Hallo *kurz reinhusch und nächstes Kapitel dalass, bevor schon wieder wegrennt*,
sorry, bin total im Streß, daher nur ein kurzes, heftiges Danke an meine Lieblings-Reviewer:
Nora, muse, Schneestaub, mimaja und colly
Nächstes Mal gibt's wieder längere Antworten *promise*.
Und natürlich an Little Whisper für ihre Beta-Mühen mit mir.
Und nun, habt Spaß, lasst mir eines eurer tollen Reviews da und kommt nächste Woche wieder.
Liebste Grüße
Eure *hektisch davondüs* Cassie
Chapter II - Ein neuer Anfang
But
something happened
For the very first time with you
My heart
melts into the ground
Found something true
And everyone's
looking round
Thinking I'm going crazy
(Bleeding
Love - Leona Lewis)
Draco
Es war spät, als ich endlich nach Hause kam und meine Wohnung war still. Einzig die geschlossene Schlafzimmertür verriet mir, dass Roger zuhause war. Seine Angewohnheit generell sämtliche Türen offen stehen zu lassen - ausgenommen in dem Zimmer, in welchem er sich gerade aufhielt - ging mir normalerweise mächtig gegen den Strich, doch heute störte es mich nicht.
Ich ging in mein Arbeitszimmer und schnappte mir den Stapel mit geöffneten, aber ungelesenen Briefen, welcher sich Besorgnis erregend hoch auf meinem Schreibtisch türmte. Ich nahm ihn mit ins Wohnzimmer und legte die Umschläge auf dem Couchtisch ab, es waren gut und gerne an die 40 Stück. Ich war überrascht, dass es in den vergangenen Wochen doch so viele Angebote geworden waren. Das Chaos in meinem Privatleben hatte sich jedenfalls nicht auf meine Reputation als Arzt und Wissenschaftler niedergeschlagen.
Bevor ich mich daran machte, mir die Angebote näher anzusehen, zog ich endlich meinen Umhang aus, streifte die Schuhe von den Füßen und ging in die Küche, um mir ein Glas Armagnac zu holen. Schmutziges Geschirr stand in der Spüle, ein sicheres Zeichen dafür, dass Roger wirklich wütend war, denn normalerweise hinterließ er alles so sauber, dass man sorglos vom Fußboden hätte essen können. Kein Wunder, dass der Elfen-Reinigungs-Service ihn so mochte.
Mit meinem vollen Glas ging ich zurück ins Wohnzimmer und ließ mich auf dem dichten Teppich nieder. Ich trank einen Schluck und genoss das vollmundige Aroma des 1926er Armagnac, nicht sicher, wo ich anfangen sollte. Schließlich griff ich wahllos zu und fischte einen cremefarbenen Umschlag heraus. Deutschland, wie ich auf dem Absender lesen konnte. Interessant. Ich stellte mein Glas ab, zog die Unterlagen heraus und begann zu lesen.
So saß ich im frühen Morgengrauen zwischen einem Stapel Briefen zu meiner Linken und einem guten Dutzend ausgebreiteter Angebote zu meiner Rechten, als die Schlafzimmertür aufging und ein zerknittert aussehender Roger herauskam. Er war ungewöhnlich still und schlich direkt ins Badezimmer, ohne mir auch nur einen zweiten Blick zu gönnen. Müde rieb ich mir die Augen und stand auf um Kaffee zu kochen.
Ich war gerade fertig, als Roger aus dem Bad zurückkam, er roch frisch geduscht, sah aber nicht wirklich munterer aus als vorher. Scheinbar war ich nicht der Einzige, der eine weitere schlaflose Nacht hinter sich hatte.
Roger blieb unschlüssig im Durchgang stehen, als überlege er, ob er die Küche betreten oder doch lieber wieder gehen sollte. Ich nahm ihm die Entscheidung ab, deutete mit einem Nicken an den Küchentresen und hielt ihm demonstrativ eine dampfende Kaffeetasse hin. Es war kaum zu übersehen, dass er mit sich rang. Schlussendlich nahm er mir dann doch die Tasse ab und ließ sich auf einen der Barhocker fallen.
Ich blieb ganz bewusst auf der gegenüberliegenden Seite stehen.
„Hör zu, Draco, es… das gestern mit Blaise tut mir leid… ich weiß, dass ich mich da bescheuert verhalten habe, es ist nur…", Roger brach ab und hob die Schultern. Mit einem Nicken akzeptierte ich seine Entschuldigung.
„Ich werde heute kündigen.", sagte ich und beobachtete, wie Roger die Gesichtszüge entglitten.
„Was?", brachte er fassungslos heraus.
Müde schaute ich auf die Tasse in meinen Händen, während ich antwortete: „Ich werde im Hospital kündigen… ich dachte, dass ein Ortswechsel vielleicht nicht die schlechteste Idee wäre."
Roger schwieg, was mich überraschte, immerhin hatte er selbst schon vorgeschlagen, dass wir London verlassen sollten.
„Aber… dein Job… hast du nicht gesagt, er wäre so toll und…"
„Ich habe genug andere Angebote, die nicht weniger interessant sind." Ich hob den Blick und sah ihn an. Etwas arbeitete in seinem Gesicht und seine Miene war ein ständiges Wechselspiel seiner Gefühle.
„Das… war es dann also? Du… du gehst weg? Einfach so?" Rogers Stimme klang rau.
„Ja.", antwortete ich, denn plötzlich war mir klar, was Roger dachte. Nur schwer konnte ich mir ein Lächeln verkneifen, auch wenn es etwas gemein war, ihn auch nur eine Sekunde länger in dem Glauben zu lassen, dass ich ihn verlassen wollte. Das gehässige Stimmchen in meinen Gedanken, welches mich heimtückisch fragte, ob es nicht noch viel gemeiner wäre mit Roger zusammenzusein, nur weil ich Harry nicht haben konnte, ignorierte ich geflissentlich. Es war ja nicht so, dass ich Roger nicht mochte, versuchte ich mich vor meinem schlechten Gewissen zu rechtfertigen, immerhin hatten wir vor Harrys Auftauchen schon einige Jahre unserer Quasi-Beziehung hinter uns. Ich zwang meine Konzentration auf Roger zurück.
