guten Freunde bei Team Rainbow braucht noch ein Ziel, das es zu verteidigen gilt. Ich glaube, der Eiffelturm wird diese Rolle hervorragend erfüllen. Also dann. Gutes Gelingen."
Eine Sirene ertönte und mit einem Mal wechselten die Lampen im Raum von einem blendenden Weiß auf verstörendes Rot. Die Puppe verschwand von dem Bildschirm und an ihrer Stelle erschien ein Timer aus roten Ziffern. Langsam begannen die Sekunden zu verrinnen.
