12. Ein schweigsamer Sonntag
Den Samstagabend verbrachte Hermine im Bett und versuchte sich mit einem Roman abzulenken, der zum Glück gut genug war, dies auch zu schaffen. „Die Aprilhexe" war eines der besten Bücher, dass Hermine in den letzten Jahren in die Hände gefallen war und obwohl sie sich unter dem Titel etwas anderes vorgestellt hatte, war die Geschichte anrührend, menschlich und ließ sie ihr eigenes Leben eine Weile vergessen. Sie verschlang das Buch an diesem einen Abend und kaum das sie es ausgelesen zur Seite legte, da fielen ihr auch schon die Augen zu und sie schlief ein.
Doch ihr Schlaf war unruhig und sie warf sich die halbe Nacht hin und her, was Snape, später als er neben ihr lag, erst nur nervte und dann halb zur Verzweiflung brachte. Er war dicht daran, sie einfach zu wecken, um sie aus ihren vermutlich schlechten Träumen zu holen, doch dann wählte er eine andere Methode, als er hörte, wie sie leise im Traum nach ihrer Mutter rief.
Das Mädchen war allein, hatte gerade zu hören bekommen, dass ihr Leben sich übermäßig negativ verändern würde und alles was sie jetzt vermutlich brauchte, war etwas menschliche Wärme. Dessen war sich Severus sicher und war bereit ihr ebendies zu geben. Am Morgen hatte sie ihn mit Tränken und Massagen verarztet, jetzt war es an der Zeit, etwas zurück zu geben.
Er zog sie zu sich und umfasste sie von hinten an der Taille, während er flüsterte: „Ich bin da. Schlaf ruhig. Dir passiert nichts." Severus wusste nicht, ob er die richtigen Worte verwendete, doch er war sich beinahe sicher, dass es darauf gar nicht ankam und behielt Recht. Wenige Minuten nachdem er begonnen hatte ihr mit seinem Körper einen Wall zur übrigen Welt zu schaffen, wurde ihr Schlaf ruhiger, sodass auch Severus nun seine Ruhe fand.
Als er erwachte, lag er noch immer in der gleichen Haltung mit ihr, in der er auch eingeschlafen war. Die Sonne stand schon hoch am Himmel und es musste beinahe Mittag sein. Es war ihm egal. Sie schienen beide diesen langen Schlaf gebraucht zu haben und es war ein umwerfendes Gefühl sie im Arm zu halten.
Ein wenig genoss er ihre Nähe noch, das Risiko ignorierend, dass sie aufwachen würde und sich über seine unverschämte Annäherung beschweren würde. Dann aber entschloss er sich aufzustehen. Vorsichtig, um sie nicht zu wecken, zog er seinen Arm unter Hermine weg, deckte sie wieder zu und ließ sie schlafen, bis die Hauselfen das Mittagessen auftischten. Kaum waren Dobby und Winky mit einem leisen Plopp das Wohnzimmer wieder verlassen, ging Severus hinüber zu seinem Schlafzimmer und klopfte laut gegen den Türrahmen, als er sah, dass Hermine noch immer schlief.
Ungläubig starrte sie auf die Uhr und noch ungläubiger auf einen Severus Snape, dessen Lippen sich zu einem belustigten Ausdruck verzogen. Er sagte kein Wort, deutete nur auf die Uhr und dann auf den gedeckten Esstisch im Wohnzimmer.
Hermine nickte und stand auf. Sie trug noch immer ihre Sachen vom Vortag und ging erst einmal duschen, bevor sie sich dem Mittagsmahl zuwendete. Noch immer hatten beide kein Wort miteinander gesprochen, doch das Schweigen war diesmal nicht unangenehm. Hermine mochte diese Stille, in der sie sich einreden konnte, nicht am nächsten Tag in einen Käfig voller giftiger Schlangen gesteckt zu werden. Sie verschanzte sich so lang es eben ging hinter der Illusion, sie würde einfach nur hier sitzen und mit einem Lehrer zu Mittag essen.
