8. Albus Rat

Severus war für eine kurze Weile erstarrt. Doch er fing sich schnell. Er hatte in seinem Leben zuviel Grauen gesehen, um sich von so etwas aus der Fassung bringen zu lassen.

,Der Unterricht – ist beendet!" rief er. Sein Blick schweifte auffordernd über seine Schülerschar.

Die Erstarrung wich nur langsam aus den Anwesenden. Mit einem leisen anschwellenden Murmeln und nicht ohne ein letztes Mal auf den bewusstlosen Körper der Streberin zu werfen, verließen sie das Klassenzimmer.

Ron und Harry waren zu ihrer Freundin geeilt und knieten nun neben ihr. Ron schlug ihr vorsichtig gegen die Wange. ,Hermine! Was bei Merlins langen Bart machst du denn?" murmelte er fassungslos. ,Wach auf!"

Hermine rührte sich nicht.

,Wir müssen sie schnell zu Madame Pomfrey bringen!"

,Ganz recht, Mr. Potter." erwiderte Severus. ,Sie werden sich darum kümmern, während ich Dumbledore aufsuche, um ihm von diesem für Miss Granger nicht sehr ERFREULICHEN Vorfall zu berichten. Es sieht wohl so aus, als wird in den nächsten Wochen noch jemand ihr Schicksal teilen. Filch wird ein Auge auf sie haben, da bin ich mir sicher."

Mit diesen Worten ging Severus davon, um sich auf den Weg in Dumbeldores Büro zu machen. Es grauste ihm jetzt schon vor den lästigen Fragen, die ein solcher Vorfall nach sich zog. Auch ihn würde man damit nicht in Ruhe lassen, da es in seinem Unterricht geschehen war. Aber wenigstens hatte er die Genugtuung, dass Granger noch mehr leiden würde als er.

Er beschleunigte seinen Schritt. Je eher der Schulleiter davon wusste, desto besser. Obwohl Severus sich eingestehen musste, dass er es vorgezogen hätte, den todkranken Mann nicht solchen Lächerlichkeiten zu belästigen. Es gab weitaus wichtigere Dinge, die Dumbledore zur Zeit beschäftigten. Dinge von sehr großer Wichtigkeit!

Ihr Blick.

Es war nicht das kleine vor Funken sprühende Duell, das Granger vom Zaun gebrochen hatte, es war ihr Blick gewesen, der ihn aus der Fassung gebracht hatte.

Dieser Blick hatte etwas verklärtes gehabt, etwas tranceartiges. In der Tat. Sie hatte gewirkt, als hätte ein imperius auf ihr gelegen.

Der Fall musste untersucht werden. Gerade jetzt, wo Dumbledore die Sicherheitsvorkehrungen aus Sorge um die Schüler Hogwarts enorm verschärft hatte, würde der Schulleiter darauf bestehen, dass Hermine Granger auf die Einwirkung eines dunklen Fluchs untersucht würde. Severus wusste jetzt schon auf wen diese Arbeit zurückfallen würde. Seine Kenntnisse der dunklen Magie prädestinierten ihn gerade zu dafür.

Er hätte gerne geseufzt.

Was für eine Furie diese Granger gewesen war. Es würde ganz sicherlich eine Menge Arbeit auf ihn warten.

,Säuredrops." knurrte er dem Wasserspeier entgegen. Es tat sich nichts ,Plumpudding!" spie er aus. Wie sehr er dieses süße glibberige Zeig hasste! Endlich öffnete sich der Eingang.

Das war typisch Albus. Kaum näherte sich die Weihnachtszeit, brauchte es keinen großen Verstand, um das Passwort heraus zu finden. Nächste Woche wäre es vermutlich ,Zimtplätzchen.

Er schritt hastig , noch von der Erregung der vergangen Minuten gepackt die Treppe hinauf. Als er das Büro des Schulleiters betrat, schenkte dieser ihm einen überraschten Blick.

,Severus? Solltest du nicht Unterricht geben?"

Albus griff zu seiner Tasse heißen, dampfenden Tees, die vor ihm auf dem Schreibtisch stand und nahm einen Schluck.

,Ja, in der Tat. Aber ich dachte du solltest von dem Vorfall erfahren, der sich in meinem Unterricht ereignet hat."

Albus strahlendblauer Blick sah ihm fragend entgegen. ,Was ist geschehen?"

,Ich wurde tätlich von einem Schüler angegriffen, Albus!" knurrte Severus und verschränkte dabei die Arme. Albus kannte diese Geste. Diese Geste erzählte davon, dass der dunkelgewandete, hagere Mann wütend war.

,Wer war es? Doch nicht Harry?"

,Nein, Albus. Es war die sittsame Streberin. Hermine Granger! Sie ist ausgerastet und hat einen Zauber nach dem anderen auf mich losgelassen. Wenn du mich fragst hat sie nichts anderes als einen Schulverweis verdient!"

,Hermine Granger. Merkwürdig. Ich habe sie immer für sehr gewissenhaft gehalten. Was ist geschehen?"

,Ich weiß es nicht, Albus."

,Wirklich nicht?"

,Wenn ich es dir sage!"

,Nun, dann bitte ich dich sie zu mir zu bringen. Ich würde gerne mir ihr reden!"