Er war sichtlich geschockt und nahm einen Schluck Kaffee, nicht ohne sich prompt für seine Unachtsamkeit die Zunge zu verbrennen. Er sagte nichts, doch sein schmerzverzerrtes Gesicht sprach Bände. Ich beschloss, ihn zu erlösen. „Im Wohnzimmer liegen die Angebote ausgebreitet, die für mich interessant wären, wenn du sie dir ansehen willst?"
Rogers Miene drückte neben der Enttäuschung nun aufkeimende Wut aus. „Wozu sollte das gut sein?"
„Nun, du sollst entscheiden wohin wir ziehen, also wäre es wohl nicht schlecht, wenn du…"
„WIR?", brach es aus ihm heraus und ich erlaubte mir endlich das Lächeln zuzulassen, welches schon seit geraumer Zeit an meinen Mundwinkeln zerrte.
„Ja, wir, du großer Holzkopf. Hast du nicht selbst vorgeschlagen, dass wir London verlassen sollten? Also, ich werde jetzt ins Bett gehen und den Schlaf von letzter Nacht nachholen. Sag mir Bescheid, wofür du dich entschieden hast." Damit wandte ich mich ab und wollte Richtung Schlafzimmer gehen. Roger war jedoch schneller und hielt mich am Arm zurück.
Er wirkte irgendwie unsicher, als er mich an sich zog, beide Arme um meine Taille verschränkte. Ich legte den Kopf in den Nacken um ihm ins Gesicht sehen zu können. Er öffnete den Mund um etwas zu sagen, erwiderte meinen Blick einen langen Augenblick und schwieg. Stattdessen küsste er mich sanft und beinahe schüchtern. Es war schön. Rogers Küsse waren immer schön und so vertraut, dass ich mich gerne fallen ließ. Ich spürte, dass er sich zurückhielt und hatte nicht vor, ihn zu irgendetwas zu drängen. Ich wusste, dass er an Harry dachte und schämte mich beinahe dafür, dass ich es auch tat. Wie gesagt, Rogers Küsse waren schön, aber nicht annähernd so aufregend wie Harrys.
Roger presste einen letzten Moment seine Lippen auf meinen Mund, bevor er sich zurückzog. „Du schmeckst nach Kneipe…", stellte er mit einem Lächeln fest. Entschuldigend zuckte ich mit den Schultern: „Beschwer dich bei Blaise, er hat mich in so einen Muggel-Strippschuppen geschleppt."
„Die Muggel haben Strippschuppen mit Kerlen?", fragte Roger verblüfft und entließ mich aus seinen Armen.
„Keine Ahnung, du kennst doch Blaise, da waren nur nackte Weiber!" Diese Spitze konnte ich mir nicht verkneifen und ich sah, dass Roger verstanden hatte, denn er wurde rot.
„Draco…", erwiderte er gequält. Ich schaute ihn mit einer Unschuldsmiene an, die mir nicht einmal meine Mutter abgekauft hätte. „Du… weißt, dass ich mich nur so benehme weil… weil ich dich liebe."
Nun war es an mir ihn fassungslos anzustarren. Sicherlich, ich hatte es immer geahnt, nein, eigentlich wusste ich, dass Roger so für mich empfand. Doch es aus seinem Mund zu hören war etwas ganz anders. Der Rotton seiner Wangen vertiefte sich angesichts meines Erstaunens.
„Vielleicht hätte ich dir das schon viel früher sagen sollen… ich weiß, aber ich dachte du…", er atmete sichtlich durch und bewies mir, dass er mich besser kannte, als ich jemals für möglich gehalten hätte. „Ich dachte, du kriegst kalte Füße, wenn ich es dir sage."
Womit er absolut Recht hatte! Wenn ich in diesem Moment auch nur zu einer noch so kleinen Regung fähig gewesen wäre, hätte ich schreiend die Flucht ergriffen. Doch da in meinem Hirn plötzlich das Urchaos aus Schuldgefühlen herrschte - weil ich, auch wenn ich das gerne geleugnet hätte, Roger in irgendeiner Weise noch immer belog - und dem ehrlichen Wunsch Rogers Liebe ohne Hintergedanken erwidern zu können, war ich zu nicht mehr fähig, als Roger einfach nur ziemlich geistlos anzustarren.
„Du brauchst nichts zu sagen, ist schon gut.", sagte er, als ich nach einigen weiteren Sekunden noch immer zu keine Antwort zustande gebracht hatte. Ich sah, wie sich ein Schatten auf seine Miene legte und sein Lächeln plötzlich gezwungen fröhlich wirkte. „Ich werde mir dann mal ansehen, welche interessanten Orte du so zu bieten hast.", fuhr er fort und ließ mich stehen. Ich blickte seiner hoch gewachsenen Gestalt eine ganze Weile hinterher, bevor ich mich schließlich umwandte und mit einem schweren Gefühl im Magen im Schlafzimmer verschwand. Plötzlich war ich gar nicht mehr so sicher, ob es wirklich so eine gute Idee war Roger mitzunehmen. Da war sie wieder, die unerbittliche Stimme meines schlechten Gewissens. Diesmal hielt sie mir vor, dass ich Roger ausnutzte und belog.
Konnte ich es leugnen?
~~*~~
Obwohl es mir nach Rogers Geständnis schwer gefallen war, überhaupt einzuschlafen und mein unruhiger Schlaf von der penetranten Stimme meines schlechten Gewissens geplagt war, musste Dora mich dann gegen Mittag doch eigenhändig wecken.
„DOC! AUFSTEHEN!", brüllte sie mit ihrer nicht gerade süßen Stimme in der Lautstärke eines startenden Düsenjets und prompt fiel ich vor lauter Schreck praktisch aus dem Bett.
„Dora! Tun sie das nie WIEDER!", brachte ich nach zwei Schrecksekunden heraus.
Dora lächelte mich nur zufrieden an. „Aach, das haben sie das letzte Mal auch gesagt. Außerdem hat es doch funktioniert! Und jetzt, ab an die Arbeit! Sie haben doch nicht vergessen, dass sie heute `nen Termin mit unserem Skalventreiber von Chef haben, oder?" Sie legte die Stirn in Falten, bevor sie ergeben seufzte. „Selbstverständlich haben sie das Treffen vergessen. Also, was sage ich unserem Boss?"