Jene Illusion endete, als Severus aufstand, über den Kamin Kaffee bestellte und Hermine fragte, ob sie auch einen haben wolle. Selbst diese paar Worte, welche absolut nichts mit dem morgigen Tag zu tun hatten, zerstörten ihr Luftschloss, in dem sie sich versteckt gehalten hatte.
Enttäuscht davon, sich selbst nicht länger etwas vormachen zu können, schüttelte sie nur den Kopf und verließ den Tisch.
Snape beobachtete sie, wie sie sich mit angezogen Beinen in eine Ecke der Couch verkroch, ein Kissen schützend vor sich legte und trotzdem noch zu frösteln schien. Sie hatte Angst und vermutlich hatten auch die paar Stunden Schlaf nichts daran geändert, dass sie sich in ihrer Situation unwohl fühlte. Momentan gab es jedoch nichts weiter, was er für sie tun konnte. Er hatte ihr gut zugeredet. Er hatte sie in den Arm genommen, sogar in der Nacht, als sie es nicht bemerkte und er hatte ihr versprochen, dass sie in seinen Räumen keine Gefahr erwartete. Mehr konnte er derzeit nicht tun.
Es dauerte eine ganze Weile, bis der Snape seinen Kaffee ausgetrunken hatte und glaubte, Hermine Granger sei jetzt wieder ansprechbar. Sie hatte zwar ihre Haltung nicht verändert, doch in den letzten Minuten hatte sie nicht mehr stur in den knisternden Kamin gestarrt, sondern seinen Blick gesucht. Nun stand er auf und ging Richtung des Labors. „Wollen Sie mir helfen unsere Arbeit von gestern fortzusetzen, Miss Granger?"
Ihr Blick war ihm die ganze Zeit gefolgt und nun sahen sie sich direkt an, als Hermine nickte und sich erhob. Severus war froh, dass sie nicht völlig in ihre eigene Gedankenwelt abgeglitten war und bereit schien, das Leben – so schlecht es derzeit auch zu ihr war – in Angriff zu nehmen.
Im Labor arbeiteten sie wieder schweigend vor sich hin, bis Snape das Gefühl hatte, die Anspannung werde zu groß. Er nahm seinen Zauberstab in die Hand und auf sein Zeichen hin erklang leise Jazz-Musik, wie er sie liebte und schon oft genossen hatte, wenn er experimentierte. Hermine hob kurz den Kopf und schenkte ihm ein kleines dankbares Lächeln, denn auch sie hatte gemerkt, dass sie zu lange geschwiegen hatten. Die Musik entspannte sie und ließ das Arbeitsklima schnell wieder angenehmer werden.
Insgesamt verstrich der Tag ruhiger, als gedacht. Gegen 22.00 Uhr beendete Snape seine Arbeit und legte, zum Zeichen, dass auch sie aufhören sollte, Hermine eine seiner Hände auf ihre Schulter. Sie sah ihn an, nickte nur und stellte die Apparaturen weg, mit denen sie durch Destillation in den letzten Stunden die Essenz verschiedener Pflanzen gewonnen hatte. Die Hand, welche noch immer auf ihr ruhte, beunruhigte sie diesmal nicht und während sie noch vor wenigen Tagen stets vor ihm zurück gezuckt war, schien ihr diese Berührung nun ganz natürlich und vertraut.
Gemeinsam aßen sie noch zu Abend und diesmal war es Severus, der sich in ein Buch vertiefte und Hermine lehnte sich in dem Sessel zurück, welchen sonst immer ihr Lehrer besetzte. Sie seufzte leise, schloss die Augen und hoffte, dass der morgige Tag nicht so schlimm würde, wie sie es erwartete.
Severus sah sie an, wartete darauf, dass sie den Blick erwiderte und sagte dann leise, aber bestimmt: „Was auch immer morgen und in Zukunft passiert. Ich werde da sein und Ihnen helfen, Miss Granger!" Er wusste, dass er dazu nicht immer in der Lage sein könnte, aber ein wenig Zuversicht konnte ihr heute Abend nicht schaden.
