Oben an Deck genossen die Ninja den Rest ihrer Pause. Sie hatten ihre Obi gelockert oder sogar ganz geöffnet und ihre Uwagi aufgeknöpft und fächelten sich Luft zu.
"Was wollte der Sensei von dir, Jay?", fragte Nya ihren Freund, der gerade versuchte, das überschüssige Wasser aus seinem Haar zu pressen, ohne sich dabei den Gi völlig nass zu machen.
"Stell dir vor!", schnaubte der blaue Ninja entrüstet. "Er hat doch glatt behauptet, dass diese blöde Teetüten-Sortieraktion gestern Abend nicht als Strafe, sondern als Hilfe für mich gedacht war! Hah! Als Hilfe! Sie sollte mir helfen, mein inneres Gleichgewicht wiederzufinden. Als ob ich es verloren hätte!"
Nya schmunzelte: "Gib's zu, Jay, nicht das Teetütchen-Sortieren war das Schlimme, sondern die Tatsache, dass du keine Videospiele mehr machen durftest. Nimm's dem Sensei nicht krumm, er kann einfach nicht begreifen, wie viel dir Videospiele bedeuten."
Der Meister des Blitzes brummte etwas Unverständliches und wandte sich wieder seinem Haar zu. Die Wassermeisterin betrachtete ihn eine Weile und dachte nach. Sie konnte nicht genau sagen, warum, aber sie spürte, dass der Sensei nicht ganz Unrecht hatte. Irgendetwas war bei Jay nicht im Gleichgewicht. Aber was? Er war in letzter Zeit ungewöhnlich reizbar, ja manchmal geradezu aggressiv ...
Ihre Überlegungen wurden jedoch jäh vom Klang des goldenen Gongs unterbrochen. Nach hastigem Gi-Zuknöpfen und Obi-Binden bildeten sich wieder zwei Reihen von sich verbeugenden Schülern vor dem Sensei, der den Rei erwiderte. Nya, die in der hinteren Reihe stand, bemerkte, dass Cole fehlte. Sensei Wu richtete das Wort an seine Schüler: "Nya, Zane! Kommt bitte in den Kontrollraum auf der Brücke. Ihr Anderen trainiert weiter. Zeigt Max ein paar grundlegende Angriffs- und Paradetechniken."
Im Kontrollraum der Brücke war es dank der von Nya eingebauten Klimaanlage angenehm kühl. Das war weniger als Luxus für die Ninja gedacht, sondern vielmehr eine Maßnahme zum Schutz der vielen elektronischen Geräte in diesem Raum. Die Meisterin des Wassers stellte sich auf einen Wink des Sensei vor den Hauptcomputer und Zane gesellte sich zu ihr.
"Misako wird Zane alle verfügbaren Informationen zur Topografie von Sensei Yins Feld zum Einlesen in seine Datenbank geben. Cole ist gerade beim Meditieren. Wenn er damit fertig ist, möchte er gerne seinen Vater in Metallonien kontaktieren. Bitte bereite alles für diese Kommunikation vor, Nya. Es ist gut möglich, dass Cole das Gespräch erst führen wird, wenn wir unterwegs sind."
"Dann muss ich erst die Signalverstärker kalibrieren", antwortete Nya. "Aber grundsätzlich sollte es möglich sein. Die Bildqualität könnte allerdings zu wünschen übrig lassen."
"Hauptsache, Cole kann mit seinem Vater sprechen", erwiderte der alte Spinjitzu-Meister.
"Es tut mir leid, Zane", ließ sich nun auch Misako von der anderen Seite der Computerkonsole vernehmen, "aber ich brauche noch eine kleine Weile, um alle meine Papiere zu ordnen."
"Sensei, darf ich diese Zeit nutzen, um dir ein paar Fragen zu stellen?", wandte sich Zane an seinen Meister.
"Natürlich, mein Schüler. Gehen wir hinüber zum Steuerrad, um die Damen nicht bei der Arbeit zu stören."
Der weise Meister erwartete alle möglichen Fragen zur bevorstehenden Mission. Doch zu seinem großen Erstaunen schnitt der Eisninja ein ganz anderes Thema an: "Sensei, was ist der Zweck der Schadenfreude?"
Einen Augenblick war Wu sprachlos, dann musste er schmunzeln. So eine Frage konnte auch nur ein Nindroid stellen.
"So wie das Lachen an sich kann auch schadenfrohes Gelächter dem Zusammenhalt der Gruppe dienen. Gemeinsam über jemanden lachen stärkt die Bande zwischen den Lachenden."