Ich war so verblüfft, dass ich nicht einmal rot wurde, obwohl Dora mit ihrer Vermutung natürlich völlig richtig lag. Das Chaos in meinem Privatleben wirkte sich wohl doch auf meine Arbeit aus. Wie gut, dass ich sowieso schon beschlossen hatte, diesen Umstand zu ändern! „Sagen sie ihm, dass ich in 5 Minuten da bin."
„5 Minuten, Doc!", warnte Dora mich mit einem tadelnden Blick und disapparierte. Wieder einmal spürte ich aufkeimendes Mitgefühl für Doras Söhne, die Armen hatten sich aus lauter Angst vor diesem personifizierten Racheengel bestimmt nie getraut auch nur irgendetwas anzustellen!
Für einen Moment spielte ich mit dem Gedanken absichtlich zu spät zu kommen, rein aus Prinzip, quasi um meine Abneigung gegen Obrigkeiten zu verdeutlichen. Leider war ich kein aufmüpfiger Hogwarts-Schüler mehr und so verkniff ich mir die Kinderei schweren Herzens. Ich wechselte die Kleidung, ließ mich von drei Reinigungszaubern berieseln und machte mir sogar die Mühe einen Rasierzauber zu bemühen. Nur das Zähneputzen übernahm ich dann doch lieber auf die gute alte Muggelart. Mir war nicht wirklich nach einer verzauberten Zahnbürste zumute, die mir mit der Feinmotorik eines Riesen im Mund herumfuhrwerkte und bei jeder zweiten Bewegung an meinen Mandeln hängen blieb. Mich wunderte es wirklich, dass noch niemand diesen Zauber verbessert hatte! Es konnte kaum so viele Würgereiz-Fetischisten auf dieser Welt geben!
Nun ja, lange Rede, kurzer Sinn, ich apparierte nach 4 Minuten und 57 Sekunden in mein Büro, was Thatcher, meinem Boss, leider nur einen halben Herzanfall verursachte. Ich versuchte meinem Lächeln den Hauch eines Bedauerns für den Schrecken aufzuzwingen, was mir aber partout nicht gelingen wollte.
„Dr. Malfoy, sie wissen, dass ich solch unhöfliche Auftritte nicht mag. Aber wie schön, dass sie doch noch hergefunden haben. Wir waren verabredet für…"
„Ich bin pünktlich, Thatcher, und nicht in der Stimmung für ihre kleinlichen Predigten. Das Prestige, dass das Krankenhaus durch mich erhalten hat rechtfertigt jede verdammte Verspätung, die ich mir leisten will!", fuhr ich Thatcher unverschämt ins Wort. Soviel also zu dem Mindestmaß an Respekt gegenüber eines Vorgesetzten. Ich sollte mich allmählich ernsthaft fragen, ob der Umgang mit Blaise Zabini bisher unerkannte Langzeitschäden, was meine anerzogenen Umgangsformen betraf, verursacht hatte. Andererseits konnte jemand wie Thatcher es durchaus vertragen, wenn man ihm über den Mund fuhr. Er war viel zu sehr von seiner Person eingenommen, als dass es ihn wirklich berührt hätte.
Momentan jedoch, öffnete der Klinikchef von St. Mungos den Mund, schnappte wie ein Fisch auf dem Trockenen geräuschvoll nach Luft und sagte gar nichts. Sehr gut! Leider erinnerte mich der Anblick dieses fassungslosen Schweigens an einen gewissen rothaarigen Weasley aus meiner Schulzeit. Was mich wiederum an einen gewissen schwarzhaarigen Potter aus meiner Schulzeit erinnerte, was mich an… ARGH!!!
Rigoros schüttelte ich den Kopf und verpasste mir einen mentalen Tritt in den Hintern! Potter = schlecht = ENDLICH vergessen! Gedanklich murmelte ich dieses Mantra ein halbes Dutzend Mal vor mich hin, bevor mich ein dezentes Räuspern daran erinnerte, dass mein Chef vor mir stand. Nun ja, mein Ex-Chef um genau zu sein, aber das wusste er ja noch nicht. Allerdings hatte ich vor, ihn umgehend davon in Kenntnis zu setzen und konnte mir seine Reaktion nur allzu gut ausmalen. Ein gemeines Grinsen wollte sich unbedingt in mein Gesicht schleichen und ich hatte Mühe es zu unterdrücken. Himmel noch eins, ich war keine zwölf mehr!
„Nehmen wir doch erst einmal Platz.", sagte ich und verzog mich hinter meinen Schreibtisch. Das Leder meines Stuhles protestierte sanft, als ich mich niederließ. Zurück in meinem Klinikalltag ließ ich schnell einen Blick über die Akten und Notizen gleiten, welche Dora mir schon bereit gelegt hatte. Bei der dritten Akte blieb mir praktisch das Herz stehen. „Potter, Nathan", stand dort in Doras geschwungener Schrift.
„Was zum Henker?", stieß ich hervor und fuhr damit unbeabsichtigt zum zweiten Mal an diesem Morgen meinem Chef in die Parade.
„Dr. Malfoy, es wäre wirklich nett, wenn sie mir endlich ihre werte Aufmerksamkeit schenken würden! Immerhin war der Termin um diese Uhrzeit nicht meine Idee!!", schnappte Thatcher.
Mein Herz setzte mit aller Macht wieder ein und ließ mich für einige wertvolle Sekunden nicht mehr hören, als das hektische Rauschen meines eigenen Blutes. Potter… wieso sollte ich den Jungen untersuchen? Mir fiel siedendheiß ein, dass ich diese Kontrolluntersuchung tatsächlich angeregt hatte. Immerhin wusste ich noch nicht, wie lange der Trank gewirkt hatte… Aus rein beruflicher Hinsicht war dieser Untersuchungstermin also tatsächlich notwendig. Wie es mit meinem Gefühlsleben aussah, stand auf einem anderen Blatt! Würde Harry tatsächlich kommen? Gütiger Himmel, was sollte ich bloß sagen? Ich überlegte den Termin zu verschieben, obwohl mir in derselben Sekunde klar war, dass das schlecht ging, immerhin hatte ich vor zu kündigen! Doch wollte, nein, würde ich es ertragen können Harry zu sehen? Nein, oder??