Severus trat einen Schritt vor und ließ dabei seine Arme sinken. ,Potter und Weasley bringen sie in den Krankenflügel. Sie ist zusammengebrochen."

,Zusammengebrochen?"

,Sie ist ohnmächtig zu Boden gefallen, Albus. Einfach so. Du siehst, du musst dich noch etwas gedulden, bevor du deine Befragung durchführen kannst!"

,Das ist merkwürdig, Severus!"

Albus stellte seine Tasse auf den Tisch zurück und besah den Syltherinhauslehrer eindringlich. ,Ich fürchte, du musst mir bei der Befragung helfen. Denn ich fühle, dass ich nicht mehr die Kraft dazu habe und außerdem bist du der Experte, was dunkle Flüche angeht."

,Ja, Albus." gab Severus widerwillig von sich. Er hatte dem alten Mann noch nie etwas abschlagen können. Nicht einmal den Okklumentikunterricht für Potter. Und dieser war beileibe kein Spaß gewesen. Aber er wusste auch, dass Albus flunkerte, denn immerhin, hatte er genug Kraft um auf Horkruxsuche zu gehen.

,Und bitte sag Minerva bescheid. Damit sie nach Hermine Granger sieht. Ich will wissen, wie schlimm es mit ihr steht."

,Ich hoffe, dass deine Strafe nicht zu milde ausfallen wird." schnarrte die Stimme des dunklen hageren Manns durch den von Herbstlicht gefluteten Raum.

Albus erhob sich und schritt zum Fenster. Er ließ seinen Blick über die Zinnen und Türme des Schlosses und die bunten Baumwipfel in der Ferne gleiten. Severus war es als könne er den Todgeweihten am Fenster kaum anblicken. Es war jetzt fast ein Monat seit ihrem gegenseitigen Einverständnis vergangen und immer noch fand er des Nachts kaum Schlaf.

,Nein, Severus , sie wird ihre Strafe erhalten. Aber ich kann erst über das Strafmaß entscheiden, wenn ich mit ihr geredet und begriffen habe, warum sie einen Lehrer angegriffen hat. Ich kenne sie nur als sehr respektvolle Person, die so etwas niemals getan hätte."

,Vielleicht hat dich deine Menschenkenntnis diesmal im Stich gelassen!" kam es zurück.

,Severus, ich kenne dich gut genug, um zu wissen, dass der Unterricht für Miss Granger bei dir kein Zuckerschlecken ist."

,Schon gut, Albus. Ich habe verstanden. Wenn du vorhast, dich über meine Qualitäten als Lehrer aus zu lassen, dann gehe ich jetzt besser." Severus wollte seinen Worten Taten folgen lassen, als der Schulleiter ihn aufhielt.

,Severus!"

Der dunkelhaarige, hagere Mann drehte sich zu ihm herum.

,Ich halte dich für einen sehr guten Lehrer."

Severus konnte darauf nichts erwidern, nicht nur weil ihm Komplimente fremd waren, sondern weil es das erste Mal war, dass Albus ihm ein solches gemacht hatte. Lediglich in seinen Augen blitzte kurz die Überraschung auf.

,Und?"

,Nichts und. Du bist ein guter Lehrer. Du führst eine strenge Hand, aber das hat noch keinem Schüler das Leben gekostet."

,Ich muss gehen, Albus. Es warten mehr als zwanzig Aufsätze darauf, von mir gelesen zu werden!"

Severus wollte zur Tür gehen, doch es war wieder Albus Stimme, die ihn aufhielt.

,Kommt es dir nicht manchmal in denn Sinn, dein Temperament ein wenig zu zügeln?"

Wieder musste der dunkelgewandete, hagere Mann innehalten.

,Spar dir deine Worte, Albus!" schnarrte es zurück. Severus wandte dem Schulleiter sein Gesicht, über das sich unverhohlener Missmut geschlichen hatte.

,Ich weiß sehr wohl wie ich meinen Schülern um zu gehen habe! Sollen sie ein wenig zittern. Sollen sie mich hassen. Dann sind sie wenigstens ruhig."

,Ich habe auch einst unterrichtet. Deine Schüler sind nicht nur Köpfe in die du Wissen stopfst. Du kannst auch mit ihnen reden!"

,Mein Unterricht ist kein Teekränzchen, Albus. Und daran wird sich auch nichts ändern."

,Dann haben wir wenigstens etwas gemeinsam."

Ein fragender, dunkler Blick. Albus drehte sich vom Fenster weg und ging zu seinem Phönix, dem er zärtlich über das Federkleid strich. ,Auch ich war in deinem Alter ein Sturkopf und Hitzkopf zugleich. Es hat fast fünfzig Jahre gebraucht, bis ich weitsichtiger wurde. Ich rate dir, nicht all zu lang damit zu warten."

Severus drehte sein Gesicht weg. Er wütend hierher gekommen, in der Aussicht, etwas gegen Grangers Penetranz ausrichten zu können und nun musste er sich solche Worte anhören.

,Minerva wartet." erwiderte er rau. ,Wir sehen uns heute Abend. Streng dich nicht zu sehr an, dann schlägt die Behandlung besser an."

Mit diesen Worten machte der dunkelgewandete, verwirrte Mann sich davon, noch immer die Erregung seiner Begegnung mit Grangers Wut in den Knochen, wohl wissend, dass er daran schuld gewesen war.