"Es ergibt doch keinen Sinn, über das Leid eines Freundes zu lachen. Mir erscheint es geradezu unmoralisch. Ich wurde programmiert, die zu beschützen, die sich nicht selbst helfen können. Das steht im Widerspruch zu der Funktionsweise des Unterprogramms, mit dem Jay meine Humorfunktion kürzlich erweitert hat. Wie erwähnt veranlasst mich das Schadenfreude-Unterprogramm zum Lachen, wenn jemandem in meiner Gegenwart ein geringfügiges Leid widerfährt. Aber eigentlich müsste ich doch einem Geschädigten helfen. Auch PIXAL kann keine Logik in dieser Verhaltensweise erkennen."
"Wenn jemandem ein großes Leid widerfährt, wäre schadenfrohes Lachen sicherlich unangebracht. Aber wie du bereits sagtest, Zane, springt dein Schadenfreudeprogramm nur bei geringfügigem Leiden deiner Mitmenschen an. Für Kai war es sicher nicht angenehm, eine kleine Bildungslücke zugeben zu müssen, aber sein Selbstwertgefühl war auch ohne Hilfe von Anderen und trotz eures Gelächters bald wiederhergestellt. Ja, vielleicht gerade deswegen. Lachen unter engen Freunden nimmt der Situation den Ernst und womöglich auch die Peinlichkeit. Der Verspottete mag zwar kurzzeitig verstimmt sein, aber meist hilft es ihm, den erlittenen Schaden zu relativieren, so dass er bald selbst mitlacht. In einer ausgewogenen Gruppe kommt jeder einmal dran. So kann sich jeder mal als Teil der Lacher fühlen."
"Über einen Freund zu lachen, der nur einen geringfügigen Schaden erleidet, ist also eigentlich gut für ihn und für die Gruppe? Selbst wenn es ihn zunächst verstimmt?", fragte Zane erstaunt.
Der Sensei zögerte kurz, antwortete dann aber: "Vereinfacht kann man das wohl so sagen."
"So, ich bin jetzt soweit, Zane", rief Misako vom anderen Ende des Raumes herüber.
Während Zane Misakos Karten einscannte, analysierte er gleichzeitig die Informationen von Sensei Wu zum Thema Schadenfreude. PIXAL glich sie mit seinen bisherigen Erfahrungen und Erlebnissen ab. Dabei unterhielt sie sich mit dem Nindroiden, aber da sie sich in Zanes Kopf befand, konnte keine der anderen Personen im Raum diese Unterhaltung hören.
'In deiner Datenbank sind mehrere tausend Erlebnisse gespeichert, bei denen eines deiner Geschwister über den Schaden eines Anderen gelacht hat', fasste PIXAL zusammen. 'Im Schnitt kommt es fünf- bis sechsmal täglich vor.'
'Und dennoch sind wir ein sehr gut funktionierendes Team, bei dem alle Mitglieder zusammenhalten', erwiderte Zane.
'Es ist also gut möglich, dass Schadenfreude tatsächlich dem Zusammenhalt der Gruppe dient. Es müssten jedoch ganz gezielte Experimente durchgeführt werden, um diese Theorie zu stützen', sagte PIXAL.
'Ich bin bereit, diese Theorie als Arbeitshypothese zu akzeptieren. Schadenfreude tut der Gruppe gut, sogar dem, über den gelacht wird. Das war sicher auch der Grund dafür, warum Jay so erpicht darauf war, dieses Unterprogramm zu installieren. PIXAL, bitte gib mir künftig sofort Bescheid, wenn du bemerkst, dass eines meiner Ninja-Geschwister einen geringfügigen Schaden erleidet, damit ich es umgehend ausführen kann. Dies gilt besonders für Jay, dem ich mich auf diese Weise erkenntlich zeigen will. Ihm war soviel daran gelegen, dass ich sein Programm nutze. Offenbar legt er großen Wert darauf, dass seine Freunde schadenfroh über ihn lachen.'
'Verstanden, Zane. Ich werde deine Sensoren entsprechend kalibrieren und dir ein Alarmsignal senden.'
A/N: Nachdem das Wort Gi (japanisch für Kampfsportanzug, Kurzform für Keikogi) in der Originalserie benutzt wurde, habe ich mir erlaubt, auch die Wörter Obi (Gürtel) und Uwagi (Jacke, Oberteil eines Gi) zu verwenden. Japanische Wörter erhalten im Deutschen nicht unbedingt ein 'S' im Plural und im Genitiv. In Anlehnung an den Originalton der Serie habe ich mich konsequent für die Form ohne 'S' entschieden.