„DR. MALFOY!"
Ich zuckte zusammen und blickte Thatcher verwirrt an, der sich zu seiner nicht wirklich beeindruckenden Größe vor mir erhoben hatte.
„Ich kündige.", sagte ich und fragte mich zum gefühlten zwei Millionsten Mal in den letzten Wochen, ob ich nun endgültig den Verstand verlieren würde. Nicht einmal zu einer einfachen Konversation war ich mehr fähig.
„WAS?", brachte Thatcher heraus und seine Stimme machte am Ende des Wortes einen ziemlich albernen Kiekser.
„Ich. Kündige. Thatcher. Fristlos.", wiederholte ich langsam und zwang meine Gedanken endlich in rationale Bahnen zurück.
Thatcher sackte in sich zusammen und plumpste kraftlos zurück auf seinen Stuhl. „Aber warum? Ist es wegen dem Geld? Wenn sie wollen, könnte ich versuchen…"
„Nein, ob Sie es glauben oder nicht, es geht mir nicht um das Geld. Ich habe einen anderen Forschungsauftrag angenommen, das ist alles.", unterbrach ich ihn. Interessanterweise wurde mir bewusst, dass ich noch nicht einmal wusste, wofür Roger sich entschieden hatte.
Thatcher blickte mich erschüttert an und ich mutmaße, dass er gerade einige Sponsorengelder davonschwimmen sah, welche meine Anwesenheit dem Krankenhaus eingebracht hatte. „Aber… aber… das Krankenhaus…"
„Wird auch ohne mich auskommen."
„Aber ihre Assistenzärzte…"
„Stehen kurz vor ihrem Abschluss und ich habe ihnen alles beigebracht, was sie wissen müssen. Sie könnten doch ein Team von ihnen an den Inferi weiterarbeiten lassen.", schlug ich vor, denn um der Wahrheit die Ehre zu geben, hatte ich an die jungen Leute, welche ich nun quasi schutzlos in der Obhut dieses Aasgeiers zurückließ, noch keinen einzigen Gedanken verschwendet. Meine eigene Rücksichtslosigkeit war mir unangenehm und so fügte ich meiner mentalen Liste noch zu erledigender Angelegenheiten auch das ein oder andere Gespräch mit meinen Assistenzärzten hinzu. Sie hatten sich alle gut gemacht in den letzten Wochen und ich brauchte mich um die Inferi nur noch in besonderen Härtefällen zu kümmern.
„Das können sie nicht machen!", sagte Thatcher gerade.
„Bitte?" Ich glaubte mich verhört zu haben.
„Wir haben einen Vertrag und aus dem können Sie nicht so einfach heraus und überhaupt, was denken Sie sich eigentlich dabei? Wir haben bald eine große Benefizgala zu ihren Ehren, das wissen Sie doch!"
Wusste ich das? Nach kurzer Überlegung kam ich zu dem Entschluss, dass ich es nicht wusste. „Und? Zu der Gala werde ich selbstverständlich kommen und ich glaube kaum, dass wirklich ich es bin, an dem Ihnen etwas liegt, nicht wahr, Thatcher?"
Er verzog das Gesicht und meine Abneigung gegen den Klinikleiter verstärkte sich zusehends.
„Außerdem denke ich, dass St. Mungo auch ohne mich weiterhin eines der Spitzenkrankenhäuser bleiben wird, was soll also dieses Theater?" Thatcher begann mich zu langweilen. Es mochte durchaus sein, dass er auf dem wirtschaftlichen Sektor und als Leiter einer Klinik eine wahre Koryphäe war, als Mensch jedoch rangierte er auf meiner Beliebtheitsskala gleich neben beißwütigen Hippogreifen!
„Wir haben einen Vertrag!", blaffte er erneut und langsam verwandelte sich seine Blässe in ein ungesundes wutrot.
„Richtig, und wer hat diesen Vertrag aufgesetzt?"
„Na, Ihr Freund, Roger… irgendwer.", antwortete Thatcher plötzlich sehr leise. Ich nickte. Roger hatte den damaligen Vertrag aufgesetzt und ganz in meinem Sinne dafür gesorgt, dass ich jederzeit kündigen konnte. Man konnte Roger einiges vorwerfen, doch in diesen rechtlichen Dingen war er absolut penibel. Auch Thatcher wurde wohl endgültig klar, dass er mich nicht würde aufhalten können. „Na dann, räumen sie ihr Büro bis morgen früh!" Er schob seinen Stuhl so heftig zurück, dass der Teppich ein reißendes Geräusch von sich gab und stürzte aus dem Zimmer. Kopfschüttelnd sah ich ihm nach, hörte noch, wie er im Vorzimmer ein wütendes: „Sie sind gefeuert!", in Richtung Dora brüllte, bevor eine Tür hinter ihm zuschlug und erholsame Stille sich ausbreitete.
Ich pustete die Backen auf und entließ die Luft sehr langsam aus meinen Lungen. Es war mir wirklich ein Rätsel, wie dieser Mensch es in eine Position geschafft hatte, in der man mit anderen Menschen umgehen musste.
„Doc?", Dora erschien an der Tür und wirkte ein wenig blass unter ihrer ebenholzfarbenen Haut.
Ich winkte sie herein, doch ein entferntes Klopfen lenkte sie wohl ab. Entschuldigend mit den Schultern zuckend, sagte sie: „Das ist ihr erster Termin, Doc." Wieder nickte ich und machte eine Geste mit der Hand, dass Dora meinen Besucher einlassen sollte. „Wir müssen später noch reden, Dora, und machen sie sich keine Sorgen wegen Thatcher.", schaffte ich noch zu sagen, bevor eine kleine schwarzhaarige Gestalt mich sehr gründlich von jeglichem rationalen Gedanken abbrachte.