Hermine nickte in ihrer wortkargen Art wieder nur, blickte eine Weile auf den Boden und setzte dann an, eine Frage zu stellen, die sie bereits hatte, seit sie bei ihm war. „Professor, ich würde gern etwas wissen."
„Um was geht es, Miss Granger?"
„Warum bin ich hier?"
Jetzt war es an Snape zu seufzen. „Das wissen Sie doch, Miss Granger! Sie sind hier, um Ihre Ausbildung beenden zu können."
Mit einer wegwerfenden Handbewegung wischte Hermine seinen Satz fort. „Das meine ich nicht und das wissen Sie doch auch."
Natürlich wusste er das und trotzdem versuchte er sie von der Antwort abzubringen, da er selbst nicht sicher war, was er ihr wohl sagen würde. „Nein, das weiß ich nicht. Aber stellen Sie mir eine ordentliche Frage und ich werde Ihnen eine Antwort geben."
„Machen Sie mir die Frage doch nicht unnötig schwer! Was ich meine ist, warum Sie wollten, dass ich hier bleibe und kommen Sie mir jetzt nicht damit, dass Sie möchten, dass ich meinen Abschluss machen kann." Ihr Magen zog sich zusammen in Erwartung seiner vermutlich boshaften Antwort.
Doch Boshaftigkeit war in diesem Augenblick das Letzte, was Severus anstrebte. Vielmehr versuchte er sich aus dieser vermaledeiten Situation zu manövrieren, ohne sich völlig vor ihr bloßzustellen. „Ich wollte Sie schützen und das will ich immer noch, Miss Granger."
„Das weiß ich inzwischen, doch ich weiß immer noch nicht warum Sie das wollen. Warum wollen Sie MICH schützen und nicht einen anderen Schüler?"
Snape sah Land. „Sie und ich wissen genau, dass es keinen weiteren Schüler an dieser Schule gibt, der Ihr Potential hat. Damit dürfte Ihre Frage beantwortet sein." Er passte auf, dass die Erleichterung, sich nicht mit den wahren Beweggründen auseinandersetzen zu müssten, seiner Stimme nicht anzuhören war.
Doch die Erleichterung verschwand schnell wieder, denn so leicht ließ sich das Mädchen, welches gerade seinen Lieblingssessel belegte, nicht abspeisen. „Ich bin mit dieser Antwort nicht zufrieden, denn ich bin mir sicher, dass es da noch mehr gibt. Bitte sagen Sie mir, warum Sie ausgerechnet mich gerettet haben. Hat es etwas mit Harry zu tun? Bitte! Das beschäftigt mich."
Harry! Noch so einer seiner wunden Punkte. Doch darüber wollte er nun wirklich nicht reden. Verzweifelt suchte er Schutz in der befürchteten Boshaftigkeit, wenn er sie auch diesmal nur beschränkt einsetzte. „Sie glauben stets, dass alles einen tieferen Sinn hat, nicht wahr, Miss Granger? Lassen Sie mich Ihnen sagen, dass dies nicht immer zutrifft. Ich dachte mir, dass es eine nette Idee sei, Ihnen den Abschluss zu ermöglichen. Nicht mehr und nicht weniger. Und nun sollten Sie, denke ich, ins Bett gehen. Vermutlich wird der morgige Tag anstrengend für Sie." Damit war für ihn die Diskussion beendet und bis Hermine sich tatsächlich hinlegte, wechselten sie kein Wort mehr miteinander.
TBC
Das war doch ein recht friedliches Kapitel, so kurz vor Weihnachten, oder? Am Montag gönne ich mir weil Weihnachten ist, eine Auszeit. Am Donnerstag geht es dann weiter und dann wird es spannend, denn da wird Hermine den Unterricht zum ersten Mal in der neuen Konstellation besuchen.
Bis dahin gebe ich euch ein Magnum-Butterbier aus und wünsche euch ein tolles Weihnachtsfest und einen ganz fleißigen Weihnachtsmann!
Ach ja: Geschenke in Form von Reviews sind natürlich herzlich willkommen!