„Nathan! Warte!", rief eine weibliche - mir leider sehr bekannte Stimme - und kurz hinter Harrys Sohn kam eine brünette junge Frau in mein Büro gestürzt. Ihre Wangen waren gerötet und ihre Frisur noch immer so fürchterlich wie in Hogwarts-Zeiten. „Granger?", entfuhr es mir, bevor ich mich wieder unter Kontrolle hatte.
„Ihr erster Termin, Doc, Nathan Potter.", informierte Dora mich überflüssigerweise und wenn ich nicht so geschockt über die unglaubliche Ähnlichkeit zwischen Harry und seinem Sohn gewesen wäre, hätte ich Doras tiefen, fragenden Blick vielleicht sogar bemerkt.
„Malfoy.", begrüßte Granger mich kühl, „Nur zu deiner Information, mein Name ist Mrs. Weasley."
„Ich weiß.", antwortete ich stupide und starrte Nathan noch immer an. Er war … so… verdammt hübsch! Es waren unerkennbar Harrys schwarze Haare, die ein rundliches Kindergesicht einrahmten, einzig die Locken stammten wohl von Ginny. Selbst die dunklen Augen waren Harrys Augen, auch wenn sie noch nicht endgültig das leuchtende Grün von Harrys angenommen hatten.
Nathan blickte sich mit der Selbstverständlichkeit eines Kleinkindes in meinem Büro um und tappte mit wackeligen Schritten zu meiner Sammlung diverser Belobigungsplaketten, die ich nicht sehr ordentlich in den unteren Reihen meiner Regale verstaut hatte in der Hoffnung, dass niemand sie allzu sehr beachten würde. Auszeichnungen dieser Arten waren mir eigentlich eher peinlich.
„Er sieht seinem Vater verdammt ähnlich, was?", erinnerte Granger… Weasley… shit, Hermine an ihre Anwesenheit.
„Ja, absolut.", antwortete ich ohne lange zu überlegen. Endlich konnte ich den Blick von Nathans kleiner Gestalt losreißen, der sich mit diebischem Vergnügen daran machte, mir meine Schränke auszuräumen.
Was Granger… Hermine, wohl zur selben Zeit bemerkte. „Nath, nicht! Du weißt doch, dass…"
„Schon gut, lass ihn.", unterbrach ich sie und bot ihr stattdessen an, sich zu setzen. In ihrem Blick lag eine Mischung aus Überraschung und Unsicherheit. „Er weiß eigentlich, dass er das nicht machen soll.", sagte sie und nahm umständlich mir gegenüber Platz. Ich rutschte näher an den Tisch heran und angelte nach Nathans Akte. „Er ist noch so klein, lass ihn seinen Spaß haben, wozu gibt's Aufräumzauber?", sagte ich und schlug die Akte auf. Hermine bedachte mich mit einem Blick, der mir das Gefühl eines Röntgenzaubers gab. Offensichtlich war selbst für sie ersichtlich, dass meine Gelassenheit nur vorgetäuscht war.
Es kostete mich all meine Selbstbeherrschung um zu meiner Routine zurückzufinden. In meinem Inneren kämpften die verschiedensten Emotionen um die Vorherrschaft und ich war weder bereit der Enttäuschung darüber, dass Harry nicht selbst gekommen war, die Zügel zu überlassen, noch der Erleichterung darüber, dass Harry nicht gekommen war. Ich fühlte mich fürchterlicherweise noch immer wie ein Teenager, der zum ersten Mal verliebt ist. Nahm dieses Drama eigentlich niemals ein Ende? Ich biss mir auf die Unterlippe und schlug die nächste Seite der Akte vielleicht ein wenig zu energisch um. Eigentlich wollte ich auf diese Frage keine Antwort haben!
„Harry konnte nicht von der Arbeit weg, deshalb hat er mich gebeten mit Nath herzukommen.", sagte Hermine leise.
„Ist doch ok, ich nehme mal an, dass er nichts dagegen hat, wenn ich dir gegenüber meine Schweigepflicht nicht einhalte.", antwortete ich.
„Nein, er meinte… also… Harry sagte, dass du alles, was mit Nath zu tun hat auch mit mir besprechen kannst." Meine Paranoia schlug mit voller Wucht zu, denn ich bildete mir ein, einen lauernden Unterton in ihrer Stimme zu hören.
„Gut, da ich weiß, wie nahe ihr euch steht, mache ich mal eine Ausnahme. Normalerweise müsste ich die Erlaubnis schriftlich zu der Akte nehmen, aber sei es drum." Ich sah Hermine noch immer nicht an und überflog stattdessen Nathans Daten. „Habt ihr irgendwelche Auffälligkeiten bemerkt?"
„Nein, er entwickelt sich ganz normal, genauso wie ich es von Brian kenne."
„Dein Sohn?" Wieder einmal war es meine Arbeit, meine Routine, die mich davor bewahrte ausgerechnet vor Harrys bester Freundin meine Contenance zu verlieren.
„Ja, er ist älter als Nath.", antwortete sie. Irrsinnigerweise kam mir in diesem Moment der Gedanke, dass ich noch nie ein derart ruhiges Gespräch mit ihr geführt hatte. Schamvoll erinnerte ich mich an jene Begegnung auf der Hogwartschen Wiesen, als Hermine Granger mir in ihrer heiligen Wut den Zauberstab an die Kehle gepresst hatte. Hitze schoss mir in die Wangen ohne dass ich es verhindern konnte. Ich verfluchte mich ein weiteres Mal.
Doch mein Schicksal schien ein Einsehen mit mir zu haben, denn als ich aufblickte, lag Hermines Blick noch auf Nathan, der sichtliche Freude an dem größer werdenden Berg von Unordnung um sich herum hatte.
Ich räusperte mich leise, bevor ich fortfuhr. „Das ist gut. Bei welchem Kinderarzt seid ihr mit ihm?"
Hermine nannte mir den Namen und ich trug die fehlende Information in die Akte ein.
„Mit dem Laufen ist er ganz gut dabei, wie ist es mit sprechen?"
„Ein paar Worte kann er schon, wie Papa, Ball oder Oma, ansonsten ist noch alles „dada"." Ich zwang mich zu einem unverbindlichen Lächeln und hakte die entsprechenden Positionen ab.
„Irgendwelche Krankheiten? Ist er für etwas besonders anfällig?"
„Nein, er hatte schon mal Durchfall oder eine Erkältung, aber nichts Schlimmes und die Impfungen hat er auch gut vertragen." Hermine rutschte ein wenig auf ihrem Stuhl hin und her und ich wurde der Verdacht nicht los, dass sie etwas sagen wollte. Angesichts der Tatsache, dass ich genug damit zu kämpfen hatte, Harrys Fleisch gewordenes Ebenbild durch mein Büro toben zu sehen, hatte ich nicht vor, ihr in irgendeiner Weise entgegenzukommen. Sie war Harrys Vertraute, nicht meine.
„Das klingt alles sehr gut.", sagte ich und schlug den letzten Anamnesebogen auf. Ich atmete durch und stand auf, ging zu Nathan und hockte mich neben ihn auf den Boden. Der kleine Mann blickte mich mit strahlenden Augen an, präsentierte mir stolz eine Plakette der Universität und brabbelte vor sich hin.
„Hallo, Nathan.", sagte ich und kämpfte darum, den Knoten in meinem Hals hinunterzuwürgen. „Kommst du mal kurz zu mir?" Ich griff vorsichtig nach seinen Händen und sofort zog er sich hoch, wackelte mit zwei unsicheren Schritten über den wirren Haufen von Plaketten zu seinen Füßen auf mich zu. Er quietschte, als er das Gleichgewicht verlor und mir praktisch in die Arme fiel.
Ich verfluchte mein Leben!
So schnell es ging, brachte ich die Betrachtung von Nathans Kopf und seinen Extremitäten hinter mich. Ich ließ ihn ein wenig an meiner Hand umherlaufen um seine Koordination zu testen. Zuletzt rief ich den Diagnosezauber auf und ein Haufen Zahlen tauchte über seinem Kopf in der Luft auf. Nathan legte den Kopf und den Nacken und starrte fasziniert auf die flimmernden Lichter über sich.
Meine Erleichterung, als ich die Zahlen betrachtete, war echt. „Na, besser geht es ja fast gar nicht mehr!" Für einen winzigen Moment tauchte Pansys Gesicht in meinen Gedanken auf und ich bildete mir ein, dass sie mich in diesem Augenblick angelächelt hätte.
Hermine atmete hörbar durch und ich schaute sie überrascht an. Sie lächelte und wirkte ehrlich erleichtert. Ich beendete den Diagnosezauber und Nathan begann zu schluchzen, sobald die Lichter verblassten. Aus einem schwachen Moment heraus, beschwor ich den Feuerkäferzauber herauf, mit welchem meine Mutter mich über so manches Wehwehchen hinweggetröstet hatte.
Nathan kreischte vor Vergnügen, als fünf leuchtend bunte Käfer aus meinem Zauberstab schossen und sich sofort daran machten, an ihm hochkrabbeln zu wollen. Jedes Mal, wenn er mit seinen kleinen Händen nach einem der Käfer griff, löste er sich in einen Funkenregen auf und erschien an einer anderen Stelle wieder.
Ich ging zurück zu meinem Schreibtisch. „Er ist kerngesund, besser als ich erwartet hätte.", sagte ich zu Hermine. Erstaunt stellte ich fest, dass die Erleichterung einer tiefen Verwirrung Platz gemacht hatte.
„Hör zu, Malfoy, ich…", begann sie und ich konnte sehen, dass sie mit sich rang. „Es tut mir leid."
„Bitte?", ich verstand wirklich nicht, wofür sie sich entschuldigte.
Sie lächelte zaghaft. „Dass ich dich vorhin gleich so angefahren habe, es tut mir leid, wahrscheinlich war es die Macht der Gewohnheit."
„Vergessen wir das. Jedenfalls braucht ihr euch um Nathan wohl keine Sorgen mehr zu machen, nach alledem, was ich sehen kann, hat der Zauber gewirkt und die letzen Reste des Trankes sind mittlerweile abgebaut. Sofern er nicht noch irgendwelche merkwürdigen Symptome aufweisen sollte, braucht er nicht mehr zu mir zu kommen." Und Merlin allein wusste, wie sehr ich hoffte, dass ich dieses hübsche Kind niemals wieder würde sehen müssen.
„Du kannst gut mit Kindern umgehen.", sagte Hermine. Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte und schwieg. Sie schaute Nathan an, der noch immer mit den Feuerkäfern rang.
„Warum?"
Ich schaute sie verständnislos an. „Was, warum?"
„Warum hast du Harry geholfen… nein warte, lass mich die Frage anders formulieren: Warum hat Harry dich gefragt und woher wusste er, dass du ihm würdest helfen können und dass du es auch tun würdest?"
„Woher soll ich da wissen? Vielleicht solltest du Potter das selbst fragen?", antwortete ich. Eine unbestimmte Nervosität ergriff von mir Besitz, die sich in kaum zu unterdrückende Unruhe erwuchs, je länger Hermine mich mit diesem durchdringenden Blick ansah. Nicht zum ersten Mal hatte ich bei dieser Frau das Gefühl, dass sie durch meine mühsam aufrecht erhaltene Maske von Distanziertheit direkt in mein Innerstes blicken konnte.
„Meinst du wirklich, ich hätte ihn das nicht gefragt?", war ihre seltsame Erwiderung. Ich hob die Schultern und deutete mit einer vagen Kopfbewegung zur Seite an, dass ich wirklich nicht wusste, was sie von mir hören wollte.
Sie seufzte, warf Nathan einen kontrollierenden Blick zu und schien erleichtert, dass er noch immer mit seinen Feuerkäfern beschäftigt war. Dann wandte sie sich mir wieder zu und plötzlich war da eine unbestimmte Ahnung in ihrem Blick, deren Bedeutung ich gar nicht weiter eruieren wollte.
„Weißt du Malfoy… Draco…", sie unterbrach sich und schien auf eine Absolution meinerseits zu warten, dass sie tatsächlich meinen Vornamen gebrauchen dürfte. Ich nickte und sie fuhr fort. „…Harry macht zuviel mit sich selbst aus. Das war schon immer so. Egal, wie sehr wir geredet haben, es gab immer Dinge, die Harry uns verschwieg."
Es überraschte mich das zu hören. Sicherlich hatte ich Harry nie als jemanden eingeschätzt, der sein Herz auf der Zunge trägt - weiß der Himmel nicht! - doch irgendwie war ich stets davon ausgegangen, dass er keine Geheimnisse vor seinen Freunden hatte. Konnte es tatsächlich sein, dass er nicht einmal Hermine und Ron von unserer Nacht im Trophäenzimmer erzählt hatte?
„Und ich müsste mich schon sehr täuschen, wenn der Grund, warum er dich aufgesucht hat, nicht eines seiner wohl gehüteten Geheimnisse ist." Hermine ließ mich nicht aus den Augen. Ich versuchte möglichst unauffällig den Knoten in meiner Kehle hinunterzuwürgen. Noch wusste ich nicht, wie ich Harrys Verhalten einschätzen sollte. Hatte unser Beisammensein ihm so wenig bedeutet, dass er es stets verschwiegen hatte? Oder war es ihm so peinlich, dass er es nicht einmal seinen besten Freunden gestehen konnte? Die dritte Möglichkeit, nämlich die, dass es Harry einfach SO VIEL bedeutet hatte, dass er es mit niemandem außer mir teilen wollte, ignorierte ich geflissentlich.
Aber es war wohl wieder einmal mehr als typisch, dass ich jetzt seine Verschwiegenheit ausbaden musste. Unglaublich, schoss es mir durch den Kopf, ihr bester Freund hat Geheimnisse vor ihr und jetzt fragt sie ausgerechnet MICH um Rat! Was ist mit der Welt passiert??
„Was willst du jetzt von mir hören? Ich weiß nicht, warum er zu mir gekommen ist.", antwortete ich in dem neutralsten Tonfall, den ich angesichts meiner Anspannung zustande brachte. Nun ja, immerhin war das ja die halbe Wahrheit.
„Dann sag mir, warum du ihm geholfen hast."
„Ich bin Arzt, Hermine, ich behandele viele Menschen.", versuchte ich mich mit der Allerweltsausrede aus der Affäre zu ziehen. Ich war jedoch nicht überrascht, dass sie sich damit nicht abspeisen ließ.
„Natürlich. Und weil ihr in Hogwarts ja die besten Freunde wart, hast du dich sofort an die Arbeit gemacht." Hermines Stirn legte sich in Falten. Sarkasmus stand ihr nicht.
„Hör zu, ich weiß wirklich nicht, was genau du hören willst. Harry kam her und bat mich, mir die Werte seines Sohnes anzusehen. Das habe ich getan und den Rest der Geschichte kennst du." Es klopfte bevor Hermine meine Antwort in Frage ziehen konnte und Dora steckte ihren Kopf durch den Türspalt. „Entschuldigen sie die Störung, Doc, aber der hübsche Kerl hier will sich einfach nicht abwimmeln lassen."
Im Stillen versprach ich Dora eine monströse Gehaltserhöhung dafür, dass sie mich in einem Patiententermin störte, was sie normalerweise niemals tun würde und beglückwünschte Roger zu seinem wirklich phantastischen Timing. Ich war gerettet und knapp einer Grangerschen - Verzeihung - Weasleyschen Inquisition entkommen. Mittlerweile bewunderte ich Harry schon dafür, dass er es schaffte überhaupt Geheimnisse vor dieser Frau zu haben. Hermine Weasley auf Nachforschungs-Trip war eine Naturgewalt!
Ich erhob mich. „Schon gut, Dora, schicken sie ihn rein." An Hermine gewandt trat ich um meinen Tisch herum und reichte ihr die Hand. „Verzeih bitte, wenn ich euch beide jetzt hinauskomplimentiere, aber es ist mein letzter Tag hier und ich habe noch jede Menge Papierkram zu erledigen."
Verdattert schüttelte sie mir die Hand und ich fragte mich, warum zum Henker ich ihr das erzählte.
„Hi.", sagte Roger und lächelte mich aus dem Türrahmen her an. Ich winkte ihn herein und kam in den seltenen Genuss eine sprachlose Hermine zu sehen, als Roger mir ohne Umschweife einen Kuss auf die Lippen drückte.
„Hermine, das ist Roger, mein Freund. Roger, das ist… ein alte Schulkameradin." Sie begrüßten einander, doch Hermines Blick lag auf mir, während sie Rogers Hand schüttelte. Ich konnte praktisch sehen, wie es hinter ihrer Stirn arbeitete. Kein gutes Zeichen!
Nathan hatte genug von den Feuerkäfern und begann zu quengeln. Ich beendete den Zauber und überreichte ihm stattdessen einen eilends herbeigezauberten Lutscher, den er mit kugelrunden Augen anstarrte. Hermine machte Anstalten das kleinkindliche Chaos zu beseitigen, aber ich winkte nur ab und verabschiedete sie mit Harrys Sohn.
Nathan war schon hinausgetappt und ich hatte mich Roger halb zugewandt, als Hermine sich noch einmal zu mir herumdrehte. „Wo geht die Reise denn hin, wenn ich fragen darf?"
„Kalifornien.", antwortete Roger und überraschte mich damit.
„Kalifornien? Bist du sicher? Du weißt schon, lauter nackte blonde Kerle auf Surfbrettern…", stichelte ich, doch Rogers Grinsen wurde breiter.
Mein Blick wanderte zurück zu Hermine. Und genau in diesem Moment, als ich wirklich nicht damit rechnete, bewies sie mir wieder einmal, dass sie zu Recht ihren Abschluss als Jahrgangsbeste gemacht hatte. „Ein hübscher weißer Sandstrand ist doch um einiges netter als ein stickiges Trophäenzimmer, nicht wahr, Draco?"
Bevor ich mich gefangen hatte, setzte Roger noch eins drauf: „Ach, Dray, solange da keine schwarzhaarigen heißen Kerle rumlaufen brauche ich mir wegen dir wohl keine Sorgen machen, oder?"
Hermines Gesicht versteinerte sich in der Sekunde, als ihre Ahnung zu Gewissheit wurde und die Gewissheit manifestierte sich in einem zutiefst erschütterten Ausdruck. Zweifellos hatte sie verstanden.
„Wiedersehen, Hermine.", sagte ich gepresst und wandte ihr den Rücken zu. Ich ertrug ihren Blick nicht länger.
Gnädigerweise ging sie tatsächlich, doch ich meinte noch Stunden später die Last ihres düsteren Blickes auf den Schultern zu spüren. Ich ärgerte mich darüber, dass ich ihr erzählt hatte, wohin Roger und ich gingen, denn ich wollte nicht, dass Harry es erfuhr. Obgleich ich mir nicht sicher war, ob ich nicht wollte, dass Harry wusste wohin ich ging, oder vielmehr mit WEM ich ging.
In der folgenden Nacht musste ich mir in einer schwachen Minute eingestehen, dass das Problem nicht wirklich Harry war. Das Problem war ich und meine kindischen Hoffnungen, die einfach nicht verschwinden wollten. Ob ich es zugeben wollte oder nicht, ich hatte mir selbst das Grab zu der nächsten Enttäuschung geschaufelt, denn ich wusste, dass ich auf Harry warten würde, jetzt, da er zweifellos erfuhr, wo ich mich aufhielt. Doch er würde nicht kommen und alles was mir bliebe wäre wieder einmal der Schmerz.
‚Masochist', höhnte das hämische Stimmchen in meinem Kopf und ich unterdrückte ein tiefes Seufzen.
Nach einer halben Stunde, welche wir mit der Planung unserer Abreise verbrachten, musste auch Roger zurück an die Arbeit.
Dora ließ ihn nicht einmal die Tür richtig schließen, bevor sie klopfte und fragte, ob ich kurz Zeit für sie hätte. Natürlich schickte ich sie nicht weg. Durch das ganze Durcheinander mit Harrys Sohn und Rogers unerwartetem Auftauchen hatte ich mein Gespräch mit ihr beinahe vergessen.
Dora warf im Vorbeigehen einen irritierten Blick zu dem unordentlichen Haufen von Plaketten und Urkunden, welche Nathan hinterlassen hatte. Mit einem Schulterzucken tat ich den Haufen als belanglos ab und ließ ihn mit einem Aufräumzauber im Regal verschwinden. Vielleicht würde ich den ganzen Krempel einfach in den Müll werfen, ich wusste ja nicht einmal, was für Plaketten sich dort gerade wieder selbstständig in mein Regal stapelten. Oder ich würde sie meiner Mutter schicken, die ein unheilbares Faible für solch unnützen Tand hegte, denn immerhin stand mein Name auf jeder einzelnen dieser Auszeichnungen.
Ich brachte ein halbes Lächeln zustande und deutete auf den Stuhl, auf dem Roger bis vor wenigen Momenten gesessen hatte. „Setzen sie sich, Dora."
Sie kam meiner Aufforderung nach und obwohl sie versuchte sich nichts anmerken zu lassen, war es nicht zu übersehen, dass sie sich Sorgen machte.
„Was ist passiert, Doc? So aufgeregt hab ich den Thatcher lange nicht mehr gesehen.", erkundigte Dora sich. Sie klang besorgt und irgendwie - zurückhaltend.
Ich beschloss es kurz und schmerzlos zu machen. Naja, fast jedenfalls. „Ich habe gekündigt.", antwortete ich.
Für einen Moment schloss Dora die Augen, bevor sie durchatmete und meinen Blick fest erwiderte. „Dann hat der alte Kauz es mit meiner Kündigung tatsächlich ernst gemeint.", sagte sie. Es war keine Frage, es war eine Feststellung und ich bewunderte sie einmal mehr für ihre Stärke. Ich wusste, dass sie auf den Job in der Klinik angewiesen war und konnte nur ahnen, was es für sie bedeuten würde ihn zu verlieren. Ich war nie in der Position gewesen mir Sorgen um Geld machen zu müssen. Was Dora jedoch noch nicht wissen konnte, war, dass sie es auch nicht musste.
„Ja, das hat er wohl."
„Nett von ihnen, Doc, dass sie es mir zuerst gesagt haben.", stichelte sie und lächelte mich mit einem warmen Lächeln an, welches ihre Worte Lügen straften.
„Ach, ich wollte Thatcher den Spaß nicht verderben. Aber sagen sie, Dora, ich hab gehört, sie sind verfügbar?" Ich erwiderte ihr Lächeln aus tiefstem Herzen.
„Warum, haben sie ein Angebot für mich?", fragte Dora während ihr Lächeln sich vertiefte. Sie lehnte sich zurück und ich konnte sehen, wie all ihre Anspannung von ihr abfiel. Wenigstens bei diesem einen Menschen, den ich wirklich in mein Herz geschlossen hatte, hatte ich alles richtig gemacht.
„Ja, ein Freund von mir braucht eine Sekretärin. Er bezahlt sehr gut, hab ich gehört und würde ihnen gerne eine Stelle anbieten."
„Hmmm, wie ist er denn so als Chef, ihr Freund?", erkundigte Dora sich scheinbar ernsthaft in Gedanken versunken.
„Ach, eigentlich ganz umgänglich, von gelegentlichen Ausnahmen einmal abgesehen…"
„Lassen sie mich raten, Doc, er arbeitet zuviel, trinkt zuviel Kaffee und ist meisterhaft in jeglicher Art von Selbstverleugnung wenn es um sein Privatleben geht?" Sie bedachte mich mit ihrem ganz besonderen mütterlich-liebevollen Blick und so konnte ich ihr die Spitze bezüglich meines Privatlebens nicht verübeln.
„So etwas in dieser Art. Hätten sie Interesse?"
„Sicher, mit solch schwierigen Persönlichkeiten habe ich jahrelange Erfahrung. Ab wann und wo?"
„Sagen wir ab sofort und Kalifornien."
Dora sah mich lange an, eine leise Besorgnis lag in ihren dunklen Augen, doch das Lächeln blieb. Schließlich streckte sie mir ihre große Hand entgegen, die ich ohne zu Zögern ergriff. „Sagen wir in einer Woche, Doc, ich brauche Urlaub!"
Tbc…
Read and Review, please.
Coming up next: Sturmböen
